Eine ruhige Nacht wird das nicht für Erichsen und sein Team: ein unheilbar an Krebs erkrankter Knacki will seine letzten Tage mit seinem Sohn verbringen. Deshalb entführt er ihn von seinen Adoptiveltern: einem Polizisten, der gerade gegen Erichsen ermittelt. Außerdem macht ein entlaufener Irrer das Revier unsicher.
Nach dem überwältigenden Erfolg des ersten Nachtschicht-Filmes durfte Lars Becker mit den bewährten Schauspielern ein weiteres Mal zuschlagen. Und weil auch der zweite „Nachtschicht“-Film ein voller Erfolg war, folgten seitdem einige weitere sehr gelungene Krimis.
Mit Armin Rohde, Katharina Böhm, Minh-Khai Phan-Thi, Ken Duken, Ercan Durmaz, Axel Prahl
Heute präsentieren wir Ihnen in diesem Theater einen kleinen Rundblick mit vier Kriminalfilmen, vier Noirs und vier Literaturverfilmungen (drei Romane, eine Kurzgeschichte). Beginnen wir in den Vierzigern.
Koch Media setzt die liebevoll gestaltete „Film Noir“-Collection nach einer langen Pause mit dem unbekannten in Farbe gedrehtem Noir „Desert Fury – Liebe gewinnt“ und dem Noir-Semiklassiker „Der schwarze Spiegel“ fort.
„Desert Fury“ ist, trotz einiger interessanter Aspekte, kein vergessenes Meisterwerk, sondern ein typischer Vierziger-Jahre-Hollywood-Film, bei dem die damals noch seltene Verwendung von Farbe eine Bedeutung des Films verheißt, die er nicht hat. Denn „Desert Fury“ ist kein A-Film wie „Vom Winde verweht“ oder ein kassenträchtiges Musical.
Regisseur Lewis Allen ist ein Hollywood-Handwerker, der später sein Geld vor allem im Fernsehen verdiente. So inszenierte er einige „Perry Mason“- und „Kobra, übernehmen Sie“-Folgen und über vierzig „Bonanza“-Folgen.
Autor A. I. Bezzerides schrieb später das Drehbuch für „Rattennest“ (Kiss me deadly, USA 1955) und er erfand die Westernserie „Big Valley“.
Der zweite Drehbuchautor Robert Rossen verdiente, als „Desert Fury“ gedreht wurde, bereits seit einem guten Jahrzehnt in Hollywood sein Geld. Sein erstes Drehbuch war „Mord im Nachtclub“ (Marked Woman. USA 1937); ein Vehikel für Bette Davis und Humphrey Bogart. Kurz darauf schrieb er „Die wilden Zwanziger“ (The roaring Twenties, USA 1939). Anschließend führte er Regie (oft nach eigenen Drehbüchern) bei „Jagd nach Millionen“ (Body and Soul, USA 1947), „Der Mann, der herrschen wollte“ (All the King’s Men, USA 1949), „Sie kamen nach Corduba“ (They came to Corduba, USA 1959), „Haie der Großstadt“ (The Hustler, USA 1961) und „Lilith“ (USA 1964).
Die drei wissen also, wie eine Geschichte in neunzig Minuten erzählt wird. Über den legendären Produzenten Hal B. Wallis muss ja nichts gesagt werden. Seinen Namen hat jeder Filmfan mindestens ein halbes Dutzend Mal gelesen. Ich sage nur „Die wilden Zwanziger“, „High Sierra“, „Der Malteser-Falke“, „Casablanca“ und „Der Marshall“ (True Grit, USA 1969).
Und dann ist da noch Burt Lancaster in einer seiner ersten Rollen als honoriger Dorfpolizist Tom Hanson, der in die neunzehnjährige Paula verliebt ist. Diese hat gerade wieder ihre Schule geschmissen und trifft auf dem Weg in die Stadt den Spieler Eddie Bendix und seinen Kumpel Johnny Ryan. Sie findet den zwielichtigen Bendix attraktiv und dass ihre Mutter Fritzi Haller, die Chefin des Spielcasinos (und damit qua Beruf ebenfalls zwielichtig), Bendix von früher hasst, verstärkt natürlich Paulas Liebe zu Bendix.
Das größte Problem von „Desert Fury“ ist die widersprüchliche und unlogische Zeichnung der von der damals 25-jährigen Lizabeth Scott gespielten Hauptrolle Paula Haller. Ihr Verhalten entspricht viel zu oft nicht ihrem Alter, das irgendwo zwischen kurz nach der Pubertät und kurz vor Studienabschluss liegt. Jedenfalls fährt sie Auto, raucht und trinkt und ist immer noch finanziell von ihrer Mutter abhängig. Einerseits hat sie eine gute Beziehung zu ihr. Andererseits ist Bendix für sie gerade deshalb attraktiv, weil ihre Mutter ihn ablehnt. Und anscheinend hat sie in den vergangenen Jahren nichts von Bendix gehört. Das ist, weil die Geschichte in einer Kleinstadt spielt und die früheren Ereignisse sicher Stadtgespräch waren, unglaubwürdig.
Dieses Hin und Her zwischen ihrer Mutter, ihrem Freund und vielleicht zukünftigem Ehemann Tom Hanson und dem Spieler Eddie Bendix erinnert an das widersprüchliche Verhalten einer Pubertierenden und nicht einer knapp Zwanzigjährigen.
Auch die Schlusspointe zeichnet sich schon von der ersten Minute des aus heutiger Sicht ziemlich zähen Films, der unentschlossen zwischen „Western“ (einige Topoi wie die den Ort beherrschende Casinobesitzerin, die Landschaft und die vielen Pferde), Familiengeschichte, Drama, Coming-of-age (Paula muss erwachsen werden), garniert mit einer kleinen Krimibeigabe, pendelt, ab.
Desert Fury – Liebe gewinnt (Desert Fury, USA 1947)
Regie: Lewis Allen
Drehbuch: A. I. Bezzerides, Robert Rossen
LV: Ramona Stewart: Desert Town, 1946
mit John Hodiak, Lizabeth Scott, Burt Lancaster, Wendell Corey, Mary Astor
Ein ganz anderes Kaliber ist dagegen „Der schwarze Spiegel“.
Bewundernswert effektiv führt Robert Siodmak in den ersten Minuten von „Der schwarze Spiegel“ zu der zentralen Frage, welche der beiden Zwillingsschwestern den Mord begangen hat.
