Zu überraschende Schlusspointe

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++Achtung: diese Besprechung verrät das Ende++

 

Nach dem spannenden Gerichtsthriller „Zug um Zug“ legte Andreas Hoppert jetzt mit „Menschenraub“ eine enttäuschende Kopfgeburt vor. Dabei beginnt „Menschenraub“ spannend. Drei Männer fahren mit einer betäubten Geisel auf eine Polizeisperre zu. Weil Jochen die Gegend kennt, können sie unerkannt zu ihrem Versteck fahren. Dank eines Zeugen weiß die Polizei bereits vor dem ersten Anruf der Erpresser, dass die sechzehnjährige Millionärstochter Daniela Schwalenberg entführt wurde.

Die Soko-Leiterin Helen Baum, eine nur im Studium von Statistiken erfahrene politische Beamtin, versucht ihre mangelnde Kompetenz durch die wagemutige Theorie, dass das Opfer ihre Entführung inszenierte, wettzumachen.

Zur gleichen Zeit ist Hopperts Serienheld Marc Hagen mit einem anderen Fall beschäftigt. Seine Chefin Dr. Irene von Kleist hat ihm den Mandanten Peter Schlüter überlassen. Sie muss ihrer Schwester seelischen Beistand bei der Entführung leisten. Immerhin ist die entführte Daniela ihre Nichte.

Schlüter hat auf dem Speicher des elterlichen Mietshauses eine mumifizierte Leiche entdeckt. Er bittet Hagen, herauszufinden, wer die Tote ist und wer sie vor ungefähr dreißig Jahren umbrachte. Gegen ein stattliches Honorar ist Hagen einverstanden.

Auf den ersten Blick haben beide Geschichten nichts miteinander zu tun. Aber selbstverständlich hängen die Entführung und der Mord irgendwie miteinander zusammen und Hopperts Serienheld Marc Hagen wird eine wichtige Rolle bei der Entführung spielen.

Das kann gesagt werden, ohne etwas vom Ende zu verraten. Wer „Menschenraub“ lesen will, ohne das Ende zu kennen, muss jetzt aufhören. Die anderen dürfen weiterlesen.

Die Verknüpfung der beiden Geschichten ist nämlich so überraschend, dass ich das Buch am Ende zuklappte und mich von Hoppert belogen fühlte. Für diese Besprechung habe ich mir natürlich die kritischen Stellen wieder angesehen und ich muss zugeben: Hoppert lügt nicht. Aber der Plot von „Menschenraub“ ist eine nicht funktionierende Kopfgeburt.

Denn Hoppert erzählt nicht zwei, sondern drei Geschichten, die durch abenteuerliche Zufälle über drei Jahrzehnte miteinander verknüpft werden. Er erzählt von den Ermittlungen der Polizei bei einer Entführung (heute). Er erzählt von den Ermittlungen Hagens in einem Mordfall (heute). Er erzählt von einer Entführerbande und ihre Opfer (damals).

Diese Verknüpfung von drei Erzählsträngen, die erst am Ende aufeinander stoßen, könnte funktionieren, wenn jeder Erzählstrang eine eigene Dynamik hätte und ihr Verhältnis zueinander erahnbar, oder, was noch besser wäre, wenn sie sich gegenseitig beeinflussen würden. Doch in „Menschenraub“ laufen die einzelnen Geschichten unverbunden nebeneinander her und auch ihre Verknüpfung am Ende ist gewollt.

Damit sind wir beim wichtigsten Grund für das Scheitern von „Menschenraub“. Die Hinweise auf die richtige Lösung sind so spärlich, dass man sie nur erkennt, wenn man die Lösung kennt. So erwähnt Hoppert, wenn er aus Sicht der Geisel erzählt, nie den Namen der Geisel. Doch warum sollte er? Sie ist die einzige Frau unter den Entführern und für diese tatsächlich nur ein Ding, mit dem sie Geld verdienen wollen. Es gibt keine Hinweise auf die Handlungszeit. Die Abwesenheit von Handys, Computern und iPods könnte misstrauisch machen, wenn es für Entführer nicht sehr vernünftig wäre, ihre Anrufe nicht mit ihrem Handy zu tätigen. Auch die Lebensgeschichte von Freddy, dem Planer, könnte misstrauisch machen. Er hat zuletzt drei Millionen Mark gestohlen. Aber er wurde zu D-Mark-Zeiten verhaftet und nach acht Jahren aus der Haft entlassen. Das alles lässt keine Rückschlüsse auf eine bestimmte Zeit zu. Dagegen deutet der Satz „Wenn die Bullen wussten, wer hier versteckt wurde, hätten sie doch mit Sicherheit ein Spezialeinsatzkommando vorbeigeschickt und nicht diese beiden Dorfpolizisten, oder?“ auf die Gegenwart. Denn in den Siebzigern waren SEKs noch nicht so en vogue wie heute.

Doch diese Entführung spielt in den Siebzigern. Damals entführte Freddy mit zwei Kumpels eine fünfzehnjährige Millionärstochter. Daniela Schwalenbach spielt heute diese Entführung nach. Die damalige Entführung ging schief, Die Geisel starb und wird dreißig Jahre später als mumifizierte Leiche auf dem Speicher eines Mehrfamilienmietshauses entdeckt.

Und so kommen wir zum nächsten wichtigen Grund für das Scheitern von „Menschenraub“: die zahlreichen, aberwitzigen Zufälle. Denn damit diese Konstruktion mit zwei Zeitebenen und drei Geschichten funktioniert, muss die Leiche zufällig genau an dem Tag entdeckt werden, an dem die Entführung stattfindet. Dann muss zufällig die Kanzlei von Kleist mit dem Mandat beauftragt werden und zufällig muss von Kleist mit den Schwalenbachs verwandt sein. Denn natürlich hatte Schlüter den Fund der Leiche auch der Polizei melden können.

Weil in „Menschenraub“ nicht Hopperts Seriencharakter Marc Hagen, sondern die Soko-Leiterin Helen Baum die treibende Kraft der Hauptgeschichte ist, sollte sie irgendwie sympathisch sein. Aber sie ist immer eine überforderte, unsympathisch-rechthaberische Person. Sie leiert ständig die neuesten statistischen Erkenntnisse herunter. Sie ist von Anfang an überzeugt, dass die Entführung fingiert ist und geht keiner anderen Spur nach. Sie hat zwar am Ende Recht, aber weil es keine stichhaltigen Anhaltspunkte für ihre Vermutung gibt, muss die ganze Zeit angenommen werden, dass sie in eine vollkommen falsche Richtung ermittelt.

Diese Ermittlungen laufen, wie die Entführung mit dem Spiel von Kontaktaufnahme und Lösegeldübergabe, lehrbuchhaft ohne große Überraschungen ab. Auch die Ermittlungen von Hagen in dem alten Mordfall folgen dem gewohnten Spiel von Spur A zu Spur B zu Spur C. Das erzählt Hoppert nicht schlecht, aber weil die Mordermittlung bis zum Ende des Romans keine Verbindung zur Geiselnahme-Geschichte hat, stellt sich beim Lesen immer wieder die Frage, was die beiden in der Gegenwart spielenden Geschichten miteinander zu tun haben.

Nach „Zug um Zug“ hatte ich von Andreas Hoppert einen spannenden Thriller mit überraschenden Wendungen über eine Entführung erwartet. „Menschenraub“ ist ein formelhafter Langweiler mit einer missglückten Schlusspointe.

 

 

Andreas Hoppert: Menschenraub

Grafit, 2007

256 Seiten

9,50 Euro

 

Meine Besprechung von „Zug um Zug“

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