Hannelore Cayre glaubt „Reichtum verpflichtet“

Hannelore Cayre hat ihre sehr sympathische Nische gefunden: Frauen als Hauptperson (aufgrund ihres moralischen Kostüms sind sie nicht wirklich traditionelle ‚Heldinnen‘), schnoddriger Tonfall, eine heilsame Respektlosigkeit vor Recht und Gesetz; vor allem wenn es die Wohlhabenden schützt – und damit eine dezidiert linke, kapitalismuskritische Sicht. Oh, und einen illusionslosen, eigentlich schon verzweifelt komischen Blick auf die französische Gesellschaft, ihre Strukturen und ihre Probleme. Als Vehikel benutzt sie dafür die Kriminalliteratur.

In „Reichtum verpflichtet“ verzichtet sie auf das Krimi-Sicherheitsnetz. Ihr neuer Roman spielt auf zwei Zeitebenen: der Gegenwart und den Jahren 1870/1871.

1870 bekriegten Frankreich und Deutschland sich. In Frankreich werden junge Männer nach einem Zufallsprinzip eingezogen. Das ist eine egalitäre Auswahl. Schließlich unterscheidet das Los nicht zwischen Arm und Reich. Allerdings können reiche Männer danach einen Einstandsmann kaufen. Der übernimmt dann den neunjährigen Militärdienst für den vom Los gezogenen kampfunwilligen Unglücksraben.

Auguste de Rigny, der in Paris ziellos vor sich hin studiert und sich in revolutionären Kreisen aufhält, wird vom Los gezogen. Allerdings möchte er den Militärdienst nicht ableisten. Das Geld und die Beziehungen seiner Eltern sollen ihn freikaufen. Dummerweise gestaltet sich die Suche nach dem Einstandsmann schwieriger als gedacht.

In der Gegenwart beginnt die nach einem Autounfall gehbehinderte Blanche de Rigny in der Familiengeschichte herumzustöbern. Sie möchte erfahren, wie sie mit der vermögenden Familie de Rigny verwandt ist.

Währenddessen arbeitet sie als Gerichtsreprografin. Sie scannt alle Akten, die in die Zuständigkeit der Pariser Gerichtsbarkeit fallen. Manchmal liest sie sie. Manchmal gibt sie Kopien an Journalisten weiter. Manchmal verkauft sie Adressen von Drogenkonsumenten an Dealer weiter.

Das ist durchaus vergnüglich zu lesen und vor allem Augustes Geschichte ist ziemlich spannend. Dagegen ist bei Blanches Geschichte unklar, worauf sie hinausläuft. Es ist, und das ist auch das große Problem des Romans, eine Geschichte, die erst und nur durch ihre ziemlich grandiose Pointe einen Sinn ergibt.

Für mich ist „Reichtum verpflichtet“ Hannelore Cayres bislang schwächster Roman. Das gesagt, freue ich mich selbstverständlich auf ihren nächsten Roman.

Hannelore Cayre: Reichtum verpflichtet

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne/Argument Verlag, 2021

256 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Richesse oblige

Éditions Métailié, Paris, 2020

Hinweise

Wikipedia über Hannerlore Cayre

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Der Lumpenadvokat“ (Commis d’office, 2004)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Das Meisterstück“ (Toiles de maitre, 2005)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Die Alte“ (La daronne, 2017)

Meine Besprechung von Jean-Paul Salomés Hannelore-Cayre-Verfilmung „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ (La daronne, Frankreich 2020) und der DVD

2 Responses to Hannelore Cayre glaubt „Reichtum verpflichtet“

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