TV-Tipp für den 14. Februar: Stammheim

Februar 14, 2010

3sat, 22.00 (VPS 21.50)

Stammheim (D 1985, R.: Reinhard Hauff)

Drehbuch: Stefan Aust

LV: Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex, 1985

Eigentlich ist “Stammheim” ein abgefilmtes Theaterstück: Aust und Hauff konzentrierten sich auf die Verhandlung gegen die Baader-Meinhof-Gruppe und nahmen die Gerichtsprotokolle als Grundlage für die Dialoge.

Damals irritierte die Kritiker, dass Schauspieler anders aussehende Personen spielten, die im öffentlichen Bewusstsein noch sehr präsent waren.

Heute ist “Stammheim” ein Stück Zeitgeschichte und ein Blick in eine für uns inzwischen sehr fremde Zeit.

Es ist ein Film über die Unfähigkeit der Politik und der Justiz, die Verhältnisse zu reflektieren, in denen Gewalt entsteht. Ein Film über die Ungeduld und Unduldsamkeit derjenigen, die erklärten, das Volk befreien zu wollen und am Ende mehr Zwänge und staatliche Repression erreichen.

Wie in einem Mikrokosmos findet der Kampf zwischen dem Staat und seinen radikalsten Gegner in einem Gerichtssaal statt. Keine Seite geht daraus unbeschädigt hervor. Die einen bekämpfen das Recht und die Ordnung des bürgerlichen Staates und berufen sich gleichzeitig auf seine Gesetze. Die anderen vertreten die Gesetze und verletzen dennoch das Recht (…)

Hauff und Aust haben den mutigsten Film über unsere politische Gegenwart gemacht.“ (Fischer Film Almanach 1987)

Stammheim“ erhielt 1986 auf der Berlinale den Goldenen Bären. Während der Preisverleihung sagte Jurypräsidentin Gina Lollobrigida – ein grober Verstoß gegen die Etikette -, dass sie gegen den Film gestimmt habe.

mit Ulrich Pleitgen, Ulrich Tukur, Therese Affolter, Sabine Wegner, Hans Kremer, Dominique Horwitz

Wiederholung: Montag, 15. Februar, 02.15 Uhr (VPS 02.05 – Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Stammheim“

Wolfram Schütte in der Frankfurter Rundschau vom 30. Januar 1986 über „Stammheim“

Arte über „Stammheim“


TV-Tipp für den 13. Februar: Kulturzeit extra: Berlinale Journal

Februar 13, 2010

3sat, 22.20

Kulturzeit extra: Berlinale Journal

Heute und an den kommenden Tagen berichtet Tina Mendelsohn vom Festival und besucht legendäre Berliner Kinos. Heute ist sie im „Toni & Tonino“.

Hinweise

3sat Kulturzeit

Homepage „Toni & Tonino“

Kinokompendium über „Toni & Tonino“


Neue TV-Krimi-Buch-Tipps online

Februar 12, 2010

Bei den Alligatorpapieren sind meine, wie immer von Alligator-Alfred wunderschön bebilderten, neuen TV-Krimi-Buch-Tipps online. Highlights der kommenden 14 Tage sind:

Wahrscheinlich wegen der tollen Tage ist das TV-Programm nicht so toll. Dennoch gibt es einige sehenswerte Krimiverfilmungen. Es beginnt mit David Mackenzies Peter-Jinks-Verfilmung „Hallam Foe“. Es geht weiter mit Reinhard Hauffs Stefan-Aust-Verfilmung „Stammheim“ (dafür gab’s einen Goldenen Bären), Aisling Walshs Lynda-La-Plante-Verfilmung „Der Preis des Verbrechens: Herr der Fliegen“, George Armitages Charles-Willeford-Verfilmung „Miami Blues“, Michael Hodges‘ Ted-Lewis-Verfilmung „Get Carter“ (mal wieder deutlich nach Mitternacht), Roman Polanskis „Chinatown“ (nach einem Drehbuch von Robert Towne), Lee Tamahoris „Nach eigenen Regeln“ (nach einem Drehbuch von Pete Dexter) und, als leichtgewichtigen Ausklang, gibt es die „Mordrezepte der Barbouzes“.
Oh, und James Bond hat alle Hände voll zu tun.


Kleinkram: einmal Ellroy, viel „Shutter Island“ und ausreichend Hegemann

Februar 12, 2010

David Peace unterhält sich mit James Ellroy.

Terrence Rafferty (New York Times) hat mit Martin Scorsese über seinen neuen Film „Shutter Island“ gesprochen.

Jerome Charyn war „Einmal beim Meister“ Martin Scorsese. Der Text erschien in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ und dürfte die Tage online gehen (Nachtrag 14. 2. 2010: online).

In der SZ beantwortet Leonardo DiCaprio einige Fragen zu seinem neuen Film „Shutter Island“ und wie die Zusammenarbeit mit Martin Scorsese ist.

Auch der Autor der Vorlage, Dennis Lehane, darf einige Fragen zum Buch und Film beantworten.

Und nun alle zusammen: Martin Scorsese, Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley und Dennis Lehane.

