Eine verpasste Chance: Das Jahrbuch des Syndikats

April 1, 2011

Die neue Ausgabe der gebundenen Vereinszeitung „Secret Service – Jahrbuch 2011“ der deutschen Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ unterscheidet sich kaum von der vorherigen Ausgabe. Es gibt einen Rückblick auf die letzte Criminale, dem jährlichen Treffen des Syndikats, Autoren berichten von Lesungen, zwanzig Autoren schreiben gemeinsam zwei Kurzkrimis (im letzten Jahrbuch schrieben sie einen Kurzkrimi [kein Kommentar]), je einen Kurzkrimi von Sabine Alt und Gerhard Loibelsberger, von Thomas Przybilka gibt es die erhellenden Befragungen der Friedrich-Glauser-Preisträger Rutger Booß, Zoran Drvenkar, Andreas Föhr, Zoe Beck und Hansjörg-Martin-Preisträgerin Marlene Röder und einen bibliographischen Überblick über wichtige Sekundärliteratur (beides erscheint auch bei den Alligatorpapieren) und es gibt eine aktuelle Liste der Mitglieder des Syndikats.

Auch die Essays „Regionalkrimi – Fluch oder Segen?“ von Michael Kibler und „A schöne Leich – kunstvoll morden? Annäherung an die Frage: Sind Krimis Kunst?“ von Clementine Skorpil schlagen eher schon lange vergangene Schlachten. Besonders Skorpil arbeitet sich episch an der Frage, ob Krimis Trivialliteratur sind, ab. Da ist Armin Gmeiners Aussage, dass es sich um eine Marketingentscheidung handele, ob man als Verleger ein Buch als Regiokrimi oder als Krimi veröffentliche, erfrischend prägnant.

Das alles hat, nun, wie gesagt, den Charme einer Vereinszeitung und dürfte außer den Vereinsmitgliedern niemand interessieren.

Dabei böte doch gerade ein Jahrbuch einer Autorenvereinigung die Chance sich über die eigene Arbeit und das Genre auszutauschen und Debatten über die Qualität zu führen. Dass das geht, zeigt Jochen Brunow, Drehbuchautor und Leiter der Drehbuchakademie der dffb, seit fünf Jahren mit dem von ihm herausgegebenen Film- und Drehbuchalmanach „Scenario“.

Syndikat (Hrsg.): Secret Service – Jahrbuch 2011

Gmeiner Verlag, 2011

288 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Homepage vom Syndikat

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2009“


Stefan Kiesbyes Erzählungen aus der norddeutschen Provinz

März 30, 2011

Als Stefan Kiesbye auf der Leipziger Buchmesse ein Kapitel aus seinem neuesten Buch „Hemmersmoor“ vorlas, bemerkte ich, dass es nicht so schlecht ist. Jedenfalls wenn man das Buch nicht kennt.

Kiesbye las vor, wie einige Kinder einen achtjährigen Freund in den Tod treiben, indem sie ihn im Eiswasser nach einer Axt tauchen lassen.

Dieses Ereignis wird auf den Seiten 78 bis 85 erzählt.

Davor ist bereits einiges geschehen: Zugezogene wurden gelyncht, ein siebenjähriger Junge brachte seine Schwester um, eine andere Frau wurde in den Tod getrieben und ein Vater schwängerte seine Tochter.

Also schon mehr als genug Schandtaten für einen sehr blutigen Thriller.

Danach wird weniger gemordet. Sex und Inzucht sind ja auch ganz nett. Aber man ist schon etwas erstaunt, wenn ein Kapitel ohne eine Leiche endet. Dafür gibt’s dann im nächsten Kapitel gleich neun Babyleichen, die von ihrer Mutter ermordet und vergraben wurden.

Dieses groteske Übermaß an Sex und Gewalt, das Sodom und Gomorrha zu einem idyllischen Ort macht, langweilt allerdings schnell und raubt dem episodischem Buch jede Glaubwürdigkeit. Denn das alles soll sich innerhalb weniger Jahre in den späten Fünfzigern, frühen Sechzigern in einem kleinen Dorf in Norddeutschland ereignen. Und jedes Ereignis steht seltsam isoliert neben dem anderen. Denn Kiesbyes Schauerroman „Hemmersmoor“ kann am besten als eine Serie von Kurzgeschichten, bei denen zwar die gleichen Charaktere auftreten und die alle an dem gleichen Ort spielen, aber die sonst nichts miteinander zu tun haben, beschrieben werden.

Auch der Kniff, die einzelnen Geschichten von vier verschiedenen Charakteren, die meistens auch Täter sind, erzählen zu lassen, nutzt sich schnell ab und zeigt eher die Grenzen des Erzählers auf. In den ersten Geschichten sind Kiesbyes Ich-Erzähler sieben Jahre alt; am Ende des Buches stehen sie kurz vor ihrem Schulabschluss. Denn sie sprechen alle mit der distanzierten Stimme des Erzählers Stefan Kiesbye, die den gewollten (?) Eindruck hinterlässt, dass die Kinder absolute Psychopathen sind und weder als Kind noch als Erwachsene irgendeine Spur von Reue empfinden.

Diese distanzierte Sprache kennen wir bereits aus Stefan Kiesbyes hochgelobtem Debüt „Nebenan ein Mädchen“. In dem dünnen Buch (eher eine lange Kurzgeschichte oder eine Novelle) erzählt Moritz von seiner beginnenden Pubertät in einem kleinen Ort in den sehr späten Siebzigern im norddeutschen Wedersen. Dort bekämpfen sich zwei Jugendcliquen: die Dachse und die Füchse. Die Dachse entdecken einen Bunker, sie stellen Frauen nach, sie entdecken ein Findelkind und irgendwann geschieht ein Mord.

Nebenan ein Mädchen“ ist, wie „Hemmersmoor“, das in einem geographischem und zeitlosem Nirgendwo angesiedelte, exemplarisch gemeinte Porträt einer deutschen Kleinstadt und dem Dorfleben, das dank einiger wohlplatzierter Hinweise auf Bands und Bücher (Hach, Kate Bush und Barclay James Harvest. Huch, Fanny Hill und Casanova.), aber nicht auf Filme und TV-Sendungen, einige nostalgische Erinnerungen wecken kann (wobei die einen dann an die Pink-Floyd-LPs mit Syd Barrett, die anderen an die Pink-Floyd-LPs ohne Syd Barrett denken. Einige werden „Wish you were here“, andere werden „The Wall“ hören.). Aber gleichzeitig berührt einen die Erzählung mit ihren vielen knappen Szenen und spartanischen Beschreibungen nicht. Denn während die Gewalt anfangs noch nachvollziehbar ist und durchaus in einem eher zufälligem Totschlag enden könnte (was zu einer Jugendstrafe führen würde), kommt der von Moritz und seinen Freunden geplante Mord ziemlich unvermittelt. Ebenso ist ihr Verhalten zu einem Findelkind in dieser Mischung aus emotionslosem Forscherblick, falscher Zuneigung und Verschwiegenheit kaum nachvollziehbar. Und dann gibt es – immerhin stehen pubertierende Jungs im Mittelpunkt – den ersten Sex.

Während „Nebenan ein Mädchen“ noch als Talentprobe durchgehen konnte, liest sich Stefan Kiesbyes zweiter Roman „Hemmersmoor“ wie ein ganz schlechtes Stephen-King-Best-of („Hey, lass uns einfach nur die Horrorszenen aneinanderklatschen.“) oder „Tannöd“ auf Acid.

Stefan Kiesbye: Hemmersmoor

Tropen, 2011

208 Seiten

17,95 Euro

Stefan Kiesbye: Nebenan ein Mädchen

(übersetzt von Stefan Kiesbye)

Heyne, 2010

208 Seiten

7,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Jens Seeling Verlag, 2008

Originalausgabe

Next door lived a girl

Low Fidelity Press, New York 2004

Hinweise

Homepage von Stefan Kiesbye

Klett-Cotta Verlagsblog: Interview mit Stefan Kiesbye (21. März 2011)

Börsenblatt: Interview mit Stefan Kiesbye (16. Juli 2009)

Bonusmaterial



 


Hat Elmore Leonard seinen Touch verloren?

März 24, 2011

Road Dogs“, Elmore Leonards vorletzter Roman, liest sich über weite Strecken wie das Werk eines Nachahmers: da werden etliche Charaktere aus Leonards grandioser Florida-Phase (als er im Sunshine State lebte und endlich allgemein anerkannt wurde) reanimiert. Mal nur in einem Nebensatz, mal als Hauptcharaktere. Für die Nicht-Leonard-Hardcore-Fans ist dabei Jack Foley, der sympathische Bankräuber aus „Out of sight“ (verkörpert in der gleichnamigen Verfilmung von George Clooney und, so Leonard in einem Interview, auch das Vorbild für den „Road Dogs“-Foley), der bekannteste Charakter. Cundo Rey aus „La Brava“ und Dawn Navarro aus „Riding the Rap“ (Volles Risiko) sind unbekannter.

Aber im Gegensatz zu den früheren Büchern von Elmore Leonard bleiben dieses Mal alle Charaktere blass. Es gibt kaum Situationen, in denen sich ihr Charakter wirklich zeigt und auch die Dialoge sind langweilig. Da ist nichts mehr zu spüren von der typischen Leonard-Brillanz und Coolness.

So fällt – denn Leonard konnte mit seinen knochentrockenen Dialogen über alle Plotlöcher hinwegtäuschen – der absolut vorhersehbare und altbackene Plot von „Road Dogs“ umso mehr auf und der geht so:

Im Knast befreunden sich Foley und der stinkreiche kubanische Gangster Cundo Rey. Rey engagiert eine Anwältin und der gelingt es, Foleys Strafe drastisch zu reduzieren. Draußen soll Foley sich um Reys Freundin Dawn Navarro kümmern. Die ist, als Femme Fatale, gar nicht so brav wie ihr Göttergatte meint und springt auch gleich mit Foley ins Bett und macht ihm das wenig überraschende Angebot, mit der Kohle von Rey abzuhauen. Foley zögert. Immerhin gibt es doch so etwas wie Ganovenehre.

Außerdem wird er von dem FBI-Agenten Lou Adams beobachtet. Der will den Serienbankräuber jetzt endgültig in den Knast bringen. Aber er ist, im Vergleich zu den anderen Leonard-Polizisten einfach nur ein rechthaberischer, geltungssüchtiger Winzling, der gottseidank ziemlich schnell zu einem Teil der vernachlässigbaren Kulisse wird.

Die einzige Überraschung bei diesem Liebesdreieck ist, dass Foley sich mit Dawn Navarro als Hellseher versucht und er sich gleich in seine erste Kundin, die Hollywood-Schauspielerin Danialle Karmanos, verliebt. Die verfällt dem supersympathischen Bankräuber ebenfalls sofort und so plätschert „Road Dogs“ auf sein ziemlich vorhersehbares Ende hin.

Wer jetzt glaubt, dass „Road Dogs“ ein Fehltritt war, wird durch „Djibouti“ eines besseren belehrt. Denn sein neuester Roman liest sich wie eine ganz schlechte Elmore-Leonard-Parodie.

Die erste Hälfte ist fast unlesbar, weil Leonard auf die bescheuerte Idee verfiel, die Dokumentarfilmerin Dara Barr und ihren Freund Xavier LeBo in einem Hotelzimmer einzusperren. Dort sichten sie die von ihnen in den vergangenen Wochen gemachten Aufnahmen für eine Reportage über die derzeitige Piraterie am Golf von Aden und dem Horn von Afrika. Dabei reden sie über die Ereignisse, die sie sich gerade ansehen und ob sie das Material als Dokumentarfilm schneiden oder als Filmidee an Hollywood verkaufen sollen. Das kann mit viel Wohlwollen als Meditation über die Realität in den Medien und über die Prinzipien des filmischen Erzählens gelesen werden.

