Der „American Vampire“ ist nicht zimperlich

Juli 4, 2012

Wir wissen folgendes: Vampire sind seit ewiger Zeit heimlich unter uns. Sie jagen Menschen und ziehen aus den Schatten heraus ihre Fäden. Doch am Vorabend des 20. Jahrhunderts wurde im amerikanischen Westen eine neue Vampirrasse geboren, in Person des berüchtigten Outlaws Skinner Sweet. Sweet kam als eine neue Art von Vampir aus dem Grab zurück. Er war stärker, schneller und die Sonne trieb ihn an. Fast 40 Jahre lang war er der einzige seiner Art, bis er 1925 aus uns unbekannten Gründen einen zweiten amerikanischen Vampir erschuf. Die junge Schauspielerin Pearl Jones ist sein einziger bekannter Schützling. Doch statt Sweet in seinem sporadischen Krieg gegen die herkömmlichen Vampirrassen zu unterstützen, zog Jones es vor, eigene Wege zu gehen. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Musiker namens Henry Preston, verließ sie Hollywood. Jones und Preston lebten fast zehn Jahre im verborgenen. Bis unsere Organisation sie 1936 in Nordkalifornien aufspürte. Nach einigen Schwierigkeiten gelang es uns, ohne Pearls Wissen, einen Deal mit Henry zu machen. Wir garantierten Schutz und im Gegenzug erhielten wir Informationen über die Schwachstelle des amerikanischen Vampirs. Einen normalen Vampir kann man mit Holz töten. Den Amerikanischen jedoch nur mit Gold. Natürlich war Sweet…verblüfft über unsere Entdeckung. Wir wissen nicht, wo er derzeit ist“, fasst Agent Hobbes von den Vasallen des Morgensterns, einer Organisation, die alle Vampire töten will, im dritten Sammelband von „American Vampire“ den Stand der Dinge zusammen.

Die von Autor Scott Snyder erfundene und von Rafael Albuquerque gezeichnete Comicserien erhielt 2011 zu recht den Eisner Award als beste neue Serie. Bei den ersten Heften ist Stephen King, der von Snyder um einen Blurb gebeten wurde und dem das Konzept so gut gefiel, dass er gleich erzählte, wie Skinner Sweet der erste amerikanische Vampir wurde, und er so sein Debüt als Comicautor gab, Co-Autor. Ab dem sechsten Heft schrieb Scott Snyder dann die Geschichte von Skinner Sweet und Pearl Jones alleine fort.

In dem zweiten „American Vampire“-Sammelband sind die mehrteilige Geschichte „Der Teufel in der Wüste“ und „Der Ausweg“ enthalten. „Der Teufel in der Wüste“ spielt 1936 in Las Vegas. Cashel McCogan ist in dem Wüstenkaff der Chef der Polizei. Er trat damit in die Fußstapfen seines vor zwei Monaten ermordeten Vaters, der 36 Jahre Polizeichef war.

Als Verstärkung für ihn sind jetzt die beiden FBI-Agenten Jack Straw und Felicia Book gekommen. Sie sollen ihn beim Kampf gegen das Verbrechen, das mit den Bauarbeitern, den Staudamm bauen sollen, helfen.

Und sie haben auch gleich ihren ersten Fall: in einem Hotelzimmer wurde Howard Beaulieu, Präsident einer von vier Firmen, die als „Konsortium“ die Talsperre bauen, ermordet. Wobei das etwas ungenau ist: er wurde ausgesaugt.

Kurz darauf sterben weitere Mitglieder des Konsortiums, die FBI-Agenten sind keine FBI-Agenten und Skinner Sweet ist auch in der Stadt.

In der zweiteiligen von Mateus Santoloucu gezeichneten Geschichte „Der Ausweg“ erfahren wir mehr über Pearl Jones und ihren Freund Henry, die 1936 in einer gefährdeten Idylle leben.

Am Ende von „Der Teufel in der Wüste“ konnte Skinner Sweet mit viel Glück seinen Verfolgern entkommen und in „Ghost War“ (enthalten in „American Vampire 3“) wütet er 1943 auf einer Insel, wenige Seemeilen vor Japan.

