Der „Stern“ als recherchefreie Zone

Stefan Niggemeier hat mich auf diesen schön peinlichen Artikel von Wolfgang Röhl aufmerksam gemacht. Im „Stern“ pöbelt Röhl gegen die Wiederholungskultur der Öffentlich-Rechtlichen Sender (also ARD, ZDF, deren Regional- und Spartensender, wie Arte und 3sat). Dass er dabei die Wiederholungskultur der privaten Sender links liegen lässt; – geschenkt.

Aber dass er dabei auf jede Recherche verzichtet, ist kein gutes Zeichen für den „Qualitätsjournalismus“. Denn Röhl nennt Beispiele und greift dabei ziemlich daneben.

Der Aufhänger seiner Kolumne ist „Telefon“. Der lief aber nicht an Weihnachten (wie der Text suggeriert), sondern zuletzt am 24. Oktober um 23.15 Uhr im ZDF. 2008 und 2007 jeweils einmal (plus Nachtwiederholung) bei Tele 5. Das qualifiziert den Thriller nicht für diese Röhlsche Aussage: „Denn kaum ein Streifen – abgesehen vom „Tatort“-Klassiker „Reifezeugnis“ mit Nastassja Kinski – ist im deutschen Fernsehen so oft abgenudelt worden wie der Krimi um sowjetische Schläfer-Agenten in Amerika.“

Wirklich putzig ist die von Röhl erstellte Liste von „kinematografischen Reservisten, die das öffentlich-rechtliche Bezahlfernsehen immer gern an die Unterhaltungsfront schickt – oft mehrmals im Jahr -“. Es geht los mit dem schon erwähnten „Telefon“. Weiter geht’s unter anderem mit „Der eiskalte Engel“ (zuletzt 12. Mai 2008 im RBB, 2007 etwas öfter, weil er von Arte mehrmals wiederholt wurde; aber für so einen Klassiker ist das viel zu selten), „Die Vögel“ (2009, 2008 und 2007 jeweils einmal auf Vox), „Fahrstuhl zum Schafott“ (2009 auf Tele 5, 2007 auf 3sat), „Lohn der Angst“ (zuletzt am 26. April 2007 nach Mitternacht im ZDF), „Das Gesetz bin ich“ (2009 einmal im ARD, 2008 einmal im HR, 2007 einmal im ARD), „Der Malteser-Falke“ (zuletzt am 7. Januar 2007 auf 3sat), „Eine Leiche zum Dessert“ (gab es 2009 und 2008 nur auf Das Vierte, 2007 überhaupt nicht), „Es geschah am hellichten Tag“ (zuletzt, wenn das Original gemeint ist, am 3. Oktober 2009 und 3. Oktober 2007 im ZDF), „Die toten Augen von London“ und „Der Frosch mit der Maske“ (die stehen wohl stellvertretend für die Edgar-Wallace-Filme, die seit Jahren bei Kabel 1 laufen), „Der Klient“ und die „Dirty Harry“-Filme laufen auch nur bei den Privaten. Dass er dann die Wiederholungen von „sämtliche ‚James Bond‘-Filme“ den Öffentlich-Rechtlichen zuschlägt ist Quatsch, weil einige Bond-Filme (vor allem die ersten und letzten) bei den Privaten laufen.

Dracula“ (die 1958er Version mit Christopher Lee) lief zuletzt, nach einer jahrelangen Pause bei „Das Vierte“. An die letzten Ausstrahlungen von „Wenn die Gondeln trauern tragen“ (seit Ewigkeiten auf meiner Aufnehmen-Liste), „Vier im roten Kreis“ (Ähem, nach der ziemlich zuverlässigen OFDB lief dieser Jean-Pierre-Melville-Klassiker noch nie im TV.) und „Ein Mann sieht rot“ (nach der OFDB zuletzt 1999 auf Vox) erinnere ich mich überhaupt nicht.

Ich habe jetzt, weil ich diese Daten auf meinem PC habe, vor allem die Verfilmungen von Krimis herausgepickt und mir nur die letzten drei Jahre angesehen. Bei den anderen Filmen greift er oft ähnlich daneben und wenn er am Ende einige Serien nennt, die nach seiner Meinung öfters im ÖR-Fernsehen laufen, dann ist „Miami Vice“ ein schlechtes Beispiel und „Columbo“ falsch. Denn der ermittelt nur bei den privaten Kollegen von SRTL.

Sorry, Herr Röhl, das war nichts.

Und beim „Stern“ werden Fakten anscheinend überhaupt nicht mehr überprüft.

P. S.: Sie wollen wissen, wie oft „Reifezeugnis“ in den letzten Jahrzehnten wiederholt wurde? Nun, nach Tatort-Fundus gar nicht so oft.

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