R. i. P. Sidney Lumet (25. Juni 1924, Philadelphia, Pennsylvania – 9. April 2011, New York City, New York)
Nicht jeder seiner Filme (ich nenne nur das überflüssige John-Cassavetes-Remake „Gloria“) wurde ein Klassiker. Aber die meisten Sidney-Lumet-Filme sind richtig gut und es gibt erstaunlich viele Klassiker dabei. Schon das Kinodebüt des Live-TV-Regisseurs, die Theaterverfilmung „Die zwölf Geschworenen“ (12 angry Men, USA 1957), wurde ein Klassiker. Gleichzeitig steckte Sidney Lumet mit diesem Film bereits die wichtigsten Pfeiler seines künftigen Schaffens ab: die Frage nach Schuld, Unschuld, schuldig werden und der Verantwortung des Einzelnen, das Funktionieren und Nicht-Funktionieren von Systemen (die Korruption innerhalb der Systeme thematisierte er erst später), die Wichtigkeit von guten Schauspielern, Drehbuch und einer der Geschichte dienenden Kamera. Denn in diesem Punkt war Lumet immer angenehm altmodisch. Auch in seinem letzten Film, dem grandiosem Noir-Drama „Tödliche Entscheidung“ (Before the Devil knows you are dead, USA 2007) blieb er sich in jedem Punkt treu.
Dazwischen drehte Sidney Lumet „Angriffsziel Moskau“ (Fail Safe, USA 1964), „Ein Haufen toller Hunde“ (The Hill, GB 1965), seine erste Zusammenarbeit mit Sean Connery, „Der Anderson-Clan“ (The Anderson Tapes, USA 1971), „Sein Leben in meiner Gewalt“ (The Offence, GB 1972), „Mord im Orient-Express“ (Murder on the Orient Express, GB 1974) und „Family Business“ (Family Business, USA 1990) folgten, „Serpico“ (Serpico, USA 1973) und „Hundstage“ (Dog Day Afternoon, USA 1975) festigten den Ruf von Al Pacino als grandiosem Schauspieler, „Network“ (Network, USA 1976) ist eine erschreckend aktuelle Mediensatire, „Prince of the City“ (Prince of the City, USA 1981), „The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ (The Verdict, USA 1982), „Tödliche Fragen“ (Q & A, USA 1990), „Nacht über Manhattan“ (Night falls on Manhattan, USA 1996) und das unterschätzte „Find me guilty – Der Mafiaprozess (Find me guilty, USA 2006) beschäftigten sich immer wieder mit dem Rechtssystem. In „Daniel“ (Daniel, USA 1983) und „Die Flucht ins Ungewisse“ (Running on empty, USA 1988) beschäftigte er sich mit der jüngeren amerikanischen Vergangenheit. In „Power – Der Weg zum Ruhm“ (Power, USA 1986) wirft er einen erhellenden Blick auf die US-amerikanischen Wahlkämpfe.
Und dabei habe ich seine wenigen, eher gradlinigen Kriminalfilme, wie „Der Morgen danach“ (The morning after, USA 1986), „Sanfte Augen lügen nicht“ (A stranger among us, USA 1992) und „Jenseits der Unschuld“ (Guilty as sin, USA 1993), seine Komödien und Dramen noch nicht erwähnt.
Sehenswert sind alle seine Filme. Sie sind unterhaltsam, gut gemacht und meistens ist man am Ende des Films sogar etwas schlauer als vorher.
2005 erhielt er seinen einzigen Oscar: einen Ehrenoscar. Damit erging es ihm wie Alfred Hitchcock, der 1968 den Irving G. Thalberg Memorial Award erhielt.
Sidney Lumet starb am 9. April in der Stadt, die immer im Mittelpunkt seiner Arbeit stand und deren Chronist er war: New York City.
Die Zeit nach Mitternacht (USA 1985, R.: Martin Scorsese)
Drehbuch: Joseph Minion
Computerprogrammierer Paul Hackett ist ein ganz gewöhnlicher Mann, der eines Tages eine schöne, junge Frau trifft und ihr in ins verrufene Künstlerviertel SoHo folgt. Dort gerät in einer Nacht sein wohlgeordnet-langweiliges Leben aus den Fugen.
Extrem selten gezeigte schwarze New-York-Komödie von Martin Scorsese.
