Die Nominierungen für den diesjährigen Agatha Award der Malice Domestic für den besten traditionellen Kriminalroman (vulgo Cozy und damit aus meiner Sicht nicht Hardboiled genug) sind draußen:
Best Novel
• The Real Macaw, von Donna Andrews (Minotaur)
• The Diva Haunts the House, von Krista Davis (Berkley)
• Wicked Autumn, von G.M. Malliet (Minotaur)
• Three Day Town, von Margaret Maron (Grand Central Publishing)
• A Trick of the Light, von Louise Penny (Minotaur)
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Best First Novel
• Dire Threads, von Janet Bolin (Berkley)
• Choke, von Kaye George (Mainly Murder Press)
• Learning to Swim, von Sara J. Henry (Broadway)
• Who Do, Voodoo?, von Rochelle Staab (Berkley)
• Tempest in the Tea Leaves, von Kari Lee Townsend (Berkley)
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Best Non-fiction
• Books, Crooks and Counselors: How to Write Accurately About Criminal Law and Courtroom Procedure, von Leslie Budewitz (Linden Publishing)
• Agatha Christie: Murder in the Making: More Stories and Secrets from Her Notebooks, von John Curran (Harper)
• On Conan Doyle: Or, The Whole Art of Storytelling, von Michael Dirda (Princeton University Press)
• Wilkie Collins, Vera Caspary and the Evolution of the Casebook Novel, von A.B. Emrys (McFarland)
• The Sookie Stackhouse Companion, von Charlaine Harris (Ace)
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Best Short Story
• “Disarming” von Dana Cameron (Ellery Queen Mystery Magazine)
• “Dead Eye Gravy” von Krista Davis (aus „Fish Tales: The Guppy Anthology“, herausgegeben von Ramona DeFelice Long; Wildside Press)
• “Palace von the Lake” von Daryl Wood Gerber (aus „Fish Tales: The Guppy Anthology“)
• “Truth and Consequences” von Barb Goffman (aus „Mystery Times Ten“, herausgegeben von MaryChris Bradley; Buddhapuss Ink)
• “The Itinerary” von Roberta Isleib (aus „Mystery Writers of America Presents The Rich and the Dead“, herausgegeben von Nelson DeMille; Grand Central Publishing)
Drehbuch: Nick Schenk (nach einer Geschichte von Dave Johannson und Nick Schenk)
Das Leben des verbitterten, rassistischen Korea-Veteranen Walt Kowalski gerät aus den gewohnten Bahnen, als er einen Hmong-Nachbarjungen gegen eine Straßengang verteidigt (sie hatten den Fehler begangen ihren Streit auf Kowalskis Rasen austragen zu wollen). Kowalski wird zum Helden der asiatischen Gemeinschaft und die Straßengang will die erlittene Schmach vergelten.
Der bislang letzte Leinwandauftritt von Clint Eastwood. Danach drehte er noch einige weitere Filme. Zuletzt das ziemlich missglückte Biopic „J. Edgar“ über den FBI-Chef J. Edgar Hoover. Denn Eastwood zaudert nicht lange, wenn ihm das Buch gefällt. Oft verfilmt er sogar die erste Fassung (in Hollywood bekannt als die Fassung, mit der die Gespräche beginnen, die aber vor dem Dreh noch mehrmals überarbeitet werden muss). Auch bei „Gran Torino“ änderte Eastwood nichts am Drehbuch.
Gedreht wird auch schnell. „Million Dollar Baby“ war vor der geplanten Drehzeit fertig (und die war mit 39 Tagen auch nicht gerade üppig) und kostete deutlich weniger, als zuerst von den Produzenten zuerst gesagt wurde (normalerweise dürfte es umgekehrt sein; Oh, und auch die zuerst genannten Kosten waren gar nicht so hoch.). Bei „Gran Torino“ waren 35 Drehtage angesetzt. Nach 33 Tagen war der Film im Kasten.
Tja, und, wie schon bei „Million Dollar Baby“ und „Erbarmungslos“ war die Kritik begeistert und wurde nicht müde, über „Gran Torino“ als Alterswerk das ein gutes Vermächtnis wäre, zu fabulieren. Dabei erzählt der Film doch einfach nur eine gute Geschichte.
Trotzdem hat „Gran Torino“ den Dagger als „best big-screen crime thriller story“, den César als bester ausländischer Film und die ganzen anderen Preise verdient.
Mit Clint Eastwood, Christopher Carley, Bee Vang, Ahney Her, Brian Haley, Geraldine Hughes, Dreama Walker, Brian Howe
Um 23.25 Uhr zeigt Arte dann die Verleihung des „Teddy Award“, des schwul-lesbischen Berlinale-Filmpreises, und ab 01.40 Uhr gibt es beim RBB noch etwas Berlinale für Nachteulen.
„Der Mann mit der Narbe“ ist eine echte Entdeckung. Denn der unbekannte Noir hat eigentlich alles, was das Herz des Noir-Fans begehrt: eine düstere, kafkaeske Geschichte, eine noir-typisch expressionistische Kamera von John Alton und mit Paul Henreid („Casablanca“, „Geheimaktion Crossbow“, „Exorzist II“) und Joan Bennett („Die Frau im Fenster“/“Gefährliche Begegnung“, „Straße der Versuchung“, „Affäre Macomber“, „Wir sind keine Engel“) auch zwei bekannte Namen.
Henreid spielt John Muller, einen Ganoven, der sofort nachdem er aus der Haft entlassen wird, seinen nächsten Coup plant: einen Überfall auf ein Casino. Der Überfall geht schief und er muss, gejagt von dem äußerst rachsüchtigem Casino-Besitzer, flüchten. Muller taucht unter in das von ihm verhasste bürgerliche Leben, bis er zufällig erfährt, dass er, bis auf eine Narbe im Gesicht, wie der Zwillingsbruder von Dr. Bartok aussieht. Muller beschließt, zu Dr. Bartok zu werden.
