In den Siebzigern versuchte Dustin Hoffman sich schon einmal als Regisseur. Der damalige Versuch, „Stunde der Bewährung“ (Straight Time, USA 1978, nach einem Roman von Edward Bunker), wurde von ihm schon während der Dreharbeiten abgebrochen. Ulu Grosbard übernahm die Regie und es entstand ein teilweise packendes, noirisches Krimidrama, das kaum jemand kennt. Der nächste Versuch, „Tootsie“ (USA 1982), wurde noch vor dem Beginn der Dreharbeiten abgebrochen. Sidney Pollack übernahm die Regie. Die Dreharbeiten waren wohl sehr anstrengend. Der Film war ein Erfolg und Dustin Hoffman wurde für den Oscar nominiert.
Danach wollte er sich zwar ein weiteres Mal als Regisseur versuchen, aber er hatte, nach diesen Erfahrungen und weil er als Zauderer und Perfektionist bekannt ist, Angst vor einem weiteren Versuch.
Jetzt überzeugten ihn seine Frau Lisa und sein Agent mit sanfter Gewalt, so Hoffman in einem Porträt von Christoph Amend (Zeit Magazin), die Regie bei „Quartett“ zu übernehmen und er besiegte seine Angst mit dieser herzigen Geschichte über ein Altersheim, in dem Musiker ihre letzten Lebenstage verbringen. Sie machen Hausmusik, pflegen ihre Zipperlein und Cedric Livingstone (Michael Gambon) bereitet die alljährliche Gala zu Verdis Geburtstag, die auch die weitere Existenz der Seniorenresidenz „Beecham House“ sichern soll, vor. Unter den vielen Musikern schälen sich schnell Reggie (Tom Courtenay), der immer für einen anzüglichen Spruch bereite Wilf (Billy Connolly) und die hilfsbereite, an Demenz im Anfangsstadium leidende Cissy (Pauline Collins) als zentrale Charaktere der luftigen Geschichte heraus.
Durch die Ankunft der berühmten Sopranistin Jean Horton (Maggie Smith), die nie wieder singen will, wird der Alltagstrott von „Beecham House“ gestört. Die Diva war vor vielen Jahren kurz mit Reggie verheiratet. Seitdem wechselten sie kein Wort mehr miteinander und vermieden es, in der gleichen Stadt zu leben.
In der mondänen Residenz und der beschaulichen englischen Landschaft kommen sie sich allerdings wieder näher und, weil „Beecham House“ kurz vor der Pleite steht, könnte ein gemeinsamer Auftritt von Reggie, Wilf, Cissy und Jean, die vor Jahrzehnten, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, mit einer Aufnahme von Verdis Oper „Rigoletto“, insbesondere dem Quartett „Bella figlia dell‘ amore“, in die Musikgeschichte eingingen, auf der alljährlichen Verdi-Gala für ein volles Haus und einen entsprechenden Geldsegen sorgen. Also versuchen Cissy, Wilf und Reggie Jean von einem gemeinsamen Auftritt zu überzeugen.
Dustin Hoffmans Regiedebüt ist gediegenes Schauspielerkino, das mit pointierten Dialogen und Weisheiten kurzweilig unterhält. Geliefert werden die Pointen von einem hochkarätigen Ensemble, das aus vielen, in jeder Beziehung spielfreudigen Sängern, Musikern und Theaterschauspielern, deren Karrierehöhepunkte im Filmabspann genannt werden, besteht. Sie zeigen, dass Alter vielleicht nichts für Feiglinge und Weicheier ist, aber es ist auch nichts für Meckerfritzen, Spielverderber und Schwarzseher. Denn man kann immer noch etwas Sinnvolles tun.
Und man verlässt nach diesem kurzweiligen und sehr britischem Potpourri das Kino mit einem Lächeln, einem guten Gefühl und dem festen Vorsatz, die Oper zu besuchen. Denn die ist, wie Reggie einer Schulklasse erklärte, gar nicht so steif wie man glaubt und die Sänger drücken ihre Gefühlen, wie HipHopper, mit ihrem Gesang aus.
Quartett (Quartet, UK 2012)
Regie: Dustin Hoffman
Drehbuch: Ronald Harwood
LV: Ronald Harwood: Quartet, 1999 (Theaterstück)
mit Maggie Smith, Tom Courtenay, Billy Connolly, Pauline Collins, Michael Gambon, Gwyneth Jones, Sheridan Smith, Andrew Sachs
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „Quartett“
