Neu im Kino/Filmkritik: Tom Cruise ist „Digger“ und Alejandro G. Iñárritu erzählt seine Geschichte

Oktober 2, 2026

Maßlos beschreibt Alejandro G. Iñárritus neuen Film „Digger“ wohl am besten. Es ist ein Film, der von allem zu viel hat.

Der Ölmagnat Digger Rockwell (Tom Cruise) ist ein Erzkapitalist aus dem Bilderbuch. Er lebt in einem viel zu großen Palast, schläft in einem viel zu großen Bett, ist vulgär, pubertär, egoistisch, egozentrisch und, nun, das lebendig gewordene Cartoonbild eines mächtigen Kapitalisten. Das passt. Denn „Digger“ ist kein subtiles Drama, in dem die Schauspieler um feinste Nuancen kämpfen, sondern eine Farce auf den Kapitalismus, das US-amerikanische Großmachtdenken und über dumme mächtige Männer, die damit beschäftigt sind, selbstverschuldete Katastrophen zu bekämpfen, bevor sie zu noch größeren Katastrophen werden.

Das muss Digger jetzt tun. Bei Bohrungen in der Nähe des Nordpols, bei denen, auf seinen Befehl hin, jede bestehende und jede denkbare Sicherheitsvorschrift missachtet wurde, löste sich ein riesiger Eisberg. In Rekordgeschwindigkeit treibt er auf Europa zu und er wird den gesamten Kontinent begraben. Nur Digger, so versichern ihm der US-Präsident und seine Minister und Generäle, kann die Katastrophe verhindern.

„The Revenant“-Regisseur Alejandro G. Iñárritu erzählt diese Katastrophengeschichte als sich in wenigen Innenräumen abspielende grelle, aufgrund ihrer Länge zunehmend monoton werdende Farce.

Vor allem die mächtigen Männer sind als debile Idioten hemmungslos überzeichnet. Das führt dazu, dass Tom Cruise sein schauspielerisches Talent, das er hier, nach Jahrzehnten in Mainstream-Blockbuster-Filmen, wieder demonstrieren wollte, nicht ausspielen kann. Digger ist eine eindimensionale Figur, die im Rahmen des präsentiertes Stückes, noch weiter zugespitzt wird. Er ist die überdimensionale Parodie eines skrupellos die Erde ausbeutenden Kapitalisten, der über keinen menschlichen Wesenszug verfügt. Das spielt Cruise in all seinen Übertreibungen gut, aber auch eindimensionaler als die vielen in den vergangenen Jahrzehnten von ihm gespielten Helden. Sein Captain Pete „Maverick“ Mitchell in „Top Gun: Maverick“ ist gegen Digger Rockwell eine subtile Charakterstudie.

Die anderen Schauspieler, unter anderem Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg und Jesse Plemons, haben in dieser Farce, weil ihre Auftritte kürzer sind, die besseren Karten.

Die absurd aus dem Ruder laufende Geschichte, die so auch schon vor fünfzig Jahren hätte spielen können, steht in der Tradition von Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (Dr. Strangelove or: How I learned to stop worrying and love the Bomb, Großbritannien 1964, 102 Minuten, später von Kubrick auf 95 Minuten gekürzt). Dieser Klassiker ist über eine halbe Stunde kürzer als Iñárritus Komödie. Und diese Laufzeit ist ein Problem. Denn „Digger“ hat keine komplexe Geschichte. Er ist nicht subtil, sondern grotesk überzeichnet und eindeutig. Über epische hundertdreißig Minuten wird immer wieder der gleiche Punkt gemacht: Wir werden von größenwahnsinnigen Idioten beherrscht, mit denen wir freiwillig keine fünf Minuten verbringen möchten.

Ein weiteres Problem von „Digger“ ist eine Enthüllung, die ziemlich früh im Film erfolgt und die besser erst im oder kurz vor dem dritten Akt erfolgt wäre.

So läuft „Digger“ wie Diggers Aktionen aus dem Ruder. Während die Trottel aus der Wirtschaft und Politik versuchen, die Welt, die sie gerade zerstören, zu retten, lacht das Publikum über deren Demaskierung.