Dieses Doppelgänger-Motiv und der anschließende Identitätstausch wird schön ausgearbeitet. Das geht sogar so weit, dass Niemand den Tod von Dr. Bartok bemerkt und alle sofort Muller als Bartok akzeptieren, obwohl sie, bis auf das Aussehen zwei gänzlich gegensätzlicher Charaktere sind.
Dass der Plan von Muller dann doch nicht aufgeht, ist natürlich auch Noir-typisch. Denn in einem Noir entgeht niemand seinem Schicksal. Egal, wie sehr er sich auch anstrengt.
Allerdings krankt „Der Mann mit der Narbe“ an einigen ziemlich großen Plotlöchern. Das eine hat mit dem Ende zu tun: denn Dr. Bartok hatte auch Probleme mit Verbrechern. Muller hätte das bei seinen Recherchen über Bartok eigentlich herausbekommen müssen. Auch dass Bartok verheiratet ist. So haben wir immerhin die witzige Szene, in der Muller seine Frau erkennen muss, obwohl er keine Ahnung hat, wie sie aussieht.
Das größte Loch im Plot ist allerdings die Narbe von Bartok: wir sollen glauben, dass Muller, der Bartok beobachtete, sich nicht merkte, auf welcher Wange die Narbe ist und er sich dann die falsche Wange aufschlitzt.
Das nimmt dem Film einiges von seiner Kraft. Aber das Erzähltempo stimmt, die Geschichte ist, auch für einen Noir, sehr düster und hoffnungslos und die Kamera von John Alton, der etliche Noirs drehte (zu seinen Filmen gehören: „Geheimagent T“, „Schritte in der Nacht“, „Tödliche Grenze“, „Der Richter bin ich“, „Geheimring 99“, „Elmer Gantry“, und, obwohl nicht genannt, „Der Gefangene von Alcatraz“), ist sehr einfallsreich. Es vergeht kaum eine Minute ohne eine ungewöhnliche Perspektive, eine interessante Szenenauflösung und ein expressionistisches Bild, das man sich am liebsten als Plakat an die Zimmerwand heften würde. Auf optischer Ebene ist „Der Mann mit der Narbe“ ein kleines Film-Noir-Lexikon.
Das macht, trotz Story-Schwächen, den „Mann mit der Narbe“ zu einer kleinen Noir-Perle, die in der schön ausgestatteten „Film Noir Collection“ (es gibt eine Bildergalerie und ein informatives Booklet) veröffentlicht wurde und eindeutig zu den besseren Filmen der in jeder Hinsicht überzeugenden Collection gehört.
Andere Meinungen
„Kolportagehafter Krimi.“ (Lexikon des internationalen Films)
„An extraordinarily bleak film. Alton’s touches of genius include camera tracks round a table of Muller and his cronies; the tension-filled casino hold-up, and the archetypically noir image of Muller silently awaiting his fate in his squalid hotel room, intermittently lit by a flashing neon sign.“ (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir)
„In the world of noir, fate plays a pivotal role, and that is never clearer than in the surprisingly good noir film The Scar (AKA Hollow Triumph).“ (Guy Savage, Noir of the Week)
„Quickly paced, the dense narrative and an almost documentary-like cinematography make Hollow Triumph although not a major, but certainly an unjustly overlooked, film noir. Best of all is the film’s Macbethian-ending, reminiscent of Quai des brumes (Marcel Carne, 1939).“ (Martin S., Film Talk)
Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, USA 1948)
Regie: Steve Sekely
Drehbuch: Daniel Fuchs
LV: Murray Forbes: Hollow Triumph, 1946
mit Paul Henreid, Joan Bennett, Eduard Franz, Leslie Brooks, John Qualen, Mabel Paige, Herbert Rudley, Charles Arnt, George Chandler, Jack Webb (der Erfinder von „Dragnet“/“Polizeibericht Los Angeles“)
alternativer Titel in England „The Scar“
–
DVD
Koch Media (Film Noir Collection 8)
Bild: 1.37:1 (4:3)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: 12-seitiges Booklet von Thomas Willmann, Bildergalerie
Tatort: Platt gemacht (D 2009, R.: Buddy Giovinazzo)
Drehbuch: Stefan Cantz, Jan Hinter
In Köln wird ein Obdachloser mit Frostschutzmittel vergiftet. Die Kommissare Ballauf und Schenk ermitteln im Milieu.
Sehr unterhaltsamer Kölner-Tatort, der erfrischend undidaktisch (Wir reden vom Kölner Tatort) daherkommt und Udo Kier als Penner ist auch die halbe Miete.
Bei pulp master sind jüngst Buddy Giovinazzos neuester Roman “Piss in den Wind” und die Wiederveröffentlichung von “Cracktown” erschienen. Das sind wirklich gute Nachrichten für die Noir-Fans.
mit Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Joe Bausch, Udo Kier, Christian M. Goebel, Michael Schenk, Catherine Flemming, Peter Millowitsch
Im Gegensatz zu Martin Scorsese, der erst jetzt mit „Hugo Cabret“ seinen ersten Kinderfilm drehte, hat Steven Spielberg in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Filme gedreht, die sich explizit auch an ein jüngeres Publikum richteten. „E. T.“, „Hook“ (Hat den jemand gesehen?) und, zuletzt „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ wären zu nennen. Auch „Gefährten“ ist ein Kinderfilm für die schon etwas älteren Kinder mit einigen unpassenden Kriegsszenen, die eher an Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ erinnern.
