Ein Besuch bei Hellboys Freunden

März 7, 2011

Die meisten in der B. U. A. P. arbeitenden Wesen, denn normale Menschen sind sie nicht unbedingt, sind aus den „Hellboy“-Comics von Mike Mignola und den kurzweiligen Verfilmungen „Hellboy“ und „Hellboy 2 – Die goldene Armee“ von Regisseur Guillermo del Toro bekannt. Sie haben besondere Fähigkeiten, wie der Amphibienmensch Sapien, der Feuerteufel Sherman oder das Medium Kraus, oder dürften, wie der von den Toten auferstandene Daimio oder die auferweckte Mumie Panya, überhaupt nicht leben. Aber gerade diese Fähigkeiten prädestinieren sie für die Arbeit bei der B. U. A. P., der Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen. Auch Hellboy arbeitete für die B. U. A. P.. Und mit der „B. U. A. P.“-Reihe wurde vor einigen Jahren ein „Hellboy“-Ableger geschaffen.

Hellboy verließ die Behörde am Ende von ‚Sieger Wurm‘ (…) Dann kam der erste Film und wir waren abgelenkt und nicht darauf eingestellt, mehr zu machen. Doch mit dem allgegenwärtigem Film realisierten wir, dass es nie wieder einen besseren Zeitpunkt geben würde, um eine eigene B. U. A. P.-Serie zu starten, wenn man bedenkt, wie wichtig Abe und Liz im Film waren – in den Comics hatte Hellboy die Behörde gerade verlassen, aber der Film war eine einzige gigantische Werbung für B. U. A. P..“ erzählt Hellboy- und B. U. A. P.-Redakteur Scott Allie im B. U. A. P.-Band „Die Warnung“.

In dem siebten B. U. A. P.-Band „Tödliches Terrain“ müssen Abe Sapien, Captain Benjamin Daimio, Liz Sherman, Dr. Kate Corrigan, Johann Kraus und das gesamte B. U. A. P.-Personal gegen zwei Eindringlinge in die B. U. A. P.-Zentrale und einen zu ihnen überführten Wendigo kämpfen. In dem abgelegenem Gebäude beginnt eine blutige Schlacht mit zahlreichen Toten.

Die Warnung“ ist der Beginn einer Trilogie, die, so der Klappentext, die B. U. A. P. für immer ändern wird. Dass da noch einiges im Busch ist, können wir uns denken. Denn als Auftakt wird erst einmal München zerstört.

Die Gegner der B. U. A. P. sind die Schwarze Flamme und die Kreaturen der Hohlen Erde.

Errr, gut, wer es bis jetzt noch nicht kapiert hat: Die „B. U. A. P.“-Geschichten sind keine Krimis (obwohl es etliche Tote gibt), sondern pulpige Schlachtplatten mit einer ordentlichen Portion in der alternativen Gegenwart spielender Fantasy.

Die Action und der fliegende Wechsel zwischen den verschiedenen Welten macht Spaß. Aber weil es in „Tödliches Terrain“ und „Die Warnung“ immer mehrere ziemlich gleichberechtigte Hauptcharaktere gibt, ist es (jedenfalls für Späteinsteiger) schwierig, die einzelnen Plots sofort zu erfassen und Haupt- und Nebenplots ordentlich zu sortieren. Immerhin begegnet man nicht jeden Tag paranormal begabten Wesen. Außerdem bleibt in den Geschichten immer einiges rätselhaft und es ist nicht klar, ob das an meinem mangelndem Vorwissen liegt oder ob die Autoren Mike Mignola und John Arcudi bewusst einiges im Unklaren lassen (und erst später erklären wollen) oder sie sich einfach nur einen Scherz erlauben.

Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner): B. U. A. P.: Tödliches Terrain (Band 7)

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2009

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

BPRD: Killing Ground

Dark Horse, 2008

Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner): B. U. A. P.: Die Warnung (Band 8)

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2010

152 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

BPRD: The Warning

Dark Horse, 2009/2010

Hinweise

Homepage von Mike Mignola

Facebook-Seite von/über John Arcudi

Homepage von Guy Davis

Wikipedia über das „Bureau for Paranormal Research and Defense“


Der „Tatort“, der Mord, der Geschlechtsverkehr und – die schlimmste aller Sünden – die nackten Männer

Februar 23, 2011

Zum vierzigjährigem „Tatort“-Jubiläum wurde wieder einmal überall gemurmelt, der „Tatort“ sei auch eine Kultur- und Sittengeschichte der Bundesrepublik. Dennis Gräf, der erst vor kurzem seine Dissertation „Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher“ veröffentlicht hat, und sein Doktorvater Hans Krah versuchen in dem Bändchen „Sex & Crime“ nachzuzeichnen, wie im „Tatort“ in den vergangenen Jahrzehnten Sexualität gezeigt wurde und wie sich verändernde Moralvorstellungen im „Tatort“ auswirkten.

Es geht von den freizügigen Siebzigern und dem damals noch existierendem Bürgertum über die Schimanski-Jahre hin zur derzeitigen Prüderie. Die oft allein lebenden Ermittler haben heute ein sehr überschaubares Sexualleben. Und wenn sie sich doch einmal verlieben, übersteht die Beziehung die Episode nicht.

Und die anderen? Die Mörder? Die Opfer?

Nun, so Gräf und Krah: „Sex funktioniert als Maßstab, an dem moralische Kompetenz gemessen werden kann.“ Ergo: viel Sex = gleich niedrige soziale Kompetenz = Täter oder Opfer.

Dabei werden von den „Tatort“-Machern auch Sexualpraktiken und Delikte als Begründung für spätere Morde herangezogen, die nicht im Strafgesetzbuch stehen. In „Delikt: Nackter Mann“ zeigen die beiden Autoren, wozu diese „Tatort“-Praxis führen kann: danach mindert Nacktheit bei Männern, vor allem in der Post-Schimanski-Ära (der durfte sich noch nackt zeigen), deren Überlebenschancen rapide. Absurd, aber wahr.

Entsprechend wenig überraschend ist das von Gräf und Krah am Schluss von „Sex & Crime – Ein Streifzug durch die ‚Sittengeschichte‘ des TATORT“ gezogene Fazit, wonach der „Tatort“ „eine grundlegende Nähe zu konservativen Weltmodellen aufweist“.

Als Grund dafür vermuten sie „die Verortung des ‚Tatort‘ in den Massenmedien (…), die in der Regel lediglich konsensuale Weltentwürfe zulassen und Extreme vermeiden. Der ‚Tatort‘ ist demnach immer auch eine (moralische) Kompromissbildung, eine Schnittmenge dessen, was gesellschaftlich an Abweichung existiert und was davon medial vermittelbar und akzeptabel ist – bzw., was von den Machern dafür gehalten wird.“

Und da scheinen die „Tatort“-Macher heute den Zuschauern immer weniger zuzumuten.

Links oder aufklärerisch, zwei ebenfalls im Zusammenhang mit dem „Tatort“ gerne benutzte Floskeln, ist dieses Bestätigen der herrschenden Moral nicht. Jedenfalls nicht in den von Gräf und Krah für ihre Argumentation herangezogenen „Tatorten“. Denn auch wenn man das Fazit intuitiv einleuchtend findet, bleibt immer auch der Eindruck bestehen, dass einfach die, teils eher unbekannten, „Tatorte“ genommen wurden, die in die Argumentation hineinpassen.

Aber da bleibt ja immer noch Dennis Gräfs umfangreiches Werk „Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher“, das auch die Frage von „Sex & Crime“ behandelt, obwohl in der Dissertation das sich seit den sechziger Jahren wandelnde und zerfallende Bürgertum und die damit zusammenhängende Diskurse über Gesellschaft und die sie zusammenhaltenden Werte wichtiger sind.

Dennis Gräf/Hans Krah: Sex & Crime – Ein Streifzug durch die „Sittengeschichte“ des TATORT (Ermittlungen in Sachen TATORT I)

Bertz + Fischer, 2010

128 Seiten

9,90 Euro

Dennis Gräf: Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher (Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik, Band 1)

Schüren, 2010

332 Seiten

29,90 Euro

Hinweise

Homepage von Dennis Gräf

Homepage von Hans Krah

ARD über den „Tatort“

Tatort-Fundus (umfangreiche Fan-Seite)

Wikipedia über den „Tatort“

 


Ein Mädel auf Mörderjagd

Februar 17, 2011

Ja früher ließen sich die Autoren immer unglaublich viel Zeit, bevor sie mit ihrer Geschichte anfingen. Nicht wie heute, wo, streng nach Schreibratgeber, bereits der erste Satz den Leser packen muss. Zum Beispiel dieser Romananfang:

Heutzutage glaubt kein Mensch mehr, dass ein vierzehnjähriges Mädchen mitten im Winter sein Elternhaus verlassen könnte, um den Mord an seinem Vater zu rächen; aber damals erschien das nicht so seltsam – wenn ich auch sagen muss, dass es sicher nicht alle Tage vorkam. Ich war gerade vierzehn, als ein Feigling namens Tom Chaney meinen Vater unten in Fort Smith, Arkansas, über den Haufen schoss und ihm sein Leben, sein Pferd, 150 Dollar sowie zwei kalifornische Goldstücke raubte, die er im Hosenbund trug.

Und das kam so:

Das sind die ersten Zeilen von Charles Portis‘ Western „True Grit“, der jetzt dank der Coen-Brüder, die den Roman verfilmten, wiederveröffentlicht wurde. Auf den folgenden zweihundert Seiten erzählt Mattie Ross ein halbes Jahrhundert später von dieser Jagd. Denn in Fort Smith muss sie schnell feststellen, dass für die dortigen Gesetzeshüter die Verfolgung von Tom Chaney nicht an erster Stelle steht. Chaney ist nur einer von vielen flüchtigen Verbrechern. Also fragt sie nach dem besten Marshal und trifft auf Rooster Cogburn. Der ist Marshal, zäh, furchtlos, und ein versoffenes Schlachtross, das Verbrecher während der Verhaftung gerne erschießt. Gerade der letzte Punkt gefällt der rachedurstigen Mattie. Sie engagiert ihn. Später schließt sich ihnen Texas-Ranger LaBoeuf an. Er jagt Chaney, weil dieser den Hund eines Senators erschossen hat und der Senator ein hohes Kopfgeld auf den Hundemörder aussetzte. Mattie will Chaney allerdings nicht LaBoeuf überlassen. Denn Chaney soll nicht für einen Hund, sondern für den Mord an ihrem Vater am Galgen baumeln.

Chaney ist in das Indianerterritorium geflüchtet und hat sich der skrupellosen Bande von Lucky Ned Pepper angeschlossen. Mattie, Cogburn und LaBoeuf nehmen die Verfolgung auf. Dabei muss Mattie sich zuerst den Respekt der beiden Männer erarbeiten. Denn die wollen Chaney ohne ein Kind als lästige Begleitung jagen.

Die geradlinige Geschichte gewinnt durch die Stimme der Erzählerin Mattie. Die vierzehnjährige Mattie ist zwar willensstark, aber auch entsetzlich vorlaut, rechthaberisch und altklug. Und einige ihrer Ansichten sind heute nicht mehr P. C.. Damals, als 1968 der Roman erschien, waren sie es wahrscheinlich auch nicht. Aber Charles Portis lässt die Geschichte ja um 1878 spielt und erst Jahrzehnte später von der älteren, unverheirateten Presbyterianerin und Bankerin Mattie erzählen. So sagt sie über eine Gruppe von Häftlingen: „Es waren meistens Weiße, aber ein paar Indianer, Mischlinge und Neger waren auch darunter. Es war ein schrecklicher Anblick, man darf jedoch nicht vergessen, dass diese Bestien in Ketten Räuber und Mörder und Fälscher waren, dass sie Züge zum Entgleisen gebracht und in Bigamie gelebt hatten – Abschaum der Menschheit.“

Gerade dieser unverstellte Blick in die Vergangenheit, in der Charles Portis nicht über seine Charaktere urteilt, trägt dazu bei, dass sich „True Grit“ wie ein historisches Dokument liest. Und sicher auch deshalb wurde Mattie Ross öfters mit Huckleberry Finn verglichen. Nur schrieb Mark Twain seine Geschichten einige Jahrzehnte vor Charles Portis.

