Etwas Gutes haben schlechte Bücher und Filme. Ich überlege mir, was warum nicht funktioniert und wie ich es besser machen würde. Auch das gestern besprochene Buch „Weiße Nächte“ von Rainer Gross funktioniert nicht und ich fragte mich:
Wie hätte ich die Geschichte geschrieben?
Der Protagonist und der Anfang
Zuerst einmal hätte ich eindeutig das Ziel des Protagonisten (hier auch des namenlosen Ich-Erzählers) formuliert. Er will sich am Nordkap an dem Ort umbringen an dem er vor Jahren seinen Freund Jan umgebracht hat. Er ist von Schuldgefühlen getrieben. Er glaubt an den katholischen Sühnegedanken.
(Eindeutig heißt: der Leser weiß es. – Dabei ist es durchaus möglich, dass ich als Leser später erfahre, dass das ursprünglich genannte Motiv und Ziel nicht stimmen. Denken Sie nur an „The sixth sense“. Während des gesamten Films glauben wir, dass der Psychiater dem Jungen helfen will, keine Toten mehr zu sehen. Erst am Ende erkennen wir, dass der Junge dem Psychiater helfen wollte, seinen Tod zu akzeptieren. „Die üblichen Verdächtigen“ hat ein ähnlich überraschendes Ende.)
Das Handlungsziel des Protagonisten gibt mir für diese Geschichte dann die weiteren Stationen vor. Er muss auf seiner Reise auf Widerstände stoßen. Diese Widerstände müssen dazu führen, dass er sich immer wieder mit der Frage von Schuld und Sühne beschäftigt. Ihm wird immer wieder – mehr oder weniger deutlich – gesagt, dass seine Idee mit dem Selbstmord Quatsch ist. Doch er hält daran fest. Denn, als Theologiedozent hat er gelernt, dass das alttestamentarische Prinzip von Schuld und Sühne befolgt werden muss. Ein Leben für ein Leben. Auch wenn es das eigene ist.
Das könnte schon eine gute Geschichte abgeben. Aber sie bliebe eine episodische Reiseerzählung; das literarische Äquivalent zu „Easy Rider“ und „Apocalypse Now“.
Die Begleiterin und die Mitte
Doch oft sind die Reisenden nicht allein unterwegs. Denn mit einem Gefährten kann sich der Protagonist austauschen (Das ist im Film natürlich wichtiger, als in einer Erzählung. Aber auch in einer Erzählung wirken Dialoge meistens dynamischer als ein über sich nachdenkender Mensch.). Außerdem bedeutet ein Gefährte prinzipiell Konflikt. Und Konflikt ist für einen Erzähler (im Gegensatz zum normalen Leben) das, was er sucht. Für eine Geschichte gilt: Je mehr Konflikt, desto besser.
Auch Rainer Gross stellt seinem Erzähler eine Frau an die Seite. Es ist die Studentin Myriel, die zufällig das gleiche Fahrtziel hat. Sie will ihren Freund besuchen. Fein; – aber eigentlich will sie das Treffen mit ihm hinauszögern, weil sie nicht weiß, ob sie mit ihm zusammenleben möchte. Diesen Konflikt thematisiert Gross nur in wenigen Sätzen.
Doch viel wichtiger als der eben erwähnte innere Konflikt von Myriel ist die Frage, in welcher Beziehung sie zu dem Protagonisten steht. Kurz: Was will sie erreichen? In dem Roman erfahren wir es nicht.
Außerdem stehen wir am Beginn der Reise noch vor einem anderen Problem: Warum nimmt der Erzähler die Frau mit? Er hat keinen vernünftigen Grund die Frau mitzunehmen. Ebenso stellt sich die Frage, warum er sie auf der ganzen Fahrt nicht einmal verlässt. Sie ist für ihn nur unnötiger Ballast. Kurz: bis jetzt hat sie absolut keine Funktion in der Geschichte.
Überlegen wir uns also, warum er einverstanden ist, gemeinsam mit ihr zum Nordkap zu fahren.
Hat er Gefühle für sie? Unwahrscheinlich. Am Anfang der Geschichte darf er nicht in sie verliebt sein. Denn wenn er sie lieben würde, würde er nicht diese Fahrt beginnen.
Doch der Wunsch, als Sühne für einen vor Jahren stattgefundenen Unfall in den Freitod zu gehen, zeigt im Charakter des Protagonisten eine Möglichkeit auf. Er fühlt sich für seine Taten und für andere Menschen verantwortlich.