Im Mittelpunkt seines neuesten Films steht das Pferd Joey. Bei einer Pferdeauktion wird der Hengst von Ted Narracott (Peter Mullan) ersteigert. Seine Frau (Emily Watson, hauptsächlich still leidend und überaus verständnisvoll) ist entsetzt über den hoffnungslos überteuerten Kauf eines für die Landarbeit vollkommen untaugliches Pferdes, das sie in den Ruin stürzen kann. Ihr Sohn Albert (Jeremy Irvine in seinem Spielfilmdebüt), der von Pferden ungefähr soviel Ahnung hat wie ich (nämlich keine), will Joey erziehen und bis zum Beginn des ersten Weltkriegs gelingt ihm das auch prächtig. Dann, nachdem der Film schon ungefähr eine Stunde läuft, erlebt Joey auf dem Kontinent zwischen den Fronten viele Abenteuer, die strikt chronologisch erzählt werden und zwischen Kriegsgräuel und Kitschmelodram pendeln. Spielberg hatte hier wahrscheinlich eine modernisierte Variante von Anthony Manns Western-Klassiker „Winchester 73“, über ein Gewehr, das mehrmals seinen Besitzer wechselt, im Sinn. Aber bestenfalls ist eine im Krieg spielende Variante von „Lassie“ herausgekommen, in dem anstelle eines Hundes ein Pferd versucht wieder nach Hause zu kommen.
Auch Albert hat sich freiwillig verpflichtet und er erlebt die Schrecken des Ersten Weltkriegs als Kanonenfutter in den Gräben des Stellungskrieges.
Dagegen trifft Joey überall auf Pferdeliebhaber und die Absurdität der Geschichte, in der ein Pferd wichtiger als einige Kompanien toter, sterbender oder schwer verletzter Soldaten sind, erreicht ihren Höhepunkt, als Joey sich zwischen den Fronten im Stacheldraht verfängt, extra für die Befreiung des Pferdes eine Kampfpause eingelegt wird und, als der deutsche und der englische Soldat mit ihrer Befreiungsaktion nicht weiterkommen, fliegen ihnen die Bolzenschneider zum Durchschneiden des Drahtes gleich im Dutzend zu. Dass daneben vielleicht noch einige Kameraden im Matsch verrecken, interessiert die Macher nicht. In diesen Momenten will man nicht glauben, dass Spielberg auch „Schindlers Liste“ inszenierte.
Doch schon vor dem Krieg gibt es Szenen von so überirdischer Absurdität, dass man ziemlich fassungslos das Geschehen beobachtet. Denn Joey ist nicht einfach nur ein Pferd, sondern überall das beste Pferd, das sogar einen steinigen Acker in ein fruchtbares Felder verwandeln kann, indem es die Steine unterpflügt und mit dem Pflug einfach in der Mitte zerschneidet. Das ist dann doch etwas zu viel kreative Freiheit.
Und, im Gegensatz zu Martin Scorsese, der nie in Kitsch-Verdacht gerät, hat Steven Spielberg immer auch einen Hang zum süßlichen Kitsch und dem glorifizieren von Familienwerten, die er in „Gefährten“ hemmungslos austobt. Ohne den Hauch einer ironischen Brechung liefert er, so sehr auch einzelne Szenen in sich funktionieren und gelungen sind, letztendlich, abgesehen von den nicht in den Film passenden Kriegsszenen, ziemlich ungenießbaren und überlangen Over-the-Top-Disney-Kitsch, garniert mit fotogenen Sonnenuntergängen, ab.
Gerade im direkten Vergleich zu „Hugo Cabret“ ist „Gefährten“ ein erschreckend schlechter Film.
LV: Michael Morpurgo: War Horse, 1982 (Schicksalsgefährten; Roman und Theaterstück [2007])
mit Peter Mullan, Emily Watson, David Thewlis, Niels Arestrup, Tom Hiddleston, Jeremy Irvine, Benedict Cumberbatch, Toby Kebbell, Celine Buckens, Rainer Bock, David Kross, Eddie Marsan, Hinnerk Schönemann
The Good German – In den Ruinen von Berlin (USA 2006, R.: Steven Soderbergh)
Drehbuch: Paul Attanasio
LV: Joseph Kanon: The Good German, 2001 (In den Ruinen von Berlin)
Als der in Schwarzmarktgeschäfte verwickelte Fahrer des US-JOurnalisten Jake Geismar umgebracht wird und die Alliierten den Mord nicht aufklären wollen, beginnt er auf eigene Faust den Mörder zu suchen.
Soderbergh verfilmte den Roman im Noir-Stil der vierziger Jahre. “The Good German” unterscheidet sich dann auch nicht von einem damaligen Hollywood-Film. Nur wer braucht das heute?
Mit George Clooney, Tobey Maguire, Cate Blanchett, Beau Bridges
Sherlock Holmes auf allen Kanälen: im Kino mit einem Remmidemmi-Film, im Fernsehen mit einer grandiosen BBC-Serie, die im heutigen London spielt, in Comics im Kampf gegen Dracula, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, und jetzt auch im Buch. Der enorm produktive Krimiautor Anthony Horowitz durfte, mit Erlaubnis des „Sir Arthur Conan Doyle Literary Estate“ den Sherlock-Holmes-Roman „Das Geheimnis des weißen Bandes“ schreiben und die Erben haben natürlich aufgepasst, dass Horowitz auch eine nahe am Original stehende Interpretation des Meisterdetektivs ablieferte. Also nichts mit IPhones, übernatürlichen Erscheinungen, postmodern-literarischen Anspielungen und ausufernden Kämpfen, sondern klassische Detektivarbeit, eine Wiederbegegnung mit vielen alten Bekannten (von Mrs. Hudson, Inspector Lestrade und Mycroft Holmes über die Baker-Street-Irregulären, eine Bande von Straßenjungs, die Holmes helfen, bis zu Professor Moriarty sind alle in dieser Geschichte dabei), die von Sherlock Holmes‘ Freund, Dr. John Watson, brav, Jahrzehnte später, aufgeschrieben wurde und dann, weil die Enthüllung des Geheimnisses des weißen Bandes für die damalige Zeit zu ungeheuerlich war, für hundert Jahre in einem Safe deponiert wurde.