Bereits nach den ersten Zeugenaussagen kennt der Kommissar die Mörderin. Aber sie hat ein wasserdichtes Alibi. Nach zwölf Minuten entdeckt er, dass die Tatverdächtige eine Zwillingsschwester hat. Weil er mit den normalen Polizeimethoden nicht herausfinden kann, welche den Mord begangen hat, bittet er einen Psychiater um ein Gutachten. Denn, so hoffen die beiden Männer, durch eine Analyse ihres Verhaltens können sie herausfinden, welche der Schwestern den Mord begangen hat.
Für uns Zuschauer ist ziemlich schnell offensichtlich, welche Schwester den Mord begangen hat. Denn neben ihrem unterschiedlichen Verhalten, hat Siodmak auch alles getan, um die beiden von Olivia de Havilland gespielten Schwestern unterscheidbar zu machen. Sie tragen verschiedene Kleider und immer eine Brosche mit dem ersten Buchstaben ihres Vornamens oder eine Kette mit dem Vornamen. So entsteht auch in den vielen Szenen, in denen beide Schwestern gleichzeitig auftreten, keine Verwirrung. Diese sind auch mit heute noch verblüffenden Tricks gedreht.
Der, wie Siodmak, aus Deutschland geflüchtete Eugen Schüfftan, der bereits in Fritz Langs Science-Fiction-Film „Metropolis“ für atemberaubende Effekte sorgte, plante die Aufnahmen der von Olivia de Havilland gespielten Zwillingsschwestern, die oft in einem Bild zu sehen sind und ganz natürlich miteinander agieren. Dafür mischte er bereits während des Drehs Doubles, Doppelbelichtungen und Rückprojektionen.
„Der schwarze Spiegel“ ist ein spannender Noir, der sich der Whodunit-Formel bedient, das Doppelgänger-Motiv interessant anwendet und als einer der ersten Filme die Psychoanalyse benutzt, um den Täter zu überführen. Weil die böse Schwester als Mörderin überführt wird, hat „Der schwarze Spiegel“ auch ein Noir-untypisch beruhigendes Ende.
Denn „Was sonst im Film noir die beiden entgegengesetzten Charakterseiten ein und derselben Person darstellen, ist hier auf zwei Schwestern verteilt.“ (Paul Werner: Film noir und Neo-Noir) Und nachdem die eine verhaftet wird, kann die andere friedlich bis ans Ende ihrer Tage leben.
In Noir-Fankreisen hat „Der schwarze Spiegel“ einen guten Ruf. Weil „Der schwarze Spiegel“ schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen lief, dürfte ihn kaum noch jemand kenne. Dabei lohnt sich die Wiederentdeckung.
Der schwarze Spiegel (The dark mirror, USA 1946)
Regie: Robert Siodmak
Drehbuch: Nunnally Johnson
LV: Vladimir Pozner: The dark mirror (Kurzgeschichte, Good Hosekeeping, 1945)
mit Olivia de Havilland, Lew Ayres, Thomas Mitchell, Richard Long, Charles Evans
Springen wir in die Gegenwart. Jedenfalls optisch. Denn der französische Cop-Thriller „Diamond 13“ ist in jeder Beziehung vom Noir und dem französischen Kriminalfilm beeinflusst. Das Team von dem bei uns sträflich unterschätztem Noir „36 – Tödliche Rivalen“ (Fr 2004) fand sich wieder zusammen. Ex-Polizist Olivier Marchal (der auch „36 – Tödliche Rivalen“ inszenierte) schrieb das Drehbuch und übernahm die zweite Hauptrolle. Gérard Depardieu, der inzwischen Brandosche Ausmaße hat, übernahm die Hauptrolle. Valeria Golino, die in „36 – Tödliche Rivalen“ mitspielte, sprang in letzter Minute ab. Die schwangere Asia Argento übernahm die Rolle der Freundin von Depardieu, die ihn in der Polizeihierarchie überholte und ihm jetzt Befehle gibt. Gilles Béhat verdiente in den vergangenen Jahren seine Brötchen als TV-Krimiregisseur. Einer seiner ersten Spielfilme war 1983 die David-Goodis-Verfilmung „Rue Barbare“ (mit Bernard Giraudeau).
In „Diamond 13“ führt dieses Team die in „36 – Tödliche Rivalen“ angesprochenen Ideen und Themen fort. Wieder geht es um die internen Kämpfe der Polizei, die schmale Grenze zwischen Verbrecher und Polizist und Freundschaft und Vertrauen. Das sind im Polizeifilm und im französischen Kriminalfilm keine neuen Topoi, aber sie sorgen immer wieder für zwei spannende, moralische Grauzonen erkundende Stunden.
Denn die Polizisten sind mehr mit sich selbst, ihrer Unfähigkeit ihr Leben auf die Reihe zu bekommen und internen Streitigkeiten beschäftigt, als mit der Jagd nach Verbrechern. Und wenn sie Verbrecher jagen, dehnen sie die Gesetze mehr als einmal. Manchmal nehmen sie das Gesetz auch in die eigenen Hände – und manchmal hat das ungeahnte Folgen.
Depardieu spielt in „Diamond 13“ den desillusionierten Cop Mat, der schon alles gesehen hat, allein lebt und keine größeren Ziele mehr hat. Eines Tages bittet ihn sein todkranker Ex-Partner Franck um Hilfe. Er hat einen todsicheren Plan zum Ausrauben von einigen Gangstern. Mat lehnt zunächst ab, aber er wird – wie das bei todsicheren Plänen immer so ist und wenn dann noch hehre Vorstellungen von Freundschaft und Ehre mitspielen – dennoch in die Geschichte hineingezogen, die seine Fähigkeiten als harter Straßenbulle der Dirty-Harry-Schule übersteigt.
„Diamond 13“ ist ein feines, traditionsbewusstes Old-School-Werk, das die FSK-18-Freigabe nicht verdient hat. So werden Erwartungen geweckt, die „Diamond 13“ nicht einlösen will. Denn in einem Noir spielt die Action eher die dritte als die zweite Geige. An erste Stelle stehen die Charaktere, ihre Nöte, Ängste und moralische Verstrickungen. „Diamond 13“ ist da keine Ausnahme.
Dass, mal wieder der deutsche Kinostart ausfiel, ist inzwischen bei französischen Filmen, die nicht von Claude Chabrol sind, mit amourösen Verstrickungen das Arthaus-Publikum becircen oder action-krachig das Multiplex-Publikum unterhalten, die Regel. Das ist schade, aber wahrscheinlich nicht mehr zu ändern.
