DVD-Kritik: „Gegen jeden Zweifel“ ist überraschend gut

Oktober 13, 2010

Aus dem Kino verschwand der Film schneller, als ich „Buh“ sagen konnte.

Bei Rotten Tomatoes kommt der Film auf einen desaströsen Frischegrad von 4 Prozent (von 100 Prozent). Alle anderen Arbeiten von Regisseur Peter Hyams und Schauspieler Michael Douglas erhalten bessere Frischegrade; sind also besser.

Und in fast jeder Kritik stand, dass das Original besser sei. Das Original dürfte allerdings kaum jemand kennen. Denn Fritz Langs Noir „Jenseits allen Zweifels“ (Beyond a reasonable doubt, USA 1956) lief schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen und auf DVD wurde der Film auch noch nicht veröffentlicht.

Sollte Peter Hyams, der bei „Gegen jeden Zweifel“ wieder einmal neben der Regie auch den Part des Drehbuchautors und Kameramanns übernahm, dieses Mal so richtig daneben gegriffen haben?

Das wäre schon erstaunlich. Denn bisher hat er fast immer ordentliche Unterhaltung, oft sogar mit einer gesellschaftskritischen Note, abgeliefert. „Unternehmen Capricorn“, „Outland – Planet der Verdammten“, „Ein Richter sieht rot“ (ebenfalls mit Michael Douglas), „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ (die Fortsetzung von „2001“), „Diese zwei sind nicht zu fassen“, „Time Cop“, „Sudden Death“, „Das Relikt“ und „End of Days“ gehen auf sein Konto.

 

Ein Noir

 

Dass „Gegen jeden Zweifel“ ein totales Desaster ist, ist daher kaum zu glauben und, sicher auch aufgrund der vielen negativen Besprechungen und der damit verbundenen drastisch reduzierten Erwartungen („4 Prozent“! Sogar das aseptische „Basic Instinct 2“ hat bei Rotten Tomatoes 7 Prozent und das grottige „Catwoman“ hat überragende 10 Prozent erhalten.), unterhält Peter Hyams neuer Film ganz gut. „Gegen jeden Zweifel“ ist nicht ohne Fehler. Die beiden Actionszenen (Peter Hyams hat da in der Vergangenheit immer Gutes geliefert) sind unmotiviert und, vor allem die zweite, ist auch reichlich absurd. Denn da darf die Damsel in Distress in einem leeren Parkhaus minutenlang vor einem Auto weglaufen, ohne auch nur einmal von diesem Auto berührt zu werden. Die wenigen Suspense-Momente, wie das Besorgen der Originaldateien aus der Asservatenkammer der Polizei, sind eher lieblos heruntergekurbelt. Vom Drehort, immerhin wurde vor Ort in Louisiana gedreht, gibt es kaum Außenaufnahmen. Die meisten Szenen spielen in geschlossenen Räumen ohne ein Fenster nach außen – und tragen damit zur klaustrophobischen Atmosphäre, die Hyams allerdings nicht konsequent nutzt, bei. Die Story ist ordentlich verwickelt, aber für Noir-Fans auch erschreckend vorhersehbar (Oder habe ich mich zu gut an die Lektüre einer vor Ewigkeiten gelesenen Inhaltsangabe für den Lang-Film erinnert? Oder habe ich die Hinweise auf die Lösung unbewusst zu gut erkannt?). Jedenfalls dürften Noir-Fans das Ende schon sehr früh (und ich meine sehr früh) ahnen.

Im Mittelpunkt des Films steht der junge, leicht arrogante und karrierebewusste TV-Journalist C. J. Nicholas (Jesse Metcalfe, „John Tucker must die“, „Desperate Housewives“). Er hatte eine tolle investigative TV-Reportage über eine vor der Ausstrahlung verstorbene Obdachlose gemacht und dafür die Stelle bei einem TV-Sender in Louisiana bekommen. Dort will er den Staatsanwalt Mark Hunter (Michael Douglas mit sehr wenig Filmzeit) als Betrüger, der, um Verurteilungen zu erreichen, Beweise manipuliert, entlarven. Hunter ist sogar als künftiger Gouverneur im Gespräch. Für ihn spricht immerhin seine eindrucksvolle Bilanz an Verurteilungen. Zu eindrucksvoll meint Nicholas. Vor allem weil es immer Indizienprozesse waren.

Als er von seinem Chef zurückgepfiffen wird, verfällt er auf einen abenteuerlichen Plan. Er will selbst als Mörder für ein Verbrechen angeklagt werden, das er nicht begangen hat und dann Hunter im Gerichtssaal entlarven.

Ein toller Plan, der nachdem sein Freund Corey Finley (Joel David Moore, „Avatar“, „Bones“) mit den Videoaufnahmen, die seine Unschuld beweisen, bei einem Autounfall stirbt, gnadenlos den Bach hinuntergeht. Nicholas wird zum Tod verurteilt und nur seine Freundin Ella Crystal (Amber Tamblyn, „Die himmlische Joan“), die Assistentin von Hunter, kann ihn vielleicht retten.

„Gegen jeden Zweifel“ ist ein überraschend gelungener Noir, der die vielen Verrisse nicht verdient hat. Die beiden Hauptcharaktere Nicholas und Hunter sind reichlich unsympathische Karrieristen, die die Welt nur als Spielbrett benutzen. Die Story selbst ist mehr an Stimmungen und dem Zeigen der verschiedensten Arten von Verführung, als an Logik und Plausibilität (zwei Dinge, die auch für Noir-Fans nicht an erster Stelle stehen) interessiert. Denn der Plan von Nicholas ist so gewagt wie bescheuert. Vor allem, wenn man sieht, wie einfach Crystal später die Beweise für seine Unschuld findet. Auch dass es keine Kopien der ihn entlastenden Videoaufnahmen gibt, ist heute, im Zeitalter der unendlichen Reproduzierbarkeit, unglaubwürdig. Vor allem weil Nicholas ein investigativer Journalist ist. Aber in diesem Moment verhält er sich eher wie ein Teenager beim Räuber-und-Gendarm-Spiel

Die Bilder liefern oft ein angenehmes Retro-Feeling. Das mag auch daran liegen, dass vor Ort in Louisiana gedreht wurde und Gefängnisse und Polizeistationen nicht im Jahrestakt renoviert werden, sondern oft über viele Jahre einfach nur ausgebessert werden.

 

Das Original und das Remake: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

 

Peter Hyams übernahm vieles von Fritz Langs Film und passte es teils nur geringfügig an die Gegenwart an. Aber er veränderte die Beziehungen der Hauptcharaktere und er ließ die Langs Film beherrschende Diskussion über die Todesstrafe links liegen.

