Drehbuch: Bruno Tardon, Patrick Dewolf, Patrice Leconte, Michel Blanc
Zwei flüchtige Verbrecher wollen ein Kasino ausrauben.
Damals gefiel mir im Kino der französische Kassenhit, der auch in Deuschland im Kino von fast 350.000 Leuten gesehen wurde (Platz 48 der 1985er Besucherstatistik).
Heute immer noch? Ich denke schon, denn: „Ein originelles Drehbuch, flotte Regie und gute Darsteller heben diesen Film über das Mittelmaß der meisten Actionstreifen hinaus.“ (Fischer Film Almanach 1986)
Leconte drehte später die Georges-Simenon-Verfilmung „Die Verlobung des Monsieur Hire“, „Der Mann der Friseuse“, „Die Frau auf der Brücke“ und „Die Witwe von Saint-Pierre“.
mit Bernard Giradeau, Gérard Lanvin, Christiane Jean, Maurice Barrier, Bertie Cortez
Wenn zwei junge Menschen in die Einöde fahren und irgendwann ihr Auto liegen bleibt, dann muss man kein Genrejunkie sein, um sich auszurechnen, was passieren wird. Denn in der Einöde gibt es immer mindestens einen Einsiedler, der die Eindringlinge als Beute betrachtet und sie vor der rituellen Verspeisung noch ordentlich quälen will.
Allerdings hat Wolfgang Weigl in seinem Spielfilmdebüt gar keinen Survival-Horrorthriller, sondern einen Liebesfilm gedreht. Das Spiel mit den Thriller-Erwartungen sollte die Zuschauer nur auf eine falsche Fährte locken.
Das ist ihm gelungen.
Allerdings stehen sich in dem optisch beeindruckendem „Blindlings“ der Liebesfilm und der Horrorfilm im Weg. Die Horrorfilm-Elemente sind letztendlich nur falsche Fährten, der Liebesfilm plätschert vor sich hin, weil das frühere Liebespaar Max und Eva meistens getrennt durch den winterlichen Wald stolpert. Immerhin taucht sie, knapp bekleidet, in seinen Fantasien auf und redet mit ihm.
So ist „Blindlings“, das eine Metapher über vereiste Gefühle, Sprachlosigkeit und Irrtümer sein will, eine zähe Liebesgeschichte über das Ende einer Liebe, in der Max, Eva und der Einsiedler sich möglichst bescheuert benehmen. Der Einsiedler huscht durch den Wald und, vor allem nachdem deutlich wird, dass er sie nicht zum Abendessen verspeisen will, ist sein Verhalten nur noch seltsam. Max und Eva stolpern die meiste Zeit getrennt durch den Wald und rufen den Namen des anderen. Warum sie nicht gemeinsam loslaufen, warum sie nicht am Auto aufeinander warten und Hupsignale geben, warum sie stattdessen den Namen des anderen in den Wald rufen, bleibt nebulös. Das Ende des Films funktioniert sogar nur, weil er, gegen jede Vernunft, nichts sagt.
Das Bonusmaterial ist definitiv einen Blick wert und auch der Audiokommentar von Wolfgang Weigl ist sehr informativ.
Blindlings (D 2009)
Regie: Wolfgang Weigl
Drehbuch: Wolfgang Böhm, Florian Puchert, Wolfgang Weigl
mit Mirkus Hahn, Barbara Romaner, Klaus Stiglmeier
Mit knapp achtzig Minuten (ohne Abspann) ist „Point Blank – Aus kurzer Distanz“ das filmische Äquivalent zu einem Punk-Song. Und vielleicht gibt es, wie bei Fred Cavayés erstem Film „Ohne Schuld“ (Pour elle, Fr 2008), wieder ein Hollywood-Remake, das dann gute vierzig Minuten mehr Zeit zum Erzählen der Geschichte braucht. Denn das „Ohne Schuld“-Remake „72 Stunden – The next three Days“ (USA 2010) über einen Lehrer, der seine unschuldig im Gefängnis sitzende Frau befreit, dauert über 130 Minuten, ohne dem Original irgendetwas wesentliches beizufügen.
