Neu im Kino/Filmkritik: „Generation Beziehungsunfähig“ ist doch beziehungsfähig

Tim ist inzwischen in den Dreißigern. Trotzdem lebt er immer noch das Leben eines Pubertierenden: wenn er nicht gerade in einer hippen Social-Media-Agentur abhängt und es regelmäßig bezahlte Arbeit nennt, hängt er mit seinem WG-Kumpel Luis auf der Couch zum Computerspielen ab oder er triftt sich mit einer seiner zahlreichen Freundinnen/Sexualpartnerinnen. Normalerweise meldet er sich nach dem Sex nicht wieder bei ihr. Denn an einer langfristigen Beziehung, Heirat, Kindern und einem bürgerlichem Leben hat er kein Interesse. Wobei er auch an anderen Dingen kein erkennbares Interesse hat. Immerhin will er jetzt, nachdem auf einer Party sein erstes Buch ohne sein Wissen zu Konfetti verarbeitet wurde, sein zweites Buch schreiben.

Als er im Verkaufsraum einer Tankstelle eine junge Frau trifft, die ihm sein Stracciatella-Eis vor der Nase wegschnappt, ändert sich sein Liebesleben. Sie ist jung, selbstverständlich gut aussehend und etwas frech. Der erste Sex ist auch hemmungslos gut. Ebenso der zweite, dritte, vierte undsoweiter, bis Tim dann erstmals doch mehr als Sex haben möchte. Nur die Frau, die einfach nur ‚Ghost‘ heißt, will das nicht.

Generation Beziehungsunfähig“ ist eine deutsche Komödie, die auf Michael Nasts gleichnamiger Sammlung von Kolumnen basiert. Weil Kolumnen schlecht verfilmt werden können, haben Regisseurin Helena Hufnagel und ihre Co-Autorin Hilly Martinek sich eine Geschichte ausgedacht, die in einer beliebig austauschbaren größeren Stadt spielt. Einige Gebäude und vor allem der Abspann verraten, dass die Komödie in Köln gedreht wurde. Aber es hätte auch genausogut Berlin, Hamburg, München, Stuttgart oder Wuppertal sein können. Die Figuren sind, höflich formuliert, blasse Fantasiefiguren, die all den erwartbaren und schon tausendmal wiedergekäuten Klischees über junge Großstädter entsprechen. Die Geschichte und die Witze sind nicht besser.

So ist vollkommen unklar, was Tims Problem ist und warum wir uns für ihn interessieren und mit ihm mitfühlen sollten. Denn er ist einfach ein Frauen ausnutzendes, egozentrisches Arschloch, das damit keine Probleme hat. Es gibt für ihn keinen Grund, warum er sein Leben verändern möchte, soll oder muss. Denn müssen muss er nichts. Niemand und nichts zwingt ihn dazu, sein Leben zu überdenken. Wenn er dann von Ghost geghosted wird, er also von jemand anderem so behandelt wird, wie er bislang Frauen behandelte, hält sich unser Mitleid in Grenzen. Schließlich tut sie nur das, was er immer tut.

Im Film wird auch nie deutlich, was am Leben als Single so schlimm ist. Außer man verfolgt die konservative Idee einer lebenslangen Bindung in einer traditionellen Kernfamilie, die problemlos den Segen des stockkonservativen katholischen Dorfpfarrers erhalten könnte.

Generation Beziehungsunfähig“ ist ein weiteres sich in Studiokulissen abspielendes, mit anonymen Bildern einer Großstadt garniertes, in irgendeiner Parallelwelt spielendes RomCom-Gewürge, das in deutschen Filmen so schon seit Jahrzehnten serviert wird und durch Wiederholung nicht realistischer wird. So kann kein Porträt einer Generation entstehen.

Wie es anders geht, zeigt in wenigen Wochen Johanna Moder in ihrem bitterbösen Generationen- und Milieuporträt „Waren einmal Revoluzzer“. Das grandiose Drama hat alles, was „Generation Beziehungsunfähig“ nicht hat. Der aktuelle Starttermin ist der 9. September 2021.

Generation Beziehungsunfähig (Deutschland 2021)

Regie: Helene Hufnagel

Drehbuch: Helene Hufnagel, Hilly Martinek

LV: Michael Nast: Generation Beziehungsunfähig, 2016

mit Frederick Lau, Luise Heyer, Henriette Confurius, Verena Altenberger, Tedros Teclebrhan, Maximilian Brückner, Victoria Trauttmansdorff, Kida Khoor Ramadan

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Generation Beziehungsunfähig“

Moviepilot über „Generation Beziehungsunfähig“

Wikipedia über „Generation Beziehungsunfähig“

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