DVD-Kritik: Die „Spooks“ sind da

Die britische Antwort auf ’24’“ ist die gern benutzte Kurzbeschreibung der BBC-Serie „Spooks – Im Visier des MI5“. Das ist in vielen Punkten Quatsch. Denn „Spooks“ ist kein zeitgemäßes Update von „Die Profis“, um eine englische Serie zu nennen, sondern eher ein dramatisierter Einblick in die Arbeit eines Geheimdienstes und wie sich die Arbeit auf das Psyche auswirkt. Natürlich gibt es auch Action, aber im Vergleich zu „Die Profis“ (für die älteren Semester) oder „24“ (für die Jüngeren) fällt der Actionanteil eher gering aus, es gibt wenige Außendrehs und die MI5-Agenten wirken alle etwas unnahbar. Denn sie sind alle professionelle Lügner. Sie belügen ihre Vorgesetzten, ihre Kollegen und ihre Partner. Außerdem sind sie jederzeit ersetzbar oder können, wie das Ende der zweiten Folge „Gefährliche Idee“ zeigt und das Staffelende vermuten lässt, sterben. In „Spooks“ gibt es nicht, wie in „24“ einen Jack Bauer, der garantiert bis zur letzten Folge der Staffel überlebt. Das ist im ersten Moment, weil man sich nicht bedingungslos mit einem Charakter identifiziert, ein Nachteil. Ebenso können Nebencharaktere aus den ersten Episoden später wichtiger werden und es ist anfangs unklar, – jedenfalls für die erste Staffel – wer der wichtigste Mann im Team ist. Aber nach einigen Folgen und wenn man sich auf die Welt der „Spooks“ einlässt, ist das ein Vorteil. Denn die erzählerischen Möglichkeiten sind viel größer.

So wird von gefährlichen Undercover-Einsätzen gegen Rechtsradikale („Gefährliche Idee“), dem Kampf gegen radikale Abtreibungsgegner („Heilige Rache“), Geiselnahmen von Terroristen in einer Botschaft („Späte Rache“), der Frage, ob ein legendärer Agent während eines Undercover-Einsatzes gegen Globalisierungsgegner die Seiten wechselte („Verzweifelungstat“), den kompromittierenden Memoiren eines ehemaligen Staatsmannes („Die Memoiren“) und dem Kampf gegen islamistische Terroristen, die in England ein Atomkraftwerk zerstören wollen („Dreht Harry durch?“) erzählt.

Neben diesen Einsätzen, die teilweise noch komplizierter werden, weil MI5-Agenten undercover zu den Geiseln gehören, die Informationen von einer irischen Terrorgruppe kommen, es sich um ein Ablenkungsmanöver handelt oder handeln könnte und natürlich niemandem vertraut werden kann (in diesem Punkt gleicht „Spooks“ „24“), gibt es auch einige fortlaufende Geschichten. Die wichtigste ist dabei die auf einer Lüge aufgebaute Liebesgeschichte zwischen dem Agenten Tom Quinn (Matthew Macfadyen) und der alleinerziehenden Restaurantbesitzerin Ellie Simm (Esther Hall). Denn sie glaubt, dass er ein biederer, für den Staat arbeitender Informatiker ist. Auch die hochrangige MI5-Agentin Tessa Phillips (Jenny Agutter), die auf den ersten Blick wie eine graue Maus wirkt, wird zunehmend wichtiger und sie hat es faustdick hinter den Ohren.

In zwei Folgen spielt Hugh Laurie (seit 2004 „Dr. House“; – aber das wisst ihr ja alle) den überheblich-blasierten MI6-Mann Jools Siviter, der als Auslandsgeheimdienstler auf den MI5 als Kindergartenveranstaltung nur mit Verachtung herabschaut und so auch etwas Humor in die Serie bringt.