Auch in „Point Blank“ muss ein Normalo eine Entscheidung treffen, die sein gesamtes Leben beeinflusst. Wobei; – die Bösewichter für ihn die Entscheidung getroffen haben, nachdem der Krankenpfleger Samuel Pierret (Gilles Lellouche) während der Nachtwache einen Besucher, der den schwerverletzten Hugo Sartet (Roschdy Zem) umbringen wollte, verscheucht.
Als Pierret von der Nachtschicht nach Hause kommt, haben die Verbrecher seine hochschwangere Frau als Geisel genommen. Sie wollen, dass er Sartet aus dem Krankenhaus schmuggelt.
In letzter Sekunde patzt er und die Beiden befinden sich auf der Flucht. Dabei muss Pierret, dessen größtes Verbrechen bisher wahrscheinlich ein Bei-rot-über-die-Ampel-gehen war, feststellen, dass der Einbrecher Sartet von korrupten Polizisten, die über Leichen gehen, gejagt wird. Diese Zögern auch nicht, Pierret im Fernsehen als kaltblütigen Polizistenkiller hinzustellen.
„Point Blank – Aus kurzer Distanz“ beeindruckt mit knackigen, altmodisch-realistischen Actionszenen, überraschenden Wendungen und einer hinterfotzigen Geschichte mit einem ordentlichem Schuss Hitchcock.
Als Bonusmaterial gibt es ein fünfzigminütiges „Making of“, das als Drehbericht einige interessante Einblick in den Film und die Dreharbeiten vermittelt. Aber im Vergleich zum Film ist dieser Blick hinter die Kulissen eindeutig zu lang geraten ist.
Point Blank – Aus kurzer Distanz (À bout portant, Frankreich 2010)
Regie: Fred Cavayé
Drehbuch: Fred Cavayé, Guillaume Lemans
mit Gilles Lellouche, Roschdy Zem, Elena Anaya, Gérard Lanvin, Mireille Perrier, Claire Pérot, Moussa Maaskri, Pierre Benoist, Valérie Dashwood
Gut, davor gibt es um 20.15 Uhr Rainer Werner Fassbinders „Fontane – Effi Briest“ (D 1974) und danach, um 23.55 Uhr, sein Regiedebüt, den Kurzfilm „Der Stadtstreicher“ (D 1965), aber für Krimifans ist natürlich erster Spielfilm „Liebe ist kälter als der Tod“ (D 1969) viel wichtiger.
Arte, 22.30
Liebe ist kälter als der Tod (D 1969, R.: Rainer Werner Fassbinder)
Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder
Zuhälter Franz will nicht für das Syndikat (aka die US-Mafia) arbeiten. Zusammen mit dem Killer Bruno und der Hure Joanna plant er einen Bankraub. Aber zwei von den dreien spielen falsch.
Ein Gangsterdrama, das ein anderes Bild vom Verbrechen zeichnet als die Edgar-Wallace- und Stahlnetz-Filme und deutlich seine Vorbilder zitiert.
„Aus all diesen Versatzstücken und Zitaten wurde indes ein persönlicher Film, der sich auch von vergleichbaren Arbeiten anderer junger Regisseure der Zeit unterscheidet, von Lemkes ’48 Stunden bis Acapulco‘ und Thomes ‚Detektive‘: er ist schäbiger, trostloser und noch hollywoodferner als diese beiden anderen Münchner Kriminalfilme.“ (Wilhelm Roth, in Rainer Werner Fassbinder, Reihe Film 2, Carl Hanser Verlag, 1985)
mit Ulli Lommel, Hanna Schygulla, Rainer Werner Fassbinder, Hans Hirschmüller, Ingrid Caven, Irm Hermann, Yaak Karsunke (als Kommissar)
Die Astronauten Bower (Ben Foster) und Payton (Dennis Quaid) erwachen auf dem Raumschiff „Elysium“ ziemlich unsanft aus dem Kälteschlaf. Schnell bemerken sie, dass das Raumschiff sich in einem desaströsem Zustand befindet und sie nicht allein an Bord sind.