Zwei Worte zu Helene Hegemann, „Axolotl Roadkill“ und ihren Verteidigern in den Feuilletons:

Würden Sie, liebe Literaturkritiker, auch dann Hegemann und ihren Roman verteidigen, wenn die Autorin Texte von ihnen, ohne um Erlaubnis zu fragen, abgeschrieben hätte und ohne auf die Originaltexte hinzuweisen? Würden Sie auch dann sagen, dass es okay ist, dass der Abschreiber Geld verdient, während der Urheber nichts (noch nicht einmal eine namentliche Nennung) erhält?

Wenn Sie auf diese Fragen bejahen, dann…

Aufgedeckt wurde die Abschreiberei der jungen Dame von dem Blogger Deef Pirmasens (Die Gefühlskonserve).

Airen, der auf seine Anonymität bedachte Schreiber der Originaltexte, hat sich mit der FAZ unterhalten:

Da ich meine eigenen Texte natürlich besser kenne als Deef Pirmasens, der als erster über die Parallelen berichtet hat, sind mir schon sehr viel mehr Stellen aufgefallen. Ich habe heute gehört, dass diese Stellen in zukünftigen Ausgaben von „Axolotl Roadkill“ gekennzeichnet werden sollen.

Dort gibt es auch eine beeindruckend lange Liste von ähnlichen Textstellen.

Im Kölner Stadtanzeiger äußern sich Schriftsteller (u. a. Helmut Krausser, Kai Meyer, Dieter Wellershoff) zu Hegemanns Abschreiberei.

Stellvertretend Helmut Krausser: Diebstahl ist Diebstahl, da bin ich sehr konservativ. Sich es mit dem Hinweis, heute werde überall geklaut, einfach zu machen, zeugt von wenig Reflexion und einer gewissen Wollust am Selbstbetrug. Bei über dreißig Büchern habe ich im Leben erst zwei Sätze anderer Autoren verwendet – und es war mir ein Herzensbedürfnis, dies kenntlich zu machen, ansonsten ich mich für die fremden Federn geschämt hätte.

Und für den Rest empfehle ich einen Besuch im Literaturcafé. Dort hat Wolfgang Tischer eine gute Zusammenfassung geschrieben: „Das Feuilleton findet Abschreiben ohne Quellenangabe voll OK“.

Nachtrag: Vor dem Hintergrund von Abmahnungen und der Forderung nach einer Kulturflatrate oder einem Leistungsschutzrechte für Verlage sind die von etlichen Literaturkritikern vertretenen Pro-Hegemann-Positionen — höchst interessant.

Nachtrag (18. Februar 2010): In der FAZ sind die Quellen aufgelistet, die der Ullstein-Verlag in der nächsten Ausgabe des Buches abdruckt. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

In der Zeit hat Josef Joffe einen klugen Kommentar geschrieben:

Ob ein Richter den Autodieb freisprechen würde, der ein Fanal gegen den »Eigentumsrechtsexzess« setzen wollte?


TV-Tipp für den 12. Februar: Metropolis

Februar 12, 2010

Arte, 20.40 (VPS 20.45)

Metropolis (D 1926, R.: Fritz Lang)

Drehbuch: Thea von Harbou

Buch zum Film: Thea von Harbou: Metropolis, 1926

Der SF-Klassiker – und wie es sich für einen Klassiker gehört: unglaublich teuer, lang, an der Kasse zunächst gefloppt, von Produzenten und Verleihern in verschiedenen gekürzten Versionen herausgebracht und, vor allem optisch, ein großer Einfluss auf eigentlich alle dystopischen SF-Filme (Was wäre “Blade Runner” ohne “Metropolis”?). Dass die Geschichte eher banal und die Botschaft ärgerlich ist – geschenkt.

Obwohl: Nachdem 2008 in Buenos Aires eine Kopie der verschollen geglaubten Premierefassung entdeckt und aufwendig restauriert wurde, kann heute erstmals die um ein gutes Viertel längere und fast vollständige Version (einige Teile konnten nicht gerettet werden) von “Metropolis” endlich wieder gesehen werden.

Wetterunfühlige Menschen können am Brandenburger Tor eine Open Air Vorstellung erfrieren.

Im Anschluss zeigt Arte um 23.10 die gut einstündige Doku “Die Reise nach Metropolis”.

mit Alfred Abel, Gustav Fröhlich, Brigitte Helm, Rudolf Klein-Rogge, Fritz Rasp, Heinrich George

Hinweise

Arte über „Metropolis“

Wikipedia über „Metropolis“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Metropolis“

Die Zeit: Karen Naundorf und Matthias Stolz über die Restaurierung von „Metropolis“ (11. Februar 2010)

Süddeutsche Zeitung: Christian Mayer über „Metropolis“ (11. Februar 2010)

Frankfurter Rundschau: Daniel Kothenschulte über „Metropolis“ (12. Februar 2010)

Deutsche Kinemathek: Ausstellung „The Complete ‚Metropolis’“


Ein Tag in Paris: „Skate or Die“

Februar 11, 2010

Der Plot von „Skate or Die“ kann auf einem halben Bierdeckel notiert werden: zwei Skater filmen in einem Parkhaus einen Drogendeal, der schiefgeht. Sie werden entdeckt und flüchten zur Polizei. Dort entdecken sie, dass ihre Verfolger Polizisten sind und – den Rest können Sie sich wirklich denken.

Auf die andere Hälfte des Deckels passen die Dialoge.