In seinem Film diskutierte Fritz Lang das Für und Wider zur Todesstrafe und, damit verbunden, ob ein Mensch nur aufgrund von Indizien zum Tod verurteilt werden darf. Diese Botschaft steht dabei der Story immer etwas im Weg. Das liegt auch daran, dass „Jenseits allen Zweifels“ reichlich unplausibel ist. So lässt sich der Schwiegersohn in spe von dem Zeitungsherausgeber überreden, sich freiwillig als Verdächtiger ins Gespräch zu bringen. Doch warum sollte ein Unschuldiger das tun? Deren Plan und auch die Lösung hängen essentiell von der schlampigen Arbeit der Polizei ab. Denn der Staatsanwalt ist zwar an Verurteilungen interessiert, aber er bricht dafür – im Gegensatz zum Remake – keine Gesetze. Und die Enttarnung des Mörders erfolgt in Langs Film absolut überraschend, fast schon nach der „Der Gärtner ist der Mörder“-Methode.

Egal wie man es betrachtet, Fritz Langs letzter in den USA gedrehter Film gehört nicht zu seinen besten Werken. Als Spielfilm ist „Jenseits allen Zweifels“ sogar reichlich missraten. Als Folge von „Alfred Hitchcock zeigt“ wäre die Geschichte sicher okay gewesen.

Peter Hyams will dagegen in erster Linie in seinem angenehm altmodischem Film nur unterhalten. Denn abgesehen von den forensischen Teilen (DNA-Analyse und Manipulation von Bildern am Computer), hätte „Gegen jeden Zweifel“ so auch vor dreißig Jahren entstehen können. Hyams thematisiert immer wieder, in jeder Szene, die verschiedene Formen von Verführung, Vertrauen, Macht und Machtmissbrauch. Dabei glauben seine jungen Charaktere, dass sie die Regeln des Spiels bestimmen. Und, weil Nicholas und Hunter für ihre persönlichen Ziele skrupellos die Regeln manipulieren, ist Hyams Remake sogar erheblich düsterer als Langs doch sehr durchschnittliches Original.

 

Die DVD

 

Das Bonusmaterial gehört in die Abteilung „mehr Schein als Sein“. Denn die drei Interviews sind Rohmaterial für das Making-of. Hinter „Behind the Scenes“ verbirgt sich eine Mischung aus B-Roll und Dokumentation der Explosion eines Autos am Ende einer Verfolgungsjagd. Der Hintergrundbericht zur forensischen Arbeit der Polizei ist höchstens für Menschen, die in den vergangenen Jahren nicht eine „CSI“-Folge gesehen haben, von geringfügigem Interesse. Insgesamt ist das Bonusmaterial in weniger als dreißig Minuten angesehen und, weil es reines Werbematerial ist, auch sofort vergessen.

Der Audiokommentar von Peter Hyams und Jesse Metcalfe ist durchwachsen. Metcalfe sagt wenig und auch Peter Hyams gehört nicht zu den Dauerrednern. Aber wenn Hyams etwas sagt, ist es sehr interessant. So erklärt er, warum er bestimmte Szenen so und nicht anders filmte, an welchen Stellen es Hinweise auf die Lösung gibt, welche Funktion bestimmte Szenen haben und er liefert einige Hintergründe zum Stil und den Dreharbeiten. Insgesamt vermisst man aber, gerade weil Hyams als sehr nachdenklicher und uneitler Filmemacher rüberkommt, einen Interviewer, der Hyams die wichtigen Fragen gestellt und zum Reden animiert hätte.

 

Gegen jeden Zweifel (Beyond a reasonable doubt, USA 2009)

Regie: Peter Hyams

Drehbuch: Peter Hyams

Vorlage: Drehbuch „Beyond a reasonalbe doubt“ von Douglas Morrow (1956)

mit Jesse Metcalfe, Amber Tamblyn, Michael Douglas, Joel David Moore, Orlando Jones, Lawrence Beron

DVD

Koch-Media

Bild: 1,85:1 (anamorph/16:9)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1; DTS), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Peter Hyams und Jesse Metcalfe, Interviews mit Michael Douglas, Amber Tamblyn und Peter Hyams, Behind the Scenes, Criminal Forensics, Making of, Orginaltrailer, Wendecover

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gegen jeden Zweifel“

Noir of the Week über das Original „Jenseits allen Zweifels“ (es handelt sich um eine kritische Nacherzählung der Geschichte. Wer also die Lösung nicht wissen möchte…)

Bonusfilm

Fritz Langs „Jenseits allen Zweifels“ im englischen Original

 

 


Neue TV-Krimi-Buch-Tipps online

Oktober 13, 2010

Urlaubsbedingt (hier in Berlin sind Herbstferien) gibt es meine  TV-Krimi-Buch-Tipps bei den Alligatorpapieren etwas später:

Mit einer Orson-Welles-Nacht („Der dritte Mann“ und „Im Zeichen des Bösen“) beginnt die Woche vielversprechend. Weiter geht’s mit Buddy Giovinazzos Wilsberg-Filmen „Schuld und Sühne“ und „Todesengel“, Philip Noyces Charles-Williams-Verfilmung „Todesstille“, Roger Donaldsons Kenneth-Fearing-Verfilmung „No way out- Es gibt kein zurück“, Friedemann Fromms sehr freie Horst-Bieber-Verfilmung „Vom Ende der Eiszeit“, Martin Scorseses John-D.-MacDonald-Verfilmung „Kap der Angst“ und, als TV-Premiere, Robert Harmons Robert-B.-Parker-Verfilmung „Jesse Stone: Alte Wunden“ (nachdem die Erstausstrahlung im ZDF nach Mitternacht ist, zeigt ZDFneo den Film wenige Tage später zu einer vernünftigen Uhrzeit).


TV-Tipp für den 13. Oktober: Im Auftrag des Terrors

Oktober 13, 2010

Arte, 20.15

Im Auftrag des Terrors (Fr 2007, R.: Barbet Schroeder)

Drehbuch: Barbet Schroeder

Spielfilmlange Doku über den französischen Anwalt Jacques Vergès, der als Jugendlicher gegen die Nazis kämpfte, in den 1950ern algerische Freiheitskämpfer (ähem, Terroristen) verteidigte, zu einer Ikone der Linken wurde und später den Terroristen Carlos, Diktatoren, wie Slobodan Milosevic und Saddam Hussein, und bekannte Nazis, wie Klaus Barbie, verteidigte. Schroeder porträtiert in seiner hochgelobten Dokumentation den umstrittenen Anwalt.

Die Doku gewann einen Étoiles d’Or und war für einen César nominiert.

