Eigentlich ist “Stammheim” ein abgefilmtes Theaterstück: Aust und Hauff konzentrierten sich auf die Verhandlung gegen die Baader-Meinhof-Gruppe und nahmen die Gerichtsprotokolle als Grundlage für die Dialoge.
Damals irritierte die Kritiker, dass Schauspieler anders aussehende Personen spielten, die im öffentlichen Bewusstsein noch sehr präsent waren.
Heute ist “Stammheim” ein Stück Zeitgeschichte und ein Blick in eine für uns inzwischen sehr fremde Zeit.
“Es ist ein Film über die Unfähigkeit der Politik und der Justiz, die Verhältnisse zu reflektieren, in denen Gewalt entsteht. Ein Film über die Ungeduld und Unduldsamkeit derjenigen, die erklärten, das Volk befreien zu wollen und am Ende mehr Zwänge und staatliche Repression erreichen.
Wie in einem Mikrokosmos findet der Kampf zwischen dem Staat und seinen radikalsten Gegner in einem Gerichtssaal statt. Keine Seite geht daraus unbeschädigt hervor. Die einen bekämpfen das Recht und die Ordnung des bürgerlichen Staates und berufen sich gleichzeitig auf seine Gesetze. Die anderen vertreten die Gesetze und verletzen dennoch das Recht (…)
Hauff und Aust haben den mutigsten Film über unsere politische Gegenwart gemacht.“ (Fischer Film Almanach 1987)
„Stammheim“ erhielt 1986 auf der Berlinale den Goldenen Bären. Während der Preisverleihung sagte Jurypräsidentin Gina Lollobrigida – ein grober Verstoß gegen die Etikette -, dass sie gegen den Film gestimmt habe.
mit Ulrich Pleitgen, Ulrich Tukur, Therese Affolter, Sabine Wegner, Hans Kremer, Dominique Horwitz
Bei den Alligatorpapieren sind meine, wie immer von Alligator-Alfred wunderschön bebilderten, neuen TV-Krimi-Buch-Tipps online. Highlights der kommenden 14 Tage sind:
Wahrscheinlich wegen der tollen Tage ist das TV-Programm nicht so toll. Dennoch gibt es einige sehenswerte Krimiverfilmungen. Es beginnt mit David Mackenzies Peter-Jinks-Verfilmung „Hallam Foe“. Es geht weiter mit Reinhard Hauffs Stefan-Aust-Verfilmung „Stammheim“ (dafür gab’s einen Goldenen Bären), Aisling Walshs Lynda-La-Plante-Verfilmung „Der Preis des Verbrechens: Herr der Fliegen“, George Armitages Charles-Willeford-Verfilmung „Miami Blues“, Michael Hodges‘ Ted-Lewis-Verfilmung „Get Carter“ (mal wieder deutlich nach Mitternacht), Roman Polanskis „Chinatown“ (nach einem Drehbuch von Robert Towne), Lee Tamahoris „Nach eigenen Regeln“ (nach einem Drehbuch von Pete Dexter) und, als leichtgewichtigen Ausklang, gibt es die „Mordrezepte der Barbouzes“.
Oh, und James Bond hat alle Hände voll zu tun.
Jerome Charyn war „Einmal beim Meister“ Martin Scorsese. Der Text erschien in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ und dürfte die Tage online gehen (Nachtrag 14. 2. 2010: online).
Zwei Worte zu Helene Hegemann, „Axolotl Roadkill“ und ihren Verteidigern in den Feuilletons:
Würden Sie, liebe Literaturkritiker, auch dann Hegemann und ihren Roman verteidigen, wenn die Autorin Texte von ihnen, ohne um Erlaubnis zu fragen, abgeschrieben hätte und ohne auf die Originaltexte hinzuweisen? Würden Sie auch dann sagen, dass es okay ist, dass der Abschreiber Geld verdient, während der Urheber nichts (noch nicht einmal eine namentliche Nennung) erhält?
Da ich meine eigenen Texte natürlich besser kenne als Deef Pirmasens, der als erster über die Parallelen berichtet hat, sind mir schon sehr viel mehr Stellen aufgefallen. Ich habe heute gehört, dass diese Stellen in zukünftigen Ausgaben von „Axolotl Roadkill“ gekennzeichnet werden sollen.