Ach, und „True Grit“ kann mit wahrer Mumm oder echte Tapferkeit übersetzt werden. In dieser Hinsicht war der alte deutsche Titel „Die mutige Mattie“ absolut gelungen. Der neue Titel „True Grit“ ist dagegen der Hollywood-Manie geschuldet, Filme überall mit dem Originaltitel zu starten, auch wenn ihn niemand versteht und sich deshalb nichts darunter vorstellen kann.

Charles Portis: True Grit

(Überarbeitete Neuausgabe)

(übersetzt von Richard K. Flesch)

rororo, 2011

224 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Die mutige Mattie

Rowohlt Verlag, 1969

Originalausgabe

True Grit

Simon & Schuster, New York, 1968

Verfilmungen

Der Marshal (True Grit, USA 1969)

Regie: Henry Hathaway

Drehbuch: Marguerite Roberts

mit John Wayne, Kim Darby, Glen Campbell, Jeremy Slate, Jeff Corey, Robert Duvall, Dennis Hopper, Strother Martin


True Grit (True Grit, USA 2010)

Regie: Joel Coen, Ethan Coen

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen

mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper

Hinweise

Wikipedia über Charles Portis (deutsch, englisch) und „True Grit

New York Times über Charles Portis (19. Dezember 2010)

Amerikanische Homepage zu „True Grit“ (Coen-Version)

Deutsche Homepage zu „True Grit“ (Coen-Version)

Film-Zeit über „True Grit“ (Coen-Version)

Drehbuch „True Grit“ von Joel und Ethan Coen


Übersetzen? Donald E. Westlake: Get real

Februar 14, 2011

Am 31. Dezember 2008 starb der enorm produktive Krimiautor Donald E. Westlake. In den vergangenen Jahren kehrte er nach einer jahrelangen Pause unter seinem Pseudonym Richard Stark mit den harten Parker-Romanen über einen No-Nonsense-Einbrecher wieder auf den deutschen Buchmarkt zurück.

Westlakes zweiter bei Krimifans sehr beliebter und ähnlich langlebiger Seriencharakter, der in New York lebende Einbrecher John Dortmunder, entstand aus der Parker-Serie. Westlake hatte die Idee, dass Parker einen Gegenstand mehrmals stehlen müsse. Allerdings würde Parker niemals einen Gegenstand mehrmals stehlen und so zum Clown werden.

Also erfand Donald Westlake den glücklosen Einbrecher John Dortmunder und seine Gang, die 1970 in „The hot rock“ (Finger weg von heißem Eis) einen wertvollen Smaragden mehrmals stehlen müssen. Das Buch wurde von Peter Yates mit Robert Redford und George Segal in den Hauptrollen verfilmt. Westlake schrieb in den kommenden Jahren dreizehn weitere brüllend komische Dortmunder-Romane, von denen etliche verfilmt und wenige übersetzt wurden, und die Kurzgeschichten-Sammlung „Thieves‘ Dozen“.

In dem vierzehntem und letztem Dortmunder-Roman, der in den USA ein halbes Jahr nach Westlakes Tod erschien, will der Reality-TV-Macher Doug Fairkeep mit John Dortmunder und seiner gut eingespielten Gang eine Reality-Show über einen echten Einbruch machen.

Natürlich sagen Dortmunder und die anderen, auch wegen des in Aussicht gestellten Geldes, nach einer kurzen Bedenkzeit, zu. Sie haben zwar noch keine Ahnung, wie sie für den Einbruch nicht ins Gefängnis wandern sollen, aber als sie in dem Lagerhaus, in dem das Filmatelier ist, eine gut gesicherte Tür entdecken, wissen sie, dass sie hier einen lohnenswerten Einbruch begehen können. Und aus der Show können sie ja jederzeit aussteigen. Jedenfalls war das am Anfang der Plan.

Get real“ ist, wie alle Dortmunder-Romane, ein genialer Comic-Crime-Roman mit treffenden Pointen, trockenen Dialogen, genauen Betrachtungen zur Gesellschaft und menschlichen Psyche und einer sich rasant entwickelnden Geschichte, in der Fiktion und Realität und Reality, denn für das Reality-TV wird die Wirklichkeit in Unterhaltung umgeformt, aufeinandertreffen.

Dieses Mal hinterlässt die Lektüre, die, wie immer bei Donald Westlake, glänzende Unterhaltung ist, ein zwiespältiges Gefühl. Denn es ist

schade, dass „Get real“ der letzte Dortmunder-Roman ist, aber es

schön, dass Donald E. Westlake ihm und sich einen so guten Abgang verschaffte.

Donald E. Westlake: Get real

Grand Central Publishing, 2009

288 Seiten

17,99 Euro (Hardcover Grand Central)

6,99 (Taschenbuch Grand Central)

9,99 (Taschenbuch Quercus)

Hinweise

Homepage von Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake


Georg Seeßlen über Cowboys und Detektive

Februar 10, 2011

Als „Filmwissen Detektive“ und „Filmwissen Western“ sind jetzt die zuletzt 1995 („Western“) und 1998 („Detektive“) im Schüren Verlag erschienen Bände der mehrbändigen Reihe „Grundlagen des populären Films“ von Georg Seeßlen in einer überarbeiteten Neuauflage erschienen. 1995 und 1998 erschienen die Bücher im festen, blauen Einband und der Untertitel „Geschichte und Mythologie des XY-Films“ erinnerte an die alte rororo-Ausgabe der mehrbändigen Filmbuchreihe, in der Georg Seeßlen die verschiedensten Genres für das deutsche Publikum erstmals ausführlich und kundig vorstellte. Auch für die Neuausgabe wurde die einfache und bewährte Struktur beibehalten.

Filmwissen Detektive“ und „Filmwissen Western“ beginnen mit einer fast fünfzigseitigen Einführung in die Mythologie des Detektivfilms (vor allem über die historischen Ursprünge bis zu Dashiell Hammett und Raymond Chandler) oder auf zwölf Seiten in die des Western. Diese Ursprungsmythen bilden die Folie auf der sich die Entwicklungen des Genres vom Stummfilm bis zur Gegenwart abbilden und chronologisch nachgezeichnet werden.

Die neuen Entwicklungen im Kino- und TV-Film (wobei TV-Serien kaum beachtet werden) wurden dann von Seeßlen einfach an den alten Text angehängt. Bei „Filmwissen Western“ sind das, obwohl schon seit Jahrzehnten immer wieder gesagt wird, der Western sei tot, fast fünfzig Seiten. Aber andererseits hat der Western „True Grit“ der Coen-Brüder in den USA bis jetzt über 155 Millionen Dollar eingespielt.

Bei „Filmwissen Detektive“ sind etwas über dreißig Seiten neu. Denn in den vergangenen Jahren verschwand der Privatdetektiv aus der populären Mythologie zugunsten des Polizisten, der zum Helden der meisten Kriminalfilme und -serien wurde; – und wenn es doch Detektive gibt, arbeiten sie, wie Adrian Monk oder der Mentalist Patrick Jane als Berater für die Polizei. Der Grund für diesen Wandel ist für Seeßlen „die Umkehrung der Verhältnisse, die den Privatdetektiv so nostalgisch und den Cop so zeitgemäß macht. (…) Der Detektiv als Kleinunternehmer dagegen müsste in der Welt des Internet-Verbrechens und der Steuerhinterziehungen nur gegen sich selbst ermitteln. Seine Käuflichkeit steht außer Frage, als moralische Korrektur der Verhältnisse hat er ausgedient, nicht zuletzt auch, weil der Cop als Außenseiter in der eigenen Organisation einige seiner attraktiven Attribute übernommen hat, die innere Tragik und den Zynismus ohnehin.“

Im Gegensatz zur letzten Ausgabe der beiden „Filmwissen“-Bücher verzichtete der Verlag dieses Mal auf Bilder (etwas bedauerlich), wählte eine andere Schrifttype (sie ist ziemlich klein, aber gut lesbar) und für die Bibliographie und das Filmregister wurde eine größere und wesentlich bessere Schriftgröße gewählt. Denn der Anhang war in der vorherigen Ausgabe nur mit einer Lupe lesbar.

Insgesamt sind „Filmwissen Detektive“ und „Filmwissen Western“ eine sehr gute, unterhaltsame Einführung in die Genres. Wer allerdings die alte Ausgabe hat, muss wegen der Ergänzungen nicht unbedingt zuschlagen.

Georg Seeßlen: Filmwissen Detektive (Grundlagen des populären Films)

Schüren Verlag, 2010

288 Seiten

19,90 Euro

Georg Seeßlen: Filmwissen Western (Grundlagen des populären Films)

Schüren Verlag, 2010

292 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (2009)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“ (2010)


Krimiautoren schreiben Comics

Februar 3, 2011

Die Krimiautoren Duane Swierczynski, Greg Rucka, Victor Gischler, Tom Piccirilli, Gregg Hurwitz, Charlie Huston und Jonathan Maberry haben in ihrer Heimat einen festen Leserstamm. Etliche ihrer Krimis waren auf verschiedenen Nominierungslisten (inclusive gewonnener Preise). Gleichzeitig wurden sie in den vergangenen Jahren auch gefragt, ob sie Szenarien für Comics schreiben wollen.

Sie sagten zu und schrieben Geschichten für Cable, Deadpool, den Punisher und Superman; naja, genaugenommen für eine Welt ohne Superman, weil dieser auf seinem Heimatplaneten gerade etwas erledigen muss.

Im sechsten „Cable“-Sammelband „Heimkehr“ geht die Odyssee von Cable und seinem Schützling Hope zu Ende. Vor siebzehn Jahren wurde Cable von dem Chef der X-Men in die Zukunft geschickt. Dort sollte er ein Baby vor Lucas Bishop beschützen. Denn während die X-Men in dem Baby die Zukunft der X-Men sahen, sah Bishop in ihr den Untergang der X-Men und der Welt.

In den folgenden Bänden jagte er die beiden durch die Zeit und auch durch verschiedene Welten. Während bei einigen Heften unklar war, wo das Ganze hinführen soll, hat Swierczynski für den Abschluss noch einmal kräftig auf die Tube gedrückt. Wir erfahren zwar nichts bahnbrechend neues über Cable, Hope und Bishop, aber dafür gibt es Action satt. Und das nicht nur in einer Zeit, sondern in verschiedenen Zeiten. Denn weil Cable mit seiner reparierten Zeitmaschine keine Punktlandung machen kann, nähern sie sich durch Sprünge in die Vergangenheit und die Zukunft immer mehr der Gegenwart. Und Bishop versucht alles, um Cables Mission in letzter Sekunde noch zu verhindern.

Das gibt Swierczynski die Gelegenheit, noch einmal Cable, Hope und Bishop alte Bekannte treffen zu lassen und Schlaglichter auf die verbrecherischen Vergangenheit New Yorks zu werfen. Denn selbstverständlich geraten sie auch in einen handfesten Mobkrieg.

Neben der vierteiligen Geschichte „Heimkehr“ gibt es in dem sechsten „Cable“-Sammelband auch einige Episoden auch Hopes Jugend und die Geschichte „Deadpool & Cable: Zwei Mutanten & ein Baby“. In dieser Geschichte erzählt Deadpool gewohnt großspurig, dass Cable und Hope nur dank seiner Hilfe überhaupt überlebten und sich auf die Reise in die Zukunft begeben konnten.

Action satt“ ist auch das Motto der beiden „Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe“-Sammelbände von Hardboiled-Krimiautor Victor Gischler.

Gischlers Roman „Gun Monkeys“ wurde für den Edgar-Allan-Poe-Preis nominiert, „Shotgun Opera“ für den Anthony Award. Seine beiden krimifernen Romane „Die Go-Go-Girls der Apocalypse“ und „Vampire à Go-Go“ wurden auch ins Deutsche übersetzt. Daneben erfand er auch zahlreiche Geschichten für verschiedene Comicserien und Hollywood hat auch schon an seine Tür geklopft.

