
Durch den Verlagswechsel änderte sich für die Macher des Krimijahrbuches einiges. Der wichtigste Unterschied ist, dass sich der Umfang ungefähr halbierte. Es musste also überlegt werden, welche Rubriken und Teile gestrichen werden. Christina Bacher, Ulrich Noller und Dieter Paul Rudolph beschlossen, aus dem „Krimijahrbuch“ ein „Kriminalromanjahrbuch“ zu machen. Kino, TV und Hörspiel flogen raus. Comics sind immer noch nicht drin. Dann wurden, anscheinend war es immer noch zu umfangreich, alle Rubriken gestrichen, die einen Rückblick auf das vergangene Krimijahr, äh, Kriminalromanjahr halten. Keine Auflistung der krimirelevanten Sekundärliteratur. Kein Überblick über ausgezeichnete Romane; wobei sich dieser Überblick in den vergangenen Jahren vor allem auf die US-amerikanischen Krimipreise konzentrierte. Theoretische Texte finden sich nur noch in einer Schwundstufe. Die umfassende Auflistung der im vergangenen Jahr verstorbenen Krimischaffenden ist einigen kurzen Nachrufen und einer sehr kursorischen Liste von 2008 verstorbenen Autoren gewichen. Letztendlich wurde alles, was das Krimijahrbuch erkennbar mit seinem Erscheinungsjahr verband, gestrichen.
Stattdessen gibt es, wie bisher, eine Zweiteilung in deutsche und nicht-deutsche Werke und Schwerpunkte zu Manfred Wieninger und Jugendbuchkrimis. Im deutschen Teil gibt es Werbetexte über Krimifestivals und die „Sisters of Crime“, ein sehr interessantes Interview mit Sebastian Fitzek und weniger interessante mit Zoran Drvenkar und Lucie Klassen, eher selbstreferentielles von Frank Göhre (ein gefaktes Tagebuch eines Autoren), Pieke Biermann schreibt über schlechte Übersetzungen und Peter J. Kraus internes über seine erste Krimiveröffentlichung 2003 und die anschließende erfolglose Suche nach einem anderen Verlag (Kraus ist ein in Kalifornien lebender Deutscher). Es gibt den bekannt lockeren Austausch von Rudolph und Noller über einige 2008 erschienene Krimis und einige Autoren und Kritiker nennen ihre Lieblingsbücher 2008. Einige erschienen 2008 erstmals, einige sind Wiederveröffentlichungen, einige schon älter und einige sind noch (?) nicht übersetzt. Denn die bibliographischen Angaben sind durchgehend dünn. Meist wird der Originaltitel nicht genannt (oder, wenn der Originaltitel genannt wird, fehlt der deutsche Titel), fast nie der Verlag und nie die Seitenzahl (Das mag eine Marotte von mir sein, aber es interessiert mich sehr, ob ein Werk 200 oder 500 Seiten hat, wann es erstmals erschien und wie der Originaltitel ist.). Wer also mehr wissen will, darf bei Amazon nachfragen. Dann kann auch via Google die Homepage des Autors gesucht werden. Denn auf weiterführende Links wurde fast immer verzichtet.
Im internationalen Teil gibt es ein wenig England (Colin Cotterill und John Harvey), Schweden (Håkan Nesser), Überblicke über Südafrika und Polen (zwei Länder, die für deutschsprachige Leser weiße Flecken sind) und den schon fast obligatorischen Patricia-Highsmith-Artikel. Immerhin kann bei dem 1938 geborenen John Harvey so etwas wie Ankoppelung an das Jahr 2008 konstruiert werden, auch wenn vor allem über seine Elder- und Resnick-Serie geschrieben wird. Auch bei den anderen Texten wird fast schon peinlich jeder Verweis auf 2008, was sich bei einem Jahrbuch anbieten würde, vermieden. So entstand das Interview mit Colin Cotterill, bei dem kein einziger Buchtitel genannt wird, natürlich anlässlich seines Deutschlanddebüts „Dr. Siri und seine Toten“ (The Coroner’s Lunch, 2005). Bei Patricia Highsmith ist es die abgeschlossene Neuausgabe ihres Werkes bei Diogenes.