Optisch beeindruckendes, durchaus kurzweiliges Science-Fiction-B-Picture, bei dem die Story letztendlich eher abstrus als logisch ist. Aber Alvart hatte damals weitere Teile geplant.
Alvart drehte vorher den Thriller „Antikörper“.
mit Dennis Quaid, Ben Foster, Antje Traue, Cam Gigandet, Cung Le, Wotan Wilke Möhring
Des Schriftstellers Alptraum (hilflos ans Bett gefesselt in den Händen eines fanatischen Fans), des Zuschauers Vergnügen. Eine der besten Verfilmungen des Grandmasters der Mystery Writers of America.
Kathy Bates erhielt für ihre furchterregende Darstellung der helfenden Krankenschwester den Oscar, den Chicago Film Critics Association Awards und den Golden Globe als beste Schauspielerin.
Mit James Caan, Kathy Bates, Richard Farnsworth, Lauren Bacall, Frances Sternhagen
In seinem Audiokommentar betont John Carpenter immer wieder, dass „Assault – Anschlag bei Nacht“ aus heutiger Sicht zu langsam erzählt sei und es ist beim Wiedersehen mit diesem Klassiker auch auffällig, wie viel Zeit er sich für das Set-Up nimmt. Immerhin dauert es eine halbe Stunde, bis es zu dem legendären Mord am Eiscremewagen kommt und erst nach vierzig Filmminuten beginnt die Belagerung des Polizeireviers von sich im Dunkeln versteckenden und aus dem Hinterhalt schießenden Straßengangmitgliedern.
Carpenters filmisches Vorbild für diese Belagerung, und daraus machte er nie einen Hehl und auch in seinem Audiokommentar betont er es mehrmals, ist Howard Hawks Western „Rio Bravo“, den er in die Gegenwart und nach Los Angeles verlegte, wo er lange nach Orten suchte, die bedrohlich genug für seinen Film aussahen.
Dabei ist diese erste Hälfte nicht langweilig. In ihr werden die einzelnen Charaktere (die sich aus verschiedenen Ethnien zusammensetzenden Gangmitglieder, der afroamerikanische Revierchef für eine Nacht, die junge Sekretärin des Reviers, der psychopathische Häftling, das kleine Mädchen, das am Eiscremewagen kaltblütig erschossen wird und ihr rachedurstiger Vater, der vor den Verbrechern in das Polizeirevier flüchtet) und das eigentlich schon geschlossene und deshalb nicht mehr arbeitsfähige Polizeirevier (das deshalb auch in der Großstadt von der Welt so abgeschnitten ist wie Rio Bravo) vorgestellt. Hier, in seinem ersten echten Spielfilm (immerhin drehte er sein Regiedebüt „Dark Star“ über mehrere Jahre; in „Assault“ hatte er dagegen ein Low-Budget-Budget, einen straffen Drehplan und richtige Schauspieler), zeigt er sich schon als ein Meister der Suspense.
Denn vom ersten Bild an liegt die bedrohliche Stimmung von nahendem Unglück, wie ein herannahendes Gewitter an einem schwülen Sommertag, über dem Film. Dass am Anfang von „Assault“ Polizisten in einen Hinterhalt Mitglieder einer Straßengang kaltblütig erschießen, hilft beim Kreieren dieser Stimmung. Und natürlich der von John Carpenter eingespielte, hypnotische Soundtrack. Als John T. Chance (so hießt John Wayne in „Rio Bravo“) übernahm Carpenter auch den Schnitt.
Das Breitwandbild verschafft dem Film auch optisch eine Western-Atmosphäre. Die Charaktere sind typische Western-Charaktere, die letztendlich ihrem Moralkodex folgen: der Polizist, der ohne zu klagen die Station verteidigt und schon vom ersten Bild an larger than life ist; der Verbrecher, der sich nichts gefallen lässt und dann doch, natürlich auch getrieben vom Überlebenswillen, ohne zu zögern sein Leben für die anderen Geisel einsetzt; die Frau, die auch mit der Waffe umgehen kann und keinen Beschützer braucht.