In „Kopfsprung“ wird Deadpool für zwei Millionen Dollar in das Wilde Land geschickt. Er soll dort einen Kontaktmann treffen und etwas sehr wichtiges herausholen. Der Kontaktmann ist eine vollbusige Wissenschaftlerin und das sehr wichtige Ding ist ein sprechender Zombiekopf, der aus einem Paralleluniversum kommt und dort eine andere Inkarnation von Deadpool war. Der Zombiekopf hat ein genauso loses Mundwerk wie Deadpool und beide kommentieren die Geschichte immer wieder sehr treffend.

Im zweiten Sammelband „Nächster Halt: Zombieville“, der unmittelbar an „Kopfsprung“ anschließt, versucht Deadpool den Zombiekopf wieder in dessen Universum zurückzubringen. Das geht nicht ohne einige Schäden an Gebäuden, Menschen und Zombies ab.

Jedenfalls hat Deadpool seinen Spaß – und wir dürfen die zahllosen popkulturellen Anspielungen entschlüsseln.

Und weil die verschiedenen Auftritte von Deadpool in anderen Serien aus dem Marvel-Universum und auch die 13-teilige Action-Satire „Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe“ bei den Lesern gut ankamen, gibt es inzwischen eine eigene „Deadpool“-Serie und Panini will alle zwei Monate ein „Deadpool“-Heft mit mehreren „Deadpool“-Geschichten veröffentlichen.

Allerdings sind, nach den durchgeknallten „Deadpool“-Abenteuern von Duane Swierczynski und Victor Gischler, die in dem ersten „Deadpool“-Heft versammelten anderthalb Geschichten von Daniel Way geradezu schwach. In „Welle der Erniedrigung“ versucht der Söldner sich als Pirat. Im ersten Teil von „Ich will, dass du mich willst“ schippert er weiter auf den Weltmeeren herum und tänzelt, vollgepumpt mit Drogen, durch San Francisco. Das ist nicht amüsant.

Der Punisher ist Frank Castle. Nachdem seine Familie von Verbrechern ermordet wurde und er schwer verletzt überlebte, schwor er Rache. Seitdem bringt er jeden Verbrecher, der ihm vor die Flinte läuft, um. Der beliebte Charakter wurde 1974 von Autor Gerry Conway und den Zeichnern John Romita, Sr. und Ross Andru erfunden. Zeitweise gab es gleichzeitig drei „Punisher“-Serien. Die jüngste Inkarnation erlebte Frank Castle als „The PunisherMAX“ (bei dem Marvel-Comics-Imprint MAX). Die Vigilanten-Geschichten richteten sich jetzt an ein erwachsenes Publikum und, im Gegensatz zu anderen Comichelden, wurde Frank Castle älter. Nach 75 Heften (die in den USA in 13 Sammelbänden wiederveröffentlicht wurden) war 2009 Schluss (und es gab unmittelbar danach einen Relaunch als „PunisherMAX“). Gerade die letzten Heften von „The PunisherMAX“/“The Punisher: Frank Castle“, die jetzt bei uns erschienen, wurden von Krimiautoren geschrieben.

Nachdem Duane Swierczynski in „Sechs Stunden zu Leben“ den Punisher halb Philadelphia umbringen ließ, sterben in dem nächsten „Punisher“-Abenteuer, das in den Sümpfen von Louisiana spielt, wesentlich weniger Menschen. Victor Gischler schrieb die „Punisher“-Geschichte „Willkommen im Bayou“, in der Punisher Frank Castle auf dem Weg nach New Orleans ist. Er will dort einen Gefangenen abliefern und so an Informationen herankommen. Auf dem Weg wird er von einer Gruppe Jugendlicher überholt. Nachdem sie alle an einer Tankstelle anhielten, sind die Jugendlichen verschwunden. Castle beschließt sie zu suchen und er trifft auf eine dieser netten, Menschenfleisch essenden Hinterwäldlersippen, die spätestens seit dem „Texas Chainsaw Massacre“ ein fester Bestandteil der Popkultur sind.

Gischler liefert mit „Willkommen im Bayou“, wie schon in „Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe“, schnelle und extrem kurzweilige Unterhaltung.

Weil die MAX-Punisher-Serie mit ihrem 75. Heft, das auch in dem Sammelband „Willkommen im Bayou“ enthalten ist, ihren Abschluss fand, wurden für das letzte Heft Tom Piccirilli, Gregg Hurwitz, Duane Swierczynski, Charlie Huston und Comic-Veteran Peter Milligan gebeten, jeweils eine kürzere Geschichte zu schreiben. Diese Geschichten sind eine nette Beigabe.

In dem neuesten „Punisher“-Sammelband „Abgrund des Bösen“ sind dann vier schon etwas ältere One-Shoots (also Geschichten, die ein Comicheft umfassen) versammelt. Duane Swierczynski, Victor Gischler, TV-Autor, Produzent und Comicautor Mike Benson (unter anderem die TV-Serien „The Bernie Mac Show“ und „Entourage“) und der mehrfache Bram-Stoker-Preis-Gewinner Jonathan Maberry (von dem bislang auf Deutsch nur der Thriller „Patient Null“ erschien) schrieben die vier spannenden Geschichte, die nicht unbedingt aus Castles Sicht erzählt werden.

In „Naturgewalt“ von Duane Swierczynski erfährt Castle, dass drei Kleingangster an einer großen Sache dran sind. Während einem ihrer monatlichen Angelausflüge nimmt er sie sich vor, indem er ihr Boot sinken und sie auf ein kleines Schlauchboot verbannt. In dem Boot wird dann, sorgfältig von Castle vorbereitet, für die Gangster alles noch schlimmer.

In „Alles gespeichert“ von Victor Gischler erzählt die Edelprostituierte Miss Vette die Geschichte. Sie wird von Castle erpresst, ihn zu dem gut bewachtem Plattenlabelbesitzer Carlos Ramirez (der in Wirklichkeit ein Drogenhändler ist) zu bringen.

In „Der Gejagte“ von Mike Benson steht der Gangster Eddie im Mittelpunkt. Zusammen mit seiner Gang verdient er mit dem heißen Abriss von Gebäuden sein Geld. Nach einer Brandstiftung treffen sie Castle, der Eddies Gang tötet. Nur Eddie kann flüchten. Jedenfalls vorläufig.

In „Requisiten“ von Jonathan Maberry kämpft Castle gegen eine Bande, die mit echten Folterpornos ihr Geld verdient. Zusammen mit einem der Verbrecher kann Castle den hochgesicherten Daedalus Tower, in dem die Filme gedreht werden und Frauen aus Russland und Asien als Sklavinnen gefangen gehalten werden, betreten. Allerdings kann er keine Waffen hineinschmuggeln. Er muss also improvisieren.

Die vier kurzen „Punisher“-Geschichten sind, kein Wunder bei den Autoren, schnelle, schwarzhumorige und ziemlich blutige Kriminalgeschichten.

Superman ist, wie wir in den sehr vertrauenswürdigen Chuck Norris Facts erfahren, der Typ, der gegen Chuck Norris eine Wette verloren hat und seitdem seine Unterhose über der Hose tragen muss.

Ansonsten ist der Mann vom Planeten Krypton eigentlich unbesiegbar und weltweit unterwegs, die bösen Buben zu verdreschen. Dass er dabei superschnell durch die Luft fliegen kann, ist natürlich ein enormer Kampfvorteil. Er kann auch im Weltraum atmen. Das ist auch gut. Denn jetzt musste er zu seinem Heimatplaneten Krypton fliegen und dort einige Dinge in Ordnung zu bringen.

Die Welt ohne Superman“ (so auch der Titel der Comicserie) ist da, aber es leben immer noch etliche Kryptonier auf der Erde. Weil die Menschen sie nicht mögen, versuchen sie weitgehend außerhalb des Fokusses der Öffentlichkeit zu leben. Das ist natürlich einfacher geplant, als getan.

In dem fünfteiligem Comic „Die Schläfer“ von Greg Rucka (unter andere „Whiteout“ und die Tara-Chace-Serie), erschienen in „Die Welt ohne Supermann – Band 1“, stehen Nightwing und Flamebird im Mittelpunkt, die auf den ersten Seiten des Fünfteilers Tor-an verkloppen und anschließend neutralisieren. Er ist einer von mehreren Kryptoniern, die sie fangen sollen. Gleichzeitig werden sie von General Sam Lane, einem Menschen, gejagt, der alle Kryptonier umbringen will.

Die Geschichten des zweiten „Die Welt ohne Superman“-Sammelbandes wurden von James Robinson geschrieben und mit Mon-El und dem Guardian stehen zwei andere Superhelden im Mittelpunkt.

Mon-El begibt sich als Jonathan Kent nach Metropolis, um Supermans Heimatstadt an Supermans Stelle zu beschützen. Dort trifft er auf den Guardian, wie Jim Harper, der Kommandant der Wissenschaftspolizei, sich nennt. Der nimmt ihn in seine Einheit auf und gemeinsam jagen sie Verbrecher mit Superkräften.

Die beiden „Die Welt ohne Superman“-Bücher sind für Nicht-Superman-Fans ein sehr verwirrender Einblick in das Superman-Universum, bei dem man als nicht in die Superman-Mythologie kaum etwas versteht und sich öfters fragt, was diese Endlos-Kloppereien sollen. Auf eine Welt ohne Superman kann daher verzichtet werden.

Duane Swierczynski (Autor)/Steve Dillon (Zeichner)/Paul Gulacy (Zeichner)/ Lan Medina (Zeicher): Cable 6: Heimkehr

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2011

180 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Ein Mädchen namens Hope (X-Men: Hope – A Girl called Hope, Mai 2010)

Heimkehr (Cable 21 – 24: Homecomming, Februar 2010 – Mai 2010
Deadpool und Cable: Zwei Mutanten und ein Baby (Cable 25: Deadpool & Cable: Two Mutants and a Baby, Juni 2010)

Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini/Marvel, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip (September 2009 – Februar 2010)

Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini/Marvel, 2010

188 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool (Februar 2010)

Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville (März – August 2010)

Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1

Marvel, 2011

(übersetzt von Michael Strittmatter)

76 Seiten

5,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Welle der Erniedrigung, Teil 1: Absahnen wie ein $%$€! (Deadpool 13: Wave of Mutilation, Part 1: Profiteerin‘ L. A. M. F., Oktober 2009)

Welle der Erniedrigung, Teil 2: Entert an Achtern! (Deadpool 14: Wave of Mutilation, Part 2: Surrender the Booty, Oktober 2009)

Ich will, dass du mich willst, Teil 1: Der Metaphern-Leitfaden für Vollidioten (Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, November 2009)

Victor Gischler (Autor)/Goran Parlov (Zeichner): The Punisher: Willkommen im Bayou

(übersetzt von Reinhard Schweizer)

MAX Comics/Panini 2010

156 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Punisher (Vol. 7) 71 – 74: Welcome to the Bayou, Part 1 – Part 4 (August – November 2009)

Punisher (Vol. 7) 75: Dolls/Gateway/Ghouls/Father’s Day/Smalest Bit of This (Dezember 2009)

Victor Gischler (Autor)/Duane Swierczynski (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): The Punisher: Abgrund des Bösen

(übersetzt von Reinhard Schweizer)

MAX Comics/Panini 2011

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner): Naturgewalt (Punisher: Force of Nature, April 2008)

Victor Gischler (Autor)/Jefte Palo (Zeichner): Alles gespeichert (Punisher: Little Black Book, August 2008)

Mike Benson (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): Der Gejagte (Punisher MAX Annual 1: The Haunted, November 2007)

Jonathan Maberry (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): Requisiten (Punisher: Naked Kill, August 2009)

Greg Rucka (Autor)/Eddy Barrows (Zeichner)/Sidney Teles (Zeichner)/Diego Olmos (Zeichner): Superman Sonderband 37: Die Welt ohne Superman (Band 1 von 2)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2010