Mit Jacques Vergés, Bassam Abu Sharif

Auch bekannt als „L’avocat de la terreur“

Hinweise

Wikipedia über Jacques Vergès (deutsch, englisch)

Arte über die Doku


Cover der Woche

Oktober 12, 2010


TV-Tipp für den 12. Oktober: Mogadischu

Oktober 12, 2010

SWR, 23.00

Mogadischu (D 2008, R.: Roland Suso Richter)

Drehbuch: Maurice Philip Remy

Buch zum Film: Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der Landshut, 2008

Nach Heinrich Breloers hochgelobtem Zweiteiler „Todesspiel“ (auch schon über zehn Jahre alt) über den Deutschen Herbst 1977, diversen Dokumentationen (zum Beispiel letztes Jahr ein Zweiteiler) über die RAF, dem noch im Kino laufendem „Baader Meinhof Komplex“ mutet „Mogadischu“ etwas akademisch an. Denn die Fakten sind bekannt. Am 13. Oktober 1977 entführt ein palästinensisches Kommando die Lufthansa-Maschine Landshut. Nach einem mehrtägigen Irrflug landet das Flugzeug in Mogadischu und die GSG 9 beendet die Geiselnahme.

Neue Erkenntnisse, wie die Beteiligung des KGB an der Entführung und was Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann machte, als er nach einer Notlandung in Aden zwanzig Minuten verschwand, ändern nichts an dem großen Bild.

Aber Autor Remy und Regisseur Richter verarbeiteten diese Geschichte jetzt zu einem die damaligen Ereignisse konzentriert nacherzählendem TV-Spielfilm, der auch im Kino überzeugt hätte. Einziger Kritikpunkt ist die derzeit angesagte Wackelkamera

„Es ist ein ernsthafter Versuch der Annäherung (an die Wahrheit, A. d. V.). Wir bemühen uns, mit Verantwortung an ein Thema heranzugehen. Die Menschen, die das erlebt haben, sollen nicht davor sitzen und sagen: Was machen die denn da? Was erzählen die da?“ (Remy in der FAZ)

Das gleichnamige „Begleitbuch zum Film ‚Mogadischu’“ von Timo Kortner nimmt eine seltsame Zwischenstellung zwischen einem traditionellem Buch zum Film, also einer höchstens sparsam erweiterten Romanfassung des Drehbuchs, und einem Sachbuch über die Entführung ein. Denn Kortner führt relativ ausführlich in das gesellschaftliche Klima während der Schleyer-Entführung ein und er fügt immer wieder erklärende Passagen ein. Dabei gibt es im Buch und im Film eine Verschiebung der Perspektive von den Tätern zu den Opfern. Der Tatsachenroman „Mogadischu“ erzählt von Menschen in einer Ausnahmesituation und wie sie versuchen, diese zu überleben. Die Entführer bleiben dagegen, bis auf den durchgeknallten Captain Martyr Mahmud, blass. Und die Ideologie der Terroristen wird höchstens in einem Nebensatz gestreift; – was sie als Bösewichter noch bedrohlicher macht.

Kortners „Mogadischu“ ist ein packendes Drama, das auch eine gehörige Portion historisches Wissen vermittelt. Ein feines Buch.

Mit Nadja Uhl, Thomas Kretschmann, Christian Berkel, Said Tagmaqoui, Herbert Knaup, Simon Verhoeven, Jürgen Tarrach

Hinweise

ARD zum Film

FAZ: Interview mit Maurice Philip Remy über “Mogadischu” (24. November 2008)

FAZ (Michael Hahnfeld), Die Welt (Eckhard Fuhr), Spiegel Online (Christian Buß), Süddeutsche Zeitung (Christopher Keil), taz (René Martens), Die Zeit (Margit Gerste) über den Film „Mogadischu“

Kortner - Mogadischu

Das Buch zum Film

Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der ‚Landshut’

Knaur, 2008

272 Seiten

9,95 Euro


Neu im Kino/Filmkritik: „Im Schatten“

Oktober 12, 2010

Im Schatten (D 2010, R.: Thomas Arslan)

Drehbuch: Thomas Arslan

mit Mišel Matičević, Karoline Eichhorn, Uwe Bohm, Rainer Bock, Hanns Zischler, Petr Kurth, David Scheller

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Manchmal sind die Reaktionen der Kritiker erhellender als das besprochene Werk. Auch Thomas Arslans neuer Film „Im Schatten“ wird breit abgefeiert und weil er auf der Berlinale neben Benjamin Heisenbergs „Der Räuber“ und Dominik Grafs zehnteiliger TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ gezeigt wurde, machten einige Kritiker schon eine Wiedergeburt des Genrekinos in Deutschland aus und die Deutsche Kinemathek organisierte die Tagung „Die Lust am Genre“, die vor allem ein Abfeiern von „Im Schatten“ und „Im Namen des Verbrechens“, mit kleinen Seitenschritte zu „Der Räuber“, „Jerichow“ und „KDD – Kriminaldauerdienst“, war.

Da fragte ich mich als Gast der Tagung mehr als einmal, ob hier nicht aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird und vermutete, dass die Kritiker diese Filme auch deshalb so überschwänglich lobten, weil sie selbst in ihrem tiefsten Herzen Genrejunkies sind und sich freuten, neben den unzähligen, oft in mehrfacher Hinsicht quälenden deutschen Filmen endlich einmal einfach nur neunzig Minuten originäres Kino zu erleben.

Denn aus Genreperspektive ist „Im Schatten“ nicht mehr und nicht weniger als ein guter Hardboiled-Gangsterfilm, der eindeutig vom französischen Kriminalfilm (Melville!) und den harten amerikanischen Krimis beeinflusst ist. So ist der Einfluss von Richard Starks Parker und seinen Epigonen Nolan (von Max Allan Collins) und Wyatt (von Garry Disher) unübersehbar.

Denn Arslans Held Trojan ist ein prototypischer Profiverbrecher. Er ist gerade aus dem Knast entlassen worden, will sich seinen Anteil von der Beute aus einem früheren Verbrechen abholen, wird um diesen Anteil betrogen, will sich an einem Überfall auf einen Juwelier beteiligen, lässt diese Sache aber wegen der unzuverlässigen Partner sausen und plant mit einem früheren Kollegen, der sich inzwischen zur Ruhe gesetzt hat, den Überfall auf einen Geldtransporter. Der Tipp kommt von einer Anwältin. Bei den Vorbereitungen werden sie von einem korrupten Polizisten beobachtet und nach dem Überfall geht alles schief.

Für Genrefans ist das eine vertraute Geschichte, die von Arslan bewundernswert ökonomisch, ohne überflüssige Psychologisierungen und Nebengeschichten, erzählt wird. Die Dialoge sind teilweise etwas zu künstlich knapp gehalten. Die Schauspieler überzeugen. Hauptdarsteller Mišel Matičević erinnert an Alain Delon. Und Berlin zeigt sich von seiner tristen Seite, die jeder kennt, aber in Filmen zugunsten von Postkartenansichten ignoriert wird. „Im Schatten“ ist, wie ein Zuschauer auf der Tagung der Deutschen Kinemathek nach dem Film zutreffend meinte, ein erfrischend undeutscher Film.