Und die Gewaltausbrüche sind plötzlich, heftig und auch mit einer Portion Zynismus inszeniert.
Nach „Assault“ inszenierte John Carpenter den unterschätzten und ziemlich unbekannten TV-Thriller „Das unsichtbare Auge“, die Horrorfilmklassiker „Halloween – Die Nacht des Grauens“ (der weitere Nächte, von anderen Regisseuren inszeniert, folgten), „The Fog – Nebel des Grauens“ und die SF-Klassiker „Die Klapperschlange“ und „Das Ding aus einer anderen Welt“, das zunächst an der Kinokasse floppte und inzwischen kultig verehrt wird. In Deutschland war der Film bis August 2009 indiziert.
Mit der Stephen-King-Verfilmung „Christine“, der herzigen „E. T.“-Variante für Erwachsene „Starman“ und der durchgeknallten Action-Comedy „Big Trouble in Little China“ (die inzwischen im allgemein Ansehen gestiegen ist) setzte er seine Serie von bemerkenswerten Filmen fort. Seine späteren Filme „Die Fürsten der Dunkelheit“, „Sie leben!“, „Jagd auf einen Unsichtbaren“, „Die Mächte des Wahnsinns“, „Das Dorf der Verdammten“, sein grottiges „Die Klapperschlange“-Remake „Flucht aus L. A.“, sein indizierter Vampirwestern „Vampire“ (der mir gefiel), sein lärmiger Zombies-auf-dem-Mars-Western „Ghosts of Mars“ und, zuletzt, „The Ward“ konnten dann, trotz interessanter Aspekte, nicht mehr an die Erfolge seines Frühwerks anknüpfen.
„Assault“ war bis zum 31. März 2005 in Deutschland indiziert. Jetzt ist er ab 16 Jahre freigegeben und, auch wenn weniger Blut fließt als in einem neuen Actionfilm, verfehlt er nicht seine Wirkung als spannender, harter Thriller mit zahlreichen filmischen Referenzen. Neben „Rio Bravo“ sind die deutlichsten Referenzen an George A. Romeros Zombie-Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“, in dem Zombies ein abgelegenes Haus über eine Nacht belagern und ein Afroamerikaner der Held ist.
Die Qualitäten des Thrillers wurden, wie auch Carpenter in seinem informativen und selbstkritischen Audiokommentar und dem auf der Blu-ray und DVD enthaltenem Publikumsgespräch sagt, in Europa von den Filmkritikern sofort erkannt. In den USA waren die Kritiken solala und auch an der Kinokasse lief der Film solala. Heute ist er ein Klassiker, der in keiner Liste der besten Actionfilme der siebziger Jahre fehlt und auch in vielen Listen der besten Actionfilme aller Zeiten vertreten ist.
Ein Wiedersehen mit dem Film zeigt auch warum: „Assault – Anschlag bei Nacht“ ist ein ökonomisch erzählter, harter, zynisch-illusionsloser Thriller, der intelligent und überraschend bekannte Western-Muster in die Gegenwart transferiert.
Die Limited Collector’s Edition von Capelight
Wow! Das beginnt schon mit dem schicken Retro-Cover (Tausendmal besser als das alte, doch ziemlich billig aussehende Cover) und der Verpackung. Drin sind neben einem Booklet der Film auf Blu-Ray (fantastisches Bild!) und DVD und eine weitere DVD mit der gut einstündigen Dokumentation „Do you remember Laurie Zimmer?“, in der Charlotte Szlovak vor zehn Jahren die Hauptdarstellerin von „Assault“ suchte. Denn kurz nach dem Film verschwand Laurie Zimmer aus Hollywood. Szlovak, die damals mit Laurie Zimmer einige Aufnahmen für ein Filmprojekt machte, fragte sich, was mit ihr geschah.
