Glauser 2009: Gisa Klönne – Nacht ohne Schatten

Klönne - Nacht ohne Schatten

Vor dem Lesen der ersten Zeilen sortierte ich Gisa Klönnes dritten Kriminalroman „Nacht ohne Schatten“ in die Kategorie „Für mich uninteressant“ ein, denn

– mir gefiel das Cover nicht

– mir gefiel der Titel nicht

– der Klappentext sprach mich nicht an

Trotzdem könnte mir „Nacht ohne Schatten“ gefallen.

Dann gab es einige Besprechungen, die meine Meinung, dass „Nacht ohne Schatten“ mir nicht gefallen würde, bestätigten.

Trotzdem könnte mir „Nacht ohne Schatten“ gefallen.

In einem Interview sagte Gisa Klönne, dass es um Frauenhass und –verachtung gehe. Dabei schien sie zu viele Dinge einfach in einen Topf zu werfen und mehr am Beweisen einer These als am Erzählen einer spannenden Geschichte interessiert zu sein.

Trotzdem könnte mir „Nacht ohne Schatten“ gefallen, aber andere Bücher interessierten mich mehr.

Aber dann erhielt „Nacht ohne Schatten“ den Glauser als bester Kriminalroman des Jahres und ich dachte mir: „Dann muss ich es doch mal lesen. Denn Cover, Titel, Klappentext und Besprechungen können ja die falschen Signale aussenden. Manchmal sind Autoren einfach nicht gut darin, ihre Geschichte in wenigen Worten zu verkaufen und ich verpasse einen guten Krimi.“

Nach den ersten Zeilen hätte ich das Werk am liebsten in die Ecke gefeuert. Nicht wegen des Themas „Frauenverachtung“, sondern wegen der Sprache. Es gibt eine missglückte Formulierung nach der nächsten. Einige Beispiele gefällig?

„Nur der Reporter Sanders schnürt zum Podium.“

„Der Tag schwimmt bleigrau auf die Windschutzscheibe zu, während Judith den Dienstwagen auf die Zoobrücke lenkt.“

„Ein hämmerndes Geräusch am Fenster der Beifahrertür reißt ihn aus seinen Gedanken, der Wagen würgt und macht einen Satz vorwärts, weil Mannis Fuß vor Schreck von der Kupplung rutscht.“

Schnürende Reporter? Schwimmende Tage? Würgende Wagen?

Das ist kein falsch verstandener Chandler. Das ist kein poetisches Spiel mit der Sprache. Das ist Murks; – und eine kleine, von mir unter Autoren gestartete Umfrage bestätigte das. Alle fanden die Sätze schlecht formuliert. Über die Erzählzeit gab’s geteilte Ansichten.

Aber in einem Kriminalroman kommt es ja nicht nur auf die Sprache an (dennoch sollte sie nicht ständig von der Lektüre ablenken) und wenn eine Krimijury das Buch eines Kollegen auszeichnet, dann muss es nach Adam Riese als Genrewerk irgendwie besser als die anderen innerhalb des Jahres erschienenen Werke sein und, auch wenn ich eine Jury-Entscheidung nicht unbedingt teile, kann ich normalerweise erahnen, warum ein Werk ausgezeichnet wurde.

Nacht ohne Schatten“ beginnt ohne lange Vorrede (aber mit einem vollkommen überflüssigem Prolog) mit dem ersten Mord. Auf den ersten vierzig Seiten liefert Klönne einen erstochenen S-Bahn-Fahrer, einen verbrannten Pizzeria-Wirt und eine in der Pizzeria in einem verschlossenen Raum gefundene jungen Frau (die während des gesamten Romans im Koma liegt). Kommissarin Judith Krieger weiß sofort, dass die Taten miteinander zusammenhängen, dass es um Frauenhass geht und dass ein in Steinwurfweite der beiden Tatorte liegendes Künstlerhaus etwas mit den Straftaten zu tun hat.

Aus dieser Prämisse, immerhin sind wir erst auf Seite fünfzig, könnte man etwas machen. Aber Gisa Klönne lässt ihre Charaktere bis wenige Seiten vor Schluss nur sinnlos herumhängen. Es wird vermutet, räsoniert und über Gott und die Welt sinniert. Ab und zu stolpern die Polizisten über einen Beweis. Dann wird wieder vermutet, aber nichts getan, um die Vermutungen mit Fakten zu untermauern. Falls dann doch mal Ermittlungen stattfinden, finden sie meisten außerhalb der Geschichte statt und wir erfahren nur die Ergebnisse. Über den toten Pizzabäcker und seine Geschäfte, immerhin soll er ein ganz schlimmer Frauenhändler sein, erfahren wir überhaupt nichts. Über den S-Bahn-Fahrer nicht viel mehr.

Stattdessen wird einem die Botschaft „Männer sind Schweine“ wie das heilige Evangelium um die Ohren gehauen. Es geht um Frauenhass und Frauenverachtung. Es geht um Gewalt in der Ehe, um Prostitution, um Sexsklavinnen. Es geht um (zu viele) wichtige Themen, die Gisa Klönne dem Leser ohne einen erzählerischen Fokus, nennt und mit einer feministischen Botschaft verkleistert, die höchstens von den bereits Überzeugten geglaubt wird.

Nur; in einem Roman muss diese Botschaft in eine Geschichte transformiert werden, in der der Leser selbst zu dieser Erkenntnis gelangen kann. Anderen Autoren, zuletzt Jason Starr in „Stalking“, gelingt das, woran Gisa Klönne komplett scheitert: eine Geschichte über verschiedene Formen von (falscher) Liebe in einer angemessenen Sprache zu erzählen.

Gisa Klönne: Nacht ohne Schatten

Ullstein, 2009

384 Seiten

8,95 Euro

Erstausgabe

Ullstein, 2008

Hinweise

Homepage von Gisa Klönne

Das Syndikat: Pressemitteilung, Laudatio

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