Neu im Kino/Filmkritik: „Nebenan“ in der Eckkneipe trifft ein Schauspieler auf einen Stammgast

Juli 15, 2021

Sympathisch ist dieser Schauspieler nicht und Daniel Brühl bemüht sich in seinem Regiedebüt „Nebenan“ in den ersten Minuten sehr erfolgreich, den von ihm gespielten Protagonisten als von sich selbst überzeugtes, egozentrisches Arschloch einzuführen. Da muss alles an seinem Platz sein. Die Kinder müssen still sein. Und selbstverständlich muss die nur mit einem Fahrstuhl erreichbare Maisonettewohnung picobello sauber sein. Auch die überlaute, sich wie ein leicht dissonantes Uhrwerk anzuhörende und später an wenigen Stellen präzise eingesetzte Musik von Jakob Grunert und Moritz Friedrich trägt dazu bei, sich möglichst unwohl zu fühlen.

Aber dann, wenn Daniel auf dem Weg von seiner Wohnung im Prenzlauer Berg auf dem Weg zum Flughafen einen kurzen Stopp in seiner Stamm-Eckkneipe „Zur Brust“ einlegt und dort Bruno (Peter Kurth) trifft, verändert sich alles. Bruno wirkt wie der nette, vielleicht etwas muffelige Nachbar und dass er den schnöseligen Schauspieler wohltuend respektlos behandelt, ist erfrischend. Zunächst.

Denn Bruno hat eine überaus negative Meinung zu Daniels Filmen. Vor allem die Filme, in denen er DDRler spielte, gefallen dem Ossi Bruno nicht. Das sei alles nicht authentisch.

Aber schnell wird offensichtlich, dass es Bruno nicht nur um das Herunterputzen des erfolgreichen Schauspielers und Gentrifizierer geht. Er lebt in der gegenüberliegenden Wohnung und hat einen Blick auf Daniels lichtdurchflutete Wohnung, die wie ein Fremdkörper in dem Altbau wirkt. Bruno lebte schon zu DDR-Zeiten dort. Er wuchs in dem Haus auf. Er sieht sich jetzt als den Blockwart des Hauses, der alles über seine Nachbarn weiß und auch keine Scham spürt, wenn er ihnen nachschnüffelt. Schließlich hat der Wendeverlierer das schon in der DDR gemacht.

Aus dieser Begegnung zweier gegensätzlicher Figuren entwickelt Daniel Kehlmann, der das Drehbuch zusammen mit Ideengeber Daniel Brühl entwarf, ein schwarzhumoriges Kammerspiel, in dem Peter Kurth und Daniel Brühl groß aufspielen können, während Bruno mit boshafter Freude Daniels Leben zerstört.

Das Leben dieses Film-Daniel weist dabei zahlreiche Gemeinsamkeiten mit Daniel Brühls Biographie auf. So lebt Brühl in Berlin ebenfalls im Prenzlauer Berg, ist ebenfalls verheiratet und hat ebenfalls zwei Söhne. Weltweit bekannt wurde Brühl 2003 mit dem unglaublich erfolgreichem DDR-Film „Good Bye, Lenin!“. Im Film beschwert Bruno sich als erstes über Daniels Darstellung eines Ostlers vor zwanzig Jahren in einem Kassenhit. Im Film bereitet Daniel sich auf ein Casting für eine Rolle in einem Superheldenfilm vor. Brühl spielte 2016 in dem Superheldenfilm „The First Avenger: Civil War“ (Captain America: Civil War) mit. Undsoweiterundsofort. Allerdings behauptet Brühl, er sei nicht so gockelhaft wie Daniel und viel netter. In jedem Fall sollte „Nebenan“ nicht als autobiographisches Werk, sondern als eine Fiktion über das Verhältnis von Prominenten und Fans, von Zugezogenen und Einheimischen (die über die in Szene-Vierteln uferlos steigenden Mieten stöhnen) und von Westlern und Ostlern sehen.

Das sich schnell entwickelnde intensive Psychoduell zwischen diesen beiden gegensätzlichen Figuren ist wendungsreich, höchst unterhaltsam mit seinen pointierten Dialogen und auch hochgradig künstlich. Schließlich konnte Bruno nicht wissen, dass Daniel einen Zwischenstopp in der Eckkneipe macht. Das wusste Daniel selbst vorher nicht.

