Bekannt ist Colleen Hoover für ihre erfolgreichen Young/New Adult-Liebesromane, von denen inzwischen auch drei fürs Kino verfilmt wurden.
„Verity – Dunkle Geheimnisse“ ist ihr erster Thriller. Ein Kollege, der den Roman gelesen hatte, verriet mir nach der Pressevorführung, dass der Roman sehr frei verfilmt wurde. Die Vorlage gefiel ihm besser.
Hoover, die zu den Produzenten des Films gehört, meint: „It’s still a great reflection of the book.“
Im Film wird die nicht so wahnsinnig erfolgreiche Thrillerautorin Lowen Ashleigh (Dakota Johnson) engagiert, der Thriller-Königin Verity Crawford (Anne Hathaway) bei ihrem neuen Buch zu helfen. Verity schreibt sehr erfolgreiche und sehr brutale Thriller, in denen sie sich in die Psyche des Täter hineinversetzt.
Als Lowen bei den Crawfords ankommt, erfährt sie, dass sie Verity nicht beim Schreiben des Buches helfen soll. Sie soll das Buch und die nächsten Bücher ganz allein schreiben. Denn Verity liegt schon einige Zeit vollständig gelähmt im Bett. Wie sie in diesen Zustand kam, wird erst viel später im Film verraten. Warum Veritys Verlag und auch sonst niemand etwas davon weiß, erfahren wir nie.
„Verity – Dunkle Geheimnisse“ ist ein 08/15-Lady-Thriller, der sich banal, jedes Klischee mitnehmend, überraschungsfrei bis zum ebenso überraschungsfreien Ende bewegt. Jeder Satz, jeder Dialog, jede Szene, jede Entwicklung kommt aus dem Klischeebaukasten. Gleiches gilt für die Figuren. Und wer nach Logiklöchern und Unplausibilitäten sucht, wird einen Großkampftag erleben.
Garniert wird die banale Thrillergeschichte, genrekonform und erwartungsgemäß, mit einer Liebesgeschichte. Denn selbstverständlich verlieben sich die Ghostwriterin Lowen und Veritys überaus liebevoller, treusorgender, verständnisvoller und gut aussehender Ehemann und Vater Jeremy (Josh Hartnett) ineinander.
Das ist alles so vorhersehbar und so wirklichkeitsfern, dass es nie spannend wird. Es wird noch nicht einmal interessant. Immerhin ist dieser Romantic-Thriller professionell inszeniert mit guten, aber sträflich unterforderten Schauspielern in nobler Ambiente mit Wald- und Seeblick.
Während des gesamten Films fragte ich mich, was Donald E. Westlake (der Autor der Vorlage für „No other choice“) daraus gemacht hätte. Und schon hatte ich Ideen für mindestens ein Dutzend bessere Filme. Was wäre, wenn…
Verity – Dunkle Geheimnisse(Verity, USA 2026)
Regie: Michael Showalter
Drehbuch: Nick Antosca
LV: Colleen Hoover: Verity, 2018 (Verity)
mit Anne Hathaway, Dakota Johnson, Josh Hartnett, Ismael Cruz Cordova, Brady Wagner
mit Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., Florence Pugh, Josh Hartnett, Kenneth Branagh, Benny Safdie, Dylan Arnold, Gustaf Skarsgård, David Krumholtz, Matthew Modine, David Dastmalchian, Tom Conti, Casey Affleck, Rami Malek, Jason Clarke, Alden Ehrenreich, Dane DeHaan, Gary Oldman, James Remar, James D’Arcy, Matthias Schweighöfer
Ein verfilmter Wikipedia-Artikel – ein gern benutzter Vorwurf gegen Biopics die das Leben der porträtierten Person chronologisch, detailversessen und langweilig abhandeln – ist Christopher Nolans „Oppenheimer“ nicht. Ein guter Film ist das dreistündige Werk auch nicht.
Er erzählt, weitgehend chronologisch und mit vielen Stars (dazu später mehr) einige wichtige Momente aus dem Leben von J. Robert Oppenheimer, dem „Vater der Atombombe“. Cillian Murphy spielt ihn als hageren Kettenraucher. Es geht um seine Jahre als Leiter des Manhattan-Projekts während des Zweiten Weltkriegs. In Los Alamos, New Mexico, leitete er die Forschungen und Entwicklung der Atombombe. Es geht um die Sicherheitsanhörung, in der 1954 über seine Sicherheitsfreigabe, die ihm die Arbeit an geheimen Rüstungsprojekten ermöglicht, verhandelt wurde. Auch seine Zeit als Student und aufstrebender Wissenschaftler werden kurz beleuchtet. Nolan springt dabei, ohne die Zuschauer zu überfordern, in der Chronologie, zwischen Farbe und Schwarz-Weiß und zwischen Oppenheimers Berufs- und Privatleben hin und her. Auf Jahreszahlen und Ortsangaben verzichtet er, aber Oppenheimers Frisur gibt jederzeit deutliche Hinweise auf die Zeit.