Damit dürfte klar sein, dass „Skate or Die“ sich nicht an die Freunde dialoglastiger, vertrackter und intellektuell herausfordernder Filme wendet. Denn Regisseur Miguel Courtois und den Drehbuchautoren Clelhio Favretto und Chris Nahon (Buch und Regie bei „Das Imperium der Wölfe“ und Regie bei „Kiss the Dragon“) geht es um Action und das Lebensgefühl einer jugendlichen Subkultur; wobei sich das Lebensgefühl auf das Skaten durch Paris, das Herumhängen und den Konsum von Joints beschränken.

Genauso oberflächlich wie der Blick in die Skater-Szene sind auch die Charakterisierungen. Die Guten sind gut (auch wenn sie noch in der Slacker-Phase sind) und die Bösen sind sehr böse (auch wenn sie eine Polizeimarke haben).

Die gesamte Kreativität der Macher floss in die Actionszenen. Die beiden Hauptrollen wurden mit Skatern besetzt und auch die anderen Schauspieler durften sich, wie das „Making of“ zeigt, körperlich austoben. Dass bei dem Dreh niemand ernsthaft verletzt wurde ist, angesichts der zahlreichen im „Making of“ dokumentierten Stürze, ein Wunder. Denn Courtois setzte auf altmodische Handarbeit.

Diese auf den Straßen von Paris gedrehten Actionszenen sind atemberaubend nah gefilmt, rasant geschnitten und spektakulär, aber als Zuschauer ist man niemals emotional involviert. Man weiß, auch ohne das Drehbuch gelesen zu haben, dass alles gut ausgeht. Man weiß, dass die beiden jugendlichen Helden sich, wenn sie von Brücken springen, zwischen fahrenden Autos und Fußgängern durchrasen und von einem Gebäude zum nächsten springen, dass sie sich nicht verletzen. Denn dann wäre der Film aus. Gleichzeitig legt der meist Trip-Hop-Klängen bestehende, durchgehend pulsierende Soundtrack einen beruhigenden Laidback-Teppich aus.

Skate or Die“ ist ein 90-minütiger Videoclip, der wahrscheinlich jeden über 25-jährigen langweilt.

Skate or Die (Skate or Die, F 2008)

Regie: Miguel Courtois

Drehbuch: Clelhio Favretto, Chris Nahon

Darsteller: Mickey Mahut, Idriss Diop, Elsa Pataky, Philippe Bas, Passi, Rachida Brakni

DVD

Senator Film

Bild: 2,35:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Französisch (5.1)

Untertitel: –

Extras: Making Of, Trailer

Laufzeit: 88 Min.

FSK: ab 16 Jahre

Hinweis

Homepage zum Film


TV-Tipp für den 11. Februar: Columbo – Schreib oder stirb

Februar 11, 2010

SRTL, 22.15

Columbo: Schreib oder stirb (USA 1974, R.: Robert Butler)

Drehbuch: Peter S. Fischer

Verleger Riley Greenleaf ist stinkig. Sein Bestsellerautor Alan Mallory möchte den Verlag wechseln. Greenleaf denkt sich ‚nicht mit mir’ und der tapsige Lieutenant Columbo hat einen neuen Fall

Für Krimifans ist „Schreib oder Stirb“ ein Highlight. Es gibt zahlreiche Anspielungen auf den Literaturbetrieb und Mickey Spillane (Ja, genau der!) spielt einen Bestsellerautor.

Mit Peter Falk, Jack Cassidy, Mickey Spillane

Hinweise

Wikipedia über „Columbo“ (deutsch, englisch)

The Museum of Broadcast Communications über “Columbo”

Fernsehlexikon über “Columbo”

“Columbo”-Fanseite

Deutsche “Columbo”-Fanseite

Noch eine deutsche “Columbo”-Fanseite

TV Time Machine: Audiointerview mit Peter Falk und Mark Dawidziak

Fanpage über Mickey Spillane (letzte Aktualisierung: 2001)

Thrilling Detective über Mickey Spillane

Thrilling Detective: Max Allan Collins über Mickey Spillane

January Magazine: Max Allan Collins zum Tod von Mickey Spillane

Evolver: Martin Compart zum Tod von Mickey Spillane

Mystery File: Steve Holland über Mickey Spillane

Crimetime: Interview mit Mickey Spillane

Combustible Celluloid: Interview mit Mickey Spillane

Kaliber .38 über Mickey Spillane

Krimi-Couch über Mickey Spillane

Mordlust über Mickey Spillane

New York Times: Nachruf auf Mickey Spillane

Washington Post: Nachruf auf Mickey Spillane

Meine Besprechung von Mickey Spillanes “Dead Street”


Die Nominierungen für den Hammett-Preis 2010

Februar 10, 2010

Die International Association of Crime Writers (North Amercian Branch) hat die Nominierungen für den diesjährigen Hammett-Preis veröffentlicht:

Megan Abbott: Bury Me Deep

Ace Atkins: Devil’s Garden

Jedediah Berry: The Manual of Detection

Walter Mosley: The Long Fall

George Pelecanos: The Way Home

(Dank an Bill Crider für die Infos)


TV-Tipp für den 10. Februar: Pasolinis tolldreiste Geschichten

Februar 10, 2010

Arte, 23.10

Pasolinis tolldreiste Geschichten (I/F 1971, R.: Pier Paolo Pasolini)

Drehbuch: Pier Paolo Pasolini

LV: Geoffrey Chaucer: The Canterbury Tales (Kurzgeschichten)

Lange nicht mehr (falls überhaupt jemals im TV) gezeigter Episodenfilm: Im England des 14. Jahrhunderts erzählen sich einige Pilger auf dem weg nach Canterbury meist sehr unzüchtige Geschichten.