Dort treffen Skinner Sweet, Henry Preston, als Mitglied einer unter US-Flagge operierenden Gruppe der Vasallen des Morgensterns, und die Vasallen auf eine wahrhaft teuflische Vampirrasse. Sie ist so schlimm, dass Pearl Jones, um ihren Mann zu retten, ebenfalls auf die Insel muss. Dort eingetroffen, muss Pearl feststellen, dass sie nur überleben können, wenn sie sich gegen die dort lebenden Vampire verbünden.

Die ebenfalls in „American Vampire 3“ enthaltene, von Daniel Zezelj gezeichnete, ein Heft umfassende Geschichte „Das war der Wilde Westen“ ist eine sarkastische Abrechnung mit dem Showgeschäft. Denn Skinner Sweet besucht 1919 in Idaho eine Westernshow, die von einigen seiner alten Bekannten bestritten wird und die die Vergangenheit, abseits der historischen Wahrheit, ausschmücken. Skinner ist nicht begeistert.

In „American Vampire“ entwerfen Scott Snyder und Rafael Albuquerque eine alternative Geschichte der USA, die es ihnen auch ermöglicht, historische Marksteine zu besuchen und spannende Geschichten mit Charakteren, über die man mehr wissen will, zu erzählen. Dabei gelingt ihnen, immer mit deftigem Zeitkolorit, eine gute Mischung aus Einzelgeschichten und den Andeutungen einer größeren Geschichte.

Und die Vampire in „American Vampire“, auch wenn sie aus Good Old Europe kommen, haben nichts mit der adligen Distinguiertheit der altbekannten Vampire à la „Dracula“ zu tun. Wenn bei Snyder und Albuquerque die Vampire die Zähne fletschen, dann fletschen sie wirklich die Zähne und der Biss ist ein Biss. Das ist garantiert nicht jugendfrei.

Denn Skinner Sweet und Pearl Jones eignen sich nicht für Teenieschwärmereien. Gefühlige „Twilight“-Vampire verputzen sie als kleinen Appetitanreger vor der Vorspeise.

Kann es eine bessere Empfehlung für eine Vampirserie geben?

Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Mateus Santolouco: American Vampire – Band 2

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2011

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

American Vampire, Vol. 6 – 11

DC Comics 2010/2011

Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Danijel Zezelj: American Vampire – Band 3

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2012

164 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

American Vampire, Vol. 12 – 18

DC Comics, 2011

Hinweise

Homepage von Rafael Albuquerque

Wikipedia über „American Vampire“

Meine Besprechung von Scott Snyder/Stephen King/Rafael Albuquerques (Zeichner) „American Vampire – Band 1“ (American Vampire, Vol. 1 – 5, 2010)


„Jack Reacher“ – Erster Trailer und zwei Filmfotos

Juli 4, 2012

Die Werbemaschine für die Lee-Child-Verfilmung „Sniper“ (One Shot, 2005) läuft an. Inzwischen heißt der Film, nach dem Held, „Jack Reacher“. Christopher McQuarrie („Die üblichen Verdächtigen“, „Operation Walküre“) schrieb das Drehbuch und führte, nach „Way of the Gun“, wieder Regie.

Werner Herzog ist dabei. Als Bösewicht. Rosamund Pike, Robert Duvall und Richard Jenkins sind ebenfalls dabei. Das sind die eindeutig erfreulichen Nachrichten.

Tom Cruise spielt Jack Reacher – und darüber kann man streiten. Natürlich sieht Tom Cruise nicht wie der von Lee Child in seinen Romanen beschriebene Jack Reacher aus. Aber er ist einer der Schauspieler, der viele Leute ins Kino lockt – und so etwas sehen die Produzenten gerne.

Dummerweise sieht der erste Trailer, der jetzt auch in der englischen Fassung online ist (eine russische Fassung ist schon seit einigen Tagen online), so furchtbar uninteressant aus:

War diese Schlägerei nicht in einem anderen Jack-Reacher-Thriller? Und die Explosion nicht in „Outlaw“ (Nothing to Lose, 2008)? Naja, egal.

Auch die ersten beiden Bilder mit Tom Cruise als Jack Reacher; – – – nun, es ist halt ein Mann und ein Auto.

Ach ja. Die Homepage ist online. Deutscher Kinostart ist bislang der 3. Januar 2013.