Das halbstündige Making-of liefert einige interessante Hintergründe zum Film und inszeniert eine kleine Diskussion ob „Diamond 13“ ein Noir oder ein Polizeifilm ist. Er ist natürlich beides.
Diamond 13 (Diamond 13, Fr 2009)
Regie: Gilles Béat (Pseudonym von Gilles Béhat)
Drehbuch: Gilles Béhat, Olivier Marchal
LV: Hugues Pagan: L’Etage des Morts
mit Gérard Depardieu, Olivier Marchal, Asia Argento, Anne Coesens, Aïssa Maïga
„Killshot“ ist eine wegen der Produktionsgeschichte durchwachsene Elmore-Leonard-Verfilmung in einer lieblosen DVD-Ausgabe. Sogar auf den Filmtrailer wurde verzichtet.
Das ist die traurige Schlusspointe eines Projektes, das hoffnungsvoll begann und nach den ersten Testvorführungen zum ungeliebten Kind wurde, das lange im Archiv verschwand.
Als 2005 die ersten Meldungen über die Verfilmung von Elmore Leonards Roman „Killshot“ die Runde machten, waren die Erwartungen hoch. Regisseur John Madden ist, obwohl er in England etliche TV-Krimis inszenierte, nicht als Genreregisseur bekannt. „Shakespeare in love“, „Corellis Mandoline“ und „Der Beweis“ sind seine bekanntesten Filme und wirklich schlecht (auch wenn man sie nicht mag) sind sie nicht. Außerdem waren Steven Soderbergh und Barry Sonnenfeld vor „Out of sight“ und „Schnappt Shorty“ ja auch nicht unbedingt als Krimiregisseure bekannt.
Die Besetzung las sich ebenfalls vielversprechend: Diane Lane, Thomas Jane, Mickey Rourke, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Hal Holbrook, Johnny Knoxville (seine Szenen sind geschnitten) – alles bekannte Namen, von denen mindestens die Hälfte für Qualität bürgt.
Dann gab’s, nachdem im Januar 2006 der Film fertig war, Meldungen von Nachdrehs (nicht unbedingt ungewöhnlich) und umfangreichen Umschnitten (schon ungewöhnlicher) und der Film verschwand im Weinstein-Archiv. Letztes Jahr kam der Film – mit neunzig Minuten ungewöhnlich kurz – dann ziemlich unbemerkt ins Kino. In den USA gab es letztes Jahr, vor der DVD-Veröffentlichung, nur einen Pro-Forma-Kinostart.
Jetzt erschien ausgesprochen ärmliche DVD-Ausgabe. Denn es gibt keine Extras.
Naja, einige Trailer.
Aber kein Making-of, keine Featurettes, keine Interviews mit den Machern, keine geschnittenen Szenen, kein Audiokommentar. Nichts. Nada. Und auf eine „Collector’s Edition“ innerhalb der nächsten Monate würde ich keinen einzigen Cent setzen. Dabei wäre gerade hier, wie bei Orson Welles‘ „Im Zeichen des Bösen“ (Touch of Evil, USA 1958), ein „Director’s Cut“ oder der Schnitt der ersten Testvorführungen eine tolle Sache.
So müssen wir uns – wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit – mit dem Torso begnügen. Und sogar dieser ist ziemlich ansehnlich.
Die Story ist typischer Leonard: Carmen Colson und ihr Mann Wayne beobachten den Mafia-Killer und Indianer Blackbird in Michigan bei einem Verbrechen. Sie gehen zur Polizei und werden in ein Zeugenschutzprogramm gesteckt. In Missouri sollen sie ein neues Leben beginnen (In dem Buch ist der komödiantische Höhepunkt erreicht, wenn der Polizist den Colsons die Papiere zum Zeugenschutzprogramm vorliest.). Blackbird – wie wir uns denken können – findet sie.
Diese Story ist aber nicht so wichtig. So gibt es immer wieder Szenen, die die Handlung kaum bis überhaupt nicht voranbringen, aber viel über die Charaktere, ihre Sehnsüchte und ihre Beziehung zueinander verraten. Es gibt Bilder von einem ländlichen Amerika, das von den meisten Hollywood-Produktionen ignoriert wird, aber aus den New-Hollywood-Produktionen der siebziger Jahre vertraut ist.
Allerdings schwankt „Killshot“ viel zu unentschlossen zwischen Krimi und Drama. Neben dem Krimiplot und der Mafiageschichte (Blackbird arbeitet als Killer für den Toronto-Mob) gibt es auch ein eher banales Ehedrama. Carmen Colson will sich scheiden lassen. Ihr Mann hofft dagegen immer noch, sie umstimmen zu können. Dieser, letztendlich sehr zahm ausgetragene Konflikt (immerhin sind die Colsons erwachsene Menschen, die mit Mitte Vierzig über ihr weiteres Leben nachdenken), zieht sich durch den ganzen Film und steht dem Krimiplot immer wieder im Weg.
Auch dieser Plot springt manchmal und einige Subplots enden im nirgendwo. In diesen Momenten wünscht man sich den „Director’s Cut“. Bis dahin muss man mit dieser durchaus faszinierenden Fassung, die zu den besseren Leonard-Verfilmungen gehört, vorliebnehmen.
Überaus gelungener Einstand einer Gruppe Hamburger Polizisten, die die Nachtschicht haben und gleichzeitig mehrere Fälle lösen müssen. Der größte Fall ist dabei in einer Bank die Geiselnahme von Ex-Roadie Schlosser.
Becker: „Wir orientieren uns an der Popkultur.“ und der „Tip“ ist wirklich begeistert von diesem hochkarätig besetzten TV-Movie.
Mit Armin Rohde, Uwe Ochsenknecht, Katharina Böhm, Ken Duken, Cosma Shiva Hagen, Minh-Khai Phan-Thi
Im Vergleich zu „Das Science Fiction Jahr 2009“ ist die neueste Ausgabe des Science-Fiction-Jahrbuchs mit 1152 Seiten dünn ausgefallen. Die vorherige Ausgabe hatte 1600 Seiten und lag wie ein überdimensionierter Wackelpudding in den Händen.
Dagegen hat man bei der neuesten Ausgabe wieder das Gefühl, ein vom Handling her lesbares Buch in den Händen zu halten. Der Schwerpunkt beschränkt sich dieses Jahr auf den 150-seitigen Text: „Wenn gestern morgen ist – Zeitmaschinen, Zeitreisen und Zeitparadoxien in Science und Fiction“ von Rüdiger Vaas. In den vorherigen Jahren waren es mehrere Texte; zuletzt über 400 Seiten über Superhelden.