Wahrscheinlich gefällt er deshalb den Kritikern so gut.

Und Krimifans sollten definitiv einen Blick riskieren. „Im Schatten“ ist einer der raren deutschen Gangsterfilme, der ohne Fremdschäm-Anfälle gesehen werden kann. Wenn wir die im Kleingangstermilieu spielenden Jugenddramen „Kanak Attack“ (2000) und „Knallhart“ (2006) ignorieren, müssen wir bis 1995 zurückgehen. Damals lief Lars Beckers deutlich vom französischen Gangsterfilm beeinflusster, heute trotz der Besetzung (Peter Lohmeyer, Til Schweiger) nahezu unbekannte Krimi „Bunte Hunde“ im Kino.

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Im Schatten“

taz: Interview mit Thomas Arslan über „Im Schatten“ (6. Oktober 2010)

Film-Dienst: Interview mit Thomas Arslan über „Im Schatten“

 


TV-Tipp für den 11. Oktober: Der andere Blick

Oktober 11, 2010

WDR, 23.15

Der andere Blick – Fotografen und der Krieg (D 2010, R.: Huw Talfryn Walter)

Drehbuch: Huw Talfryn Walters

45-minütige Doku in der sechs bekannte Kriegsfotografen, wie Philip Jones Griffiths, Ashley Gilbertson und Anastasia Taylor-Lind, porträtiert werden.


Und die Dagger 2010 gehen an

Oktober 10, 2010

Ohne weitere Kommentare: die diesjährigen Dagger-Gewinner der CWA (Crime Writers‘ Association) sind:

CWA Gold Dagger 2010

Blacklands, von Belinda Bauer (Corgi)

nominiert

Blood Harvest, von S.J. Bolton (Bantam Press)

Shadowplay, von Karen Campbell (Hodder & Stoughton)

The Way Home (Kein Weg zurück), von George Pelecanos (Orion)

CWA Ian Fleming Steel Dagger 2010 (sponsored by Ian Fleming Publications Ltd.)

A Loyal Spy, by Simon Conway (Hodder & Stoughton)

nominiert

The Dying Light, von Henry Porter (Orion)

Innocent, von Scott Turow (Macmillan)

The Gentlemen’s Hour (Pacific Paradise), von Don Winslow (Heinemann)

CWA John Creasey (New Blood) Dagger 2010

Acts of Violence, von Ryan David Jahn (Pan)

nominiert

The Pull of the Moon, von Diane Janes (Robinson)

Rupture, von Simon Lelic (Picador)

The Holy Thief, von William Ryan (Mantle)

The Film Dagger

Inception (Warner Bros.)

nominiert

District 9 (Sony Pictures)

Sherlock Holmes (Warner Bros.)

The Girl with the Dragon Tattoo (Verblendung) (Momentum Pictures)

The TV Dagger

Sherlock (BBC)

nominiert

Ashes to Ashes, Series 3 (Kudos)

Luther (BBC)

Wallander, Series 2 (Left Bank Pictures)

The International TV Dagger

Wallander, Series 2 (Yellow Bird Films)

nominiert

Damages, Season 3 (Sony Pictures)

The Good Wife, Season 1 (CBS)

The Best Actress Dagger

Maxine Peake (Criminal Justice)

nominiert

Glenn Close (Damages)

Hermione Norris (Spooks)

Keeley Hawes (Ashes to Ashes und Identity)

Sue Johnston (Waking the Dead)

The Best Actor Dagger

Benedict Cumberbatch (Sherlock)

nominiert

Idris Elba (Luther)

Kenneth Branagh (Wallander)

Philip Glenister (Ashes to Ashes)

The Best Supporting Actor Dagger

Matthew Macfadyen (Criminal Justice)

nominiert

Laurence Fox (Lewis)

Rupert Graves (Sherlock)

Tom Hiddleston (Wallander)

The Best Supporting Actress Dagger

Dervla Kirwan (The Silence)

nominiert

Gina McKee (The Silence)

Saskia Reeves (Luther)

Sophie Okonedo (Criminal Justice)

People’s Detective Dagger (beliebtester TV-Seriencharakter, gewählt von den Lesern und Zuschauern)

Christopher Foyle (Foyle’s War [die Serie lief nie in Deutschland])

Hall of Fame (sponsored by Sprecsavers)

Frederick Forsyth

George Pelecanos

Special Recognition Award

14 Schauspieler von „The Bill“ (eine englische Polizeiserie, die bei uns nie und in England 26 Jahre lief)

(via The Rap Sheet)

 


TV-Tipp für den 10. Oktober: Jesse Stone – Totgeschwiegen

Oktober 10, 2010

ZDFneo, 20.15

Jesse Stone – Totgeschwiegen (USA 2006, R.: Robert Harmon)

Drehbuch: J.T. Allen, Tom Selleck, Michael Brandman

LV: Robert B. Parker: Death in Paradise, 2001

Dritter Jesse-Stone-Film nach dem dritten Jesse-Stone-Roman. Dieses Mal muss Kleinstadtcop Jesse Stone den Mord an einer 14-jährigen aufklären. Seine Ermittlungen führen ihn in die besseren Kreise von Boston.

Ein weiterer feiner Polizeifilm.

Mit Tom Selleck, Edward Edwards, Viola Davis, John Diehl, William Devane

Wiederholung: Montag, 11. Oktober, 02.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 9. Oktober: Die verfilmten Kriminalromane

Oktober 8, 2010

Kabel 1, 20.15

JAMES BOND: Der Spion, der mich liebte (GB 1977, R.: Lewis Gilbert)

Drehbuch: Richard Maibaum, Christopher Wood

LV: Ian Fleming: The spy who loved me, 1962 (Der Spion, der mich liebte)

Buch zum Film: Christopher Wood: The spy who loved me, 1977 (James Bond und sein größter Fall)

Mitten im Kalten Krieg muss Bond mit den Russen (nun, mit einer verdammt gut aussehenden Agentin) zusammenarbeiten. Denn Milliardär Stromberg will die Welt vernichten.

Der Film hat mit dem Buch nur eine Gemeinsamkeit: den Titel. Kein Wunder, denn in dem Buch erzählt Fleming aus der Perspektive einer jungen Frau, die einen Job als Hauswärterin eines einsam gelegenen Motels annimmt, wie sie von zwei Verbrechern als Geisel genommen und von James Bond befreit wird. Fleming hielt das stark kritisierte Buch für „offensichtlich schiefgegangen“ und sprach sich – erfolglos – gegen weitere Auflagen aus. Er bestand beim Verkauf der Filmrechte an Eon Productions darauf, dass für einen Film eine andere Geschichte gefunden werde.

