So ein Krimi ist eine einfache Sache. Das dachte sich Sibylle Lewitscharoff wohl, als sie „Killmousky“ schrieb. Denn anstatt hoher Literatur, sollte es ein Kriminalroman werden.
Nun, es ist ein Monument des Scheiterns. Es ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie man einen Kriminalroman nicht schreiben soll. Aber wahrscheinlich kommt das heraus, wenn man das Genre verachtet und sich sein Wissen über das Genre aus Jugenderinnerungen irgendwo zwischen „Fünf Freunde“, Agatha Christie und Edgar Wallace, „Tatort“ und falsch verstandenem „Inspector Barnaby“ zusammenklaubt. Diese Krimiserie wird am Anfang des Werkes explizit erwähnt und sie markiert hier eine beachtliche Fallhöhe. Denn auch die schlechteste „Inspector Barnaby“-Episode ist besser als „Killmousky“.
Aber vergleichen wir nicht Äpfel (Film) mit Birnen (Buch). Allein schon die Lektüre und das Verstehen von einer Handvoll KrimiZeit-Bestenliste-Bücher hätte vieles verhindern können.
Das beginnt mit der Sprache. Denn „Killmousky“ ist erschreckend schlecht geschrieben, ungefähr auf dem Niveau einer vor sich hin babbelnden Hausfrau. Es sind Sätze, wie „Der Toast war inzwischen in ihm verschwunden. Die erste Tasse Kaffee getrunken. Er zündete sich eine Zigarette an. Vor der zweiten Tasse rauchte er immer eine Zigarette. Das würde er wahrscheinlich die nächsten Jahre beibehalten. Aber vielleicht änderten sich seine Gewohnheiten ab jetzt radikal. Er war ja nun gezwungen, ein ganz anderes Leben zu führen.“ (Seite 16)
Oder „In der Holzklasse gab es keine freien Plätze mehr. Die Maschine war ausgebucht.“ Auf den ersten Blick haben beide Sätze die gleiche Aussage. Weil Ellwanger dann in der ersten Klasse einen Platz erhält, ist der zweite Satz sogar falsch, aber genauso sinnfrei plappernd geht es wenige Zeilen später weiter: „Alsbald saß er da vergnügt als Hahn im Korb und ließ sich verwöhnen. So vorzüglich war er noch nie gereist. Der Beginn eines wunderbaren Abenteuers eben.“ (Seite 28)
Auf der nächsten Seite – keine Panik, ich höre gleich auf – geht es ähnlich verquast weiter: „Die Schlangen vor den Beamten, die die Dokumente überprüften, waren lang, aber es ging schneller als gedacht.“
„Kalt war’s. Die Passanten steckten in dicken Mänteln und trugen die Köpfe von Wollmützen bedeckt, die Hälse in Schals gemummelt. Zusammengescharrte Schneeberge am Straßenrand.“
Herrje, gibt es denn keine Schreibratgeber?
Denn das sind Sätze, die es noch nicht einmal in den ersten Entwurf eines gestandenen Krimiautoren geschafft hätten. Dass Lewitscharoff in ihren anderen Romanen mit ihrer Sprachgewalt beeindrucken soll, erscheint im Angesicht dieser Sätze wie eine böswillige Verleumdung. Gewaltig ist in „Killmousky“ höchstens die Unfähigkeit, sich präzise auszudrücken und mit Sprache eine Welt zu erschaffen, die mehr als die Kulisse eines letztrangigen Fünfziger-Jahre-Kolportage-Krimis ist.
Wahrscheinlich deshalb vermeidet die „Sprachvirtuosin“ auch die wörtliche Rede wie der Teufel das Weihwasser. Fast alle Gespräche reportiert sie brav in der indirekten Rede, was ungefähr so prickelnd zu lesen ist, wie ein Verhörprotokoll.
Die Geschichte ist ein erbärmlicher Wust, den höchstens Verächter „Kriminalroman“ nennen. Denn sogar ein blutiger Amateur würde zielgerichteter als Kommissar a. D. Richard Ellwanger ermitteln.