124 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Die Schläfer, Teil 1 – 5 (The Sleepers, Part 1 – 5, Action Comics 875 – 879, Mai – September 2009

James Robinson (Autor)/Renato Guedes (Zeichner)/Pere Perez (Zeichner): Superman Sonderband 38: Die Welt ohne Superman (Band 2 von 2)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2010

132 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe/enthält

James Robinson (Autor)/Pablo Raimondi (Zeichner): Ursprünge & Vorzeichen (Origins and Omens, Superman 685, April 2009)

James Robinson (Autor)/Renato Guedes (Zeichner): Gestern und Morgen (Yesterday and Tomorrow, Superman 686, Mai 2009)

James Robinson (Autor)/Renato Guedes (Zeichner): Stärken und Schwächen (Power and Weakness, Superman 687, Juni 2009)

James Robinson (Autor)/Renato Guedes (Zeichner): Der Fall und Aufstieg von Jonathan Kent (The Fall and Rise of Jonathan Kent, Superman 688, Juli 2009)

James Robinson (Autor)/Renato Guedes (Zeichner): Der Tourist (The Tourist, Superman 689, August 2009)

James Robinson (Autor)/Pere Perez (Zeichner): Die Falle (The Setup, Superman 690, September 2009)

Hinweise

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Letzte Order“ (Severance Package, 2008)

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)

Meine Besprechung von Anthony E. Zuiker/Duane Swierczynskis „Level 26 – Dark Origins“ (Level 26 – Dark Origins, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynskis „Cable: Kriegskind – Band 1″ (Cable: War Child – 1, 2008)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner)/Ariel Olivettis (Zeichner) „Cable 2: Heimatfront“ (Cable 2: Homefront)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Ariel Olivettis (Zeichner) „Cable 3 – Warten auf das Ende der Welt“ (Waiting for the end of the world, Wasteland Blues, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner) „Cable 4: Messias-Krieg – Teil 1“ (Messiah War, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crains (Zeichner) „X-Force 4: Messias-Krieg – Teil 2“ (Messiah War, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Paul Gulacy (Zeichner)/Gabriel Guzmans (Zeichner) „Cable 5 – Zu spät für Tränen (Cable 16 – 20, 2009/2010)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombes (Zeichner) „The Punisher – Sechs Stunden zu leben“ (Punisher: Six hours to kill, 2009)

Duane Swierczynski in der Kriminalakte

Homepage/Blog von Victor Gischler

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Das Clean-Team“ (The mystic arts of erasing all signs of death, 2009)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Bis zum letzten Tropfen“ (Every last drop, 2008)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

Homepage von Gregg Hurwitz

Homepage von Peter Milligan

Homepage von Tom Piccirilli

Meine Besprechung von Tom Piccirillis „Killzone“ (The dead letters, 2006)

Tom Piccirilli in der Kriminalakte

Homepage/Blog von Jonathan Maberry

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Greg Rucka in der Kriminalakte


Jack Ketchum ist nicht „Lost“

Januar 19, 2011

Bei Hollywood-Filmen werden wir schon länger von der Unsitte belästigt, die Originaltitel nicht mehr ins Deutsche zu übersetzen. Der Grund dafür ist, dass die klugen Köpfe in den Hollywood-Marketingabteilungen festgestellt haben, dass in einigen Ländern falsche oder sinnentstellende Titel verwandt wurden. Deshalb bleibt es jetzt bei dem Originaltitel, auch wenn er von niemand verstanden wird. Ich meine, wer weiß schon, was „The Dark Knight“, „Cop Out“, „Fair Game“ und „True Grit“ auf deutsch bedeuten? Und „The American“, „The Road“ und „The Tourist“ kann man zwar verstehen, ohne englisch zu können, aber „Der Amerikaner“, „Die Straße“ (so ist auch der Titel der deutschen Ausgabe von Cormac McCarthys Roman) und „Der Tourist“ (oder „Der Urlauber“) wären sicher auch okay gewesen.

Jetzt beginnen auch die Verlage mit dem Unfug. Denn Jack Ketchums Klassiker „The Lost“ ist jetzt bei Heyne Hardcore als „The Lost“ mit einem nichtssagendem Cover in einer, jedenfalls bei kursorischer Prüfung, guten Übersetzung erschienen.

Naja, da ist immerhin die Suche nach dem Filmtitel einfach.

Und ich kann mal einen auf „Fauler Mann“ machen und einen Teil meiner Besprechung des Films wieder posten:

In „The Lost“ erzählt Jack Ketchum die Geschichte eines Psychopathen und mehrerer, ihn wie Satelliten umkreisender, seelisch verlorener Menschen während des für sie nicht existierenden Summer of Love.

1965 ermordet der Teenager Ray Pye nachts am See Lisa Steiner. Elise Hanlon kann schwerverletzt flüchten. Pyes Freunde Tim Bess und Jennifer Fitch haben die Tat beobachtet und ihm geholfen die Spuren zu verwischen.

Vier Jahre später stirbt Elise Hanlon, die nie aus dem Koma erwachte. und der Kleinstadt-Detective Charlie Schilling möchte den Fall immer noch lösen. Doch anstatt den Krimiplot energisch voranzutreiben, entwirft Jack Ketchum ein pessimistisches Porträt einiger Bewohner der Kleinstadt Sparta, New Jersey, bei dem die Zahl der Sympathieträger an den Fingern einer abgehackten Hand abgezählt werden kann. Neben dem an Minderwertigkeitskomplexen leidenden Psychopathen Ray Pye, der bevorzugt jüngere Frauen vögelt und als kleiner Drogenhändler der ungekrönte König der Kleinstadtjugendlichen ist, den ihm hörigen Freunden Tim Bess und Jennifer Fitch, die nichts gegen Rays zahlreiche Seitensprünge hat, sind das vor allem die beiden 1965 ermittelnden Polizisten und ein gerade aus San Francisco zugezogenes Mädchen.

Detective Charlie Schilling ist ein geschiedener Alkoholiker, der seine Abende nach dem Besuch in der Bar, allein vor dem Fernseher mit einer Dose Bier verbringt. Sein Kollege Ed Anderson ist inzwischen Frührentner und hat eine Beziehung zur gerade volljährig gewordenen Sally Richmond. Katherine Wallace, das neuen Mädchen in der Stadt, findet Ray Pye interessant, hat eine in der Irrenanstalt sitzende, todkranke Mutter und stiftet Ray zu mehreren kleinen Verbrechen an. Keiner von ihnen taugt als Vorbild.

Nach Hanlons Tod beginnt Charlie Schilling wieder den Druck auf Pye zu erhöhen. Er will ihn jetzt endlich als Doppelmörder überführen, indem er dessen übergroßes Ego beschädigt. Er sprengt eine Party von Pye, bei der er kostenlos Drogen an Minderjährige verteilte. Gleichzeitig überzeugt er Sally Richmond, die Stelle in dem Motel der Familie Pye, wo auch Ray arbeitet, zu kündigen, und er redet mit Pyes Freunden. Pyes Nerven sind deshalb schon zum Zerreißen gespannt. Verschärfend kommt für den Kleinstadt-Aufreißer hinzu, dass Sally nicht mit ihm ins Bett steigen will, seine große Liebe Katherine die Beziehung zu ihm beendet und Tim, der für ihn Drogen bei sich aufbewahrt und dabei ungefragt einen Teil für sich abzweigt, ihn betrügt.

Das alles wird Pye irgendwann zuviel und er explodiert. Er beginnt sich an all den Menschen, die sich ihm verweigerten, in einem Amoklauf zu rächen.

Jack Ketchums großartiger, aber auch bedrückender und beunruhigender Roman ist die fast klinische Studie eines Amokläufers und seines Umfeldes.

Dabei ist „The Lost“ so sehr mit der Handlungszeit, dem August 1969, verbunden, dass eine andere Handlungszeit unmöglich erscheint. Denn während die Hippiebewegung den Summer of Love und Woodstock feiert, ist in Sparta nichts von der Utopie einer besseren Welt angekommen. Nur die Drogen und die Gewalt, gepaart mit einer kräftigen Portion reaktionärem Denken, sind in der Provinz angekommen; – falls sie nicht schon immer da waren. Pyes erste Sätze im Buch sind, nachdem er sieht, wie die Freundinnen Steiner und Hanlon sich einen unschuldigen, flüchtigen Kuss geben: „Unfassbar. Lesben. Mann, ist das eklig.“

Das und seine Neugier, wie es ist, einen Menschen sterben zu sehen, führen zu den ersten Morden.

Später ist er von dem Morden der Charlie-Manson-Familie, vor allem dem bestialischen an Sharon Tate, fasziniert. Zum wenige Tage später stattfindenden Woodstock-Festival will er allerdings nicht fahren. Denn dort ist alles versammelt, was er verabscheut. Insofern zeigt Jack Ketchum, ähnlich wie die Rockband „Velvet Underground“, die düstere Seite der späten sechziger Jahre.

Jack Ketchum: The Lost

(übersetzt von Joannis Stefanidis)

Heyne Hardcore, 2011

416 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

The Lost

Leisure Books/Cemetery Dance Publications, 2001

Verfilmung

Jack Ketchum’s The Lost – Teenage Serial Killer (The Lost, USA 2005)

Regie: Chris Sivertson

Drehbuch: Chris Sivertson

Mit Marc Senter, Shay Astar, Alex Frost, Megan Henning, Robin Sydney, Dee Wallace-Stone, Michael Bowen, Ed Lauter, Erin Brown

Hinweise

Homepage von Jack Ketchum

Meine Besprechung von „Red“ (DVD)

Meine Besprechung von „Jack Ketchum’s The Lost“ (DVD)

Kriminalakte: Interview mit Jack Ketchum

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Amokjagd” (Joyride, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Blutrot” (Red, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Beutegier” (Offspring, 1991)

 


Groucho Marx war auch ein Meisterdetektiv

Januar 3, 2011

Hollywood, 1937: Die bekannten Privatdetektive Philip Marlowe, Sam Spade und Dan Turner helfen den Schwachen und bekämpfen die Bösen. Ihre Fälle sind gut dokumentiert und daher entsprechend bekannt. Dass zur gleichen Zeit auch der weltweit bekannte Komiker und Schauspieler Groucho Marx nebenher als Privatdetektiv arbeitete, ist dagegen weniger bekannt. Schließlich waren seine damaligen Filme, wie „Die Marx Brothers im Krieg“, „Skandal in der Oper“ und „Das große Rennen“ (um nur einige Prä-1937-Filme zu nennen) Kassenschlager. Heute sind es Komödien- und auch Filmklassiker. Verschiedene Sammlungen von Marx-Brothers-Sketchen sind immer noch sehr beliebt. Und die in mehreren Büchern aufgeschriebenen Erinnerungen von Groucho Marx verkaufen sich auch gut. Da kann schon einmal eine Nebentätigkeit unter den Tisch fallen. Vor allem eine unbezahlte.

Zum Glück hat Frank Denby, ein ehemaliger Polizeireporter, der damals auch die Bücher für die Hörspiele „Groucho Marx, Meisterdetektiv“ (kein wirklich guter Titel, aber die anderen Vorschläge waren viel schlimmer) schrieb, die Fälle aufgeschrieben.

In dem Roman „Groucho Marx, Meisterdetektiv“ lernen die zwei sich kennen und sie müssen auch gleich einen kniffligen Fall aufklären. Das Starlet Peg McMorrow soll sich umgebracht haben. Groucho Marx, der eine kurze Affäre mit ihr hatte, glaubt dagegen, dass sie ermordet wurde. Als bei der Polizei und dem Bestatter die Unterlagen verdächtig schnell verschwinden, die Leiche sofort eingeäschert wird und niemand mit ihnen über den Fall reden will, scheint die Vermutung von Groucho Marx zu stimmen. Und nachdem ein erster Mordanschlag auf die beiden verübt wird, wissen sie, dass sie mit ihren Ermittlungen einige Leute sehr beunruhigen.