Der Fall selbst beginnt für Sherlock Holmes und Dr. John Watson im November 1890, als der Kunsthändler Edmund Carstairs die Baker Street 221 B betritt. Er glaubt, dass Keelan O’Donaghue ihn von Boston nach London verfolgt hat und sich jetzt bei ihm für den Tod seines Bruders und ihrer Verbrecherbande rächen will. Diese hatte bei einem Zugüberfall vier wertvolle Gemälde, die Carstairs gehörten, zerstört und einen Mitarbeiter von Carstairs ermordet. Zusammen mit dem Käufer der Gemälde hatte Carstairs ein Kopfgeld auf die Verbrecher ausgesetzt, die auch kurz darauf in einem Feuergefecht starben. Nur die Leiche von Keelan O’Donaghue wurde nicht gefunden.
Kurz nach dem Gespräch bei Holmes wird bei Carstairs‘ eingebrochen und sein Safe ausgeräumt. Mit Hilfe der Baker-Street-Irregulären findet Sherlock Holmes O’Donaghue in einem Hotel. Allerdings wurde er vor dem Eintreffen von Holmes und Watson bereits ermordet und der Straßenjunge Ross, der den Mörder wahrscheinlich gesehen hat, schweigt.
Als Ross umgebracht wird, wird für Holmes der Fall persönlich. Denn er fühlt sich sich für den Tod des Jungen mitverantwortlich. Und selbstverständlich ignoriert er die Warnung von seinem Bruder Mycroft, der ungefähr jedes Regierungsgeheimnis kennt und der, nachdem er sich nach dem House of Silk erkundigte, in Whitehall bei einem engen Mitarbeiter des Premierministers eine Audienz hatte. Mycroft rät Holmes, sich nicht weiter um den Mord an dem Straßenjungen zu kümmern und keine weiteren Nachforschungen über das House of Silk, das etwas mit den Verbrechen zu tun hat, anzustellen.
„Das Geheimnis des weißen Bandes“ lebt natürlich zu einem großen Teil von unseren Erinnerungen an Sherlock Holmes. Deshalb treten auch, bis auf Irene Adler, alle bekannten und inzwischen für den Sherlock-Holmes-Kosmos kanonisierten Charaktere, auch wenn sie in den Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle gar nicht so viele Auftritte hatten, auf. So ist der Auftritt von Professor Moriarty, dem Meisterverbrecher und Gegner von Sherlock Holmes, für diese Geschichte eine vernachlässigbare Episode, aber für die Holmes-Welt natürlich sehr wichtig. Die beiläufig eingestreuten Hinweise von dem Erzähler John Watson auf andere Fälle von Sherlock Holmes, erfreuen das Herz des Fans. Und das viktorianische London wird wieder lebendig.
Diese Erinnerungen verwebt Anthony Horowitz geschickt mit zwei Fällen, nämlich dem Einbruch bei den Carstairs‘ und dem Tod des Straßenjungen Ross, die zunächst nichts miteinander zu tun haben und am Ende doch miteinander zusammen hängen. Das ist eine unterhaltsame Lektüre, die mich wieder daran erinnert, dass ich mir die Sherlock-Holmes-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle noch einmal und im Original durchlesen will.
TATORT: Bienzle und das Narrenspiel (D 1994, R.: Hartmut Griesmayr)
Drehbuch: Felix Huby
LV: Felix Huby: Bienzle und das Narrenspiel, 1988
Bienzle möchte seiner Hannelore die Ravensburger Fastnacht zeigen. Als ein Mord geschieht und der nach Bienzles Meinung unschuldige Behle inhaftiert wird, muss er den wahren Täter suchen.
Der dritte Bienzle-Tatort ist ein, mit viel Lokalkolorit gewürzter, spannender Fall. Ein großer Teil der Dreharbeiten fand in Ravensburg während der Fastnachts-Tage statt.
Unverständlich, dass dieser Fastnachtskrimi zuletzt vor fünf Jahren im TV lief.
Mit Dietz Werner Steck, Rita Russek, Robert Atzorn, Ulrich Matschoss
Profigangster Trojan, gerade aus dem Knast entlassen, plant gleich seinen nächsten Coup: einen Überfall auf einen Geldtransporter.
Ein guter Hardboiled-Gangsterfilm, der eindeutig vom französischen Kriminalfilm (Melville!) und den harten amerikanischen Krimis beeinflusst ist. So ist der Einfluss von Richard Starks Parker und seinen Epigonen Nolan (von Max Allan Collins) und Wyatt (von Garry Disher) unübersehbar.
Ein erfrischend undeutscher Kriminalfilm, den sich auch Genrejunkies ohne Fremdschäm-Anfälle ansehen können.
mit Mišel Matičević, Karoline Eichhorn, Uwe Bohm, Rainer Bock, Hanns Zischler, Petr Kurth, David Scheller
Nachdem ich von HD auf SD umgeschaltet habe, läuft die fast zweieinhalbstündige Dokumentation von Jamie Benning über „Jäger des verlorenen Schatzes“ auch bei mir und der erste Eindruck ist sehr überzeugend.