Assault – Anschlag bei Nacht (Assault on Precinct 13, USA 1976)
Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter
mit Austin Stoker, Darwin Joston, Laurie Zimmer, Martin West, Tony Burton, Charles Cyphers, Nancy Loomis, Peter Bruni
auch bekannt als „Das Ende“ und „Anschlag bei Nacht“
Ton: DD 2.0 (mono, remastered), Deutsch und Englisch & DD 5.1 Deutsch und Englisch (DVD), DTS-HD Master Audio 2.0 (mono, remastered) Deutsch und Englisch & DTS-HD Master Audio 5.1 Deutsch und Englisch (Blu-Ray)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Audiokommentar von John Carpenter (deutsch untertitelt), Interview mit John Carpenter und Austin Stoker, Original Kinotrailer, 2 Radio-Spots, Dokumentation „Do You Remember Laurie Zimmer?“ (deutsch untertitelt), Booklet
Matrix (USA 1998, R.: Andy Wachowski, Larry Wachowski)
Drehbuch: Andy Wachowski, Larry Wachowski
Hacker Neo ist der nette Nerd von nebenan, bis er erfährt, dass die Wirklichkeit nicht die Wirklichkeit ist und dass er der Erlöser ist.
Kommerziell unglaublich erfolgreicher, Hugo- und Nebula-nominierter Science-Fiction-Klassiker, in dem es erstmals gelang, die Ideen der Cyberpunk überzeugend in einen Realfilm zu transportieren. Die beiden Fortsetzungen „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“ sind dagegen ein Fall für die filmische Mülltonne und auch bei der „Matrix“ kann man sich an einigen groben Logikfehlern und Widersprüchen stoßen. Z. B.: Warum sollten die Maschinen uns Menschen mit einer Computersimulation betäuben? Warum sollten wir Menschen aus der Computersimulation ausbrechen wollen? Vor allem, wenn die Erde ungefähr so bewohnbar wie die dunkle Seite des Mondes ist.
Danach, um 22.45 Uhr, läuft „Matrix Revolutions“.
mit Keanu Reeves, Laurence Fishburne, Carrie Anne Moss, Hugo Weaving, Gloria Foster, Joe Pantoliano
Wenn einige junge Amerikaner eine Rucksacktour durch Europa machen, besuchen sie die üblichen Touristenattraktionen.
Wenn die jungen Amerikaner nach Osteuropa gehen, weichen sie immer noch nicht von ihrem geplanten Touristenprogramm ab.
Aber selbstverständlich lassen sie sich einen Ausflug nach Tschernobyl nicht entgehen. Genaugenommen Pripyat, das einen Steinwurf weit weg von den zerstörten Reaktoren ist. Und zu Hause können sie dann mit einem besonderen „Mein Besuch in der Todeszone“-Erlebnis protzen.
Wenn diese Rucksacktouristen die Protagonisten eines Films sind, dann ist dieser Ausflug keine lauschige Landpartei mit, wenn der Geigerzähler etwas ausschlägt, mildem Gänsehautfaktor.
Nein. Dann ist Tschernobyl keine vor einem viertel Jahrhundert verlassene, menschenleere Gegend, sondern irgendwelche mutierten Tiere und andere Wesen sind immer noch da und die Überlebensaussichten der Touristen tendieren gegen Null.
Das haben wir schon oft gesehen und „Chernobyl Diaries“ hält sich auch brav an die Genrekonventionen. Aber trotzdem ist der von Regiedebütant Brad Parker, nach einer Geschichte von Oren Peli (der auch diesen Film und „Paranormal Activity“ produzierte), Carey van Dyke und Shane van Dyke, inszenierte Film einen Blick wert. Denn sie erzählen die Geschichte fast schon altmodisch gemütlich. Sie lassen sich, bis zum ersten Angriff, viel Zeit. Vieles bleibt im Dunklen – und damit der Fantasie des Zuschauers überlassen, der im Zweifelsfall viel schlimmere Bilder imaginiert, als die Macher zeigen können. Sowieso konzentriert Parker sich mehr auf das Schaffen von Suspensemomenten als auf Schocks und Blut. Die Schauspieler und die improvisierten Dialoge sind okay. Oscar-verdächtige Leistungen erwartet in so einem Film sowieso niemand.