Damit wäre es eine zufällige Begegnung, auf die Bruno ausgezeichnet vorbereitet ist. Denn in einer Plastiktüte schleppt er all die Dokumente, wozu auch einige Bankunterlagen gehören, mit, mit denen er Daniels perfektes Leben zerstören kann.

Nebenan“ ist ein großer Spaß ohne einen eindeutigen Gewinner oder Verlierer. Jetzt läuft das neunzigminütige Kammerspiel, das fast ausschließlich in der Eckkneipe spielt, im Kino und demnächst, wenn Kehlmann das Drehbuch als Theaterstück freigibt, sicher auch auf einigen Theaterbühnen. Viel müsste dafür nicht geändert werden.

Nebenan (Deutschland 2021)

Regie: Daniel Brühl

Drehbuch: Daniel Kehlmann (nach einer Idee von Daniel Brühl)

mit Daniel Brühl, Peter Kurth, Rike Eckermann, Aenne Schwarz, Gode Benedix, Vicky Krieps

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Nebenan“

Moviepilot über „Nebenan“

Rotten Tomatoes über „Nebenan“

Wikipedia über „Nebenan“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Alles ist gut“ – stimmt nicht

September 30, 2018

Janne und ihr Freund Piet wollen in einem Dorf in Niederbayern ein Haus renovieren. Sie sind jung. Finanziell geht es ihnen im Moment nicht so gut. Denn ihr letztes Projekt, ein kleiner Verlag, scheiterte. Aber das Angebot von Robert, bei ihm im Verlag als Lektorin zu arbeiten, klingt verlockend. Auch wenn – ich greife hier ziemlich weit vor – Janne lange zögert, das Angebot anzunehmen.

Eines Abends geht Janne zu einer Klassenfeier. Dort trifft sie den ihr unbekannten, aber ganz sympathischen Martin. Sie trinken. Sie feiern. Und weil Martin zu betrunken ist, um noch nach Hause zu fahren, bietet sie ihm an, dass er bei ihnen auf der Couch schlafen kann. In der Wohnung vergewaltigt er sie.

Janne geht allerdings nicht zur Polizei. Sie will den Vorfall verdrängen.

Aber als sie Martin auf ihrer neuen Arbeitsstelle trifft, er sogar ihr Vorgesetzter sein soll und er sie fragt, was sie tun möchte, ist sie ratlos. Denn er fühlt sich irgendwie schuldig und er möchte ihre Wünsche berücksichtigen. Aber was will sie?

Bis es zu dieser zweiten Begegnung zwischen Janne und ihrem Vergewaltiger kommt, ist schon sehr viel Filmzeit vergangen, in denen nicht viel passiert. Auch weil Janne zuerst so tut, als sei überhaupt nichts passiert. Sie ist, in den Worten der Regisseurin Eva Trobisch, „eine Figur, deren Eigenschaften ich von einigen Frauen meiner Generation gut kenne. Sie sind gebildet, aufgeklärt, gleichberechtigt und, ganz wichtig, unkompliziert. Sie empfinden sich in keiner Weise unterdrückt.“

Janne ist auch eine Frau, die meist passiv-aggressiv reagiert und eigentlich immer ausweicht, anstatt sich klar zu positionieren. Das macht sie zu einem durchaus interessanten Charakter, der, so wie er in „Alles ist gut“ präsentiert wird, abseits der bekannten Konventionen liegt. Es ist allerdings auch ein Charakter, der vor allem nervt.

Das ist ein Problem von Eva Trobischs Spielfilmdebüt. Ein anderes Problem ihrer Charakterstudie ist, dass die Geschichte, deren katastrophaler Verlauf schnell absehbar ist, sich viel zu langsam entwickelt.

Auf dem Filmfest München, wo der Film seine Premiere hatte, erhielt er den Förderpreis Neues Deutsches Kino, den Fipresci Preis und Eva Trobisch und Hauptdarstellerin Aenne Schwarz wurden ausgezeichnet.

Alles ist gut (Deutschland 2018)

Regie: Eva Trobisch

Drehbuch: Eva Trobisch

mit Aenne Schwarz, Andreas Döhler, Hans Löw, Tilo Nest, Lisa Hagmeister, Lina Wendel

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Alles ist gut“

Moviepilot über „Alles ist gut“

Wikipedia über „Alles ist gut“


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