Neu im Kino/Filmkritik: „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“ und einbrechen, um eine Million zurückzubringen

Juni 4, 2026

Als Bauingenieur Stan (Rayane Bensetti) erfährt, dass nicht er sondern sein aasiger Erzkonkurrent befördert werden soll, reicht es ihm. Jahrelang hat er für diese Beförderung klaglos Überstunden abgeleistet, seinem Chef jeden Wunsch erfüllt und immer wieder seine Beziehung riskiert. Spontan klaut er eine Tasche mit einer Million Euro Schmiergeld. Den Schlüssel zum Safe wirft er in einen Mülleimer.

Kurz darauf erfährt er, dass Richard doch ihn befördern will. Also muss das Geld innerhalb der nächsten Stunden und bevor seine Kollegen nach Sonnenaufgang den Firmensitz betreten, zurück in den Safe.

Weil Stan kein Einbrecher ist, benötigt er die Hilfe von jemand, der verschlossene Türen öffnen kann. So einer ist Hippolyte (Christian Clavier). Der Chef eines von ihm geführten Schlüsseldienstes ist ein echter Schlawiner. Seinen Kunden bietet der Unternehmer offensiv seine Dienste ohne Rechnung an. Dann könne er auf die Steuern verzichten. Was Stan in dem Moment nicht weiß, ist dass Hippolyte auch ein Safeknacker ist, der deswegen im Gefängnis saß. Gegen eine erkleckliche Summe lässt der hochverschuldete Hippolyte sich überzeugen, dieses Mal Schlösser zu öffnen, um etwas zurückzubringen. Ohne dass sie dabei entdeckt werden.

Zwei vollkommen gegensätzliche Hauptfiguren, eine absurde Ausgangssituation, comichaft übertriebene Nebenfiguren, eine sich daraus ergebende Kaskade von irrwitzigen Problemen und fertig ist die Boulevardkomödie. In seinem zweiten Spielfilm als Regisseur präsentiert Grégoire Vigneron seine Version einer typischen überdrehten und vollkommen sinnfreien französischen Komödie aus den sechziger und siebziger Jahren. Das Erzähltempo soll über die jede Logik und Wahrscheinlichkeit ignorierende Story hinwegtäuschen. Der Humor bewegt sich auf der Ebene von Klamauk und Slapstick. Jede Figur hat ein, höflich ausgedrückt, flexibles Moralsystem.

Das Ergebnis ist solala und ziemlich altmodisch. Auch weil die Figuren, deren Verhalten und die Welt, in der sie sich bewegen, mehr an die Welt der siebziger Jahre als an die Gegenwart erinnert.

In den vergangenen Jahren schrieb Grégoire Vigneron zahlreiche Drehbücher, unter anderem für die von Laurent Tirard inszenierten Komödien „Der kleine Nick“, „Der kleine Nick macht Ferien“, „Asterix & Obelix – Im Auftrag ihrer Majestät“ und „Mein ziemlich kleiner Freund“.

Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris (Le Million, Frankreich 2025)

Regie: Grégoire Vigneron

Drehbuch: Grégoire Vigneron, Isabelle Jaquet, Julie Ponsonnet

mit Rayane Bensetti, Christian Clavier, Gilles Cohen, Claire Chust, Julie Ferrier, Jean-Luc Couchard

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“

Moviepilot über „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“

Wikipedia über „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“

Meine Besprechung von Grégoire Vignerons „Spurlos“ (Sans laisser de traces, Frankreich 2010)


Neu im Kino/Filmkritik: „Der kleine Nick macht Ferien“ und wir dürfen ihn begleiten