„Das Kino der Paranoia und Verfolgung erreicht einen Höhepunkt in ‚Die Zeit nach Mitternacht‘, einer alptraumhaften schwarzen Komödie von Martin Scorsese. Gleichsam eine Mischung aus ‚The Trial‘ (Der Prozess) und ‚Mean Streets‘ (Hexenkessel), wäre dieser angstbeladene Film wirklich lustig, würde er nicht mit jedermanns schlimmsten Befürchtungen über die heutige Großstadt spielen. (…) Für ernsthafte Kinogänger allerdings ist der Film ein Muss.“ (Variety)
mit Griffin Dunne , Rosanna Arquette, Verna Bloom, Thomas Chong, Linda Fiorentino, Teri Garr, John Heard, Cheech Marin, Will Patton
Die Hölle von Henri-Georges Clouzot (Fr 2009, R.: Serge Bromberg, Rucandra Medrea)
Drehbuch: Serge Bromberg
Spielfilmlange Doku über den Spielfilm „Die Hölle“ von Henri-Georges Clouzot („Lohn der Angst“, „Die Teuflischen“) mit Romy Schneider und Serge Reggiani. Der Dreh wurde nach wenigen Wochen abgebrochen und die wenigen Aufnahmen verschwanden im Archiv.
1994 verfilmte Claude Chabrol Clouzots Drehbuch.
„Die Hölle von Henri-Georges Clouzot“ gewann den César als beste Dokumentation.
mit Romy Schneider, Serge Reggiani, Henri-Georges Clouzot
Für alle, die schon immer wissen wollten, welche Kriminalromanverfilmungen in den Tagen vor Ostern im TV laufen, muss auf die von mir erstellten und von Alligator-Alfred grandios bebilderten TV-Krimi-Buch-Tipps klicken. Als Appetitanreger gibt es hier die ersten Zeilen:
In den Tagen vor Ostern sind vor allem J. Lee Thompsons John-D.-MacDonald-Verfilmung „Ein Köder für die Bestie“, W. S. Van Dyke IIs Dashiell-Hammett-Verfilmung „Der dünne Mann“, Sam Mendes‘ Max-Allan-Collins-Verfilmung „Road to Perdition“, David Cronenbergs John-Wagner/Vince-Locke-Verfilmung „A History of Violence“, Alfred Hitchcocks Arthur-La-Bern-Verfilmung „Frenzy“, Sam Peckinpahs „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“ (zu nächtlicher Stunde), Francis Ford Coppolas Mario-Puzo-Verfilmung „Der Pate“ (dito) und, als TV-Premiere, David Ayers James-Ellroy-Verfilmung „Street Kings“ sehenswert.
Sechs Neueinsteiger. Dabei kann gegen Friedrich Ani (tolles Buch), Peter Temple (will ich noch lesen), Didier Decoin (dito) nichts gesagt werden. Daniel Woodrell und Richard Stark sind ebenfalls fantastisch. Nur von Elmore Leonads „Road Dogs“ war ich enttäuscht.
A Very British Gangster (GB 2007, R.: Donal MacIntyre)
Drehbuch: Donal MacIntyre
Tolle spielfilmlange Doku über den während der Dreharbeiten aktiven Manchester-Gangster Dominic Noonan, der erstaunlich offen vor der Kamera über sein Leben und seine Homosexualität spricht.
Beim Cognac Festival du Film Policier erhielt „ A Very British Gangster“ den Großen Preis.
Wiederholung: Dienstag, 19. April, 01.05 Uhr (Taggenau!)
Dass Jason Statham die Rolle von Charles Bronson übernahm, war keine schlechte Idee.
Dass Ben Foster die Rolle von Jan-Michael Vincent übernahm, war auch keine schlechte Idee.
Dass Simon West die Regie übernahm, war ebenfalls keine schlechte Idee. Denn Michael Winner, der Regisseur des 1972er-Originals „Kalter Hauch“, ist vor allem als Handwerker, der einen Action-Film gut über die Zeit bringt, bekannt (Über seine Botschaft, in Filmen wie „Ein Man sieht rot“, schweigen wir mal.). Simon West, auf dessen Konto „Con Air“, „Wehrlos – Die Tochter des Generals“ und „Lara Croft: Tomb Raider“ gehen, ist bekannt für schöne Bilder und krachig inszenierte Action. Die gibt es auch in „The Mechanic“.
Leider muss man sagen. Denn der von Jason Statham gespielte Profikiller Arthur Bishop kann Attentate so inszenieren, dass es, je nach Wunsch des Auftraggebers, nach einem Unfall oder etwas anderem aussieht. Jetzt soll er seinen väterlichen Freund Harry McKenna (Donald Sutherland) umbringen. Er tut es höchst widerwillig. Als er danach McKennas Sohn Steve (Ben Foster) trifft, nimmt Bishop, der jetzt doch so etwas wie Gefühle hat, Steve McKenna unter seine Fittiche. Er bringt ihm das Handwerk des Auftragmörders bei. Dabei entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft zwischen dem schweigsamen Bishop und dem jungen, heißblütigem und entsprechend unzuverlässigem McKenna, der mit seinen waghalsigen und unüberlegten Aktionen auch Bishop gefährdet.
