Neu im Kino/Filmkritik: Antoine Fuqua erzählt die frühen Jahre von „Michael“ Jackson

April 22, 2026

Als Kind gehörte er zur Popgruppe „The Jackson 5“, einer Gruppe von fünf Brüdern, die mit ihren Songs das US-Publikum erfreuten. Sie waren „eine Hochglanzfolie für den schwarzen amerikanischen Traum von der Erlösung aus Ghetto-Schwierigkeiten“ (Barry Graves/Siegfried Schmidt-Joos/Bernward Halbscheffel: Rock-Lexikon, 1998), wobei in Antoine Fuquas Michael-Jackson-Biopic „Michael“ das Ghetto ein kleines, für die Arbeiterklasse typisches Holzhaus in Gary, Indiana, ist. Schon in den frühen siebziger Jahren startet Michael Jackson (1958 – 2009) seine Solokarriere. „Off the Wall“ (1979) ist seine erste Zusammenarbeit mit Quincy Jones (der im Film einmal durchs Bild läuft). Sie ist, mit großem Abstand, seine bis dahin erfolgreichste Solo-LP. Seine nächste LP „Thriller“ (1982) katapultiert ihn in ungeahnte Höhen mit Disco-tauglichen Songs und Musikvideos, die damals breit rezipiert wurden, weil sie auch von Regiestars, wie John Landis („Thriller“) und Martin Scorsese („Bad“), inszeniert wurden. Die Videos tendierten in Richtung Kurzfilm. 67 Millionen verkaufte LPs (und damit das am meisten verkaufte Musikalbum weltweit) und sieben unglaublich erfolgreiche Single-Auskopplungen aus einer neun Songs umfassenden LP sprechen eine deutliche Sprache. Die Nachfolge-LP „Bad“ (1987), die dritte und letzte Zusammenarbeit von Jackson mit Quincy Jones (der im Film galant ignoriert wird), kann diesen Mega-Erfolg nicht wiederholen. Aber mit Hits wie „I Just Can’t Stop Loving You“, „Bad“, „The Way You Make Me Feel“, „Man In The Mirror“ und „Dirty Diana“ und 35 Millionen verkauften LPs ist sie auch kein Flop. Sie steht auf Platz 16 der meistverkauften Musikalben und ist drittbeste verkaufte Album von Michael Jackson.

Antoine Fuqua beendet sein chronologisch erzähltes Biopic „Michael“ 1988 mit einem Stadionkonzert in London. Es beginnt 1966 im Haus der Familie Jackson beim gemeinsamen Proben vor dem Vater für künftige Auftritte. „Michael“ endet als Michael Jackson auf dem Höhepunkt seines Erfolgs ist. Alles was danach kommt, wird nicht beachtet. Fuqua erzählt nur die Geschichte seines Aufstiegs, den Jahren, in denen er die Popkultur beeinflusst und er ein Idol ist. Dass Fuqua die späteren Jahre komplett ignoriert, ist nicht das Problem des Biopics. Das ist, wir reden hier von einem Film, der die Massen in die Kinos locken soll, eine nachvollziehbare künstlerische und kommerzielle Entscheidung. Dass Jacksons langjähriger Manager, Anwalt und Testamentsvollstrecker John Branca (im Film gespielt von Miles Teller) in den Film involviert sind, ist definitiv nicht das Hauptproblem des Films. In anderen Musiker-Biopics ist es ähnlich. Sie alle sind, mehr oder weniger, unkritische Heldenverehrungen. Die Erben haben natürlich aus rein pekuniären Erwägungen ein Interesse ein einem positiven Bild des Porträtierten. Schließlich soll so ein Biopic die Plattenverkäufe ankurbeln. Beispielsweise indem der Soundtrack zum Film, auch in diesem Fall eine weitere Best-of-Compilation, zum Verkauf angeboten wird. Die Macher des Films bekommen für diese Kritiklosigkeit einen exclusiven Einblick in das Leben des Künstlers und sie kommen günstig an die Musikrechte heran.

