Neu im Kino/Filmkritik: Der Berlinale-Gewinner 2020 „Doch das Böse gibt es nicht“

Ein einfacher Film ist „Doch das Böse gibt es nicht“ nicht. Schließlich gewann Mohammmed Rasoulofs Film 2020 auf der Berlinale den Goldenen Bären. Und Berlinale-Gewinner sind normalerweise keine vergnüglichen Feelgood-Filme, sondern Arthaus-Kino. Wegen der Coronavirus-Pandemie kommt der Film erst jetzt in unsere Kinos.

Außerdem ist das Werk hundertfünfzig Minuten lang.

Dafür gibt es vier Geschichten, die aus dem Leben im heutigen Iran erzählen. Es sind thematisch miteinander verbundene Kurzgeschichten, die erst durch ihr Ende ihre Bedeutung gewinnen. Immer geht es um das Leben und Überleben in einer Diktatur. Immer geht es um die Todesstrafe und die Frage, ob man mit den Machthabern zusammenarbeiten soll oder welche Kosten man für die Weigerung einer Zusammenarbeit auf sich nehmen muss. Immer stehen ganz gewöhnliche Männer im Mittelpunkt, die manchmal schon vor langer Zeit eine Entscheidung getroffen hatten. Weil die Schlusspointen der Geschichten nicht verraten werden sollen, ist es schwierig über die vier Geschichten zu reden.

So geht es um einen ganz normalen, verheirateten Mann, der nachts arbeitet. Was er tut, erfahren wir erst in der letzten Minute. Bis dahin beobachten wir ihn mit seiner Familie, seinen Nachbarn und seinen Bekannten. Es ist ein ganz gewöhnliches Leben, das sich nicht von dem Leben von tausenden anderer Angestellter und Arbeiter im Iran und in anderen Ländern unterscheidet.

In einer anderen Geschichte will ein Soldat, der eine bestimmte Tätigkeit nicht übernehmen möchte, will aus dem Gefängnis ausbrechen.

In der vorletzten Geschichte will ein anderer Soldat um die Hand seiner Freundin anhalten. Vor seiner Ankunft wurde ein älterer Freund seiner zukünftigen Frau getötet.

In der vierten Geschichte geht es um eine junge Frau, die in den Iran zurückkehrt, um einen älteren Mann zu besuchen. Zwischen beiden herrscht eine große Sprachlosigkeit.

Mohammed Rasoulof drehte den Film unter schwierigen Bedingungen. Für seine sieben Spielfilme, die seit 2002 entstanden, erhielt er zahlreiche Preise. Aber seit fünfzehn Jahren steht er im Fokus der iranischen Zensurbehörden. Sie verbietet eine öffentliche Aufführung seiner Filme: Auch Dreharbeiten gestalten sich für Rasoulof schwierig. Für „Doch das Böse gibt es nicht“ beantragte er deshalb keine Drehgenehmigung. Stattdessen meldete er vier Kurzfilme an, die von verschiedenen, nicht existierenden Regisseuren inszeniert werden sollten. An den Dreharbeiten nahm er teilweise verkleidet, teilweise überhaupt nicht teil . So übernahm am Teheraner Flughafen die Regieassistenz die Regie.

Er inszenierte die Geschichten vor allem als geduldiger, sich jeder Bewertung enthaltenden Beobachter seiner Figuren. Sie verrichten alltäglliche Tätigkeiten. Sie schweigen. Teilweise weil sie nicht darüber reden wollen, teilweise weil sie nicht darüber reden müssen. Damit überlässt Rasoulof es dem Zuschauer, seine Schlüsse aus dem Gezeigten zu ziehen. Gleichzeitig wirkt der gesamte Film etwas zäh.

Das liegt auch daran, dass die vier Geschichten nicht miteinander zusammenhängen oder aufeinander aufbauen. Sie könnten auch in irgendeiner anderen Reihenfolge gezeigt werden.

Doch das Böse gibt es nicht (Sheytan vojud nadarad/There is no Evil, Deutschland/Tschechische Republik/Iran 2020)

Regie: Mohammad Rasoulof

Drehbuch: Mohammad Rasoulof

mit Ehsan Mirhosseini, Shaghayegh Shourian, Kaveh Ahangar, Alireza Zareparast, Salar Khamseh, Darya Moghbeli, Mahtab Servati, Mohammad Valizadegan, Mohammad Seddighimehr, Jila Shahi, Baran Rasoulof

Länge: 152 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Doch das Böse gibt es nicht“

Moviepilot über „Doch das Böse gibt es nicht“

Metacritic über „Doch das Böse gibt es nicht“

Rotten Tomatoes über „Doch das Böse gibt es nicht“

Wikipedia über „Doch das Böse gibt es nicht“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Doch das Böse gibt es nicht“

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