TV-Tipp für den 4. Juli: Cop Land

Juli 4, 2012

SWR, 23.00

Cop Land (USA 1997, R.: James Mangold)

Drehbuch: James Mangold

Freddy Heflin hat als frühes Gnadenbrot eine Stelle als Sheriff in Garrison, New Jersey bekommen. Die Einwohner sind von ihm bewunderte New Yorker Polizisten. Als eines Tages ein Interner Ermittler aus New York ihn um Hilfe bei Ermittlungen gegen korrupte Polizisten bittet, muss Heflin sich zwischen seinem Job und dem polizeilichen Ehrenkodex entscheiden.

Gutes Schauspielerkino mit einem kräftigen Touch 70-Jahre-Kino und einem genießbaren Stallone, der in diesem Cop-Movie versuchte von seinem Rambo/Rocky-Image wegzukommen. Inzwischen ist er wieder bei „Rocky“ und „Rambo“ angekommen und drehte zuletzt mit einer Action-All-Star-Besetzung im Dschungel „The Expendables“ (über Söldner, die tun, was Söldner tun).

Mit Sylvester Stallone, Robert De Niro, Harvey Keitel, Ray Liotta, Peter Berg, Michael Rapaport, Annabella Sciorra, Robert Patrick, Noah Emmerich

Hinweise

Wikipedia über „Cop Land“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über „Cop Land“


Cover der Woche

Juli 3, 2012


TV-Tipp für den 3. Juli: Flüstern und Schreien – Ein Rockreport

Juli 3, 2012

ZDFkultur, 20.15

Flüstern und Schreien – Ein Rockreport (DDR 1988, R.: Dieter Schumann)

Drehbuch: Dieter Schumann, Jochen Wisotzki

DEFA-Doku über die DDR-Rockszene, die es im Februar 1989 auf die Berlinale und im August 1989 sogar in die westdeutschen Kinos schaffte.

Im Mittelpunkt stehen die Bands „Feeling B.“ (mit Flake Lorenz und Paul Landers, später „Rammstein“), „Chicoree“ (mit Dirk Zöllner), „Sandow“ und, als bekannteste Band, „Silly“ (mit Tamara Danz). Es gibt Konzertausschnitte, Interviews mit den Musikern (auch über ihre politischen Ansichten) und den Fans.

ein authentisches Filmpuzzle über das Lebensgefühl der heutigen DDR-Jugend“ meinte der Fischer Film Almanach, eher er die geringe Distanz des Regisseurs bemängelte. Nun, gerade das ist, rückblickend, ein Vorteil und die Musik ist auch nicht schlecht.

Hinweise

Wikipedia über „Flüstern und Schreien – Ein Rockreport“

Bildungsserver Berlin-Brandenburg über „Flüstern und Schreien – Ein Rockreport“ (mit Unterrichtsmaterial zum Film)


DVD-Kritik: Der vergessene 70er-Jahre-Polizeithriller „Die Seven-Ups“

Juli 2, 2012

Seit Jahren stand „Die Seven-Ups“, der einzige Film von „Bullitt“- und „The French Connection“-Produzent Philip D’Antoni, mit Roy Scheider in der Hauptrolle, auf meiner Wunschliste. Aber im Fernsehen lief der Film nie und auch auf DVD machte er sich rar.

Sollte also, abgesehen von der legendären zehnminütigen Autoverfolgungsjagd, der Film einfach schlecht sein?

Nun, sagen wir es mal so: ein vergessenes Meisterwerk ist „Die Seven-Ups“ nicht. Dafür liefert der Film dann doch zu sehr die heute sattsam bekannten Polizeifilmklischees ab. Dabei hätte der Film, mit einem besseren Drehbuch, durchaus ein Klassiker werden können.

Denn die Geschichte, die heute wahrscheinlich in einer TV-Folge erzählt würde, ist nicht uninteressant. Buddy Manucci (Roy Scheider) ist der Chef der Spezialeinheit „Seven-Ups“, die, im Gegensatz zu normalen Polizisten, bei ihrer Arbeit große Freiheiten genießen. Immerhin erwarten die von den „Seven-Ups“ gejagten Verbrecher mindestens sieben Jahre Gefängnis. Wohin diese Freiheiten, die damals auch in der Realität einige Polizeieinheiten hatten, führten, kann man in „Prince of the City“ (das Sachbuch und die Verfilmung erzählen, was nach „The French Connection“ geschah) sehen.