In diesem Fall sogar an den Hauptdarsteller Jaafar Jackson. In seinem Schauspieldebüt spielt er seinen Onkel Michael Jackson. Singen musste er nicht. Im Film werden, wie der Abspann verrät, ausschließlich von Michael Jackson gesungene Versionen der Hits verwendet. Tanzen musste Jaafar Jackson schon – und je länger „Michael“ dauert, umso mehr drängt sich der Eindruck auf, dass Michael Jackson sich nicht für die Musik, sondern für das Tanzen interessierte. Jedenfalls tanzte er sehr gerne.

Das Problem von „Michael“ ist, dass die Macher keine Ahnung haben, was sie erzählen wollen. Sogar die vielen schlechten Biopics, die in den letzten Jahren im Kino liefen, hatten eine Idee davon, weshalb sie einen bestimmten Künstler und einen bestimmten Abschnitt aus seinem Leben auswählten oder sich für eine bestimmte Erzählstruktur und Stil entschieden.

Genau diese Idee fehlt hier. Chronologisch werden Episoden aus dem Leben von Michael Jackson in erschreckend biederer Manier aneinandergefügt. Bekannte Songs erklingen. Der kreative Prozess, der zu den Hits führte, wird nicht beachtet. Michael Jackson tanzt über die Bühne. Die bekannten Plattencover werden kurz gezeigt. Dazwischen irrlichtert Jackson zwischen herzigen Begegnungen mit kranken Kindern in Krankenhäusern, einsamen Abenden in der Familienvilla mit seiner Mutter und seinen Haustieren, wie seinem Affen Bubbles (laut Presseheft digital zum Leben erweckt), vor dem Fernseher, oder, mehrmals, beim Vorlesen eines Peter-Pan-Kinderbuches und Schlägen und Streit mit seinem Vater, dem Bösewicht des Films. Und das wars.

Von all den schlechten Künstler-Biopics, die ich in den vergangenen Jahren sah, gehört „Michael“ eindeutig zu den schlechtesten Musiker-Biopics. Es existiert nur als Werbematerial für die LPs von Michael Jackson und damit zusammenhängende Produkte.

Dabei sind Antoine Fuquas frühere Filme, wie „Training Day“, „Die glorreichen Sieben“ und die „Equalizer“-Filme, sehenswert. John Logan schrieb die Drehbücher für „Gladiator“, „The Aviator“ und die James-Bond-Filme „Skyfall“ und „Spectre“. Die Wissen, wie eine Geschichte erzählt wird. Deshalb wäre von ihnen ein deutlich besserer Film zu erwarten gewesen.

Nach zwei Stunden endet das Biopic mit der Texteinblendung „His Story continues“. Einige interpretieren das, auch wegen verschiedener Statements der Macher, als einen Hinweis auf einen kommenden zweiten Teil. Das halte ich bestenfalls für Wunschdenken. Denn alles was nach 1988 im Leben von Michael Jackson kam, taugt nicht für ein Plattenverkäufe ankurbelndes, den Musiker verehrendes Biopic. Das wäre die spielfilmlange Demontage eines Superstars. Oder eine „Neverland“-Fantasy-Geschichte.

Michael (Michael, USA 2026)

Regie: Antoine Fuqua

Drehbuch: John Logan

mit Jaafar Jackson, Nia Long, Juliano Krue Valdi, Keilyn Durrell Jones, Laura Harrier, Miles Teller, Colman Domingo, Larenz Tate, Mike Myers, Kendrick Sampson, Deon Cole

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Michael“

Metacritic über „Michael“

Rotten Tomatoes über „Michael“

Wikipedia über „Michael“ (deutsch, englisch) und Michael Jackson (deutsch, englisch)

AllMusic über Michael Jackson

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Training Day” (Training Day, USA 2001)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest” (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr” (Olympus has fallen, USA 2013)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “The Equalizer” (The Equalizer, USA 2014)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Southpaw” (Southpaw, USA 2015)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben“ (The Magnificent Seven, USA 2016)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas „The Equalizer 2“ (The Equalizer 2, USA 2018)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas „The Equalizer 3 – The Final Chapter“ (The Equalizer 3, USA 2023)