Pasolinis tolldreiste Geschichten“ (klingt fast wie ein Ableger des „Schulmädchenreports“) ist der Mittelteil seiner Trilogie des Lebens. Vor „I Racconti di Canterbury“ (auch „Canterbury Tales“) verfilmte er einige Geschichten aus dem „Decameron“, danach einige Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“. Für „Pasolinis tolldreiste Geschichten“ verfilmte er acht Geschichten der aus 22 Geschichten bestehenden „Canterbury Tales“ von Geoffrey Chaucer (1340 – 1400).

Der Film erhielt 1972 auf der Berlinale den Goldenen Bären. Dennoch: „Stilistisch noch uneinheitlicher, noch konfuser erzählt und primitiver montiert als ‚Il Decameron‘, zeigt ‚I Racconti di Canterbury‘ Pasolini auf einem künstlerischen Tiefpunkt. Nur drei Episoden dieses verunglückten Torsos, der unverständlicherweise den Hauptpreis der Berlinale 1972 bekam, sind bemerkenswert.“ (Wolfram Schütte in „Pier Paolo Pasolini“, Hanser Reihe Film 12)

Mit Pier Paolo Pasolini, Laura Betti, J. P. Van Dyne, Drek Deadman, Hugh Griffith, Josephine Chaplin

Wiederholungen

Samstag, 27. Februar, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Mittwoch, 3. März, 01.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Arte über „Pasolinis tolldreiste Geschichten“

Wikipedia über Pier Paolo Pasolini (deutsch, englisch)


Cover der Woche

Februar 9, 2010


TV-Tipp für den 9. Februar: Die Jagd nach Osama bin Laden

Februar 9, 2010

ZDF, 23.15 (VPS 23.14)

Die Jagd nach Osama bin Laden – Mythos und Wahrheit (D 2010, R.: Michael Renz, Michael Rudin)

Drehbuch: Michael Renz, Michael Rudin

45-minütige Doku, die vielleicht etwas Licht ins Dunkel bringt, aber die 100.000-Euro-Frage „Wo ist Osama bin Laden“ auch nicht beantwortet.

Wer die Doku verpasst, kann sein Glück in der Mediathek versuchen.


Kleinkram

Februar 8, 2010

Die Februar-Ausgabe der Krimi-Couch ist online. Es werden unter anderem die neuen Werke von James Ellroy (Blut will fließen), Olen Steinhauer (Der Tourist), Robert B. Parker (Hundert-Dollar-Baby), Charlie Huston (Das Clean-Team), Anthony E. Zuiker/Duane Swierczynski (Level 26), James Lee Burke (Black Cherry Blues), Armitage Trail (Scarface) und Agatha Christie (Der Tod auf dem Nil; – okay, die drei gehören in die Abteilung Klassiker) besprochen.

Die Februar-Ausgabe der Phantastik-Couch ist online. Dort wird unter anderem die neuen Werke von Jonathan Maberry (Patient Null), Graham Brown (Black Rain) und Richard Laymon (Der Ripper; jaja, ist eine Wiederveröffentlichung) besprochen und sich mit Eoin Colfer unterhalten.

Bei Evolver lobt Marcel Feige Don Winslows Mafiakrimi „Frankie Machine“ (Sollte mal wieder ein Buch von Marcel Feige lesen. Denn uns gefallen die gleichen Bücher.)

Scene of the Crime unterhält sich mit Matt Beynon Rees: A different View of Palestine.

Bei The Hollywood Interview gibt es ein Interview von 2002 mit Cathy Moriarty. Sie spielte in Martin Scorseses „Raging Bull“ (Wie ein wilder Stier) die Ehefrau von Jake La Motta (Robert De Niro).

Ebenfalls dort gibt es ein 2006-Interview mit Diane Kruger.

Und eines mit Fernando Mereilles (City of God).

Ligature Marks Fiction & Film unterhält sich mit Joe R. Lansdale (und es gibt einige Kurzgeschichten und Filmkritiken von „The French Connection“ und „Massenmord in San Francisco“).

Die Frankfurter Rundschau druckte einen Vortrag von Roberto Scarpinato (Leitender Oberstaatsanwalt der Anti-Mafia-Direktion Palermo) über die Mafia in der globalen Welt ab.

HBO will die Leonid-McGill-Krimis von Walter Mosley verfilmen.

Die New York Times bespricht „Red Riding: 1974/1980/1983“, die Verfilmung der gleichnamigen Krimis von David Peace. Außerdem gibt es eine informative Slideshow zu den Filmen: Three Shades of Noir.

(Und jetzt bin ich sehr neugierig auf die Filme.)

Einen Blick hinter die Kulissen gibt es bei „Making of“; zum Beispiel von den Dreharbeiten zu „Shutter Island“ (Clip 1, Clip 2) oder ein Interview mit Clint Eastwood zu „Invictus„.

Einerseits habe ich viele Filme schon in meiner DVD-Sammlung. Andererseits würde ich diese Box (die es bis jetzt nur für den amerikanischen Markt gibt) geschenkt mit Kußhand nehmen.