Eben diese Aktionen von McKenna machen „The Mechanic“ dann zu einem gewöhnlichem Action-Film, bei dem am Ende die Probleme mit einem Maximum an Explosionen und, damit verbunden, öffentlicher Aufmerksamkeit (eben genau das, was Bishop immer vermied) erledigt werden.
Denn gerade in der ersten Hälfte des Films nimmt Simon West sich viel Zeit, die Arbeit eines Profikillers der unter dem Radar der Polizei agiert, stilvoll zu zeigen. Auch die Beziehung zwischen Bishop und dem Sohn seines letzten Opfers entwickelt sich nachvollziehbar und ist ziemlich komplex geraten. Das erinnert alles an die grandiosen, dreckigen Gangsterfilme der siebziger Jahre. Auch die absolute Konzentration auf die Hauptgeschichte und die Länge des Films (93 Minuten) erinnert an die ökonomische Erzählweise der Vergangenheit. Gerade deshalb, als ob die Macher im Schlussspurt der Mut verlassen hätte, verärgert dann das krachige Ende.
Dennoch ist „The Mechanic“ für Genrefans ein gelungener Film, der sich nicht vor dem Original verstecken muss. Denn „Kalter Hauch“ ist nicht so gut, wie jetzt manchmal gesagt wird.
The Mechanic (The Mechanic, USA 2011)
Regie: Simon West
Drehbuch: Richard Wenk, Lewis John Carlino (nach seinem Drehbuch „The Mechanic“)
mit Jason Statham, Ben Foster, Donald Sutherland, Tony Goldwyn, Mini Anden, James Logan, Jeff Chase, Christa Campbell
Als der Western „Der letzte Wagen“ irgendwann in den Achtzigern im Fernsehen lief, sah ich ihn und der Film über ein als Verbrecher verfolgtes Halbblut (gespielt von Richard Widmark), das einer Gruppe Siedler hilft, durch das Indianerreservat zu fahren, gefiel mir und ich wollte ihn mir bei der nächsten Wiederholung gerne wieder ansehen. Aber aus Gott weiß was für Gründen lief der Western, im Gegensatz zu irgendwelchen Schrottfilmen, die mindestens zweimal pro Jahr gezeigt werden, seitdem nicht mehr im Fernsehen.
Vor allem erinnerte ich mich daran, dass Richard Widmark an das Rad eines Planwagens gefesselt war.
Das ist er, wie ich jetzt beim Ansehen der gerade erschienenen, schön gestalteten DVD bemerkte, aber nur wenige Minuten am Anfang des Films. Die meiste Zeit trägt er Handschellen und kann sich ziemlich frei bewegen.
Außerdem bemerkte ich, dass ich fast den ganzen Film vergessen hatte (naja, über zwanzig Jahre ist eine lange Zeit), aber mein damaliger Eindruck immer noch stimmt: „Der letzte Wagen“ ist ein großartiger Film.
Denn die wenigen Mängel (am Ende wird es arg pathetisch; einige Charaktere sind noch etwas zu plakativ in gut und böse unterteilt) verschwinden gegenüber dem immer noch straffem Erzähltempo, den großartigen Landschaftsaufnahmen, den guten Action-Szenen, den guten Schauspielerleistungen und dem differenziertem Drehbuch, das ein ziemlich ungeschöntes und realistisches Bild des Wilden Westen zeichnete. Denn Delmer Daves zeigte auch, wie schwer das Überleben in der Wildnis war, welche Gefahren drohten und wie man doch in der Wüste Essbares findet.
Außerdem ist „Der letzte Wagen“ einer der ersten Western, der den Zwiespalt eines Mannes, der zwischen den Kulturen steht, aufnimmt. Der von Richard Widmark gespielte Comanche Todd ist ein von Indianern großgezogenes Halbblut, das vom Sheriff erbarmungslos gejagt wird, weil er mehrere weiße Männer ermordete und auf seiner Flucht vor weiteren Morden nicht zurückschreckt. Auch einige Siedler halten ihn anfangs für eine Bestie; die anderen berufen sich auf die christliche Ethik. Durch seine Taten erwirbt Todd zwar während der Reise den Respekt der wenigen Siedler, die einen Indianerüberfall überlebten. Aber Regisseur Delmer Daves und Richard Widmark glorifizieren Commanche Todd nie als edlen Wilden. Denn er bleibt immer ein höchst zwiespältiger Charakter, der skrupellos tötet und dessen Loyalität nur ihm allein gehört. Jedenfalls am Anfang.