Voilà, hier sind die Nominierungen für den diesjährigen Barry-Award, wie ihn die Herausgeber des Deadly Pleasures Mystery Magazine verkündet haben:
Best Novel
• The Keeper of Lost Causes (aka Mercy) (Erbarmen), von Jussi Adler-Olsen (Dutton)
• The Accident (Weil ich euch liebte), von Linwood Barclay (Bantam)
• The Hurt Machine, von Reed Farrel Coleman (Tyrus)
• Iron House (Das eiserne Haus, erscheint am 12. März), von John Hart (Minotaur)
• Hell Is Empty, von Craig Johnson (Viking)
• The Troubled Man, von Henning Mankell (Knopf)
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Best First Novel
• Learning to Swim, von Sara Henry (Crown)
• The Devotion of Suspect X, von Keigo Higashino (Minotaur)
• The Boy in the Suitcase, von Lene Kaaberbøl und Agnete Friis (Soho Crime)
• Turn of Mind, von Alice LaPlante (Atlantic Monthly)
• The Informationist, von Taylor Stevens (Crown)
• Before I Go to Sleep, von S.J. Watson (Harper)
–
Best British Novel
• Now You See Me, von S.J. Bolton (Bantam Press)
• Hell’s Bells, (aka The Infernals), von John Connolly (Hodder & Stoughton)
• Bad Signs, von R.J. Ellory (Orion)
• The House at Sea’s End, von Elly Griffiths (Quercus)
• Outrage, von Arnaldur Indriðason (Harvill Secker)
• Dead Man’s Grip, von Peter James (Macmillan)
–
Best Paperback Original
• The Silenced, von Brett Battles (Dell)
• The Hangman’s Daughter, von Oliver Pötzsch (Mariner Books)
• A Double Death on the Black Isle, von A.D. Scott (Atria)
• Death of the Mantis, von Michael Stanley (Harper Perennial)
• Fun and Games (Der Bewacher), von Duane Swierczynski (Mulholland)
• Two for Sorrow, von Nicola Upson (Harper Perennial)
–
Best Thriller
• Carver, von Tom Cain (Bantam Press)
• Coup D’Etat, von Ben Coes (St. Martin’s)
• Spycatcher (aka Spartan), von Matthew Dunn (Morrow)
• Ballistic, von Mark Greaney (Berkley)
• House Divided, von Mike Lawson (Atlantic Monthly)
• The Informant, von Thomas Perry (Houghton Mifflin)
–
Best Short Story
• “Thicker Than Blood,” von Doug Allyn (Alfred Hitchcock Mystery Magazine [AHMM], September 2011)
• “The Gun Also Rises, von Jeffrey Cohen (AHMM, January-February 2011)
• “Whiz Bang,” von Mike Cooper (Ellery Queen Mystery Magazine [EQMM], September/Oktober 2011)
• “Facts Exhibiting Wantonness,” von Trina Corey (EQMM, November 2011)
• “Last Laugh in Floogle Park,” von James Powell (EQMM, Juli 2011)
• “Purge,” von Eric Rutter (AHMM, December 2011)
–
Die Preisverleihung ist am 4. Oktober 2012, während der Eröffnungsveranstaltung der diesjährigen Bouchercon in Cleveland, Ohio, in der Rock & Roll Hall of Fame.
Drehbuch: Francois Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon
Nachdem Antoine Doinel unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde, umwirbt er seine Freundin Christine und versucht sich in verschiedenen Berufen. Er ist Portier, Detektiv, Schuhverkäufer und immer ein Träumer und Frauenliebhaber.
In seinem Debütfilm „Sie küssten und sie schlugen ihn“ erzählte Truffaut von den Jugendjahren Antoine Doinels. In „Antoine und Colette“ von seiner ersten Liebe. In „Geraubte Küsse“ von der Suche nach seiner ersten Frau. In „Tisch und Bett“ von seinen ersten Ehejahren. Und in „Liebe auf der Flucht“ von seiner Scheidung.
Alle Doinel-Filme leben von Jean-Pierre Léauds Darstellung, den wiederkehrenden Gaststars, die so die über zwei Jahrzehnte erzählte fiktiven Biographie glaubwürdig machten.
mit Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, Michel Lonsdale, Delphine Seyring
Bei Studiocanal/Arthaus erschien die DVD mit dem Antoine-Doinel-Kurzfilm „Antoine und Colette“ aus dem Jahr 1962. In dem Film, der zu dem Gruppenfilm „Liebe mit Zwanzig“ gehört (das war damals eine beliebte, künstlerisch meistens enttäuschende Idee, bei der mehrere Kurzfilme von bekannten Regisseuren zu einem Film zusammengefügt und dann als Kinofilm ausgewertet wurden), erzählt Truffaut von Antoine Doinels erster Liebe, die er 1979 in dem letzten Antoine-Doinel-Film „Liebe auf der Flucht“ wieder trifft.
Zu beiden Filmen gibt es kurze Einführungen von Truffaut-Biograf Serge Toubiana. Der Unterstützungsspot von Francois Truffaut und Jean-Luc Godard für Henri Langlois, den für viele Regisseure der Nouvelle Vague wichtigen Leiter der Cinémathèque, der während der Dreharbeiten für „Geraubte Küsse“ entlassen wurde, ist ebenfalls vorhanden.
Aargh, die Hammetts hatte ich vergessen. Denn schon vor einigen Tagen hat die North American Branch der International Association of Crime Writers die Nominierungen für den diesjährigen Hammett-Preis, der an einen von einem US-amerikanischen oder kanadischen Autor geschriebenem Kriminalroman verliehen wird, verkündet:
• Feast Day of Fools, von James Lee Burke (Simon & Schuster)
• Claire DeWitt and the City of the Dead, von Sara Gran (Houghton Mifflin Harcourt)
• The Cat’s Table, von Michael Ondaatje (McClelland & Stewart/Canada; Knopf/U.S.)