TV-Tipp für den 8. Februar: Alphaville (aka Lemmy Caution gegen Alpha 60)

Februar 8, 2010

Arte, 20.15

Alpaville (F 1965, R.: Jean-Luc Godard)

Drehbuch: Jean-Luc Godard

LV: Charakter von Peter Cheney (in der Verkörperung von Eddie Constantine)

Lemmy Caution soll in Alphaville einen verschwundenen Kollegen finden und den Wissenschaftler von Braun ausschalten. Sein Computer Alpha 60 regiert die Stadt nach logischen Gesichtspunkten.

Damals war Eddie Constantine als sympathischer Haudrauf in leichtgewichtigen Actionfilmen bekannt-beliebt. Populär wurde er als Agent Lemmy Caution. Später hieß er auch in den Filmen oft nur noch Eddie.

Godard zertrümmerte mit Eddie Constantine (der es damals Leid war, die immergleiche Rolle zu spielen) den Mythos. In Berlin erhielt „Alphaville“ den Goldenen Bären. Die Eddie-Fans mochten – wenig überraschend – die Anti-Utopie nicht.

Godard meint kein Utopia dieser oder jener Provenienz, sondern den totalen technischen Staat“, schrieb damals die Frankfurter Allgemeine. Der Filmdienst schrieb: „Wenn der Schriftsteller Theodore Sturgeon behauptet, eine Science Fiction-Story sei eine Geschichte, ‚die den Menschen als Mittelpunkt sieht, ein menschliches Problem behandelt und eine menschliche Lösung bietet, die aber ohne ihren wissenschaftlichen Gehalt überhaupt nicht zustande gekommen wäre’, so erscheint einem Jean-Luc Godards neuester Film als der erste Versuch eines Science-Fiction-Films überhaupt. Die technische Entwicklung bietet die Voraussetzung für die Behandlung – sagen wir es etwas hochtrabend – existenzphilosophischer Fragen.“

Die Konventionen des Science-Fiction-Thrillers liefern lediglich den Rahmen für einen Film, der mit Elan die Themen und Bilder des Genres zu einer Art magnetischem Feld mobilisiert, in dem Godard eine Vielzahl von philosophischen und ästhetischen Ideen anrührt, während die generelle Form der Sache bewahrt bleibt. Eine derart freie Annäherung ermöglicht dem Zuschauer ungewöhnlich vielfältige und befreiende Genüsse. In diesem Sinne ist ‚Lemmy Caution gegen Alpha 60‘ zusammen mit ‚Pierrot le Fou‘ der romantischste anarchische Film von Godard. (…) Vielleicht ist die beste Annäherung an den Film einfach, ihn als Gewebe von intellektuellen und sinnlichen Freuden zu akzeptieren, als Genuss für Kinoliebhaber.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie)

Mit Eddie Constantine, Anna Karina, Akim Tamiroff, Howard Vernon, Laszlo Szabo

auch bekannt als „Lemmy Caution gegen Alpha 60“

Wiederholung: Mittwoch, 10. Februar, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Alphaville“ (deutsch, englisch)

Mitternachtskino über „Alphaville“

Arte spricht mit Jean-Luc Godard

Die Zeit spricht mit Jean-Luc Godard

Offizielle Peter-Cheney-Seite

Thrilling Detective über  Peter Cheney


TV-Tipp für den 7. Februar: Die Queen

Februar 7, 2010

ZDF, 22.00

Die Queen (GB/Fr/I 2006, R.: Stephen Frears)

Drehbuch: Peter Morgan

Hochgelobtes und vielfach ausgezeichnetes Drama über das Verhalten der Königin Elisabeth II nach dem Tod von Prinzessin Diana.

Der Anlass ist wahrscheinlich, dass 6. Februar 1952 zur Thronnachfolgerin proklamiert wurde. Aber gestern lief zur besten Sendezeit „Willkommen bei Carmen Nebel“ und nach dem „aktuellen sportstudio“ (hmhm) wäre es dann doch etwas spät gewesen.

Dennoch freue ich mich, dass ein anspruchsvoller Film seine TV-Premiere zu einer halbwegs okayen Zeit erlebt. Das ZDF ist da eh besser als das Erste.

Peter Morgan schrieb danach die Drehbücher zu „Frost/Nixon“ und der David-Peace-Verfilmung „The Damned United“. Im Moment verfilmt Clint Eastwood mit Matt Damon sein Buch „Hereafter“. Morgan sitzt gerade am Drehbuch für den nächsten James-Bond-Film und er soll wohl auch für die John-le-Carré-Verfilmung „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“ das Drehbuch schreiben.

mit Helen Mirren, Michael Sheen, James Cromwell, Sylvia Simms, Alex Jennings

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Wikipedia über „Die Queen“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Die Queen“

Times: Peter Morgan über sein Drehbuch „The Queen“ (11. Februar 2008)

Wikipedia über Königin Elisabeth II (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 6. Februar: Castle – Blumen für Dein Grab

Februar 6, 2010

Kabel 1, 20.15

Castle: Blumen für Dein Grab (USA 2009, R.: Rob Bowman)
Drehbuch: Andrew W. Marlowe

Erfinder: Andrew W. Marlowe

Als ein Mörder die von dem erfolgreichen New Yorker Krimiautor Richard Castle erfundenen Morde in die Tat umsetzt, lernt Castle Detective Kate Beckett kennen. Er beschließt, dass sie das Vorbild für seine neue Heldin sein soll und dafür muss er sie, zu ihrem Missfallen, bei der Arbeit begleiten.