Dort gibt es auch eine beeindruckend lange Liste von ähnlichen Textstellen.
Stellvertretend Helmut Krausser: Diebstahl ist Diebstahl, da bin ich sehr konservativ. Sich es mit dem Hinweis, heute werde überall geklaut, einfach zu machen, zeugt von wenig Reflexion und einer gewissen Wollust am Selbstbetrug. Bei über dreißig Büchern habe ich im Leben erst zwei Sätze anderer Autoren verwendet – und es war mir ein Herzensbedürfnis, dies kenntlich zu machen, ansonsten ich mich für die fremden Federn geschämt hätte.
Nachtrag: Vor dem Hintergrund von Abmahnungen und der Forderung nach einer Kulturflatrate oder einem Leistungsschutzrechte für Verlage sind die von etlichen Literaturkritikern vertretenen Pro-Hegemann-Positionen — höchst interessant.
Der SF-Klassiker – und wie es sich für einen Klassiker gehört: unglaublich teuer, lang, an der Kasse zunächst gefloppt, von Produzenten und Verleihern in verschiedenen gekürzten Versionen herausgebracht und, vor allem optisch, ein großer Einfluss auf eigentlich alle dystopischen SF-Filme (Was wäre “Blade Runner” ohne “Metropolis”?). Dass die Geschichte eher banal und die Botschaft ärgerlich ist – geschenkt.
Obwohl: Nachdem 2008 in Buenos Aires eine Kopie der verschollen geglaubten Premierefassung entdeckt und aufwendig restauriert wurde, kann heute erstmals die um ein gutes Viertel längere und fast vollständige Version (einige Teile konnten nicht gerettet werden) von “Metropolis” endlich wieder gesehen werden.
Wetterunfühlige Menschen können am Brandenburger Tor eine Open Air Vorstellung erfrieren.
Im Anschluss zeigt Arte um 23.10 die gut einstündige Doku “Die Reise nach Metropolis”.
mit Alfred Abel, Gustav Fröhlich, Brigitte Helm, Rudolf Klein-Rogge, Fritz Rasp, Heinrich George
Der Plot von „Skate or Die“ kann auf einem halben Bierdeckel notiert werden: zwei Skater filmen in einem Parkhaus einen Drogendeal, der schiefgeht. Sie werden entdeckt und flüchten zur Polizei. Dort entdecken sie, dass ihre Verfolger Polizisten sind und – den Rest können Sie sich wirklich denken.
Auf die andere Hälfte des Deckels passen die Dialoge.
Damit dürfte klar sein, dass „Skate or Die“ sich nicht an die Freunde dialoglastiger, vertrackter und intellektuell herausfordernder Filme wendet. Denn Regisseur Miguel Courtois und den Drehbuchautoren Clelhio Favretto und Chris Nahon (Buch und Regie bei „Das Imperium der Wölfe“ und Regie bei „Kiss the Dragon“) geht es um Action und das Lebensgefühl einer jugendlichen Subkultur; wobei sich das Lebensgefühl auf das Skaten durch Paris, das Herumhängen und den Konsum von Joints beschränken.
Genauso oberflächlich wie der Blick in die Skater-Szene sind auch die Charakterisierungen. Die Guten sind gut (auch wenn sie noch in der Slacker-Phase sind) und die Bösen sind sehr böse (auch wenn sie eine Polizeimarke haben).
Die gesamte Kreativität der Macher floss in die Actionszenen. Die beiden Hauptrollen wurden mit Skatern besetzt und auch die anderen Schauspieler durften sich, wie das „Making of“ zeigt, körperlich austoben. Dass bei dem Dreh niemand ernsthaft verletzt wurde ist, angesichts der zahlreichen im „Making of“ dokumentierten Stürze, ein Wunder. Denn Courtois setzte auf altmodische Handarbeit.
Diese auf den Straßen von Paris gedrehten Actionszenen sind atemberaubend nah gefilmt, rasant geschnitten und spektakulär, aber als Zuschauer ist man niemals emotional involviert. Man weiß, auch ohne das Drehbuch gelesen zu haben, dass alles gut ausgeht. Man weiß, dass die beiden jugendlichen Helden sich, wenn sie von Brücken springen, zwischen fahrenden Autos und Fußgängern durchrasen und von einem Gebäude zum nächsten springen, dass sie sich nicht verletzen. Denn dann wäre der Film aus. Gleichzeitig legt der meist Trip-Hop-Klängen bestehende, durchgehend pulsierende Soundtrack einen beruhigenden Laidback-Teppich aus.