Der Rest des Science-Fiction-Jahrbuchs bewegt sich im gewohnten Umfang und in den bekannten Kategorien. Es gibt Interviews mit Stephen Baxter und China Miéville, Porträts über J. G. Ballard, Frank Schätzing, Walter Jon Williams und David Foster Wallace.
Es gibt Essays zu James Camerons „Avatar“, „Star Trek“, „Terminator“ und „Battlestar Galactica“ von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Es wird über „25 Jahre Detroit-Techno“ geschrieben und über die „Weltfabrik der Theoretiker – Wie Annäherungen zur wissenschaftlichen Weltanschauung werden“ nachgedacht.
Es gibt Nachrufe, Buchbesprechungen, Film-, Hörspiel und Computerspielkritiken, Marktberichte und eine Auflistung im letzten Jahr preisgekrönter Science-Fiction-Werke.
Es gibt, auch wenn einen nicht alles interessiert, viel zu lesen.
Damit ist das von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke herausgegebene Jahrbuch auch im fünfundzwanzigsten (!) Jahr wieder eine Fundgrube für alle an Science-Fiction Interessierte. Denn in keinem anderen Buch wird so intensiv der Austausch über alle Spielarten von Science-Fiction gepflegt. Es ist allerdings auch immer noch das einzige Kompendium dieser Art. Und das obwohl im Kino die erfolgreichsten Filme Science-Fiction- und Fantasy-Filme sind. Zuletzt „Avatar“. Auch einige Science-Fiction-Bücher verkaufen sich ausgesprochen gut. Zuletzt Frank Schätzing mit „Limit“. Science-Fiction-Serien, wie „Raumschiff Enterprise“, „Stargate“ (jeweils mehrere Serien), „Lost“, „Battlestar Galactica“ und „Fringe“, sind im TV und auf DVD erfolgreich.
Daher: Herzlichen Glückwunsch zur 25. Ausgabe des Jahrbuchs. Vor einem viertel Jahrhundert hätte wahrscheinlich niemand vermutet, dass das Science-Fiction-Jahrbuch auch „2010“ erscheint.
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Sascha Mamczak/Wolgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2010
Plender verdient sein Geld, indem er wohlhabende Männer mit kompromittierenden Fotos erpresst. Sein neuestes Opfer ist der Modefotograf Vincent Mandel, den er noch aus der gemeinsamen Schulzeit kennt.
Tolle Ted-Lewis-Verfilmung, die bei uns nur eine ziemlich unbeachtete DVD-Premiere erlebte. Die Story kann zwar nicht verhehlen, dass sie von Ted Lewis bereits in den Siebzigern geschrieben wurde und sich daher in inzwischen bekannten Bahnen bewegt. Aber das ist auch der einzige Nachteil; – hm, eigentlich auch kein richtiger Nachteil, sondern nur ein wohliges Gefühl von Vertrautheit.
“Noir-Thriller nach klassischen Vorbildern” (Lexikon des internationalen Films)
Die größte Entdeckung ist sicher Pierre Richard, der als “Der große Blonde mit schwarzen Schuh” und ähnliche klamaukige Komödien bekannt wurde und hier eine dramatische Rolle spielt.
Oh, und Frau Kurylenko, die danach bei “Hitman”, “Max Payne” und “James Bond: Quantum of Solace” durch die Kulisse stolpern durfte, spielt auch mit.
Mit Yvan Attal, Clovis Comillac, Olga Kurylenko, Pierre Richard
LV: Victor Canning: The rainbird pattern, 1972 (später “Family plot”; „Auf der Spur“)
Mrs. Rainbird verspricht dem Medium Blanche 10.000 Dollar, wenn sie ihren vor Jahrzehnten verstossenen Neffen findet. Dieser finanziert inzwischen seinen Lebensunterhalt mit Entführungen und unterstellt Blanche und ihrem Freund George niedere Motive.
Was für ein Abgang: eine lockere Krimikomödie mit tiefschwarzem Humor.
Ernest Lehman: „Was Hitchcock wirklich an diesem Filmprojekt faszinierte, war die Idee von zwei getrennt ablaufenden unterschiedlichen Geschichten, die langsam zueinander finden und letztlich zu einer Geschichte werden. Ich ließ nicht locker, ihn darauf hinzuweisen, dass das Publikum nicht einen Film aufgrund seiner einzigartigen Struktur sehen will – es sei denn, Hitchcock plane, den Film als eine Art Dozent zu begleiten und ihn den Zuschauern zu erklären.“ – Mmh, da hat er Recht. „Family Plot“ (hübsch doppeldeutiger Titel) ist beim zweiten, dritten Sehen besser als beim Ersten. Und die Rückprojektionen sind schlecht wie immer.
Mit Karen Black, Bruce Dern, Barbara Harris, William Devane, Ed Lauter, Cathleen Nesbitt
Die Geschichte von Cable, der von Cyclops in die Zukunft geschickt wurde, geht episodisch und gewohnt knackig weiter. Dabei ist Autor Duane Swierczynski (aka Duane Louis) ziemlich frei, verschiedene zukünftige Welten, die auch in verschiedenen Zeitströmen existieren, zu erfinden. Denn auch wenn diese eine Zukunft fatal endet, kann es noch eine andere geben. Das ist für Science-Fiction-Fans und Philip-K.-Dick-Leser ein alter Hut, der letztes Jahr mit den Reboots von „Terminator: Die Erlösung“ und „Star Trek“ allgemein bekannt wurde.
In dem aus vier Heften bestehenden „Warten auf das Ende der Welt“ haben Cable und sein Schützling in „New Liberty“ eine Zuflucht gefunden. „New Liberty“ ist ein von der Welt abgeschiedenes Paradies, das keinen Kontakt mit der Außenwelt hat. Cable freundet sich mit Hope an und sein Schützling erhält endlich einen Namen: Hope Summers. Die Idylle wird zerstört, als amerikanische Soldaten, die wie Ungeziefer aussehen, „New Liberty“ besetzen. Sie nennen es Befreiung und sogar der unpolitischste Leser wird an die derzeitigen Auslandseinsätze des US-Militärs denken. Bevor Cable und sein Schützling flüchten können, müssen sie allerdings Hope aus den Klauen der Besatzer befreien.
In dem Zweiteiler „Wüstenblues“ entwickelt Hope langsam ihre Superkräfte. Weil Cable und Hope in der Wüste nicht lange überleben können, springen sie weiter in die Zukunft und landen im „Messias-Krieg“, einer umfangreichen Crossover-Geschichte von „Cable“ und der „X-Force“, die in sieben Heften gegen Stryfe, den Herrscher dieser Zukunft, kämpfen müssen.