Also fühlt er sich auch für Myriel verantwortlich. Vielleicht hat er sie einmal vor einem Selbstmord gerettet. Hm, nicht so toll. Immerhin will er sich umbringen und dann nimmt er eine gescheiterte Selbstmörderin mit.
Vielleicht ist sie die Tochter seines Mentors und dieser hat ihn gebeten, auf seine Tochter aufzupassen. Das würde erklären, warum er jemanden mitnimmt, der ihn bei seiner Mission nur stört.
Dann hätten wir jetzt einen Protagonisten, der sich am Nordkap umbringen will. Auf seiner Fahrt dorthin muss er auf eine Frau aufpassen. Auf der Fahrt muss immer wieder seine Entscheidung, sich umzubringen, hinterfragt werden. Begegnungen mit Menschen und Dialoge sind hier hilfreich. Er könnte sich mit gläubigen Evangelen treffen. Er könnte sich mit der Frage auseinandersetzen, ob er für die Verbrechen der Nazis in Skandinavien heute büßen muss. Er sagt ja. Sie (oder jemand anderes) sagt nein. Und wir haben einen Konflikt.
Wenn wir ihm schon eine Begleiterin verpassen, muss zwischen ihnen auch etwas geschehen. Das kann sein, dass sie sich ineinander verlieben. Sie will daher unbedingt mit ihm in den Schlafsack hüpfen. Er will, weil er sich ja bald umbringen und seine Entscheidung nicht gefährden will, sich unter keinen Umständen in sie verlieben. Das kann sein, dass sie nach seiner Ansicht zum falschen Mann fahren will. Er will sie also vor einer falschen Entscheidung bewahren. Es kann auch sein, dass sie sich nach einer unglücklichen Beziehung umbringen will und er das verhindern muss, weil er seinem Mentor versprochen hat, sie sicher ans Nordkap zu bringen.
Jedenfalls gibt es genug Möglichkeiten, die Zeit bis zum Ziel mit spannenden Ereignissen zu füllen.
Das Ende
Irgendwann kommen wir zum Ziel der Reise. Bei Gross ist der Selbstmordversuch des Protagonisten auf Seite 156 bis 160. Die Geschichte endet ohne besondere Ereignisse auf Seite 197. Diese fast vierzig Seiten sind unnötiger Ballast. Denn nachdem der Protagonist sich für das Leben entscheidet (und so auch mit seiner Vergangenheit abschließt), ist seine Mission erfüllt. Er hat sein ursprüngliches Ziel nicht erreicht, weil er festgestellt hat, dass es das falsche Ziel war.
Natürlich sollte er das durch etwas anderes erfahren, als – wie in „Weiße Nächte“ – ein im falschen Moment umstürzendes Motorrad und seine verzweifelte Suche nach einer Feder. Ein Gespräch wäre vielleicht besser. Vielleicht sagt sie ihm, dass sie nicht verstehen könne, warum er sich umbringen wolle, nachdem er ihr in den vergangenen Tagen immer wieder sagte, wie schön das Leben sei. Er versucht seine Entscheidung zu rechtfertigen und kann es nicht.
Klingt kitschig.
Mag sein, aber es wäre ein befriedigendes Ende. Und vielleicht hätte ich, wenn ich diese Geschichte schreiben würde, bis dahin eine bessere Idee. Jedenfalls müssen alle Seiten vor dem entscheidenden Moment auf der Klippe nur einem Ziel dienen: mir als Leser begreiflich zu machen, warum der Protagonist eine bestimmte Handlung vollzieht.
Und warum hat er den Revolver mitgenommen?
Keine Ahnung.
Hallo Axel,
bei Deinen ausführlichen Gedanken habe ich Lust bekommen, das Buch zu lesen. Bin gespannt, wieweit unsere Meinungen auseinanderliegen.
Beste Grüße
Henny
Hallo Henny,
weil es locker an einem Abend gelesen werden kann, kannst du Zeit investieren und mir dann sagen, was du von dem Buch hälst.
Im Titel-Magazin hat F. Rumpel eine ähnliche Kritik geschrieben: http://www.titel-magazin.de/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=7155
Grüße
Axel
[…] er die Ursache für das Schuldbewusstsein lange im Dunkeln hält. Ich kann Axel Bußmer in seinen Überlegungen verstehen, wenn er meint, dass das Handlungsziel unklar ist. Für mich wäre es wichtig gewesen, […]