In der zweiten Hälfte ist ein zum Islamismus und Terrorismus konvertierten Amerikaner, der jeden, der seinen echten Namen kennt, umbringt, und außerdem ein Attentat plant, die die Geschichte bestimmende Kraft. Diese Jagd nach einem Serienmörder sorgt dann für etwas Krimispannung, ohne das Buch zu retten. Denn die zweite Hälfte hat mit der ersten eigentlich nichts zu tun und der Terrorist ist wahrscheinlich der langweiligste Leonard-Charakter. Das mag auch daran liegen, dass Elmore Leonard kein Interesse an einer Serienkillerjagd oder einer Post-9/11-Terroristenjagd hatte. Denn seine Krimis sind mehr oder weniger gut getarnte Western, in denen Gangster und Polizisten gegeneinander antreten und es oft, für einen Hardboiled-Kriminalroman, erstaunlich wenige Leichen gibt.

Elmore Leonard: Road Dogs

(übersetzt von Conny Lösch und Kirsten Riesselmann)

Eichborn, 2011

304 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Road Dogs

William Morrow, 2009

Elmore Leonard: Djibouti

William Morrow, 2010

288 Seiten

19 Euro (bei Amazon)

Hinweise

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte

Eichborn: Karsten Kredel, Programmleiter Literatur bei Eichborn, über „Road Dogs“

Frankfurter Rundschau: Interview mit Elmore Leonard (5. Dezember 2010)


„Unknown Identity“: Vor dem Film war der Roman

März 21, 2011

Als der renommierte Biogenetiker Martin Harris in Paris an seiner Wohnungstür klingelt, öffnet ein fremder Mann die Tür und seine Frau Liz sagt, dass sie ihn nicht kenne.

Harris, der nach einem Autounfall einige Tage im Koma lag, glaubt zuerst an einen schlechten Scherz. Aber nachdem sogar die Polizei überzeugt ist, dass sein Nebenbuhler der echte Martin Harris ist und er einen psychischen Knacks habe, will er herausfinden, wer ihm sein Leben stehlen will. Seine einzige Verbündete ist Muriel, die Taxifahrerin, die ihm nach dem Unfall das Leben rettete.

Unknown Identity“ ist, wie das Buchcover und der deutsche Titel verraten, die pünktlich zum Filmstart übersetzte Romanvorlage von Didier van Cauwelaert, die für den Film kräftig geändert wurde.

Doch bleiben wir zunächst bei van Cauwelaerts kleinem Pulp-Thriller. Denn die Prämisse, dass ein Held ohne Gedächtnis herausfinden will, wer er ist und er dabei einer Verschwörung auf die Spur kommt, ist immer gut für einige spannende Stunden. Auch van Cauwelaerts mit etwas über zweihundert Seiten angenehm kurzem Krimi gelingt das. Gerade am Anfang gibt es einige grandiose Szenen, in denen Martin Harris seine Identität beweisen will. Bei der Polizei führt das zu einer ziemlich absurden Aufnahme seiner Anzeige. Oder, etwas später, sein Besuch bei seinem Kollegen Paul de Kermeur. Dort versucht er de Kermeur und Muriel von seiner Identität zu überzeugen. Als der falsche Martin Harris hinzukommt, entspinnt sich ein Rededuell in dem sie in Harris‘ Fachgebiet und seiner Familiengeschichte brillieren. Denn der echte und der falsche Martin Harris wissen alles über das Leben und die Arbeit von Martin Harris.

Im letzten Drittel, wenn Harris an seinem Verstand zu zweifeln beginnt, weitere Erinnerungen zurückkehren und ein von ihm angeheuerter Detektiv ihm überraschende Fakten aus seiner Vergangenheit präsentiert, verliert die Geschichte etwas an Schwung; – auch weil Harris keinen Schritt näher an die ziemlich unvermittelt präsentierte Lösung des Rätsel kommt und van Cauwelaert einige wichtige Fragen des Komplotts nur sehr rudimentär beantwortet.

Außerdem spielt „Unknown Identity“, obwohl der Krimi in Frankreich erst vor acht Jahren erschien, in einer anderen Zeit. Heute ist es einfach undenkbar, dass im Internet keine Bilder eines bekannten Botanikers zu finden sind und dass so einfach ein Doppelgänger die Stelle eines anderen einnehmen kann. Immerhin geht es nicht um einen profanen Identitätsdiebstahl (bei dem nur die elektronische Identität geklaut wird), sondern darum, dass die Bösewichter innerhalb weniger Tage ein ganzes Leben, bei dem es auch ziemlich viele öffentliche Auftritte auf Konferenzen und Tagungen gab, vollständig auslöschen.

Denn dass niemand den Unterschied zwischen dem echten und dem falschen Martin Harris sieht und dass niemand hinter die wahre Identität von Martin Harris kommt, ist für das Komplott absolut wichtig.


Für die Verfilmung wurde die Handlung, dank der hiesigen Filmförderung, von Paris nach Berlin verlegt, die Prämisse, einige Charaktere und die Erklärung für Martin Harris‘ Amnesie übernommen. Allerdings ist das Ende im Film wesentlich explosiver und der gesamte Film mit zahlreichen Morden, Schlägereien und Verfolgungsjagden zu Fuß und im Auto viel actionlastiger. Das ist zwar nicht besonders logisch und glaubwürdig (eigentlich sogar noch unglaubwürdiger als der Roman), aber ziemlich unterhaltsam. Und die Berlin-Bilder, inclusive einem Zusammenstoß mit einer Tram und einer Explosion im Hotel Adlon, erfreuen natürlich das lokalpatriotische Herz.

Didier van Cauwelaert: Unknown Identity

(übersetzt von Olaf Matthias Roth)

Aufbaut Taschenbuch, 2011

224 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Hors de moi

Editions Albin Miche, Paris 2003

Verfilmung

Unknown Identity (Unknown, Japan/Kanada/USA/Deutschland 2010)

Regie: Jaume Collet-Serra

Drehbuch: Oliver Butcher, Stephen Cornwell

LV: Didier von Cauwelaert: Hors de moi, 2003 (Unknown Identity)

mit Liam Neeson, Diane Kruger, January Jones, Aidan Quinn, Bruno Ganz, Sebastian Koch, Frank Langella, Stipe Erceg

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Unknown Identity“

Homepage von Didier von Cauwelaert


Wiglaf Droste, die Sprache und die Wirklichkeit

März 18, 2011

In einem Rutsch sollte man die in „Im Sparadies der Friseure“ gesammelten über vierzig Kolumnen von Wiglaf Droste nicht lesen. Dann sind sie zwar auch noch witzig und oft erhellend, aber auch etwas ermüdend. Wenn sie dagegen in kleinen Häppchen genossen werden, verschönern sie den Tag und bieten amüsante Einsichten in den deutschen Alltag und unsere Muttersprache.

Denn, so Droste: „Sprache ist nicht nur Mittel zum Zweck der Kommunikation – sie ist eine Möglichkeit, die Welt zu erlernen, sie sich zu eigen zu machen, nicht in einem rohen, barbarischen Akt der Unterwerfung und Untertanenmachung, sondern langsam, behutsam, staunend, hingebungsvoll. Sprache wohnt die Chance inne, die Welt spielerisch zu begreifen, ohne sie dumpf zu begrapschen.“

Aber: „Die Deutschen bedürfen nicht der englischen Sprache oder der Anglizismen, um sich falsch, inhaltsarm oder idiotisch auszudrücken; es ist ihnen dazu jede Sprache recht, von der sie nichts verstehen. Meistens ist das die deutsche, sie nehmen aber auch jede andere, die sie kriegen können, und lassen sich dabei nicht stören.“

Und er hat eine reichhaltige Auswahl an treffenden Beispielen gefunden. In vielen Texten beschäftigt Wiglaf Droste sich mit dem uns alltäglich umgebendem Sprachmüll. Das sind die Namen von Friseurgeschäften, „Public Viewing“ (was, so Droste, in den USA eigentlich Leichenschau bedeutet; – da soll noch einer sagen, dass Lesen nicht bildet), der Sucht nach Superlativen für alles und jedes und viele, viele weitere Beispiele aus der Wirtschaft, bei schreibenden Kollegen und natürlich in der um Vertrauen werbenden Politik. Auch das „Unwort des Jahres“ und die es verleihende Gesellschaft ist Wiglaf Droste einige wohlgesetzte Worte wert.

Eingefleischte Droste-Fans werden etliche der in „Im Sparadies der Friseure“ gesammelten Kolumnen bereits aus dem Bayerischen Rundfunk, MDR Figaro, „jungle World“ und den Zeitschriften „Das Magazin“ und „Häuptling Eigener Herd“ kennen. Die Gelegenheits-Droste-Fans dürfen sich dagegen freuen, dass sie nicht ständig in Kiosken und im ÖR-Rundfunk nach Droste-Texte suchen müssen.

Wiglaf Droste: Im Sparadies der Friseure – Eine kleine Sprachkritik

Goldmann, 2010

160 Seiten

7,95 Euro

Erstausgabe

Edition Tiamat, 2009

Hinweise

Tourmanagement von Wiglaf Droste

Homepage von „Häuptling Eigener Herd“

Homepage von MDR Figaro

Wikipedia über Wiglaf Droste

Bonusmaterial (nicht im Buch enthalten)

Beginnen wir mit einem klassischen Wiglaf-Droste-Text

Auch gut


Harlan Coben und das lauschige Vorstadtleben mit pubertierenden Kindern

März 17, 2011

Wahrscheinlich muss man Amerikaner sein oder die dortige Kultur und Psychosen gut kennen, um die Geschichte von Harlan Cobens neuem Roman „In seinen Händen“ wirklich genießen zu können. Denn im Mittelpunkt des Thrillers steht, wieder einmal, das Vorstadtleben und die Mühen und Sorgen von liebevollen Eltern und ihren heranwachsenden Kindern, die einerseits Alkohol trinken wollen, andererseits dies vor dem Gesetz noch nicht dürfen. Denn in den USA darf man zwar mit 16 Jahren ein Auto fahren, aber erst mit 21 Jahren Alkohol trinken. Eine Regel, die bei uns immer wieder für Kopfschütteln sorgt.

Eine andere große Sorge amerikanischer Eltern und ihrer Kinder ist, dass sie auf die richtige Universität kommen. „Richtig“ bedeutet vor allem eine Elite-Universität. Jede Universität hat ein Auswahlverfahren und, neben den Noten, spielen auch bestimmte Quoten (wie dass eine bestimmte Zahl Afroamerikaner oder sozial Schwacher aufgenommen werden sollen) und das Verhalten der Bewerber eine Rolle. Da kann einem schon eine Strafe wegen Alkoholkonsum die Traumuni vermasseln.

In Deutschland sind die Unterschiede zwischen den Universitäten nicht so groß und es gibt keine großartigen Auswahlverfahren.

Und dann gibt es in den USA noch eine gewaltige, teils schon hysterische Jagd auf Pädophile und Sexualstraftäter. Das dafür wichtigste Gesetz ist „Megan’s Law“. Danach können die Namen von Sexualstraftätern, die sich an Minderjährigen vergangen haben, veröffentlicht werden. Das gilt auch, wenn der Geschlechtsverkehr einvernehmlich war und der Altersunterschied zwischen beiden nur einige Monate beträgt. Minderjährig ist Minderjährig.

All diese Regeln und Konventionen sind für uns eher fremd, aber sie bestimmen noch mehr als in den vorherigen Thrillern des vierfachen Vaters Harlan Coben seinen neuesten Roman „In seinen Händen“, der mit der Bloßstellung des pädophilen, enorm beliebten und engagierten Sozialarbeiters Dan Mercer durch die TV-Journalistin Wendy Tynes beginnt.