Das informative Bonusmaterial fällt mit neunzig Minuten für eine britische Serie ungewohnt üppig aus. Es wird viel über die Produktion und die Hintergründe der Serie gesprochen. Es wird verraten, warum „Spooks“ keine Credits hat. Dass bei dem Bonusmaterial ebenfalls auf das Einblenden von Name und Beruf der redenden Autoren, Cutter, Produzenten und Regisseure verzichtet wurde, übertreibt die Idee mit der Anonymität dann doch etwas. Die Hauptdarsteller erzählen etwas über ihre Anfänge und, manchmal, auch über ihre Rolle. Und es gibt, als überflüssigster und, mit zehn Minuten, kürzester Teil des Bonusmaterials, einige geschnittene Szenen.

Die „Spooks“ sind nicht so catchy wie die Gauner aus „Hustle“ (einer weiteren Kudos-Serie), sondern eher unauffällig-bieder. Halt wie echte Spione, die ihren le Carré gelesen haben und manchmal gerne James Bond wären, aber wissen, dass das Eskapismus ist.

Polyband veröffentlichte die „Internationale Fassung“. Diese Version wird bereits in England hergestellt, indem pro Folge etwa zehn Minuten herausgeschnitten werden. Insofern: ja, gekürzt, aber vom Hersteller.

Spooks – Im Visier des MI5 – Staffel 1 (Spooks, GB 2002)

mit Matthew Macfadyen (Tom Quinn), Keely Hawes (Zoe Reynolds), Peter Firth (Harry Pearce), David Oyelowo (Danny Hunter), Jenny Agutter (Tessa Phillips), Lisa Faulkner (Helen Flynn), Hugh Laurie (Jools Siviter), Esther Hall (Ellie Simm)

Gaststars: Lisa Eichhorn, Anthony Head, David Calder, Lorcan Cranitch

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: – (außer dem Bonusmaterial)

Bonusmaterial: Spooks (Idee und Ursprung, Das Format, Kein Abspann, Die Credits für Episode 1 – 6, Die Terror-Frage, Das Casting), Cast (Matthew Macfadyen, Keely Hawes, Peter Firth, David Oyelowo, Jenny Agutter, Hugh Laurie als Jools Siviter [Interwies mit den Schauspielern über ihre Anfänge und ihre Rolle; über Hugh Laurie und seine Rolle äußern sich andere), Crew (Die Produzenten, Der Autor [Wolstencroft], Der Regisseur [Nalluri], Der Cutter), Deleted Scenes, Wendecover

Laufzeit: 300 Minuten (6 x 50 Minuten), 90 Minuten Bonusmaterial

FSK: ab 16 Jahre

Die ersten sechs Einsätze der „Spooks“

Heilige Rache (Thou shalt not kill)

Regie: Bharat Nalluri

Drehbuch: David Wolstencroft

Gefährliche Idee (Looking after our own)

Regie: Bharat Nalluri

Drehbuch: David Wolstencroft

Späte Rache (One last dance)

Regie: Rob Bailey

Drehbuch: Simon Mirren

Verzweifelungstat (Traitor’s Gate)

Regie: Rob Bailey

Drehbuch: Howard Brenton

Die Memoiren (The Rose Bed Memoir)

Regie: Andy Wilson

Drehbuch: Howard Brenton

Dreht Harry durch? (Mean, dirty, nasty; US-Titel: Lesser of two Evils)

Regie: Andy Wilson

Drehbuch: David Wolstencroft, Howard Brenton

Hinweise

BBC über „Spooks“ (deutsch, englisch)

Kudos über „Spooks“

ZDFneo über „Spooks“

Wikipedia über „Spooks“ (deutsch, englisch)

BFI über „Spooks“

21CTV: The Writing of Spooks (7. Juli 2009)

DVD Verdict über „Spooks – Staffel 1“ (in den USA bekannt als „MI-5“)

Meine Besprechung von David Wolstencrofts „Die Spezialisten“ (Good News, Bad News, 2004)

2 Responses to DVD-Kritik: Die „Spooks“ sind da

  1. […] Meine Besprechung der von David Wolstencroft erfundenen Serie “Spooks – Im Visier des MI5 – St… […]

  2. […] wurde von Neil Cross, der neben den Drehbüchern für die Agentenserie „Spooks – Im Visier des MI 5″ auch einige noch nicht übersetzte Krimis schrieb, […]

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