Es dauerte noch zehn Jahre, bis in der grandiosen Elmore-Leonard-Verfilmung „Man nannte ihn Hombre“ (die im direkten Vergleich zum „letzten Wagen“ allerdings schwächer ist) wieder ein Halbblut und der Rassismus der Siedler im Mittelpunkt eines Western stand. Denn auch dieses, von Paul Newman gespielte, Halbblut musste einer Gruppe Weißer, die ihn verachteten, helfen. Und dann kam „Little Big Man“.
Aber am Anfang stand „Der letzte Wagen“.
Der letzte Wagen (The last wagon, USA 1956)
Regie: Delmer Daves
Drehbuch: James Edward Grant, Delmer Daves, Gwen Bagni Gielgud (nach ihrer Geschichte)
mit Richard Widmark, Felicia Farr, Susan Kohner, Tommy Rettig, Stephanie Griffin, Ray Stricklyn
–
DVD
Koch Media (Edition Westernlegenden #3)
Bild: 2.35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Kino- und TV-Synchronisation), Englisch (Dolby Digital 2.0/4.0), Italienisch
Lili Marleen (D 1980, R.: Rainer Werner Fassbinder)
Drehbuch: Manfred Purzer, Rainer Werner Fassbinder, Joshua Sinclair (Mitarbeit)
LV: Lale Andersen: Der Himmel hat viele Farben
Fassbinders Version von Lale Andersens Leben. Gedreht im UFA-Look, aber mit genug Haken und Ösen, um jede blinde Identifikation zu verhindern.
Mit Hanna Schygulla, Giancarlo Giannini, Mel Ferrer, Karl-Heinz von Hassel, Christine Kaufmann, Hark Bohm, Karin Baal, Udo Kier, Erik Schumann, Gottfried John, Elisabeth Volkmann, Barbara Valentin, Adrian Hoven, Willy Harlander, Franz Buchrieser, Rainer Werner Fassbinder, Brigitte Mira, Irm Hermann, Harry Baer, Milan Boor, Volker Spengler
Stieg Larsson: Vergebung (Schweden/Dänemark/Deutschland 2009, R.: Daniel Alfredson)
Drehbuch: Ulf Rydberg
LV: Stieg Larsson: Luftslottet som sprängdes, 2007 (Vergebung)
Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist versucht die Unschuld von Lisbeth Salander zu beweisen. Denn sie liegt schwerverletzt im Krankenhaus und ist angeklagt, einen Mordversuch auf ihren Vater verübt zu haben. Dieser wird immer noch von mächtigen Staatsdienern geschützt.
Gegenüber der Kinoversion (die heute ihre TV-Premiere hat) wurde die zweiteilige TV-Version von Stieg Larssons drittem Bestseller auf drei Stunden verlängert. “Vergebung” schließt sich unmittelbar an “Verdammnis” an und, wer “Verdammnis” nicht gesehen oder gelesen hat, dürfte sich ziemlich verloren vorkommen.
Ansonsten ist “Vergebung” nur ein überlanger und zäher Epilog zu “Verdammnis”. Denn hier werden in 150 (Kino) bis 180 Minuten (TV) die Fragen beantwortet, die eigentlich bei dem Abspann von “Verdammnis” klar waren.
mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Jacob Ericksson, Sofia Ledarp, Mikael Spreitz, Niklas Hjulström, Lena Endre, Michalis Koutsogiannakis, Yasmine Garbi, Per Oscarsson, Anders Ahlborn Rosendahl
Aber liegt das an der nostalgischen Brille – immerhin sind Lino Ventura, Robert Enrico und José Giovanni tot und Alain Delon hat sich in den vergangenen dreißig Jahren ziemlich aus dem Geschäft zurückgezogen – oder wirklich an dem Film?
Die Story
In „Die Abenteurer“ wird ein Hohelied auf die Freundschaft gesungen, die mit dem gewaltsamen Tod von zwei der drei Freunde endet. Es beginnt mit einem Besuch von Laetitia (Joanna Shimkus) auf dem Schrottplatz von Roland (Lino Ventura). Er hat keine Zeit, fertigt sie barsch ab, aber als sie sagt, sie habe Zeit und werde auf ihn warten, nimmt er sie mit zu einem Feld. Dort bauen sie einige Stangen auf und Manu (Alain Delon) fliegt mit einem Doppeldecker durch sie hindurch. Sie alle freuen sich, dass der Stunt gelingt. Denn die Stangen sind nur die Probe für einen Flug durch den Triumphbogen in Paris.