Während der Gerichtsverhandlung beginnt sie an Mercers Schuld zu zweifeln. Denn außer einigen Bildern in seiner Wohnung und vier Jugendlichen hat sich keines seiner Opfer gemeldet. Aber normalerweise ist ein Pädophiler ein Serientäter mit vielen Opfern. Außerdem steht seine Ex-Frau zu ihm. Kurz nachdem die Klage vom Gericht abgewiesen wird, ruft Mercer bei der Journalistin an. Er will sich mit ihr Treffen und sagt, dass nichts so sei, wie es aussehe.

Sie willigt ein und während des Treffens wird Mercer vor ihren Augen erschossen. Sie glaubt, dass Ex-U.-S.-Marshal Ed Grayson, dessen Sohn zu Mercers Opfern gehört, der Täter ist. Aber es gibt keine Beweise gegen Grayson und eigentlich will ihn auch niemand anklagen.

Als dann in Mercers Hotelzimmer das iPhone der vor einigen Monaten verschwundenen siebzehnjährigen Musterschülerin Haley McWaid gefunden wird, scheint der Fall klar.

Nur Wendy Tynes zweifelt weiter. Vor allem, als sie entdeckt, dass in letzter Zeit mit halbseidenen Anschuldigungen das Leben von Mercers Studentenfreunde zerstört wurde. Sie fragt sich, ob sich jemand an ihnen für irgendetwas, das sie während des Studiums taten, rächen will.

Dieser Hauptplot entwickelt sich allerdings arg zäh und verschwindet immer wieder unter verschiedenen Nebengeschichten, die die Hauptgeschichte nicht wirklich voranbringen, aber dafür das Vorstadtleben ausmalen. Außerdem geschehen einige Plotwendungen arg plötzlich und das Verhalten einiger Charaktere ist arg rätselhaft. So hat Wendy keinen Grund, Mercers Collegefreunden zu vertrauen. Vor allem nachdem sie annehmen muss, dass sie in der Vergangenheit irgendetwas ausgefressen haben, das sie ihr nicht verraten wollen. Trotzdem suchen sie gemeinsam den Täter.

Und wenn dann am Ende der Haupttäter der taffen Reporterin freiwillig seine Taten gesteht, zeigt sich, dass Coben ein gewaltiges Problem mit dem Ende hatte. Auch die anderen Verbrecher gestehen freiwillig ihre Taten. Aber warum sollte jemand freiwillig ein Verbrechen gestehen?

Außerdem deutet Harlan Coben dieses Mal schon sehr früh und sehr deutlich die Lösung an. Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil er in seinen anderen Thrillern am Ende immer einige absolut überraschende, aber schlüssige Twists bot.

In seinen Händen“ ist, nach dem enttäuschendem Myron-Bolitar-Pulp „Von meinem Blut“ (denn Terrorismus und weltumspannende Verschwörungen gehören nicht in die Welt eines Sportagenten), wieder ein flott geschriebenes, letztendlich aber enttäuschendes Werk von Harlan Coben. Vielleicht sollte er mal – persönliche Betroffenheit hin, persönliche Betroffenheit her – die Sorgen der Eltern über die Schulabschlüsse ihrer Kinder und die Wunschuniversität links liegen lassen und einen ordentlichen Thriller schreiben.

Sein neuestes Buch „Live Wire“, dem zehnten Myron-Bolitar-Roman, der die Tage in den USA erscheint, könnte ein solches Buch sein.

Harlan Coben: In seinen Händen

(übersetzt von Gunnar Kwisinski)

Page & Turner, 2011

448 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Caught

Dutton, 2010

Lesereise (naja, eher Stippvisite)

Freitag, 18. März, 20.00 Uhr, Köln, MS RheinEnerngie/Literaturschiff (im Rahmen der lit.cologne)

Samstag, 19. März, 20.30 Uhr, München, Hugendubel Fünf Höfe (im Rahmen des Krimifestival München)

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (F 2006)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009)

Bonusmaterial

Ein ausführliches Interview mit Harlan Coben

 


Robert B. Parker, Spenser und ein „Trügerisches Bild“

März 16, 2011

Zuerst die schlechte Nachricht: Hawk hat in „Trügerisches Bild“, dem neuesten Spenser-Krimi von Robert B. Parker, keinen Auftritt.

Aber sonst verläuft alles in den gewohnten Bahnen. Auf den ersten Seiten übernimmt der in Boston arbeitende Privatdetektiv Spenser einen neuen Auftrag. Er soll seinen Auftraggeber, Dr. Ashton Prince, zu einer Geldübergabe begleiten. Im Hammond Museum wurde das Gemälde „Dame mit einem Finken“ des im siebzehnten Jahrhundert lebenden Malers Frans Harmenszoon gestohlen und jetzt verlangen die Erpresser Lösegeld für das Bild.

Nachdem Prince den Erpressern das Geld gegeben hat, wird er von einer Bombe zerfetzt. Spenser fühlt sich, weil sein Auftraggeber vor seinen Augen umgebracht wurde, in seiner Berufsehre gekränkt. Er sucht also auf eigene Faust und pro bono den Täter.

Er beginnt in Princes Vergangenheit herumzustochern. Noch bevor er eine erste handfeste Spur hat, wird ein hinterhältiger Anschlag auf ihn verübt. Diese Anschläge bestimmten dann den Rhythmus der Geschichte. Denn Spenser versteckt sich nicht, sondern präsentiert sich ohne Bodyguards den Attentätern, in der Hoffnung über sie an die Bilderdiebe zu gelangen (Total genialer Plan!).

Später entdeckt er eine Verbindung zur seltsamen Herzberg-Stiftung, die Nazi-Beutekunst sucht, etwas mit dem Harmenszoon-Gemälde und Princes Vergangenheit zu tun hat und wahrscheinlich hinter dem Diebstahl und den Anschlägen auf Spenser steckt.

Robert B. Parker starb am 18. Januar 2010 an seinem Schreibtisch und „Trügerisches Bild“ ist eines der letzten Werke des enorm produktiven Schriftstellers. In den siebziger Jahren leitete er mit seinen Spenser-Romanen eine Renaissance des Privatdetektivromans ein. In den folgenden Jahren beeinflusste er zahlreiche jüngere Autoren und viele Elemente des modernen Privatdetektivromans gehen auf ihn zurück. Am bekanntesten dürfte dabei der skrupellose Freund des Helden sein. Für Spenser ist das seit Ewigkeiten Hawk.

In den vergangenen Jahren, nachdem es in den späten Achtzigern und Neunzigern einige sehr schwache Spenser-Romane gab, fand Parker halbwegs zu seiner alten Form zurück. Denn viel zu oft scheint er einfach drauf los zu schreiben und sein Seitenlimit (immer noch um die zweihundert Seiten) mit vielen kurzen Kapiteln („Trügerisches Bild“ besteht aus 67 Kapiteln) und Dialogen zu füllen. Diese lakonischen Dialoge und der unprätentiöse Schreibstil von Robert B. Parker sorgen dann immer wieder für einen vergnüglichen Abend.

Zuletzt die gute Nachricht: „Trügerisches Bild“ ist nicht der letzte Spenser-Roman. In den USA ist für September „Sixkill“, der, wenn man den Young-Spenser-Roman „Chasing the bear“ mitzählt, vierzigste Spenser-Roman angekündigt.

Und das dürfte dann der endgültig letzte Spenser-Roman sein.

Robert B. Parker: Trügerisches Bild
(übersetzt von Frank Böhmert)

Pendragon, 2011

216 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Painted Ladies

G. P. Putnam’s Sons, New York 2010

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte

Bonus

 


Die lügenden Politiker und ihre Lügen

März 9, 2011

Lassen wir mal den marktschreierischen Titel „Die verlogene Politik – Macht um jeden Preis“ links liegen. Denn taz-Autor Pascal Beucker und Financial-Times-Deutschland-Autorin Anja Krüger schreiben in ihrem Sachbuch in elf Kapiteln wie sich die öffentlichen Reden der Politiker in Talkshows und im Parlament von ihrem Tun und von den Fakten unterscheiden.

Das zeigt sich in der Parteienfinanzierung und den teilweise erstaunlich schnellen Berufswechseln von Politikern in hohe Positionen in Unternehmen (Zyniker würden von Bestechlichkeit sprechen, aber nach dem deutschen Recht ist es für Politiker fast unmöglich, bestechlich zu sein). Einige Politiker können sogar während des Abgeordnetenmandats etliche weitere Vollzeitjobs erledigen. Diese Doppelzüngigkeit zeigt sich auch bei der Förderung von Frauen in den Parteien und der Wirtschaft. Denn auch wenn inzwischen in allen Parteien mehr Frauen in den oberen Rängen sitzen, sind sie, außer bei den Grünen (die heute allerdings auch keine reine Frauenlisten mehr aufstellen würden) in der Minderheit. Das Schlusslicht ist die FDP mit 22,6 Prozent Frauenanteil bei den Mitgliedern.

In anderen Kapiteln nehmen sich Beucker und Krüger die heftig umstrittenen Politikfelder der vergangenen Jahre vor: Gesundheit, Bildung, Arbeitsmarkt, Renten, Steuern, Integration und militärische Auslandseinsätze. Immer haben die Politiker gesagt, dass sie die Systeme retten und zukunftsfähig machen wollen, dass sie den Armen helfen wollen und dass sie die Ungleichheit zwischen Arm und Reich verringern wollten.

Das waren die Sonntagsreden.

Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Doch das dürfte niemand, der in den vergangenen Jahren die Medien aufmerksam verfolgte, überraschen. Aber man vergisst vieles so schnell.

Allerdings bleiben die beiden Journalisten in den Kapiteln, die unabhängig voneinander gelesen werden können, bei der Analyse (vulgo dem Sammeln von Fakten) stehen. Sie verzichten auf Vorschläge, wie „die verlogene Politik“ geändert werden kann.

Deshalb liegt Wert des Buches nur in der Gesamtschau und der sauberen Recherche, die immer einen Schlag nach links hat. Denn die Reformen der letzten Jahre werden durchgehend kritisch beurteilt. „Die verlogene Politik“ kann, auch dank der vielen Unterkapitel, als schnelles Nachschlagewerk, Einstieg in vertiefende Lektüre und Argumentationshilfe für den Stammtisch fungieren.

Pascal Beucker/Anja Krüger: Die verlogene Politik – Macht um jeden Preis

Knaur, 2010

304 Seiten

8,99 Euro

Hinweise

Homepage von Pascal Beucker

Stadtrevue: Interview mit Pascal Beucker und Anja Krüger


Ein Besuch bei Hellboys Freunden

März 7, 2011

Die meisten in der B. U. A. P. arbeitenden Wesen, denn normale Menschen sind sie nicht unbedingt, sind aus den „Hellboy“-Comics von Mike Mignola und den kurzweiligen Verfilmungen „Hellboy“ und „Hellboy 2 – Die goldene Armee“ von Regisseur Guillermo del Toro bekannt. Sie haben besondere Fähigkeiten, wie der Amphibienmensch Sapien, der Feuerteufel Sherman oder das Medium Kraus, oder dürften, wie der von den Toten auferstandene Daimio oder die auferweckte Mumie Panya, überhaupt nicht leben. Aber gerade diese Fähigkeiten prädestinieren sie für die Arbeit bei der B. U. A. P., der Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen. Auch Hellboy arbeitete für die B. U. A. P.. Und mit der „B. U. A. P.“-Reihe wurde vor einigen Jahren ein „Hellboy“-Ableger geschaffen.