Nach einem verheißungsvollen Set-Up endet der „Messias-Krieg“ in einem ziemlich verwirrendem Kampf, bei dem nur noch Marvel-Gesamtleser den Überblick behalten werden. Bei den anderen führt das gerade im zweiten Band des „Messias-Krieges“ öfters zu Was-zur-Hölle-geht-hier-eigentlich-ab-Momenten.
Aber im dritten Cable-Band sind zwei hübsche Geschichten enthalten und „Warten auf das Ende der Welt“ liefert auch einen sehr gemeinen, wenig subtilen Kommentar zur militärisch geprägten Außenpolitik der USA.
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Duane Swierczynski (Autor)/Ariel Olivetti (Zeichner): Cable 3 – Warten auf das Ende der Welt
(übersetzt von Michael Strittmatter)
Paninic Comics 2010
148 Seiten
16,95 Euro
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enthält
Warten auf das Ende der Welt (Waiting for the end of the world, Teil 1 – 4)
Wüstenblues (Wasteland Blues, Teil 1 – 2)
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Originalausgabe
Waiting for the end of the world, Chapter 1: The last place on earth (Cable 7, Dezember 2008)
Waiting for the end of the world, Chapter 2: Invasion U. S. A. (Cable 8, Januar 2009)
Waiting for the end of the world, Chapter 3: Little triggers (Cable 9, Februar 2009)
Waiting for the end of the world, Chapter 4: Ain’t no dog (Cable 10, März 2009)
Wasteland Blues, Chapter 1 (Cable 11, April 2009)
Wasteland Blues, Conclusion (Cable 12, Mai 2009)
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Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner): Cable 4: Messias-Krieg – Teil 1 (Teil 1 von 2)
(übersetzt von Michael Strittmatter)
Panini Comics, 2010
100 Seiten
12,95 Euro
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enthält
Messiah War, Chapter 1 (X-Force/Cable: Messiah War 1, Mai 2009)
Messiah War, Chapter 2 (Cable 13, Juni 2009)
Messiah War, Chapter 3 (X-Force 14, Juni 2009)
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Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner): X-Force 4: Messias-Krieg – Teil 2 (Teil 2 von 2)
(übersetzt von Michael Strittmatter)
Panini Comics, 2010
100 Seiten
12,95 Euro
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enthält
Messiah War, Chapter 4 (Cable [vol. 2] 14, Juli 2009)
Messiah War, Chapter 5 (X-Force [vol. 3] 15, Juli 2009)
Messiah War, Chapter 6 (Cable [vol. 2] 15, August 2009)
Messiah War, Chapter 7 (X-Force [vol. 3] 16, August 2009)
Blood Simple – Director’s Cut (USA 1984/2000, R.: Joel Coen)
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
Texas: Privatdetektiv Visser findet heraus, dass Abby ihren Mann, den Barbesitzer Marty, mit einem seiner Angestellten betrügt. Marty beauftragt Visser, seine Frau und den Nebenbuhler umzubringen. Der Plan geht – selbstverständlich – gründlich schief.
Ein feiner Noir, der keine Rücksicht auf seine Charaktere nimmt.
Das Kinodebüt der Brüder Coen. Heute im vier Minuten kürzeren „Director’s Cut“. In jeder Fassung ist schon der typische Coen-Humor vorhanden.
Das Drehbuch war für einen Edgar nominiert.
mit John Gertz, Frances McDormand, Dan Hedaya, M. Emmet Walsh, Samm-Art Williams
auch bekannt als „Blood Simple – Eine mörderische Nacht“ (Kinotitel 1985), „Blood Simple – Blut für Blut“ (Videotitel)
Die Covers sind gut und, obwohl von verschiedenen Gestaltern entworfen, sogar überraschend ähnlich. Der Inhalt auch. Irgendwie. Denn beide sind Pulp. Beide haben eine schwarzhumorige Note. Beide haben einen guten Anfang. Beide werden teilweise euphorisch gelobt. Vor allem Bazells Debüt „Schneller als der Tod“ gefällt anscheinend allen. Denis Johnsons „Keine Bewegung!“ wird wesentlich reservierter aufgenommen. Und von beiden Büchern hatte ich viel mehr erwartet.
Auf der ersten Seite von „Schneller als der Tod“ wird Assistenzarzt Dr. Peter Brown auf dem Weg zur Arbeit überfallen. Er schlägt den Dieb übel zusammen, vögelt auf dem Weg zur Dienstbesprechung eine Pharmavertreterin und wirft sich wie blöde Pillen ein. Kurz: ein ganz normaler Arbeitstag in einem New Yorker Krankenhaus, bis Brown sich einen neuen Patienten ansieht und mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.
Denn der Patient ist der Mafiosi Eddy Squillante, der ihn sofort als den ins Zeugenschutzprogramm untergetauchten Mafiakiller Pietro „Bärentatze“ Brnwa erkennt und, damit er seine Operation auch wirklich überlebt, droht, Brown an seine Mafiafreunde zu verraten.
Während Dr. Brown versucht, das Leben des todkranken Mafiosi und sein eigenes zu retten, schneidet Bazell Browns Biographie in die aktuellen Ereignisse. Er erzählt, wie Brown zum Killer wurde, wie er seine Großeltern rächen wollte, wie er seine Arbeit erledigte, wie er sich mit seinem besten Freund zerstritt und wie er letztendlich ausstieg. Diese fast 170-seitige Backstory bringt die Hauptgeschichte des 300-seitigen Krimis nicht voran und gibt dem Helden eine höchst überflüssige, klischeebeladene Vorgeschichte. Denn natürlich wurde Brown nur deshalb zum Killer, um seine feige ermordeten Großeltern zu rächen. Undsoweiterundsofort.
Außerdem, was natürlich bei einem Comic-Crime-Buch (irgendwie klingen die deutschen Übersetzungen „Krimikomödie“ und „witziger Kriminalroman“ blöd) ein großer Nachteil ist, fand ich „Schneller als der Tod“ nicht witzig. Ich konnte, und dabei lache ich mich bei Carl Hiaasen oder Donald Westlake schlapp, nicht einmal lachen.
Dennis Johnsons „Keine Bewegung!“ ist dagegen ein Versuch in Noir.