Digger (Digger, Großbritannien/Mexiko/USA 2026)

Regie: Alejandro G. Iñárritu

Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Alexander Dinelaris, Nicolás Giacobone, Sabina Berman (nach einer Geschichte von Sabina Berman, Alejandr G. Iñárritu und Jez Butterworth)

mit Tom Cruise, Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg, Jesse Plemons, Robert John Burke, Emma D’Arcy

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Moviepilot über „Digger“

Metacritic über „Digger“

Rotten Tomatoes über „Digger“

Wikipedia über „Digger“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Biutiful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (Birdman, USA 2014)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant, USA 2015)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ (Bardo, falsa crónica de unas cuantas verdades, Mexiko 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Alejandro G. Iñárritu fantasiert „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“

November 18, 2022

Schon die ersten Bilder von Alejandro G. Iñárritus „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ – der Schatten eines Mannes läuft durch die Wüste, springt in die Luft, schwebt, fliegt, landet, läuft weiter, springt wieder in die Luft, schwebt und fliegt länger, landet wieder, läuft, immer noch ohne einen Schnitt, weiter, springt wieder undsoweiter – sind pures Kino mit einer schwerelosen Kamera und surrealen Bildern, die so eigentlich nicht möglich sind.

Nach diesem die Sinne betörendem Anfang, dem noch viele weitere visuell überwältigende Szenen folgen, schält sich langsam so etwas wie eine Minimalgeschichte heraus. Sie dient vor allem als rudimentäre, aber weitgehend vernachlässigbare Klammer in diesem nicht-narrativem Film. Silverio Gama (Daniel Giménez Cacho) lebt seit Ewigkeiten in Los Angeles. Seine alte Heimat kennt er nur noch aus dem Fernsehen und aus Erinnerungen. Der Mexikaner ist ein bekannter Journalist und Dokumentarfilmer. Inzwischen ist er in dem Alter, in dem er Preise erhält und vor Publikum über seine Filme reden soll. Jetzt soll er in seiner alten Heimat Mexiko-Stadt einen Preis für sein Lebenswerk erhalten.

Dort trifft er auf alte Bekannte, recherchiert für sein neues Projekt, erinnert sich an seine Vergangenheit und dabei verschwimmen, in der Tradition des magischen Realismus, die Grenzen zwischen Erinnerungen, Fantasien darüber und über die Gegenwart und reinen Imaginationen. Es geht auch um die Geschichte Mexikos. Iñárritu inszeniert das in Plansequenzen, langen, kaum geschnittenen Szenen, surrealistischen Bildern und immer wieder zwischen Realität und Fantasie wechselnd. Die Bilder sind, wie bei seinen vorherigen Filmen, beeindruckend und immer für die große Leinwand komponiert.

Wie schon der Titel „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ sagt, erzählt Alejandro G. Iñárritu in seinem ersten Spielfilm nach „The Revenant“ (2015) keine stringente, konventionellen erzählerischen Regeln folgende Geschichte. Im tibetischen Buddhismus ist Bardo das Wort für ein Zwischenstadium zwischen Tod und Wiedergeburt. Daher kann der Film als Meditation darüber angesehen werden. Iñárritu zeigt mehr oder weniger nicht zusammenhängende Ereignisse, die sich immer um die Selbstzweifel eines Regisseurs drehen und die immer aus seiner Perspektive geschildert werden. Dabei ist Silverio Gamas surrealistische Geschichte so abstrakt geraten, dass wahrscheinlich nur ausgewiesene Iñárritu-Experten die erfundenen von den wirklich autobiographischen Teile unterscheiden können. Alle anderen können sich ohne zu Zögern vom Strom der Bilder wegtragen lassen und den Film wie einen psychedelischen Trip genießen.