„Skate or Die“ ist ein 90-minütiger Videoclip, der wahrscheinlich jeden über 25-jährigen langweilt.
Columbo: Schreib oder stirb (USA 1974, R.: Robert Butler)
Drehbuch: Peter S. Fischer
Verleger Riley Greenleaf ist stinkig. Sein Bestsellerautor Alan Mallory möchte den Verlag wechseln. Greenleaf denkt sich ‚nicht mit mir’ und der tapsige Lieutenant Columbo hat einen neuen Fall
Für Krimifans ist „Schreib oder Stirb“ ein Highlight. Es gibt zahlreiche Anspielungen auf den Literaturbetrieb und Mickey Spillane (Ja, genau der!) spielt einen Bestsellerautor.
Pasolinis tolldreiste Geschichten (I/F 1971, R.: Pier Paolo Pasolini)
Drehbuch: Pier Paolo Pasolini
LV: Geoffrey Chaucer: The Canterbury Tales (Kurzgeschichten)
Lange nicht mehr (falls überhaupt jemals im TV) gezeigter Episodenfilm: Im England des 14. Jahrhunderts erzählen sich einige Pilger auf dem weg nach Canterbury meist sehr unzüchtige Geschichten.
„Pasolinis tolldreiste Geschichten“ (klingt fast wie ein Ableger des „Schulmädchenreports“) ist der Mittelteil seiner Trilogie des Lebens. Vor „I Racconti di Canterbury“ (auch „Canterbury Tales“) verfilmte er einige Geschichten aus dem „Decameron“, danach einige Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“. Für „Pasolinis tolldreiste Geschichten“ verfilmte er acht Geschichten der aus 22 Geschichten bestehenden „Canterbury Tales“ von Geoffrey Chaucer (1340 – 1400).
Der Film erhielt 1972 auf der Berlinale den Goldenen Bären. Dennoch: „Stilistisch noch uneinheitlicher, noch konfuser erzählt und primitiver montiert als ‚Il Decameron‘, zeigt ‚I Racconti di Canterbury‘ Pasolini auf einem künstlerischen Tiefpunkt. Nur drei Episoden dieses verunglückten Torsos, der unverständlicherweise den Hauptpreis der Berlinale 1972 bekam, sind bemerkenswert.“ (Wolfram Schütte in „Pier Paolo Pasolini“, Hanser Reihe Film 12)
Mit Pier Paolo Pasolini, Laura Betti, J. P. Van Dyne, Drek Deadman, Hugh Griffith, Josephine Chaplin
Die Februar-Ausgabe der Phantastik-Couch ist online. Dort wird unter anderem die neuen Werke von Jonathan Maberry (Patient Null), Graham Brown (Black Rain) und Richard Laymon (Der Ripper; jaja, ist eine Wiederveröffentlichung) besprochen und sich mit Eoin Colfer unterhalten.
Bei Evolver lobt Marcel Feige Don Winslows Mafiakrimi „Frankie Machine“ (Sollte mal wieder ein Buch von Marcel Feige lesen. Denn uns gefallen die gleichen Bücher.)
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Scene of the Crime unterhält sich mit Matt Beynon Rees: A different View of Palestine.
LV: Charakter von Peter Cheney (in der Verkörperung von Eddie Constantine)
Lemmy Caution soll in Alphaville einen verschwundenen Kollegen finden und den Wissenschaftler von Braun ausschalten. Sein Computer Alpha 60 regiert die Stadt nach logischen Gesichtspunkten.
Damals war Eddie Constantine als sympathischer Haudrauf in leichtgewichtigen Actionfilmen bekannt-beliebt. Populär wurde er als Agent Lemmy Caution. Später hieß er auch in den Filmen oft nur noch Eddie.
Godard zertrümmerte mit Eddie Constantine (der es damals Leid war, die immergleiche Rolle zu spielen) den Mythos. In Berlin erhielt „Alphaville“ den Goldenen Bären. Die Eddie-Fans mochten – wenig überraschend – die Anti-Utopie nicht.