Groucho Marx, Meisterdetektiv“ lebt von den fetzigen Dialogen und den Gemeinheiten von Groucho Marx, der sich (wie in den Filmen) erfolgreich bemüht, jeden, der in seine Nähe kommt, angemessen zu beleidigen. Dass dagegen der Plot, gemessen an den Fällen des Kollegen Marlowe, eher vorhersehbar ist, ist egal. Denn die Geschichte hat ein überaus angenehmes Retro-Feeling. Alles wirkt direkt wie aus einem der großartigen SW-Filme der Schwarzen Serie oder, wegen der vielen Witze, „Der dünne Mann“ übernommen und mit der Marxschen Anarchie überzogen.

Aber so war das eben damals in Hollywood. Denn ein ehemaliger Polizeireporter ist letztendlich doch nur der Wahrheit verpflichtet.

Ron Goulart: Groucho Marx, Meisterdetektiv

(übersetzt von Joachim Körber)

Phantasia Paperback, 2010

264 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Groucho Marx, Master Detective

Thomas Dunne Books/St. Martins Press, 1998

Hinweise

Wikipedia über Ron Goulart

Fantastic Fiction über Ron Goulart

Phantastik Couch über Ron Goulart

P. S.: Dan Turner hat nie gelebt.


Naja, ganz nett, aber auch nichts tolles

Dezember 31, 2010

Filmklassiker für Eilige“ ist eines dieser Klobücher (Sie wissen schon, diese Werke, die auf der Gästetoilette liegen und man dann während der Sitzung, weil man nichts anderes hat, darin herumblättert und ein, zwei Seiten liest), das man auch gut an einen Filmfan, der schon alle wichtigen Filmbücher in seiner Bibliothek stehen hat und auch mal fünfe gerade sein lässt, verschenken kann.

Henrik Lange fasst in „Filmklassiker für Eilige“ 99 bekannte Spielfilme in jeweils vier, an Kinderzeichnungen erinnernden, Bildern zusammen: eines für den Titel, die restlichen drei für eine mehr oder weniger gelungene Zusammenfassung der Handlung, die meist bemüht witzig und sehr selten wirklich witzig ist.

So wird aus Vittorio De Sicas „Fahrraddiebe“ „Fahrrad + Dieb = ein Klassiker. Mit einem Fahrradschloss wäre das nicht passiert.“

Haha.

Bei John Hustons Hammett-Verfilmung „Die Spur des Falken“ ist die Zusammenfassung etwas länger:

Der Stoff, aus dem die Träume sind.

Sam Spade ist das Sinnbild eines coolen Privatdetektivs. Er bekommt einen Auftrag von der gutaussehenden Brigid, aber irgendwie kommt ihm die Sache nicht geheuer vor.

Ausser ein paar Toten ist scheinbar jeder in dem Film auf der Jagd nach dem Malteser Falken, einer unglaublich wertvollen Statue. Irgendwie landet der Falke bei Spade.

Doch das Ding ist eine Fälschung. Spade löst den Fall und übergibt eine Menge zwielichtiger Gestalten (inklusive Brigid) der Polizei.“

Hm.

Kann man so sehen, aber da fällt der Mord an Spades Partner Miles Archer unter den Tisch und natürlich wird bei dieser Zusammenfassung, die sich, wie auch die anderen Zusammenfassungen, auf die Geschichte konzentriert, nicht deutlich, was das Besondere an diesem Film ist und warum er ein Filmklassiker wurde.

Und, wer den Film nicht kennt, fragt sich, warum Spade Brigid der Polizei übergibt.

Aber dieses Problem hat man bei vielen der von Henrik Lange vorgestellten Filmen. Jedenfalls wenn man die Filme kennt.

Wer die Filme nicht kennt…

Henrik Lange: Filmklassiker für Eilige – Und am Ende kriegen sie sich doch

Knaur, 2011

208 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

99 Classic Movies for People in a Hurry

Nicotext, Schweden, 2009


Die Frage aller Fragen: Was sind die besten Horrorfilme?

Dezember 29, 2010

Wahrscheinlich pflegten wir Jungs schon immer die Manie, Listen zu erstellen. Und natürlich macht es Spaß, sich andere Listen anzusehen und dann herumzumäkeln, welche Klassiker vergessen wurden. Auch „Die 50 besten Horrorfilme“ von Frank Schnelle und Andreas Thiemann hat einige Makel. In der Liste fehlen einige Horrorfilm-Klassiker und die meisten Filme sind aus den USA, vulgo Hollywood. Außerdem entstanden nur elf Filme vor 1960. Die meisten Filme in der Liste, nämlich zwölf, sind aus den 80ern, danach folgen, gleichauf, die 70er und 60er Jahre. Dass das so ist, liegt nicht an dem persönlichem Geschmack von Frank Schnelle und Andreas Thiemann, sondern an den ausgewerteten Listen. Sie werteten über fünfzig in den vergangenen zehn Jahren in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und im Internet publizierte Bestenlisten aus, die sich explizit mit dem Horrorfilmgenre auseinandersetzten. Damit ist immerhin eine gewisse Kompetenz bei den Verfassern der Listen gesichert. Aber natürlich spiegelt jede Bestenliste vor allem den Geschmack des Erstellers wieder und da haben die meisten, die sich im Netz tummeln, ihre prägenden Jahre zwischen „Halloween“ und „Freitag, der 13“ erlebt.

Insofern bietet die sich aus diesen Listen ergebende ultimative Bestenliste für den Horrorfilmfan keine großen Überraschungen und er dürfte auch die meisten Filme kennen (Ich selbst kenne bis auf ungefähr fünf Filme [bei ein, zwei Filmen bin ich mir unsicher, ob ich sie bereits gesehen habe] alle Filme der Liste.).

Immerhin sind auf den ersten zehn Plätzen „Die Nacht der lebenden Toten“, „Der Exorzist“, „Halloween – Die Nacht des Grauens“, „Blutgericht in Texas“ (The Texas Chainsaw Massacre), „Zombie“, „Shining“, „Nightmare – Mörderische Träume“ (Nightmare on Elm Street“), „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ und „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“. Erstaunlich ist, dass John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“, ein Film der beim Start kein Erfolg war und auch heute immer noch zu seinen unbekannteren Werken zählt, auf dem elften Platz ist.

Außerdem, und das spiegelt auch die von Schnelle und Thiemann erstellte Liste wieder, werden die meisten Listen von Amerikanern erstellt. Deshalb werden Filme, die nicht in den USA entstanden sind, weitgehend ignoriert. So findet der europäische Horrorfilm der sechziger und siebziger Jahre und die aktuellen japanischen Horrorfilme (die von Hollywood die Remake-Behandlung erfahren) kaum statt.

Um diese Schlagseite zu beheben, haben Schnelle und Thieman die Liste der fünfzig besten Horrorfilme um zehn, etwas eklektische Empfehlungen ergänzt: „Der Schrecken vom Amazonas“, (wohl stellvertretend für das Werk von Jack Arnold und dem Amphibienhorrorfilm) „Satanas – Das Schloss der blutigen Bestie“ (wohl für Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen), „Bewegliche Ziele“, „Die Stunde des Wolfs“ (von Ingmar Bergman), „Die Brut“ (wohl stellvertretend für David Cronenbergs Frühphase), „Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“ (Seltsam, dass dieser Vampirhorrorfilm es nicht in die Bestenliste geschafft hat.), „Tesis – Der Snuff-Film“ (ein Beispiel für den aktuellen spanischen Horrorfilm), „Audition“ (Takashi Miike in Bestform), „The Descent – Abgrund des Grauens“ und „So finster die Nacht“ (Schweden-Horror).

Über jeden Film schrieben Schnelle und Thiemann einen zweiseitigen Text, zwei bis drei Bilder pro Film und ein Hinweis auf wichtige DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen runden die sehr kurzen Vorstellungen ab. Denn das Buch wurde im handlichen Reclam-Format veröffentlicht.

Frank Schnelle/Andreas Thiemann: Die 50 besten Horrorfilme (und die Blu-rays oder DVDs, die Sie haben müssen)

Bertz + Fischer, 2010

152 Seiten

7,90 Euro

Hinweise

Homepage von Frank Schnelle

Homepage von Andreas Thiemann

Leseprobe „Die 50 besten Horrorfilme“


„Metatropolis“ oder Die Stadt der Zukunft

Dezember 27, 2010

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Wie werden wir in einigen Jahren oder Jahrzehnten zusammenleben?

Das „oder“ in der zweiten Frage weist schon auf das größte Problem in dem von Science-Fiction-Autor John Scalzi herausgegebenen Sammelband „Metatropolis“ hin. Zusammen mit seinen Kollegen Jay Lake, Tobias S. Buckell, Elizabeth Bear und Karl Schroeder entwarfen sie eine Utopie, wie sich das Leben in den Metropolen entwickelt. Innerhalb dieser gemeinsam entworfenen Utopie schrieben sie dann in dieser Welt spielende Novellen.

In dieser Welt, die auch nach der Lektüre des Buches seltsam blass bleibt, existieren die USA, wie wir sie kennen, nicht mehr. Die Zivilisation ist ziemlich zusammengebrochen. Konzerne, Ökofreaks und Open-Source-Fanatiker bekriegen sich. Es scheint kein TV-Programm mehr zu geben, Zeitungen sowieso nicht mehr, aber das Internet und alles, was damit zusammenhängt, funktioniert prächtig. Die Städte haben sich abgeschottet – und die Busse fahren nicht mehr.

Allerdings wird nie deutlich, wie es zu diesem Zusammenbruch der Zivilisation, der auch kein richtiger Zusammenbruch der Zivilisation ist, kam. Naja, okay, wohl irgendwie so: steigende Umweltverschmutzung, kein Öl mehr, den Wissenschaftlern fällt nichts ein, die Sache mit regenerativen Energien scheint irgendwie absolut nicht zu funktionieren und dann wird folgerichtig unsere Gesellschaft zu einer Art Faustrecht-Gesellschaft ohne Benzin.

Über diese Transformation hätte einer der fünf Autoren etwas sagen können. Immerhin nimmt jeder sich ausführlich Zeit bestimmte Aspekte von Metatropolis (einer Vision einer Metropole, die nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden ist) zu erklären. Dann wäre wenigstens die Verbindung zwischen der Gegenwart und der Zukunft deutlicher geworden. So wirkt die Stadt der Zukunft wie ein eskapistisches Gedankenexperiment, bei dem es nur den Konflikt zwischen Umweltverschmutzern und Menschen, die ohne Ressourcenverbrauch auskommen wollen (so richtige klassische Umweltschützer sind sie auch nicht), zwischen Konzernen und ihren Gegnern (eine spezielle Art Globalisierungsgegner), zu geben. Sie fechten irgendwelche Kämpfe aus, die wohl eher Stellungskriege sind und bei denen sich nicht wirklich erschließt, was, abseits von einer Taktik der Nadelstiche, das größere Ziel ist.

Dagegen sind in dem doch sehr amerikazentristischem „Metatropolis“ der internationale islamistische Terrorismus, der Post-9/11-Überwachungsstaat, konventionelle Kriege, Wirtschaftskriege (jedenfalls aus der Perspektive der Konzernführer) und die gesamte Dritte Welt kein Thema. Auch Asien (vulgo Hongkong und Singapur) sind kein Thema. Diese blinden Flecken sind in einer aktuellen Anthologie, in der von verschiedenen Autoren aus verschiedenen Blickwinkeln eine gemeinsam entworfene zukünftige Stadtwelt beleuchtet werden soll, schon etwas seltsam.

Diese blinden Flecken könnten ignoriert werden, wenn wenigstens die Geschichten gelungen wären.