Das größte Plus des in Belgrad und der Umgebung von Budapest gedrehten Film (immerhin ist bei diesem Film verständlich, warum nicht vor Ort gedreht wurde) sind die Locations: die herbstliche Landschaft (gedreht wurde im November) und die verlassene Trabantenstadt, die von den Jugendlichen erkundet wird. Diese Bilder einer von Menschen verlassenen und jetzt verfallenden Stadt beklemmen – und sind der Grund, den 08/15-Horrorfilm anzusehen.
Ach ja, und wer Pripyat besuchen will, kann das ganz legal tun. Denn es gibt inzwischen Touren in das verseuchte Gebiet.
Chernobyl Diaries (Chernobyl Diaries, USA 2012)
Regie: Brad Parker
Drehbuch: Oren Peli, Carey van Dyke, Shane van Dyke (nach einer Geschichte von Oren Peli)
mit Devin Kelley, Jonathan Sadowski, Ingrid Bolsø Berdal, Olivia Taylor Dudley, Jesse McCartney, Nathan Phillips, Dimitri Diatchenko
Amigo – Bei Ankunft Tod (D/I 2010, R.: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
LV: Lars Becker: Amigo, 1991
Zwei BKA-Ermittler sollen in Neapel einen vor zwanzig Jahren untergetauchten RAFler verhaften. Die Verhaftung geht schief und der RAFler macht sich auf den Weg nach Hamburg. Dort will er den Mann, der ihn an die Polizei verriet, zur Strecke bringen.
Seltsam, seltsam, dass Lars Becker seinen zwanzig Jahre alten Krimi, bei dem das Zeitkolorit sehr wichtig war, erst 2010 verfilmt. Entsprechend aus der Zeit gefallen und anachronistisch wirkt „Amigo“ dann auch über weite Strecken.
mit Tobias Moretti, Jürgen Prochnow, Florian David Fitz, Luca Ward, August Zirner, Ina Weisse, Uwe Ochsenknecht
Mit „Alleingang“ legt Wolfgang Brenner, wieder einmal bei einem anderen Verlag, einen durchaus gelungenen Politthriller vor, in dem eine Soldatenbraut sich fragt, warum die deutsche Regierung ihren Mann für tot erklärt, während er mit ihr telefoniert, geheimnisvolle Andeutungen macht und er befürchtet, ermordet zu werden. Außerdem darf sie während der Trauerfeier seine Leiche nicht sehen. Er sei, so die offizielle Erklärung, bei dem Selbstmordanschlag in Kundus bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt worden.
Sie versucht nun herauszufinden, was mit ihrem Mann geschah, der auf seiner letzten Videobotschaft an sie gar nicht mehr nach dem korrekten, auf Äußerlichkeiten achtenden Vorbild-Soldaten aussah, und warum sie vom Militär belogen wird. Gleichzeitig will sie ihren neunjährigen Sohn beschützen. Denn wenn die seltsamen Warnungen ihres Mannes stimmen, schweben sie in Lebensgefahr.
Die Geschichte ist, wie bei Wolfgang Brenner nicht anders zu erwarten, gut entwickelt und auch gut erzählt.
Aber „Alleingang“ liest sich, mit seinen wenigen Schauplätzen (die Geschichte spielt hauptsächlich in dem Haus der Soldatenbraut in Koserow auf Usedom und einigen zum Militär gehörenden Büros in Berlin ) und dem überschaubarem Personal, wie die Romanfassung eines guten 20.15-Uhr-TV-Films. Nur das Ende dürfte heute im deutschen Fernsehen so nicht mehr akzeptiert werden.
Silentium (Österreich 2004, R.: Wolfgang Murnberger)
Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Josef Hader, Wolf Haas
LV: Wolf Haas: Silentium!, 1999
Jetzt ist schon wieder etwas passiert. In Salzburg. Der Schwiegersohn des Festivalpräsidenten ist vom Mönchsberg hinuntergepurzelt. Und vielleicht war es Mord. Jedenfalls hat er vor einigen Tagen Unschönes von seiner Schulzeit im Knabenkonvikt erzählt. Jetzt soll der Brenner die Sache aufklären – und wir haben viel Spaß mit den Ermittlungen des Privatdetektivs und der schonungslosen Abrechnung mit der Salzburger Festival-High-Society und der Kirche.
