Wer zur Hölle ist Ben Hecht?

Hecht - Von Chicago nach Hollywood

Ben Hecht dürfte nur den Menschen etwas sagen, die bei Spielfilmen auch auf die Namen der Macher achten. Denn Hecht schrieb die Drehbücher zu „Scarface“, „Angels over Broadway“ (auch Regie), „Berüchtigt/Weißes Gift“ (Notorious), „Ich kämpfe um dich“ (Spellbound), „Der Todeskuss“ (Kiss of Death) und „In einem anderen Land“ (A farewell to arms). Bei „Vom Winde verweht“ (Gone with the wind) arbeitete er ungenannt am Drehbuch mit (In „Von Chicago nach Hollywood“ schreibt er, dass er es innerhalb einer Woche schrieb. Aber wer kann schon einem professionellem Lügner blind vertrauen?). Für viele andere Hollywood-Filme, wie „Engelsgesicht“, „Der Fremde im Zug“, „Das Ding aus einer anderen Welt“, „Rope – Cocktail für eine Leiche“, „Der Fall Paradin“ und „Gilda“, machte er im Abspann nicht genannte Überarbeitungen des Drehbuchs. Er schrieb mehrere Theaterstücke, wie das mehrfach verfilmte Theaterstück „Extrablatt“ (The Front Page), und zahlreiche Erzählungen.

Bevor er in Hollywood sein Geld verdiente, arbeitete er in Chicago als Reporter. Er erzählt in dem speziell für Deutschland zusammengestellten Sammelband „Von Chicago nach Hollywood“, wie er Reporter wurde, wie er (oft am Rand der Legalität) Bilder für Artikel besorgte, wie er seine ersten spektakulären Geschichten frei erfand und dann doch zum seriösen Reporter wurde. Diese Erlebnisse verarbeitete er in „The Front Page“ und zahlreichen Gangsterdramen, wie dem Stummfilm „Underworld“ und dem Gangsterfilm-Klassiker „Scarface“. Nach seinen Jahren in Chicago war er kurz in New York und schrieb Theaterstücke und Kurzgeschichten. Da erreichte ihn, als er sich ohne einen Cent in seinem Zimmer verkrochen hat, ein Telegramm von Herman Mankiewicz: „Was hälst du davon, für dreihundert Dollar pro Woche für Paramount Pictures zu arbeiten? Alle Auslagen werden dir erstattet. Dreihundert Dollar sind aber noch gar nichts. Millionen kannst du hier scheffeln, und deine einzige Konkurrenz sind Idioten. Lass dir das nicht entgehen!“ Hecht packte seine Koffer und zog an die Westküste.

Im zweiten Teils des Buches gibt es ein kleines Panoptikum der in Hollywood versammelten Persönlichkeiten und das fast sechzigseitige Stück „Eine sündhafte Frau“.

Das ist der Titel eines Drehbuchs von Daisy Marcher. Ein mächtiger Hollywood-Produzent, der das Drehbuch nur zufällig liest (normalerweise liest er keine Drehbücher) will dieses „Meisterwerk“ verfilmen. Als Marchers Agent Orlando Higgins erfährt, dass sie ein neunjähriges Kind ist, beschließt Higgins allen diese Tatsache zu verschweigen und treibt so seine Provision auf astronomische Höhen. Denn ganz Hollywood ist verrückt nach Daisy Marcher.

Diese Burleske ist wahrscheinlich ein ausführliches Treatment für den von Ben Hecht inszenierte Film „Woman of Sin“, der Teil des Double-Features „Actor’s and Sin“ ist.

Gerade hier hätte Helga Herborth in ihrem Nachwort über die Herkunft der verschiedenen Texte und den Wahrheitsgehalt aufklären können. Aber sie beschränkt sich im Wesentlichen, um wenige biographische Information ergänzt, auf ein Nacherzählen der bereits gelesenen Texte.

Aber diese Texte von Ben Hecht sind ein wahres Lesevergnügen. Flott formuliert, pointiert, sarkastisch, ironisch und kein Jota veraltet erzählen sie Geschichten aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Ben Hecht: Von Chicago nach Hollywood – Erinnerungen an den amerikanischen Traum

(ausgewählt, aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Helga Herborth)

Berenberg, 2009

152 Seiten

19,00 Euro

Erstausgabe (wahrscheinlich, aber unbestätigt, weil das Impressum der Neuausgabe in diesem Punkt unklar ist)

Geschichten aus Chicago und Hollywood

Wolke Verlag, 1989

Hinweise

Wikipedia über Ben Hecht (deutsch, englisch)

Kirjasto über Ben Hecht

2 Responses to Wer zur Hölle ist Ben Hecht?

  1. […] Ben Hecht: Von Chicago nach Hollywood – Erinnerungen an den amerikanischen Traum […]

  2. […] Meine Besprechung von Ben Hechts „Von Chicago nach Hollywood – Erinnerungen an den amerikanische… […]

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