Zur diesjährigen Criminale in Wien veröffentlichte Das Syndikat, die „Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur“, wieder einen Band von Kurzgeschichten, die in der gastgebenden Stadt spielen. „Schöne Leich’ in Wien“ heißt der von Angela Esser herausgegebene Band mit 25, meist von bekannten Krimi-Autoren geschriebenen Kurzgeschichten, die in den verschiedenen Wiener Bezirken spielen. Es besteht also die Möglichkeit, eine Stadt durch die Augen verschiedener Autoren und gleichzeitig viele Autoren kennen zu lernen. Ob ersteres gelingt, weiß ich nicht. Denn Wien kenne ich vor allem durch den „Dritten Mann“, verschiedene Tatorte und „Kottan ermittelt“. Außerdem sind die Orte, wie in jeder größeren Stadt abseits der touristischen Trampelpfade dank ähnlicher sozialer Probleme relativ austauschbar. Teilweise wird auch einfach Wien-Kitsch geboten.
Das zweite Ziel bei einem Sammelband ist immer, Interesse an den weiteren Werken des Autors zu wecken (So lernte ich Jeffery Deaver über seine Kurzgeschichten kennen.). Somit ist eine Kurzgeschichte eine kurze Talentprobe. Leider hat mich in „Schöne Leich’ in Wien“ kaum eine dieser Proben beeindruckt.
Dass ich bei den meisten Kurzgeschichten bereits nach wenigen Zeilen wusste, wie sie ausgehen, ist hier nicht unbedingt das Knock-Out-Kriterium. Im Gegenteil: das waren oft die besseren Geschichten; geschrieben Ernst Solèr, Ralf Kramp, Stefan Slupetzky, Jürgen Ehlers, Nessa Altura, Leo P. Ard (eine weitere Geschichte aus seiner Vegetarier-Welt mit einem verunglückten Anfang) und Jürgen Kehrer (allerdings ist das Ende schwach).
Die restlichen und damit die meisten Geschichten waren einfach nur abstrus konstruiert oder ließen nicht-motivierte Charaktere durch die Geschichte stolpern. Dass dann die Lösung überraschend kommt (Naja, eigentlich nicht. Denn erstens werden in einer Kriminalgeschichte die ‚Probleme’ mit einem Mord gelöst, und zweitens kann ich nur überrascht werden, wenn ich etwas Bestimmtes erwarte. Ich war eher schockiert.), ist vielleicht nett, aber absolut keine Empfehlung für den Autor.
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Angela Eßer (Hrsg.): Schöne Leich’ in Wien – Kriminalstorys
Grafit, 2008
288 Seiten
9,50 Euro
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Enthält
Alfred Komarek: Kellerleichen
Nina George: Ich mach’s dir mexikanisch
Jürgen Kehrer: Wilsberg und der dritte Mann
Ernst Hinterberger: Der Handtaschenmörder
Ralf Kramp: Marikas Wanne
Heinrich Steinfest: Exo-Force
Andreas P. Pittler: Selbst regiert sich Margareten
Edith Kneifl: Mariahilf
Sabina Naber: Liebeswahn
Barbara Krohn: Auf den Hund gekommen
Stefan Slupetzky: Dopplermord
Jürgen Ehler: Im falschen Film
Andrea Maria Schenkel: Zentralfriedhof
Sabine Thomas: Drah di ned um
Thomas Raab: Herr Heinrich beschließt zu sterben
Tatjana Kruse: Vier Häuptl in Penzing
Nessa Altura: Der Tafelspitz
Thomas Askan Vierich: Wasserfarbe und Pendel
Susanne Schubarsky: Die liebe Familie und andere Unannehmlichkeiten
Klaus Seehafer: In der Batkagasse Nummer zwölf
Leo P. Ard: Wiener Schnitzel
Susanne Ayoub: Hier ist ein Mensch
Ernst Solèr: Der Hydrograf
Eva Rossmann: Volkszorn
Angela Eßer: Staub aus dem Dom

[…] Wilsberg und der dritte Mann (aus Angela Eßer [Hrsg.]: Schöne Leich’ in Wien, 2008) […]