Oktober 5, 2014

Wie transportiert man eine Geschichte aus den frühen sechziger Jahren, ein Kinderbuch, in die Gegenwart? Man kann sie natürlich in die Gegenwart verlegen oder man macht es wie Laurent Tirard bei seiner Verfilmung von „Der kleine Nick macht Ferien“. Er lässt die Geschichte in den späten Fünfzigern/frühen Sechzigern spielen. In den langen französischen Sommerferien, in denen die Städter in die Berge oder ans Meer fahren. Dieses Jahr fahren Nicks Eltern ans Meer. Oma ist auch dabei. Papa hätte das zwar gerne verhindert, aber das war Mamas Bedingung, um Papas Wunsch nach einem Strandurlaub zu erfüllen. Nick kommt dagegen gut mit Oma aus. Immerhin hat sie einen riesigen Vorrat an Bonbons, die es gegen Küsschen gibt.
Am Strand findet Nick schnell einige Freunde. Während die Rasselbande den Strand und das Hotel unsicher macht, auch einmal in einem Badezimmer die Rohre für Dusche und Toilette vertauscht, gibt es pointierte Beobachtungen zum Strandleben in einem Fünfziger-Jahre-Urlaubsort.
Gleichzeitig nehmen die Erwachsenen und ihre Probleme einen breiten Raum ein. Papa fragt sich, was er auf die Urlaubskarte für seinen Chef schreiben soll. Mama wird von einem exaltiertem italienischem Filmproduzenten, der anscheinend gerade aus einem Fellini-Film herausgefallen ist, als neuer Star entdeckt. Während Mama die Aufmerksamkeit genießt, verzweifelt Papa.
Nick hat ein ganz anderes Problem: Isabelle. Die Tochter eines alten Freundes von Papa, den sie zufällig im Hotel trafen. Während Isabelle ihn komisch anstarrt, halten ihre Eltern sie für ein schönes Paar. Nick der schon die Hochzeitsglocken mit diesem stummen Monster klingeln hört, will mit seinen Strandfreunden die Heiratspläne seiner Eltern für ihn sabotieren. Mit allen Mitteln, wozu auch die schon erwähnte „Psycho“-Dusche gehört. Denn Nick will eigentlich Marie-Hedwig, seine Freundin aus Paris, die mit ihren Eltern an einem anderen Ort urlaubt, heiraten.
Laurent Tirard, der bereits 2009 „Der kleine Nick“ (ebenfalls mit Kad Merad und Valérie Lemercier als Eltern) drehte, der damals in Frankreich der erfolgreichste Film des Jahres war, tobt sich in seinem neuen Film „Der kleine Nick macht Ferien“ in der Vergangenheit aus, als müsste er eine Farbversion von „Monsieur Hulot macht Ferien“ drehen. Das ist von der ersten bis zur letzten Minute wundervoll Retro.
Und wie in Jacques Tatis Komödienklassiker ist auch in „Der kleine Nick macht Ferien“ die Filmgeschichte in erster Linie eine Ansammlung von Anekdoten, die zu einigen eher vernachlässigbaren Geschichten verknüpft werden, bei denen ziemlich schnell die Eltern und ihre Probleme im Mittelpunkt stehen. Außerdem ist die warmherzige Retro-Komödie mit Anspielungen geplastert, die nur Erwachsene und Cineasten verstehen, was den Film dann zu einem Film für Kinder und jung gebliebene Erwachsene macht.

Der kleine Nick macht Ferien - Plakat

Der kleine Nick macht Ferien (Les Vacances du petit Nicolas, Frankreich 2014)
Regie: Laurent Tirard
Drehbuch: Laurent Tirard, Grégoire Vigneron
LV: René Goscinny, Jean-Jacques Sempé: Les Vacances du petit Nicolas, 1962 (Der kleine Nick und die Ferien; Der kleine Nick macht Ferien)
mit Mathéo Boisselier, Valérie Lemercier, Kad Merad, Dominique Lavanant, Erja Malatier, Francois-Xavier Demaison, Bouli Lanners, Luca Zingaretti, Julie Engelbrecht
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Der kleine Nick macht Ferien“
Moviepilot über „Der kleine Nick macht Ferien“
Rotten Tomatoes über „Der kleine Nick macht Ferien“
AlloCiné über „Der kleine Nick macht Ferien“
Wikipedia über „Der kleine Nick macht Ferien“