• The Informant, von Thomas Perry (Houghton Mifflin Harcourt/Otto Penzler)
In naher Zukunft: Surrogate übernehmen die Drecksarbeit, während sie von Menschen, die nicht mehr ihre Wohnungen verlassen, gesteuert werden. Als bei einem Attentat auch der Mensch, der das Surrogat steuerte, stirbt, beginnt Agent Greer in einer Welt, in der es keine Morde (und auch keine anderen Verbrechen) mehr gibt und man nicht unterscheiden kann, ob man mit einem Menschen oder einem Surrogat redet, mit der Mördersuche.
Unter dem Deckmantel einer actionhaltigen Whodunit-Geschichte behandelt die tolle Graphic Novel „The Surrogates“ von Robert Venditti und Brett Weldele auch philosophische Fragen, wie was das Menschsein ausmacht und welche Realität wir wollen: die geschönte aus der Werbung oder die ungeschönte.
Die mit knapp neunzig Minuten (mit Abspann!) ungewöhnlich kurze Verfilmung (Hach, man möchte schon wissen, was da los war.) ist nur noch die Bruce-Willis-Version der freien Isaac-Asimov-Verfilmung „I, Robot“ aus. Also „Stirb langsam, Roboter“.
Da wäre mehr drin gewesen.
mit Bruce Willis, Radha Mitchell, Rosamund Pike, James Cromwell, Ving Rhames
Drehbuch: Robert Liebmann, Carl Zuckmayer, Karl Vollmöller
LV: Heinrich Mann: Professor Unrat, 1905
Lehrer Rath verliebt sich in die Nachtclubsängerin Lola Lola. Schnell darauf beginnt sein gesellschaftlicher Abstieg.
Ein UFA-Klassiker aus der Zeit, als Babelsberg das Zentrum des deutschen Films war. „Der blaue Engel“ war ein Kassenschlager und gilt heute als einer der Klassiker des Films. Marlene Dietrich setzte danach ihrer Karriere in Hollywood fort.
„Der von [Produzent Erich] Pommer lancierte Film entstand übrigens sozusagen hinter dem Rücken der UFA-Gewaltigen, für die Heinrich Mann natürlich ein suspekter Autor war. Dieser fand nach einer ersten Voraufführung den Film durchaus akzeptabel. ‚Gerade ein wirklicher Roman ist nicht ohne weiteres verfilmbar. Er hat viele Seiten, und nur eine ist dem Film zugewendet. Er muss richtig gedreht werden. Das ist hier meines Erachtens auch geschehen’, schrieb er 1930 an K. Lemke.“ (Barbara Rogall, Film-Blätter 1974)
Die Musik ist von Friedrich Holländer. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ wurde ein Gassenhauer; „Nimm dich in acht vor blonden Frauen“, „Ich bin die fesche Lola“ und „Kinder, heut abend, such ich mir was aus“ sind nicht so bekannt.
Und die Vorlage, Heinrich Manns grandiose Satire auf den Wilhelminismus und die spießbürgerliche Doppelmoral, ist ein Klassiker der deutschen Literatur. Die Geschichte ist heute (im Gegensatz zu “Der Untertan”) etwas veraltet, aber dank der Sprache fesselt sie heute immer noch. Hier sind die ersten Zeilen des lesenswerten Romans:
„Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat. Nichts konnte einfacher und natürlicher sein. Der und jener Professor wechselten zuweilen ihr Pseudonym. Ein neuer Schub Schüler gelangte in die Klasse, legte mordgierig eine vom vorigen Jahrgang noch nicht genug gewürdigte Komik an dem Lehrer bloß und nannte sie schonungslos beim Namen. Unrat aber trug den seinigen seit vielen Generationen, der ganzen Stadt war er geläufig, seine Kollegen benutzten ihn außerhalb des Gymnasiums und auch drinnen, sobald er den Rücken drehte.“
Mit Emil Jannings, Marlene Dietrich, Kurt Gerron, Rosa Valetti, Hans Albers
Wüste, verfeindete Beduinenstämme, der beginnende Ölboom, tapfere Krieger, schöne Frauen, Kämpfe und Intrigen. Das klingt doch nach einem zünftigem Abenteuerfilm, den man sich wegen der Schauwerte im Kino ansehen sollte. So wie sich unsere Eltern (oder Großeltern) vor fünfzig Jahren David Leans „Lawrence von Arabien“ angesehen haben.
Jean-Jacques Annauds „Black Gold“ spielt allerdings in einer anderen Liga. Er erzählt, hm, die Geschichte von Prinz Auda (Tahar Rahim), der als Kind von Nesib, dem Emir von Hobeika (Antonio Banderas), als Faustpfand in Pflege genommen wurde. Denn Nesib hat sich mit Amar, dem Sultan von Salmaah (Mark Strong), auf einen fragilen Frieden geeinigt. Zwischen den beiden Stämmen soll ein Stück Wüste zum Niemandsland, das keinem Stamm gehört, werden. Damit Amar sich auch wirklich an den Friedensvertrag hält, nimmt Nesib dessen Söhne mit und würde sie, bei einer Vertragsverletzung, töten.
Als zwölf Jahre später eine texanische Ölfirma in genau diesem Niemandsland Öl entdeckt und es fördern will, gestattet Nesib, der viel Geld und damit in jeder Beziehung einen Fortschritt für sich und seinen Stamm wittert, die Förderung. Amar will dagegen das Niemandsland, entsprechend ihrem Friedensvertrag, als unberührtes Niemandsland belassen.
Nesib, der intrigant und bauernschlau ist (und sich damit für die Rolle des Bösewichts qualifiziert), verheiratet zuerst Auda mit seiner Tochter, Prinzessin Leyla (Freida Pinto), und schickt ihn anschließend zu Amar. Er soll seinen Vater überzeugen, die Ölforderung zuzulassen.