Bis auf wenige Momente, in denen Nolan in Oppenheimers Kopf eintaucht, ist das Biopic ein normales Biopic mit sprechenden Männern und noch mehr sprechenden Männern, die anscheinend auf ihren Stühlen festgewachsen sind, und einigen prächtigen Landschaftsaufnahmen von New Mexico mit reitenden Menschen und fotogenen Sonnenauf- und -untergängen. Irgendwann sind die Forscher im Manhattan-Projekt, die wir eigentlich nie bei der Arbeit sehen, soweit, dass sie den Trinity-Test durchführen können. Diese erste Explosion einer Atombombe wurde schon vorher eifrig beworben. Nolan verzichtete auf computergenerierte Bilder. Also musste es eine echte Explosion geben, die im Film, nun, ziemlich wie eine normale Explosion aussieht. Nur, insgesamt, auch durch die Inszenierung, etwas imposanter.
Um die Bilder und die Kameraarbeit wurde vorher ebenfalls ein großes Bohei gemacht. Nolan und sein Kameramann Hoyte van Hoytema (u. a. die Nolan-Filme „Interstellar“, „Dunkirk“ und „Tenet“) drehten mit Großformatkameras und immer mit einer IMAX-Auswertung im Blick. Für die Schwarz-Weiß-Szenen entwickelte Kodak spezielles Filmmaterial. Das sind technische Aspekte, die mit der Qualität des Films letztendlich nichts zu haben.
Bei den Figuren wollte Nolan keine Filmfiguren erfinden, die aus mehreren realen Personen zusammengefügt sind. Dieser Verzicht auf Composite Characters führt dazu, dass er viele, sehr viele Schauspieler für teils nur sehr kurze Auftritte von ein, zwei Szenen engagieren musste. Er besetzte diese teils immer noch sehr bekannten Menschen, wie Niels Bohr und Werner Heisenberg, mit bekannten Schauspielern, die auch in sehr kurzen Auftritten von oft nur ein, zwei Szenen einen bleibenden Eindruck hinterlassen können. Und niemand würde Matt Damon mit Robert Downey Jr. (schwer erkennbar als Lewis Strauss) mit Kenneth Branagh mit Casey Affleck oder mit Matthias Schweighöfer (der in der Originalfassung etwas deutsch reden darf) verwechseln. Das erleichtert etwas die Orientierung im Wust der Kurzauftritte und auch das spätere Gespräch darüber.
Ein großer Teil des Films, mindestens ein Drittel, wahrscheinlich sogar viel mehr Filmzeit, beschäftigt sich mit zwei Anhörungen, die in den Fünfzigern stattfanden. Die eine ist die Sicherheitsanhörung von J. Robert Oppenheimer. In ihr wird 1954 über die Bestätigung seiner Sicherheitsgarantie verhandelt. Es ist, in einem anonymen, winzigem Besprechungszimmer, ein Schauprozess der übelsten Sorte. Ohne Publikum und ohne die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Die andere Anhörung ist 1959 die von Lewis Strauss vor dem US-Senat. Er soll als Handelsminister bestätigt werden. In diesem Teil des Films geht es dann tief in die Hinterzimmer von Washington und die US-amerikanische Paranoia vor dem Kommunismus, die damals zum McCarthyismus führte. In langen Befragungen wird sich auf Details aus Oppenheimers Vergangenheit konzentriert, die ihn als einen Kommunisten überführen sollen. Wann er mal für eine gute Sache Geld spendete oder mit wem er sich irgendwann vor Jahren mal traf.
Nolan inszeniert diesen Reigen sprechender Köpfe, über die wir oft nichts wissen, als eine endlose Abfolge starrer Kameraeinstellungen, die mehr an einen durchschnittlichen TV-Gerichtsfilm als an einen großen Kinofilm erinnert. Wobei sogar jede Gerichtsszene in „Law & Order“ dynamischer inszeniert ist.
Er verzichtet auch auf eine Voice-Over-Kommentar, der Informationen, Hintergründe und Zusammenhänge vermitteln und Lücken der Erzählung ausfüllen könnte. Das muss dann der Wikipedia-Artikel erledigen.
