
Hannah Abram war Polizistin. Bis sie ihren Vorgesetzten in den Kanal stieß. Danach wurde sie aus der London Metropolitan Police geworfen. Inzwischen wohnt die Endzwanzigerin zur Untermiete in einer Dachkammer und arbeitet in Digbys Imbissbude. Wenn der „erzbigotte Ausbeuter“ (Hannah über Digby) sie wegen irgendeiner Unverschämtheit nicht gerade entlassen hat, um sie einige Tage später wieder einzustellen. Sie ist zwar frech, unbeherrscht und undiplomatisch, aber auch seine beste Arbeiterin. Daneben arbeitet sie als Privatdetektivin. Sie übernimmt die kleinen Fälle der kleinen Fälle. Nachbarschaftsstreitigkeiten, nach Sonnenuntergang vor Haustüren abgelegter Müll, aus einem Garten geklautes Gemüse und entlaufene Hunde. Opfer und Täter wohnen oft Tür an Tür. Und manchmal gehören sie auch zu den Stammkunden von Digbys Imbissbude, die, nun, eine stinknormale Arbeiterklasse-Imbissbude ist.
Schwieriger als diese Kleinkram-Fälle sind für sie die beiden Fälle, in denen sie spurlos verschwundene Frauen suchen soll. In dem einen Fall will ein zu extrem zwanghaftem Verhalten neigender Auftraggeber, dass sie eine Frau findet, deren Stimme er bei einem Betrugsanruf hörte und die ihm bekannt vorkam. Er glaubt, dass es sich um seine Stiefschwester handelt. Er hat seit Jahren nichts von ihr gehört. In dem anderen Fall möchte ein Mann, dass Hannah seine untergetauchte deutlich jüngere Frau findet. Er möchte sie aus ihrer Ehe entlassen und ihr ihren Pass geben.
Diese beiden Fälle sind ermittlungsintensiver. Aber insgesamt würden Hannahs Fälle und die damit verbundene Ermittlungsarbeit auch gut in einem Kinderkrimi oder einer dieser 25-minütigen TV-Vorabendserien, die es früher gab, passen. Sogar wenn auf Seite 97 des Romans eine chronisch eifersüchtige Stalkerin ermordet aufgefunden wird, ändert sich nichts grundlegendes an Hannahs Arbeit und Leben.
Die ermordete Stalkerin hat in der Vergangenheit so viele Menschen verärgert, dass es viele Verdächtige gibt. Sie verfolgte auch Hannah mit grundlosen Anschuldigungen. Aber eine Mordermittlung ist kein Fall für eine Schnellimbissdetektivin, sondern für die Polizei, die eine solche Ermittlung mit den nötigen Mitteln und Rechten vorantreiben kann. Außerdem will Liza Cody diesen Fall in ihrem neuem Roman „Die Schnellimbissdetektivin“ nicht erzählen. Sie will lieber weiter von Hannahs kleinen Fällen und dem Alltag im Viertel erzählen.
Und so entsteht durch die Augen von Liza Codys Ich-Erzählerin Hannah Abram das Porträt einer Gemeinschaft und des Lebens in einem der weniger noblen Viertel im heutigen London. Insofern ist „Die Schnellimbissdetektivin“ mehr schwarzhumorige Sozialstudie als spannender Kriminalroman.
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Liza Cody: Die Schnellimbissdetektivin
(übersetzt von Iris Konopik)
Ariadne/Argument Verlag, 2024
352 Seiten
18 Euro
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Originalausgabe
The Short-Order Detective
2024
(in Großbritannien noch nicht veröffentlicht)
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Hinweise
Perlentaucher über Liza Cody und „Die Schnellimbissdetektivin“
Wikipedia über Liza Cody (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Liza Codys „Miss Terry“ (Miss Terry, 2012)
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