„Godard meint kein Utopia dieser oder jener Provenienz, sondern den totalen technischen Staat“, schrieb damals die Frankfurter Allgemeine. Der Filmdienst schrieb: „Wenn der Schriftsteller Theodore Sturgeon behauptet, eine Science Fiction-Story sei eine Geschichte, ‚die den Menschen als Mittelpunkt sieht, ein menschliches Problem behandelt und eine menschliche Lösung bietet, die aber ohne ihren wissenschaftlichen Gehalt überhaupt nicht zustande gekommen wäre’, so erscheint einem Jean-Luc Godards neuester Film als der erste Versuch eines Science-Fiction-Films überhaupt. Die technische Entwicklung bietet die Voraussetzung für die Behandlung – sagen wir es etwas hochtrabend – existenzphilosophischer Fragen.“
„Die Konventionen des Science-Fiction-Thrillers liefern lediglich den Rahmen für einen Film, der mit Elan die Themen und Bilder des Genres zu einer Art magnetischem Feld mobilisiert, in dem Godard eine Vielzahl von philosophischen und ästhetischen Ideen anrührt, während die generelle Form der Sache bewahrt bleibt. Eine derart freie Annäherung ermöglicht dem Zuschauer ungewöhnlich vielfältige und befreiende Genüsse. In diesem Sinne ist ‚Lemmy Caution gegen Alpha 60‘ zusammen mit ‚Pierrot le Fou‘ der romantischste anarchische Film von Godard. (…) Vielleicht ist die beste Annäherung an den Film einfach, ihn als Gewebe von intellektuellen und sinnlichen Freuden zu akzeptieren, als Genuss für Kinoliebhaber.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie)
Mit Eddie Constantine, Anna Karina, Akim Tamiroff, Howard Vernon, Laszlo Szabo
Hochgelobtes und vielfach ausgezeichnetes Drama über das Verhalten der Königin Elisabeth II nach dem Tod von Prinzessin Diana.
Der Anlass ist wahrscheinlich, dass 6. Februar 1952 zur Thronnachfolgerin proklamiert wurde. Aber gestern lief zur besten Sendezeit „Willkommen bei Carmen Nebel“ und nach dem „aktuellen sportstudio“ (hmhm) wäre es dann doch etwas spät gewesen.
Dennoch freue ich mich, dass ein anspruchsvoller Film seine TV-Premiere zu einer halbwegs okayen Zeit erlebt. Das ZDF ist da eh besser als das Erste.
Peter Morgan schrieb danach die Drehbücher zu „Frost/Nixon“ und der David-Peace-Verfilmung „The Damned United“. Im Moment verfilmt Clint Eastwood mit Matt Damon sein Buch „Hereafter“. Morgan sitzt gerade am Drehbuch für den nächsten James-Bond-Film und er soll wohl auch für die John-le-Carré-Verfilmung „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“ das Drehbuch schreiben.
mit Helen Mirren, Michael Sheen, James Cromwell, Sylvia Simms, Alex Jennings
Castle: Blumen für Dein Grab (USA 2009, R.: Rob Bowman)
Drehbuch: Andrew W. Marlowe
Erfinder: Andrew W. Marlowe
Als ein Mörder die von dem erfolgreichen New Yorker Krimiautor Richard Castle erfundenen Morde in die Tat umsetzt, lernt Castle Detective Kate Beckett kennen. Er beschließt, dass sie das Vorbild für seine neue Heldin sein soll und dafür muss er sie, zu ihrem Missfallen, bei der Arbeit begleiten.
Lässige Krimikomödie, die einfach nur gut unterhalten will.
Inzwischen habe ich einige Folgen aus der zweiten Staffel gesehen und die Mischung aus witzige Sprüchen und ziemlich vertrackten Fällen gefällt mir. „Castle“ ist nichts revolutionäres, sondern einfach nur gute Unterhaltung mit einer Handvoll ziemlich normaler Charaktere. Das sieht einfacher aus als es dann geschrieben und gespielt ist. – Und wer von uns Jungs wäre nicht gerne Rick Castle?
mit Nathan Fillion, Stana Katic, Susan Sullivan, Ruben Santiago-Hudson, Molly C. Quinn, Jon Huertas, Seamus Dever, Tamala Jones, Stephen J. Cannell, James Patterson, Keir Dullea
Als Jochen Schmidts umfassend überarbeitetes „Gangster, Opfer, Detektive – Eine Typengeschichte des Kriminalromans“ erschien, formulierte ich ad hoc eine dicke Kaufempfehlung. Denn obwohl ich bereits damals einiges bemängelte, dachte ich, dass das über 1000-seitige Werk ein Standardwerk werden könnte.
