DVD-Kritik: „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ fragen sich einige Jugendliche

Es beginnt mit einer dieser Schulaufgaben, die mit einem nichtssagendem Besinnungsaufsatz beantwortet werden sollen. Aber Pierre Anthon erklärt seinen Klassenkameraden in der achten Klasse einer Provinzschule, dass nichts im Leben eine Bedeutung habe. Auch nicht diese Aufgabe. Er verlässt das Klassenzimmer und setzt sich auf einen Baum. Dort will er bleiben.

Seine Klassenkameraden wollen ihn überzeugen, den Baum zu verlassen. Gleichzeitig beginnen sie in einer Scheune ihre wertvollsten Besitztümer zu sammeln. Zuerst versuchen sie es mit freiwilligen Gaben. Aber anstatt etwas wertvolles in die Scheune zu bringen, bringt jeder irgendetwas mit, was er schon lange nicht mehr beachtet hat oder loswerden will. Deshalb ändern sie die Regeln. Jetzt sagt ein Klassenkamerad einem anderen, was er abgeben soll. Als erstes muss Agnes, die Erzählerin des Films, ihre Sandalen hergeben. Danach muss sie von einem Mitschüler die Herausgabe von etwas für ihn Wertvolles verlangen. Ein Gebetsteppich, ein Fahrrad und der Diebstahl der Schulflagge werden verlangt. Aber auch weniger harmlose Dinge stehen auf der Wunschliste. So graben sie die Leiche des kleinen Bruder einer Klassenkameradin aus. Einer anderen werden die Haare geschnitten. Und ein Finger wird abgeschnitten.

Trine Piils Film „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ basiert auf Janne Tellers gleichnamigem Jugendbuch-Bestseller. In Dänemark erschien das Buch im Jahr 2000. In Deutschland zehn Jahre später. Es erhielt mehrere Preise, unter anderem den Jugendbuchpreis des dänischen Kulturministeriums. Wegen seiner nihilistischen Aussagen sorgte das Buch für teils hefitige Diskussionen. Zeitweise war es an dänischen Schulen sogar verboten. Dabei ist der Roman Schullektüre. Und genau dort kann im Ethik- und Religionsunterricht über bestimmte Aspekte des Romans sicher trefflich diskutiert werden.

Die Verfilmung ist nur ein Planspiel der schlechten Sorte. Das beginnt schon mit den Opfergaben, die weitgehend willkürlich und beliebig aufeinander folgen. Eine Eskalationslogik ist nur insofern erkannbar, dass es zuerst um Sandalen und eine Schulflagge geht. Später gibt es dann direkte körperliche Gewalt.

Oft ist vollkommen unklar, was die einzelnen Opfergaben für die Betroffenen bedeuten und was sie symbolisieren. Gut, eine Entjungferung und ein abgeschnittener Finger sind offensichtlich. Eine Grabschändung schon weniger. Ein Gebetsteppich, ein Fahrrad und Sandalen überhaupt nicht. Das sind Dinge, die mühelos wieder gekauft werden können und die höchstens einen emotionalen Wert („Meine Lieblingssandalen.“) haben. Aber weil über diese Opfergaben und ihre Bedeutung im Film nicht gesprochen wird, erfahren wir nicht, warum gerade diese Sandalen für die Besitzerin so wichtig sind. So sind die ‚wertvollsten Besitztümer‘, die die Schüler in einer Scheune zusammentragen, einfach nur beliebig austauschbare Dinge, die von wohlsituiert in einer Kleinstadt lebenden Kinder in einer Scheune zu einem Altar zusammengestellt werden.

Diese Kinder erinnern auf den ersten Blick selbstverständlich an die Kinder aus William Goldings „Herr der Fliegen“. In dem Klassiker müssen sie nach einem Flugzeugabsturz auf einer Insel ohne Erwachsene eine Gesellschaft bilden. Sie bilden zunächst die Gesellschaft nach, die sie kennen. In „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ gibt es zwar Erwachsene, aber dieser kümmern sich nicht um ihre Kinder. Im Film sind sie, bis auf wenige, unwichtige Szenen, abwesend. Die Kinder können tun und lassen, was sie wollen. Zum Beispiel eine Jesus-Figur aus der Kirche klauen und durch das Dorf transportieren, ohne dass dieser Diebstahl irgendwelche Folgen hat.

Nichts – Was im Leben wichtig ist“ ist ein sich didaktisch gebendes Lehrstück, bei dem man viele emotionslos-hölzern vorgetragene Sätze hört (oft ohne den Sprecher in dem Moment zu sehen) und sich fragt, was uns das über die wichtigen Dinge des Lebens sagen soll. Oder ob es sinnvoll ist, sich in einer Umweltschutzgruppe zu engagieren. Diese Frage stellen sich Pierre Anthon, Agnes und all die anderen Kinder nicht. Stattdessen schneiden sie sich die Haare und töten einen Hund.

Nichts – Was im Leben wichtig ist (Intet, Dänemark/Deutschland 2022)

Regie: Trine Piil, Seamus McNally

Drehbuch: Trine Piil

LV: Janne Teller: Intet, 2000 (Nichts – Was im Leben wichtig ist)

mit Vivelill Søgaard Holm, Maya Louise Skipper Gonzales, Harald Kaiser Hermann, Sigurd Philip Dalgas, Ellen Østerlund Fensbo, Andrea Halskov-Jensen, Theodor Philip MacDonald, Bobby Antonio Hancke Rosado, Clara Dragsted Hansen, Elias Amati-Aagesen, Arien Alexander Takiar

Blu-ray

Eurovideo

Bild: HD 1080p/24 (2,39:1)

Ton: Deutsch & Dänisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: –

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

DVD identisch und selbstverständlich auch digital erhältlich.

Hinweise

Moviepilot über „Nichts – Was im Leben wichtig ist“

Rotten Tomatoes über „Nichts – Was im Leben wichtig ist“

Wikipedia über „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ (Roman) (deutsch, englisch, dänisch)

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