Neu im Kino/Filmkritik: Heute ist „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ über diese Aliens

Juni 10, 2026

Disclosure Day…allein die Erklärung des Titels ist ein Spoiler. Das Ansehen der beiden ziemlich irreführenden Trailer ist ein weiterer Spoiler – und eine Erklärung, was an den Trailer Spoiler aus der zweiten Hälfte des Films sind, wären weitere Spoiler.

Deshalb empfehle ich allen, die nichts über Steven Spielbergs neuesten Science-Fiction-Film, inszeniert nach einem Drehbuch von David Koepp („Jurassic Park“), wissen wollen, halbherzig den Kinobesuch.

Warum erkläre ich nach den Trailern:

Gut. Jetzt können wir weiterreden. Für US-amerikanische UAP-Gläubige ist der Disclosure Day der Tag, an dem die US-Regierung alle in den vergangenen Jahrzehnten angefertigten Akten über UFOs, seltsame Sichtungen und Aliens veröffentlicht. Dann, so hoffen sie, würden alle ihre Theorien über Alien-Begegnungen für wahr erklärt werden. UAP steht für ‚Unidentified Anomalous Phenomena‘ bzw. ‚unidentifizierte anomale Phänomene‘ und ist der aktuelle Sammelbegriff für alles, was mit Außerirdischen zusammenhängen könnte.

Um diesen Tag geht es auch in Spielbergs neuem Film „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“. Es geht auch um die Frage, was eine Begegnung mit Außerirdischen und die damit verbundene Entdeckung, dass wir nicht allein im Weltall sind, für die Menschheit bedeuten könnte. In „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977) und in „E. T. – Der Außerirdische“ (1982) war die Begegnung mit den Aliens friedlich. In seiner deutlich von der Stimmung nach 9/11 beeinflussten Dystopie „Krieg der Welten“ (2005) verläuft die Begegnung für die Menschheit ziemlich katastrophal. In seinem neuesten Film „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ treffen wieder Menschen und Aliens aufeinander. Wie in „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ beginnt die Geschichte mit unheimlichen, seltsamen und rätselhaften Ereignissen.

Nachdem sie sich bereits den ganzen Tag seltsam verhielt und Dinge wusste, die sie nicht wissen konnte, gibt die in Kansas City lebende TV-Wetteransagerin Margaret Fairchild (Emily Blunt) in einer TV-Sendung plötzlich seltsame Laute von sich. Nur Dr. Daniel Kellner (Josh O’Connor) kann sie sofort verstehen. Der hochbegabte Ex-Hacker arbeitete als Cybersicherheitsexperte bei der geheimen, niemand rechenschaftspflichtigen, über anscheinend unendliche Mittel verfügende und mächtige Mehr-oder-weniger-irgendwie-Regierungsorganisation WARDEX. WARDEX sammelt alle Informationen über UFOs und Aliens und verbirgt sie vor der Menschheit. Kellner hat sich mit einer im Untergrund agierenden, aber anscheinend gut vernetzten und finanziell gut ausgestatteten Gruppe zusammengetan, die diese streng geheimen Informationen veröffentlichen will. Kellner hat sie auf etliche Datenträger kopiert. Er will sie ihnen in einigen Stunden übergeben. Auch wenn der Film ein großes Geheimnis um den Inhalt dieser geheimen Dateien macht, ist sehr schnell klar, dass es sich um Informationen über UFO- und Alien-Sichtungen handelt.

Irgendwann bemerken Kellner und Fairchild, die sich nicht kennen und die sich an verschiedenen Orten in den USA aufhalten, dass sie miteinander verbunden sind. Sie finden zueinander und wissen plötzlich, an welchen Ort in den USA sie fahren müssen, um die Daten der Disclosure-Day-Gruppe zu übergeben und sie anschließend, wie Wikileaks, der globalen Öffentlichkeit zu präsentieren.

Währenddessen werden sie von Noah Scanlon (Colin Firth), dem Chef von WARDEX, verfolgt. Er will unter allen Umständen verhindern, dass die Dateien veröffentlicht werden. Er glaubt, dass die Menschheit nicht bereit sei, diese Informationen zu akzeptieren. Er befürchtet, dass eine Veröffentlichung zu chaotischen Zuständen führen würde. Diese Hatz quer durch die USA führt zu einigen gelungenen Action-Set-Pieces und überraschenden Situationen und Dialogen. Und einer sehr begrüßenswerten humanistischen Botschaft über den Wert von Mitgefühl.