Bereits in diesen ersten, fast wortlosen Minuten, wird die Freundschaft zwischen den Dreien etabliert. Denn Roland und Manu nehmen Laetitia schnell in ihren Männerbund und in ihre bedingungslose Freundschaft auf. Sie sind Träumer, die sich auch durch Rückschläge nicht von ihren Zielen abbringen lassen. Denn Manu gelingt der Flug durch den Triumphbogen nicht und er verliert seine Pilotenlizenz. Roland will einen neuen Motor entwickeln, aber seine Experimente mit einem besonders schnellem Dragster enden erfolglos. Auch bei einem Besuch in einem Casino, wo sie nach System spielen, verlieren sie ihr Geld. Trotzdem verlieren sie nicht ihren Optimismus.
Erst als Laetitia ihnen enttäuscht die vernichtenden Kritiken für ihre Ausstellung präsentiert, beschließen sie, sie mit nach Afrika zu nehmen. Dort soll vor der Küste das Wrack eines Flugzeugs mit einem Schatz an Bord liegen; – Geld, das sie dringend brauche, um ihre Träume weiter zu verfolgen.
Dieser zweite Teil von „Die Abenteurer“ ist klar von dem ersten, in und um Paris spielendem Teil, getrennt. Die drei verleben glückliche Tage vor der Küste und finden, dank der Hilfe des Piloten (Serge Reggiani) auch das Flugzeug. Kurz nachdem sie den Schatz geborgen und durch vier geteilt haben (eine weitere der vielen wundervollen Szenen des Films: der Pilot will die Beute durch drei teilen; Roland und Manu erklären ihm ohne großen Worte, dass Laetitia ein gleichwertiges Mitglied ihrer Crew ist), geraten sie in eine falsche Polizeikontrolle. Denn Gangster (es wird nie wirklich klar, wer genau das Geld haben will, aber von ihrem ersten Auftreten ist klar, dass sie über Leichen gehen) wollen ihnen die Beute abnehmen. Der Pilot beginnt eine Schießerei, bei der Latitia erschossen wird. Manu und Roland bestatten sie auf hoher See.
Der dritte Teil spielt an der französischen Atlantikküste, in Sichtweite des bekannten Fort Boyard. Denn so selbstverständlich es für Manu und Roland war, Laetitia mit nach Afrika zu nehmen und ihr den gleichen Teil der Beute zu geben, so selbstverständlich ist es für sie, die Verwandten von Laetitia zu suchen und ihnen ihren Teil der Beute zu geben. Dabei erfahren sie zunächst einiges über Laetitias Familiengeschichte und als sie ihre nächsten Verwandten treffen, die ohne zu fragen, jede Verantwortung für die Taten von Laetitia ablehnen und ihr auch nicht helfen wollen, beschließen Manu und Roland (wieder ohne ein Wort darüber zu verlieren), dass sie Laetitias Teil der Beute doch für sich behalten. Denn diese Menschen haben das Geld nicht verdient. Erst als deren Junge, den sie aus dem städtischen Museum kennen, auftaucht, ändern sie ihre Meinung. Sie zeigen Laetitias Verwandten das Geld und Roland sagt, dass sie es für den Jungen anlegen würden.
Doch da sind noch die Gangster. Sie haben den Piloten geschnappt und finden auch eine Spur zu Manu, der sie dann an die Atlantikküste führt.
Inzwischen hat Roland Fort Boyard gekauft. Er will dort, wie er Manu begeistert erzählt, ein Hotel-Restaurant einrichten. Als die Gangster die im Meer gelegene Festung betreten, kommt es zu einem Schusswechsel. Die Gangster sterben und auch Manu wird erschossen.
Der Film
Die ausführliche Inhaltsangabe zeigt schon, dass es Robert Enrico nicht um eine klassisch erzählte Geschichte ging. Denn dafür sind die drei Geschichten zu scharf voneinander getrennt; fast als ob man sich drei Kurzfilme oder Episoden einer TV-Serie hintereinander ansieht. Gerade so werden die die einzelnen Teile miteinander verbindenden Themen umso deutlicher: Freundschaft, das Leben von gesellschaftlichen Außenseitern, Träumern und Glücksrittern und die Wichtigkeit von Stil, Haltung und Gesten.