Erstaunlich, aber nach meinen Unterlagen und einer Internet-Schnellrecherche ist das heute die TV-Premiere von „Silentium“, dem zweiten Brenner-Film der nahtlos und sehr prominent besetzt an die Qualitäten des ersten Brenner-Films „Komm, süßer Tod“ anknüpft.
mit Josef Hader, Simon Schwarz, Joachim Król, Maria Köstlinger, Udo Samel, Jürgen Tarrach, Rosie Alvarez, Georg Friedrich, Anne Bennent, Wolfgang S. Zechmayer, Christoph Schlingensief, Herbert Fux, Wolf Haas
In der Batman-Geschichte „Kaputte Stadt“ machen Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso dort weiter, wo sie in der fantastische Noir-Serie „100 Bullets“ aufhörten. Düsterer sah Gotham City wahrscheinlich nie aus und unser Held Batman benimmt sich die meiste Zeit wie ein vigilantischer Rächer, der bedenkenlos foltert bis er die Antwort bekommt, die er von Anfang an hören wollte.
Er sucht den Mörder von Elizabeth, der jungen Schwester des halbseidenen Autohändlers Angel Lupos, deren Leiche auf einer Müllkippe gefunden wurde. Batman glaubt, dass Waylon „Killer Croc“ Jones das Mädchen in Lupos‘ Auftrag ermordete und auf seiner Jagd nach ihm nimmt er keine Rücksichten.
Als „Batman – Kaputte Stadt“ entstand, waren die USA nach 9/11 gerade mitten im Antiterrorkampf und die US-Regierung versuchte alles, um Folter als probate Verhörmethode zu legitimieren. Brian Azzarello und Eduardo Risso reflektieren diese Stimmung in ihrem düsteren Comic, der damals ein bitterböser tagespolitischer Kommentar über den „war on terror“ war und heute vor allem wegen der Zeichnung des Helden verstört. Denn Batman ist ein humorlosen Folterer, der anderen bedenkenlos Schmerzen zufügt, weil er sich im Recht sieht und sich die Beweise nach eigenem Gusto zurechtlegt. Genau wie damals die in Washington um Präsident George Bush jr. regierende Clique von Neokonservativen, die sich die Welt so zusammenbastelten, wie es ihnen gefiel.
Die Sympathien des Lesers für Batman sinken, bis zum Schluss, wenn Batman erkennt, dass das Motiv für seine Vendetta der Tod seiner Eltern war und er in Arkham, Gothams Anstalt für geisteskranke Schwerverbrecher, seinen alten Gegner, den Joker, trifft, auf den Gefrierpunkt.
„Kaputte Stadt“ ist ein sarkastischer Blick in die US-Seele. Dieses Mal nicht im „100 Bullets“-, sondern im „Batman“-Kosmos.
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Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt
Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Wolf Haas, Josef Hader
LV: Wolf Haas: Komm, süßer Tod, 1998
Ex-Polizist Brenner will bei den „Kreuzrettern“ als Sanitäter nur eine ruhige Kugel schieben. Aber einige mysteriöse Mordfälle verhageln seinen Plan.
„Komm, süßer Tod“ erhielt 1999 den Deutschen Krimipreis und galt als unverfilmbar, bis Josef Hader und Wolfgang Murnberger sich ans Drehbuch setzten und einen Kinohit drehten.
„So viel abgefeimten Wortwitz, makabre Situationskomik und wunderbar verquere Charaktertypen,…, hat man schon lange nicht mehr im Kino erlebt. Fast jede einzelne Szene hat Film-noir-Klasse. Die Krimihandlung ist abstrus, aber clever konstruiert, deren eigenwillige Rasanz ein Lob der Langsamkeit. Wien fährt und läuft Amok, aber immer mit einem guten Schmäh auf den Lippen.“ (Dullinger, AZ, 20. 9. 2001)
2004 (in Deutschland 2005) startete der zweite Brenner-Krimi „Silentium“ im Kino: gleiches Team, gleiche Qualität. Der dritte Brenner-Krimi „Der Knochenmann“, wieder mit dem bewährten Team, folgte 2008.