Diese Botschaft ist dann auch der originellste Teil des Films, der in puncto UFO-Verschwörungstheorien die bekannten Ereignisse und Theorien wiederholt. Die Story bewegt sich mit einem großen Ensemble recht flott und unterhaltsam auf das Finale zu.

Und trotzdem ist dieser Film, der nach einer von Spielberg erfundenen Geschichte entstand, einer seiner enttäuschendsten Filme. Die Disclosure-Day-Enthüllung am Filmende enttäuschen. Alles davor ist, wie in „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“, Exposition.

Während des gesamten Films fragte ich mich, welchen gelungeneren Film Roland Emmerich aus der Idee, dass alle Geschichten, die uns über Außerirdische erzählt wurden, wahr sind, gemacht hätte. Unbestritten ist Emmerich der schlechtere Regisseur. Aber er hätte aus dieser Idee den interessanteren Film gemacht. Mit „Moonfall“ (2022) hat er das in einem gewissen Rahmen auch schon gemacht.

Während Spielberg mit angezogener Handbremse ein fast ausschließlich weißes Ensemble, das die 50er-Jahre-Kernfamilie bejaht, durch eine vorhersehbare Geschichte mit bekannten Verschwörungstheorien schickt, hätte Emmerich all das hemmungsloser erzählt und bei den Figuren andere Akzente gesetzt. Sein Cast wäre diverser. Schwarze, Frauen, Schwule und Randgruppen (wozu ich in diesem Fall auch die Äbtissin, die einen wundervollen Satz sagen darf, zähle) hätten wichtige Rollen. Bei Spielberg kämpfen, bis auf die Wetteransagerin Fairchild, die unwissend in die Geschichte hineinstolpert, weiße Männer gegen weiße Männer. Der Schwarze ist nicht mehr als der aus alten Hollywood-Filmen bekannte Alibi-Schwarze. Die Frage des Glaubens und welche Bedeutung die Begegnung zwischen der Menschheit und den Aliens für die Menschen hätte, würde im Mittelpunkt des Films stehen. Spielberg streift sie höchstens, wenn darüber diskutiert wird, ob die Akte veröffentlicht werden sollen. Weil der Film mit der Veröffentlichung endet, zeigt er nicht, was danach passiert. Die Alien-Gläubigen hätten bei Emmerich ebenfalls eine wichtigere Rolle. Spielberg ignoriert sie. Und vielleicht hätten die Aliens auch etwas gesagt oder in die Geschichte eingegriffen.

So ist „Disclosure Day“ ein SF-Film, der sich erzählerisch am 70er-Jahre-Polit-Thriller mit seinen teils naiven Helden, die eine große Verschwörung aufdecken, orientiert. Teils konnte der Protagonist sein Wissen am Filmende publizieren, teils wurde er vorher von den Bösewichtern ermordet. Immer war der Film von einem aufklärerischem Impetus gegen verbrecherische Regierungen, Behörden und Firmen getragen. Der Paranoia-Thriller sollte über die dunklen Machenschaften der US-Regierung aufklären. Auch „Disclosure Day“ endet mit der titelgebenden Veröffentlichung der Daten. Als Zuschauer ist man in dem Moment ratlos. Die Informationen über Ufos und Aliens sind fast ausschließlich die schon seit Jahrzehnten bekannten Informationen über nicht zusammenhängende Sichtungen von Ufos und Begegnungen mit Aliens. Was soll sich durch die Veröffentlichung ändern? Die Empathie-Botschaft des Films ist absolut begrüßenswert, aber sie hängt wie ein Kalenderspruch im luftleeren Raum.

All das macht Spielbergs neuesten Film, eine Neuerzählung von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ als 70er-Jahre-Paranoia-Thriller, zu einem seiner schwächsten Werke.

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (Disclosure Day, USA 2026)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: David Koepp (nach einer Idee von Steven Spielberg)

mit Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Colman Domingo, Wyatt Russell, Henry Lloyd-Hughes, Courtney Grace, Jeremy Shamos, Elizabeth Marvel

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“

Metacritic über „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“

Rotten Tomatoes über „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“

Wikipedia über „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „West Side Story“ (West Side Story, USA 2021)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Fabelmans“ (The Fabelmans, USA 2022)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 29. Dezember: Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Dezember 28, 2020

Servus TV, 20.15/23.45

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (Birdman, USA 2014)

Regie: Alejandro G. Iñárritu

Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris Jr., Armando Bo

Fesselnde Chronologie der letzten Stunde vor der Premiere von Riggan Thomsons erster Broadway-Inszenierung. Riggan war früher als Superheld „Birdman“ bekannt und diese Filmrolle hat Spuren bei ihm hinterlassen.