Viele Tipps erhält Buddy von dem seinem Jugendfreund, dem Gangster Victo Lucia (Tony Lo Bianco), der in der Mafia-Hierarchie schon ziemlich mächtig ist. Lucia hat jetzt auch eine Methode gefunden, nebenher viel Geld zu machen: er lässt Gangsterbosse von falschen Polizisten entführen und lässt sie gegen ein erkleckliches Lösegeld wieder frei.

Die Gangster glauben, dass die falschen Polizisten echte Polizisten sind und auch in der Polizei werden die „Seven-Ups“ für die Drahtzieher gehalten. Als die Verbrecher einen von Buddys Kollegen deswegen umbringen, jagen die restlichen „Seven-Ups“ gnadenlos die Gangster.

Allerdings vertieft D’Antoni den zwischen Buddy und Lucia liegenden Konflikt zwischen Loyalität und Freundschaft nicht weiter. Er fragt auch nicht nach der Legitimität der Methoden. Effizienz genügt Buddys Vorgesetzten.

Damit gehört „Die Seven-Ups“ zu den damals erfolgreichen Thrillern, die nach der Legitimität des staatlichen Gewaltmonopols fragten und Großstädte als Dschungel begriffen, in dem die letzten Stellungskämpfe gegen ein überbordendes Verbrechen geführt wurden. Georg Seeßlen spricht in „Copland“ von „Polizisten im kontrollierten Bürgerkrieg“. Die „Dirty Harry“-Filme mit Clint Eastwood und „Ein Mann sieht rot“ mit Charles Bronson (der als Liberaler, während die Polizei wegsieht, zur Waffe greift) sind die auch heute noch bekannten Genrevertreter.

Auch stilistisch ist „Die Seven-Ups“ ein Kind der siebziger Jahre. Die vielen Außenaufnahmen von New York, Lagerhallen und Industriebrachen, die langen Einstellungen, die Ruhe, mit der die Kamera den Charakteren folgt, die wenigen Dialoge und die nur sparsam eingesetzte Musik von Jazzer und „The French Connection“-Komponist Don Ellis. Sogar, oder gerade, bei der zehnminütigen Autoverfolgungsjagd gibt es keine Musik, sondern nur die Fahrgeräusche der Autos und schreiend weglaufende Kinder. Diese Szene ist zwar nicht so spektakulär wie in „French Connection“ , aber immer noch mitreisend.

Und, auch das spricht für den Film, wir erfahren außerhalb ihrer Arbeit nichts von den Charakteren. Es gibt keine langen, gefühligen Familienszenen, keine privaten Subplots und auch keine Liebesgeschichte. „Die Seven-Ups“ ist ein reiner Männerfilm.

Roy Scheider, damals ein aufstrebender Star nach seinem „The French Connection“- und vor seinem „Der weiße Hai“-Ruhm, spielt Buddy Manucci, den Chef der Seven-Ups, als einen kühlen, äußerlich immer beherrschten Chef. Er würde niemals, wie Popeye Doyle in „The French Connection“, ausrasten. Stattdessen erinnert Buddy Manucci an Buddy Russo, Doyles, ebenfalls von Scheider gespielten, Partner in „The French Connection“ und dieser basiert auf dem echten Sonny Grosso, der in beide Filme involviert war.

Auch die anderen Schauspieler gefallen sich im Unterspielen – und verkörpern damit den Geist der Professionalität. Sie sind, egal ob Gangster oder Polizisten – und auf den ersten Blick ist auch nicht zu erkennen, auf welcher Seite die unauffällig gekleideten Männer stehen -, Profis, die ihr Handwerk beherrschen und ihre Moralkodex folgen. Probleme gibt es letztendlich nur durch die im falschen Moment unbesonnen reagierenden Entführer. Dass sie Probleme verursachen werden, verrät schon ihre, nach dem Standard des Films, viel zu auffällige Kleidung.

Die Seven-Ups“ ist für Fans von Siebziger-Jahre-Filmen und düsteren Copthrillern ein Pflichttermin.

