TV-Tipp für den 9. Juli: Cruising

Arte, 22.10

Cruising (USA 1980, R.: William Friedkin)

Drehbuch: William Friedkin

LV: Gerald Walker: Cruising, 1970

Polizist Steve Burns soll undercover in der New Yorker schwulen SM-Subkultur einen Mörder suchen.

Als William Friedkin den Film drehte, protestierte die schwule Gemeinschaft gegen den Film und die Kritik ging damals auch eher ungnädig mit dem Film um. Z. B. „auf Kosten dieses Milieus haut Regisseur William Friedkin kräftig auf die Pauke. Tabuisierte Minderheiten werden vor die Kamera gezerrt, doch nicht, um Wirklichkeit zu zeigen, sondern um Effekte mit der Kamera zu erhaschen.“ (Fischer Film Almanach 1981)

Es gab auch drei Razzie-Nominierungen: für das Drehbuch, die Regie und den Film.

Aus heutiger Sicht ist „Cruising“ ein faszinierender, quasi-dokumentarischer Einblick in die homosexuelle Lederszene vor Aids und erstaunlich vorurteilsfrei, was sich vor allem an den Polizisten zeigt, die, bis auf zwei Streifenpolizisten (Hinweis: merken Sie sich die Gesichter der beiden Polizisten!), keine Vorurteile gegen Homosexuelle haben und sich nach Kräften bemühen, den Täter zu fangen. Man könnte „Cruising“ sogar fast schon als schwulenfreundlich bezeichnen.

Für Friedkin war „Cruising“ immer eine Kriminalgeschichte in einem faszinierendem Milieu (deshalb ergriff er auch nicht für oder gegen die porträtierte Szene Partei), die mehr Fragen stellte, als Antworten lieferte. Das beginnt schon damit, dass am Ende zwar ein Mörder verhaftet wird, aber es unklar bleibt, welche Morde er begangen hat. Es werden auch Fragen nach der Identität und dem Selbstverständnis gestellt. Und das Ende ist ein ziemlicher Schocker, das viele neue Fragen stellt. Heute würde ein solcher Film wohl nicht mehr gedreht werden.

Für den Film ließ sich Friedkin von echten Mordfällen inspirieren, er recherchierte ausführlich in dem Milieu, unterhielt sich mit Polizisten, die teilweise auch im Film mitspielten, darüber und er drehte vor Ort, mit Männern aus der Szene.

Die Initialzündung für „Cruising“ war für Friedkin ein Gespräch mit Randy Jurgensen, der, wie der Filmheld Steve Burns, undercover im SM-Milieu einen Serienmörder jagte und selbst etliche der Probleme hatte, die Burns in dem Film hat. Jurgensen spielte in „Cruising“ Det. Lefransky.

Mit dem schon 1970 erschienenem Roman von Gerald Walker hat sein Film, so Friedkin, nichts zu tun.

Cruising“ ist kein perfekter Film (und ich würde schon gerne wissen, was in den vierzig Minuten, die vor dem Kinostart aus dem Film herausgeschnitten wurden und verschwunden sind, erzählt wurde), aber „Cruising“ ist ein faszinierender Einblick in eine fremde Welt und ein zutiefst beunruhigender Film. Immer noch.

mit Al Pacino, Paul Sorvino, Karen Allen, Richard Cox, Don Scardino, Joe Spinell, Randy Jurgensen (Polizist, Berater und Inspiration für „Cruising“), Barton Heyman, Gene Davis, Arnaldo Santana, Larry Atlas, Allan Miller, Sonny Grosso (noch ein Polizist, der schon bei „The French Connection“ dabei war), Ed O’Neill (Debüt, später hatte er eine schrecklich nette Familie), James Remar (fast sein Filmdebüt), Leo Burmester (Debüt), Powers Boothe (fast sein Filmdebüt)

Wiederholung: Freitag, 27. Juli, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Cruising“

Wikipedia über „Cruising“ (deutsch, englisch)

Bright Lights Film über „Cruising“ (April 1996)

Rouge: Bill Krohn über „Cruising“ (2004)

Fipresci: Adrian Martin über „Cruising“ (2008)

The Hollywood Interview: William Friedkin über „Cruising“ (2007)

 

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