Morgen zeigt 3Sat um 22.25 Uhr „Silentium“.
Mit Josef Hader, Simon Schwarz, Barbara Rudnik, Nina Proll, Bernd Michael Lade
Obwohl mir das Rockpalast-Konzert der Alternative-Country-Rocker „Green on Red“ (Dan Stuart, Chuck Prophet, Chris Cacavas, Jack Waterson und Daren Hess) besser gefällt als ihr Auftritt im Rialto Theater in Tucson, Arizona, ist auch dieser denkwürdige Auftitt (ihre Reunion) hörenswert:
Mehr über „Green on Red“ auf ihrer Homepage, Wikipedia (deutsch, englisch) und Blue Rose (mit einer schönen Besprechung des Rialto-Konzerts; die CD/DVD ist nicht mehr erhältlich).
Elite-Cop Drieu wird in ein kleines Revier bei Marseille, das demnächst geschlossen wird und dessen Polizist vollkommen demotiviert sind, versetzt. Aber Drieu akzeptiert die laxe Arbeitshaltung seiner Kollegen nicht. Außerdem entdeckt er Verbindungen zwischen einigen Verbrechen, die auf den ersten Blick nicht miteinander zu tun haben.
Der Quasi-Western „Unter Beschuss“ (DVD-Titel: Crossfire) reiht sich gelungen in die aktuelle Reihe französischer Kriminalfilme ein, die zeitgemäß aufbereitet, die einheimische Kriminalfilmtradition pflegen und sich an Hollywood-Vorbildern bedienen.
Jesse Stone – Totgeschwiegen (USA 2006, R.: Robert Harmon)
Drehbuch: J.T. Allen, Tom Selleck, Michael Brandman
LV: Robert B. Parker: Death in Paradise, 2001
Dritter Jesse-Stone-Film nach dem dritten Jesse-Stone-Roman. Dieses Mal muss Kleinstadtcop Jesse Stone den Mord an einer 14-jährigen aufklären. Seine Ermittlungen führen ihn in die besseren Kreise von Boston.
Ein weiterer feiner Polizeifilm.
Mit Tom Selleck, Edward Edwards, Viola Davis, John Diehl, William Devane
Freedomland – Das Gesicht der Wahrheit (USA 2006, R.: Joe Roth)
Drehbuch: Richard Price
LV: Richard Price: Freedomland, 1998 (Das Gesicht der Wahrheit)
Brenda Martin sagt, ihr vierjähriger Sohn sei von Schwarzen entführt worden. Eine fieberhafte Suche beginnt. Aber schnell fragt der ermittelnde Polizist Lorenzo Council sich, ob die Mutter die Wahrheit sagt.
Irgendetwas ging da völlig schief. “Freedomland” erlebte, trotz seiner Besetzung und dem Renommee von Price als Roman- und Drehbuchautor (The Wanderers, Clockers, Die Farbe des Geldes, Kiss of death, Kopfgeld, Shaft – und die in den USA erfolgreiche Cop-Serie “The Wire”) seine Deutschlandpremiere als DVD. Die Kritiker und die Zuschauer waren – zu recht – enttäuscht. Stellvertretend:
“Der thematisch wichtige, gut gespielte Film demonstriert, wie aus einem Funken ein Flächenbrand entstehen kann. Dabei bekommt er das Thema des unter der Oberfläche schlummernden Rassismus nur ungenügend in den Griff.” (Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2006)
“For fans of Richard Price’s phenomenal 1998 novel Freedomland, sitting through Joe Roth’s incompetent big-screen translation will feel like you’re watching helplessly as an old friend gets kicked to death by a pack of drooling imbeciles. It’s the kind of literary adaptation that makes you wonder if anyone on the set had even a passing familiarity with the original text. Given that the credited screenwriter turns out to be the novelist himself … well, that’s saying something.” (Sean Burns, Philadelpia Weekly, 22. Februar 2006)
mit Samuel L. Jackson, Julianne Moore, Edie Falco, Ron Eldard, William Forsythe, Philip Bosco