TV-Premiere, seltsamerweise erst knapp sechs Jahre nach dem Kinostart und dummerweise mit Werbepausen. Denn Alejandro G. Iñárritu inszenierte „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ so, dass der Eindruck entsteht, das Drama sei ohne einen Schnitt gedreht worden.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung der Komödie.

mit Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Andrea Riseborough, Amy Ryan, Emma Stone, Naomi Watts, Lindsay Duncan, Merritt Wever, Jeremy Shamos, Bill Camp, Damian Young

Hinweise

Moviepilot über „Birdman“

Metacritic über „Birdman“

Rotten Tomatoes über „Birdman“

Wikipedia über „Birdman“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Biutiful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (Birdman, USA 2014)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ oder die unverschämte Freude an einem guten Film

Januar 29, 2015

Ich glaube, bei „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ kann ich es kurz machen.
Obwohl – als ich das das letzte Mal sagte, hatte ich danach eine Seite geschrieben und hatte noch lange nicht alles gesagt.
Aber wer die vergangenen Monate nicht nur mit dem Ansehen von Marvel-Trailern verbrachte, hat von „Birdman“ gehört. Seit einigen Wochen sammelt die Komödie verdient einen Preis nach dem nächsten ein. Denn Alejandro González Iñárritu gelingt ein wunderschön schwereloser Film, der ernst und witzig und philosophisch ist und einen Einblick in das Film- und Theatergeschäft liefert, der gerade durch die hochkarätige Besetzung an Würze gewinnt.
Dabei ist der Hauptplot denkbar einfach: Riggan Thomson, ein alternder Hollywood-Star, will mit einem ambitionertem Broadway-Theaterstück, das auf Raymond Carvers Kurzgeschichte „What we talk about, when we talk about love“ basiert, seine darbende Karriere wieder auf die richtige Spur setzen. Iñárritus zweistündige Tour de Force ist eine Chronik der letzten Tage und Stunden vor der Aufführung, wenn die Emotionen hochkochen und die Zweifel groß sind.
Riggan war in Hollywood ein Star, als er vor Jahrzehnten Birdman spielte. Birdman ist ein erfundener Superheld. Noch heute wird Riggan für diese kindische Rolle von seinen Fans verehrt. Und Birdman ist Riggans Alter Ego, das ihm immer wieder, ungefragt, die Leviten liest und die Regieambitionen von Riggan am St. James Theater für ausgemachten Blödsinn hält.
Batman ist dagegen im filmischen Kosmos ein höchst realer Superheld und Riggan-Darsteller Michael Keaton war 1989 und 1992 in den beiden „Batman“-Filmen von Tim Burton als Batman-Darsteller ganz oben in Hollywood. Seitdem konnte er an diese Erfolge nicht mehr anknüpfen. Zuletzt trat er in prägnanten Nebenrollen auf, die den Film bereichterten, aber in der Werbung nicht groß angekündigt wurden und wegen Keaton ging niemand in „RoboCop“ oder „Need for Speed“. Da kann man schon darüber nachdenken, wieviel die Filmrolle mit dem echten Michael Keaton zu tun hat.
