Neu im Kino/Filmkritik: „Promising Young Woman“ Carey Mulligan und ihr problematischer Umgang mit Männern

Cassie sitzt in einer Bar. Vollbusig, etwas nuttig, reichlich naiv und vollkommen zugedröhnt. Für Männer ist sie ein leichtes Opfer. Bis einer der zahlreichen männlichen, anzugtragenden Kunden, ganz hiflsbereiter Charmeur der alten Schule, anbietet, sie nach Hause zu bringen. Bei einem Abstecher in seine Wohnung möchte er für diese Gefälligkeit mit etwas Sex bezahlt werden. Aber Cassie möchte das nicht. Sie ist auch nicht zugedröhnt, sondern stocknüchtern.

Was danach geschieht, erfahren wir nicht.

Aber im nächsten Moment stolpert Cassie über die Straße. Ihre Kleider sind derangiert, aber sie wirkt, als sei sie sehr zufrieden mit dem Verlauf der letzten Nacht.

In den nächsten Nächten wiederholt sich das Spiel. Immer mit einem anderen Zufallsbekanntschaft. Und immer mit einem weiteren Strich in ihrem Notizbuch.

Warum die intelligente Dreißigjährige, die ihr Medizinstudium zugunsten eines Aushiflsjobs in einem Café abbrach und die noch immer in ihrem Kinderzimmer wohnt, das tut, bleibt lange rätselhaft in Emerald Fennells Regiedebüt „Promising Young Woman“, für das sie auch das Drehbuch schrieb. Fennell spielt in „The Crown“ Camilla Shand/Camilla Parker Bowles. Außerdem war sie Showrunner für die zweite Staffel von „Killing Eve“. Sie schrieb auch fast alle Drehbücher. Und sie veröffentlichte einige Kinderbücher und einen Horrorroman. Für „Promising Young Woman“ erhielt sie den Drehbuchoscar. Außerdem war sie für die beste Regie und der Film als bester Film nominiert. Laut IMDB gewann „Promising Young Woman“ 109 Preise und wurde für 169 weitere Preise nominiert.

Das ist dann doch ein etwas zu großer Preisregen für eine kleinen, fiesen B-Rachethriller, der, nachdem Cassies Motiv bekannt ist, doch sehr in den üblichen Bahnen eines Rachethrillers verläuft. Das geschieht ziemlich spät im Film und soll deshalb hier nicht verraten werden.

Die erste Hälfte, in der Cassie in Bars als scheinbares Opfer Männer abschleppt und ihnen, ähm, eine Lektion erteilt, dockt gelungen an die Sehgewohnheiten und Erwartungen an. Damit ist dieser Teil auch ein Kommentar zur #MeToo-Debatte mit dem eindeutigen, immer noch aktuellem Hinweis, dass ein „Nein“ ein „Nein“ ist und dass das keine Einladung zu einer Vergewaltigung ist. Was Cassie mit ihren Opfern anstellt, erfahren wir auch später. Und auch das soll hier nicht gespoilert werden.

Ein Problem des Films ist, das kann gesagt werden, dass die beiden Hälften nicht wirklich zusammen passen. Denn Cassies Aktionen in der ersten Hälfte bringen sie nicht näher an ihr Ziel.

Aber der Rachethriller ist so gut gespielt und so schwarzhumorig auf den Punkt inszeniert, dass man gefesselt zusieht. Auch weil Fennell immer mit den Erwartungen und Sehgewohnheiten des genrekundigen Publikums spielt.

So ist „Promising Young Woman“ ein überzeugendes, zum Nachdenken anregendes Regiedebüt, ein feministisch gefärbter Noir und ein fieser kleiner Rachethriller, in dem Carey Mulligan sich als Cassie austoben kann.

Das ist nicht neu, aber aus einem erfrischend anderem Blickwinkel präsentiert. Denn normalerweise werden solche Genrefilme von Männern gedreht.

Für Noir-Fans ist „Promising Young Woman“ also ein Pflichttermin.

Promising Young Woman (Promising Young Woman, USA 2020)

Regie: Emerald Fennell

Drehbuch: Emerald Fennell

mit Carey Mulligan, Laverne Cox, Bo Burnham, Alison Brie, Connie Britton, Jennifer Coolidge, Max Greenfield, Christopher Mintz-Plasse, Chris Lowell, Sam Richardson, Molly Shannon, Clancy Brown, Adam Brody, Alfred Molina

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Promising Young Woman“

Metacritic über „Promising Young Woman“

Rotten Tomatoes über „Promising Young Woman“

Wikipedia über „Promising Young Woman“ (deutsch, englisch)

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