Ärgerlich ist bei einem Film wie „Oppenheimer“, bei dem die Dialoge wichtig sind, Nolans Marotte, die Dialoge bis zur Unverständlichkeit in den restlichen Sound zu mischen. Da wären, wie bei seinem vorherigen Film „Tenet“, Untertitel hilfreich gewesen.
Alles das könnte verziehen werden, wenn Nolan sein Material im Griff hätte. Aber er reiht nur Episoden und Details aus Oppenheimers Leben aneinander. Am Anfang assoziativ und immer wieder in Oppenheimers Kopf, später weitgehend chronologisch und objektiv. Nolan lässt beim Erzählen von Oppeneimer Leben große Lücken. Die größte ist die zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den Jahren danach, in der Oppenheimer die Entwicklung der Wasserstoffbombe ablehnte. Er zerstritt sich darüber mit Lewis Strauss, dem damaligen Vorsitzenden der Atomenergiebehörde (Atomic Energy Commission, AEC). Strauss diffamierte ihn als möglichen sowjetischen Spion. Das führte zu der von Nolan in epischer Breite gezeigten Sicherheitsanhörung. Interessanter wäre es gewesen, wenn Nolan eben die Geschichte des Konflikts zwischen Oppenheimer und Strauss gezeigt hätte. Er zeigt nur einen kleinen, für sich genommen und ohne Hintergrundwissen kaum verständlichen Ausschnitt.
Die Frauen in Oppenheimers Leben bleiben schmückendes Beiwerk. Sein familiärer Hintergrund, Kindheit und Jugend werden ignoriert. Das wäre kein Problem, wenn Nolan aus Oppenheimers Leben einen wichtigen Abschnitt oder eine wichtige Entwicklung vollständig und nachvollziehbar erzählt hätte. So finden die wichtigsten Entwicklungen immer zwischen den Bildern statt.
„Oppenheimer“ ist Christopher Nolans schwächster Film. Nolans Drei-Stunden-Epos wirkt wie eine lieblos auf Spielfilmlänge zusammengeschnittene durchschnittliche TV-Serie.
Oppenheimer(Oppenheimer, USA 2023)
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
LV: Kai Bird/Martin J. Sherwin: American Prometheus: The Triumph and Tragedy of J. Robert Oppenheimer, 2005 (J. Robert Oppenheimer – Die Biographie)
mit Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., Florence Pugh, Josh Hartnett, Kenneth Branagh, Benny Safdie, Dylan Arnold, Gustaf Skarsgård, David Krumholtz, Matthew Modine, David Dastmalchian, Tom Conti, Casey Affleck, Rami Malek, Jason Clarke, Alden Ehrenreich, Dane DeHaan, Gary Oldman, James Remar, James D’Arcy, Matthias Schweighöfer (da könnte man ein Trinkspiel machen)
Länge: 181 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (in den USA gab’s wegen nackter Tatsachen ein R-Rating. Die sind halt arg prüde.)
Orson Fortune (Jason Statham) ist der beste Geheimagent seiner Majestät, wobei er genaugenommen freiberuflich tätig ist. Seine Einsätze sind aus verschiedenen Gründen – einer ist sein exzessiver Konsum hochpreisiger Weine – sehr kostspielig. Außerdem hat er, im Gegensatz zu James Bond, mit einigen Phobien zu kämpfen. Flugangst ist eine.
Als aus einer geheimen, hoch gesicherten Versuchsanlage mit brutaler Gewalt eine unbekannte Gruppe eine sehr wertvolle „Waffe“ klaut, die im Film nur den Codenamen „Handle“ hat und früher MacGuffin hieß, beauftragt Fortunes Chef den besten Agenten, den es gibt, mit der Suche nach der Waffe.
Fortune stellt ein Team von Spezialisten zusammen und er hat einen Plan. Über den reichen, skrupellosen und gut vernetzten Waffenhändler Greg Simmonds (Hugh Grant) wollen sie an die gestohlenen Gegenstände kommen und gleichzeitig herausfinden, wer sie gestohlen hat. Denn Simmonds, so haben sie erfahren, will das Handle kaufen.
Um an den Waffenhändler heranzukommen, erpressen sie den Hollywood-Stars Danny Francesco (Josh Hartnett). Denn Simmonds ist ein großer Fan des Schauspielers.
Die erste Kontaktaufnahme soll während einer Party auf Simmonds‘ riesiger Yacht stattfinden.