Seine Premiere hatte „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ am 1. September 2022 in Venedig bei den dortigen Internationalen Filmfestspielen. Dort präsentierte Iñárritu eine gut dreistündige Fassung des Films. Danach kürzte er ihn um ungefähr eine viertel Stunde. Wahrscheinlich entfernte er ein, zwei vollständige Szenen. Schließlich spielt jede Szene mit der Länge, die normalerweise, wie der gesamte Film, überbordend lang und überwältigend ist. Außerdem würde gerade bei den langen, ungeschnittenen oder kaum geschnittenen Szenen jede Kürzung die Stimmung und den Erzählfluss zerstören. Das gilt, um nur zwei Plansequenzen zu nennen, für einen Spaziergang Gamas durch Mexiko-Stadt oder eine siebenminütige Szene, die teilweise in Gamas Kopf spielt, in einer vollen Disco mit David Bowies „Let’s Dance“ als Soundtrack.

„Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ ist ein in jeder Beziehung exzessives, surreales, ohne einen klare Fokus vor sich hin mäanderndes Panoptikum zwischen Vergangenheit, Erinnerung, Fantasie und Tod. Das ist, wie gesagt, faszinierend, auch unterhaltsam und immer wieder witzig, aber mit gut drei Stunden auch ein zu lang geratener Griff in den Zettelkasten des Künstlers, der in dieser Nabelschau einfach ungeordnet präsentiert, was ihm beim Durchsehen seiner Notizen gefallen hat.

 

Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten (Bardo, falsa crónica de unas cuantas verdades, Mexiko 2022)

Regie: Alejandro G. Iñárritu

Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Nicolás Giacobone

mit Daniel Giménez Cacho, Griselda Siciliani, Ximena Lamadrid, Iker Solano, Luz Jiménez, Luis Couturier, Andrés Almeida, Clementina Guadarrama, Jay O. Sanders, Francisco Rubio, Fabiola Guajardo, Noé Hernández, Ivan Massagué

Länge: 160 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Jetzt im Kino! Ab 16. Dezember auf Netflix.

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Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“

Metacritic über „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“

Rotten Tomatoes über „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“

Wikipedia über „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Biutiful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (Birdman, USA 2014)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant, USA 2015)


TV-Tipp für den 29. Dezember: Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Dezember 28, 2020

Servus TV, 20.15/23.45

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (Birdman, USA 2014)

Regie: Alejandro G. Iñárritu

Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris Jr., Armando Bo

Fesselnde Chronologie der letzten Stunde vor der Premiere von Riggan Thomsons erster Broadway-Inszenierung. Riggan war früher als Superheld „Birdman“ bekannt und diese Filmrolle hat Spuren bei ihm hinterlassen.

TV-Premiere, seltsamerweise erst knapp sechs Jahre nach dem Kinostart und dummerweise mit Werbepausen. Denn Alejandro G. Iñárritu inszenierte „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ so, dass der Eindruck entsteht, das Drama sei ohne einen Schnitt gedreht worden.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung der Komödie.

mit Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Andrea Riseborough, Amy Ryan, Emma Stone, Naomi Watts, Lindsay Duncan, Merritt Wever, Jeremy Shamos, Bill Camp, Damian Young

Hinweise

Moviepilot über „Birdman“

Metacritic über „Birdman“

Rotten Tomatoes über „Birdman“

Wikipedia über „Birdman“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Biutiful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (Birdman, USA 2014)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant, USA 2015)


TV-Tipp für den 17. November: Biutiful

November 17, 2016

Arte, 21.40

Biutiful (Biutiful, Mexiko/USA 2010)

Regie: Alejandro González Iñárritu

Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Armando Bo, Nicolás Giacobone

Barcelona: der Kleinganove Uxbal (Javier Bardem) versucht als alleinerziehender Vater zweier Kinder über die Runden zu kommen. Da erfährt er, dass er Krebs im Endstadium hat.

Tolles Drama von Alejandro Iñárritu, das ich zum Kinostart für seinen zweitbesten Film hielt. Aber das war vor „Birdman“ und „The Revenant“.

mit Javier Bardem, Maricel Álvarez, Hanaa Bouchaib, Guillermo Estrella, Eduard Fernández, Cheikh Ndiaye, Diaryatou Daff, Taisheng Cheng, Luo Jin

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Biutiful“

Moviepilot über „Biutiful“

Metacritic über „Biutiful“

Rotten Tomatoes über „Biutiful“

Wikipedia über „Biutiful“ (deutsch, englisch)

Collider: Interview mit Alejandro González Iñárritu (26. Dezember 2010)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Biutiful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (Birdman, USA 2014)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant, USA 2015)


TV-Tipp für den 12. Mai: Biutiful

Mai 12, 2016

3sat, 22.25

Biutiful (Biutiful, Mexiko/USA 2010)

Regie: Alejandro González Iñárritu

Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Armando Bo, Nicolás Giacobone

Barcelona: der Kleinganove Uxbal (Javier Bardem) versucht als alleinerziehender Vater zweier Kinder über die Runden zu kommen. Da erfährt er, dass er Krebs im Endstadium hat.