Als Hauptdarsteller hat Riggan den als extrem schwierig geltenden Mike Shiner engagiert, der es sich anscheinend zur Lebensaufgabe gemacht hat, als Diva das gesamte Universum um sich herum kreisen zu lassen und dem Regisseur und den Geldgebern mindestens einen Nervenzusammenbruch zu bescheren. Nicht pro Produktion, sondern an jedem Tag. Aber beim Publikum ist er beliebt. Er kann eine Produktion zum Erfolg machen. Beim Publikum und bei der Kritik.
Gespielt wird Mike von Edward Norton, der unbestritten einer der besten Schauspieler seiner Generation ist und der in Hollywood als extrem schwierig gilt. Einige seiner Streitereien mit Produzenten und Regisseuren sind allgemein bekannt. Ich sage nur „American History X“ und „Der unglaubliche Hulk“.
Die anderen Schauspieler, obgleich prominent, sind nicht so sehr auf ein bestimmtes Image und Rolle festgelegt.
Und dann, wenn man es nicht weiß, fällt es einem erst ziemlich spät auf: Alejandro Iñárritu erzählt den Film ohne einen sichtbaren Schnitt. Wenn eine längere Zeitspanne vergeht, gibt es Zeitrafferaufnahmen vom Himmel, aber ansonsten bewegt sich die Kamera scheinbar schwerelos durch den Raum, ohne dass jemals ein Found-Footage-Gefühl entsteht oder die Wackelkamera nervt. Emmanuel Lubezki, unter anderem die Alfonso-Cuarón-Filme „Gravity“ und „Children of Men“ (wo er schon extrem lange, ungeschnittene Action-Szenen drehte) und die Terrence-Malick-Filme „To the Wonder“, „Tree of Life“ und „The new World“, gebührt hier die Ehre, etwas scheinbar unmögliches möglich gemacht zu haben.
Nachdem ich jetzt schon das Drehbuch, die Schauspieler, die Kamera und die Regie abgefeiert habe, muss ich auch etwas zur Musik sagen, die zu den besten Filmmusiken der vergangenen zwölf Monate gehört. Normalerweise soll die Filmmusik ja nur die Handlung unterstützen und sie nicht stören. Die Musik ist von Antonio Sanchez, einem Mitglied verschiedener Gruppen von Jazzgitarrist Pat Metheny. Er spielte am Schlagzeug eine Filmmusik ein, die banal gesagt wie eine Mischung aus der Übungsstunde eines Jazz-Drummers und freien Improvisationen klingt. Sie drängt sich immer wieder in der Vordergrund; vor allem wenn im Kopf von Riggan mal wieder alles drunter und drüber geht. In diesen Momenten verdeutlich das entfesselte, atonale Free-Jazz-Drumming akustisch, was Riggan fühlt: Chaos mit einer darunterliegenden Ordnung. Und, weil Sanchez seine Improvisationen bereits vor dem Dreh einspielte, verwandte Iñárritu sie beim Dreh, um den Schauspielern den Rhythmus der Szene zu verdeutlichen.
Sanchez‘ Soundtrack ist inzwischen für zehn Filmpreise nominiert (unter anderem den Golden Globe) und zehn Preise hat er schon erhalten.
„Birdman“ ist für neun Oscars nominiert (bester Film, bester Hauptdarsteller, bester Nebendarsteller, beste Nebendarstellerin, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Kamera, bester Ton und bester Tonschnitt). Für 149 weitere Preise ist er momentan nominiert und bis jetzt erhielt die wundervoll kurzweilige, vor kindlicher Entdeckerfreue und Experimentierfreude sprudelnde Komödie schon 129 Preise.

