„Im Namen der Lüge“ lassen wir die RAF auferstehen

Melia Khalid ist Referatsleiterin für Linksextremismus beim Verfassungsschutz und, wie ihr Name verrät, ist sie migrantischstämmig. Das macht sie schon auf den ersten Blick zu einer ungewöhnlichen Beamtin. Vor allem weil der Verfassungsschutz, wie Horst Eckert in seinem neuen Polit-Thriller „Im Namen der Lüge“ mehrmals betont, eine Männerbastion ist und die Mitarbeiter in ihren politischen und gesellschaftlichen Einstellungen alle etwas konservativ sind. Die Gefahr für den Staat kommt für sich notorisch von links. Daher schrillen bei ihnen auch die Alarmglocken, als ein Pamphlet auftaucht, das von einer neuen RAF faselt und zum bewaffneten Kampf aufruft.

Khalid, die von dem Papier erst durch einen Kollegen erfährt, soll herausfinden, ob das Papier echt ist. Also ob sich wirklich, unterstützt von der linksradikalen Szene, eine neue RAF-Generation im Untergrund formiert. Und sie soll Jens Nickel wieder als V-Mann anheuern. Er ist in Düsseldorf inzwischen Inhaber einer finanziell notleidenden linken Buchhandlung. Nickel behauptet, sie mit wertvollen Informationen versorgen zu können. Khalid glaubt das nicht und als sie mehr über Nickels Vergangenheit als Linksradikaler und Spitzel erfahren will, stellt sie fest, dass genau diese über zwanzig Jahre alten Akten verschwunden sind. Ihre Bedenken hindern sie nicht daran, Nickels Buchhandlung als linkes Zentrum aufzubauen und Konflikte zu schüren, die die neue RAF zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung machen.

Zur gleichen Zeit ermittelt Vincent Veih, den langjährige Horst-Eckert-Fans bereits aus mehreren Romanen kennen, in einem neuen Mordfall. Dieses Mal wurde ein Journalist, der undercover in der rechten Prepper- und Reichsbürgerszene ermittelte, ermordet. Veih glaubt nicht, dass es sich um eine Beziehungstat handelt.

Mit 576 Seiten ist Horst Eckerts neuer Polit-Thriller „Im Namen der Lüge“ sein seitenstärkstes Buch. Weil seine früheren Bücher ein anderes Layout haben, ist ein schneller direkter Vergleich nicht möglich. Und auch nicht nötig. Denn ob jetzt dieses oder jenes Buch etwas dicker ist, ist egal. Wichtiger ist der Inhalt. Und der stimmt auch dieses Mal. Gewohnt nah an den Schlagzeilen entwickelt Eckert seinen Thriller, in dem schnell die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Zur Freude langjähriger Eckert-Fans tauchen auch einige aus seinen früheren Romanen bekannte Figuren wieder auf. Die meisten, wie der Boulevardreporter Alex Vogel, haben dabei nur einen kurzen Auftritt. Vincent Veih hat dieses Mal nur die zweite Hauptrolle. Eckert schrieb mehrere Romane mit ihm als Protagonisten und seine ebenso farbenfrohe, wie problematische Biographie wurde zunehmend zu einem Problem. Denn jeder Vincent-Veih-Krimi war auch um diese Biographie herumgestrickt. Jedes Mal ging es um die Beziehung zu seinem Nazi-Großvater, der ihn erzog, und zu seiner Mutter, die als linke Terroristin gegen das System kämpfte, niemals ihre Kameraden verriet, jetzt als Künstlerin Erfolg hat und immer noch viele Freunde aus ihrer Zeit als Terroristin hat. Sie alle tauchen mehr oder weniger ausführlich in jedem Veih-Roman auf. Auch in der zweiten Hälfte von „Im Namen der Lüge“ wird dies wichtig. Denn selbstverständlich gerät sie als ehemalige Terroristin in den Fokus der Ermittlungen. Und ebenso selbstverständlich helfen Veihs Mutter und ihre Kampfgefährten ihren im Untergrund lebenden RAF-Freunden, die sich mit Überfällen auf Geldtransporter über Wasser halten. Als ein Mitglied der RAF-Rentnergang tot im Kofferraum eines Autos gefunden wird, wird diese Ehemaligenhilfe zu einem Fall für Veih.

Wie immer – und das ist die gute Nachricht – verknüpft Eckert gekonnt die verschiedenen Erzählstränge und enthüllt langsam das schon im Klappentext angedeutete Komplott von Rechts. Angesichts der realen Arbeit des Verfassungsschutzes – ich sage nur NSU und Hans-Georg Maaßen – wirkt das von Eckert entworfene Komplott gar nicht so wahnsinnig fiktiv. Eckert benutzt dabei, wie die grandiosen Siebziger-Jahre-Politthriller, Verschwörungstheorien um über Missstände und Fehlentwicklungen aufzuklären. Und das tut er gewohnt spannend.

Horst Eckert: Im Namen der Lüge

Heyne, 2020

576 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“ (2005)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“ (2007)

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft” (2009)

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“

Meine Besprechung von „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“ (2010)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzer Schwan“ (2011)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzlicht“ (2013)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schattenboxer“ (2015)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Wolfsspinne“ (2016)

2 Responses to „Im Namen der Lüge“ lassen wir die RAF auferstehen

  1. […] Horst Eckert: Im Namen der Lüge […]

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