Heute ist die schon lange überfällige TV-Premiere von Alejandro Iñárritus tollem Drama, das ich zum Kinostart für seinen zweitbesten Film hielt. Aber das war vor „Birdman“ und „The Revenant“.

Am Freitag zeigt 3sat um 23.00 Uhr „21 Gramm“, ebenfalls von Alejandro Iñárritu. Ebenfalls sehenswert.

mit Javier Bardem, Maricel Álvarez, Hanaa Bouchaib, Guillermo Estrella, Eduard Fernández, Cheikh Ndiaye, Diaryatou Daff, Taisheng Cheng, Luo Jin

Hinweise

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Film-Zeit über „Biutiful“

Moviepilot über „Biutiful“

Metacritic über „Biutiful“

Rotten Tomatoes über „Biutiful“

Wikipedia über „Biutiful“ (deutsch, englisch)

Collider: Interview mit Alejandro González Iñárritu (26. Dezember 2010)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Biutiful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (Birdman, USA 2014)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ oder die unverschämte Freude an einem guten Film

Januar 29, 2015

Ich glaube, bei „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ kann ich es kurz machen.
Obwohl – als ich das das letzte Mal sagte, hatte ich danach eine Seite geschrieben und hatte noch lange nicht alles gesagt.
Aber wer die vergangenen Monate nicht nur mit dem Ansehen von Marvel-Trailern verbrachte, hat von „Birdman“ gehört. Seit einigen Wochen sammelt die Komödie verdient einen Preis nach dem nächsten ein. Denn Alejandro González Iñárritu gelingt ein wunderschön schwereloser Film, der ernst und witzig und philosophisch ist und einen Einblick in das Film- und Theatergeschäft liefert, der gerade durch die hochkarätige Besetzung an Würze gewinnt.
Dabei ist der Hauptplot denkbar einfach: Riggan Thomson, ein alternder Hollywood-Star, will mit einem ambitionertem Broadway-Theaterstück, das auf Raymond Carvers Kurzgeschichte „What we talk about, when we talk about love“ basiert, seine darbende Karriere wieder auf die richtige Spur setzen. Iñárritus zweistündige Tour de Force ist eine Chronik der letzten Tage und Stunden vor der Aufführung, wenn die Emotionen hochkochen und die Zweifel groß sind.
Riggan war in Hollywood ein Star, als er vor Jahrzehnten Birdman spielte. Birdman ist ein erfundener Superheld. Noch heute wird Riggan für diese kindische Rolle von seinen Fans verehrt. Und Birdman ist Riggans Alter Ego, das ihm immer wieder, ungefragt, die Leviten liest und die Regieambitionen von Riggan am St. James Theater für ausgemachten Blödsinn hält.
Batman ist dagegen im filmischen Kosmos ein höchst realer Superheld und Riggan-Darsteller Michael Keaton war 1989 und 1992 in den beiden „Batman“-Filmen von Tim Burton als Batman-Darsteller ganz oben in Hollywood. Seitdem konnte er an diese Erfolge nicht mehr anknüpfen. Zuletzt trat er in prägnanten Nebenrollen auf, die den Film bereichterten, aber in der Werbung nicht groß angekündigt wurden und wegen Keaton ging niemand in „RoboCop“ oder „Need for Speed“. Da kann man schon darüber nachdenken, wieviel die Filmrolle mit dem echten Michael Keaton zu tun hat.
Als Hauptdarsteller hat Riggan den als extrem schwierig geltenden Mike Shiner engagiert, der es sich anscheinend zur Lebensaufgabe gemacht hat, als Diva das gesamte Universum um sich herum kreisen zu lassen und dem Regisseur und den Geldgebern mindestens einen Nervenzusammenbruch zu bescheren. Nicht pro Produktion, sondern an jedem Tag. Aber beim Publikum ist er beliebt. Er kann eine Produktion zum Erfolg machen. Beim Publikum und bei der Kritik.