Also: Ellwanger soll herausfinden, ob Paul Larson seine Frau Victoria ermordete. Die New Yorker Polizei geht von Suizid aus, aber ihr stinkreicher, im Rollstuhl sitzender Vater Howard Clayton Trevillyan glaubt an Mord. Es besteht auch der Verdacht, dass Larson ein Schwindler ist, der aus Gerabronn kommt und Heiner Blaschke heißt. Nach einigen ziellosen Ermittlungen auf Long Island, inclusive einem Sprung ins Bett mit Victorias Schwester Catherine, reist Ellwanger zurück nach Deutschland, ermittelt hier ähnlich ziellos weiter, gibt sich ständig als Polizist aus, reist wieder zurück und – Hallelujah! – der Täter schnappt ihn und, bevor er Ellwanger ermordet, gesteht er ihm schnell noch alles.
Aber zum Glück taucht eine Frau mit Revolver und Schalldämpfer auf.
Wahrscheinlich ist eine Pistole gemeint. Denn Revolver (das sind die Dinger, die von den Cowboys in den Western benutzt werden) und Schalldämpfer sind eine sehr ungebräuchliche und auch nicht sonderlich sinnvolle Kombination. Aber in dem Moment ist eh alles egal.
Der Bösewicht Larson ist dabei ganz klar eine literarische Bearbeitung von Christian Gerhartsreiter, der als falscher Rockefeller in den USA reich heiratete und 2013 als Mörder verurteilt wurde. Der Hochstapler kam aus Siegsdorf, einem Dorf im Landkreis Traunstein in Bayern. Lewitscharoffs Hochstapler kommt aus einem anderen süddeutschen Dorf.
Die titelgebende Katze Killmousky ist das Haustier von Ellwanger und für die Geschichte vollkommen unwichtig, geht aber wohl als Selbstzitat durch. Siehe „Blumenberg“.
Und dann gibt es noch zwei Passagen, die Ellwanger zu einem rechtspopulistischem Law-and-Order-Befürworter und Saloon-Rassisten machen.
Denn das „Verhör-As“, „mit der höchsten Aufklärungsquote bei Schwerverbrechern in ganz Bayern, weit über Bayern hinaus“ (Seite 16) wurde aus dem Polizeidienst entlassen, weil er einen Verdächtigen bedrohte. Das reale Vorbild dafür ist natürlich der Fall Daschner. Auch bei Lewitscharoff ist der Verdächtige, ein arroganter Philosophie-Student, der Täter, Ellwanger drohte nur und die beiden Entführungsopfer konnten nicht gerettet werden. Die überhaupt nicht versteckte Botschaft ist: „Ja hätte der Bursche doch schon früher zugeschlagen, dann hätte er die Opfer retten können.“
Und auf Seite 157 wird Ellwanger flugs zum Rassisten: „Der Abend wurde noch munter. Sie zogen über dämliche Kollegen her, über dämliche Ehefrauen und die erzdämliche bayerische Bürokratie, auch über vollverschleierte Saudifrauen, Schlitzguckerinnen, die umgeben von einem Pulk Männer die Läden in der Maximilianstraße leer kauften. Ellwanger wurde richtig heiter und redete beschwingter als sonst.“
Beides ist für die Geschichte so überflüssig wie ein Kropf und die Sätze stehen nur deshalb im Roman, weil Lewitscharoff hier noch schnell eine ihr wichtige Botschaft unterbringen wollte. Vollkommen distanzlos und unreflektiert sagt sie, dass Folter und Rassismus okay sind. Georg Büchner und Heinrich von Kleist würden sich im Grab umdrehen.
„Killmousky“ ist eine Beleidigung für Genre-Liebhaber – und wahrscheinlich der schlechteste Roman, den ich dieses Jahr lesen werde.
Sibylle Lewitscharoff: Killmousky
Suhrkamp, 2014
224 Seiten
19,95 Euro
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Hinweise
Perlentaucher über „Killmousky“
Suhrkamp über Sibylle Lewitscharoff
Wikipedia über Sibylle Lewitscharoff

Ich glaube dir jedes Wort! Nach meiner eigenen schmerzhaften Begegnung mit „Blumenberg“ und ihren vor kurzem getätigten Aussagen zu künstlicher Befruchtung etc. würde ich allerdings ohnehin kein Buch mehr von ihr lesen.