Seit fünf Jahren – und damit seit dem Filmende von Roman Ric Waughs bei der Kritik und dem Publikum überraschend erfolgreicher Dystopie „Greenland“ – leben John Garrity (Gerard Butler), seine Frau Allison (Morena Baccarin) und ihr inzwischen fünfzehnjähriger Sohn Nathan (Roman Griffin Davis) in Grönland in einem Schutzbunker. Sie mussten dorthin flüchten, weil der Einschlag des Kometen Clarke auf der Erde das Klima, die Luft und die Landschaft veränderte. Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Radioaktivität, Stürme und unvorhersehbare Einschläge von weiteren Teilen des Kometen machen sie in weiten Teilen unbewohnbar. Das Leben im Bunker ist das neue Normal. Und, obwohl der Bunker langsam auseinanderbricht und sich zu viele Menschen mit zu wenig Nahrung in ihm aufhalten, werden weitere Menschen aufgenommen.
Ausgehend von den ihnen zur Verfügung stehenden lückenhaften Daten, verfechten Wissenschaftler die Theorie, dass an dem Ort, an dem Clarke in Südfrankreich einschlug, neues Leben, möglicherweise sogar in bislang ungeahnter Pracht und Vielfalt, entstehen könnte. Ein Garten Eden.
Als ein Erdbeben den Bunker zerstört, machen die Garritys und einige weitere Bunker -Bewohner sich auf den Weg zu dem Krater. Ihre erste Station ist Großbritannien, oder genauer gesagt, die jezt halb unter Wasser liegende Stadt Liverpool.
„Greenland 2“ schickt die Familie Garrity wieder auf die Reise. Nur dass sie dieses Mal nicht von Florida nach Grönland, sondern von Grönland nach Südfrankreich, ihrem neuen Sehnsuchtsort, gehen soll. Und wie es sich für eine Reisegeschichte gehört, ist der Weg das Ziel. Auf ihrer Reise treffen die Garritys ihnen mehr oder weniger freundlich gesonnene Menschen, die sich mehr oder weniger gut in dieser Welt eingerichtet haben und sie müssen viele Gefahren überstehen.
So weit, so konventionell. „Greenland 2“ ist, wie „Greenland“, dystopisches Katastrophenkino, das sich immer in den bekannten Genrekonventionen bewegt und sich dabei auf eine ganz normale Familie ohne besondere Eigenschaften und Fähigkeiten konzentriert. Das ist immer wieder kitschig, manchmal auch brutal und die Spezialeffekte sind immer wieder erstaunlich schlecht. Für die Ansichten zerstörter Großstädte gilt dies nicht. Und die Landschaftsaufnahmen – es wurde auf Island gedreht – gefallen.
Gefallen tut auch, dass es Regisseur Ric Roman Waugh, auch dank des Drehbuchs und den in ihren Rollen glaubwürdigen Schauspielern, gelingt, mit wenigen Strichen Figuren zu zeichnen, die schnell eine eigene Identität erhalten und als klar unterscheidbare Individuen im Gedächtnis bleiben. Das gilt sogar für Figuren, die nur einen kleinen Auftritt (wie eine im Rollstuhl sitzende Frau) oder, kurz vor dem Ziel ihrer Reise, nur einen sekundenlangen Auftritt als Leiche haben. Und es gibt einige gute Action- und Suspense-Szenen. Beispielsweise bei der der Logik des Spannungskinos gehorchenden Überquerung des Ärmelkanals.
Das alles bewegt sich, bodenständig und ohne besondere Innovationen, in dem bekannten Rahmen solcher Filme. Angenehm überraschend ist dagegen die Sicht der Macher auf diese Welt und die Gesellschaft nach der Apokalypse.
Im Gegensatz zu gängigen negativen US-amerikanischen Dystopien entwerfen die Macher von „Greenland 2“ eine positive Dystopie. In US-Dystopien werden nach einer Katastrophe meist alle zivilisatorischen Errungenschaften auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Gemeinschaften sind faschistoide, religiöse und kultische Zwangsgemeinschaften mit einem skrupellosen, oft auch durchgeknalltem Diktator als Anführer. Es gilt das gnadenlos durchgesetzte Recht des Stärkeren. Eine Kugel ersetzt jedes Argument. In „Greenland 2“ wird dagegen immer der Wert von Zusammenarbeit, Vertrauen, Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft betont. Es geht, ausgehend von der Kleinfamilie, um den Aufbau von friedlichen Gemeinschaften und einer inklusiven Gesellschaft in einer Welt, in der eben diese Gesellschaften und das Leben auf der Erde durch eine Katastrophe vernichtet wurden. Die Garritys bewegen sich auf ihrer Reise von Grönland nach Südfrankreich durch eine Welt, in der Gewalt allgegenwärtig ist und die Menschheit um ihr Überleben kämpft. Trotzdem werden christliche und humanistische Werte immer noch befolgt und es haben sich mehr oder weniger große, mehr oder weniger beständige Notgemeinschaften gebildet. Staatliche und quasi-staatliche Strukturen bestehen ebenfalls weiterhin; in welchem Umfang bleibt in dem Film, der sich auf die Erlebnisse einer Familie konzentriert, allerdings im Dunkeln. Auch für den überaus normalen und gewöhnlichen Familienvater John Garrity sind Gewalt und Gegengewalt niemals das präferierte Mittel um seine Familie zu beschützen und an das Reiseziel zu gelangen.
Das macht „Greenland 2“ zu einem europäischen Gegenentwurf zu US-amerikanischen Dystopien. Es macht den Katastrophenfilm auch zu einer überraschend positiven Dystopie.
P. S. 1: Als Titel ist „Greenland“, wenn man ihn als ‚Grönland‘ übersetzt, sinnfrei. Wenn man ihn als ‚Grünes Land‘ übersetzt, ist das etwas anderes.
P. S. 2: Der Film wurde, wie gesagt, auch auf Island gedreht. Im Film ist Island untergegangen.

Greenland 2 (Greenland 2: Migration, USA 2025)
Regie: Ric Roman Waugh
Drehbuch: Chris Sparling, Mitchell LaFortune
mit Gerard Butler, Morena Baccarin, Roman Griffin Davis, Amber Rose Revah, William Abadie, Sophie Thompson, Trond Fausa, Nelia Valery Da Costa, Ken Nwosu, Denez Raoul
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „Greenland 2“
Wikipedia über „Greenland 2“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Snitch – Ein riskanter Deal“ (Snitch, USA 2013)
Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Angel has fallen“ (Angel has fallen, USA 2019)
Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Greenland“ (Greenland, USA 2020)
Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Kandahar“ (Kandahar, USA 2023)