Aber wirklich gut ist nur John Scalzis mit reichlich schwarzem Humor gewürzte Geschichte „Utere nihil non extra quiritationem suis“ über einen Faulpelz, der einen Job als „Biosystem-Interface-Manager“ (Frag nicht. Aber es hat etwas mit Schweinen zu tun.) annehmen muss, um nicht aus der Stadt herausgeworfen zu werden. „Raumschiff Detroit“ von Tobias S. Buckell über einen Rausschmeißer, der einer revolutionären Gruppe bei einer großen Aktion hilft, ist die zweitbeste Geschichte. Am Ende, wenn die Hintergründe der Aktion enthüllt werden, gibt es eine kleine Überraschung.

Karl Schroeders „Ins ferne Cilenia“ wechselt reichlich hanebüchen zwischen Realität, Reality Game und Cyberspace. Als schnelle Lektüre ist dieser Cyberspace-Agententhriller, der aus den liegengebliebenen Versatzstücken eines „Matrix“-Klons gefertigt wurde, solange nicht nach der Logik gefragt wird, okay. Elizabeth Bears „Das Rot am Himmel ist unser Blut“ erzählt von einer Frau, die von einem Russenmafiosi verfolgt wird und jetzt einer Gruppe helfen soll, Leute aus Osteuropa herauszuschmuggeln. Auch diese Geschichte wirkt immer wieder, als ob sie aus nicht zusammenpassenden Teilen zusammengehauen wurde. Und Jay Lake erzählt in „In den Wäldern der Nacht“ eine furchtbar komplizierte und kaum nachvollziehbare Geschichte über einen oder mehrere Infiltrationsversuche von einem Konzern in eine naturverträglich gestaltete Stadt von Open-Source-Fans. Ein Totalausfall.

Metatropolis“ ist, auch weil die Autoren bereits etliche Preise erhielten, eine erstaunlich schlechte Kurzgeschichtensammlung.

John Scalzi (Hrsg.): Metatropolis

(übersetzt von Bernhard Kempen)

Heyne, 2010

416 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

METAtropolis

Subterranean Press, 2009

enthält

Jay Lake: In den Wäldern der Nacht (In the forests of the night)

Tobias S. Buckell: Raumschiff Detroit (Stochasti-city)

Elizabeth Bear: Das Rot am Himmel ist unser Blut (The Red in the Sky is Our Blood)

John Scalzi: Utere nihil non extra quiritationem suis (Utere nihil non extra quiritationem suis)

Karl Schroeder: Ins ferne Cilenia (To Hie from Far Cilenia)

Hinweise

Homepage von John Scalzi

Blog von John Scalzi

Homepage von Jay Lake

Blog von Jay Lake

Homepage von Tobias S. Buckell

Blog von Tobias S. Buckell

Homepage von Elizabeth Bear

Blog von Elizabeth Bear

Homepage von Karl Schroeder

Blog von Karl Schroeder

 


„Das Rätsel von Paris “ in der BLK gelöst

Dezember 26, 2010

Das ging im Weihnachtstrubel etwas unter: in der Berliner Literaturkritik ist meine Besprechung von Pablo de Santis‘ neuem Roman „Das Rätsel von Paris“ erschienen.


Dominik Graf spricht über seine Filme

Dezember 20, 2010

Von der zehnteiligen Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ war ich enttäuscht.

Von dem die Serie begleitendem Buch bin ich begeistert.

Denn das von Johannes F. Sievert herausgegebene Buch „Im Angesicht des Verbrechens“ ist kein Roman zum Film, kein Abdruck des Drehbuchs und kein blindes Abfeiern der Serie als Meisterwerk. Es ist ein Interviewband, der „Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“ (so der Untertitel) zeigen will und deshalb einen tiefen Einblick in die Produktion eines Films von den ersten Ideen bis zur Premiere gibt. Gleichzeitig, weil das Herzstück des Buches ein zweihundertseitiges Interview mit Regisseur Dominik Graf ist, ist es auch ein Rückblick auf sein Leben, wie er Regie führt und wie sich sein Stil änderte. Dabei kommt er in dem Gespräch immer wieder auf „Der Fahnder“ (die Serie, in der er seine ersten Meriten sammelte), „Die Katze“ (der erfolgreiche Banküberfallthriller mit Götz George und Gudrun Landgrebe) und „Die Sieger“ (ein erfolgloser Thriller über ein SEK-Team) zurück. Gerade „Die Sieger“ wird von Graf in dem Gespräch immer wieder genannt. Denn an diesem Film, den er für gescheitert hält, könne man einfach am Besten erklären, was er erreichen wollte, was schiefging und welche Folgen die falschen Kompromisse und Budgetbeschränkungen auf einen Film haben können. Die knappen und oft zu knappen Budgets, was sich vor allem an Action- und Massenszenen zeigt, sind ein wiederkehrendes Thema in dem Buch. Ein anderes wiederkehrendes Thema ist Grafs Suche nach dem Schmutz und dem bisschen Leben im Film. Denn er möchte in seinen Filmen nicht nur eine in jeder Beziehung perfekte Traumwelt zeigen, sondern auch Überraschungen und Improvisationen Raum geben. So wies er, als beim Dreh einer komplizierten Restaurantszene von „Im Angesicht des Verbrechens“, in der verschiedene Gruppen von Polizisten Gangster beobachten sein Team an, einen herumstreunenden Hund nicht aus dem Bild zu entfernen.

Im Anschluss an das ausführliche Interview mit Dominik Graf führte Johannes F. Sievert kürzere Interviews mit Drehbuchautor Rolf Basedow (das hätte ruhig ausführlicher sein können), den WDR-Redakteuren Wolf-Dietrich Brücker und Frank Tönsmann, Arte-Redakteur Andreas Schreitmüller, Producerin Kathrin Bullemer, Kameramann Michael Wiesweg, Szenenbildner Claus-Jürgen Pfeiffer, den Musikern Florian Van Volxem und Sven Rosenbach, der Cutterin Claudia Wolscht und den Hauptdarstellern. Diese Statements, die nach vertrauten Promo-Sätzen klingen, hätte man ruhig streichen können.

Eine euphorische Kritik der Serie von Peter Körte, ein Episodenguide, ein Glossar, eine detaillierte Filmographie von Dominik Graf und 75 Abbildungen runden das für Filmfans essentielle Werk ab.

Johannes F. Sievert (Hrsg.): Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie

Alexander Verlag, 2010

392 Seiten

29,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung von „Im Angesicht des Verbrechens“

Dominik Graf in der Kriminalakte

 


Alter Scheiß? Ross Thomas: Der Yellow-Dog-Kontrakt

Dezember 18, 2010

1976 veröffentlichte Ross Thomas (19. Februar 1926 – 18. Dezember 1995) seinen fünfzehnten Roman „Yellow Dog Contract“.

1978 erschien als „Geheimoperation Gelber Hund“ die deutsche Ausgabe.

Jetzt erschien im Alexander-Verlag, als Teil der nur lobenswerten Ross-Thomas-Wiederveröffentlichungen, das Buch in einer überarbeiteten und vollständigen Übersetzung als „Der Yellow-Dog-Kontrakt“.

In dem Polit-Thriller soll Harvey Longmire (früher Wahlkampfberater, heute Gedichteschreiber und Bauer) für Roger Vullo, der gerade die Arnold-Vullo-Foundation gegründet hat, die Verschwörungen aufdecken will, herausfinden, warum der Gewerkschaftsführer Arch Mix verschwand. Longmire nimmt den Auftrag vor allem an, weil er wissen will, ob er inzwischen zum alten Eisen gehört. Denn von seiner früheren Arbeit als Wahlkampfberater, Abteilungen „Stimmen um jeden Preis beschaffen“, kennt er Mix, die Gewerkschaften und das politische Geschäft.

Bei seinen Recherchen, die vor allem im Kreis seiner Familie, seinen Bekannten aus dem Politikgeschäft (Freunde wäre wahrscheinlich die falsche Bezeichnung) und dem Umfeld der Gewerkschaft stattfinden, wird es für ihn schnell gefährlich. Denn jemand will mit allen Mitteln verhindern, dass herauskommt, was mit Arch Mix geschah und er ermordet dafür jeden, der die Wahrheit kennt.

Als Longmire erfährt, dass erst kürzlich in mehreren Großstädten die Gewerkschaftsbosse durch unbekannte Nachfolger ersetzt wurden und diese unerfüllbare Forderungen an die städtischen Arbeitgeber stellen, glaubt er, dass hier ein Yellow-Dog-Kontrakt (ein in den USA bekannter Begriff für einen, seit 1932 verbotenen, Arbeitsvertrag, in dem dem Arbeitnehmer die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft untersagt wird) vorbereitet werden soll. Er weiß allerdings noch nicht, wie diese beiden Ereignisse zusammenhängen.

Der Yellow-Dog-Kontrakt“ ist sicher nicht der beste Thriller von Ross Thomas. Dafür ist das Komplott letztendlich doch zu unübersichtlich und wird am Ende zu hastig aufgelöst und dass die Geschichte, wie in einem klassischem Privatdetektivroman aus Longmires Sicht erzählt wird, erhöht hier die Spannung nicht unbedingt. Auch sind die Charaktere weniger farbig als in seinen anderen Büchern. Nur Longmires Onkel Jean-Jacques Le Gouis, kurz „Slick“, erinnert als Mann, der wahrscheinlich in jedem zweiten schmutzigen Geschäft zwischen dem Zweiten Weltkrieg und Watergate seine Finger drin hatte, an die überlebensgroßen Ross-Thomas-Charaktere. Die anderen sind doch sehr brave Beamte und Gewerkschaftler; – jedenfalls nach Ross-Thomas-Standard. Roger Vullos Angewohnheit ständig auf seinen Fingern herumzukauen, ist anfangs amüsant, verbraucht sich als Running Gag aber schon während Longmires erster Audienz bei Vullo (den wir uns heute wohl als eine Mischung aus Mark Zuckerberg und Julian Assange vorstellen können). Da ist der zweite Running Gag, nämlich dass jeder einen anderen Schauspieler nennt, als er sagt, an wen ihn Longmires Bart erinnere, schon gelungener.

Aber im Vergleich zu John le Carrés neuestem Werk „Verräter wie wir“ ist „Der Yellow-Dog-Kontrakt“ ein hundsgemeiner Thriller aus den Hinterhöfen der Politik. Denn es geht im Post-Watergate-Washington um Gewerkschaften, die für politische Zwecke gebraucht werden (von Missbrauch wollen wir nicht reden, denn die Gewerkschaftler machen gerne mit) und die Idee, dass mit Streiks sogar Präsidenten gemacht werden können. Es gibt herrlich zynische Dialoge und einige köstliche Einblicke in das politische Geschäft.

Ross Thomas: Der Yellow-Dog-Kontrakt

(übersetzt von Stella Diedrich, Gisbert Haefs und Edith Massmann)

Alexander Verlag, 2010

272 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Yellow Dog Contract

William Morrow & Co, 1976

Deutsche Erstausgabe

Geheimoperation Gelber Hund

(übersetzt von Edith Massmann)

Ullstein, 1978

Hinweise

Wikipedia über Ross Thomas (deutsch, englisch)

Alligatorpapiere: Gerd Schäfer über Ross Thomas (Reprint “Merkur”, November 2007)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Gottes vergessene Stadt” (The Fourth Durango, 1989)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Kälter als der Kalte Krieg“ (Der Einweg-Mensch, The Cold War Swap, 1966)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Teufels Küche“ (Missionary Stew, 1983)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Am Rand der Welt“ (Out on the Rim, 1986)

Meine Besprechung von Ross Thomas‘ „Voodoo, Ltd.“ (Voodoo, Ltd., 1992)

Kleine Ross-Thomas-Covergalerie in der Kriminalakte


Übersetzen? Lee Goldberg: The Man with the Iron-On Badge

Dezember 16, 2010

Bevor Lee Goldberg mit seinen „Monk“-Romanen auch bei uns bekannt wurde, schrieb er „The Man with the Iron-On Badge“, eine Privatdetektivgeschichte, die 2006 auch für den renommierten Shamus-Preis als bester Privatdetektivroman des Jahres nominiert war. Die Hardcover-Ausgabe verschwand schnell vom Buchmarkt, eine Taschenbuchausgabe wurde nicht gedruckt und Lee Goldberg entschloss sich in einem Akt der Selbsthilfe, den Roman, der wahrscheinlich als Beginn einer Serie gedacht war, in den USA in einer Kindle-Edition zu veröffentlichen.

