Man kann dem neuen „Jerry Cotton“-Film vieles vorwerfen, aber nicht Martin Comparts Buch „G-man Jerry Cotton“.
Das ist nämlich ein viel zu kurzes, schön gelayoutetes Lesevergnügen über den fiktiven FBI-Agenten, der in Deutschland 1954 in dem Bastei-Kriminalroman Nummer 68 „Ich suchte den Gangster-Chef“ seinen ersten Fall löste. 1956 erhielt er dann eine eigene Reihe und als „G-man Jerry Cotton“ wird er seit Jahrzehnten gelesen. Zuerst nur als wöchentlich erscheinendes Groschenheft; seit 1963 auch als monatlich erscheinendes Taschenbuch. 1964 war „Jerry Cotton“ auf dem damals sehr wichtigen Heftromanmarkt die meistverkaufte Serie. In den Sechzigern wurden auch acht „Jerry Cotton“-Filme mit George Nader gedreht.
Später ging die Auflage zurück, aber wahrscheinlich immer noch hat jeder Krimifan irgendwann ein Jerry-Cotton-Abenteuer gelesen.
Martin Compart gibt in „G-man Jerry Cotton“ einen knappen Überblick über den Jerry-Cotton-Kosmos – also über Cottons Biographie, seine Freunde und seinen roten Jaguar -, die Geschichte der Groschenromane in den USA und Deutschland, die Probleme mit dem Jugendschutz und der seriösen Literaturkritik, die Autoren (wozu auch einige bekannte Namen, wie Rolf Kalmuczak [der TKKG-Erfinder Stefan Wolf], Irene Rodrian und Uwe Erichsen gehören), die Verfilmungen, Cotton-Merchandise-Artikel und wie sich die Serie in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder erneuerte.
„Unter diesen Heftromanen sind einige der besten Krimis, die ich je gelesen habe. Cotton hat eine Qualität entwickelt, von der durchschnittliche deutsche Krimiautoren nur träumen können. Wenn man mich vor die Entscheidung stellte, was ich mit auf die einsame Insel nehmen würde – alle Krimibücher deutscher Autoren, deren Namen auf den Umschlägen genannt werden, oder alle Cotton-Hefte -, wäre die Wahl leicht.“ schreibt Compart, der sich als kritischen Fan bezeichnet, im Vorwort und wird auf den folgenden Seiten nicht müde die Cotton-Geschichten teilweise schon überschwänglich zu loben.
Der neue Cotton-Film wird eher pflichtschuldig mit einer kleinen Bildergalerie und einem Gespräch zwischen Cotton-Erfinder Delfried Kaufmann, Cotton-Darsteller Christian Tramitz und dem Drehbuchautoren/Regiegespann Cyrill Boss und Philipp Stennert abgehandelt.
Als Beilage gibt es die bislang noch nicht als Romanheft veröffentlichte Jerry-Cotton-Geschichte „Süße Bienen, blaue Bohnen“. Sie erschien 1965/1966 in der „Bravo“ als Fortsetzungsroman und ist ein verdammt gut geplotteter Whodunit. Jerry Cotton soll auf dem Empfang einer Privatschule seinen Chef vertreten. Während einer Tanzaufführung wird eine der Tänzerinnen erschossen. Noch während der ersten Zeugenbefragungen wird eine zweite Schülerin in ihrem Zimmer erdrosselt und ein Unbekannter hat den Schmuck der Schülerinnen geklaut. Jerry Cotton und sein Freund Phil Decker haben also einiges aufzuklären und es ist schon bewundernswert, wie fein die einzelnen Fälle miteinander verbunden sind und wie viel Handlung der unbekannte Autor auf 64 Seiten presste, ohne dass es gehetzt wirkt.
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Martin Compart: G-Man Jerry Cotton
Lübbe Hardcover, 2010
208 Seiten
29,99 Euro
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Hinweise
Meine Besprechung von Martin Comparts „Der Sodom-Kontrakt“
Geisterspiegel über Jerry Cotton (neuester Beitrag: Mai 2009)


[…] Meine Besprechung von Martin Comparts „G-man Jerry Cotton“ (2010) […]