Denn, wenn ich es recht überlege, spricht gegen den Film nur das Drehbuch, das halt nur okay ist. Immerhin gab es seit „Die Seven-Ups“ unter anderem „Leben und Sterben in L. A.“ (noch düsterer und mit einer wiederum Maßstäbe setzenden Autoverfolgungsjagd), die TV-Serie „The Shield“ (die Macher haben definitiv „The Seven-Ups“ gesehen), „Training Day“, „Dark Blue“ und „Street Kings“ (eine quasi Los-Angeles-Polizeitrilogie von David Ayer, mit heftigem James-Ellroy-Einfluss) . Wobei diese Polizeigeschichten, bis auf „Leben und Sterben in L. A.“, keine Autoverfolgungsjagd haben.

Die Seven-Ups (The Seven-Ups, USA 1973)

Regie: Philip D’Antoni

Drehbuch: Albert Ruben, Alexander Jacobs (nach einer Geschichte von Sonny Grosso)

mit Roy Scheider, Victor Arnold, Jerry Leon, Ken Kercheval, Tony Lo Bianco, Larry Haines, Richard Lynch

DVD

Koch Media

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Englisch

Bonusmaterial: Making of, Deutscher und Englischer Kinotrailer, Bildergalerie, Wendecover

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Seven-Ups“

Wikipedia über „Die Seven-Ups“

Screaming Blue Reviews über „Die Seven-Ups“

Bonushinweis

Wer die Strecke der Autoverfolgungsjagd, natürlich unter strikter Beachtung der Geschwindigkeitsbegrenzungen, nachfahren will, sollte sich dieses Video ansehen

Für „Bullitt“ gibt es eine ähnliche Analyse, die ich im Moment nicht finde.

 

 


TV-Tipp für den 2. Juli: Angst über der Stadt

Juli 2, 2012

Arte, 20.15

Angst über der Stadt (F/I 1974, R.: Henri Verneuil)

Drehbuch: Jean Laborde, Henri Verneuil, Francis Veber

Actionhaltiger, harter Polizeithriller in dem ein Pariser Kommissar, Typ „Dirty Harry“, einen Serienmörder jagt.

Nach dem Genuss von „Matrix“ und „Spider-Man“ wirken die Action-Szenen in „Angst über der Stadt“ zwar bedächtlich, aber Jean-Paul Belmondo ließ sich bei den zahlreichen Verfolgungsjagden, dem Abseilen von einem Hubschrauber und der Kletterei über die Dächer von Paris nicht doubeln. Bei den Schlägereien natürlich auch nicht. Die Story folgt den bekannten Genrekonventionen und Belmondo hatte in seiner ersten Polizistenrolle einen Kassenschlager.

„Angst über der Stadt“ ist „die mythische Dokumentation seiner Konversion von der Seite der Rebellen auf die Seite der Gesetz- und Ordnungsvertreter.“ (Georg Seesslen: Copland)

Anscheinend läuft heute zum ersten Mal die ungekürzte Fassung im TV. Denn für den deutschen Kinostart wurde der Film etwas gekürzt

Mit Jean-Paul Belmondo, Charles Denner, Catherine Morin, Berto Maria Merli, Lea Massari

Wiederholungen

Donnerstag, 12. Juli, 01.20 Uhr (Taggenau!)

Freitag, 20. Juli, 01.10 Uhr (Tagggenau!)

Hinweise

Arte über „Angst über der Stadt“

Wikipedia über „Angst über der Stadt“

Kölner Stadt-Anzeiger: Daniel Kothenschulte zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo

Stuttgarter Zeitung: Sabine Glaubitz zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo

Tagesschau: Angela Ulrich zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo

Deutsche Welle: 4-minütiger Film zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle)

Jean-Paul Belmondo in der Kriminalakte


Wie sieht „Die digitale Gesellschaft“ aus?

Juli 1, 2012

Wir möchten mit diesem Buch einige der Spannungsfelder aufzeigen, in denen sich die Debatte um die digitale Gesellschaft in den nächsten Jahren befinden wird. Dabei wenden wir uns nicht vorrangig an die Experten. (…) Wir hoffen, ein verständliches und teils auch vergnüglich zu lesendes Buch über die Netzpolitik und ihre Bedeutung für die Gesellschaft von morgen verfasst zu haben“, schreiben Markus Beckedahl und Falk Lüke im Vorwort zu ihrem Buch „Die digitale Gesellschaft – Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage“ und genau an diesem selbstformulierten Anspruch sollte das Buch auch gemessen werden. Also: Ist „Die digitale Gesellschaft“ ein Buch, das ich meinem Vater, der von Computern und dem Internet keine Ahnung hat, zum Lesen geben soll? Wird er danach den derzeitigen Umbruch besser verstehen?