Lässige Krimikomödie, die einfach nur gut unterhalten will.

Inzwischen habe ich einige Folgen aus der zweiten Staffel gesehen und die Mischung aus witzige Sprüchen und ziemlich vertrackten Fällen gefällt mir. „Castle“ ist nichts revolutionäres, sondern einfach nur gute Unterhaltung mit einer Handvoll ziemlich normaler Charaktere. Das sieht einfacher aus als es dann geschrieben und gespielt ist. – Und wer von uns Jungs wäre nicht gerne Rick Castle?

mit Nathan Fillion, Stana Katic, Susan Sullivan, Ruben Santiago-Hudson, Molly C. Quinn, Jon Huertas, Seamus Dever, Tamala Jones, Stephen J. Cannell, James Patterson, Keir Dullea

Wiederholung: Sonntag, 7. Februar, 00.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

ABC-Seite über „Castle“

Kabel-1-Seite über „Castle“

Wikipedia über „Castle“ (deutsch, englisch)

The Futon Critic interviewt Andrew W. Marlowe (21. November 2009)



Rezi von „Gangster, Opfer, Detektive“ online

Februar 5, 2010

Als Jochen Schmidts umfassend überarbeitetes „Gangster, Opfer, Detektive – Eine Typengeschichte des Kriminalromans“ erschien, formulierte ich ad hoc eine dicke Kaufempfehlung. Denn obwohl ich bereits damals einiges bemängelte, dachte ich, dass das über 1000-seitige Werk ein Standardwerk werden könnte.

Jetzt, nach einer eingehenden Prüfung, muss ich diese Empfehlung umfassend revidieren. Warum können Sie hier in der Berliner Literaturkritik lesen.


Ein Anschluss unter dieser Nummer – „Connected“

Februar 5, 2010

Eine Mutter wird entführt.

Im Versteck repariert sie ein kaputtes Telefon.

Sie erhält eine Verbindung mit einem Fremden.

Wie heißt der Film?

Final Call“

Falsch. Es ist „Connected“, das Hongkong-Remake des US-Thrillers und wie es sich für ein Remake gehört (Wir erinnern uns an „Departed“) wird das Originaldrehbuch mit kleinen Veränderungen wieder verfilmt. Wer beide Versionen kennt, bemerkt die Unterschiede und kann über Sinn und Unsinn dieser Änderungen nachdenken.

Der größte Unterschied zwischen „Final Call“ und „Connected“ ist, dass „Final Call“ im sonnigen Los Angeles und „Connected“ in den grauen Häuserschluchten von Hongkong spielt.

Auch einige kulturellen Unterschiede fallen auf. Das zeigt sich schön, wenn unser Held versucht ein Ladegerät für sein Handy zu beschaffen und er in eine fast kafkaeske Situation gerät, die an den Besuch einer städtischen Verwaltung erinnert; allerdings mit einem ausgesucht höflichem und an seinem Kunden vollkommen desinteressiertem Verkäufer. Oder dem unterschiedlichen Auftreten der Polizisten.

Die Änderungen in der Geschichte sind minimal. Der Showdown findet nicht an einem Pier, sondern auf einem Flughafen statt. Der Held ist kein jugendlicher Surfer sondern ein Familienvater, der als Geldeintreiber arbeitet und unbedingt zum Flughafen muss, um sich von seinem Sohn zu verabschieden. Aber beide sind Kindsköpfe, die auch ohne Telefonanrufe von in Lebensgefahr schwebenden Frauen, mächtige Probleme haben, ihre Termine einzuhalten und jetzt innerhalb weniger Minuten erwachsen werden müssen. In „Final Call“ wirft eine Ex-Freundin Ryan vor, dass er verantwortungslos, egozentrisch und kindisch sei. In „Connected“ meint der Sohn zu seinem Vater Bob, dass er nie ein Versprechen einhalte.

Dass in „Final Call“ der Ehemann und in „Connected“ der jüngere Bruder die alles auslösende Videoaufnahme gemacht hat, ist eher ein unwichtiges Detail, das in „Connected“ den Geldeintreiber Bob und die Bösewichter zu einem von Modellfliegern benutzten Kowloon Peak führt.

Die Actionszenen sind in der atemberaubenden Hongkong-Manier gedreht und haben immer einen irrealen Touch. Es gibt eine minutenlange Autoverfolgungsjagd durch die Innenstadt. Es gibt eine Verfolgungsjagd am Kowloon Peak und Bob befördert auf seiner Flucht sein Auto über eine verdammt hohe Bergklippe. Es gibt am Ende, im Flughafen, ein wahres Actionfeuerwerk in der Empfangshalle, einer Toilette und in einer riesigen Lagerhalle.

Die Atmosphäre ist dagegen in „Connected“ etwas frostiger als in „Final Call“. Denn trotz des Zeitdrucks hat „Final Call“ viel von der jugendlichen Unbekümmertheit des angerufenen Surfers (für den es irgendwie auch einfach ein tolles Abenteuer ist), den leicht ins comichafte gehenden Auftritten des guten Polizisten (von Willam H. Macy mit gequältem Leidensmine gespielt) und natürlich dem lässigen kalifornischem Lebensgefühl. Dagegen ist in Hongkong der tägliche Überlebenskampf viel zu präsent.

