Es hat, obwohl der Romanautor sofort nach der Erstveröffentlichung Marlon Brando einen Brief schrieb, in dem er ihn fragte, ob er die Hauptrolle spielen wolle, lange gedauert bis Jack Kerouacs bereits 1957 veröffentlichter Roman „On the Road“ verfilmt wurde.
Ob Kerouac damals wirklich den Brief an Marlon Brando, der damals ein Star war, schrieb, oder ob das eine der weiteren Legenden ist, die sich um den Roman ranken, kann nicht geklärt werden. Aber immerhin hatte Kerouac nichts gegen eine Verfilmung. Er hatte auch nichts gegen eine Überarbeitung, wie Howard Cunnell in „Diesmal schnell“ (enthalten in „On the Road – Die Urfassung“) zeigt. Nach seinem ersten Roman „The Town and the City“ (erschienen 1950) begann Jack Kerouac nach eigenen Worten im Oktober 1948 mit den Arbeiten an einem neuen Roman, der von Bewegung, dem Leben auf der Straße, handeln sollte. Dafür unternahm er zwischen 1947 und 1950, letztendlich, mehrere Reisen, notierte währenddessen seine Erlebnisse und was er hörte in Reisetagebüchern. Überarbeitete seine Notizen mehrmals, bis er im April 1951 in einem dreiwöchigem Schreibrausch auf einer einzigen Papierrolle die Urfassung von „On the Road“ schrieb. Danach begann er mit den Überarbeitungen, die letztendlich in dem 1957 erschienenen „On the Road“ mündeten, der schnell zum Klassiker und Bibel der Beat-Generation wurde. Immerhin porträtierte er aus eigenem Erleben die Nachkriegsgeneration, die ihren Platz in den Vereinigten Staaten suchte und die in einer konservativen Gesellschaft einen unbändigen Hunger nach Freiheit hatte.
Außerdem porträtierte er die Ikonen der Beat-Generation. In der Urfassung unter ihren richtigen Namen, in dem 1957 veröffentlichtem Roman unter Pseudonymen. Sal Paradise (Buch) ist Jack Kerouac. Dean Moriarty ist Neal Cassady, Marylou ist Luanne Henderson, Camille ist Carolyn Cassady, Old Bull Lee ist William S. Burroughs, Carlo Marx ist Allen Ginsberg, Jane ist Joan Vollmer, Galatea Dunkle ist Helen Hinkle, Ed Dunkle ist Al Hinkle, Terry ist Bea Franco undsoweiter.
Der Roman schildert, unterteilt in fünf Bücher, die, bis auf das letzte Buch, jeweils eine Reise schildern, mehrere Reisen von Jack Kerouac durch die USA und seine Beziehung zu Neal Cassidy, der für ihn eine Art Vorbild war. Dabei folgt er, vor allem weil die Reisen von Kerouac oft, außer dem Wunsch am anderen Ende des Landes jemand zu treffen, kein richtiges Ziel hatten, der episodischen Chronologie der Straße, die das Gegenteil der konventionellen Dramaturgie mit Anfang-Mitte-Ende ist. Eben deshalb wurde „On the Road“ auch immer für unverfilmbar gehalten. Denn wie soll man ein Buch, das keine Geschichte erzählt, verfilmen? Vor allem ohne die Zuschauer mit endlosen Wiederholungen, die immer wieder, an verschiedenen Orten, letztendlich das gleiche erzählen, zu langweilen?
Walter Salles (Central Station, Die Reise des jungen Che) nahm in seiner Verfilmung den einfachen Weg, in dem er sich weitgehend an Jack Kerouacs Roman hält und dessen Reisen und Erlebnisse chronologisch, mit einigen notwendigen Kürzungen und Umstellungen, schildert.
Dabei versucht er, oft mit der Handkamera und nah bei den Schauspielern, die Lebensenergie der Charaktere und die Energie des Bebop, der damals von ihnen bewunderten Musik, einzufangen.
Und „On the Road“ ist auch wie eine Bebop-Improvisation während eines Konzertes: schnell, energetisch, etwas zerfetzt – und am Ende auch etwas lang, wenn Jack Kerouac noch eine und noch eine Reise unternimmt.