Nun; eher nein.

Er wird wohl eher verwirrt von der Struktur des Buches sein. Die Hauptkapitel „Freiheit und Sicherheit“, „Wissen und Macht“, „Wirtschaft als globales Netz im Netz“ und „Neue und alte Öffentlichkeit“ verweisen auf etablierte Politikfelder und die großen Konfliktlinien im Netz. Aber in den einzelnen Kapiteln geht es mitunter bunt durcheinander und manchmal werden Themen zu einem späteren Zeitpunkt, an einem mehr oder weniger unpassendem Ort, wieder aufgenommen. Nur: ohne ein Register findet man die Stellen nicht.

So geht es in „Freiheit und Sicherheit“, ein klassischer innenpolitischer Konflikt zwischen Bürgerrechtlern und Sicherheitsbehörden, der normalerweise bei den Justiz- und Innenministerien angesiedelt ist, über Netzsperren für (hm, eigentlich gegen) Killerspiele und Kinderpornographie, Onlinedurchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Verbraucherschutz, Jugendschutz, Datenverarbeitung von privaten Firmen, Smart Meter und intelligente Stromnetze. Das ist ein buntes Potpourri unterschiedlicher und auch wichtiger Themen, die eher anekdotisch als argumentativ aneinandergereiht werden und oft nicht zur klassischen Innenpolitik gehören. So hat der Verbraucher- und Jugendschutz nichts mit der inneren Sicherheit, aber viel mit der Wirtschaft zu tun.

Über verschiedene Überwachungsmöglichkeiten und Begehrlichkeiten des Staates und privater Unternehmen, bi- und multilaterale Verträge, in denen festgelegt wird, wie Daten zwischen Staaten ausgetauscht werden, und die Zusammenarbeit zwischen staatlichen und privaten Stellen (auch die Auslagerung staatlicher Aufgaben an private Firmen) sollte dagegen intensiver diskutiert werden.

Über die Abhängigkeit und damit verbundene Anfälligkeit von unseren technischen Infrastrukturen (so legten in den vergangenen Monaten in Berlin mehrere Kabelbrände die Bahn lahm und einmal, im Mai 2011, fielen in Berlin und großen Teilen Ostdeutschlands stundenlang Züge, Internet und Telefonnetze aus), den Katastrophenschutz und das weite Feld der Internetkriminalität („Cybercrime“), abseits von unseriösen Kreditangeboten, wird nichts gesagt.

Die Diskussion über das Urheberrecht wird zwar angerissen und füllt auch einige Seiten, aber trotz des Umfangs bleibt sie eher an der Oberfläche. Denn gerade an diesem Problem könnten die verschiedenen Konfliktlinien exemplarisch aufgezeigt werden.

Die Frage, was davon zu halten ist, dass wenige Unternehmen das Netz dominieren, wird kaum thematisiert. Dabei haben Unternehmen wie Google und Facebook über ihre Benutzer Daten, die alle bisherigen Datensammlungen in den Schatten stellen. Und Monopole haben, jedenfalls in der alten Ökonomie, sehr unschöne Auswirkungen. Im Internet nicht?

Aber anstatt, – immerhin sind beide Autoren als politisch denkende Köpfe bekannt -, die Gelegenheit nutzen, endlich einmal im großen Zusammenhang das Bild einer digitalen Gesellschaft mit ihren Chancen und Gefahren zu zeichnen, ergehen Markus Beckedahl und Falk Lüke sich meistens im Deskriptiven und im Rückblick auf frühere Kämpfe gegen Wolfgang Schäuble und Ursula von der Leyen und Treffen auf der „Freiheit statt Angst“-Demonstration. So ist „Die digitale Gesellschaft“ nicht die mit einer stringenten Argumentation beeindruckende Vision einer digitalen Gesellschaft, sondern eher die Sammlung von Blogbeiträgen. Aber während Blogbeiträge aufgrund ihrer Länge immer fragmentarisch bleiben, Dinge nur anreißen und auf aktuelle Entwicklungen reagieren, kann man in einem Buch einige Gedanken endlich einmal genauer ausführen.