Falsch. Es ist „Connected“, das Hongkong-Remake des US-Thrillers und wie es sich für ein Remake gehört (Wir erinnern uns an „Departed“) wird das Originaldrehbuch mit kleinen Veränderungen wieder verfilmt. Wer beide Versionen kennt, bemerkt die Unterschiede und kann über Sinn und Unsinn dieser Änderungen nachdenken.
Der größte Unterschied zwischen „Final Call“ und „Connected“ ist, dass „Final Call“ im sonnigen Los Angeles und „Connected“ in den grauen Häuserschluchten von Hongkong spielt.
Auch einige kulturellen Unterschiede fallen auf. Das zeigt sich schön, wenn unser Held versucht ein Ladegerät für sein Handy zu beschaffen und er in eine fast kafkaeske Situation gerät, die an den Besuch einer städtischen Verwaltung erinnert; allerdings mit einem ausgesucht höflichem und an seinem Kunden vollkommen desinteressiertem Verkäufer. Oder dem unterschiedlichen Auftreten der Polizisten.
Die Änderungen in der Geschichte sind minimal. Der Showdown findet nicht an einem Pier, sondern auf einem Flughafen statt. Der Held ist kein jugendlicher Surfer sondern ein Familienvater, der als Geldeintreiber arbeitet und unbedingt zum Flughafen muss, um sich von seinem Sohn zu verabschieden. Aber beide sind Kindsköpfe, die auch ohne Telefonanrufe von in Lebensgefahr schwebenden Frauen, mächtige Probleme haben, ihre Termine einzuhalten und jetzt innerhalb weniger Minuten erwachsen werden müssen. In „Final Call“ wirft eine Ex-Freundin Ryan vor, dass er verantwortungslos, egozentrisch und kindisch sei. In „Connected“ meint der Sohn zu seinem Vater Bob, dass er nie ein Versprechen einhalte.
Dass in „Final Call“ der Ehemann und in „Connected“ der jüngere Bruder die alles auslösende Videoaufnahme gemacht hat, ist eher ein unwichtiges Detail, das in „Connected“ den Geldeintreiber Bob und die Bösewichter zu einem von Modellfliegern benutzten Kowloon Peak führt.
Die Actionszenen sind in der atemberaubenden Hongkong-Manier gedreht und haben immer einen irrealen Touch. Es gibt eine minutenlange Autoverfolgungsjagd durch die Innenstadt. Es gibt eine Verfolgungsjagd am Kowloon Peak und Bob befördert auf seiner Flucht sein Auto über eine verdammt hohe Bergklippe. Es gibt am Ende, im Flughafen, ein wahres Actionfeuerwerk in der Empfangshalle, einer Toilette und in einer riesigen Lagerhalle.
Die Atmosphäre ist dagegen in „Connected“ etwas frostiger als in „Final Call“. Denn trotz des Zeitdrucks hat „Final Call“ viel von der jugendlichen Unbekümmertheit des angerufenen Surfers (für den es irgendwie auch einfach ein tolles Abenteuer ist), den leicht ins comichafte gehenden Auftritten des guten Polizisten (von Willam H. Macy mit gequältem Leidensmine gespielt) und natürlich dem lässigen kalifornischem Lebensgefühl. Dagegen ist in Hongkong der tägliche Überlebenskampf viel zu präsent.
Insgesamt muss „Connected“ sich nicht hinter „Final Call“ verstecken, aber mir persönlich hat das Original mit Kim Basinger, Chris Evans, Jason Statham, William H. Macy, Jessica Biel, Rick Hoffman, Richard Burgi, einem Auftritt von G. Love and Special Sauce am Filmende und einer guten Nutzung der städtischen Geographie von Los Angeles und der näheren Umgebung besser gefallen. Aber das kann auch ganz einfach daran liegen, dass ich zuerst „Final Call“ gesehen habe. Denn mir gefällt auch das Original „Infernal Affairs“ besser als das Remake „The Departed“.