Nachdem Guy Ritchies vorheriger Film „Cash Truck“ (Wrath of Man, 2021) ein eiskalter, absolut humorfreier Noir-Gangsterfilm war, ist „Operation Fortune“ wieder in Ritchies bekannter Wohlfühlzone, in der er Action mit eher rüdem Humor mixt. Dieses Mal, wie bei seinem vorherigem Agentenfilm „Codename U. N. C. L. E.“ (The Man from U.N.C.L.E., 2015), der ein durchaus charmantes Retro-Fest für die gleichnamige Sechziger-Jahre-Agentenserie und den damaligen Agentenfilm (ich sage nur James Bond) ist, ist „Operation Fortune“ so etwas wie ein in die Gegenwart verlegtes Update des Sechziger-Jahre-Agentenfilms. Denn natürlich ist der globetrottende Orson Fortune ein geistiger Bruder von James Bond. Nur dass Fortune einige Phobien hat und im Team arbeitet.
Allerdings ist „Operation Fortune“ kein gelungenes Update. Zu viel ist bereits aus anderen Filmen bekannt. In der Melissa-McCarthy-Komödie „Spy – Susan Cooper Undercover“ (Spy, 2015) spielte Jason Statham bereits – gelungener – eine ähnlich Figur wie Orson Fortune. Die Idee, dass die Gesetzeshüter mit der Hilfe eines Hollywood-Stars einen Waffenhändler überführen wollen, wurde vor wenigen Monaten mit Nicolas Cage als Nicolas Cage in „Massive Talent“ (The Unbearable Weight of Massive Talent, 2022) durchgespielt. Ebenfalls besser. Und die James-Bond-Filme, vor allem die aus der Prä-Daniel-Craig-Ära, parodieren sich mehr oder weniger selbst. Deshalb ist es so schwer, eine gelungene Parodie auf James Bond zu inszenieren.
Aber dieses Mal findet Guy Ritchie niemals den richtigen Ton und Rhythmus. Stattdessen setzt die in einem monotonem Stakkato geschnittene Agentenfilmparodie sich unglücklich zwischen die Stühle. Für eine Komödie ist „Operation Fortune“ nicht witzig genug. Für einen Actionfilm gibt es zu wenig Action. Vor allem zu wenig gut gemachte und interessante Action. Für einen Agentenfilm ist die mit den sattsam bekannten Klischees erzählte Stoy zu banal. Auch für einen pulpigen, sich in James-Bond-Gefilden bewegenden Agentenfilm. Es vergeht nämlich viel Zeit, bis das Team sich zusammengefunden hat, bis der Hollywood-Star überzeugt ist und alle Spieler sich erstmals auf dem Schiff des Bösewichts treffen. Dort geht es dann eher überraschungsfrei mit vielen Faustkämpfen weiter.
Für die gesamte Familie ist der Film deswegen zu brutal. Für einen Guy-Ritchie-Film ist er allerdings zu brav geraten.
Am Ende des Spionageabenteuers ist immer noch unklar, ob Fortune eine Parodie auf globetrottende, eskapistischen Agentenfilme mit mühelos die Welt rettenden Geheimagenten oder ein ernst gemeintes Update dieser Agententhriller für die Gegenwart sein soll.
Operation Fortune (Operation Fortune: Ruse de guerre, USA 2022)
Regie: Guy Ritchie
Drehbuch: Ivan Atkinson, Marn Davies, Guy Ritchie
mit Jason Statham, Aubrey Plaza, Cary Elwes, Hugh Grant, Josh Hartnett, Bugzy Malone, Eddie Marsan
„A Film by Guy Ritchie“ heißt es am Anfang des Films. Zutreffender wäre: „ein Film von Guy Ritchie, der nichts von einem Guy-Ritchie-Film hat“. Denn bekannt ist er für seinen Humor und seine Actionszenen. Action gibt es auch in „Cash Truck“. Aber nicht von der artistischen Sorte, sondern von der Sorte, in dem zwei Züge ineinanderkrachen. Masse trifft auf Masse. Und zu Lachen gibt es auch nichts.
Erzählt wird die Geschichte eines Rachefeldzugs, bei dem der Rächer keine Gefangenen macht. Jason Statham spielt ihn konsequent unterkühlt emotionslos. Als Patrick Hill, „H“ genannt, heuert er in einer Sicherheitsfirma an. Diese Firma befördert in gut gepanzerten Transporten täglich mehrere Millionen Dollar durch Los Angeles und wird dabei ab und zu überfallen. Bei einem dieser Überfälle – das erfahren wir erst später – starb Hs Sohn. Er wurde schwer verletzt. Jetzt will er, nachdem seine bisherigen Versuche, die Täter unter den üblichen Verdächtigen zu finden, nur zu einem Berg Leichen führten, mit einer falschen Identität, in der Geldtransporterfirma den Mann entdecken, der mit den Dieben zusammenarbeitet.
