Zum ersten Mal hörte ich in einem Video von „Wanda“.
Danach wanderte der Film auf meine Watchlist.
Und jetzt läuft er – erstmals! – im Kino. Seine deutsche Premiere feierte Barbara Lodens einziger Film, zwei Jahre nach seiner Premiere in Venedig und ein Jahr nach seinem US-Kinostart, am 7. November 1972 in der ARD. In den vergangenen Jahren wurde der nur von wenigen gesehene und lange kaum erhältliche Film immer mehr als vergessenes New-Hollywood-Meisterwerk und Klassiker des feministischen Kinos gefeiert.
Zu den Fans des Films gehören, um nur einige bekannte Namen zu nennen, Isabelle Huppert, Nan Goldin, Marguerite Duras, John Waters, Christian Petzold, Wim Wenders und Pamela Anderson.
Als Barbara Loden 1969 „Wanda“ drehte, war sie bereits eine bekannte Schauspielerin mit Erfolgen am Broadway – unter anderem erhielt sie 1964 den Tony Award – und im Fernsehen. 1967 heiratete sie den Regisseur Elia Kazan („Die Faust im Nacken“, „Jenseits von Eden“), wurde wieder schwanger und konzentrierte sich auf die Arbeit hinter der Kamera. Die Charakterstudie „Wanda“ wurde dann ihr erster und einziger Spielfilm. Gedreht wurde er mit einem Mini-Budget, nach ihrem Drehbuch und mit ihr als Hauptdarstellerin.
Die titelgebende Wanda driftet kurz nach ihrer Scheidung durch das ländliche Pennsylvania. Die Scheidung und dass ihr Mann das Sorgerecht für die Kinder erhielt, akzeptierte sie vor Gericht klaglos. Aus einem schlecht bezahlten Aushilfsjob wird sie entlassen, weil sie zu langsam ist.
Ziellos streift sie durch die Stadt. In einem Kino wird ihr ihr Geld gestohlen. In einer Bar trifft sie einen Mann, den sie für den Barkeeper hält. Sie bleibt bei ihm. Aber Norman Dennis ist kein Barkeeper, sondern ein Berufsverbrecher, der gerade so über die Runden kommt. In der Bar stahl er die Tageseinnahmen. Jetzt plant er einen Bankraub.
Wer jetzt eine Bonnie-und-Clyde-Geschichte erwartet, wird enttäuscht sein. Wanda ist niemals so fasziniert oder erregt von Norman wie Bonnie Parker es von Clyde Barrow war. Bestenfalls erzählt Barbara Loden eine lustlose Parodie auf Arthur Penns „Bonnie und Clyde“, in der sie in jedem Moment das Gegenteil von Arthur Penn macht.
Bei Barbara Loden ist der Verbrecher nur ein um sein Überleben kämpfender Handlungsreisender, der in billigen Hotelzimmern übernachtet und panisch die Zeitungen nach Meldungen über seine Taten durchblättert. Für ihn ist Wanda ein Dienstmädchen, dem er Befehle gibt und das er herablassend behandeln kann. Wanda akzeptiert das ohne Widerspruch. Bis auf einige wenige Momente hat sie keinen eigenen Willen. Enervierend passiv erträgt sie jede Demütigung. Und Loden bemüht sich noch nicht einmal im Ansatz, Wanda sympathischer zu machen.
Das interressante bei „Wanda“ ist die Präsentation und der Blick auf die Hauptfigur. In quasi-dokumentarischen Aufnahmen, mit Laienschauspielern, Improvisationen und einem kleinen Stab von insgesamt vier Personen, zeigt Loden eine Frau aus der Unterschicht und den Strukturen, in denen sie lebt.
Inzwischen, über fünfzig Jahre nach seiner Entstehung, ist die präzise beobachtete Charakterstudie auch eine Zeitkapsel auf die USA in den späten sechziger Jahren und die Arbeiterklasse, in der von Frauenemanzipation und den damaligen politischen Diskussionen nichts zu spüren war.
Cineasten werden auch bemerken, wie stark Loden vom damaligen europäischen Kino beeinflusst war und wie sehr sich ihr Film von anderen New-Hollywood-Filmen unterscheidet.
„Wanda“ ist der Auftakt der Reihe RE:VISITED von Grandfilm. Der Verleih will unter diesem Label in den kommenden Monaten filmhistorisch bedeutende Werke des Independent-Kinos in restaurierten Fassungen in die Kinos bringen und so zu einer Wiederentdeckung beitragen.

Wanda (Wanda, USA 1970)
Regie: Barbara Loden
Drehbuch: Barbara Loden
mit Barbara Loden, Michael Higgins, Dorothy Shupenes, Peter Shupenes, Jerome Thier, Marian Thier
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Wikipedia über „Wanda“ (deutsch, englisch)
Criterion: „Wanda“ Now: Reflections on Barbara Loden’s Feminist Masterpiece (20. Juli 2018)