Und das taten sie! Der Film glänzt mit Pyramiden, einem unter Wasser fahrendem Auto, Beißer (der bei Moonraker seinen zweiten Auftritt hatte) und einer grandiosen Schlussschlacht in dem Bauch eines Schiffes. Für diesen Kampf wurde in den Pinewood-Studios die größte Filmhalle der Welt, die „007-Stage“, gebaut. Roger Moore spielt Bond, Curd Jürgens den Bösewicht, Barbara Bach eine Russin.

ARD, 22.30

Donna Leon: Venezianisches Finale (D 2003, R.: Sigi Rothemund)

Drehbuch: Kathrin Richter, Ralf Hertwig

LV: Donna Leon: Death at La Fenice, 1992 (Venezianisches Finale)

Wer hat Dirigent Wellauer umgebracht? Commissario Brunetti ermittelt.

Bei dem ersten Auftritt von Uwe Kockisch und Julia Jäger soll sich die Spannung in Grenzen halten.

ZDF, 00.00

Im Sumpf des Verbrechens (USA 1995, R.: Arne Glimcher)

Drehbuch: Jeb Stuart, Peter Stone

LV: John Katzenbach: Just Cause, 1992 (Der Sumpf)

Harvard-Professor Paul Armstrong ist ein erklärter Gegner der Todesstrafe. Jetzt versucht er die Unschuld eines zum Tode Verurteilten zu Beweisen. Dabei gerät er in Teufels Küche.

„Im Sumpf des Verbrechens“ ist einer der Filme, die trotz eines guten Anfangs und zahlreicher guter Szenen, letztendlich enttäuscht. Denn gegen Ende gibt es zu viele überraschende Wendungen und die übliche, actionlastige Rettung in letzter Sekunde. So entstand ein formalhafter Thriller, bei dem man nie das Gefühl loswird, dass Potential verschenkt wurde.

Mit Sean Connery, Laurence Fishburne, Kate Capshaw, Blair Underwood, Ed Harris, Scarlett Johansson, Ned Beatty

Hinweise

Homepage von John Katzenbach

Deutsche Homepage von John Katzenbach

 

Pro 7, 00.15

Der Knochenjäger (USA 1999, R.: Philip Noyce)

Drehbuch: Jerome Iacone

LV: Jeffery Deaver: The bone collector, 1997 (Die Assistentin, Der Knochenjäger)

Der fast vollständig gelähmte Superdetektiv Lincoln Rhyme sucht mit seinem Assistenten, der Streifenpolizistin Amelia Donaghy, einen Serienkiller.

Nach all den Serienkiller-Filmen ist der Whodunit „Der Knochenjäger“ ziemlich langweilige Kost.

Mit Denzel Washington, Angelina Jolie, Ed O´Neill, Michael Rooker, Queen Latifah, Luis Guzman

Hinweise

Homepage von Jeffery Deaver

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzroman „Auf ewig“ (Forever, 2005)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzgeschichtensammlung “Gezinkt” (More twisted, 2006)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Die Menschenleserin“ (The sleeping doll, 2007)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Lautloses Duell“ (The blue nowhere, 2001)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers “Der Täuscher” (The broken window, 2008)

MDR, 00.55

Ein toller Bluff (F/I 1971, R.: Georges Lautner )

Drehbuch: Georges Lautner, Francis Veber

LV: Richard Caron: TTX 75 en Famille, 1968

Die einzige Möglichkeit, für einen Polizisten, eine Bande von Rauschgiftfahndern zu verhaften, ist ein Undercover-Einsatz. Dazu borgt er sich die Familie eines ermordeten Kollegen aus.

„Ein weitgehend spannender, unterhaltsam zwischen Ernst und Heiterkeit schwankender Kriminalfilm, dessen Reiz in der glaubwürdigen menschlichen Vertiefung vertrauter Genremuster liegt.“ (Lexikon des internationalen Films)

Mit Michel Constantin, Mireille Darc, Michel Lonsdale, Alain Delon (läuft einmal kurz durch’s Bild)

 


TV-Tipp für den 8. Oktober: Die verfilmten Kriminalromane

Oktober 8, 2010

Pro7, 20.15

Der Knochenjäger (USA 1999, R.: Philip Noyce)

Drehbuch: Jerome Iacone

LV: Jeffery Deaver: The bone collector, 1997 (Die Assistentin, Der Knochenjäger)

Der fast vollständig gelähmte Superdetektiv Lincoln Rhyme sucht mit seinem Assistenten, der Streifenpolizistin Amelia Donaghy, einen Serienkiller.

Nach all den Serienkiller-Filmen ist der Whodunit „Der Knochenjäger“ ziemlich langweilige Kost.

Mit Denzel Washington, Angelina Jolie, Ed O´Neill, Michael Rooker, Queen Latifah, Luis Guzman

Hinweise

Homepage von Jeffery Deaver

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzroman „Auf ewig“ (Forever, 2005)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzgeschichtensammlung “Gezinkt” (More twisted, 2006)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Die Menschenleserin“ (The sleeping doll, 2007)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Lautloses Duell“ (The blue nowhere, 2001)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers “Der Täuscher” (The broken window, 2008)

WDR, 23.15

Sein Leben in meiner Gewalt (GB 1973, R.: Sidney Lumet)

Drehbuch: John Hopkins

LV: John Hopkins: This story of yours, 1968 (Theaterstück)

Der desillusionierte und fanatische Detektiv Johnson hält den Verdächtigen für einen Kinderschänder. Während des Verhörs stirbt der Verdächtige und Johnson wird angeklagt.

Intensiv gespieltes, düsteres Drama. Allerdings wollte damals niemand Connery als einen fanatischen Polizisten sehen. „Sein Leben in meiner Gewalt“ war der erste Film, den Sean Connery mit seiner Produktionsfirma Tantallon Films und United Artists drehte. Ein zweites, geplantes Projekt mit United Artists kam nie zustande. Das sagt einiges über den finanziellen Erfolg von „Sein Leben in meiner Gewalt aus“. Denn es dauerte zehn Jahre, bis der Film seine Kosten eingespielt hatte.

John Huston meinte, für ihn gehöre das letzte Drittel des Films zum Besten, was er jemals auf der Leinwand gesehen habe.

Mit Sean Connery, Trevor Howard, Vivian Merchant, Ian Bannen

ZDFneo, 23.15 (Teil 1)

ZDFneo, 00.15 (Teil 2)

Der Mann, der lächelte – Teil 1/Teil 2 (S/D 2003, R.: Rolf Lassgard)

Drehbuch: Michael Hjorth

LV: Henning Mankell: Mannen som lag, 1994 (Der Mann, der lächelte)

Anwalt Sten glaubt, sein Vater sei ermordet worden. Wallander glaubt ihm nicht, bis Sten erschossen wird. Jetzt muß er zwei Morde aufklären. Außerdem will ihn jemand umbringen.