Hellboy verließ die Behörde am Ende von ‚Sieger Wurm‘ (…) Dann kam der erste Film und wir waren abgelenkt und nicht darauf eingestellt, mehr zu machen. Doch mit dem allgegenwärtigem Film realisierten wir, dass es nie wieder einen besseren Zeitpunkt geben würde, um eine eigene B. U. A. P.-Serie zu starten, wenn man bedenkt, wie wichtig Abe und Liz im Film waren – in den Comics hatte Hellboy die Behörde gerade verlassen, aber der Film war eine einzige gigantische Werbung für B. U. A. P..“ erzählt Hellboy- und B. U. A. P.-Redakteur Scott Allie im B. U. A. P.-Band „Die Warnung“.

In dem siebten B. U. A. P.-Band „Tödliches Terrain“ müssen Abe Sapien, Captain Benjamin Daimio, Liz Sherman, Dr. Kate Corrigan, Johann Kraus und das gesamte B. U. A. P.-Personal gegen zwei Eindringlinge in die B. U. A. P.-Zentrale und einen zu ihnen überführten Wendigo kämpfen. In dem abgelegenem Gebäude beginnt eine blutige Schlacht mit zahlreichen Toten.

Die Warnung“ ist der Beginn einer Trilogie, die, so der Klappentext, die B. U. A. P. für immer ändern wird. Dass da noch einiges im Busch ist, können wir uns denken. Denn als Auftakt wird erst einmal München zerstört.

Die Gegner der B. U. A. P. sind die Schwarze Flamme und die Kreaturen der Hohlen Erde.

Errr, gut, wer es bis jetzt noch nicht kapiert hat: Die „B. U. A. P.“-Geschichten sind keine Krimis (obwohl es etliche Tote gibt), sondern pulpige Schlachtplatten mit einer ordentlichen Portion in der alternativen Gegenwart spielender Fantasy.

Die Action und der fliegende Wechsel zwischen den verschiedenen Welten macht Spaß. Aber weil es in „Tödliches Terrain“ und „Die Warnung“ immer mehrere ziemlich gleichberechtigte Hauptcharaktere gibt, ist es (jedenfalls für Späteinsteiger) schwierig, die einzelnen Plots sofort zu erfassen und Haupt- und Nebenplots ordentlich zu sortieren. Immerhin begegnet man nicht jeden Tag paranormal begabten Wesen. Außerdem bleibt in den Geschichten immer einiges rätselhaft und es ist nicht klar, ob das an meinem mangelndem Vorwissen liegt oder ob die Autoren Mike Mignola und John Arcudi bewusst einiges im Unklaren lassen (und erst später erklären wollen) oder sie sich einfach nur einen Scherz erlauben.

Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner): B. U. A. P.: Tödliches Terrain (Band 7)

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2009

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

BPRD: Killing Ground

Dark Horse, 2008

Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner): B. U. A. P.: Die Warnung (Band 8)

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2010

152 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

BPRD: The Warning

Dark Horse, 2009/2010

Hinweise

Homepage von Mike Mignola

Facebook-Seite von/über John Arcudi

Homepage von Guy Davis

Wikipedia über das „Bureau for Paranormal Research and Defense“


Der „Tatort“, der Mord, der Geschlechtsverkehr und – die schlimmste aller Sünden – die nackten Männer

Februar 23, 2011

Zum vierzigjährigem „Tatort“-Jubiläum wurde wieder einmal überall gemurmelt, der „Tatort“ sei auch eine Kultur- und Sittengeschichte der Bundesrepublik. Dennis Gräf, der erst vor kurzem seine Dissertation „Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher“ veröffentlicht hat, und sein Doktorvater Hans Krah versuchen in dem Bändchen „Sex & Crime“ nachzuzeichnen, wie im „Tatort“ in den vergangenen Jahrzehnten Sexualität gezeigt wurde und wie sich verändernde Moralvorstellungen im „Tatort“ auswirkten.

Es geht von den freizügigen Siebzigern und dem damals noch existierendem Bürgertum über die Schimanski-Jahre hin zur derzeitigen Prüderie. Die oft allein lebenden Ermittler haben heute ein sehr überschaubares Sexualleben. Und wenn sie sich doch einmal verlieben, übersteht die Beziehung die Episode nicht.

Und die anderen? Die Mörder? Die Opfer?

Nun, so Gräf und Krah: „Sex funktioniert als Maßstab, an dem moralische Kompetenz gemessen werden kann.“ Ergo: viel Sex = gleich niedrige soziale Kompetenz = Täter oder Opfer.

Dabei werden von den „Tatort“-Machern auch Sexualpraktiken und Delikte als Begründung für spätere Morde herangezogen, die nicht im Strafgesetzbuch stehen. In „Delikt: Nackter Mann“ zeigen die beiden Autoren, wozu diese „Tatort“-Praxis führen kann: danach mindert Nacktheit bei Männern, vor allem in der Post-Schimanski-Ära (der durfte sich noch nackt zeigen), deren Überlebenschancen rapide. Absurd, aber wahr.

Entsprechend wenig überraschend ist das von Gräf und Krah am Schluss von „Sex & Crime – Ein Streifzug durch die ‚Sittengeschichte‘ des TATORT“ gezogene Fazit, wonach der „Tatort“ „eine grundlegende Nähe zu konservativen Weltmodellen aufweist“.

Als Grund dafür vermuten sie „die Verortung des ‚Tatort‘ in den Massenmedien (…), die in der Regel lediglich konsensuale Weltentwürfe zulassen und Extreme vermeiden. Der ‚Tatort‘ ist demnach immer auch eine (moralische) Kompromissbildung, eine Schnittmenge dessen, was gesellschaftlich an Abweichung existiert und was davon medial vermittelbar und akzeptabel ist – bzw., was von den Machern dafür gehalten wird.“

Und da scheinen die „Tatort“-Macher heute den Zuschauern immer weniger zuzumuten.

Links oder aufklärerisch, zwei ebenfalls im Zusammenhang mit dem „Tatort“ gerne benutzte Floskeln, ist dieses Bestätigen der herrschenden Moral nicht. Jedenfalls nicht in den von Gräf und Krah für ihre Argumentation herangezogenen „Tatorten“. Denn auch wenn man das Fazit intuitiv einleuchtend findet, bleibt immer auch der Eindruck bestehen, dass einfach die, teils eher unbekannten, „Tatorte“ genommen wurden, die in die Argumentation hineinpassen.

Aber da bleibt ja immer noch Dennis Gräfs umfangreiches Werk „Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher“, das auch die Frage von „Sex & Crime“ behandelt, obwohl in der Dissertation das sich seit den sechziger Jahren wandelnde und zerfallende Bürgertum und die damit zusammenhängende Diskurse über Gesellschaft und die sie zusammenhaltenden Werte wichtiger sind.

Dennis Gräf/Hans Krah: Sex & Crime – Ein Streifzug durch die „Sittengeschichte“ des TATORT (Ermittlungen in Sachen TATORT I)

Bertz + Fischer, 2010

128 Seiten

9,90 Euro

Dennis Gräf: Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher (Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik, Band 1)

Schüren, 2010

332 Seiten

29,90 Euro

Hinweise

Homepage von Dennis Gräf

Homepage von Hans Krah

ARD über den „Tatort“

Tatort-Fundus (umfangreiche Fan-Seite)

Wikipedia über den „Tatort“

 


Ein Mädel auf Mörderjagd

Februar 17, 2011

Ja früher ließen sich die Autoren immer unglaublich viel Zeit, bevor sie mit ihrer Geschichte anfingen. Nicht wie heute, wo, streng nach Schreibratgeber, bereits der erste Satz den Leser packen muss. Zum Beispiel dieser Romananfang:

Heutzutage glaubt kein Mensch mehr, dass ein vierzehnjähriges Mädchen mitten im Winter sein Elternhaus verlassen könnte, um den Mord an seinem Vater zu rächen; aber damals erschien das nicht so seltsam – wenn ich auch sagen muss, dass es sicher nicht alle Tage vorkam. Ich war gerade vierzehn, als ein Feigling namens Tom Chaney meinen Vater unten in Fort Smith, Arkansas, über den Haufen schoss und ihm sein Leben, sein Pferd, 150 Dollar sowie zwei kalifornische Goldstücke raubte, die er im Hosenbund trug.

Und das kam so:

Das sind die ersten Zeilen von Charles Portis‘ Western „True Grit“, der jetzt dank der Coen-Brüder, die den Roman verfilmten, wiederveröffentlicht wurde. Auf den folgenden zweihundert Seiten erzählt Mattie Ross ein halbes Jahrhundert später von dieser Jagd. Denn in Fort Smith muss sie schnell feststellen, dass für die dortigen Gesetzeshüter die Verfolgung von Tom Chaney nicht an erster Stelle steht. Chaney ist nur einer von vielen flüchtigen Verbrechern. Also fragt sie nach dem besten Marshal und trifft auf Rooster Cogburn. Der ist Marshal, zäh, furchtlos, und ein versoffenes Schlachtross, das Verbrecher während der Verhaftung gerne erschießt. Gerade der letzte Punkt gefällt der rachedurstigen Mattie. Sie engagiert ihn. Später schließt sich ihnen Texas-Ranger LaBoeuf an. Er jagt Chaney, weil dieser den Hund eines Senators erschossen hat und der Senator ein hohes Kopfgeld auf den Hundemörder aussetzte. Mattie will Chaney allerdings nicht LaBoeuf überlassen. Denn Chaney soll nicht für einen Hund, sondern für den Mord an ihrem Vater am Galgen baumeln.

Chaney ist in das Indianerterritorium geflüchtet und hat sich der skrupellosen Bande von Lucky Ned Pepper angeschlossen. Mattie, Cogburn und LaBoeuf nehmen die Verfolgung auf. Dabei muss Mattie sich zuerst den Respekt der beiden Männer erarbeiten. Denn die wollen Chaney ohne ein Kind als lästige Begleitung jagen.

Die geradlinige Geschichte gewinnt durch die Stimme der Erzählerin Mattie. Die vierzehnjährige Mattie ist zwar willensstark, aber auch entsetzlich vorlaut, rechthaberisch und altklug. Und einige ihrer Ansichten sind heute nicht mehr P. C.. Damals, als 1968 der Roman erschien, waren sie es wahrscheinlich auch nicht. Aber Charles Portis lässt die Geschichte ja um 1878 spielt und erst Jahrzehnte später von der älteren, unverheirateten Presbyterianerin und Bankerin Mattie erzählen. So sagt sie über eine Gruppe von Häftlingen: „Es waren meistens Weiße, aber ein paar Indianer, Mischlinge und Neger waren auch darunter. Es war ein schrecklicher Anblick, man darf jedoch nicht vergessen, dass diese Bestien in Ketten Räuber und Mörder und Fälscher waren, dass sie Züge zum Entgleisen gebracht und in Bigamie gelebt hatten – Abschaum der Menschheit.“

Gerade dieser unverstellte Blick in die Vergangenheit, in der Charles Portis nicht über seine Charaktere urteilt, trägt dazu bei, dass sich „True Grit“ wie ein historisches Dokument liest. Und sicher auch deshalb wurde Mattie Ross öfters mit Huckleberry Finn verglichen. Nur schrieb Mark Twain seine Geschichten einige Jahrzehnte vor Charles Portis.

Ach, und „True Grit“ kann mit wahrer Mumm oder echte Tapferkeit übersetzt werden. In dieser Hinsicht war der alte deutsche Titel „Die mutige Mattie“ absolut gelungen. Der neue Titel „True Grit“ ist dagegen der Hollywood-Manie geschuldet, Filme überall mit dem Originaltitel zu starten, auch wenn ihn niemand versteht und sich deshalb nichts darunter vorstellen kann.

