Einsam sitzt Mariano De Santis (Toni Servillo) in seinem festungsähnlichem Amtssitz. Nur seine Tochter Dorotea (Anna Ferzetti) ist immer bei ihm und berät ihn. In einem halben Jahr endet seine Amtszeit als Präsident Italiens. Die noch nötigen Amtsgeschäfte erledigt er überdrüssig mit steinerner Miene. Er muss nur noch über ein schon lange vorbereitetes und noch länger diskutiertes Gesetz zur Sterbehilfe und über zwei Begnadigungen entscheiden. Der unter seinen akademischen Kollegen hochgeachtete und respektierte Jurist zögert allerdings. Es sind Entscheidungen, die sein Vermächtnis prägen werden.
Paolo Sorrentinos neuer Film „La Grazia“ ist eine weitere seiner Studien von erlesenem Stillstand vor prächtiger Kulisse. Der Präsidentenpalast verströmt als historisches Gebäude aus jeder Pore Geschichte. Toni Servillo verkörpert den zaudernden Präsidenten mit steinerner Miene. Meistens ist er allein. Immer zaudert er aus eher nebulösen Gründen. So hat er gegen das Gesetzt zur Sterbehilfe keine grundlegenden juristischen, politischen oder persönliche Einwände. Er zaudert nur um des Zauderns Willen.
So ist „La Grazia“ von Paolo Sorrentino, wie gesagt, eine weitere Studie im Stillstand, verbunden mit der Erinnerung an möglicherweise bessere Zeiten. Es passiert wenig bis nichts in dieser intimen Zustandsbeschreibung. Sorrentino übertönt es auch nicht, wie früher, mit Lautstärke oder felliniesken Figuren und breit gefächerten Tableaus.
In „La Grazia“ begnügt sich Sorrentino mit dem gewohnt überzeugend auftretendem Toni Servillo damit, seinen Lieblingsschauspieler in historische Räume zu setzen oder zu stellen. Das sieht prächtig aus, ist voller Nostalgie und verströmt die Aura gediegener Langeweile. Denn auch wenn De Santis vor einigen wichtigen Entscheidungen steht, scheint keine dieser Entscheidungen für das Leben der von ihm regierten Italiener besonders wichtig oder umstritten zu sein.
Das gesagt, ist es eine Wohltat, im Kino über zwei Stunden einen Politiker zu sehen, der ein hundertfünfzigprozentiger Anti-Trump und der intellektuelle Gegenentwurf zu vielen italienischen Politikern ist. Dazu gehört auch der ebenfalls von Toni Servillo in Paolo Sorrentinos Biopic „Loro“ porträtierte ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi.

La Grazia (La Grazia, Italien 2025)
Regie Paolo Sorrentino
Drehbuch: Paolo Sorrentino
mit Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque, Massimo Venturiello, Milvia Marigliano, Giuseppe Gaiani, Giovanna Guida, Alessia Giuliani, Roberto Zibetti, Vasco Mirandola, Linda Messerklinger, Rufin Doh Zeyenouin
Länge: 133 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „La Grazia“
Wikipedia über „La Grazia“ (deutsch, englisch, italienisch)
Meine Besprechung von „Paolo Sorrentino – Director’s Collection“
Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „Loro – Die Verführten“ (Loro, Italien/Frankreich 2018)
Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „Parthenope“ (Parthenope, Italien/Frankreich 2024)