Gespielt wird Mike von Edward Norton, der unbestritten einer der besten Schauspieler seiner Generation ist und der in Hollywood als extrem schwierig gilt. Einige seiner Streitereien mit Produzenten und Regisseuren sind allgemein bekannt. Ich sage nur „American History X“ und „Der unglaubliche Hulk“.
Die anderen Schauspieler, obgleich prominent, sind nicht so sehr auf ein bestimmtes Image und Rolle festgelegt.
Und dann, wenn man es nicht weiß, fällt es einem erst ziemlich spät auf: Alejandro Iñárritu erzählt den Film ohne einen sichtbaren Schnitt. Wenn eine längere Zeitspanne vergeht, gibt es Zeitrafferaufnahmen vom Himmel, aber ansonsten bewegt sich die Kamera scheinbar schwerelos durch den Raum, ohne dass jemals ein Found-Footage-Gefühl entsteht oder die Wackelkamera nervt. Emmanuel Lubezki, unter anderem die Alfonso-Cuarón-Filme „Gravity“ und „Children of Men“ (wo er schon extrem lange, ungeschnittene Action-Szenen drehte) und die Terrence-Malick-Filme „To the Wonder“, „Tree of Life“ und „The new World“, gebührt hier die Ehre, etwas scheinbar unmögliches möglich gemacht zu haben.
Nachdem ich jetzt schon das Drehbuch, die Schauspieler, die Kamera und die Regie abgefeiert habe, muss ich auch etwas zur Musik sagen, die zu den besten Filmmusiken der vergangenen zwölf Monate gehört. Normalerweise soll die Filmmusik ja nur die Handlung unterstützen und sie nicht stören. Die Musik ist von Antonio Sanchez, einem Mitglied verschiedener Gruppen von Jazzgitarrist Pat Metheny. Er spielte am Schlagzeug eine Filmmusik ein, die banal gesagt wie eine Mischung aus der Übungsstunde eines Jazz-Drummers und freien Improvisationen klingt. Sie drängt sich immer wieder in der Vordergrund; vor allem wenn im Kopf von Riggan mal wieder alles drunter und drüber geht. In diesen Momenten verdeutlich das entfesselte, atonale Free-Jazz-Drumming akustisch, was Riggan fühlt: Chaos mit einer darunterliegenden Ordnung. Und, weil Sanchez seine Improvisationen bereits vor dem Dreh einspielte, verwandte Iñárritu sie beim Dreh, um den Schauspielern den Rhythmus der Szene zu verdeutlichen.
Sanchez‘ Soundtrack ist inzwischen für zehn Filmpreise nominiert (unter anderem den Golden Globe) und zehn Preise hat er schon erhalten.
„Birdman“ ist für neun Oscars nominiert (bester Film, bester Hauptdarsteller, bester Nebendarsteller, beste Nebendarstellerin, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Kamera, bester Ton und bester Tonschnitt). Für 149 weitere Preise ist er momentan nominiert und bis jetzt erhielt die wundervoll kurzweilige, vor kindlicher Entdeckerfreue und Experimentierfreude sprudelnde Komödie schon 129 Preise.

Birdman - Plakat

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (Birdman, USA 2014)
Regie: Alejandro G. Iñárritu
Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris Jr., Armando Bo
mit Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Andrea Riseborough, Amy Ryan, Emma Stone, Naomi Watts, Lindsay Duncan, Merritt Wever, Jeremy Shamos, Bill Camp, Damian Young
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Birdman“
Moviepilot über „Birdman“
Metacritic über „Birdman“
Rotten Tomatoes über „Birdman“
Wikipedia über „Birdman“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritu „Biutuful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)
Homepage von Antonio Sanchez

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Das Publikumsgespräch beim NYFF

DP/30 unterhält sich mit Alejandro Iñárritu