DVD-Kritik: Guy Ritchie und Jason Statham steuern einen „Cash Truck“

November 17, 2021

A Film by Guy Ritchie“ heißt es am Anfang des Films. Zutreffender wäre: „ein Film von Guy Ritchie, der nichts von einem Guy-Ritchie-Film hat“. Denn bekannt ist er für seinen Humor und seine Actionszenen. Action gibt es auch in „Cash Truck“. Aber nicht von der artistischen Sorte, sondern von der Sorte, in dem zwei Züge ineinanderkrachen. Masse trifft auf Masse. Und zu Lachen gibt es auch nichts.

Erzählt wird die Geschichte eines Rachefeldzugs, bei dem der Rächer keine Gefangenen macht. Jason Statham spielt ihn konsequent unterkühlt emotionslos. Als Patrick Hill, „H“ genannt, heuert er in einer Sicherheitsfirma an. Diese Firma befördert in gut gepanzerten Transporten täglich mehrere Millionen Dollar durch Los Angeles und wird dabei ab und zu überfallen. Bei einem dieser Überfälle – das erfahren wir erst später – starb Hs Sohn. Er wurde schwer verletzt. Jetzt will er, nachdem seine bisherigen Versuche, die Täter unter den üblichen Verdächtigen zu finden, nur zu einem Berg Leichen führten, mit einer falschen Identität, in der Geldtransporterfirma den Mann entdecken, der mit den Dieben zusammenarbeitet.

Ungewöhnlich wird diese Rachegeschichte durch ihren Aufbau und die damit verbundenen Zeitsprünge, die konsequent durchgehalten werden. Im zweiten Kapitel erfahren wir mehr über H, im dritten über die Diebe, und im vierten treffen sie auf dem gut gesichertem Firmengeländer der Geldtransporterfirma aufeinander. Von dort wollen sie die immensen Geldmengen, die an einem Black Fridays zusammenkommen, stehlen. Sie betreten das Firmengelände in dem sicheren Wissen, dass einige von ihnen und eigentlich alle Firmenmitarbeiter sterben werden. Nicht gerechnet haben sie mit dem unkaputtbaren H.

Dieser Aufbau erinnert Krimifans an die grandiosen Parker-Krimis von Richard Stark (aka Donald E. Westlake). Parker ist ein eiskalter Profidieb, der keine menschlichen Bindungen hat (in den späteren Romanen änderte sich das etwas) und der nach einem reinem utilitaristischem Kosten-Nutzen-Kalkül agiert. Deshalb wäre ihm auch nie das passiert was ‚Patrick Hill‘ passiert: heiraten, einen Sohn bekommen (gut, das kann auch ohne Heirat passieren), sich um ihn kümmern und tiefere Gefühle für ihn entwickeln. Nein, das wäre Parker niemals passiert.

Seine Arbeit erledigt H dann genauso, genaugenommen noch emotionsloser als Parker. Schließlich geht es hier nicht um etwas Geld (wie in der klassischen Parker-Verfilmung „Point Blank“ bzw. der Vorlage „The Hunter“ [Jetzt sind wir quitt/Payback/The Hunter]), sondern um den sinnlosen und überflüssigen Tod eines Jugendlichen. Hs leichengesättigter und äußerst blutiger Feldzug ist dann kein Selbstjustiztrip, sondern ein von der Polizei wohlwollend beobachtetes Begleichen einer offenen Rechnung. Wie Mike Hammer in Mickey Spillanes „Ich, der Rächer“ (I, the Jury) ist er gleichzeitig Jäger, Richter und Vollstrecker.

Stilistisch orientiert Guy Ritchie sich in seinem Thriller am düsteren Siebziger-Jahre-Thriller und, ja, auch an John Boormans „Point Blank“.

Cash Truck“ ist ein konsequent düsterer Thriller, ohne irgendeinen Sympathieträger, ein Abstieg in die Hölle, in der es nichts mehr gibt. Noch nicht einmal Verzweiflung.

Die Inspiration für Ritchies Gangsterfilm war der französische Thriller „Cash Truck“ (Le convoyeur, 2004).

Das Bonusmaterial, ein viereinhalbminütiges Making-of, ist vernachlässigbar. Inzwischen scheint die Zeit vorbei zu sein, in der bei neuen Filmen für die DVD/Blu-ray-Veröffentlichung Bonusmaterial in einem nennenswertem Umfang produziert wird. Das war, zugegeben, oft rein werblich und mäßig interessant, aber es gab manchmal auch wertvolle Einblicke in bestimmte Aspekte der Geschichte und der Produktion.

Cash Truck (Wrath of Man, USA 2021)

Regie: Guy Ritchie

Drehbuch: Guy Ritchie, Ivan Atkinson, Marn Davies (basierend auf „Le Convoyeur“ von Nicolas Boukhrief und Éric Besnard)

mit Jason Statham, Holt McCallany, Josh Hartnett, Jeffrey Donovan, Scott Eastwood, Andy Garcia, Laz Alonso, Niamh Algar, Eddie Marsan, Rocci Williams, Deobia Oparei, Raúl Castillo, Chris Reilly, Mark Arnold, Gerald Tyler, Darrell D’Silva

Blu-ray

Studiocanal

Bild: 2,40:1 1080/24p Full HD

Ton: Deutsch (7.1 DTS-HD MA), Englisch (5.1 DTS-HD MA)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Extended Featurette: Making of

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

DVD, 4K Ultra HD und Limited Steelbook Edition sind identisch. In der Digital-Version fehlt das Bonusmaterial.

