
Mit „Nachruf auf einen Spion“ geht die Reihe der uneingeschränkt lobenswerten Eric-Ambler-Wiederveröffentlichungen bei Atlantik weiter. „Nachruf auf einen Spion“ ist ein weiteres Werk aus seiner ersten Schreibphase, als er in den Dreißigern mehrere Polit-Thriller, heute allesamt Klassiker, schrieb, die als Zeitdiagnose und als Thriller funktionieren und in denen die Ambler-Formel von dem unschuldigen Normalbürger, der sich plötzlich als Spielball in einer ihm fremden Welt wiederfindet, mustergültig ausgeführt wird.
Josef Vadassy, der zweiundreißigjährige Ich-Erzähler von „Nachruf auf einen Spion“, wird von der Polizei verhaftet, weil er in Südfrankreich Bilder von geheimen Militäranlagen und Waffen machte; – und hier muss ich wohl für die Jüngeren eine kleine Erklärung einschieben. Früher wurden Bilder mit Fotoapparaten auf einen Film gemacht. Dieser Rollfilm ist in der Kamera, lichtempfindlich und kann nicht manipuliert werden. Ein Bild folgt auf das nächste. Wie die Glieder einer Kette. Weil Vadassy vor der Polizei zugibt, dass er die sich auf dem Film befindlichen Fotos von Eidechsen gemacht hat, muss er auch die anderen Bilder gemacht haben.
Ein klarer Fall, wenn Kommissar Beghin nicht bemerkt hätte, dass Vadassys Kamera vertauscht wurde. Der echte Spion muss also noch in dem Hotel sein und er hat die gleiche Kamera.
Beghin erpresst den staatenlosen Sprachlehrer, zurück in das an der Riviera liegende Hotel de la Réserve zu gehen und den Besitzer der anderen Kamera zu finden. Aber wie soll ein Normalbürger einen Spion überführen?
„Nachruf auf einen Spion“ folgt formal der Struktur eines Rätselkrimis, was jetzt nicht so thrillend ist. Und Vadassy stellt sich als Amateurdetektiv oft nicht besonders geschickt an, was ihn sympathisch macht. Denn auch wenn wir in unserer Fantasie gerne James Bond wären, sind wir es in der Realität nicht.
Die von Eric Ambler gewählten Hotelgäste aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz, England und Amerika bieten einen schönen Überblick über damalige Schicksale, inclusive dem aus Nazi-Deutschland geflüchtetem Widerstandskämpfer, der all Dinge erzählt, die die anderen Deutsche jahrzehntelang nicht wissen wollten. Auch die anderen Gäste haben einige Geheimnisse.
Insgesamt ist „Nachruf auf einen Spion“ ein gelungener Roman, der überraschend wenig Patina angesetzt hat, und eine viertel Geschichtsstunde über die „gute alte Zeit“ zwischen den beiden Weltkriegen ist.
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Eric Ambler: Nachruf auf einen Spion
(übersetzt von Matthias Fienbork)
Atlantik, 2016
336 Seiten
12 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Die Stunde des Spions
(übersetzt von Peter Fischer)
Fischer Verlag, 1963
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1979 publizierte Diogenes den Roman als „Nachruf auf einen Spion“.
Dort erschient auch 2002 die Neuübersetzung von Matthias Fienbork.
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Originalausgabe
Epitaph for a Spy
Hodder & Stoughton, London, 1938
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Verfilmung
Hotel Reserve (USA/Großbritannien 1944)
Regie: Lance Comfort, Max Greene (eigentlich Mutz Greenbaum), Victor Hanbury
Drehbuch: John Davenport
mit James Mason, Lucie Mannheim, Raymond Lovell, Julien Mitchell, Herbert Lom, Martin Miller, Clare Hamilton, Frederick Valk, Patricia Medina
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1953 und 1963 entstanden TV-Mehrteiler, die als verschollen gelten.
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Hinweise
Wikipedia über Eric Ambler (deutsch, englisch)
Kaliber .38: Thomas Wörtche über Eric Ambler
California Literary Review: Brett F. Woods: Beyond the Balkans – Eric Ambler and the British Espionage Novel, 1936 – 1940 (26. März 2007)
[…] Meine Besprechung von Eric Amblers „Nachruf auf einen Spion“ (Epitaph for a Spy, 1938) […]