Die USA sind nur mit dem Nachdruck eines bereits in der „Welt“ erschienenen Textes über Donald E. Westlake (anlässlich der Veröffentlichung des von Richard Stark geschriebenen Parker-Romans „Fragen Sie den Papagei!“) vertreten.
Die an einer Hand abzählbaren längeren Nachrufe sind bereits an anderen Orten erschienen (auf entsprechende Nachweise wurde verzichtet) und für das „Krimijahrbuch“ nicht überarbeitet. Einige wichtige Autoren, wie Donald Westlake und Gregory Mcdonald, werden nur mit wenigen Zeilen gewürdigt; andere, wie Olov Svedelid, Stefan Murr und Benjamin M. Schutz, überhaupt nicht.
So ist das „Krimijahrbuch 2009“, wie es sich für einen Sammelband gehört, ein Kessel Buntes. Allerdings ist dieses Jahr der Kessel sehr klein geraten und es fehlt zu vieles, was zu einem Rückblick auf ein Jahr gehört. Das neueste Krimijahrbuch ist nur eine beliebige Zusammenstellung von kriminalromanaffinen Texten, die auch an anderen Orten zu anderen Zeiten, zum Beispiel einem Krimimagazin, hätten erscheinen können.
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Christina Bacher/Ulrich Noller/Dieter Paul Rudolph (Herausgeber): Krimijahrbuch 2009
Pendragon, 2009
360 Seiten
12,90 Euro
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Inhaltsverzeichnis
Ulrich Noller / Dieter Paul Rudolph: Das Krimijahr 2008. Ein unvollständiges Fazit
Verschiedene: Drei Krimis des Jahres
Krimistandort Deutschland
Christina Bacher: Krimi(Klein)Verlage
Henrike Heiland: „Ich hab‘ das einfach gemacht!“ Ein Gespräch mit Sebastian Fitzek über Krimi-Marketing
Peter J. Kraus: Weit Weg Lügt Sichs Gut
Frank Göhre: Der ostfriesische Melker und die Mutter der Ich-Erzählerin. Zufällig von Frank Göhre aufgefundene Notizen eines ehrenwerten „Syndikat“-Mitglieds
Pieke Biermann: Von denen Mördern und Leichenfotografen. Kleiner Steinhagel aus dem Glashaus
Uwe Lischper: Festivalkultur – Literaturpräsentation im Wandel …
Ralph Laumer: Lesen, zuhören, reden – Das Marburger Krimifestival
Jasna Mittler: Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen auf die Bestsellerliste!
Ulrich Noller: „Was du auch tust, hol dir was vom Leben, denn dafür ist es da“. Ein Gespräch mit Zoran Drvenkar
Ralph Güth / Dieter Paul Rudolph: Hype 08. Pro und contra Stieg Larsson
Ulrich Noller: Leben und Schreiben in Bad Pyrmont: Lucie Klassen
Margit Breuss: Definiert den Regiokrimi nicht zu Tode! Ein Plädoyer für die kulturelle Eigenart
Manfred Wieninger
Manfred Wieninger über Manfred Wieninger
Thomas Wörtche: Manfred Wieningers Marek-Miert-Romane
Dieter Paul Rudolph: Der innere Polizist – Ein Gespräch mit Manfred Wieninger über Marek Miert und das Ende der Aufklärung
Manfred Wieninger: Oh du mein Österreich – der zeitgenössische Krimi als letztes kritisches Korrektiv einer eskapistischen Gesellschaft
Manfred Wieninger: Ausflug in die Realität. Wenn Schreibtischtäter zur Waffe greifen…
Manfred Wieninger: Eine kurze Geschichte über die Brutalität
Manfred Wieninger: Der Friseur von Tschurdistan
Jugendkrimis
Beate Mainka: „Ich liebe meine Täter“. Die Jugendbuchautorin Monika Feth im Gespräch mit jugendlichen Krimilesern
Beate Mainka: Krimis für den Nachwuchs. Über das Verbrechen in der Jugendliteratur
Boris Koch: Warum lesen Jungs Fantasy? Und was kann der Krimi ihnen bieten?