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Cash Truck“

Metacritic über „Cash Truck“

Rotten Tomatoes über „Cash Truck“

Wikipedia über „Cash Truck“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „King Arthur: Legend of the Sword“ (King Arthur: Legend of the Sword, USA/Australien 2017)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Aladdin“ (Aladdin, USA 2019)

Meine Bepsrechung von Guy Ritchies „The Gentlemen“ (The Gentlemen, Großbritannien/USA 2019)

Meine Kurzbesprechung von Guy Ritchies „Cash Truck“ (Wrath of Man, USA 2021)


DVD-Kritik: „Drei Tage und ein Leben“ – ein Weihnachtsfilm?

Dezember 18, 2020

Drei Tage und ein Leben“ beginnt am 25. Dezember 1999. Aber weihnachtlich sieht in Ollay, einem Dorf in den belgischen Ardennen, nichts aus. Das Wetter ist novembertrüb. Es liegt kein Schnee. Auch der übliche Weihnachtskitsch ist nicht zu sehen. Und die auf dem Dorfplatz versammelten Bewohner blicken ernst in Richtung einer improvisierten Bühne. Dort erklärt ein Polizist, wie die Suche nach Rémi Desmedt ablaufen soll. Der sechsjährige Junge verschwand spurlos vor zwei Tagen.

In der Gruppe steht der zwölfjährige Antoine Courtin. Er ist noch zu jung, um sich an der Suche zu beteiligen. Er hat, wie wir in der nun folgenden langen Rückblende erfahren, Rémi in einer Verkettung dummer Zufälle und unglücklicher Umstände im Wald getötet. Anschließend versteckte er die Leiche in einer Erdgrube und schweigt.

Die Suche endet ohne Erfolg.

Fünfzehn Jahre später, ungefähr in der Filmmitte, kehrt Antoine zurück in das Dorf. Seine Mutter lebt noch dort. Die Nachbarn von damals auch. Auf einem Dorffest trifft er seine erste große Liebe, das Nachbarmädchen Émilie, wieder. Sie ist Rémis ältere Schwester. Damals hatte er sie mit einem anderen Jungen knutschen gesehen. Jetzt frischen sie ihre Beziehung auf und sie ist auch bereit, mit ihm zu schlafen. Im beiderseitigen Einvernehmen soll es eine einmalige Angelegenheit sein. Sie lebt mit einem anderen Mann zusammen und er will in wenigen Tagen, nach dem Abschluss seines Medizinstudiums, in den Nahen Osten. Letztendlich ist dieser Sehnsuchtsort in der Wüste nur eine Chiffre für ‚möglichst weit weg von Ollay‘.

Aber dann bemerkt er, dass der Wald, in dem Rémis Leiche liegt, gerodet wird. Außerdem wurde Émilie schwanger von ihm. Sie will das Kind behalten und er soll seine Vaterschaft anerkennen. Wenn er es nicht freiwillig tut, wird sie ihn zu einem Vaterschaftstest zwingen.

Spätestens jetzt sind wir in der Hölle des französischen Bürgertums, in der kleine Regelverstöße und Geheimnisse ungeahnte Folgen haben. Denn selbstverständlich wird die Leiche von Rémi entdeckt, es gibt Spuren und Antoine fragt sich, was er tun muss, um nicht für seine damalige Tat bestraft zu werden.

Nicolas Boukhrief inszenierte Antoines Geschichte nach einem Drehbuch von Pierre Lemaitre, der auch die Romanvorlage schrieb, als ruhigen Thriller. Die Figuren stehen eindeutig im Mittelpunkt. Ihre Taten, ihre Geheimnisse (wobei in einem Dorf nichts wirklich geheim ist) und wie hier eine Handlung zur nächsten führt, erinnert an die Filme von Claude Chabrol und seine oft äußerst schwarzhumorigen Abrechnungen mit dem französischen Bürgertum, in dem ein Ehebruch das Vorspiel für einen Mord sein kann und, solange der Schein gewahrt wird, auch ein Mord vor keinem weltlichen Gericht verhandelt werden muss. Manchmal sind alle bereit, als sei nichts geschehen, den Mord einfach zu vergessen. Boukhrief hat einen ähnlich klaren Blick auf seine Figuren und die feinen Unterschiede der französischen Gesellschaft (auch wenn „Drei Tage und ein Leben im belgischen Teil der Ardennen spielt). Er beobachtet geduldig ihre Handlungen. Er bringt vor allem gegenüber Antoine viel Verständnis auf. Ob das gerechtfertigt ist, muss man als Zuschauer selbst beurteilen in diesem sehr gelungenem Film Noir, der an Weihnachten spielt und auf die üblichen Weihnachts-Insignien verzichtet. Immerhin schneit es am Ende.

Drei Tage und ein Leben (Trois jours et une vie, Frankreich 2019)

Regie: Nicolas Boukhrief

Drehbuch: Pierre Lemaitre, Perrine Margaine

LV: Pierre Lemaitre: Trois jours et une vie, 2016 (Drei Tage und ein Leben)

mit Sandrine Bonnaire, Pablo Pauly, Charles Berling, Philippe Torreton, Margot Bancilhon, Jeremy Senez, Dimitri Storoge, Arben Bajraktaraj

DVD/Blu-ray

Atlas Film

Bild: 2.35:1 (16:9)/1080p

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 5.1/5.1 DTS-HD MA)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 115 Minuten/119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Drei Tage und ein Leben“

Moviepilot über „Drei Tage und ein Leben“

Wikipedia über „Drei Tage und ein Leben“ 


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