Insgesamt muss „Connected“ sich nicht hinter „Final Call“ verstecken, aber mir persönlich hat das Original mit Kim Basinger, Chris Evans, Jason Statham, William H. Macy, Jessica Biel, Rick Hoffman, Richard Burgi, einem Auftritt von G. Love and Special Sauce am Filmende und einer guten Nutzung der städtischen Geographie von Los Angeles und der näheren Umgebung besser gefallen. Aber das kann auch ganz einfach daran liegen, dass ich zuerst „Final Call“ gesehen habe. Denn mir gefällt auch das Original „Infernal Affairs“ besser als das Remake „The Departed“.

Daher: Wer „Final Call“ kennt, kann sich „Connected“ eigentlich schenken. Wer „Final Call“ noch nicht gesehen hat, kann mit „Connected“ einen kurzweiligen Thriller mit einigen überraschenden Wendungen (die fast alle aus dem Original bekannt sind) und atemberaubenden Actionszenen genießen.

Connected (Bo chi tung wah, Hongkong, 2008)

Regie: Benny Chan

Drehbuch: Alan Yuen, Benny Chan, Xu Bing

Vorlage: Larry Cohen (Originalgeschichte), Chris Morgan (Drehbuch „Cellular“)

mit Louis Koo, Barbie Hsu, Nick Cheung, Ankie Beilke (als Angie Black), Liu Ye, Eddie Cheung

DVD

Koch Media

Länge: 106 Minuten

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: DTS, Dolby Digital 5.1

Sprachen: Deutsch, Kantonesisch

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt für die 2-Disc-Special-Edition und die Blu-ray): Audiokommentar von Benny Chan, Trailer, Making of, Hinter den Kulissen, Geschnittene und alternative Szenen, Exklusiv produzierte Interviews

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Connected“


Kleinkram

Februar 5, 2010

Das „Bloody Cover 2010“ kann gewählt werden. Also welcher deutschsprachige Krimiautor hat letztes Jahr das schönste Cover erhalten?

Ende Februar veröffentlicht Koch Media die ersten Folgen der langlebigen TV-Serie „Polizeiinspektion 1“. Da werden Erinnerungen wach…


TV-Tipp für den 5. Februar: Der Preis des Verbrechens – Tod eines Mädchens (1)

Februar 5, 2010

ZDF neo, 22.30

Der Preis des Verbrechens: Tod eines Mädchens – Teil 1 (GB 1997, R.: Aisling Walsh)

Drehbuch: Lynda La Plante

Detective Superintendent Michael Walker und Detective Inspector Pat North suchen den Mörder eines fünfjährigen Mädchens, das vor ihrem Tod missbraucht wurde.

Erste Folge der erfolgreichen britischen Serie “Der Preis des Verbrechens”. Die Royal Television Society nominierte den Zweiteilter als “best single drama”.

Lynda La Plante ist auch verantwortlich für die hochgelobte und mit dem Edgar-Allan-Poe-Preis ausgezeichnete Serie “Heißer Verdacht” (Prime Suspect).

Der zweite, ebenfalls spielfilmlange Teil läuft am kommenden Freitag, den 12. Februar, um 22.55 Uhr. Nachdem der erste Teil sich auf die Ermittlungen konzentriert, konzentriert sich der zweite Teil auf die Gerichtsverhandlung. Von dieser Formel wurde auch in den folgenden “Trial & Retribution”-Fällen nicht abgewichen.

Am 19. Februar geht’s dann mit dem zweiten “Der Preis des Verbrechens”-Fall “Herr der Fliegen” weiter.

Mit David Hayman), Kate Buffery, Jake Wood, George Rossi, Rhys Ifans

Hinweise

Homepage von Lynda La Plante

Wikipedia über „Trial & Retribution“


Buch-/Filmkritik: Stieg Larssons „Verdammnis“

Februar 4, 2010

Verdammnis“, die Verfilmung des zweiten Romans von Stieg Larsson, ist mit 129 Minuten etwas kürzer als „Verblendung“. Der Regisseur ist neu, ebenso der Drehbuchautor. Aber die Hauptdarsteller blieben gleich: Michael Nyqvist spielt wieder den an das Gute glaubenden Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, Noomi Rapace die Hackerin Lisbeth Salander mit ihrer problematischen Vergangenheit, ihrem gestörten Verhältnis zur Umwelt und ihrem eigenen Moralkodex und Lena Endre die „Millenium“-Herausgeberin Erika Berger. Sie hat im Film eine Szene, die ganz nebenbei zeigt, was wir in Hollywood-Filmen schon lange nicht mehr sehen: zuerst hat sie beim Sex keinen BH an und anschließend geht sie nackt durch das Zimmer.

Die Actionszenen unterscheiden sich dagegen kaum von dem gewohnten Hollywood-Standard. Es gibt eine ausufernde Schlägerei in einer einsamen Hütte, Folterungen, blutige Ermordungen, einen schmerzunempfindlichen, blonden, deutschstämmigen, über zwei Meter großen Killer (der einen russischen Vater hat [Puh, sogar Hollywood hat schon lange nicht mehr so tief in die Klischeekiste gegriffen]) und eine eindeutige „Kill Bill“-Referenz. Das alles stand auch schon in der 750-seitigen Vorlage.