Die vierte Wallander-Verfilmung soll das Niveau der vorherigen halten.

Mit Rolf Lassgard, Marie Richardson

MDR, 00.02

Die Rückkehr des Tanzlehrers – Teil 1 (D/A 2004, R.: Urs Eggers)

Drehbuch: Rolf und Cilla Börjlind, Don Bohlinger

LV: Henning Mankell: Danslärarens äterkomst, 2000 (Die Rückkehr des Tanzlehrers)

Ein Mord – und schon bläst der an Krebs erkrankte Kommissar Lindman seinen Urlaub ab. Schließlich ist das Opfer sein Kollege und Mentor Molin.

Lindmann ist anscheinend nur eine etwas jüngere Ausgabe von Mankells bekanntem Ermittler Wallander. In seinem ersten Fall „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ beschäftigt er sich mit Schwedens Verhältnis zum Nationalsozialismus.

Der Zweiteiler soll spannend sein.

„Ein sehr konventioneller Krimi, beinahe aus der Zeit gefallen, und das ist seine Stärke.“ (Christopher Keil, SZ, 8. April 2004)

Mit Tobias Moretti, Maximilian Schell, Bibi Anderson

Eins Festival, 00.35

Mankells Wallander: Tödliche Fracht (S/D 2005, R.: Anders Engström)

Drehbuch: Cilla Börjlind, Rolf Börjlind

LV: Henning Mankell (Treatment)

Kommissar Wallander und seine Tochter Linda suchen die Mörder von neun, in einem LKW-Container gefundenen, toten Flüchtlingen aus dem Mittleren Osten. Die erste Spur führt zu einem Kloster.

Neunter Fall der auf dreizehn Folgen angelegten Serie mit dem neuen Wallander.

Mit Krister Henriksson, Johanna Sällström


Neu im Kino/Filmkritik: Die geniale Cormac-McCarthy-Verfilmung „The Road“

Oktober 7, 2010

Die erste Cormac-McCarthy-Verfilmung „All die schönen Pferde“ (All the pretty horses, USA 2000) war ein langer Marlboro-Werbespot. Die zweite wurde dann von den Coen-Brüdern erledigt und alle waren von „No Country for old men“ (USA 2007) begeistert. Die dritte, von John Hillcoat, kommt jetzt – entgegen aller Erwartungen und fast ein Jahr nach dem US-Start – in die deutschen Kinos und das ist gut so. Denn „The Road“ ist ein beeindruckender postapokalyptischer Science-Fiction-Film, der von Hollywood nur einige Bilder und den grandiosen Viggo Mortensen („Herr der Ringe“) geborgt hat.

John Hillcoat erzählt, nach einem Drehbuch von Dramatiker Joe Penhall, in fast farblosen Bildern und sehr buchgetreu, wie ein Vater und sein ungefähr zehnjähriger Sohn nach einer Apokalypse, die alle Tiere und fast alle Menschen tötete, durch die USA gehen. Ihr Ziel ist das Meer und die wahnwitzige Hoffnung, dass es dort irgendetwas gibt, was ihr Leben bessert. Auf ihrer Reise versuchen sie die Guten zu bleiben. Jedenfalls erzählt das der Vater seinem Sohn. Die rote Linie ist dabei der Verzicht auf das Essen von Menschenfleisch. Doch bereits vor der roten Linie müssen sie sich bei jeder Begegnung mit anderen Menschen fragen, ob sie ihnen vertrauen können. Und weil der Vater seinen Sohn beschützen will, verteidigt er ihn mit allem, was er hat. Der Sohn fragt sich indessen, ob sie noch die Guten sind, wenn sie niemandem mehr vertrauen und alle anderen Menschen als Feinde behandeln.

Hillcoat und Penhall veränderten in ihrer Verfilmung von Cormac McCarthys mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetem Roman „Die Straße“ fast nichts. Die episodische Struktur des Romans bleibt erhalten und so haben die viele exzellenten Schauspieler zwar nur kleine, aber für die Geschichte sehr wichtige Rollen. Auch viele Dialoge und, was das wichtigste ist, die Stimmung, das Thema und die Aussage des Romans, der eine düstere Meditation über die Grenzen der Menschlichkeit ist, finden sich im Buch und im Film. Penhall ordnete, was bei einer Reiseerzählung fast egal ist, nur einige Episoden anders an, strich hier einiges, füge da einiges hinzu. Auch die wenigen Action-Szenen sind im Film etwas länger als im Buch. Aber mehr haben Penhall und Hillcoat nicht geändert.

Hillcoat bediente sich einige Mal, wenn eine Bande von Wegelagerern auftaucht und der Vater einen von ihnen erschießen muss oder wenn sie in einem abgelegenem Haus im Keller auf abgemagerte Menschen treffen und in letzter Sekunde vor einem Kannibalenclan flüchten können, vertrauter Filmbilder. Auch die Aufnahmen von zerstörten Städten erinnern an bekannte Vorbilder. Aber im Gegensatz zu dem buntem, menschenleerem, stark computergeneriertem Manhattan von „I am Legend“ sind die farblosen Bilder von Kameramann Javier Aguirresarobe („Vicky Cristina“, „Barcelona, Sprich mit ihr“, „New Moon – Bis(s) zur Mittagsstunde“) Visionen einer Mondlandschaft, durch die einige Menschen in schmutzigen Kleidern wanken. Die Städte sind verwüstet. Die Flüsse ausgetrocknet. Ein Schiff ist in einer Stadt gestrandet. Der Himmel ist immer grau. Für diese Bilder wurde im Winter in und um Pittsburgh, Pennsylvania, gedreht. Dort fanden die Filmemacher, neben dem passendem Wetter, eine stillgelegte Schnellstraße, verlassene Kohlebergwerke und einen alten Vergnügungspark, der abgerissen werden sollte, die als stilechte Kulissen für die postapokalyptische Geschichte dienten.

Nick Cave und Warren Ellis schrieben die atmosphärische Musik. Cave und Hillcoat sind seit Jahren befreundet. Er schrieb die Musik für alle Filme von Hillcoat und er schrieb auch die Drehbücher für Hillcoats Spielfilmdebüt, den Knastthriller „Ghosts…of the civil dead“, und seinen bislang letzten Film, den Western „The Proposition – Tödliches Angebot“.