Doch was damals neu und in einer konservativen Gesellschaft (Seht euch einfach noch einmal einen Doris-Day-Film an.) skandalös war, – Sex mit wechselnden Partnern, Untreue, Scheidungen, exzessiver Drogengebrauch -, taugt heute nicht mehr zum Skandal, sondern ist einfach Teil jeder Jugendkultur und der Selbstfindung nach der Pubertät. Denn die meisten Charaktere in Kerouacs „On the Road“ sind erstaunlich jung. Kerouac ist 1922 geboren und damit, mit Mitte Zwanzig, der Älteste. Und er war im Krieg; was in „On the Road“ allerdings höchstens in Nebensätzen, wenn er mal wieder einen Veteranenscheck erhält, angesprochen wird. Neal Cassidy ist 1926 geboren, war „ein junger, geheimnisumwobener Knacki“, der gerade die kaum jüngere, 16-jährige Louanne geheiratet hatte. Allen Ginsberg ist ebenfalls Jahrgang 1926. Der von ihnen bewunderte William S. Burroughs, den sie 1949 auf einer Reise besuchen, ist Jahrgang 1914, und seine Freundin Joan Vollmer, die er 1951 in Mexiko bei einem Wilhelm-Tell-Spiel erschoss, ist Jahrgang 1923.
„On the Road“ ist ein ehrenwerter, aber auch etwas zu vorsichtiger Versuch, den Roman zu verfilmen. Denn letztendlich hält Salles sich zu sehr an den Roman, der ja auch ein fiktionalisierter Tatsachenbericht mit eher karg gezeichneten Personen ist, die sich während der in dem Roman geschilderten Jahre kaum verändern. Und sie erscheinen im Film glamouröser als im Buch, das (ich habe eben die Urfassung gelesen) ein erstaunlich nüchternes und ungeschöntes Bild von ihnen zeichnet. Hier erscheint das Unterwegs-Sein oft weniger als die Suche nach etwas, als die Flucht vor Verantwortung. So verteilt Neal Cassady seine Ehefrauen und Geliebten, samt der von ihm gezeugten Kinder, über das gesamte Land und, weil er ständig pleite ist, zahlt er auch keine Alimente.
Deshalb hätte ich es interessanter gefunden, wenn Walter Salles, wie David Cronenberg bei seiner William-S.-Burroughs-Verfilmung „Naked Lunch“, auch auf die Entstehung des Romans eingegangen wäre und er so ein komplexeres Spiel zwischen Fiktion und Realität gewagt hätte oder wenn er sich deutlicher auf einen bestimmten Aspekt des doch arg mäanderten Romans beschränkt hätte, zum Beispiel auf die Beziehung von Jack Kerouac zu Neal Cassady als die Suche nach einer Vaterfigur. Der erste Satz der Urfassung „Zum ersten Mal traf ich Neal, kurz nachdem mein Vater gestorben war…“ legt diese Lesart ja nahe.
Obwohl, dann die Kritiker, die jetzt über zu viel Textnähe jammern und den Film als zu brav kritisieren, dann sicher über eine zu freie Bearbeitung des Kultbuches jammern würden.
Letztendlich trifft Walter Salles mit seiner Kerouac-Verfilmung den Ton des damals revolutionären Romans doch ziemlich gut. Dummerweise ist das, was damals tabubrechend war und so niemals verfilmt worden wäre, heute gar nicht mehr so aufregend und die Sehnsucht nach der Freiheit der Landstraße wurde seitdem in zahlreichen Road-Movies immer wieder thematisiert.
On the Road (On the Road, USA/GB/F/BR, 2012)
Regie: Walter Salles
Drehbuch: Jose Rivera
LV: Jack Kerouac: On the Road, 1957 (Unterwegs)
mit Garrett Hedlund, Sam Riley, Kristen Stewart, Amy Adams, Tom Sturridge, Kirsten Dunst, Viggo Mortensen, Steve Buscemi, Terrence Howard, Alice Braga
Länge: 137 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage in der Urfassung
Jack Keroauc: On the Road – Die Urfassung
(übersetzt von Ulrich Blumenbach)
rororo, 2011
576 Seiten
9,99 Euro
(ab Seiten 439 die Nachworte: Howard Cunnell: Diesmal schnell – Wie Jack Kerouac ‚Unterwegs‘ schrieb; Penny Vlagopoulos: Die Neuerfindung Amerikas – Kerouacs Nation von ‚Untergrundmonstern‘; George Mouratidis: ‚Ins Herz der Dinge‘ – Neal Cassady und die Suche nach dem Authendischen; Joshua Kupetz: ‚Der gerade Weg führt nur zum Tod‘ – Die Urfassung von ‚Unterwegs‘ und die zeitgenössische Literaturtheorie)
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Originalausgabe der Urfassung
On the Road: The Original Scroll
Viking Penguin, 2007
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Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Rotten Tomatoes über „On the Road“
Wikipedia über die Verfilmung „On the Road“ (englisch), den Roman „On the Road“ (deutsch, englisch) und Jack Kerouac (deutsch, englisch)
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Bonusmaterial
DP/30-Interview mit Walter Salles, Kristen Stewart und Garrett Hedlund
Die Cannes-„On the Road“-Pressekonferenz mit vielen, vielen Teilnehmern
Und eine Doku über „On the Road“ – mit Jack Kerouac höchstpersönlich


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