Charles Portis: True Grit

(Überarbeitete Neuausgabe)

(übersetzt von Richard K. Flesch)

rororo, 2011

224 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Die mutige Mattie

Rowohlt Verlag, 1969

Originalausgabe

True Grit

Simon & Schuster, New York, 1968

Verfilmungen

Der Marshal (True Grit, USA 1969)

Regie: Henry Hathaway

Drehbuch: Marguerite Roberts

mit John Wayne, Kim Darby, Glen Campbell, Jeremy Slate, Jeff Corey, Robert Duvall, Dennis Hopper, Strother Martin


True Grit (True Grit, USA 2010)

Regie: Joel Coen, Ethan Coen

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen

mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper

Hinweise

Wikipedia über Charles Portis (deutsch, englisch) und „True Grit

New York Times über Charles Portis (19. Dezember 2010)

Amerikanische Homepage zu „True Grit“ (Coen-Version)

Deutsche Homepage zu „True Grit“ (Coen-Version)

Film-Zeit über „True Grit“ (Coen-Version)

Drehbuch „True Grit“ von Joel und Ethan Coen


Übersetzen? Donald E. Westlake: Get real

Februar 14, 2011

Am 31. Dezember 2008 starb der enorm produktive Krimiautor Donald E. Westlake. In den vergangenen Jahren kehrte er nach einer jahrelangen Pause unter seinem Pseudonym Richard Stark mit den harten Parker-Romanen über einen No-Nonsense-Einbrecher wieder auf den deutschen Buchmarkt zurück.

Westlakes zweiter bei Krimifans sehr beliebter und ähnlich langlebiger Seriencharakter, der in New York lebende Einbrecher John Dortmunder, entstand aus der Parker-Serie. Westlake hatte die Idee, dass Parker einen Gegenstand mehrmals stehlen müsse. Allerdings würde Parker niemals einen Gegenstand mehrmals stehlen und so zum Clown werden.

Also erfand Donald Westlake den glücklosen Einbrecher John Dortmunder und seine Gang, die 1970 in „The hot rock“ (Finger weg von heißem Eis) einen wertvollen Smaragden mehrmals stehlen müssen. Das Buch wurde von Peter Yates mit Robert Redford und George Segal in den Hauptrollen verfilmt. Westlake schrieb in den kommenden Jahren dreizehn weitere brüllend komische Dortmunder-Romane, von denen etliche verfilmt und wenige übersetzt wurden, und die Kurzgeschichten-Sammlung „Thieves‘ Dozen“.

In dem vierzehntem und letztem Dortmunder-Roman, der in den USA ein halbes Jahr nach Westlakes Tod erschien, will der Reality-TV-Macher Doug Fairkeep mit John Dortmunder und seiner gut eingespielten Gang eine Reality-Show über einen echten Einbruch machen.

Natürlich sagen Dortmunder und die anderen, auch wegen des in Aussicht gestellten Geldes, nach einer kurzen Bedenkzeit, zu. Sie haben zwar noch keine Ahnung, wie sie für den Einbruch nicht ins Gefängnis wandern sollen, aber als sie in dem Lagerhaus, in dem das Filmatelier ist, eine gut gesicherte Tür entdecken, wissen sie, dass sie hier einen lohnenswerten Einbruch begehen können. Und aus der Show können sie ja jederzeit aussteigen. Jedenfalls war das am Anfang der Plan.

Get real“ ist, wie alle Dortmunder-Romane, ein genialer Comic-Crime-Roman mit treffenden Pointen, trockenen Dialogen, genauen Betrachtungen zur Gesellschaft und menschlichen Psyche und einer sich rasant entwickelnden Geschichte, in der Fiktion und Realität und Reality, denn für das Reality-TV wird die Wirklichkeit in Unterhaltung umgeformt, aufeinandertreffen.

Dieses Mal hinterlässt die Lektüre, die, wie immer bei Donald Westlake, glänzende Unterhaltung ist, ein zwiespältiges Gefühl. Denn es ist

schade, dass „Get real“ der letzte Dortmunder-Roman ist, aber es

schön, dass Donald E. Westlake ihm und sich einen so guten Abgang verschaffte.

Donald E. Westlake: Get real

Grand Central Publishing, 2009

288 Seiten

17,99 Euro (Hardcover Grand Central)

6,99 (Taschenbuch Grand Central)

9,99 (Taschenbuch Quercus)

Hinweise

Homepage von Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake


Georg Seeßlen über Cowboys und Detektive

Februar 10, 2011

Als „Filmwissen Detektive“ und „Filmwissen Western“ sind jetzt die zuletzt 1995 („Western“) und 1998 („Detektive“) im Schüren Verlag erschienen Bände der mehrbändigen Reihe „Grundlagen des populären Films“ von Georg Seeßlen in einer überarbeiteten Neuauflage erschienen. 1995 und 1998 erschienen die Bücher im festen, blauen Einband und der Untertitel „Geschichte und Mythologie des XY-Films“ erinnerte an die alte rororo-Ausgabe der mehrbändigen Filmbuchreihe, in der Georg Seeßlen die verschiedensten Genres für das deutsche Publikum erstmals ausführlich und kundig vorstellte. Auch für die Neuausgabe wurde die einfache und bewährte Struktur beibehalten.

Filmwissen Detektive“ und „Filmwissen Western“ beginnen mit einer fast fünfzigseitigen Einführung in die Mythologie des Detektivfilms (vor allem über die historischen Ursprünge bis zu Dashiell Hammett und Raymond Chandler) oder auf zwölf Seiten in die des Western. Diese Ursprungsmythen bilden die Folie auf der sich die Entwicklungen des Genres vom Stummfilm bis zur Gegenwart abbilden und chronologisch nachgezeichnet werden.

Die neuen Entwicklungen im Kino- und TV-Film (wobei TV-Serien kaum beachtet werden) wurden dann von Seeßlen einfach an den alten Text angehängt. Bei „Filmwissen Western“ sind das, obwohl schon seit Jahrzehnten immer wieder gesagt wird, der Western sei tot, fast fünfzig Seiten. Aber andererseits hat der Western „True Grit“ der Coen-Brüder in den USA bis jetzt über 155 Millionen Dollar eingespielt.

Bei „Filmwissen Detektive“ sind etwas über dreißig Seiten neu. Denn in den vergangenen Jahren verschwand der Privatdetektiv aus der populären Mythologie zugunsten des Polizisten, der zum Helden der meisten Kriminalfilme und -serien wurde; – und wenn es doch Detektive gibt, arbeiten sie, wie Adrian Monk oder der Mentalist Patrick Jane als Berater für die Polizei. Der Grund für diesen Wandel ist für Seeßlen „die Umkehrung der Verhältnisse, die den Privatdetektiv so nostalgisch und den Cop so zeitgemäß macht. (…) Der Detektiv als Kleinunternehmer dagegen müsste in der Welt des Internet-Verbrechens und der Steuerhinterziehungen nur gegen sich selbst ermitteln. Seine Käuflichkeit steht außer Frage, als moralische Korrektur der Verhältnisse hat er ausgedient, nicht zuletzt auch, weil der Cop als Außenseiter in der eigenen Organisation einige seiner attraktiven Attribute übernommen hat, die innere Tragik und den Zynismus ohnehin.“

Im Gegensatz zur letzten Ausgabe der beiden „Filmwissen“-Bücher verzichtete der Verlag dieses Mal auf Bilder (etwas bedauerlich), wählte eine andere Schrifttype (sie ist ziemlich klein, aber gut lesbar) und für die Bibliographie und das Filmregister wurde eine größere und wesentlich bessere Schriftgröße gewählt. Denn der Anhang war in der vorherigen Ausgabe nur mit einer Lupe lesbar.

Insgesamt sind „Filmwissen Detektive“ und „Filmwissen Western“ eine sehr gute, unterhaltsame Einführung in die Genres. Wer allerdings die alte Ausgabe hat, muss wegen der Ergänzungen nicht unbedingt zuschlagen.

Georg Seeßlen: Filmwissen Detektive (Grundlagen des populären Films)

Schüren Verlag, 2010

288 Seiten

19,90 Euro

Georg Seeßlen: Filmwissen Western (Grundlagen des populären Films)

Schüren Verlag, 2010

292 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (2009)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“ (2010)


Krimiautoren schreiben Comics

Februar 3, 2011

Die Krimiautoren Duane Swierczynski, Greg Rucka, Victor Gischler, Tom Piccirilli, Gregg Hurwitz, Charlie Huston und Jonathan Maberry haben in ihrer Heimat einen festen Leserstamm. Etliche ihrer Krimis waren auf verschiedenen Nominierungslisten (inclusive gewonnener Preise). Gleichzeitig wurden sie in den vergangenen Jahren auch gefragt, ob sie Szenarien für Comics schreiben wollen.

Sie sagten zu und schrieben Geschichten für Cable, Deadpool, den Punisher und Superman; naja, genaugenommen für eine Welt ohne Superman, weil dieser auf seinem Heimatplaneten gerade etwas erledigen muss.

Im sechsten „Cable“-Sammelband „Heimkehr“ geht die Odyssee von Cable und seinem Schützling Hope zu Ende. Vor siebzehn Jahren wurde Cable von dem Chef der X-Men in die Zukunft geschickt. Dort sollte er ein Baby vor Lucas Bishop beschützen. Denn während die X-Men in dem Baby die Zukunft der X-Men sahen, sah Bishop in ihr den Untergang der X-Men und der Welt.

In den folgenden Bänden jagte er die beiden durch die Zeit und auch durch verschiedene Welten. Während bei einigen Heften unklar war, wo das Ganze hinführen soll, hat Swierczynski für den Abschluss noch einmal kräftig auf die Tube gedrückt. Wir erfahren zwar nichts bahnbrechend neues über Cable, Hope und Bishop, aber dafür gibt es Action satt. Und das nicht nur in einer Zeit, sondern in verschiedenen Zeiten. Denn weil Cable mit seiner reparierten Zeitmaschine keine Punktlandung machen kann, nähern sie sich durch Sprünge in die Vergangenheit und die Zukunft immer mehr der Gegenwart. Und Bishop versucht alles, um Cables Mission in letzter Sekunde noch zu verhindern.

Das gibt Swierczynski die Gelegenheit, noch einmal Cable, Hope und Bishop alte Bekannte treffen zu lassen und Schlaglichter auf die verbrecherischen Vergangenheit New Yorks zu werfen. Denn selbstverständlich geraten sie auch in einen handfesten Mobkrieg.

Neben der vierteiligen Geschichte „Heimkehr“ gibt es in dem sechsten „Cable“-Sammelband auch einige Episoden auch Hopes Jugend und die Geschichte „Deadpool & Cable: Zwei Mutanten & ein Baby“. In dieser Geschichte erzählt Deadpool gewohnt großspurig, dass Cable und Hope nur dank seiner Hilfe überhaupt überlebten und sich auf die Reise in die Zukunft begeben konnten.

Action satt“ ist auch das Motto der beiden „Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe“-Sammelbände von Hardboiled-Krimiautor Victor Gischler.

Gischlers Roman „Gun Monkeys“ wurde für den Edgar-Allan-Poe-Preis nominiert, „Shotgun Opera“ für den Anthony Award. Seine beiden krimifernen Romane „Die Go-Go-Girls der Apocalypse“ und „Vampire à Go-Go“ wurden auch ins Deutsche übersetzt. Daneben erfand er auch zahlreiche Geschichten für verschiedene Comicserien und Hollywood hat auch schon an seine Tür geklopft.

In „Kopfsprung“ wird Deadpool für zwei Millionen Dollar in das Wilde Land geschickt. Er soll dort einen Kontaktmann treffen und etwas sehr wichtiges herausholen. Der Kontaktmann ist eine vollbusige Wissenschaftlerin und das sehr wichtige Ding ist ein sprechender Zombiekopf, der aus einem Paralleluniversum kommt und dort eine andere Inkarnation von Deadpool war. Der Zombiekopf hat ein genauso loses Mundwerk wie Deadpool und beide kommentieren die Geschichte immer wieder sehr treffend.