Freizeitmusiker Jimmy Luntz ist vielleicht kein guter Musiker, aber er ist definitiv ein schlechter Schuldner. Nach einem Konzert möchte Ernest Gambol, dass Luntz endlich seine Schulden zurückzahlt. Als sie gemeinsam unterwegs sind, eskaliert die Situation und plötzlich liegt Gambol verletzt auf der Straße und Luntz ist auf der Flucht. Er trifft Anita Desilvera, die gerade bei ihrer Scheidung gnadenlos über den Tisch gezogen wurde und jetzt mittellos ist. Aber sie weiß, wo ihr Mann, der Bezirksstaatsanwalt, und ihr Geliebter, der Richter, dessen Sekretärin sie war, über zwei Millionen Dollar gebunkert haben. Die beiden tun sich zusammen.
Und dann ist da noch Gambol. Er kuriert seine Verletzung nicht aus, sondern verfolgt hasserfüllt Luntz.
Der mit dem National-Book-Award ausgezeichnete Denis Johnson schrieb „Keine Bewegung!“ als vierteilige Geschichte für den „Playboy“. Aber das entschuldigt nicht die chaotische Geschichte, bei der einem alle Charaktere herzlich unsympathisch und egal sind. Dazu kommt Johnsons eigenwilliger Stil. Er erzählt gerne, leicht achronologisch, die Ereignisse vor einem Vorfall, dann die Auswirkungen und erst anschließend, in einer halbherzigen Rückblende, manchmal erst Seiten später, was geschah. Da fragt man sich als Leser öfters, leicht verwirrt, warum jetzt jemand blutend auf dem Boden liegt oder an einem anderen Ort ist. So liest sich „Keine Bewegung!“ wie ein liebloser Verschnitt verschiedener nicht miteinander zusammenhängender Geschichten.
Da hätte ein echter Pulp-Autor mehr herausholen können.
Am Dienstag, den 12. Oktober, besucht Josh Bazell Berlin. Die Lesung beginnt um 20.00 Uhr im Babylon-Kino (Rosa-Luxemburg-Straße 30; Nähe S/U-Bahnhof Alexanderplatz).
Keine Angst, ich werd sicher nochmal darauf hinweisen.
Felicia, mein Engel (Kan/GB 1999, R.: Atom Egoyan)
Drehbuch: Atom Egoyan
LV: William Trevor: Felicia´s journey, 1994 (Felicias Reise)
Mr. Hilditch (Bob Hoskins) hilft der 17-jährigen Felicia bei der Suche nach Johnny. Dabei verfolgt er gleichzeitig seine eigenen Pläne.
Wie immer bei Egoyan: langsam, aber konzentriert erzählt, mit grandiosen Leistungen der Schauspieler und einer exquisiten Kameraarbeit. Halt Kino für denkende Menschen.
„Mit dieser Parabel für die Zerstörung von Unschuld liefert er [Egoyan] eins der düstersten und beklemmendsten Porträts eines Serienmörders, das seit langem in Kino zu sehen war – eine außerordentliche schauspielerische Leistung von Bob Hoskins.“ (Heinrichs, Rheinische Post, 4. 2. 2000)
Was soll ich über das vierte Joe-Pitt-Buch sagen, das ich nicht schon so ähnlich bei den vorherigen Pitt-Krimis gesagt habe? Es ist gut und kann ohne die Kenntnis der vorherigen Bücher gelesen werden. Aber chronologisch macht es mehr Spaß.
Wem das zu kurz war:
Am Ende von „Das Blut von Brooklyn“ musste Privatdetektiv, Troubleshooter und Vampyr Joe Pitt (so eine Art Bastard-Sohn von Phil Marlowe und Mike Hammer) Manhattan verlassen.
Ein Jahr später schlägt er sich in der South Bronx mehr schlecht als recht durch. Näher kann er nicht zu seiner früheren, an AIDS erkrankten und inzwischen mit dem Vyrus infizierten Freundin Evie gelangen. Denn er darf sich nicht von seinen früheren Freunden, die den mächtigen Vampyrclans der Koalition oder der Society angehören und ihn immer noch töten wollen, erwischen lassen.
Eines Abends wird er von Verbündeten der Koalition geschnappt, gefoltert (er verliert dabei einen Zeh und ein Auge) und Predo, der Chef der Koalition (dem mächtigsten Vampyrclan Manhattans), bietet ihm, wenn er einen Auftrag erfüllt, eine Rückkehr nach Manhattan an. Die nicht-infizierte Millionenerbin Amanda Horde hat einen neuen Clan gegründet, der jeden aufnimmt. Außerdem sucht sie ein Heilmittel gegen das Vyrus. Sie gefährdet mit ihren Handlungen das Überleben der Vampyre, die seit Jahrhunderten alles tun, damit die Menschen nichts von ihrer Existenz erfahren.
Joe Pitt nimmt das Angebot, auch wenn er weiß, dass er den Auftrag wahrscheinlich nicht überleben wird, an. In Manhattan gerät Pitt schnell zwischen die Fronten der Clans und er versucht mit allen Mitteln seine eigene Haut zu retten. Dummerweise weiß er nie, wer ihn belügt. Aber auch seine Gegner wissen nicht, wann er sie belügt.
Das klingt jetzt – Vampyre, Koalition, Clans, Vyrus – ziemlich nach einem Mix aus Fantasy und Horrorroman. Dabei ist „Bis zum letzten Tropfen“, wie die vorherigen Joe-Pitt-Romane, vor allem ein Hardboiled-Privatdetektivkrimi in dem die Vampirclans nur eine andere Form von Verbrecherbanden (vulgo Mafia) sind und Joe Pitt als auf seine Autonomie bedachter Einzelgänger versucht, halbwegs ehrlich über die Runden zu kommen.
In „Bis zum letzten Tropfen“ erzählt Charlie Huston gewohnt pointiert, wie Joe Pitt in sein altes Jagdgebiet zurückkehrt, wieder keinem Ärger aus dem Weg geht, vielen davon selbst provoziert und er sich so wahrscheinlich alle Chancen auf ein Leben in Manhattan verbaut. Wie die Geschichte von Joe Pitt endet, erzählt Charlie Huston im fünften und letzten Joe-Pitt-Krimi „My dead body“, der nächstes Jahr bei Heyne erscheinen dürfte.
1972 will eine junge, ehrgeizige Journalistin herausfinden, was 1957 in einem Hotelzimmer geschah. Damals wurde die Leiche einer Studentin in der Suite der erfolgreichen Entertainer Lanny Morris und Vince Collins gefunden. Die Todesursache wurde nie geklärt, aber die Freundschaft der beiden Entertainer zerbrach.