Dabei war eine solche bedingungslose Freundschaft, wie die zwischen Roland, Manu und Laetitia, vielleicht immer nur ein Mythos, der vor allem in französischen Kriminalfilmen der fünfziger und sechziger Jahre gerne gepflegt wurde. Aber damals wurde ein solches Idealbild noch formuliert. Heute wird darauf meist vollkommen verzichtet.
Und mit Alain Delon (der wahrscheinlich nie wieder so entspannt spielte) und Lino Ventura hatte Robert Enrico die beiden großen Stars des französischen Kinos, die beide auch immer wieder den Homme Solitaire verkörperten, verpflichtet, um wieder einmal gesellschaftliche Außenseiter, die nur ihren Regeln folgen, zu spielen. Allerdings spielen sie dieses Mal keine Verbrecher, sondern fast normale Menschen.
„Die Abenteurer“ ist ein feiner Film, ein Kassenhit, ein Klassiker des französischen Kinos und eine zeitlose Liebeserklärung an die Träumer und die Freundschaft.
Einige Meinungen zum Film
Robert Enrico: „Ich hasse die Leute, die sozusagen zu der ’schweigenden Mehrheit‘ gehören. Die Außenseiter haben schon immer diejenigen fasziniert, die ein banales Leben führen. Der Film destilliert den Traum.“ (Cinéma Francais Nr. 6, November 1976)
Alain Delon über „Die Abenteurer“, der einer seiner Lieblingsfilme ist: „Es war ein wunderbarer Film, sehr schön gemacht. Es war eine Story, so wie ich sie gerne mag, ich nenne das eine Freundschafts-Geschichte, über die Beziehung zwischen zwei Männern, in deren Mitte manchmal eine Frau steht. Ich habe die übliche Liebesgeschichte, die Romanze, ein wenig satt.“ (Robin Bean: Reaching for the World, Films and Filming, Februar 1965)
Lino Ventura über Robert Enrico und die Themen des Films: „Enrico ist ein Poet, er ist ein wenig surrealistisch, ein Träumer. (…) Es sind Personen, die ganz auf sich selbst angewiesen sind. Für mich sind das richtige Männer. Ich meine damit, dass es sich nicht lohnt, viel zu reden. Ich rede übrigens nie viel im Film.“ (Hans C. Blumenberg/Wilfried Reichert: Interview mit Lino Ventura, 1974)
„Ich liebe diesen Typ des einsamen Mannes.“ (Frauke Hanck: Ein eigenwilliger Charakter, Vorwärts, 4. März 1976)
„Ich möchte Filme machen, die etwas ausdrücken, Freundschaft zum Beispiel. Freundschaft halte ich für das Wichtigste im Leben.“ (Lotte Holetz: Grüß Gott, Bulle, Münchner Abendzeitung, 19. Februar 1976)
1981 schrieben Regisseur Adolf Winkelmann (Die Abfahrer, Nordkurve [sträflich unterschätzt], Contergan) und Drehbuchautor Jost Krüger (die Winkelmann-Filme „Jede Menge Kohle“ und „Super“) zur Wiederaufführung des Films: „Es ist Zeit, endlich mal zuzugeben, dass uns ‚Die Abenteurer‘ damals richtig gut, viel besser gefallen hat als: Es/Mahlzeiten/Die Tätowierung/Wilde Reiter GmbH/Persona/Man lebt nur zweimal/Kuckucksjahre und Fahrenheit 451. (…) Der Film ist stilistisch perfekt (dramaturgisch nicht ganz: erzählt zu viele Geschichten und findet kein Ende). Jede Geste der Schauspieler, jede Einstellungsfolge scheint in der Wirkung auf uns genau kalkuliert. Keine filmischen Experimente, richtiges Kino, effektvolles Kunst-Handwert.“ (tip 21/81)
Hans Gerhold schrieb in „Das Abenteuer Leben – Notizen zu den Filmen des Regisseurs Robert Enrico“ über den Film: „Die spannende und humorvolle, mit atemberaubenden lyrischen Passagen durchsetzte Schatzsuche dreier gescheiterter Existenzen – (…) -, an deren Ende der Tod steht, wird zu einem Hymnus auf das Leben in Freiheit und zu einer Meditation über den Abenteurer als metaphysischen Existenz, der seine Erfüllung im zweckentbundenen Handeln findet, stilisiert.“ (film-dienst 2/1982)
„‚Les Aventuriers‘ ist ein Film über das Scheitern von Träumen. Doch dieses Scheitern stärkt die Freundschaft der Protagonisten. An ihrem Ende bleibt Roland daher nur die Einsamkeit. Es ist ein Film auch über das Scheitern der Individualität an den Normen der Gesellschaft, über die Außenseiterrollen von Einzelgängern. Enrico findet dafür schöne Bilder. “ (Meinolf Zurhorst/Lothar Just: Lino Ventura: Seine Filme – sein Leben,1984)
„Trotz aller Tragik erzählt ‚Les Aventuriers‘ seine Geschichte mit einer spielerischen Leichtigkeit, in der sich die Aufbruchstimmung der sechziger Jahre widerspiegelt. Sie ist ebenso wunderbar im Soundtrack von François de Roubaix eingefangen, dessen einprägsames Leitmotiv ein Wechselspiel aus heiterem Pfeifen und dramatischen Akkorden kennzeichnet, wie in mehreren musikalischen Einlagen der Akteure.“ (Frank Arnold in Bodo Traber/Hans J. Wulff, Hrsg.: Filmgenres: Abenteuerfilm, 2004)
Die DVD
Endlich gibt es „Die Abenteurer“ in einer adäquaten Version. Denn in die bisherigen Veröffentlichungen waren gekürzt (dafür mit O-Ton) oder ungekürzt (aber ohne O-Ton) und ohne Extras.