Der neunundzwanzigjährige Harvey Mapes ist Nachtwächter in einer geschlossenen Wohnanlage in Camarillo, Kalifornien. Seine Zeit verbringt er mit der Lektüre von Privatdetektivromanen und dem Ansehen von entsprechenden TV-Serien.

Eines Tages beauftragt ihn der Wohnanlagenbewohner Cyril Parkus seine Frau Lauren zu beobachten. Er soll herausfinden, mit wem Lauren ihn betrügt. Als Sicherheitsbeamter habe er doch Erfahrung mit der Arbeit eines Detektivs.

Mapes nimmt den Auftrag an. Denn, so glaubt er, könne er dem perfekten Leben von Travis McGee einige entscheidende Schritte näherkommen.

Travis McGee ist ein von John D. MacDonald erfundener, enorm populärer Privatdetektiv, der in Florida auf einem Hausboot lebt, verschwundene Gegenstände für einen Finderlohn sucht und gutaussehenden Frauen in Not hilft, die sich selbstverständlich in ihn verlieben.

Schon dieser Vergleich gibt die Melodie, die Lee Goldberg in dem ironischer Krimi anstimmt, vor. „The Man with the Iron-On Badge“ ist eine Hommage an den klassischen Privatdetektivroman. Dabei entsteht ein großer Teil des Witzes aus dem Unterschied zwischen Traum und Realität. Denn Harvey Mapes ist kein Travis McGee. Aber am Ende fügt sich dann vieles so zusammen, wie man es aus einem Privatdetektivroman kennt und liebt. Es gibt schöne Frauen, einen Freund mit guten Verbindungen, Schläger, Geheimnisse, Lügen und die aktuellen Ereignisse haben ihren Ursprung in der Vergangenheit. Das ist dann fast schon so, wie bei Ross Macdonald und seinen in Kalifornien spielenden Krimis mit Lew Archer als Ermittler.

Diese und viele weitere Anspielungen, die von Lee Goldberg lässig in die Geschichte eingestreut werden, verknüpft mit der spannenden Geschichte, die natürlich viele vertraute Elemente enthält, machen „The Man with the Iron-On Badge“ zu einer sehr vergnüglichen, traditionsbewussten Geschichte, die übersetzt werden sollte.

Und, wer Kindle doof findet, kann, wie Lee Goldberg auf seiner Homepage schreibt, nächstes Jahr eine Taschenbuchausgabe von „The Man with the Iron-On Badge“ kaufen.

Lee Goldberg: The Man with the Iron-On Badge

Five Star, 2005

224 Seiten

,– (Hardcover-Ausgabe nur noch antiquarisch

2,99 US-Dollar (Kindle-Ausgabe)

Hinweise

Homepage von Lee Goldberg

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Feuerwehr“ (Mr. Monk goes to the Firehouse, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk besucht Hawaii“ (Mr. Monk goes to Hawaii, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk und die Montagsgrippe“ (Mr. Monk and the Blue Flu, 2007)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und seine Assistentinnen“ (Mr. Monk and the two Assistants, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Außerirdischen“ (Mr. Monk in outer space, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk in Germany“ (Mr. Monk goes to Germany, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Bonjour, Mr. Monk“ (Mr. Monk is miserable, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Wurzel allen Übels“ (Mr. Monk and the Dirty Cop, 2009)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und Mr. Monk (Mr. Monk in Trouble, 2009)

Bonus: Ein Interview mit Lee Goldberg



Das Minderheitenvotum zu John le Carrés „Verräter wie wir“

Dezember 15, 2010

Die meisten Kritiker feiern John le Carrés neuen Roman „Verräter wie wir“ ab. Auf der Bestenliste der KrimiWelt landete er sofort auf dem ersten Platz. Der Autor selbst füttert mit Interviews die Pressemaschine. Denn, im Gegensatz zu den meisten Engländern und Amerikanern, spricht er Deutsch. Für TV- und Radiointerviews ist das ein unbestreitbarer Vorteil. Auch dass er Deutschland kennt, seine Romane oft hier spielen und er ein beeindruckendes Werk vorweisen kann, ist hilfreich.

Als Chronist des Kalten Krieges schrieb er sich mit realistischen Spionageromanen in die Herzen von Millionen Lesern. Danach schrieb er einige Rückblicke auf den Kalten Krieg („Der heimliche Gefährte“ [eigentlich eine Kurzgeschichtensammlung], „Absolute Freunde“), widmete sich dem illegalen Medikamentenhandel in Afrika („Der ewige Gärtner“) und beschäftigte sich mit den aktuellen Entwicklungen in den Geheimdiensten und der Internationalen Politik. In „Geheime Melodie“ war es das Schachern um afrikanische Staaten und in „Marionetten“ das Schicksal eines jungen Mannes, den die Geheimdienste für einen islamistische Terroristen halten. Alles wichtige Themen, die er teils mit zu viel Pathos und gerechter Empörung präsentierte.

In seinem neuesten Roman „Verräter wie wir“ erzählt er die Geschichte eines Russenmafiosi, der zu den Briten überlaufen will und sich dabei eines Universitätslehrers und seiner Frau, einer Anwältin, bedient. Es geht um die internationale Finanzpolitik, das Waschen von schmutzigem Geld und, wieder einmal, um einen Niemand, der in die Spiele der Geheimdienste und, inzwischen auch, Verbrecher (mit mehr oder weniger weißem Kragen) verwickelt wird. Dabei ähnelt seine Rolle der eines Bauern beim Schach.

Aber in „Verräter wie wir“ nimmt John le Carré sich, wie zuletzt in „Geheime Melodie“, viel zu viel Zeit, um die Geschichte zu beginnen. In der ersten Hälfte des Buches wird nur aus verschiedenen Perspektiven und damit in endlosen Wiederholungen, erzählt, wie der Lehrer den Mafiosi kennenlernt und sie gegeneinander Tennis spielen. Während der Plot sich in diesen Momenten im Schneckentempo vorwärts bewegt, ist man als Leser, auch ohne die Lektüre des Klappentextes, der fast die gesamte Geschichte verrät, schon weiter. Denn, auch ohne dass es ausdrücklich gesagt wird, ahnt man, dass der reiche Russe sein Geld nicht auf ehrliche Art verdient hat und man fragt sich, warum er seinen Ausstieg aus dem kriminellen Geschäft ausgerechnet mit der Hilfe eines Lehrers organisieren will und warum er sich nicht einfach direkt an den britischen Geheimdienst wendet; – obwohl die CIA der naheliegendere Ansprechpartner wäre.

Der Austausch wird erst weit nach der Hälfte des Buches vorbereitet – und spätestens dann fragt man sich, warum John le Carré eine Kurzgeschichte auf vierhundert Seiten aufbläht. Denn er erzählt die ersten Begegnungen des Lehrerpaars und des Mafiosi aus mehreren Perspektiven, was die Handlung nicht voranbringt und den Charakteren auch keine größere Tiefe verleiht, aber dafür die Seiten füllt. Später verschwendet er über dreißig Seiten für eine zähe und für die Geschichte in jeder Beziehung vollkommen unerhebliche Hintergrundgeschichte. In diesen Moment fragt man sich ob die guten Erinnerung an die früheren le-Carré-Romane, wie „Der Nacht-Manager“ (in dem Roman wird ein Hotelportier als Agent bei einem internationalen Waffenhändler eingeschleust), nicht täuschen. Denn „Der Nacht-Manager“ ist mit gut sechshundert Seiten zwar deutlich länger als „Verräter wie wir“, liest sich aber wesentlich kurzweiliger.

Auch das Ende, das ja manchmal einem schlechten Werk eine gelungene Pointe verpasst, wirkt lieblos. Es ist eines dieser Enden, das viele Fragen nicht beantwortet und sehr verschieden interpretiert werden kann. Manchmal, wie in den Paranoia-Thrillern der siebziger Jahre, kann so ein Ende zur gewollten Beunruhigung des Publikums beitragen. In „Verräter wie wir“ wirkt es allerdings so, als habe John le Carré nicht gewusst, wie er die Geschichte beenden soll und dafür dann die dümmste aller möglichen Lösungen gewählt, die sich an dem alten Rätselkrimispruch „Der Mörder ist immer der Gärtner“ orientiert.

Verräter wie wir“ reiht sich nahtlos in John le Carrés enttäuschendes Spätwerk ein. „Marionetten“ war okay. „Geheime Melodie“ und „Absolute Freunde“ waren langweilig. „Der ewige Gärtner“ präsentierte über gefühlte Hunderte von Seiten Fakten über den illegalen Medikamentenhandel, die sich wie eine Zeitungsreportage lasen, im Buch wie Fremdkörper wirkten und John le Carré ließ viel zu oft seiner moralischen Empörung freien Lauf. „Single & Single“ habe ich bis auf die Stichworte „Zirkus“, „Familienbetrieb“ und „Bankgeschäfte mit Russland“ vergessen. Und dann wären wir schon bei le Carrés Graham-Greene-Variante „Der Schneider von Panama“ und dem „Nacht-Manager“, die mir als Post-Kalter-Kriegs-Romane gefielen.

John le Carré: Verräter wie wir

(übersetzt von Sabine Roth)

Ullstein, 2010

416 Seiten

24,95 Euro

Originalausgabe

Our Kind of Traitor

Viking, London, 2010

Hinweise

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

John le Carré in der Kriminalakte

 


Ein Buch über die „Mad Men – Die Könige der Madison Avenue“

November 26, 2010

Seit einigen Wochen läuft die hochgelobte TV-Serie „Mad Men“ über eine Werbeagentur in den Sechzigern mittwochs um 22.30 Uhr auf ZDFneo. Der Spartensender mit dem guten Programm hat sich, nachdem kein Privatsender zuschlagen wollte, die Serie geschnappt.

Und egal was man von der Serie hält, eines muss man konstatieren: die Macher haben sich viel Mühe gegeben, die damalige Zeit wiederauferstehen zu lassen. Das ist ihnen so gut gelungen, dass es inzwischen etliche „Mad Men“-Stilguides gibt und auch Jesse McLeans Begleitbuch „Mad Men – Die Könige der Madison Avenue“ widmet dem Zeitkolorit viele Seiten. Er schreibt über damals populäre Bücher, Filme, Lieder, Orte und Werbekampagnen, die in der Serie erwähnt werden, und natürlich wird, wie es sich für ein Begleitbuch zu einer Serie gehört, jede einzelne Folge ausführlich besprochen. In „Mad Men – Die Könige der Madison Avenue“ sind es die Episoden der ersten beiden Staffeln. Dabei sind McLeans Besprechungen eher kleine Essays, in denen er auf bestimmte Details in der Folge hinweist, Interpretationen anbietet und so das Vergnügen beim Sehen steigert. Als Zusammenfassungen der Episodenhandlung taugt der Serienführer allerdings nicht. Dafür wendet McLean sich als Fan zu sehr an andere Fans, die die Serie ebenfalls gesehen und die DVDs im Regal stehen haben.

Gerade diese Fanperspektive, die durch eine bedingungslose Liebe zur Serie gekennzeichnet ist, stört immer wieder. Zum Beispiel schreibt er zur dritten Folge „Figaros Hochzeit“: „Wenn eine Figur, die man kennengelernt hat, plötzlich mit einem anderen Namen angeredet wird, bringt einen das völlig aus dem Konzept. Wie bei der VW-Werbung (und dem Auto selbst) und bei der netten Geschiedenen, die einfach geht, um zu gehen, wird hier klar, dass in dieser Serie nichts so ist wie in den Serien, die wir bisher gesehen haben.“

Oder, einige Seiten später, in der Besprechung von „Rückgrat“: „Die Tatsache, dass Betty Glen eine Strähne ihrer seidigen Locken schenkt, zählt zu den aus heiterem Himmel kommenden, unvergesslichen Schockmomenten der Serie.“

Für Nicht-Fans sind diese Szenen nicht so schockierend und es stellt sich (jedenfalls bei den bislang im Fernsehen ausgestrahlten Folgen) immer wieder die Frage, wie sehr es den Machern wirklich um die einzelnen Charaktere und ihre Nöte geht. Denn das durchaus bedächtige Inszenieren der Innenräume, der Kleider, der Accessoires, der Frisuren und wie man sich mit den richtigen Gesten und Bewegungen stilecht inszeniert, nimmt viel Zeit in Anspruch.