Eleganter Neo-Noir von Kritikerliebling Atom Egoyan.
„Die retrospektiv erzählte Mischung aus Film noir und 1950er-Jahre-Melodram ist als faszinierendes Spiel mit Chiffren und Symbolen konzipiert, das, inszenatorisch perfekt, auf höchst vergnügliche Weise den Widerspruch zwischen Schein und Sein demonstriert.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Kevin Bacon, Colin Firth, Alison Lohman, Rachel Blancard
Buch zum Film: Max Allan Collins: Dick Tracy, 1990 (Dick Tracy)
Polizist Dick Tracy (edler als Prinz Eisenherz) jagt die bösen Buben.
Aus heutiger Sicht kann “Dick Tracy” als der unschuldige Vorläufer für Filme wie “Sin City”. Denn Beatty übertrug das Artwork der Dick-Tracy-Comics nahezu bruchlos auf die Leinwand. Das fasziniert einerseits wegen der gewollten Künstlichkeit und langweilt genau deshalb; auch weil die Story Quatsch ist.
“‚Dick Tracy‘ ist sicherlich eine der kongenialsten Comic-Verfilmungen der Filmgeschichte, besitzt die richtige Mischung aus Naivität und den Glauben daran.” (Fischer Film Almanach 1991)
Mit Warren Beatty, Glenne Headly, Madonna, Al Pacino, Dustin Hoffman, Seymour Cassell, Paul Sorvino, Dick Van Dyke, Charles Durning, R. G. Armstrong, Henry Silva, James Caan, Kathy Bates, Colm Meaney, Michael J. Pollard
Dank George A. Romero wissen wir, was Zombies sind und wie sie am besten getötet werden. Ein Schuss in den Kopf. Alternativ kann auch der Kopf abgeschlagen werden.
Dank Robert Kirkman und seiner Comicserie „The Walking Dead“ entwickeln wir eine Vorstellung, wie es ist, in einer von Zombies bevölkerten Welt zu überleben. Denn, wie bei Romero, tauchen die Zombies plötzlich auf. Die Gründe dafür sind, ebenfalls wie bei Romero, unklar.
Kleinstadtpolizist Rick Grimes lag die entscheidenden Wochen im Koma. Als er aufwacht, ist die Welt fast menschenleer. Er fährt, in der Hoffnung seine Frau Lori und seinen siebenjährigen Sohn Carl zu finden, nach Atlanta. Fast zufällig findet er sie und eine kleine Gruppe Überlebender. Schnell wird Grimes zu ihrem Anführer.
Als die Lage für sie immer gefährlicher wird, beschließen sie, in der Hoffnung irgendwo andere Menschen zu finden, aufzubrechen.
In den folgenden Bänden der Eisner-nominierten Comicserie „The Walking Dead“ schildert Robert Kirkman, wie Rick Grimes und die von ihm angeführte Menschen versuchen zu überleben und eine neue Gesellschaft zu gründen. Dabei treffen sie – insofern ähnelt die Serie einem klassischen Western, in dem gezeigt wird, wie die Siedler von der Ost- zur Westküste reisen und mit vielen Gefahren (vor allem mörderische Rothäute und verbrecherische Bleichgesichter) zu kämpfen haben – auf viele Gefahren und verlieren auch einige Gefährten.
Über eine längere Zeit findet die von Grimes angeführte Gruppe in einem Gefängnis eine sichere Unterkunft. Denn die Zäune, die früher einen Ausbruch der Insassen verhindern sollten, verhindern jetzt einen Einbruch der Zombies.
Dass sie nicht ewig in diesem Heim bleiben können, wissen sie, nachdem sie sich mit Philip, dem selbsternannten und ziemlich durchgeknallten Gouverneur von Woodbury, anlegen. Gegen ihn ist Aunty Entity (Tina Turner im dritten Mad-Max-Film „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“) ein Ausbund an Menschlichkeit.
Im Ende des neunten Bandes „Im finsteren Tal“ machen sich Grimes und seine Freunde zusammen mit Army-Sergeant Abe Ford (einem Geistesverwandten von Grimes, was natürlich für Konflikt zwischen ihnen sorgt), der von ihm angeführten Gruppe Überlebender und dem Wissenschaftler Eugene Porter, der behauptet ein Gegenmittel gegen die Zombie-Plage zu kennen, auf den Weg nach Washington, D. C.. Denn dort soll es, so Porter, die Möglichkeit zur Heilung geben.
Die Idee zu „The Walking Dead“ entstammt meiner Begeisterung für Zombiestreifen. Ich habe mir diese Filme damals reingezogen, als ob es kein Morgen gäbe, und ich wollte immer wissen, wie es eigentlich nach dem Ende des Films weitergeht. Also kam mir die Idee, einen Comic zu machen, der wie ein Zombiefilm sein würde – nur eben ohne jemals zu enden. Ich wollte die Zombie-Apokalypse erforschen, ohne mich dabei auf einen bestimmten Schluss festzulegen, und das bis zur letzten Konsequenz durchziehen. Daraus entstand dann „The Walking Dead“. Das war ungefähr im Oktober 2002.
Robert Kirkman
Obwohl immer wieder über mehrere Seiten Zombies getötet werden und es immer wieder zwischen den Menschen äußerst gewalttätig zugeht, ist die von Robert Kirkman erfundene und sehr erfolgreiche Serie „The Walking Dead“ kein primitives Gewaltepos. Im Zentrum steht nämlich die Frage, was den Menschen ausmacht und wie Menschen in extremen Situationen, wenn alle vorherigen Gewissheiten und zivilisatorischen Barrieren nicht mehr gelten, reagieren. So bringt Rick Grimes, der als Polizist ausgebildet wurde Menschen zu beschützen, immer wieder andere Menschen um oder verletzt sie schwer. Teils weil er es muss, teils weil er annimmt, dass sie das Überleben der von ihm angeführten Gruppe oder seiner Familie gefährden.
Die Afroamerikanerin Michonne war früher eine Anwältin mit Mann und Kindern. Jetzt ist sie eine eiskalte Killerin, die am liebsten Zombies mit einem Samurai-Schwert köpft.
Die Anwaltsgehilfin Andrea wird eine Scharfschützin, Einige der Gefängnisinsassen werden zu wichtigen Stützen der Gemeinschaft. Denn ihre alten Verfehlungen, soweit sie überhaupt bekannt sind, zählen heute nicht mehr.
