Fünf Fragen an Alfred Hellmann

Nach einer mehrjährigen Pause als Krimiautor (in der Zwischenzeit schrieb Alfred Hellmann Kabarettprogramme und das Sachbuch „Disziplin für Faule“, übersetzte Bücher und organisierte in Berlin die feine Veranstaltungsreihe „Cinema Royal“, bei der vier Drehbuchautoren sich, wie „Das Literarische Quartett“, über neue und alte Filme fetzten) veröffentlichte er vor wenigen Wochen seinen zweiten Kriminalroman. „Vor den Hymnen“ erhielt, nicht nur von mir, euphorische Kritiken.

Für die Kriminalakte beantwortet er fünf Fragen:

1) Jede Geschichte beginnt mit einer Idee. Was war die Ausgangsidee für „Vor den Hymnen“?

Ich hörte, dass Firmen mittlerweile auch bei uns diskrete Versicherungen gegen Produkterpressungen abschließen können, was bis dahin nur in Großbritannien und den USA möglich war. Die Versicherer arbeiten eng mit privaten Sicherheitsfirmen und Spezial-Detekteien zusammen, was, wie aktuell der Fall Telekom und andere belegen, nicht immer unproblematisch ist.

Zugleich wurde damals gegen Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Kölner Polizei ermittelt, wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung, versuchter Strafvereitelung im Amt, Betrug, Diebstahl und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. – Beides zusammen ergab den Treibsatz.

2) Kannst du uns etwas über das Schreiben von „Vor den Hymnen“ erzählen?

Es folgten erste Übungskapitel mit der Herausbildung der Protagonisten, einem gebürtigen Rheinländer und einer Ostdeutschen, innerhalb einer Berliner Mordkommission.

Parallel dazu führte ich Interviews mit Managern und Polizisten, darunter Mitgliedern von Spezialeinheiten, die natürlich darauf hinwiesen, dass ein paar schwarze Schafe noch keine Herde machen.

Früher schrieb ich nachts, heute schreibe ich früh am Morgen, ziemlich diszipliniert. (Ich gebe ja auch Workshops zum Thema Disziplin & Kreativität.)

3) Du bist auch Satiriker und Drehbuchautor. Inwiefern glaubst du, dass das deinen Roman beeinflusst hat?

Den Satiriker – oder Kabarettisten – musste ich im Zaum halten. Spannung und Komik passen nur bedingt zusammen. Ich habe versucht eine funktionierende Mischung zu finden.

Meine Lektorin, Dr. Marion Heister, hat zum Beispiel die frühe Variante einer zentralen Nebenfigur kritisiert: Katharina Syltenfuß, die zu diesem Zeitpunkt noch Sieglinde von Syltenfuß hieß und Kaufhauserpressung als harmloses Hobby für südseesüchtige Witwen betrieb. Der Lektorin erschien sie in der alten Fassung zu parodistisch, und sie befürchtete, dass der relative Unernst dieser Figur das restliche Buch ‚infizieren‘ könnte. Das fand ich, nach einer angemessenen Phase des Beleidigtseins, überzeugend. Also habe ich sie entschärft und ihr ein wenig Melancholie mitgegeben. Viele Leser, und noch mehr Leserinnen, mögen sie sehr.

Meine Arbeit als Drehbuchautor schlägt sich am deutlichsten in der Wahl der Erzählperspektiven nieder, vielleicht auch in der relativen Kürze der Kapitel. Spät rein in die Szene, früh raus, so lautete die Regel, die ich aber auch ein paar Mal verletzt habe.

4) Was dürfen wir demnächst von dir erwarten?

Einerseits arbeite ich an einem neuen Krimi, andererseits habe ich, gewissermaßen zu Erholung, eine Theaterkomödie („HoPP!“) geschrieben, die ich zurzeit Verlagen anbiete. Im Hintergrund schreibe ich an einem ,großen‘ Roman, der sich aber nur langsam entwickelt. Außerdem arbeite ich gelegentlich als freier Texter.

5) Welche fünf Bücher empfiehlst du für den Strandkorb?

1.. John Sandford, die Lucas-Davenport-Reihe – die für mich aktuell besten Thriller: spannend, realitätsnah und frei von narzisstisch-depressivem Gejammer.

2.. Janwillem van de Wetering – die frühen Krimis, auch die Bücher über seine Aufenthalte in buddhistischen Klöstern.

3.. Albert Camus „Der Fremde“. Vorzugsweise bei großer Hitze zu lesen.

4.. Anne Michaels „Fluchtstücke“. Hervorragend geschrieben, mit wunderschönem Sprachklang. Ich kenne Leute, die beim Lesen geweint haben.

5.. Lion Feuchtwanger „Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis“. Leidenschaft, Liebe, Künstlertum – mit Worten gemalt.

Alfred Hellmann: Vor den Hymnen

Emons, 2008

240 Seiten

9,90 Euro

4 Responses to Fünf Fragen an Alfred Hellmann

  1. Andreas sagt:

    Ich freue mich darauf, das Buch zu lesen.
    Alfred’s Cinema Royal Runde hört sich auch interessant an. Läuft das noch?
    Andreas

  2. AxelB sagt:

    Leider nein.

  3. […] (Mehringdamm 34, Berlin-Kreuzberg) heute Abend um 20.30 Uhr mit den Krimiautoren Christoph Ernst, Alfred Hellmann und Oliver G. […]

  4. […] habe Alfred gekannt, seine letzten Krimis „Vor den Hymnen“ (mit Interview) und „Heidenlärm“ (mit Interview), die er nach einer längeren Romanpause schrieb, […]

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