Neu im Kino/Filmkritik: Über Jan Komasas „Good Boy – Wir wollen nur ein Bestes“

Juni 4, 2026

Tommy tobt mal wieder durch die Nacht. Der Neunzehnjährige betrinkt sich hemmungslos, uriniert in die Landschaft, pöbelt – und dokumentiert für ein weltweites Publikum mit seinem Smartphone sein gesamtes schlechtes Benehmen. Die Frage bei der Sauttour ist nicht ob, sondern wann der Filmriss kommt.

Als er wach wird, befindet er sich angekettet in einem Keller. Sein ‚Vater‘ erklärt ihm, dass er ihn zu einem besseren Menschen machen werde. Wenn er sich gut benimmt, wird er belohnt werden. Wenn er sich schlecht benimmt, wird er bestraft werden. In den folgenden Tagen besuchen ihn die anderen, von dieser Erziehungsmaßnahme vollkommen unbeeindruckten Familienmitglieder im Keller. Auch die neue Haushaltshilfe, eine illegal Eingewanderte, ruft nicht die Polizei, sondern akzeptiert den im Keller anketteten Mann als Teil der Familie.

Dass Tommy von dieser Erziehungsmaßnahme nicht begeistert ist, ist nachvollziehbar. Aber wie kann er sich dagegen wehren? Und kann er flüchten?

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ ist der neue Film von Jan Komasa. Zu seinen vorherigen hochgelobten Filmen gehören „Corpus Christi“ und „The Change“. Sie regten zum Nachdenken und Diskutieren an. Das gilt auch für „Good Boy“. Die in wenigen Zimmern in einem einsam gelegenem Haus spielende satirische, tiefschwarze Versuchsanordnung über echte und falsche Familien, Zugehörigkeit, Erziehung, Zwang und Freiheit versprüht schnell Michael-Haneke-Vibes. Sozusagen „Funny Games“ andersrum.

Komasa erzählt Tommys Umprogrammierung mit dem distanziert-kühlem Blick eines Verhaltensforschers. Er sieht zu, wie ‚Vater‘ Chris versucht, Tommy vom jugendlichen Rabauken zu einem braven Jungen und wertvollem Mitglied der Gesellschaft umzuerziehen. Das erinnert an Stanley Kubrick „Uhrwerk Orange“ (A Clockwork Orange, 1971). Auch wenn dort die Umprogrammierung anders verlief. In „Good Boy“ versuchen Chris und seine Familie eine Beziehung zu Tommy aufzubauen. Sie bleiben immer höflich. Widerspruch überhören sie, während sie alles nötige tun, um Tommy zu einem wertvollen Mitglied der Familie zu machen. Sie wollen ihn bei sich aufnehmen und sie wollen, dass er freiwillig bei ihnen bleibt.

Im Rahmen dieses satirischen Planspiels definieren sich alle Figuren nur über ihre Handlungen. Entsprechend wenig erfährt man aus Tommys früherem Leben und dem Leben seiner Entführer. Diese bewusst gelassenen Lücken führen im dritten Akt, wenn es zu einigen überraschenden, teils Fragen aufwerfenden Wendungen kommt, zu leichten Problemen.

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (Good Boy, Polen/Großbritannien 2025)

Regie: Jan Komasa

Drehbuch: Bartek Bartosik, Naqqash Khalid

mit Stephen Graham, Andrea Riseborough, Anson Boon, Kit Rakusen, Monika Frajczyk, Savannah Steyn, Mila Jankowska, Callum Booth-Ford

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

alternativer englischer Titel: Heel

Hinweise

Moviepilot über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“

Metacritic über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“

Rotten Tomatoes über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“

Wikipedia über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jan Komasas „Corpus Christi“ (Boże Ciało, Polen 2019)

Meine Besprechung von Jan Komasas „The Change“ (Anniversary, USA 2025)


Neu im Kino/Filmkritik: Beeindruckend. Agnieszka Holland besucht die „Green Border“

Februar 2, 2024

In ihrer Heimat Polen sorgte ihr neuer Film für einen veritablen Skandal. Der damalige Staatspräsident Andrzej Duda rief zum Boykott des Films auf. Führende Vertreter der von der rechtsradikal-nationalistischen PiS geführten Regierung beschimpften sie übelst. Der Justizminister nannte den Film „Nazi-Propaganda“. Internettrolle polemisierten gegen den Film, der nach Ansicht der Regierung „antipolnische Propaganda“ sei. Inzwischen fast achthunderttausend Zuschauer sahen sich in Polen „Green Border“ im Kino an. Und wenige Wochen nach dem Kinostart wurde am 15. Oktober 2023 bei den Wahlen zum polnischen Parlament die Regierung abgewählt. Einige behaupten, wegen diesem Film, der beim Filmfestival von Venedig seine Premiere hatte. Dort erhielt er unter anderem den Spezialpreis der Jury.