Andere kommen mit der Situation nicht klar und versuchen sich umzubringen. Sie alle fragen sich immer wieder, wie sie mit den Zombies umgehen sollen. Denn einige der Zombies sind ihre Kinder, Frauen, Männer, Freunde – und wenn es ein Heilmittel gibt, könnten sie doch vielleicht wieder Menschen werden. Und sie fragen sich, ob sie noch geistig zurechnungsfähig sind in dieser unnormalen Situation in der sie ständig Dinge tun, die sie vorher für undenkbar gehalten haben.
Auch Philip, der sadistische Gouverneur von Woodsbury, ist eine zerrissene Gestalt. Er wohnt mit seiner kleinen Tochter, die ein Zombie ist, zusammen, sieht jeden Tag, dass sein Kind kein Mensch mehr ist und dennoch versucht er, obwohl er sie wie ein gefährliches Haustier hält, für sie ein Vater zu sein. Ein schlimmeres Bild für den moralischen Verfall gibt es wahrscheinlich in keinem der bis jetzt erschienenen zehn Bände.
Gleichzeitig zeigt Kirkman, wie die Überlebenden versuchen, eine neue Gesellschaft aufzubauen, obwohl es immer mehr Zombies gibt, sie selbst immer weniger werden und sie sich manchmal der schlimmste Feind sind. Ein Ende von „The Walking Dead“ ist, auch weil die Verkaufszahlen stimmen, nicht abzusehen.
Die deutschen Ausgaben sind, wie bei Cross Cult gewohnt, vorbildlich. Jeder Band hat Bonusmaterial. Zum Standard gehört die „Zombie-Guide“, in der über Zombie-Filme, -Comics und -Bücher, den Zombie-Paten George A. Romero, die Ursprünge des Zombie-Mythoses und die Zombie-Walks geschrieben wird. Es gibt auch Vor- und Nachworte, Interviews mit Autor Robert Kirkman (Band 1 und Band 10), Zeichner Tony Moore (Band 1), Zeichner Charlie Adlard, der nach dem sechsten Heft die Serie von Moore übernahm (Band 5), eine ausführliche Charakter-Guide (Band 10, die für Neueinsteiger viele Spoiler enthält) und den im Image Holiday Special 2005 veröffentlichten sechsseitigen Comic „Eine Weihnachtsgeschichte“ (Band 10).
In den USA startet im Oktober bei AMC eine vorerst sechsteilige Verfilmung von „The Walking Dead“. Frank Darabont (Die Verurteilten, The Green Mile) ist verantwortlich für die Serie. Er schrieb auch das Buch für die erste Folge und inszenierte sie. Es spielen unter anderem Andrew Lincoln (Rick Grimes), Sarah Wayne Callies (Lori Grimes, bekannt aus „Prison Break“), Jon Bernthal (Shane Walsh), Laurie Holden (Andrea, unter anderem „The Shield“, „X-Files“), Jeffrey DeMunn (Dale), Steven Yeun (Glenn) mit und die ersten Bilder sehen verdammt gut aus. Das könnte nach „Dexter“, „Californication“ und „Breaking Bad“ eine weitere TV-Serie werden, die auch vor einer satten Portion Sex, Gewalt und Amoralität nicht zurückschreckt. Denn eine Zombie-TV-Serie sollte nicht viel harmloser als ein zünftiger Zombie-Film oder die Vorlage sein.
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Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead – Dämonen (Band 10)
(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)
Cross Cult, 2010
168 Seiten
16 Euro
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Originalausgabe
The Walking Dead – Vol. 10: What we become
Image, 2009
(enthält Issue 55 – 60)
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Die bisherigen Bände
The Walking Dead: Gute alte Zeit (Band 1)
The Walking Dead – Vol. 1: Days gone bye
(enthält Issue 1 – 6)
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The Walking Dead: Ein langer Weg (Band 2)
The Walking Dead – Vol. 2: Miles behind us
(enthält Issue 7 – 12)
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The Walking Dead: Die Zuflucht (Band 3)
The Walking Dead – Vol. 3: Safety behind bars
(enthält Issue 13 – 18)
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The Walking Dead: Was das Herz begehrt (Band 4)
The Walking Dead – Vol. 4: The hearts desire
(enthält Issue 19 – 24)
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The Walking Dead: Die beste Verteidigung (Band 5)
The Walking Dead – Vol. 5: The best defense
(enthält Issue 25 – 30)
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The Walking Dead: Dieses sorgenvolle Leben (Band 6)
Child 44 (Kind 44), von Tom Rob Smith (Simon & Schuster)
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Der Gewinner wird am Donnerstag, den 22. Juli auf dem Theakstons Old Peculier Crime Writing Festival in Harrogate, England, bekannt gegeben. Er wird ermittelt, indem die Ergebnisse einer Online- und einer Experten-Abstimmung zusammengefasst werden.
Goodbye Mulitplex. Hello Special Screening? – Jedenfalls gibt es im Independent einen kleinen Überblick über Filmpräsentationen an ungewöhnlichen Orten oder in einem ungewöhnlichen Rahmen in London.
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Vor einigen Tagen war ich auf dem sehr anstrengendem (Man, 16 Stunden Vorträge an zwei Tagen plus Filmprogramm) und sehr informativem Kolloquium „Gefährliches Kino? – Filme im Konflikt mit Gesetz, Geld und Gesellschaft“ der Deutschen Kinemathek.
Inzwischen sind einige ausführliche Nachberichte und Mitschnitte online:
die juristische Bürokratie sieht nicht vor einen ehemals verbotenen Film wieder zu „erlauben“ – selbst wenn alle (!) Beteiligten das Verbot heute nicht mehr nachvollziehen können.
Deshalb wird das aus heutiger Sicht eher harmlose „Blutgericht in Texas“ vielleicht niemals in Deutschland veröffentlicht werden. Auch nicht für Erwachsene.
Im September macht die Deutsche Kinemathek eine Folgeveranstaltung.
if you’re strong of stomach I think Michael Winterbottom’s adaptation of Jim Thompson’s The Killer Inside Me is easily one of the most unique experiences you can currently have at the movie theater.
I’ve adapted a few novels for the screen over the years, and it’s always a difficult task. You’ve got to capture what made the book great, but you’ve also got to change a lot of things in order to make it work as a screenplay.
Er fragte seinen alten UCLA-Professor Richard Walter und der schrieb eine sehr lesenswerte Antwort:
Adaptors should feel free to delete scenes and entire chapters from the book; they should feel equally free to create wholly new material, even invent new characters, if in doing so they create a finer script. They should try at most to capture merely the spirit of the book, if that, and avoid becoming a slave to the facts and data contained in the original pages.