Die Geschichte ist, gerade weil Drehbuchautor Jonas Frykberg dem Roman sehr genau folgt, eine mit einer Anklage gegen „Männer, die Frauen hassen“ aufgebretzelter, ins epische gehender Thriller mit Polit-Touch.

Die Zeitschrift „Millenium“ plant eine große Geschichte über Mädchenhandel. Die Freier sind dabei auch renommierte Persönlichkeiten. Als der Jungjournalist Dag Svensson, seine Freundin Mia Bergmann (die über das Thema promoviert) und der Rechtsanwalt Nils Bjurman erschossen werden, vermutet der Journalist Mikael Blomkvist, dass das Motiv für die Morde die geplante Reportage ist. Die Polizei findet auf der Tatwaffe die Fingerabdrücke von Lisbeth Salander und mit ihrer Vorgeschichte ist sie die perfekte Täterin.

Dennoch glaubt Blomkvist an Salanders Unschuld.

Auf getrennten Pfaden suchen Blomkvist und Salander den Mörder, erfahren einiges über schmutzige Geheimdienstgeschäfte während des Kalten Krieges und warum Lisbeth Salander als Kind einen Mann auf offener Straße mit Benzin übergoss und anzündete.

Der Film konzentriert sich auf den Thrillerplot. Larssons Roman ist dagegen, wie „Verblendung“, furchtbar unökonomisch erzählt. Die ersten 250 Seiten sind Vorgeplänkel. Nett zu lesen, aber bis auf wenige Seiten, vollkommen unwichtig für die Geschichte.

Erst auf Seite 257 werden die Leichen von Dag Svenson und Mia Bergmann entdeckt. Fünfzig Seiten später die von Nils Bjurman und dann beginnt die Polizei Lisbeth Salander zu jagen, weil auf der Tatwaffe ihre Fingerabdrücke sind. Die Gejagte nimmt sich währenddessen eine zweihundertseitige Auszeit und taucht bis auf Seite 459 ab. Diese Seiten füllt Larsson, indem er die Ermittlungen der Polizei und deren internen Streitereien schildert. Das lässt sich zwar schnell weglesen, bringt aber den Hauptplot keinen Millimeter voran.

Jonas Frykberg strich für sein Drehbuch viel von diesem Ballast weg. Er strich das erste Drittel des Romans auf wenige Filmminuten zusammen. Er strich die Ermittlungen der Polizei auf wenige Szenen zusammen. Er übernahm aber fast jede Szene aus dem letzten Drittel des Romans. Außerdem arbeitete er an einigen Punkten die Motive der Charaktere klarer heraus und entfaltet die Verschwörung vor unseren Augen. Dafür schrieb er Szenen, die Larsson in seinem Roman wahrscheinlich weg ließ, um die Spannung zu steigern. So wird in dem Roman erst gegen Ende (und ziemlich lieblos) enthüllt, wer der Mörder ist. Im Film werden die Morde gezeigt. In dem Roman wird immer wieder von „all dem Bösen“, das zu Salanders Entmündigung führte, gesprochen. In dem Film wird daraus kein Geheimnis gemacht.

So wird allerdings auch die windige Konstruktion der Geschichte schmerzhaft offensichtlich. Das beginnt mit dem Doppelmord an dem Journalisten und seiner Freundin. Denn gerade der Doppelmord war das Blödeste, was die Verbrecher tun konnten und ihre Blödigkeit toppen sie dann noch, indem sie die Leichen in ihrer Wohnung liegen lassen. Es gibt wahrscheinlich keine bessere Methode, um die maximale Aufmerksamkeit von der Polizei und den Medien für die eigenen illegalen Geschäfte zu erhalten. Zum Glück kommt ihnen der Zufall zu Hilfe. Auf der Tatwaffe sind die Fingerabdrücke einer 1-A-Tatverdächtigen. Dummerweise ist diese Tatverdächtige mit dem Chefredakteur der Zeitung, in der die Reportage erscheinen sollte, freundschaftlich verbunden. Diese fantastische Anhäufung von Dummheit und Zufällen kulminiert am Ende auf einem einsam gelegenen Bauernhof, wenn die familiären Bande zwischen Lisbeth Salander und den Bösewichtern aufgedeckt werden.

Dennoch ist „Verdammnis“ kein schlechter Film. Als Bestsellerverfilmung muss er, um die Fans nicht zu enttäuschen, der Vorlage möglichst genau folgen. Das gelingt Autor Frykberg und Regisseur Alfredson und, dank der Konzentration auf den Thrillerplot, ist der „Film zum Roman“ sogar gelungener als die türstopperdicke Vorlage.

Verdammnis (Flickan som lekte med elden, Schweden 2009)

Regie: Daniel Alfredson

Drehbuch: Jonas Frykberg

mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Peter Andersson, Michalis Koutsogiannakis, Annika Hallin, Yasmine Garbi, Per Oscarsson, Georgi Staykov, Paolo Roberto (als er selbst)

Vorlage

Stieg Larsson: Verdammnis

(übersetzt von Wibke Kuhn)

Heyne, 2007

Sonderausgabe zum Film (mit Bonusmaterial)

768 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Flickan Som Lekte Med Eldem

Norstedts Förlag, Stockholm, 2006

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Verdammnis“

Meine Besprechung von „Verblendung“ (Buch und Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikiepedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)