Allerdings hat Nesib nicht bemerkt, dass der Bücherwurm Auda ein eigenständiger Denker ist, der schon Pläne für die Zukunft des Landes entwickelt (auch er will, wie wir im Lauf des Films erfahren, dass die Beduinen die westlichen Errungenschaften bekommen), ein großer Krieger ist (er weiß, wie man Panzer in der Wüste besiegt) und seit Kindheitstagen in Leyla verliebt ist. Also eigentlich will Auda genau das tun, wozu Nesib ihn zwingen will. Außer natürlich, dass er dafür gegen Nesib kämpfen muss, weil dieser glaubt, dass Auda sich auf die Seite seines Vaters Amar geschlagen hat.
Und so entfaltet sich in der Wüste ein längliches Drama, das über weite Teile einfach nur Dummheit bei der Arbeit beobachtet und einen schon peinlichen Fortschrittsoptimismus huldigt, der, als Hans Ruesch seinen Roman „Der schwarze Durst“ in den Fünfzigern veröffentlichte, noch die Mehrheitsmeinung wiedergab. Heute hätte man auch wenigstens andeuten müssen, wohin die arabische Ölförderung führte.
Aber dann hätte man auch ein komplexeres Drehbuch haben müssen, das die Rollen von Gut (unser jugendlicher Held Auda), Böse (der intrigante Nesib) und konservativer Vergangenheitsglorifizierung (der Fortschrittsverweigerer Amar) nicht so plakativ verteilt und andere Finanziers gebraucht.
So sieht der von Tarak Ben Ammar und dem Emirat Katar (genaugenommen dem Doha Film Institute) finanzierte Film wie eine arabische Auftragsproduktion aus, die primär an einer Verklärung der Vergangenheit und, damit verbunden, einer Lobhuddelei auf die aktuellen Machthaber interessiert ist.
1975 produzierte Tarak Ben Ammar Claude Chabrols in Deutschland nicht verliehenen „Die Schuldigen mit den sauberen Händen“ (Les Magiciens) mit Franco Nero, Gert Fröbe, Jean Rochefort, Stefania Sandrelli, Gila von Weitershausen und dem Touristenhotel „Dar Djerba“. Chabrol sagte, er halte das Werk für einen seiner schlechtesten Filme und er habe ihn nur wegen der besonders günstigen Finanzierungsbedingungen gedreht.
Bei „Black Gold“ könnte es ähnlich sein. Denn eigentlich müssten Jean-Jacques Annaud („Am Anfang war das Feuer“, „Im Namen der Rose“, „Sieben Jahre im Tibet“), Antonio Banderas (zuletzt „Die Haut in der ich wohne“) und Mark Strong (tief Luft holen: „Dame, König, As, Spion“, „The Guard“, „The Way Back“, „Sherlock Holmes“, „Kick-Ass“, „Der Mann, der niemals lebte“, „RocknRolla“ und, uh, auch „Green Lantern“) sich nicht für so ein Werk hergeben.
LV: Hans Ruesch: The Great Thirst, 1957 (anscheinend auch als „South of the heart“ und „The Arab“ veröffentlicht. Deutscher Titel „Der schwarze Durst“)
mit Tahar Rahim, Freida Pinto, Antonio Banderas, Mark Strong, Riz Ahmed, Jamal Awar, Lotfi Dziri, Eriq Ebouaney, Mostafa Gaafar, Akin Gazi, Ziad Ghaoui , Corey Johnson, Liya Kebede
Während des Sommers 1980 in der bundesdeutschen Provinz glaubt der 13-jährige Beatles-Fan Tobias, dass der Mörder von Paul McCartney (denn McCartney starb 1966 und wurde durch einen Doppelgänger ersetzt) bei ihnen aufgetaucht ist.
Ein wunderschöner Coming-of-Age-Film, der einige populäre Verschwörungstheorien zitiert und ein halbes Beatles-Lexikon ersetzt.
Weil für den Film die originalen Beatles-Lieder benutzt werden mussten (Hey, ein Film über fanatische Beatles-Fans und dann werden im Film die Beatles-Songs von einer x-beliebigen Cover-Band gespielt oder es wird eine spätere oder eine alternative Aufnahme verwendet; – das würde nur zu berechtigten Wutanfällen der Beatles-Fans führen) und der deshalb auch nie im Kino lief und nicht auf DVD erscheinen wird. Denn die TV-Sender haben mit der Gema einen Vertrag, der es ihnen für TV-Filme gestattet, auf Musikstücke zurückzugreifen. Für jede andere Verwendung müssten die Musikrechte eingekauft werden.
Auf dem Symposium „Verbotene Filme“ der Deutschen Kinemathek erzählte Handloegten noch einige weitere Hintergründe, warum der dann auf Festivals gelobte Debütspielfilm so wenige Preise erhielt und wie sie beim Sundance-Festival eine kostenlose Vorführung machen mussten, um den Film zeigen zu können. Es ging natürlich um die Musikrechte.
Mit Sebastian Schmidtke (Pseudonym von Sebastian Urzendowsky), Martin Reinhold, Vasko Scholz, Myriam Abeillon, Ian T. Dickinson, Rainer Egger, Astrid Pochmann, Hans-Joachim Heist, Axel Milberg, Ingrid Steeger – und die Stimme von Alan Bangs
Die Meldung für den für elf Oscars nominierten Film „Hugo Cabret“, unter anderem als bester Film, ist nicht, dass Martin Scorsese seinen ersten Film in 3D drehte, sondern dass er seinen ersten Kinderfilm drehte. Denn das ist nicht der „Hexenkessel“-„Taxi Driver“-„Wie ein wilder Stier“-„Casino“-„GoodFellas“-„Gangs of New York“-“Departed“-Scorsese, sondern höchstens, wenn wir den Film nach der ersten Hälfte stoppen, der „Aviator“-Scorsese. „Hugo Cabret“ erinnert da schon mehr an „Die fabelhafte Welt der Amelie“. Auch „Hugo Cabret“ spielt in Paris. 1931 im riesigen Gare Montparnasse.