Im zweiten Sammelband „Nächster Halt: Zombieville“, der unmittelbar an „Kopfsprung“ anschließt, versucht Deadpool den Zombiekopf wieder in dessen Universum zurückzubringen. Das geht nicht ohne einige Schäden an Gebäuden, Menschen und Zombies ab.

Jedenfalls hat Deadpool seinen Spaß – und wir dürfen die zahllosen popkulturellen Anspielungen entschlüsseln.

Und weil die verschiedenen Auftritte von Deadpool in anderen Serien aus dem Marvel-Universum und auch die 13-teilige Action-Satire „Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe“ bei den Lesern gut ankamen, gibt es inzwischen eine eigene „Deadpool“-Serie und Panini will alle zwei Monate ein „Deadpool“-Heft mit mehreren „Deadpool“-Geschichten veröffentlichen.

Allerdings sind, nach den durchgeknallten „Deadpool“-Abenteuern von Duane Swierczynski und Victor Gischler, die in dem ersten „Deadpool“-Heft versammelten anderthalb Geschichten von Daniel Way geradezu schwach. In „Welle der Erniedrigung“ versucht der Söldner sich als Pirat. Im ersten Teil von „Ich will, dass du mich willst“ schippert er weiter auf den Weltmeeren herum und tänzelt, vollgepumpt mit Drogen, durch San Francisco. Das ist nicht amüsant.

Der Punisher ist Frank Castle. Nachdem seine Familie von Verbrechern ermordet wurde und er schwer verletzt überlebte, schwor er Rache. Seitdem bringt er jeden Verbrecher, der ihm vor die Flinte läuft, um. Der beliebte Charakter wurde 1974 von Autor Gerry Conway und den Zeichnern John Romita, Sr. und Ross Andru erfunden. Zeitweise gab es gleichzeitig drei „Punisher“-Serien. Die jüngste Inkarnation erlebte Frank Castle als „The PunisherMAX“ (bei dem Marvel-Comics-Imprint MAX). Die Vigilanten-Geschichten richteten sich jetzt an ein erwachsenes Publikum und, im Gegensatz zu anderen Comichelden, wurde Frank Castle älter. Nach 75 Heften (die in den USA in 13 Sammelbänden wiederveröffentlicht wurden) war 2009 Schluss (und es gab unmittelbar danach einen Relaunch als „PunisherMAX“). Gerade die letzten Heften von „The PunisherMAX“/“The Punisher: Frank Castle“, die jetzt bei uns erschienen, wurden von Krimiautoren geschrieben.

Nachdem Duane Swierczynski in „Sechs Stunden zu Leben“ den Punisher halb Philadelphia umbringen ließ, sterben in dem nächsten „Punisher“-Abenteuer, das in den Sümpfen von Louisiana spielt, wesentlich weniger Menschen. Victor Gischler schrieb die „Punisher“-Geschichte „Willkommen im Bayou“, in der Punisher Frank Castle auf dem Weg nach New Orleans ist. Er will dort einen Gefangenen abliefern und so an Informationen herankommen. Auf dem Weg wird er von einer Gruppe Jugendlicher überholt. Nachdem sie alle an einer Tankstelle anhielten, sind die Jugendlichen verschwunden. Castle beschließt sie zu suchen und er trifft auf eine dieser netten, Menschenfleisch essenden Hinterwäldlersippen, die spätestens seit dem „Texas Chainsaw Massacre“ ein fester Bestandteil der Popkultur sind.

Gischler liefert mit „Willkommen im Bayou“, wie schon in „Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe“, schnelle und extrem kurzweilige Unterhaltung.

Weil die MAX-Punisher-Serie mit ihrem 75. Heft, das auch in dem Sammelband „Willkommen im Bayou“ enthalten ist, ihren Abschluss fand, wurden für das letzte Heft Tom Piccirilli, Gregg Hurwitz, Duane Swierczynski, Charlie Huston und Comic-Veteran Peter Milligan gebeten, jeweils eine kürzere Geschichte zu schreiben. Diese Geschichten sind eine nette Beigabe.

In dem neuesten „Punisher“-Sammelband „Abgrund des Bösen“ sind dann vier schon etwas ältere One-Shoots (also Geschichten, die ein Comicheft umfassen) versammelt. Duane Swierczynski, Victor Gischler, TV-Autor, Produzent und Comicautor Mike Benson (unter anderem die TV-Serien „The Bernie Mac Show“ und „Entourage“) und der mehrfache Bram-Stoker-Preis-Gewinner Jonathan Maberry (von dem bislang auf Deutsch nur der Thriller „Patient Null“ erschien) schrieben die vier spannenden Geschichte, die nicht unbedingt aus Castles Sicht erzählt werden.

In „Naturgewalt“ von Duane Swierczynski erfährt Castle, dass drei Kleingangster an einer großen Sache dran sind. Während einem ihrer monatlichen Angelausflüge nimmt er sie sich vor, indem er ihr Boot sinken und sie auf ein kleines Schlauchboot verbannt. In dem Boot wird dann, sorgfältig von Castle vorbereitet, für die Gangster alles noch schlimmer.

In „Alles gespeichert“ von Victor Gischler erzählt die Edelprostituierte Miss Vette die Geschichte. Sie wird von Castle erpresst, ihn zu dem gut bewachtem Plattenlabelbesitzer Carlos Ramirez (der in Wirklichkeit ein Drogenhändler ist) zu bringen.

In „Der Gejagte“ von Mike Benson steht der Gangster Eddie im Mittelpunkt. Zusammen mit seiner Gang verdient er mit dem heißen Abriss von Gebäuden sein Geld. Nach einer Brandstiftung treffen sie Castle, der Eddies Gang tötet. Nur Eddie kann flüchten. Jedenfalls vorläufig.

In „Requisiten“ von Jonathan Maberry kämpft Castle gegen eine Bande, die mit echten Folterpornos ihr Geld verdient. Zusammen mit einem der Verbrecher kann Castle den hochgesicherten Daedalus Tower, in dem die Filme gedreht werden und Frauen aus Russland und Asien als Sklavinnen gefangen gehalten werden, betreten. Allerdings kann er keine Waffen hineinschmuggeln. Er muss also improvisieren.

Die vier kurzen „Punisher“-Geschichten sind, kein Wunder bei den Autoren, schnelle, schwarzhumorige und ziemlich blutige Kriminalgeschichten.

Superman ist, wie wir in den sehr vertrauenswürdigen Chuck Norris Facts erfahren, der Typ, der gegen Chuck Norris eine Wette verloren hat und seitdem seine Unterhose über der Hose tragen muss.

Ansonsten ist der Mann vom Planeten Krypton eigentlich unbesiegbar und weltweit unterwegs, die bösen Buben zu verdreschen. Dass er dabei superschnell durch die Luft fliegen kann, ist natürlich ein enormer Kampfvorteil. Er kann auch im Weltraum atmen. Das ist auch gut. Denn jetzt musste er zu seinem Heimatplaneten Krypton fliegen und dort einige Dinge in Ordnung zu bringen.

Die Welt ohne Superman“ (so auch der Titel der Comicserie) ist da, aber es leben immer noch etliche Kryptonier auf der Erde. Weil die Menschen sie nicht mögen, versuchen sie weitgehend außerhalb des Fokusses der Öffentlichkeit zu leben. Das ist natürlich einfacher geplant, als getan.

In dem fünfteiligem Comic „Die Schläfer“ von Greg Rucka (unter andere „Whiteout“ und die Tara-Chace-Serie), erschienen in „Die Welt ohne Supermann – Band 1“, stehen Nightwing und Flamebird im Mittelpunkt, die auf den ersten Seiten des Fünfteilers Tor-an verkloppen und anschließend neutralisieren. Er ist einer von mehreren Kryptoniern, die sie fangen sollen. Gleichzeitig werden sie von General Sam Lane, einem Menschen, gejagt, der alle Kryptonier umbringen will.

Die Geschichten des zweiten „Die Welt ohne Superman“-Sammelbandes wurden von James Robinson geschrieben und mit Mon-El und dem Guardian stehen zwei andere Superhelden im Mittelpunkt.

Mon-El begibt sich als Jonathan Kent nach Metropolis, um Supermans Heimatstadt an Supermans Stelle zu beschützen. Dort trifft er auf den Guardian, wie Jim Harper, der Kommandant der Wissenschaftspolizei, sich nennt. Der nimmt ihn in seine Einheit auf und gemeinsam jagen sie Verbrecher mit Superkräften.

Die beiden „Die Welt ohne Superman“-Bücher sind für Nicht-Superman-Fans ein sehr verwirrender Einblick in das Superman-Universum, bei dem man als nicht in die Superman-Mythologie kaum etwas versteht und sich öfters fragt, was diese Endlos-Kloppereien sollen. Auf eine Welt ohne Superman kann daher verzichtet werden.

Duane Swierczynski (Autor)/Steve Dillon (Zeichner)/Paul Gulacy (Zeichner)/ Lan Medina (Zeicher): Cable 6: Heimkehr

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2011

180 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Ein Mädchen namens Hope (X-Men: Hope – A Girl called Hope, Mai 2010)

Heimkehr (Cable 21 – 24: Homecomming, Februar 2010 – Mai 2010
Deadpool und Cable: Zwei Mutanten und ein Baby (Cable 25: Deadpool & Cable: Two Mutants and a Baby, Juni 2010)

Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini/Marvel, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip (September 2009 – Februar 2010)

Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini/Marvel, 2010

188 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool (Februar 2010)

Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville (März – August 2010)

Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1

Marvel, 2011

(übersetzt von Michael Strittmatter)

76 Seiten

5,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Welle der Erniedrigung, Teil 1: Absahnen wie ein $%$€! (Deadpool 13: Wave of Mutilation, Part 1: Profiteerin‘ L. A. M. F., Oktober 2009)

Welle der Erniedrigung, Teil 2: Entert an Achtern! (Deadpool 14: Wave of Mutilation, Part 2: Surrender the Booty, Oktober 2009)

Ich will, dass du mich willst, Teil 1: Der Metaphern-Leitfaden für Vollidioten (Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, November 2009)

Victor Gischler (Autor)/Goran Parlov (Zeichner): The Punisher: Willkommen im Bayou

(übersetzt von Reinhard Schweizer)

MAX Comics/Panini 2010

156 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Punisher (Vol. 7) 71 – 74: Welcome to the Bayou, Part 1 – Part 4 (August – November 2009)

Punisher (Vol. 7) 75: Dolls/Gateway/Ghouls/Father’s Day/Smalest Bit of This (Dezember 2009)

Victor Gischler (Autor)/Duane Swierczynski (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): The Punisher: Abgrund des Bösen

(übersetzt von Reinhard Schweizer)

MAX Comics/Panini 2011

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner): Naturgewalt (Punisher: Force of Nature, April 2008)

Victor Gischler (Autor)/Jefte Palo (Zeichner): Alles gespeichert (Punisher: Little Black Book, August 2008)

Mike Benson (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): Der Gejagte (Punisher MAX Annual 1: The Haunted, November 2007)

Jonathan Maberry (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): Requisiten (Punisher: Naked Kill, August 2009)

Greg Rucka (Autor)/Eddy Barrows (Zeichner)/Sidney Teles (Zeichner)/Diego Olmos (Zeichner): Superman Sonderband 37: Die Welt ohne Superman (Band 1 von 2)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2010

124 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Die Schläfer, Teil 1 – 5 (The Sleepers, Part 1 – 5, Action Comics 875 – 879, Mai – September 2009

James Robinson (Autor)/Renato Guedes (Zeichner)/Pere Perez (Zeichner): Superman Sonderband 38: Die Welt ohne Superman (Band 2 von 2)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2010

132 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe/enthält

James Robinson (Autor)/Pablo Raimondi (Zeichner): Ursprünge & Vorzeichen (Origins and Omens, Superman 685, April 2009)