„The Road“ ist – Wer könnte nach dem Genuss des Trailers daran zweifeln? – kein Film für einen unbeschwert-vergnüglichen Abend. Aber es ist ein Film ohne einen falschen Ton, der zum Diskutieren über die Grenzen der Humanität einlädt – und im Abspann noch eine wichtige Botschaft enthält.

The Road (The Road, USA 2009)

Regie: John Hillcoat

Drehbuch: Joe Penhall

Vorlage: Cormac McCarthy: The Road, 2006 (Die Straße)

mit Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee, Charlize Theron, Robert Duvall, Guy Pearce, Michael K. Williams, Garret Dillahunt, Molly Parker

Länge: 111 Minuten

Deutsche Taschenbuchausgabe

Cormac McCarthy: Die Straße

(übersetzt von Nikolaus Stingl)

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2008

256 Seiten

8,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Rowohlt Verlag, 2007

Originalausgabe

The Road

Alfred A. Knopf, New York, 2006

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film (Derzeit als attackierende Webseite gemeldet. Also: Vorsicht!)

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Road“

Wall Street Journal: Interview mit Cormac McCarthy zum Film (20. November 2009)

Homepage der Cormac-McCarthy-Society

Wikipedia über Cormac McCarthy (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 7. Oktober: Die verfilmten Kriminalromane

Oktober 7, 2010

ARD, 20.15

Donna Leon: Lasset die Kinder zu mir kommen (D 2010, R.: Sigi Rothemund)

Drehbuch: Stefan Holtz, Florian Iwersen
LV: Donna Leon: Suffer the Little Children, 2007 (Lasset die Kinder zu mir kommen)

Commissario Brunetti will herausfinden, wer eine illegal eingewanderte Albanerin erschlagen hat. Seine Ermittlungen führen ihn zu einer Organisation, die mit der Vermittlung von illegalen Adoptionen Geld verdient.

Illustration des sechzehnten Brunetti-Romans.

mit Uwe Kockisch, Julia Jäger, Karl Fischer, Annett Renneberg, Gregor Törzs, Uwe Bohm, Nadeshda Brennicke, Michael Gwisdek

Arte, 20.15

Sophie Scholl – Die letzten Tage (D 2005, R.: Marc Rothemund)

Drehbuch: Fred Breinersdorfer

Das sei Schulfernsehen, sagte Breinersdorfer, als Rothemund ihm vorschlug die letzten Tage der Geschwister Scholl zu verfilmen. Dann vertiefte er sich in die Protokolle der Verhöre und schrieb das Drehbuch zu einem von Kritikern, Kollegen und Publikum hochgelobten Film. Über eine Million sahen „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ in den deutschen Kinos.

Mit Julia Jentsch, Alexander Held, Fabian Hinrichs, Jörg Hube

Hinweise

Homepage von Fred Breinersdorfer

Meine Besprechung von Fred und Léonie Breinersdorfers „Das Hurenspiel – Ein Fall für Abel“ (2006)

Vox, 22.20

Rambo (USA 1982, R.: Ted Kotcheff)

Drehbuch: Michael Kozoll, William Sackheim, Sylvester Stallone

LV: David Morell: First Blood, 1972 (Rambo)

Vietnam-Veteran John Rambo wird in einem Provinzkaff der Landstreicherei verdächtigt und von der Polizei gedemütigt. Er bricht aus und flüchtet in den Wald – verfolgt von einem riesigen Polizeiaufgebot. Rambo beginnt sich zu verteidigen. Und davon versteht der ehemalige Elitesoldat und Dschungelkämpfer etwas.

Das auch heute noch sehenswerte, harte Actiondrama mit gesellschaftskritischen Tendenzen machte Sylvester Stallone endgültig zum Star, sorgte in den Achzigern für zwei überflüssige Fortsetzungen und eine Welle von inzwischen – glücklicherweise – fast vollständig vergessenen Vietnam-Filmen. 2008 folgte dann, nach einer zwanzigjährigen Pause, der vierte Rambo-Film, der vor allem als kurzer, altmodischer Brutalo-Film für Aufsehen sorgte.

Für den ersten Rambo-Film wurde das Buchende geändert.

Mit Sylvester Stallone, Richard Crenna, Brian Dennehy, David Caruso

Wiederholung: Freitag, 8. Oktober, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von David Morell

Meine Besprechung von David Morrell „Level 9“ (Scavenger, 2007)

Meine Besprechung von David Morrells „Creepers“ (Creepers, 2005)

ARD, 00.50

Getaway (USA 1972, R.: Sam Peckinpah)

Drehbuch: Walter Hill

LV: Jim Thompson: Getaway, 1958 (Getaway)

Auf Wunsch des korrupten Politikers Jack Benyon wird Doc McCoy vorzeitig aus der Haft entlassen. Er soll eine Bank ausrauben. Der Überfall gelingt, aber danach geht alles schief.

Die gelungene und kommerziell sehr erfolgreiche Verfilmung des Krimis, mit Steve McQueen und Ali MacGraw – obwohl das letzte Drittel des Buches fehlt. Und das ist noch nicht alles, wie der französische Regisseur Alain Corneau meint: „Im Gegensatz zu Hammett und Chandler sind die Amerikaner nicht dazu in der Lage, Thompson zu verfilmen. Nehmen wir zum Beispiel Getaway. Die Figuren werden für die Verfilmung um 180 Grad gedreht, das Buch um mindestens ein Drittel gekürzt. Die Personen und das Thema des Romans wurden an die Seite gedrängt. Doc McCoy ist im Buch ein viel düsterer Charakter als Steve McQueen, und die philosophischen Dimensionen gingen völlig verloren.“ – Trotzdem ist „Getaway“ ein kalter, düsterer und amoralischer Film.

Mit Steve McQueen, Ali MacGraw, Ben Johnson, Al Lettieri, Slim Pickens, Bo Hopkins

Hinweis

Meine Besprechung der DVD „Sam Peckinpah: Passion & Poetry“

ZDF, 01.05

Killer kennen keine Gnade (F 1972, R.: Jean-Claude Roy)

Drehbuch: Jacques Risser, Jean-Claude Roy

LV: Jacques Risser: L’Insolent, 1872

Zwei Verbrecher wollen sich nach einem Überfall auf einen Goldtransport gegenseitig übers Ohr hauen.

„Mittelmäßiger Kriminalfilm“ (Lexikon des internationalen Films), aber immerhin mit Henry Silva

Auch bekannt als “Der Kaltblütige“

 


For your eyes only: Das Leben der danach

Oktober 6, 2010

Das ist der deutsche Trailer für den neuen Film „Hereafter – Das Leben danach“ von Clint Eastwood. Der deutsche Start ist für den 27. Januar 2011 geplant.