Jetzt gibt die Originalfassung mit deutschem und französischem Ton und einigen interessanten Extras. In einer Bildershow wird ein Text über die Entstehung des Films vorgelesen. Es gibt ein Interview mit Hauptdarstellerin Joanna Shimkus (mit arg störenden Hintergrundgeräuschen) und eine leicht experimentelle Doku über den Filmkomponisten François de Roubaix. In einem Zimmer erzählen de-Roubaix-Fans, wie sie ihn entdeckten und wie seine Musik ihr Leben beeinflusste. Insgesamt eine gute Stunde Bonusmaterial.
Die Abenteurer (Les Aventuriers, Frankreich 1967)
Regie: Robert Enrico
Drehbuch: Robert Enrico, José Giovanni, Pierre Pelegri
LV: José Giovanni: Les Aventuriers, 1960
mit Lino Ventura, Alain Delon, Joanna Shimkus, Serge Reggiani, Paul Crauchet, Hans Meyer
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DVD
Concorde
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 1.0)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Interview mit Joanne Shimkus. Porträt von François de Roubaix, Originaltrailer
Starkes Krimidrama über einen Ex-Sträfling, der ein ehrliches Leben führen will, von einem Sozialhelfer unterstützt und einem Polizisten verfolgt wird.
Mit Alain Delon, Jean Gabin, Mimsy Farmer, Michel Bouquet, Bernard Giraudeau, Gérard Depardieu (in einer Nebenrolle als junger Gangster)
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HR, 01.00
Im Dreck verreckt (F/Mex/I 1968, R.: José Giovanni)
Drehbuch: José Giovanni
LV: John D. Carrick: The Vulture, 1966 (Der Geier)
Lino Ventura spielt einen Profikiller, der in Südamerika den Landespräsidenten umbringen soll.
Spannender, in Mexico gedrehter, Abgesang auf den Homme Solitaire.
„Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein.“ lautet der alte und wohl immer noch allgemein bekannte Werbespruch für die roten Goldmann-Krimis und die deutschen Sechziger-Jahre-Edgar-Wallace-Verfilmungen, die immer noch regelmäßig im Fernsehen gezeigt werden und mit den „Wixxer“-Filmen auch liebevoll persifliert wurden. Dabei gerät das restliche Schaffen des enorm produktiven Edgar Wallace (1875 – 1932) ins Hintertreffen. Dazu gehören seine in Afrika spielenden Sanders- und Bones-Geschichten und die vielen anderen Verfilmungen seiner Werke. Auch in Deutschland wurden bereits vor der erfolgreichen Sechziger-Jahre-Edgar-Wallace-Reihe einige seiner Bücher verfilmt.
Dazu gehört auch der jetzt in der Reihe „Schätze des deutschen Tonfilms“ erschienene Film „Der Doppelgänger“ von 1934, dem man trotz der Restaurierung das Alter deutlich ansieht. „Der Doppelgänger“ war zugleich die letzte deutsche Wallace-Verfilmung bis zum „Frosch mit der Maske“, dem ersten Rialto-Wallace und der Initialzündung für die Sechziger-Jahre-Edgar-Wallace-Filme.
Dabei ist „Der Doppelgänger“ ein untypischer Wallace-Film. Denn obwohl es eine reiche Erbin, falsche Identitäten und zahlreiche Verwechslungen gibt und einige Verbrecher sich ein riesiges Vermögen aneignen wollen, ist „Der Doppelgänger“ in erster Linie eine, nach einem längeren Anlauf, nicht unflotte, hauptsächlich in einem Haus spielende Boulevardkomödie.
Im Mittelpunkt steht die junge, resolute Australierin Jenny Miller, die sich in London bei ihrem entfernt mit ihr verwandtem Vermögensverwalter Harry Selsbury einquartiert. Sie will wissen, ob er wirklich ihr gesamtes Vermögen veruntreut hat und sie hat auch feste Heiratspläne, die ihrem Onkel, der sie auf die Reise von Australien nach London mitnahm, nicht gefallen. Als Selsbury für das Wochenende verreist (zum Schein nach Schottland zur Jagd, in Wirklichkeit mit seiner verheirateten Freundin nach Ostende), erfährt Jenny Miller, dass ein Doppelgänger sich just an diesem Wochenende das Vermögen von Selsbury aneignen will. Als dann Selsbury (der die Reise nach Ostende doch nicht antrat) wieder auftaucht, glaubt Jenny Miller, dass dieser Selbsbury der Doppelgänger ist und in Selbsburys Haus beginnt ein turbulentes Wochenende mit dem Hausbesitzer, dessen Bruder, der jungen Erbin, dem Butler, einem Detektiv (Theo Lingen!), einer Geliebten und einigen Verbrechern.
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Der Doppelgänger (D 1934)
Regie: E. W. Emo
Drehbuch: Curt J. Braun, Peter Ort
LV: Edgar Wallace: The Double, 1928 (auch „Sinister Halls“, deutsch: „Das Steckenpferd des alten Derrick“)
mit Camilla Horn, Georg Alexander, Gerda Maurus, Theo Lingen, Fritz Odemar, Jakob Tiedtke, Hans-Leisner-Fischer, Josef Eichheim
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DVD
Spirit-Media
Bild: 4:3
Ton: Deutsch (Mono)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Bio- und Filmographien (nur Text), Filminfos (nur Text), Bildergalerie
Eine Gruppe von hochbegabten MIT-Studenten macht die Casinos in Las Vegas beim Blackjack um Millionen ärmer. Interne Konflikte und ein Detektiv der Casinos gefährden die Einheit der Gruppe.
Der auf Tatsachen basierende Spielerfilm ist makelloses „Zwischendurch-Entertainment“ (tip), das Buch ein lesenswerter Ausflug in die unbekannte Welt professioneller Kartenspieler.
Mit Jim Sturgess, Kate Bosworth, Kevin Spacey, Laurence Fishburne
Die neue Ausgabe der gebundenen Vereinszeitung „Secret Service – Jahrbuch 2011“ der deutschen Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ unterscheidet sich kaum von der vorherigen Ausgabe. Es gibt einen Rückblick auf die letzte Criminale, dem jährlichen Treffen des Syndikats, Autoren berichten von Lesungen, zwanzig Autoren schreiben gemeinsam zwei Kurzkrimis (im letzten Jahrbuch schrieben sie einen Kurzkrimi [kein Kommentar]), je einen Kurzkrimi von Sabine Alt und Gerhard Loibelsberger, von Thomas Przybilka gibt es die erhellenden Befragungen der Friedrich-Glauser-Preisträger Rutger Booß, Zoran Drvenkar, Andreas Föhr, Zoe Beck und Hansjörg-Martin-Preisträgerin Marlene Röder und einen bibliographischen Überblick über wichtige Sekundärliteratur (beides erscheint auch bei den Alligatorpapieren) und es gibt eine aktuelle Liste der Mitglieder des Syndikats.
Auch die Essays „Regionalkrimi – Fluch oder Segen?“ von Michael Kibler und „A schöne Leich – kunstvoll morden? Annäherung an die Frage: Sind Krimis Kunst?“ von Clementine Skorpil schlagen eher schon lange vergangene Schlachten. Besonders Skorpil arbeitet sich episch an der Frage, ob Krimis Trivialliteratur sind, ab. Da ist Armin Gmeiners Aussage, dass es sich um eine Marketingentscheidung handele, ob man als Verleger ein Buch als Regiokrimi oder als Krimi veröffentliche, erfrischend prägnant.
Das alles hat, nun, wie gesagt, den Charme einer Vereinszeitung und dürfte außer den Vereinsmitgliedern niemand interessieren.
Dabei böte doch gerade ein Jahrbuch einer Autorenvereinigung die Chance sich über die eigene Arbeit und das Genre auszutauschen und Debatten über die Qualität zu führen. Dass das geht, zeigt Jochen Brunow, Drehbuchautor und Leiter der Drehbuchakademie der dffb, seit fünf Jahren mit dem von ihm herausgegebenen Film- und Drehbuchalmanach „Scenario“.