James Robinson (Autor)/Renato Guedes (Zeichner): Gestern und Morgen (Yesterday and Tomorrow, Superman 686, Mai 2009)

James Robinson (Autor)/Renato Guedes (Zeichner): Stärken und Schwächen (Power and Weakness, Superman 687, Juni 2009)

James Robinson (Autor)/Renato Guedes (Zeichner): Der Fall und Aufstieg von Jonathan Kent (The Fall and Rise of Jonathan Kent, Superman 688, Juli 2009)

James Robinson (Autor)/Renato Guedes (Zeichner): Der Tourist (The Tourist, Superman 689, August 2009)

James Robinson (Autor)/Pere Perez (Zeichner): Die Falle (The Setup, Superman 690, September 2009)

Hinweise

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Letzte Order“ (Severance Package, 2008)

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)

Meine Besprechung von Anthony E. Zuiker/Duane Swierczynskis „Level 26 – Dark Origins“ (Level 26 – Dark Origins, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynskis „Cable: Kriegskind – Band 1″ (Cable: War Child – 1, 2008)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner)/Ariel Olivettis (Zeichner) „Cable 2: Heimatfront“ (Cable 2: Homefront)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Ariel Olivettis (Zeichner) „Cable 3 – Warten auf das Ende der Welt“ (Waiting for the end of the world, Wasteland Blues, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner) „Cable 4: Messias-Krieg – Teil 1“ (Messiah War, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crains (Zeichner) „X-Force 4: Messias-Krieg – Teil 2“ (Messiah War, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Paul Gulacy (Zeichner)/Gabriel Guzmans (Zeichner) „Cable 5 – Zu spät für Tränen (Cable 16 – 20, 2009/2010)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombes (Zeichner) „The Punisher – Sechs Stunden zu leben“ (Punisher: Six hours to kill, 2009)

Duane Swierczynski in der Kriminalakte

Homepage/Blog von Victor Gischler

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Das Clean-Team“ (The mystic arts of erasing all signs of death, 2009)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Bis zum letzten Tropfen“ (Every last drop, 2008)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

Homepage von Gregg Hurwitz

Homepage von Peter Milligan

Homepage von Tom Piccirilli

Meine Besprechung von Tom Piccirillis „Killzone“ (The dead letters, 2006)

Tom Piccirilli in der Kriminalakte

Homepage/Blog von Jonathan Maberry

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Greg Rucka in der Kriminalakte


Jack Ketchum ist nicht „Lost“

Januar 19, 2011

Bei Hollywood-Filmen werden wir schon länger von der Unsitte belästigt, die Originaltitel nicht mehr ins Deutsche zu übersetzen. Der Grund dafür ist, dass die klugen Köpfe in den Hollywood-Marketingabteilungen festgestellt haben, dass in einigen Ländern falsche oder sinnentstellende Titel verwandt wurden. Deshalb bleibt es jetzt bei dem Originaltitel, auch wenn er von niemand verstanden wird. Ich meine, wer weiß schon, was „The Dark Knight“, „Cop Out“, „Fair Game“ und „True Grit“ auf deutsch bedeuten? Und „The American“, „The Road“ und „The Tourist“ kann man zwar verstehen, ohne englisch zu können, aber „Der Amerikaner“, „Die Straße“ (so ist auch der Titel der deutschen Ausgabe von Cormac McCarthys Roman) und „Der Tourist“ (oder „Der Urlauber“) wären sicher auch okay gewesen.

Jetzt beginnen auch die Verlage mit dem Unfug. Denn Jack Ketchums Klassiker „The Lost“ ist jetzt bei Heyne Hardcore als „The Lost“ mit einem nichtssagendem Cover in einer, jedenfalls bei kursorischer Prüfung, guten Übersetzung erschienen.

Naja, da ist immerhin die Suche nach dem Filmtitel einfach.

Und ich kann mal einen auf „Fauler Mann“ machen und einen Teil meiner Besprechung des Films wieder posten:

In „The Lost“ erzählt Jack Ketchum die Geschichte eines Psychopathen und mehrerer, ihn wie Satelliten umkreisender, seelisch verlorener Menschen während des für sie nicht existierenden Summer of Love.

1965 ermordet der Teenager Ray Pye nachts am See Lisa Steiner. Elise Hanlon kann schwerverletzt flüchten. Pyes Freunde Tim Bess und Jennifer Fitch haben die Tat beobachtet und ihm geholfen die Spuren zu verwischen.

Vier Jahre später stirbt Elise Hanlon, die nie aus dem Koma erwachte. und der Kleinstadt-Detective Charlie Schilling möchte den Fall immer noch lösen. Doch anstatt den Krimiplot energisch voranzutreiben, entwirft Jack Ketchum ein pessimistisches Porträt einiger Bewohner der Kleinstadt Sparta, New Jersey, bei dem die Zahl der Sympathieträger an den Fingern einer abgehackten Hand abgezählt werden kann. Neben dem an Minderwertigkeitskomplexen leidenden Psychopathen Ray Pye, der bevorzugt jüngere Frauen vögelt und als kleiner Drogenhändler der ungekrönte König der Kleinstadtjugendlichen ist, den ihm hörigen Freunden Tim Bess und Jennifer Fitch, die nichts gegen Rays zahlreiche Seitensprünge hat, sind das vor allem die beiden 1965 ermittelnden Polizisten und ein gerade aus San Francisco zugezogenes Mädchen.

Detective Charlie Schilling ist ein geschiedener Alkoholiker, der seine Abende nach dem Besuch in der Bar, allein vor dem Fernseher mit einer Dose Bier verbringt. Sein Kollege Ed Anderson ist inzwischen Frührentner und hat eine Beziehung zur gerade volljährig gewordenen Sally Richmond. Katherine Wallace, das neuen Mädchen in der Stadt, findet Ray Pye interessant, hat eine in der Irrenanstalt sitzende, todkranke Mutter und stiftet Ray zu mehreren kleinen Verbrechen an. Keiner von ihnen taugt als Vorbild.

Nach Hanlons Tod beginnt Charlie Schilling wieder den Druck auf Pye zu erhöhen. Er will ihn jetzt endlich als Doppelmörder überführen, indem er dessen übergroßes Ego beschädigt. Er sprengt eine Party von Pye, bei der er kostenlos Drogen an Minderjährige verteilte. Gleichzeitig überzeugt er Sally Richmond, die Stelle in dem Motel der Familie Pye, wo auch Ray arbeitet, zu kündigen, und er redet mit Pyes Freunden. Pyes Nerven sind deshalb schon zum Zerreißen gespannt. Verschärfend kommt für den Kleinstadt-Aufreißer hinzu, dass Sally nicht mit ihm ins Bett steigen will, seine große Liebe Katherine die Beziehung zu ihm beendet und Tim, der für ihn Drogen bei sich aufbewahrt und dabei ungefragt einen Teil für sich abzweigt, ihn betrügt.

Das alles wird Pye irgendwann zuviel und er explodiert. Er beginnt sich an all den Menschen, die sich ihm verweigerten, in einem Amoklauf zu rächen.

Jack Ketchums großartiger, aber auch bedrückender und beunruhigender Roman ist die fast klinische Studie eines Amokläufers und seines Umfeldes.

Dabei ist „The Lost“ so sehr mit der Handlungszeit, dem August 1969, verbunden, dass eine andere Handlungszeit unmöglich erscheint. Denn während die Hippiebewegung den Summer of Love und Woodstock feiert, ist in Sparta nichts von der Utopie einer besseren Welt angekommen. Nur die Drogen und die Gewalt, gepaart mit einer kräftigen Portion reaktionärem Denken, sind in der Provinz angekommen; – falls sie nicht schon immer da waren. Pyes erste Sätze im Buch sind, nachdem er sieht, wie die Freundinnen Steiner und Hanlon sich einen unschuldigen, flüchtigen Kuss geben: „Unfassbar. Lesben. Mann, ist das eklig.“

Das und seine Neugier, wie es ist, einen Menschen sterben zu sehen, führen zu den ersten Morden.

Später ist er von dem Morden der Charlie-Manson-Familie, vor allem dem bestialischen an Sharon Tate, fasziniert. Zum wenige Tage später stattfindenden Woodstock-Festival will er allerdings nicht fahren. Denn dort ist alles versammelt, was er verabscheut. Insofern zeigt Jack Ketchum, ähnlich wie die Rockband „Velvet Underground“, die düstere Seite der späten sechziger Jahre.

Jack Ketchum: The Lost

(übersetzt von Joannis Stefanidis)

Heyne Hardcore, 2011

416 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

The Lost

Leisure Books/Cemetery Dance Publications, 2001

Verfilmung

Jack Ketchum’s The Lost – Teenage Serial Killer (The Lost, USA 2005)

Regie: Chris Sivertson

Drehbuch: Chris Sivertson

Mit Marc Senter, Shay Astar, Alex Frost, Megan Henning, Robin Sydney, Dee Wallace-Stone, Michael Bowen, Ed Lauter, Erin Brown

Hinweise

Homepage von Jack Ketchum

Meine Besprechung von „Red“ (DVD)

Meine Besprechung von „Jack Ketchum’s The Lost“ (DVD)

Kriminalakte: Interview mit Jack Ketchum

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Amokjagd” (Joyride, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Blutrot” (Red, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Beutegier” (Offspring, 1991)

 


Groucho Marx war auch ein Meisterdetektiv

Januar 3, 2011

Hollywood, 1937: Die bekannten Privatdetektive Philip Marlowe, Sam Spade und Dan Turner helfen den Schwachen und bekämpfen die Bösen. Ihre Fälle sind gut dokumentiert und daher entsprechend bekannt. Dass zur gleichen Zeit auch der weltweit bekannte Komiker und Schauspieler Groucho Marx nebenher als Privatdetektiv arbeitete, ist dagegen weniger bekannt. Schließlich waren seine damaligen Filme, wie „Die Marx Brothers im Krieg“, „Skandal in der Oper“ und „Das große Rennen“ (um nur einige Prä-1937-Filme zu nennen) Kassenschlager. Heute sind es Komödien- und auch Filmklassiker. Verschiedene Sammlungen von Marx-Brothers-Sketchen sind immer noch sehr beliebt. Und die in mehreren Büchern aufgeschriebenen Erinnerungen von Groucho Marx verkaufen sich auch gut. Da kann schon einmal eine Nebentätigkeit unter den Tisch fallen. Vor allem eine unbezahlte.

Zum Glück hat Frank Denby, ein ehemaliger Polizeireporter, der damals auch die Bücher für die Hörspiele „Groucho Marx, Meisterdetektiv“ (kein wirklich guter Titel, aber die anderen Vorschläge waren viel schlimmer) schrieb, die Fälle aufgeschrieben.

In dem Roman „Groucho Marx, Meisterdetektiv“ lernen die zwei sich kennen und sie müssen auch gleich einen kniffligen Fall aufklären. Das Starlet Peg McMorrow soll sich umgebracht haben. Groucho Marx, der eine kurze Affäre mit ihr hatte, glaubt dagegen, dass sie ermordet wurde. Als bei der Polizei und dem Bestatter die Unterlagen verdächtig schnell verschwinden, die Leiche sofort eingeäschert wird und niemand mit ihnen über den Fall reden will, scheint die Vermutung von Groucho Marx zu stimmen. Und nachdem ein erster Mordanschlag auf die beiden verübt wird, wissen sie, dass sie mit ihren Ermittlungen einige Leute sehr beunruhigen.

Groucho Marx, Meisterdetektiv“ lebt von den fetzigen Dialogen und den Gemeinheiten von Groucho Marx, der sich (wie in den Filmen) erfolgreich bemüht, jeden, der in seine Nähe kommt, angemessen zu beleidigen. Dass dagegen der Plot, gemessen an den Fällen des Kollegen Marlowe, eher vorhersehbar ist, ist egal. Denn die Geschichte hat ein überaus angenehmes Retro-Feeling. Alles wirkt direkt wie aus einem der großartigen SW-Filme der Schwarzen Serie oder, wegen der vielen Witze, „Der dünne Mann“ übernommen und mit der Marxschen Anarchie überzogen.