Einige Kritiker halten „Green Border“ für Agnieszka Hollands besten Film. Und dabei inszeniert sie seit über fünfzig Jahren Filme, die zahlreiche Preise und viel Kritikerlob erhielten. Außerdem sorgten ihre Filme immer wieder für Kontroversen. Zu ihren bekanntesten Filmen gehören „Bittere Ernte“, „Hitlerjunge Salomon“ und „Der geheime Garten“. Nach zahlreichen TV-Arbeiten feierte sie 2017 mit „Die Spur“ eine gelungene Rückkehr ins Kino.

In „Green Border“ beschäftigt Holland sich mit der Situation an der Grenze zwischen Polen und Belarus. Ihr Film spielt im Oktober 2021. Aber die heutige Situation soll sich kaum von der im Film packend gezeigten Situation unterscheiden. In dem Niemandsland der Grenze irren Geflüchtete herum. Sie werden von Grenzpolizisten gejagt, die es als ihre Aufgabe ansehen, die Geflüchteten zuerst zu misshandeln und dann über die Grenze zu treiben. Auf der EU-Seite der Grenze versuchen Aktivisten den Flüchtlingen zu helfen. Viel können sie nicht tun.

Holland begleitet mit quasi-dokumentarischer Handkamera und eindrucksvollen SW-Bildern von Tomasz Naumiuk einige dieser Geflüchteten, wozu auch eine Schwangere gehört, einen jungen Grenzpolizisten, der bald Vater wird, und mehrere Aktivisten. Einige sind schon länger dabei. Psychotherapeutin, die sich in einen Hof an die Grenze zurückgezogen hat, stößt neu dazu. Aus deren Geschichten setzt sich langsam ein bedrückendes Porträt der Situation an dieser Grenze zu Europa zusammen. Und Polen sieht dabei denkbar schlecht aus. Denn die Polizisten führen, auch ohne formal aufgeschriebene Anweisungen, den Willen der damaligen Regierung aus.

Green Border“ ist ein nah an der Realität entlang erzählter Spielfilm. Jede im Film gezeigte Szene hat so oder so ähnlich stattgefunden. Holland zeigt, wie mehrere Kinder und eine Frau im Moor versinken. Sie zeigt, wie Polizisten eine Schwangere über die Grenze werfen. Sie zeigt, wie die aus Syrien und Afghanistan geflüchteten Menschen durch den alptraumhaften Wald irren. Von den Grenzschützern werden sie wie Tiere gejagt und behandelt. In diesen und anderen Momenten zeigt sie, was ein Dokumentarfilm nicht zeigen kann, weil in diesen Momenten keine Kamera läuft.

Green Border“ ist kein angenehmer Film, aber ein wichtiger, zum Nachdenken und Diskutieren anregender Film. Und unbestritten einer von Agnieszka Hollands besten Filmen.

Angesichts der im Film gezeigten Szenen ist es kein Wunder, dass der „antipolnische Film“ der „Nestbeschmutzerin“ von Polen nicht für den Oscar als bester internationaler Film nominiert wurde. Verdient hätte er es.

Green Border (Zielona granica, Polen/Tschechien/Frankreich/Belgien 2023)

Regie: Agnieszka Holland

Drehbuch: Agnieszka Holland, Gabriela Łazarkiewicz-Sieczko, Maciej Pisuk

mit Jalal Altawil, Maja Ostaszewska, Tomasz Włosok,Behi Djanati Ataï, Mohamad Al Rashi, Dalia Naous, Tomasz Włosok, Taim Ajjan, Talia Ajjan, Monika Frajczyk, Maciej Stuhr

Länge: 152 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Green Border“

Metacritic über „Green Border“

Rotten Tomatoes über „Green Border“

Wikipedia über „Green Border“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Agnieszka Hollands „Die Spur“ (Pokot, Polen/Deutschland/Tschechische Republik/Schweden/Slowakische Republik 2017)

Meine Besprechung von Agnieszka Hollands „Charlatan“ (Šarlatán, Tschechien/Irland/Slowakei/Polen 2020)