Beate Mainka: Echt geil! Drei Jugendliche empfehlen ihre Lieblingskrimis
Von Jägern und Sammlern
Mirko Schädel: Lesen hinterm Deich
Josef Hoffmann: Krimis sammeln
Krimi international
Joachim Feldmann: Licht im Dunkeln. John Harvey und seine melancholischen Ermittler
Henrike Heiland: „Wie schwer kann es schon sein, einen Bestseller zu schreiben?“ Ein Gespräch mit Colin Cotterill
Hannes Stein: Immer jung, stets cool, weiter unverwüstlich: Der ewige Gangster Parker ist wieder da. Wassaic/Upstsate New York. Ein Ortstermin mit Donald E. Westlake und Richard Stark
Tobias Gohlis: Klatsch vom Dreh. Erlebnisse beim Porträtieren von Krimiautoren
Henrike Heiland: „Ich will nur gute Geschichten schreiben“. Ein Gespräch mit Håkan Nesser
Jochen Vogt: Eine ununterbrochene Erschütterung aller Zustände. Über die Erzählerin Patricia Highsmith
Steffen Richter: Im Zeichen der Berlusconismo. Neueste Kriminalliteratur aus Italien
Anna Veronica Wutschel: Der andere Tatort: Ein Streifzug durch die zeitgenössische südafrikanische Krimilandschaft.
Markus Schnabel: Geschichte des polnischen Kriminalromans
Irek Grin: Der polnische Krimiboom
Nachrufe für das Jahr 2008
Lieber Axel Bussmer,
Ihrer Interpretation – kein Jahrbuch, sondern ein Magazin – mag ich gerne zustimmen. Aber so ein Magazin fehlt ja auf dem Markt (dem Markt aber eventuell nicht). Mich würde es freuen, wenn dieses seitwärts Reinrobben in die Buchhandlungen zu halb-, gar vierteljährlichem Erscheinen führen würde und das Herausgeberteam den ‚Jahrbuch‘-Titel ganz weglassen könnte. Aber Rororo, ich weiß, ist weiland mit dem Versuch eines jährlichen Krimimagazins im TB-Format auch nicht glücklich geworden.
Schöne Grüße,
Thomas Klingenmaier
Hallo Thomas,
nachdem sich der Markt in den vergangenen zehn Jahren doch änderte und es sogar die Gründung eines erfolgreichen monatlichen Literaturmagazins gab, wäre das sicher eine Überlegung wert. Natürlich müssten dafür größere Anfangsinvestitionen gemacht werden.
Außerdem dürfte es wirtschaftlich nur erfolgreich sein, wenn das Spektrum erweitert wird (also mit Comic, Hörspiel, Film, TV). Ich denke da an die zahlreichen S-F/Horrorfilm-Magazine und auch an Jazzthing (die mit ihrem breiten Jazzbegriff auch Leser außerhalb des Hardcore-Jazzzirkels erreichen).
Sonntäglich-sonnige Grüße
Axel
Lieber Axel,
wenn man über John Harvey schreibt, thematisiert zwangsläufig vor allem seine Resnick- und Elder-Romane, weil der gute Mann in den letzten Jahren von einer Ausnahme abgesehen, keine anderen Bücher veröffentlicht hat. Und da im vergangenen Jahr nicht nur ein neuer Resnick („Cold in Hand“) als auch die deutsche Übersetzung des letzten Romans der Elder-Trilogie erschienen sind, muss ein Bezug zu 2008 nicht erst „konstruiert“ werden.
Beste Grüße
Joachim