Dort lebt der zwölfjährige Hugo Cabret, der sich, nach dem Tod von seinem geliebten Vater und dem Verschwinden des ungeliebten, trunksüchtigen Onkels, der ihn in seine Obhut nahm, in den für die Besucher unzugänglichen Gängen des Bahnhofs versteckt und heimlich die Uhren wartet. Mit kleinen Diebstählen hält er sich über Wasser. Hier und da etwas zu essen und aus dem Laden des Spielzeughändlers Georges mechanisch betriebenes, oft auch kaputtes Spielzeug. Das braucht er, um einen mechanischen Automaten, der wie ein menschlicher Roboter aussieht, zu reparieren.
Als der verbitterte Spielzeughändler Georges ihm eines Tages ein Skizzenbuch seines Vaters abnimmt, will Hugo das Buch unbedingt wieder haben. Er verfolgt den Händler, verbündet sich mit dessen Tochter und wir erfahren, dass der Spielzeughändler Georges Méliès heißt und, was wir Filmfans natürlich wissen, einer der Begründer des Kinos ist. Méliès inszenierte „Die Reise zum Mond“ und unzählige weitere, inzwischen oft verschollene Filme, die damals, vor über hundert Jahren, sehr erfolgreich waren.
In diesem Moment wird „Hugo Cabret“ zu einer Liebeserklärung an das Kino, das in seiner modernsten Form, zeigt, dass die alten Stummfilme immer noch faszinierend sind und einen handgemachten Reiz haben, der heutigen 3D-Kreationen abgeht. Obwohl Scorsese auch einige Bilder zaubert, die nur so ihre volle Wirkung entfalten. Wenn Hugo Cabret und seine Isabelle im Haus von Georges Méliès von einem Schrank eine Kiste holen, sie ihnen entgleitet, sich öffnet und der Inhalt, eine Sammlung von Zeichnungen langsam durch den das Zimmer schwebt, dann wird der Moment durch den 3D-Effekt noch größer. Obwohl, wie der Clip zeigt, er auch in 2D beeindruckend ist.
Ebenso wenn der Stationsvorsteher, der Hugo im Bahnhof schnappen will, sich über Hugo beugt, immer größer und furchteinflößend wird, fast als ob er das Bild sprengen würde, dann merkt man, was mit 3D möglich ist.
Die anfängliche Kamerafahrt durch den Bahnhof ist aber das Pixelgewitter, das mich bei 3D immer wieder abschreckt und aus der Wirklichkeit des Film reißt. Auch atmosphärische Bilder mit Schnee, Rauch und Sonnenstrahlen sehen in 3D immer wieder, auch in einem Film der sich mit seiner Farbgebung betont künstlich und damit märchenhaft gibt, wie schlechte Computergrafiken aus.
Gleichzeitig, und das ist die große Ironie von „Hugo Cabret“, der die neuesten Filmtechniken benutzt, um den Traum vom Kino zu zeigen, sind gerade die ältesten Bilder aus den Stummfilmen, wie die legendäre „Ankunft eines Zuges in La Ciotat“, die längeren Ausschnitte aus Méliès „Die Reise zum Mond“ und „Das Königreich der Feen“ und Harold Lloyds legendäre Kraxelei an einem Hochhaus in „Ausgerechnet Wolkenkratzer“, die wirklich faszinierenden Bilder, in denen sich auch die kindliche Lust am Film, die Entdeckerfreude und Experimentierlust der Filmpioniere zeigt. Und wahrscheinlich hat Martin Scorsese genau das in seiner Liebeserklärung an das Kino gewollt: die Menschen mit dem Versprechen der neuesten Technik in das Kino zu locken, um ihnen zu zeigen, dass die alten Techniken, die Stummfilme und mechanischen Geräte, immer noch ihren Reiz haben.
„Hugo Cabret“ ist ein wunderschöner Film für Kinder und Jugendliche, der sie als Publikum mit seiner schmalzfrei erzählten Geschichte ernst nimmt und er ist, inszeniert von einem Filmfanatiker, der bereits mehrere Dokumentarfilme über die Geschichte des Kinos, in denen er schwärmerisch von seinen Lieblingsfilmen erzählte, machte, eine Liebeserklärung an das Kino, die die Zuschauer für den Film als Kunstform und die Geschichte des Films begeistern soll.
Und die Erwachsenen haben auch ihren Spaß. Jedenfalls wenn sie nicht die französische Ausgabe von „GoodFellas“ erwarten.
Hugo Cabret (Hugo, USA 2011)
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: John Logan
LV: Brian Selznick: The Invention of Hugo Cabret, 2007 (Die Entdeckung des Hugo Cabret)
mit Asa Butterfield, Sacha Baron Cohen, Ben Kingsley, Jude Law, Chloe Maretz, Christopher Lee, Emily Mortimer, Ray Winstone, Helen McCrory, Martin Scorsese (Cameo als Fotograf), Brian Selznick (Cameo als Student)
Natürlich war es schon ein Ereignis, die Stummfilme, die ich nur vom Fernsehen kannte, auf einer großen Leinwand in einer brillanten Bildqualität zu sehen, aber einen Eindruck kann man sich mit diesen Clips verschaffen.
Die Ankunft eines Zuges in La Ciotat (1895, von Auguste und Louis Lumière)
Die Reise zum Mond (1902, von Georges Méliès)
Das Königreich der Feen (1903, von Georges Méliès)
Ausgerechnet Wolkenkratzer (1923, von Harold Lloyd)