Daher: Wer „Final Call“ kennt, kann sich „Connected“ eigentlich schenken. Wer „Final Call“ noch nicht gesehen hat, kann mit „Connected“ einen kurzweiligen Thriller mit einigen überraschenden Wendungen (die fast alle aus dem Original bekannt sind) und atemberaubenden Actionszenen genießen.
Connected (Bo chi tung wah, Hongkong, 2008)
Regie: Benny Chan
Drehbuch: Alan Yuen, Benny Chan, Xu Bing
Vorlage: Larry Cohen (Originalgeschichte), Chris Morgan (Drehbuch „Cellular“)
mit Louis Koo, Barbie Hsu, Nick Cheung, Ankie Beilke (als Angie Black), Liu Ye, Eddie Cheung
Bonusmaterial (angekündigt für die 2-Disc-Special-Edition und die Blu-ray): Audiokommentar von Benny Chan, Trailer, Making of, Hinter den Kulissen, Geschnittene und alternative Szenen, Exklusiv produzierte Interviews
Der Preis des Verbrechens: Tod eines Mädchens – Teil 1 (GB 1997, R.: Aisling Walsh)
Drehbuch: Lynda La Plante
Detective Superintendent Michael Walker und Detective Inspector Pat North suchen den Mörder eines fünfjährigen Mädchens, das vor ihrem Tod missbraucht wurde.
Erste Folge der erfolgreichen britischen Serie “Der Preis des Verbrechens”. Die Royal Television Society nominierte den Zweiteilter als “best single drama”.
Lynda La Plante ist auch verantwortlich für die hochgelobte und mit dem Edgar-Allan-Poe-Preis ausgezeichnete Serie “Heißer Verdacht” (Prime Suspect).
Der zweite, ebenfalls spielfilmlange Teil läuft am kommenden Freitag, den 12. Februar, um 22.55 Uhr. Nachdem der erste Teil sich auf die Ermittlungen konzentriert, konzentriert sich der zweite Teil auf die Gerichtsverhandlung. Von dieser Formel wurde auch in den folgenden “Trial & Retribution”-Fällen nicht abgewichen.
Am 19. Februar geht’s dann mit dem zweiten “Der Preis des Verbrechens”-Fall “Herr der Fliegen” weiter.
Mit David Hayman), Kate Buffery, Jake Wood, George Rossi, Rhys Ifans
„Verdammnis“, die Verfilmung des zweiten Romans von Stieg Larsson, ist mit 129 Minuten etwas kürzer als „Verblendung“. Der Regisseur ist neu, ebenso der Drehbuchautor. Aber die Hauptdarsteller blieben gleich: Michael Nyqvist spielt wieder den an das Gute glaubenden Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, Noomi Rapace die Hackerin Lisbeth Salander mit ihrer problematischen Vergangenheit, ihrem gestörten Verhältnis zur Umwelt und ihrem eigenen Moralkodex und Lena Endre die „Millenium“-Herausgeberin Erika Berger. Sie hat im Film eine Szene, die ganz nebenbei zeigt, was wir in Hollywood-Filmen schon lange nicht mehr sehen: zuerst hat sie beim Sex keinen BH an und anschließend geht sie nackt durch das Zimmer.
Die Actionszenen unterscheiden sich dagegen kaum von dem gewohnten Hollywood-Standard. Es gibt eine ausufernde Schlägerei in einer einsamen Hütte, Folterungen, blutige Ermordungen, einen schmerzunempfindlichen, blonden, deutschstämmigen, über zwei Meter großen Killer (der einen russischen Vater hat [Puh, sogar Hollywood hat schon lange nicht mehr so tief in die Klischeekiste gegriffen]) und eine eindeutige „Kill Bill“-Referenz. Das alles stand auch schon in der 750-seitigen Vorlage.
Die Geschichte ist, gerade weil Drehbuchautor Jonas Frykberg dem Roman sehr genau folgt, eine mit einer Anklage gegen „Männer, die Frauen hassen“ aufgebretzelter, ins epische gehender Thriller mit Polit-Touch.
Die Zeitschrift „Millenium“ plant eine große Geschichte über Mädchenhandel. Die Freier sind dabei auch renommierte Persönlichkeiten. Als der Jungjournalist Dag Svensson, seine Freundin Mia Bergmann (die über das Thema promoviert) und der Rechtsanwalt Nils Bjurman erschossen werden, vermutet der Journalist Mikael Blomkvist, dass das Motiv für die Morde die geplante Reportage ist. Die Polizei findet auf der Tatwaffe die Fingerabdrücke von Lisbeth Salander und mit ihrer Vorgeschichte ist sie die perfekte Täterin.