Birdman - Plakat

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (Birdman, USA 2014)
Regie: Alejandro G. Iñárritu
Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris Jr., Armando Bo
mit Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Andrea Riseborough, Amy Ryan, Emma Stone, Naomi Watts, Lindsay Duncan, Merritt Wever, Jeremy Shamos, Bill Camp, Damian Young
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Birdman“
Moviepilot über „Birdman“
Metacritic über „Birdman“
Rotten Tomatoes über „Birdman“
Wikipedia über „Birdman“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritu „Biutuful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)
Homepage von Antonio Sanchez

Das Publikumsgespräch beim NYFF

DP/30 unterhält sich mit Alejandro Iñárritu


Neu im Kino/Filmkritik: Woody Allen sucht „Magic in the Moonlight“

Dezember 4, 2014

Allein schon das Licht an der Côte d’Azur rechtfertigt den Dreh in Südfrankreich und seit den seeligen Stummfilmtagen verzichtete wohl kein Hollywood-Regisseur auf die Gelegenheit, vor Ort zu drehen. Auch Woody Allen drehte seinen neuesten Film „Magic in the Moonlight“ wieder vor Ort und in der Geschichte knüpft er an seine früheren, in den zwanziger und dreißiger Jahren spielenden Filmen, wie „Im Bann des Jade-Skorpions“ (2000) und „Bullets over Broadway“ (1994) an. Auch „Scoop“ (2006), obwohl in der Gegenwart spielend, passt in diese Reihe von Retro-Kriminalkomödien mit einer Tendenz zum Übersinnlichen.
„Magic in the Moonlight“ beginnt in einem wundervollen Studio-Berlin (halt so, wie Hollywood sich damals die verruchte deutsche Hauptstadt vorstellte) während einer Zaubershow von Wei Ling So. Noch während das Publikum applaudiert, mosert der Zauberer hinter der Bühne an den Leistungen seiner Angestellten herum und er schminkt sich ab. Denn in Wirklichkeit ist er ein Engländer, Stanley Crawford (Colin Firth), der nie um eine spitze, zynische und sarkastische Bemerkung verlegen ist. Sein Freund Howard Burkan (Simon McBurney) bittet den von sich und seiner rationalen Weltsicht hundertzehnprozentig überzeugten Zauberer in einem verrauchten Kabarett, während im Hintergrund eine Sängerin wimmert, um Hilfe. Denn an der Riviera ist ein Medium aufgetaucht, das anscheinend wirklich über besondere Fähigkeiten verfügt. Crawford hält sie für eine Schwindlerin und er macht sich, als Stanley Taplinger, auf den Weg nach Südfrankreich. Dort trifft er diese Schwindlerin, die Wahrsagerin Sophie Baker (Emma Stone), die ihn auch gleich mit ihrem charmanten Wesen verzückt und Dinge über ihn weiß, die sie nicht wissen kann.
In „Magic in the Moonlight“ gibt es alles das, was wir an einem Woody-Allen-Film mögen: eine Parade bekannter Schauspieler in glänzender Spiellaune, Pointen im Dutzend, einen kleinen, angenehm altmodischen Krimiplot, etwas Romantik, Jazz und eine Liebeserklärung an Hollywoods große Zeit. Aber dieses Mal übertreibt Allen es mit seiner Liebeserklärung an das Hollywood-Kino der dreißiger Jahre etwas. Denn er übernahm auch die damaligen Plotkonstruktionen, die oft einfach eine Abfolge von Szenen waren, die man beliebig austauschen kann. Entsprechend oft und unmotiviert sind in „Magic in the Moonlight“ die Wendungen und manchmal hat man sogar den Eindruck, dass eine Filmspule vergessen oder vertauscht wurde.
Vor allem die Wandlungen von Stanley Crawford, die die Geschichte bestimmen, kommen viel zu plötzlich und zu oft, um glaubwürdig zu sein. So ist der Skeptiker, ungefähr in der Filmmitte, plötzlich von Sophies Visionen überzeugt, kurz darauf, aus einem ähnlich nichtigen Grund, plötzlich wieder vom Gegenteil und bis zum Filmende darf er seine Überzeugung öfter wechseln, als andere Menschen ihre Unterhosen wechseln. Dabei geht er hier nicht um einen kleinen Meinungswechsel, sondern um eine vollkommene Veränderungen seiner gesamten Weltsicht.
Einiges, wie das für die Filmgeschichte vielversprechende Gespräch einer wohlhabenden Hausherrin mit der Mutter des Mediums über die Vermögensanlage entsprechend den Wünschen des verstorbenen Gatten, wird später nicht mehr erwähnt.
In diesen Momenten wünschte ich mir, dass Woody Allen sich, wie bei „Match Point“ oder „Midnight in Paris“, mehr Mühe mit seinem Drehbuch gegeben hätte. In „Magic in the Moonlight“ belässt er es einfach beim durchaus charmanten, aber auch etwas lieblosen Präsentieren der bekannten Versatzstücke. So ist sein neuester Film ein Zwischenhappen, bei dem man, aufgrund der vielen unmotivierten Wendungen, zunehmend das Interesse an der Lösung, also ob das Paar ein Paar wird und ob Sophie eine Betrügerin ist, verliert.

Magic in the Moonlight - Plakat

Magic in the Moonlight (Magic in the Moonlight, USA 2014)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
mit Colin Firth, Emma Stone, Simon McBurney, Eileen Atkins, Jacki Weaver, Hamisch Linklater, Marcia Gay Harden, Ute Lemper, Erica Leerhsen, Jeremy Shamos
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Magic in the Moonlight“
Moviepilot über „Magic in the Moonlight“
Metacritic über „Magic in the Moonlight“
Rotten Tomatoes über „Magic in the Moonlight“
Wikipedia über „Magic in the Moonlight“

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von John Turturros „Plötzlich Gigolo“ (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Kriminalakte über Woody Allen