Die im Untertitel „Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage“ angekündigte Machtfrage stellen sie nicht. Sie fragen nicht, – und das wären gute Leitfragen gewesen -, wie die Bürgerrechte gegen den Staat, den klassischen Gegner, und die Wirtschaft, den weniger klassischen Gegner, im Netz geschützt werden können. Und wie im Netz die freie, liberale Gesellschaft geschützt, erhalten und ausgebaut werden kann.

Deshalb haben sie auch keine Idee davon, welche Regeln gelten sollten. Außer natürlich der liberalen Idee, dass es keine Überwachung geben sollte, dass Netzneutralität wichtig ist, dass die Nutzer sich frei entscheiden sollten, was sie tun wollen und dass Freie Software besser als Windows ist.

In diesen Momenten porträtieren sie allerdings auch ziemlich genau die Szene der deutschen Netzpolitiker, die sich aus dem großen Kuchen der Probleme nur einige Rosinen herauspicken.

Etwas erstaunlich, aber auch das ist ein Spiegelbild der deutschen Netzgemeinde, ist der doch sehr deutsche Blick, garniert mit einigen US-amerikanischen Einsprengseln. Immerhin ist ein Kennzeichen des Internets, dass man Landesgrenzen mühelos überspringen kann. Aber abgesehen von Bestellungen von Waren (wie DVDs aus Österreich) scheint es doch keinen länderübergreifenden Diskurs zu geben. Und das gilt schon für unsere Nachbarländer Österreich und die Schweiz. Da kann noch nicht einmal auf eine Sprachbarriere verweisen.

Auf Grafiken, eine Literaturliste, weiterführende Lektüre und ein Register wurde verzichtet. Das alles muss bei einem Sachbuch zwar nicht unbedingt sein, aber es hilft, Stellen zu finden und man kann dann auch besser mit dem Buch arbeiten.

Und welche Bücher gebe ich, bis es ein gutes Buch über die digitale Gesellschaft gibt, meinem Vater? Nun, ich würde es mal mit den von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben Sammelbänden „public_life – Digitale Intimität, die Privatsphäre und das Netz“ (obwohl etwas akademisch), „Copy.Right.Now! – Plädoyers für ein zukunftstaugliches Urheberrecht“ (vielleicht etwas speziell) und „Öffentlichkeit im Wandel – Medien, Internet, Journalismus“ versuchen. In den Büchern wird der unumkehrbare Wandel hin zu einer digitalen Gesellschaft begrüßt und die Autoren machen sich Gedanken über die Gestaltung dieser Gesellschaft.

Markus Beckedahl/Falk Lüke: Die digitale Gesellschaft – Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage

dtv premium, 2012

224 Seiten

14,90 Euro

Hinweise

Netzpolitik – Blog von Markus Beckedahl und anderen (und immer einen Klick wert)

Homepage von Falk Lüke

dtv magazin: Dominik Schukster über „Die digitale Gesellschaft“


TV-Tipp für den 1. Juli: Die Farbe der Lüge

Juli 1, 2012

ZDFkultur, 23.00

Die Farbe der Lüge (F 1999, R.: Claude Chabrol)

Drehbuch: Odile Barski, Claude Chabrol

Bretagne: Ein zehnjähriges Mädchen wird erdrosselt und vergewaltigt gefunden. Für die Kommissarin Lesage ist der Hauptverdächtige der erfolglose Zeichenlehrer der Ermordeten. Während sich der Verdächtige immer mehr zurückzieht, beginnt seine Frau für ihn zu kämpfen.

Eine weitere gelungene Zusammenarbeit des Teams Barski/Chabrol. In diesem ruhigen Provinzkrimi geht es um die verschiedenen Formen von Lüge.

Mit Sandrine Bonnaire, Jacques Gamblin, Antoine de Caunes, Valeria Bruni Tedeschi, Bernard Verley, Bulle Ogier

Wiederholung: Montag, 2. Juli, 04.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über “Die Farbe der Lüge”

Wikipedia über Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Kriminalakte: Nachruf auf Claude Chabrol

Claude Chabrol in der Kriminalakte