Auch dass die am 19. Juli 2007 gestartete AMC-Serie „Mad Men“, wie McLean schreibt, einer „der ersten großen Durchbrüche des neuen Jahrhunderts“ sei, kann daher bezweifelt werden. Und es gab in den vergangenen Jahren etliche wichtige Serien, wie „24“, „The Shield“, „The Wire“, „Battlestar Galactica“, „Lost“ und noch viele andere (Sie können hier einfach ihre persönliche bahnbrechende Lieblingsserie einsetzen). Die haben vielleicht nicht so viele „Ich ziehe mich an wie XY“-Shootings und von den sechziger Jahren beeinflusste Werbekampagnen initiiert, aber für das serielle Erzählen im Fernsehen sind sie wichtiger.

Vor dem Serienführer gibt es einige Informationen über die Hauptdarsteller. Die Entstehung der Serie und die Biographie des Serienerfinders Matthew Weiner werden auf zwölf Seiten abgehandelt. Diese Biographien sind der schwächste Teil des Buches. Die Informationen aus zweiter Hand lesen sich wie Werbetexte. Auch da hätte etwas professionell-journalistische Distanz gutgetan.

Denn „Mad Men – Die Könige der Madison Avenue“ ist das Buch eines Fans, das sich in erster Linie an andere Fans richtet. Als Begleitbuch zur Serie ist es, trotz aller Kritik, bei dem Preis, empfehlenswert. Schließlich erfährt man einiges über die Welt der Werbeleute in Manhattan in den frühen Sechzigern.

Jesse McLean: Mad Men – Die Könige der Madison Avenue

(übersetzt von Karlheinz Dürr und Karin Schuler)

Ullstein, 2010

368 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Kings of Madison Avenue – The Unofficial Guide to Mad Men

ECW Press, 2009

Hinweise

Blog von Jesse McLean

AMC über „Mad Men“

ZDFneo über „Mad Men“

Wikipedia über „Mad Men“ (deutsch, englisch)


Auf Jean Amila wartet keiner

November 24, 2010

Am 24. November 1910 wurde Jean Meckert in Paris geboren. Am 7. März 1995 starb er in Paris. Er schrieb unter seinem Namen und unter verschiedenen Pseudonymen zahlreiche Romane. Als Jean Amila schrieb er von 1950 bis 1985 gut zwei Dutzend Krimis für die Série noire des Gallimard-Verlages.

In Deutschland veröffentlicht der Conte-Verlag inzwischen die Krimis von Jean Amila als deutsche Erstveröffentlichungen. Denn zu Lebzeiten wurden nur zwei Bücher von Amila ins Deutsche übersetzt. Auch der vor wenigen Tagen veröffentlichte Gangsterkrimi „Auf Godot wartet keiner“ ist eine Erstveröffentlichung und obwohl (oder weil?) das Buch schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, ist es eine sehr vergnügliche Lektüre. Denn bei all ihren unmoralischen Handlungen, wie Brandstiftung, Diebstahl, Einbruch, Mord und Schläge, bewahren sich alle Charaktere eine kindliche Unschuld. Es wird zwar gestorben, aber so schlimm ist das nicht. Nur einer trauert. Félix heißt dieser Tropf, dessen zweiter Vorname „Harmlosigkeit“ und sein dritter „Vertrauensseligkeit“ ist. Seine von ihm über alles geliebte Frau starb vor drei Jahren bei einem Kaufhausbrand bei dem insgesamt vierzig Menschen starben. Am Ende der Gerichtsverhandlung stand ein Freispruch, weil dem Besitzer keine Schuld nachgewiesen werden konnte. Es war, so das Gericht, einfach Pech gewesen. Wie auch bei einigen anderen Kaufhäusern des gleichen Besitzers. Und die Versicherung deckte ihn immer.

Jetzt ist Félix, Beamter bei der Bahnpost, in Paris. Er will einen Killer engagieren oder eine Schusswaffe kaufen und den Bösewicht zur Strecke bringen. Hilfe erwartet er dabei von seiner Ex-Frau Angèle Maine, die gute Verbindungen zur Halb- und Unterwelt hat. Auch ihr derzeitiger Geliebter Riton Godot ist ein Gangster, der gerade mit einem kleinem Gangsterkrieg mit der Paconibande vollauf beschäftigt ist.

Maine hält von dem Ansinnen ihres Ex-Mannes absolut nichts und will ihn am liebsten sofort wieder zurück in die Provinz schicken. Aber Godot wittert die Chance auf ein gutes Geschäft. Und Maines Tochter Colette verknallt sich in Godots Schergen Jo, der irgendwann die Lust am Verbrecherhandwerk verliert.

Es ist also einiges los im Paris der fünfziger Jahre.

Jean Amila: Auf Godot wartet keiner

(übersetzt von Helm S. Germer)

Conte, 2010

200 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Sans attendre Godot

Editions Gallimard, 1956

Hinweise

Deutsche Seite über Jean Amila

Wikipedia über Jean Amila (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean Amila

Mordlust über Jean Amila

 


Myron Bolitar besucht Paris und London und stolpert über einige Leichen

November 23, 2010

Myron Bolitar, Sportagent und Privatdetektiv ohne Lizenz, ist zurück und dieses Mal muss er sich auf Weltreise begeben. Denn Terese Collins ruft ihn aus Paris an. Sie hatten vor zehn Jahren eine kurze, aber heftige Beziehung. Seitdem gingen sie wieder getrennte Wege. Jetzt bittet sie ihn um Hilfe, denn ihr Ex-Mann Rick Collins ist spurlos verschwunden. Er ist ein investigativer Journalist, der wahrscheinlich eine große Story recherchierte und, egal in welchem Erdloch sie in der Vergangenheit in den Krisengebieten der Welt waren, er hatte nie Angst. Aber jetzt hatte er, als er sie nach Paris einlud, Angst. Er muss also etwas unglaublich schlimmes entdeckt haben.

Kurz nach Myrons Ankunft wird seine Leiche gefunden. Die Dinge werden schnell komplizierter. Denn bei Ricks Leiche wird DNA von Tereses Tochter gefunden. Das ist allerdings unmöglich. Denn sie starb vor zehn Jahren in London bei einem Autounfall. Kurz nach dieser Entdeckung versuchen einige Männer Myron zu entführen. Myron wehrt sich, es kommt zu einem Schusswechsel auf offener Straße. Bevor die Polizei Myron und Terese verhaften kann, flüchten sie mit der Hilfe von Myrons skrupellosem Freund mit dem unbegrenzten Bankkonto Windsor Horne Lockwood III, kurz und zutreffend Win genannt, nach London. Dort, so glauben sie, liegt die Lösung für das Rätsel.

Myron, Win und Terese haben in diesem Moment zwar noch keine Ahnung, was Rick entdeckt hat, aber es muss etwas sehr Großes sein. Denn neben der französischen Polizei und diversen Gangstern ist auch der Mossad involviert und Interpol reagiert verdächtig schnell auf Myrons Schießerei in Paris.

Allerdings ist die sich schon relativ früh abzeichnende Lösung der Pferdefuß von Myron Bolitars neuntem Fall. Denn es geht in „Von meinem Blut“ nicht mehr um einen kleinen Mord, Entführung und die Vertuschung einiger Straftaten, sondern um das große Komplott, in dem; – nun, ohne zu spoilern kann ich nur sagen, der freie Westen auf dem Spiel steht.

Das erinnert dann an die Pulps von Mickey Spillane, wenn er Mike Hammer (seltener), Tiger Mann (immer) und, in dem posthum erschienenen „Das Ende der Straße“ (Dead Street), Jack Stang gegen die bösen Kommunisten (damals) und Terroristen (eher heute) auf die Jagd schickte. Doch was bei dem Geheimagenten Tiger Mann funktionierte, funktioniert bei dem Privatdetektiv Myron Bolitar nicht.

Denn gerade in der zweiten Hälfte des Buches, wenn Myron und Win so langsam die vielen losen Fäden miteinander verknüpfen, entdecken sie eine hübsche Paranoia-Phantasie, die eher in einen pulpig-trashigen Polit-Thriller als in einen Privatdetektivkrimi gehört. Vor allem nicht in einen Privatdetektivkrimi, in dem der Held in der Vergangenheit vor allem dann als Detektiv tätig wurde, wenn er die Unschuld eines seiner Sportklienten beweisen musste. Das war immer eine unterhaltsame Lektüre. Dagegen ist der neunte Myron-Bolitar-Krimi „Von meinem Blut“ vor allem eine trashige Lektüre, die man besser nicht mit den früheren Myron-Bolitar-Krimis vergleicht.

Harlan Coben: Von meinem Blut

(übersetzt von Gunnar Kwisinski)

Goldmann, 2010

400 Seiten

9,95 Euro

Originaltitel

Long Lost

Dutton, 2009

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (F 2006)


„Tödlicher Grenzverkehr“ zwischen D und A

November 18, 2010

Als erstes lernen wir in Wolfgang Schweigers neuem Krimi „Tödlicher Grenzverkehr“, dass in Traunstein die Tageszeitungen sehr früh, nämlich um 23.00 Uhr, ausgetragen werden.

Um diese Zeit wird der Enthüllungsjournalist Dieter Leschnik überfahren und die einzige Zeugin ist die Zeitungsausträgerin bei ihrer Tour.

Die beiden bereits aus „Der höchste Preis“ und „Kein Ort für eine Leiche“ bekannten Kommissare Gruber und Bischoff beginnen noch in der Nacht zu ermitteln. Dabei haben sie schnell einige Tatverdächtige, aber keine heiße Spur. Denn die Verdächtigen – die Freundin, die als Erbin eingesetzt ist; der österreichische Zuhälter, der Leschniks Nichte ermordet haben soll; der Guru, der von Leschnik vor vier Jahrzehnten als Pädophiler beschuldigt und in den Ruin getrieben wurde; die Jugoslawen, die wegen einer Reportage Leschnik hassen – haben alle gute Motive, gute Alibis und gute Gründe, den Journalisten nicht umzubringen. Entsprechend ergebnislos verlaufen die Ermittlungen und, wie wir es aus dem sonntäglichen „Tatort“ kennen, werden einige Spuren nicht oder erst kurz vor dem Ende der Geschichte verfolgt. In „Tödlicher Grenzverkehr“ gehören dazu die Identität des Trampers, den Kommissar Gruber in der Mordnacht, während die Fahndung nach dem Mörder läuft, mitnimmt, und die Frage, woher der nächtliche Telefonanruf, der Leschnik um 23.00 Uhr aus dem Haus trieb, kam.

Im Gegensatz zu Schweigers früheren Kriminalromanen ist der Chiemgau-Krimi „Tödlicher Grenzverkehr“ eher ein traditionelle Rätselkrimis mit einem deutlichen Schlag zum Regiokrimi. Die vor dem geistigen Auge entstehenden Bilder stammen nicht mehr aus dem amerikanischen oder französischem Gangsterfilm, sondern aus dem deutschen TV-Krimi.

Deshalb ist „Tödlicher Grenzverkehr“ wahrlich kein Buch, das man gelesen haben muss, aber es ist schnell gelesen, es gibt einige gute Szenen und ein unschön hastiges Ende. Denn nachdem die Kommissare lange keinen Schritt vorankommen, wird der Fall durch eine zufällige Beobachtung von Gruber holterdipolder aufgeklärt.

Wolfgang Schweiger: Tödlicher Grenzverkehr

Pendragon 2010

232 Seiten

9,95 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis“