Neu im Kino/Filmkritik: „The Artist“ verzaubert

Januar 26, 2012

Auf die Frage, worauf er bei „The Artist“ am meisten stolz sei, sagt Regisseur und Autor Michel Hazanavicius: „Dass es den Film überhaupt gibt! Und dass er der Vision ähnelt, die ich ursprünglich hatte.“
Das kann jeder Regisseur bei jedem Film sagen, aber bei „The Artist“ stimmt es wirklich. Denn auf dem Papier klingt „The Artist“ wie das reinste Kassengift: Schwarz-Weiß und dann auch noch ohne Dialoge. Ein Stummfilm eben, der vom Ende des Stummfilms und dem Beginn des Tonfilms anhand der Liebe zwischen einem Stummfilmstar und einem Starlet, das zu einem der ersten Tonfilmstars wird, erzählt. Wen soll so etwas interessieren?
Wenn man aber die ersten Minuten von „The Artist“ sieht, ist man sofort gefangen in dieser Welt, in der alles wichtige durch das Spiel der Schauspieler und die Musik von Ludovic Bource gesagt wird.
Hazanavicius, der vorher mit „The Artist“-Hauptdarsteller Jean Dujardin die in Frankreich sehr erfolgreichen, bei uns nur auf DVD erschienenen „OSS 117“-Sixties-Agentenkomödien inszenierte, erzählt die herzige Liebesgeschichte mit viel Liebe zum Detail in einer beschwingten Mischung aus Sentiment und Realismus. Denn auch wenn er, historisch nicht ganz akkurat, vom durch eine neue Technik bedingtem Auf- und Abstieg der Stars in Hollywood erzählt, ist es auch in jeder Sekunde eine Liebeserklärung an die Traumfabrik und das Kino.
Dabei trägt er, wie Martin Scorsese in seinem ähnlich gelagerten „Hugo Cabret“ (Sehbefehl! Kinostart am 9. Februar), zur Selbstvergewisserung der Filmemacher und zum Dialog über das, was uns im Kino und bei Filmen wichtig ist, bei.
Denn „The Artist“ ist einer der Filme, die zeigt, was man im Kino immer mehr vermisst. Es sind nicht die tollen Spezialeffekte, 3D-Spielereien, Wackelkamera und Schnittgewitter, sondern ergreifende Geschichten von Charakteren, deren Schicksal uns interessiert. Und dafür braucht man keine knalligen Farben oder Dialoge.
Insofern hat „The Artist“ einfach alles, was zu einem guten Film gehört.
Er ist sogar so gut, dass er auf zahlreichen Jahresbestenlisten auftauchte (hab ihn auch schon mal für meine Jahresbestenliste notiert), für zwölf BAFTA-Awards, sechs Golden Globes (drei erhielt das Melodram) und jetzt für zehn Oscars nominiert wurde. Und dabei ist „The Artist“ ein französischer Film…

The Artist (The Artist, Frankreich 2011)
Regie: Michel Hazanavicius
Drehbuch: Michel Hazanavicius
mit Jean Dujardin, Bérénce Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle, Malcolm McDowell, Uggy (Palm Dog Award Cannes 2011 als bester Hundedarsteller)
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Artist“

Rotten Tomatoes über „The Artist“

Wikipedia über „The Artist“ (deutsch, englisch, französisch)

Cannes: Presseheft für „The Artist“ (sehr schönes Teil!)

Drehbuch „The Artist“ von Michel Hazanavicius

Kino-Zeit: Interview mit Michel Hazanavicius zu „The Artist“

BR: Interview mit Michel Hazanavicius zu „The Artist“

Einige Impressionen von der Premiere in Berlin


Neu im Kino/FIlmkritik: „Drive“ – Endlich startet die James-Sallis-Verfilmung bei uns

Januar 26, 2012

Es hat lange gedauert, bis „Drive“ verfilmt wurde. Denn Hollywood hatte die Filmrechte an dem Noir von James Sallis bereits nach seinem Erscheinen 2005 gekauft.
In dem 160-seitigem Buch erzählt James Sallis schnörkellos die Geschichte eines namenlosen Fluchtwagenfahrer, der nach einem Überfall in eine Gangsterfehde verstrickt wird und, mit sehr ungewissen Überlebenschancen, um sein Leben kämpfen muss. „Drive“ ist auch sein zugänglichstes Buch und mit diesem Roman wurde Sallis, nachdem seine vorherigen Krimis bereits für entsprechende Krimipreise nominiert waren, auch für ein breiteres Publikum ein bekannter Name.
Hollywood dachte wohl, dass das mit Lob überhäufte Buch einfach zu verfilmen sei. Eine einfach Gangstergeschichte. Ein schmales Buch. Kurze Kapitel. Viele Dialoge. Das müsste doch ganz einfach gehen. Aber es dauerte dann doch sechs Jahre, in denen man immer wieder etwas von einer geplanten Sallis-Verfilmung hörte, bis der Film fertig war.
Eine lange Zeit.

Aber das Warten hat sich gelohnt.
Denn Regisseur Nicolas Winding Refn („Pusher“, „Bronson“) zaubert mit Hauptdarsteller Ryan Gosling (zuletzt „The Ides of March“) einen schnörkellosen Oldschool-Gangsterfilm mit guten Schauspielern, schönen Bildern, atmosphärischer Musik und extrem wenigen Dialogen, der, wie schon die im Gegensatz zum Film nicht chronologisch erzählte Vorlage, weniger an Innovationen, die oft ja nur Pseudo-Innovationen sind, und überraschenden Wendungen, sondern am Erzählen einer bekannten Geschichte mit einem neuen Touch und einem Spiel mit den Konventionen des Genres und den Erwartungen des genrekundigen Zuschauers, der natürlich die Vorbilder und Inspirationen identifizieren kann, interessiert ist.
Denn der titelgebende, namenlose Driver ist ein Profi, der vor allem deshalb bis jetzt überlebt hat, weil er der Beste ist und sich bislang keine Emotionen leistete, wozu auch ein Leben in selbstgewählter Einsamkeit zwischen seinen Jobs als Automechaniker, Stuntman und Fluchtwagenfahrer zählt.  Dass er einen bösen Fehler begeht, als er seiner neuen Nachbarin, der alleinerziehenden Irene (Carey Mulligan), hilft, ist von der ersten Zehntelsekunde an offensichtlich. Zuerst hilft er ihr nur bei ihrem Auto, dann wird er zum Ersatzvater für ihr Kind und am Ende will er ihrem gerade aus dem Knast entlassenem Mann Standard (Oscar Isaac), der bei einigen Gangstern Schulden hat, die er mit einem Überfall begleichen kann, helfen.
Der Driver hilft bei dem Überfall, der mit dem Tod von Standard endet und er hat plötzlich eine Tasche voller Geld, das er gar nicht will, und einen Haufen Gangster, die ihn nur umbringen wollen, an der Backe.
Dass er nur seine Ruhe haben will, verstehen die Gangster nicht und Genrefans können sich an einer spiegelbildlichen Variation der Richard-Stark-Verfilmungen „Point Blank“ und „Payback“ erfreuen.
Daneben erinnert „Drive“ natürlich, um nur einige der offenkundigen Referenzen, die Refn geschickt verarbeitet, zu nennen, an Walter Hills „Driver“ über das archetypische Duell zwischen einem Fluchtwagenfahrer und einem Polizisten, William Friedkins Gerald-Petievich-Verfilmung „Leben und Sterben in L. A.“ oder die Filme von Michael Mann. Vor allem natürlich „Heat“ und „Collateral“.
Nicolas Winding Refn erzählt diese altbekannte Geschichte, nach einem Drehbuch von Hossein Amini („Die Flügel der Taube“, „Killshot“ und gerade an einer Adaption von John le Carrés „Verräter wie wir“), in kühl stilisierten Bilder von Los Angeles, in denen er  eine Geographie der Stadt, vor allem der Vororte und Industrieviertel, in die kein Tourist sich freiwillig verirrt, zeichnet. Das ergibt das Bild einer Stadt, die sich, wie das Leben des Drivers, nur an ihrer Funktionalität orientiert, bis man eine Sekunde zögert.
Dazu gibt es Retro-Klänge von Cliff Martinez, lange Autofahrten, einige schockierende Gewaltausbrüche und einige, wenige, knappe Dialoge. Neben dem grandiosen Stummfilm „The Artist“ dürfte „Drive“ in diesem Kinojahr der dialogärmste Film sein.
„Drive“ ist ein feiner Film, der in den vergangenen Monaten überall so abgefeiert wurde, dass es fast schon ein Wunder ist, dass er nicht gegenüber den hohen Erwartungen enttäuscht.

Drive (Drive, USA 2011)
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Hossein Amini
LV: James Sallis: Drive, 2005 (Driver, später wegen des Films „Drive“)
mit Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks, Oscar Isaac, Christina Hendricks, Ron Perlman, Kaden Leos
Länge: 101 Minuten:
FSK: ab 18 Jahre

Vorlage
James Sallis: Drive
Poisoned Pen Press, Scottsdale/Arizona 2005

Deutsche Erstausgabe
Driver
(übersetzt von Jürgen Bürger)
Liebeskind, 2007
160 Seiten

Taschenbuchausgabe bei Heyne unter dem Originaltitel und jetzt auch mit einem neuen Cover

Heyne, 2012
160 Seiten
7,99 Euro

Hinweise

Amerikanische Homepage für „Drive“

Deutsche Homepage für „Drive“

Film-Zeit über „Drive“

Rotten Tomatoes über „Drive“

Wikipedia über „Drive“ (deutsch, englisch)

Cannes: Presseheft für „Drive“

Homepage von James Sallis

Thrilling Detective über Turner

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‘Besprechung’ von James Sallis’ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Driver“ (Drive, 2005)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Schuld“ (Cypress Groove, 2003)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Vergangenheit“ (Cripple Creek, 2006)

Meine Besprechung von James Sallis‘ „Dunkles Verhängnis“ (Salt River, 2007)

Meine Besprechung von James Sallis‘ „Der Killer stirbt“ (The Killer is dying, 2011)

James Sallis in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 26. Januar: Das große Fressen

Januar 26, 2012

3sat, 22.25

Das große Fressen (F/I 1973, R.: Marco Ferreri)

Drehbuch: Marco Ferreri, Rafael Azcona, Francis Blanche (Dialoge)

Vier in der Midlife-Crisis steckende, zum Bürgertum gehörende Männer treffen sich in einer Villa. Sie wollen dort ihren Trieben, nämlich Sex und Essen, bis zum Tod nachgehen.

3sat meint „eine groteske schwarze Komödie“. Im „Großen Filmlexikon“ von TV Spielfilm steht „zügellose schwarze Satire“. Nur das „Lexikon des internationalen Films“ ist nicht amüsiert: „Die Allegorie auf eine nur am Konsum orientierten Gesellschaft geht in der vordergründigen Inszenierung unter.“

Mit Philippe Noiret, Marcello Mastroianni, Ugo Tognazzi, Michel Piccoli, Andrea Ferréol

Wiederholung: Samstag, 28. Januar, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

3sat über „Das große Fressen“

Wikipedia über „Das große Fressen“

Bright Lights Film Journalüber „Das große Fressen“