Ungewöhnlich wird diese Rachegeschichte durch ihren Aufbau und die damit verbundenen Zeitsprünge, die konsequent durchgehalten werden. Im zweiten Kapitel erfahren wir mehr über H, im dritten über die Diebe, und im vierten treffen sie auf dem gut gesichertem Firmengeländer der Geldtransporterfirma aufeinander. Von dort wollen sie die immensen Geldmengen, die an einem Black Fridays zusammenkommen, stehlen. Sie betreten das Firmengelände in dem sicheren Wissen, dass einige von ihnen und eigentlich alle Firmenmitarbeiter sterben werden. Nicht gerechnet haben sie mit dem unkaputtbaren H.
Dieser Aufbau erinnert Krimifans an die grandiosen Parker-Krimis von Richard Stark (aka Donald E. Westlake). Parker ist ein eiskalter Profidieb, der keine menschlichen Bindungen hat (in den späteren Romanen änderte sich das etwas) und der nach einem reinem utilitaristischem Kosten-Nutzen-Kalkül agiert. Deshalb wäre ihm auch nie das passiert was ‚Patrick Hill‘ passiert: heiraten, einen Sohn bekommen (gut, das kann auch ohne Heirat passieren), sich um ihn kümmern und tiefere Gefühle für ihn entwickeln. Nein, das wäre Parker niemals passiert.
Seine Arbeit erledigt H dann genauso, genaugenommen noch emotionsloser als Parker. Schließlich geht es hier nicht um etwas Geld (wie in der klassischen Parker-Verfilmung „Point Blank“ bzw. der Vorlage „The Hunter“ [Jetzt sind wir quitt/Payback/The Hunter]), sondern um den sinnlosen und überflüssigen Tod eines Jugendlichen. Hs leichengesättigter und äußerst blutiger Feldzug ist dann kein Selbstjustiztrip, sondern ein von der Polizei wohlwollend beobachtetes Begleichen einer offenen Rechnung. Wie Mike Hammer in Mickey Spillanes „Ich, der Rächer“ (I, the Jury) ist er gleichzeitig Jäger, Richter und Vollstrecker.
Stilistisch orientiert Guy Ritchie sich in seinem Thriller am düsteren Siebziger-Jahre-Thriller und, ja, auch an John Boormans „Point Blank“.
„Cash Truck“ ist ein konsequent düsterer Thriller, ohne irgendeinen Sympathieträger, ein Abstieg in die Hölle, in der es nichts mehr gibt. Noch nicht einmal Verzweiflung.
Die Inspiration für Ritchies Gangsterfilm war der französische Thriller „Cash Truck“ (Le convoyeur, 2004).
Das Bonusmaterial, ein viereinhalbminütiges Making-of, ist vernachlässigbar. Inzwischen scheint die Zeit vorbei zu sein, in der bei neuen Filmen für die DVD/Blu-ray-Veröffentlichung Bonusmaterial in einem nennenswertem Umfang produziert wird. Das war, zugegeben, oft rein werblich und mäßig interessant, aber es gab manchmal auch wertvolle Einblicke in bestimmte Aspekte der Geschichte und der Produktion.
Cash Truck (Wrath of Man, USA 2021)
Regie: Guy Ritchie
Drehbuch: Guy Ritchie, Ivan Atkinson, Marn Davies (basierend auf „Le Convoyeur“ von Nicolas Boukhrief und Éric Besnard)
mit Jason Statham, Holt McCallany, Josh Hartnett, Jeffrey Donovan, Scott Eastwood, Andy Garcia, Laz Alonso, Niamh Algar, Eddie Marsan, Rocci Williams, Deobia Oparei, Raúl Castillo, Chris Reilly, Mark Arnold, Gerald Tyler, Darrell D’Silva
Die schwarze Dahlie (USA 2006, Regie: Brian de Palma)
Drehbuch: Josh Friedman
LV: James Ellroy: The Black Dahlia, 1987 (Die Schwarze Dahlie)
Hollywood, 1947: Zwei Polizisten versuchen herauszufinden, warum das Starlet Elizabeth Short, die titelgebende schwarze Dahlie, ermordet wurde. Sie stolpern in das typische Ellroy-Gestrüpp aus Mord, Verrat, Sex, Gier, Geld und Gewalt.
Machen wir’s kurz: langatmiges, vollkommen gescheitertes Ausstattungskino. Schade um das Geld.
Mit Josh Hartnett, Aaron, Eckhart, Scarlett Johansson, Hilary Swank, Mia Kirshner, Gregg Henry