Hmpf, sieht nach einem ziemlich enttäuschendem Mystery-Drama (Thriller wohl eher nicht) mit einem übernatürlichem Touch aus. Auch die Story klingt mau:

In „Hereafter“ geht es um drei Menschen, die auf unterschiedliche Weise mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert werden. Matt Damon spielt den amerikanischen Arbeiter George, der eine besondere Verbindung zum Jenseits entwickelt. Auf der anderen Seite des Atlantiks wird die französische Journalistin Marie (Cécile de France) durch ein Nahtoderlebnis traumatisiert. Und als der Londoner Schuljunge Marcus (Frankie/George McLaren) den Menschen verliert, der ihm am nächsten steht, lässt ihn das Unerklärliche fast verzweifeln. Alle drei sind auf der Suche nach der Wahrheit, und als sich ihre Wege kreuzen, machen sie kraft ihres Glaubens an ein Leben nach dem Tod fundamentale Erfahrungen.

Aber das Drehbuch ist von Peter Morgan, der auch die Bücher für „The Damned United“ (nach dem Roman von David Peace) und „Frost/NIxon“ schrieb, und Clint Eastwood hat noch keinen wirklich schlechten Film gemacht.

Daher ist der Film wahrscheinlich besser als der Trailer und die Inhaltsangabe. Ende Januar wissen wir es.


TV-Tipp für den 6. Oktober: Wilsberg: Tödliche Freundschaft

Oktober 6, 2010

Heute gibt es nur eine Krimiverfilmung

ZDFneo, 21.00

Wilsberg: Tödliche Freundschaft (D 2004, R.: Thorsten Näter)

Drehbuch: Thorsten Näter

LV: Figur von Jürgen Kehrer

Dieses Mal begibt Wilsberg sich in den korruptiven und mörderischen Bausumpf von Münster. Denn Waltraut Rehmer glaubt nicht an den Selbstmord ihres Mannes.

Ein ganz witziger Wilsberg.

Mit Leonard Lansink, Heinrich Schafmeister, Rita Russek, Monica Bleibtreu

Hinweise

ZDF über „Wilsberg“

Homepage von Jürgen Kehrer

Meine Beschrechung von Jürgen Kehrers „Wilsberg und die dritte Generation“


David Simon hat die Lösung

Oktober 5, 2010

David Simon war Kriminalreporter bei der Baltimore Sun. Sein erster Schritt in das Filmgeschäft war ein Sachbuch, das die Vorlage für die Polizeiserie „Homicide“ wurde. Dann erfand er die geniale Copserie „The Wire“, wurde überall abgefeiert und in Deutschland lief die Serie nur mal auf einem Bezahlsender. Das heißt: die Meisten kennen die Serie nur vom Hörensagen. Auch „Treme“, Simons neue Serie über New Orleans nach dem Hurrikan Katrina, wird wahrscheinlich nie im deutschen Free-TV ausgestrahlt werden.

Auf dem Fernsehfestival „Cologne Conference“ rührte er jetzt eifrig die Werbetrommel für „Treme“ und unterhielt sich mit der FAZ. In dem informativem Interview sagte er auch, warum amerikanische Serien besser als deutsche Serien sind:

Sie wollen Sachen wie „The Wire“? Das ist ganz einfach. Dann müssen Sie alle Macht dem Autor geben. Den kann man dann mit einem Regisseur zusammenbringen, mit einem Produzenten und mit einem Mann, der dafür sorgt, dass das Budget nicht platzt. Aber der Autor muss das letzte Wort haben. Ich sage das nicht, weil ich selbst einer bin. Regisseure verlieben sich in Technik, Einstellungen und Stil. Nichts davon ist die raison d’être, um eine Geschichte zu erzählen. Es ist notwendig, aber Regisseure sind nicht die Anwälte der Geschichte, auch nicht Schauspieler oder die Crew. Im amerikanischen Fernsehen von heute gehört dem Geschichtenerzähler die Show.

Dazu braucht man Mut.

Man braucht Mut, loszulassen. Aber wenn man eine gute Geschichte garantieren will mit Anfang, Mitte und Ende: Diese Jobbeschreibung passt nur auf den Autor. Nicht auf den Regisseur, den Produzenten, den Schauspieler, nicht auf den Typ, der die Schecks unterschreibt. Es ist der Autor.

Genau so ist es.

Und hier noch eine legendäre „The Wire“-Szene:

Fucking great storytelling.


Cover der Woche

Oktober 5, 2010


„Alligator“ – ein B*nd-Roman

Oktober 5, 2010

Als ich diesen Satz

“I never trusted short people. Their mothers always tell them about how well Hitler and Napoleon did and they grow up thinking they can do the same.”

in der ausführlichen Besprechung von Doug Bentin bei Bookgasm las, musste ich herzlich lachen und mir das Buch sofort besorgen.


Elmore Leonard über seinen neuen Roman

Oktober 5, 2010

In den USA erscheint demnächst „Djibouti“, der neue Roman von Elmore Leonard. Alle weiteren sachdienlichen Informationen in diesem Clip:


TV-Tipp für den 5. Oktober: Die verfilmten Kriminalromane

Oktober 5, 2010

Weil Alligator Alfred schon wieder auf der Jagd ist:

SWR, 20.15

TATORT: Die Spieler (D 2005, R.: Michael Verhoeven)

Drehbuch: Fred Breinersdorfer

Im Bodensee treibt eine zerfetzte Leiche. Kommissarin Blum sucht ihren Mörder – und wir Zuschauer einen Hauch von Krimispannung.

Auch der sechste Fall der Konstanzer Kommissarin Klara Blum ist enttäuschend: ein langatmig-langweiliges Schieben von Kulissen. Mit anderen Worten: ein „Verbrechen am Zuschauer“ (Oliver Gehrs, Frankfurter Rundschau, 8. Januar 2005).

Mit Eva Mattes, Sebastian Bezzel, Jan Niklas, Otto Sander

Hinweise

Homepage von Fred Breinersdorfer

Meine Besprechung von Fred und Léonie Breinersdorfers „Das Hurenspiel – Ein Fall für Abel“ (2006)

HR, 23.30

Mankells Wallander – Die Cellospielerin (D/S 2009, R.: Stephan Apelgren)

Drehbuch: Stephan Apelgren, Lars Lundström

LV: Charakter von Henning Mankell

Die junge Cellisten Irina ist Kronzeugin gegen den Sohn einer Größe der Russenmafia. Die Verbrecher wollen sie umbringen. Aber sie haben nicht mit Kommissar Wallander gerechnet.

Die fünfte Episode der zweiten Staffel von “Mankells Wallander” (das ist die Wallander-Serie, die nur auf Treatments von Mankell und inzwischen wohl nur noch auf dem von Mankell erfundenen Charakter basiert) ist anscheinend ein ziemlich okayer Thriller.

mit Krister Henriksson, Lena Endre, Mats Bergman