Der in der nahen Zukunft spielende Politthriller „Trias“ von Marc Kayser hat 560 Seiten. Auf Seite 171 zog ich die Reisleine. Doch schon nach den ersten Zeilen hätte ich das Buch zuklappen können: „Das Wetter war mies an diesem Novembertag. Vom nahen Grenzgebiet zu Polen zog Nebel Richtung Westen, der sich kalt und schwer auf die Straße legte.“ Das ist kein verheißungsvoller Anfang. Auf den nächsten vier Seiten wird es nicht besser. Ein Politiker lässt sich zu einem Treffen fahren. Nach vier Seiten fährt er in eine Sprengfalle und stirbt. Das ist ein Schock. Aber Schocks sind, weil sie unvermittelt kommen, nicht spannend. Spannend ist es, wenn die Explosion vorbereitet wird. Zum Beispiel indem erzählt wird, wie die Terroristen die Bombe befestigen und dann der Politiker auf die Fahrt in den Tod geschickt wird.
Doch das ist nicht ein missglückter Anfang, sondern – im gesamten ersten Teil von „Trias“ – ein durchgängiges Prinzip. Kayser hangelt sich, mit viel Leerlauf, von einer Überraschung zur nächsten, führt in epischer Breite eine Unzahl von verschiedenen Charakteren rund um den Globus ein, ohne etwas Wesentliches über sie zu verraten oder seine Geschichte zu erzählen. So hat wenige Seiten später die Bundeskanzlerin einen fast achtseitigen Auftritt, in dem einiges über die gesellschaftliche Lage (hat bis auf Seite 171 keine Bedeutung für die Handlung) und das geplante Abkommen „Trias“ (dito) verraten wird und sie am Ende vom Tod ihres Staatssekretärs erfährt. Bis Seite 171 ist diese Szene vollkommen unwichtig. Die Kanzlerin hat keinen weiteren Auftritt. Von ihren Aktionen nach dem Attentat erfahren wir nichts.
Kayser gelingt es mit den vielen, lieblos eingeführten Charakteren nur, einen spannungslosen Wust zu präsentieren, bei dem auch nach fast einem Drittel des Buches immer noch nicht deutlich wird, welche Geschichte Marc Kayser erzählen will.
Auf den ersten 170 Seiten von „Trias“ ist, auch dank des Klappentextes, nur erahnbar, dass es um ein geheimes Rohstoffabkommen geht, das in wenigen Wochen zwischen Amerika, Deutschland und Russland beschlossen werden soll. Terroristen (ob eine oder mehrere Gruppen ist unklar) haben, fast zeitgleich, den deutschen Verhandlungsführer und den stellvertretenden russischen Außenminister umgebracht. BKA-Ermittler Markus Croy glaubt, dass die Täter aus dem Osteuropäischen Raum kommen. Allerdings wollen auch – wahrscheinlich – verschiedene andere Gruppen und Staaten das Abkommen sabotieren. Da ist es gut, dass die Terroristen Croy aus nicht nachvollziehbaren Gründen in Prag umbringen wollen. Croy kann sich einen schnappen. Bei der Vernehmung hält er sich nicht lange mit Höflichkeiten auf, sondern foltert den Tschechen.
Diese vollkommen unmotivierte Folterszene zeigt wieder einmal, was Marc Kayser wahrscheinlich vorschwebt: ein deutsches „24“. Aber alles das, was in der erfolgreichen TV-Serie funktioniert, funktioniert in „Trias“ nicht.
Marc Kayser: Trias
Heyne, 2008
560 Seiten
9,95 Euro
Lesung:
Dienstag, 5. Februar, 20.00 Uhr, Bertelsmann AG (Unter den Linden 1, Berlin)
Moderation: Hans-Ulrich Jörges (Stern)
Aus dem Roman liest Rainer Strecker

kann man reisleinen essen? aber mal im ernst: sind schocks deshalb spannend, weil man vorher erzählt, wie sie passieren? schocks kommen plötzlich – und berühren deshalb.
und wenn ein autor den leser von einer überraschung zur anderen führt – und der kritiker dies sogar als überraschung erkennt – ist das dann nicht gut?
bei allem respekt: deine kritik – hm – klingt etwas unausgegoren.
Nee, denk nur an das alte Beispiel von Hitchcock für Suspense (was mit Spannung übersetzt werden kann):
Überraschung/Schock: drei Männer spielen Karten. Eine Bombe explodiert. – Langweilig.
Suspense: ein Mann befestigt unter dem Tisch eine Bombe. Er stellt sie auf fünf Minuten ein. Die Männer setzten sich hin und spielen Karten. Jetzt hoffen wir, dass sie die Bombe entdecken oder dass sie ihr Spiel beenden und den Raum verlassen, bevor die Bombe explodiert. – Spannend.
Das gleiche Prinzip kannst du in jedem Horrorfilm sehen, wenn die Jugendlichen mal wieder alleine durch den Wald gehen oder im Schloss herumirren.
Da bin ich immer emotional in die Geschichte involviert und hoffe, dass etwas bestimmtes Eintritt oder nicht Eintritt.