Dennoch glaubt Blomkvist an Salanders Unschuld.
Auf getrennten Pfaden suchen Blomkvist und Salander den Mörder, erfahren einiges über schmutzige Geheimdienstgeschäfte während des Kalten Krieges und warum Lisbeth Salander als Kind einen Mann auf offener Straße mit Benzin übergoss und anzündete.
Der Film konzentriert sich auf den Thrillerplot. Larssons Roman ist dagegen, wie „Verblendung“, furchtbar unökonomisch erzählt. Die ersten 250 Seiten sind Vorgeplänkel. Nett zu lesen, aber bis auf wenige Seiten, vollkommen unwichtig für die Geschichte.
Erst auf Seite 257 werden die Leichen von Dag Svenson und Mia Bergmann entdeckt. Fünfzig Seiten später die von Nils Bjurman und dann beginnt die Polizei Lisbeth Salander zu jagen, weil auf der Tatwaffe ihre Fingerabdrücke sind. Die Gejagte nimmt sich währenddessen eine zweihundertseitige Auszeit und taucht bis auf Seite 459 ab. Diese Seiten füllt Larsson, indem er die Ermittlungen der Polizei und deren internen Streitereien schildert. Das lässt sich zwar schnell weglesen, bringt aber den Hauptplot keinen Millimeter voran.
Jonas Frykberg strich für sein Drehbuch viel von diesem Ballast weg. Er strich das erste Drittel des Romans auf wenige Filmminuten zusammen. Er strich die Ermittlungen der Polizei auf wenige Szenen zusammen. Er übernahm aber fast jede Szene aus dem letzten Drittel des Romans. Außerdem arbeitete er an einigen Punkten die Motive der Charaktere klarer heraus und entfaltet die Verschwörung vor unseren Augen. Dafür schrieb er Szenen, die Larsson in seinem Roman wahrscheinlich weg ließ, um die Spannung zu steigern. So wird in dem Roman erst gegen Ende (und ziemlich lieblos) enthüllt, wer der Mörder ist. Im Film werden die Morde gezeigt. In dem Roman wird immer wieder von „all dem Bösen“, das zu Salanders Entmündigung führte, gesprochen. In dem Film wird daraus kein Geheimnis gemacht.
So wird allerdings auch die windige Konstruktion der Geschichte schmerzhaft offensichtlich. Das beginnt mit dem Doppelmord an dem Journalisten und seiner Freundin. Denn gerade der Doppelmord war das Blödeste, was die Verbrecher tun konnten und ihre Blödigkeit toppen sie dann noch, indem sie die Leichen in ihrer Wohnung liegen lassen. Es gibt wahrscheinlich keine bessere Methode, um die maximale Aufmerksamkeit von der Polizei und den Medien für die eigenen illegalen Geschäfte zu erhalten. Zum Glück kommt ihnen der Zufall zu Hilfe. Auf der Tatwaffe sind die Fingerabdrücke einer 1-A-Tatverdächtigen. Dummerweise ist diese Tatverdächtige mit dem Chefredakteur der Zeitung, in der die Reportage erscheinen sollte, freundschaftlich verbunden. Diese fantastische Anhäufung von Dummheit und Zufällen kulminiert am Ende auf einem einsam gelegenen Bauernhof, wenn die familiären Bande zwischen Lisbeth Salander und den Bösewichtern aufgedeckt werden.
Dennoch ist „Verdammnis“ kein schlechter Film. Als Bestsellerverfilmung muss er, um die Fans nicht zu enttäuschen, der Vorlage möglichst genau folgen. Das gelingt Autor Frykberg und Regisseur Alfredson und, dank der Konzentration auf den Thrillerplot, ist der „Film zum Roman“ sogar gelungener als die türstopperdicke Vorlage.
Verdammnis (Flickan som lekte med elden, Schweden 2009)
Regie: Daniel Alfredson
Drehbuch: Jonas Frykberg
mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Peter Andersson, Michalis Koutsogiannakis, Annika Hallin, Yasmine Garbi, Per Oscarsson, Georgi Staykov, Paolo Roberto (als er selbst)