Neu im Kino/Filmkritik: „Iron Sky“ bringt die Nazis 1945 auf den Mond – und 2018 zurück

Die Geschichte hinter dem Film

 

Jahrelang geisterte „Iron Sky“ durch das Internet. Zuerst als spinnerte Idee, die ungefähr so lautete: „Wir machen einen Film, in dem Nazis auf der Rückseite des Mondes leben.“ Da konnte jeder seinen Senf dazu geben.

Danach wurde gemunkelt, das Budget für diesen Film sollte aus einer neuen Geldquelle stammen. Nämlich nicht aus den Taschen eines mächtigen Produzenten oder aus verschiedenen Fördertöpfen. Nein, „Iron Sky“ sollte von seinen Fans finanziert werden. Crowd Investment wird das genannt – und so neu ist das auch nicht. Denn schon immer haben Regisseure ihre Debüts teils auf sehr abenteuerlichen Wegen finanziert.

Die Idee des Crowd Investment wurde skeptisch beäugt. Würde es wirklich auf diesem Weg gelingen, einen Film zu finanzieren? Und was für ein Film soll entstehen, wenn tausende Leute, von denen die Meisten keine Ahnung vom Filme machen haben, mitreden dürfen? Denn schon die Besprechungen für einen normal finanzierten Film sind aufreibend genug.

Jetzt ist „Iron Sky“ fertig, er wurde auf der Berlinale gezeigt, startet heute im Kino und ein Blick auf die Zahlen ernüchtert.

Denn wie schon ein Blick auf die Namen der Geldgeber zeigt, waren ganz viele Investoren dabei, die auch viele andere Filme finanzieren. Offiziell beträgt das Budget 7,5 Millionen Euro, davon kamen 750.000 Euro von der Crowd, der Rest ganz traditionell von Produzenten und aus Fördertöpfen, wie Hessen Invest und DFFF. Da scheint, auch wenn durch das Crowd Funding Finanzierungslücken geschlossen werden konnten und Regisseur Timo Vuorensola auf die Fanbasis von seinem No-Budget-Film „Star Wreck: In the Pirkinning“ aufbauen konnte, doch eher ein Marketing-Gag und weniger die Zukunft der Filmfinanzierung zu sein.

 

Der Film

 

Schon in der ersten Minute von „Iron Sky“ ist klar, dass Timo Vuorensolas kein wackeliges, amateurhaftes You-Tube-Video oder eine reine Selbstbespaßung der kleinen Geldgeber (aka „The Crowd“) machen wollte. Nein, „Iron Sky“ ist ein richtiger Spielfilm, der auch ohne große Verrenkungen und fünfmaliges Ausrufen der alles entschuldigenden Zauberformel „Trash!“ wie ein Spielfilm besprochen werden kann.

2018 entdeckt eine US-amerikanische Mondmission, dass auf der Rückseite des Mondes Nazis, die kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs mit Reichsflugscheiben (Ähem, volkstümlich Ufos.) in den Weltraum flüchteten und dort ihr Reich aufgebaut haben. Durch die Entdeckung beunruhigt, beschließt ihr Führer Wolfgang Kortzfleisch (Udo Kier) mit der schon lange geplanten Invasion der Erde zu beginnen.

Als Voraustrupp werden Nachrichtenübermittlungsoberführer Klaus Adler (Götz Otto) und seine Künftige, die stramme Lehrerin Renate Richter (Julia Dietze), zusammen mit dem gefangenen afroamerikanischen Astronauten James Washington (Christopher Kirby), der vor allem wegen seines Aussehens auf die Mondmission geschickt wurde, auf die Erde geschickt. Sie sollen der Präsidentin der USA ihre Forderung zur bedingungslosen Aufgabe überbringen und einige Smartphones, die die dringend benötigte Technik für ihre Nazi-Überwaffe enthalten, besorgen.

Die Präsidentin, ein Sarah-Palin-Lookalike, ist gerade im Wahlkampf und findet da, vor allem weil die als Wahlkampf-Aktion geplante Mondmission schiefging, erstens, den Nazi-Look von Klaus Adler und Renate Richter toll, und hält, zweitens, einen Krieg, vor allem gegen Nazi-Invasoren, für das sichere Ticket zu ihrer Wiederwahl.

Während die Story weitgehend in den bekannten Fahrwassern der Alien-Invasionsfilme spielt, und gerade im Mittelteil, wenn die Nazis zu Wahlkampfhelfern werden, vor sich hin plätschert, sorgen die vielen Ideen und teils platten satirischen Spitzen immer wieder für Lacher. Denn die Idiotien des Wahlkampfs, Sarah Palin (heute vergessen, 2008 Vizepräsidentinkandidatin) und das Gebaren der Politiker in internationalen Gremien sind dankbare, aber auch einfache Opfer. Das gleiche gilt für die Werbewelt, die in „Iron Sky“ hoffnungslos und vollkommen unkritisch dem Nazi-Look und deren Herrenmenschenideologie verfällt.

Bei dem Ausmalen der Welt der Nazis haben die Macher dann wirklich viel Liebe zum Detail bewiesen. Denn sie haben die Technik und auch Optik der vierziger Jahre in die nahe Zukunft fortgesponnen. Es ist eine Steampunk-Welt, in der die Technik in vielen Punkten einfach stehen geblieben ist. Daher erfolgt die Invasion der Nazis am Ende des Films auch stilecht mit Zeppelinen. Tilo Prückner darf als Nazi-Wissenschaftler den Mad Scientist spielen, der seit Jahrzehnten an der „Götterdämmerung“, der Überwaffe der Nazis, die gegen Filmende, nachdem er mit einem Smartphone, das deutliche kleiner und leistungsfähiger als seine Computer ist, die letzten technischen Probleme löst, auch eingesetzt wird.

Und es gibt noch viele weitere gelungene Details, wie das arisierende Albinoserum, die Architektur der Mondstation konform zu den bekannten Nazi-Symbolen und die Anweisung, was bei einem Alarm zu tun ist.

Die Tricks sind, vor allem wenn man das Budget bedenkt, erstaunlich gelungen und sie müssen sich wirklich nicht vor deutlich höher budgetierten Hollywood-Produktionen verstecken. Schließlich waren sie bei „Independence Day“ auch nicht besser. Aber im Gegensatz zu Roland Emmerichs Kassenhit gibt es in Timo Vuorensolas „Alien“-Invasionsfilm eine ordentliche Portion Humor. Fast so, als habe man einen Remix aus „Independence Day“ und „Mars Attacks“ gemacht und die Aliens durch Nazis ersetzt.

Iron Sky (Iron Sky, Finnland/Deutschland/Australien 2012)

Regie: Timo Vuorensola

Drehbuch: Michael Kalesniko, Johanna Sinisalo (nach einem Konzept von Jarmo Puskala)

Musik: Laibach

mit Julia Dietze, Götz Otto, Udo Kier, Christopher Kirby, Tilo Prückner, Peta Sergeant, Stephanie Paul

Länge: 93 Minuten

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Iron Sky“

Rotten Tomatoes über „Iron Sky“

Wikipedia über „Iron Sky“ (deutsch, englisch)

Süddeutsche Zeitung: Gunnar Herrmann über die Finanzierung von „Iron Sky“ (4. April 2012)

Bonusfilm

„Star Wreck: In the Pirkinning“ von „Iron Sky“-Regisseur Timo Vuorensola

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..