Aber so war das eben damals in Hollywood. Denn ein ehemaliger Polizeireporter ist letztendlich doch nur der Wahrheit verpflichtet.

Ron Goulart: Groucho Marx, Meisterdetektiv

(übersetzt von Joachim Körber)

Phantasia Paperback, 2010

264 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Groucho Marx, Master Detective

Thomas Dunne Books/St. Martins Press, 1998

Hinweise

Wikipedia über Ron Goulart

Fantastic Fiction über Ron Goulart

Phantastik Couch über Ron Goulart

P. S.: Dan Turner hat nie gelebt.


Naja, ganz nett, aber auch nichts tolles

Dezember 31, 2010

Filmklassiker für Eilige“ ist eines dieser Klobücher (Sie wissen schon, diese Werke, die auf der Gästetoilette liegen und man dann während der Sitzung, weil man nichts anderes hat, darin herumblättert und ein, zwei Seiten liest), das man auch gut an einen Filmfan, der schon alle wichtigen Filmbücher in seiner Bibliothek stehen hat und auch mal fünfe gerade sein lässt, verschenken kann.

Henrik Lange fasst in „Filmklassiker für Eilige“ 99 bekannte Spielfilme in jeweils vier, an Kinderzeichnungen erinnernden, Bildern zusammen: eines für den Titel, die restlichen drei für eine mehr oder weniger gelungene Zusammenfassung der Handlung, die meist bemüht witzig und sehr selten wirklich witzig ist.

So wird aus Vittorio De Sicas „Fahrraddiebe“ „Fahrrad + Dieb = ein Klassiker. Mit einem Fahrradschloss wäre das nicht passiert.“

Haha.

Bei John Hustons Hammett-Verfilmung „Die Spur des Falken“ ist die Zusammenfassung etwas länger:

Der Stoff, aus dem die Träume sind.

Sam Spade ist das Sinnbild eines coolen Privatdetektivs. Er bekommt einen Auftrag von der gutaussehenden Brigid, aber irgendwie kommt ihm die Sache nicht geheuer vor.

Ausser ein paar Toten ist scheinbar jeder in dem Film auf der Jagd nach dem Malteser Falken, einer unglaublich wertvollen Statue. Irgendwie landet der Falke bei Spade.

Doch das Ding ist eine Fälschung. Spade löst den Fall und übergibt eine Menge zwielichtiger Gestalten (inklusive Brigid) der Polizei.“

Hm.

Kann man so sehen, aber da fällt der Mord an Spades Partner Miles Archer unter den Tisch und natürlich wird bei dieser Zusammenfassung, die sich, wie auch die anderen Zusammenfassungen, auf die Geschichte konzentriert, nicht deutlich, was das Besondere an diesem Film ist und warum er ein Filmklassiker wurde.

Und, wer den Film nicht kennt, fragt sich, warum Spade Brigid der Polizei übergibt.

Aber dieses Problem hat man bei vielen der von Henrik Lange vorgestellten Filmen. Jedenfalls wenn man die Filme kennt.

Wer die Filme nicht kennt…

Henrik Lange: Filmklassiker für Eilige – Und am Ende kriegen sie sich doch

Knaur, 2011

208 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

99 Classic Movies for People in a Hurry

Nicotext, Schweden, 2009


Die Frage aller Fragen: Was sind die besten Horrorfilme?

Dezember 29, 2010

Wahrscheinlich pflegten wir Jungs schon immer die Manie, Listen zu erstellen. Und natürlich macht es Spaß, sich andere Listen anzusehen und dann herumzumäkeln, welche Klassiker vergessen wurden. Auch „Die 50 besten Horrorfilme“ von Frank Schnelle und Andreas Thiemann hat einige Makel. In der Liste fehlen einige Horrorfilm-Klassiker und die meisten Filme sind aus den USA, vulgo Hollywood. Außerdem entstanden nur elf Filme vor 1960. Die meisten Filme in der Liste, nämlich zwölf, sind aus den 80ern, danach folgen, gleichauf, die 70er und 60er Jahre. Dass das so ist, liegt nicht an dem persönlichem Geschmack von Frank Schnelle und Andreas Thiemann, sondern an den ausgewerteten Listen. Sie werteten über fünfzig in den vergangenen zehn Jahren in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und im Internet publizierte Bestenlisten aus, die sich explizit mit dem Horrorfilmgenre auseinandersetzten. Damit ist immerhin eine gewisse Kompetenz bei den Verfassern der Listen gesichert. Aber natürlich spiegelt jede Bestenliste vor allem den Geschmack des Erstellers wieder und da haben die meisten, die sich im Netz tummeln, ihre prägenden Jahre zwischen „Halloween“ und „Freitag, der 13“ erlebt.

Insofern bietet die sich aus diesen Listen ergebende ultimative Bestenliste für den Horrorfilmfan keine großen Überraschungen und er dürfte auch die meisten Filme kennen (Ich selbst kenne bis auf ungefähr fünf Filme [bei ein, zwei Filmen bin ich mir unsicher, ob ich sie bereits gesehen habe] alle Filme der Liste.).

Immerhin sind auf den ersten zehn Plätzen „Die Nacht der lebenden Toten“, „Der Exorzist“, „Halloween – Die Nacht des Grauens“, „Blutgericht in Texas“ (The Texas Chainsaw Massacre), „Zombie“, „Shining“, „Nightmare – Mörderische Träume“ (Nightmare on Elm Street“), „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ und „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“. Erstaunlich ist, dass John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“, ein Film der beim Start kein Erfolg war und auch heute immer noch zu seinen unbekannteren Werken zählt, auf dem elften Platz ist.

Außerdem, und das spiegelt auch die von Schnelle und Thiemann erstellte Liste wieder, werden die meisten Listen von Amerikanern erstellt. Deshalb werden Filme, die nicht in den USA entstanden sind, weitgehend ignoriert. So findet der europäische Horrorfilm der sechziger und siebziger Jahre und die aktuellen japanischen Horrorfilme (die von Hollywood die Remake-Behandlung erfahren) kaum statt.

Um diese Schlagseite zu beheben, haben Schnelle und Thieman die Liste der fünfzig besten Horrorfilme um zehn, etwas eklektische Empfehlungen ergänzt: „Der Schrecken vom Amazonas“, (wohl stellvertretend für das Werk von Jack Arnold und dem Amphibienhorrorfilm) „Satanas – Das Schloss der blutigen Bestie“ (wohl für Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen), „Bewegliche Ziele“, „Die Stunde des Wolfs“ (von Ingmar Bergman), „Die Brut“ (wohl stellvertretend für David Cronenbergs Frühphase), „Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“ (Seltsam, dass dieser Vampirhorrorfilm es nicht in die Bestenliste geschafft hat.), „Tesis – Der Snuff-Film“ (ein Beispiel für den aktuellen spanischen Horrorfilm), „Audition“ (Takashi Miike in Bestform), „The Descent – Abgrund des Grauens“ und „So finster die Nacht“ (Schweden-Horror).

Über jeden Film schrieben Schnelle und Thiemann einen zweiseitigen Text, zwei bis drei Bilder pro Film und ein Hinweis auf wichtige DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen runden die sehr kurzen Vorstellungen ab. Denn das Buch wurde im handlichen Reclam-Format veröffentlicht.

Frank Schnelle/Andreas Thiemann: Die 50 besten Horrorfilme (und die Blu-rays oder DVDs, die Sie haben müssen)

Bertz + Fischer, 2010

152 Seiten

7,90 Euro

Hinweise

Homepage von Frank Schnelle

Homepage von Andreas Thiemann

Leseprobe „Die 50 besten Horrorfilme“


„Metatropolis“ oder Die Stadt der Zukunft

Dezember 27, 2010

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Wie werden wir in einigen Jahren oder Jahrzehnten zusammenleben?

Das „oder“ in der zweiten Frage weist schon auf das größte Problem in dem von Science-Fiction-Autor John Scalzi herausgegebenen Sammelband „Metatropolis“ hin. Zusammen mit seinen Kollegen Jay Lake, Tobias S. Buckell, Elizabeth Bear und Karl Schroeder entwarfen sie eine Utopie, wie sich das Leben in den Metropolen entwickelt. Innerhalb dieser gemeinsam entworfenen Utopie schrieben sie dann in dieser Welt spielende Novellen.

In dieser Welt, die auch nach der Lektüre des Buches seltsam blass bleibt, existieren die USA, wie wir sie kennen, nicht mehr. Die Zivilisation ist ziemlich zusammengebrochen. Konzerne, Ökofreaks und Open-Source-Fanatiker bekriegen sich. Es scheint kein TV-Programm mehr zu geben, Zeitungen sowieso nicht mehr, aber das Internet und alles, was damit zusammenhängt, funktioniert prächtig. Die Städte haben sich abgeschottet – und die Busse fahren nicht mehr.

Allerdings wird nie deutlich, wie es zu diesem Zusammenbruch der Zivilisation, der auch kein richtiger Zusammenbruch der Zivilisation ist, kam. Naja, okay, wohl irgendwie so: steigende Umweltverschmutzung, kein Öl mehr, den Wissenschaftlern fällt nichts ein, die Sache mit regenerativen Energien scheint irgendwie absolut nicht zu funktionieren und dann wird folgerichtig unsere Gesellschaft zu einer Art Faustrecht-Gesellschaft ohne Benzin.

Über diese Transformation hätte einer der fünf Autoren etwas sagen können. Immerhin nimmt jeder sich ausführlich Zeit bestimmte Aspekte von Metatropolis (einer Vision einer Metropole, die nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden ist) zu erklären. Dann wäre wenigstens die Verbindung zwischen der Gegenwart und der Zukunft deutlicher geworden. So wirkt die Stadt der Zukunft wie ein eskapistisches Gedankenexperiment, bei dem es nur den Konflikt zwischen Umweltverschmutzern und Menschen, die ohne Ressourcenverbrauch auskommen wollen (so richtige klassische Umweltschützer sind sie auch nicht), zwischen Konzernen und ihren Gegnern (eine spezielle Art Globalisierungsgegner), zu geben. Sie fechten irgendwelche Kämpfe aus, die wohl eher Stellungskriege sind und bei denen sich nicht wirklich erschließt, was, abseits von einer Taktik der Nadelstiche, das größere Ziel ist.

Dagegen sind in dem doch sehr amerikazentristischem „Metatropolis“ der internationale islamistische Terrorismus, der Post-9/11-Überwachungsstaat, konventionelle Kriege, Wirtschaftskriege (jedenfalls aus der Perspektive der Konzernführer) und die gesamte Dritte Welt kein Thema. Auch Asien (vulgo Hongkong und Singapur) sind kein Thema. Diese blinden Flecken sind in einer aktuellen Anthologie, in der von verschiedenen Autoren aus verschiedenen Blickwinkeln eine gemeinsam entworfene zukünftige Stadtwelt beleuchtet werden soll, schon etwas seltsam.

Diese blinden Flecken könnten ignoriert werden, wenn wenigstens die Geschichten gelungen wären.

Aber wirklich gut ist nur John Scalzis mit reichlich schwarzem Humor gewürzte Geschichte „Utere nihil non extra quiritationem suis“ über einen Faulpelz, der einen Job als „Biosystem-Interface-Manager“ (Frag nicht. Aber es hat etwas mit Schweinen zu tun.) annehmen muss, um nicht aus der Stadt herausgeworfen zu werden. „Raumschiff Detroit“ von Tobias S. Buckell über einen Rausschmeißer, der einer revolutionären Gruppe bei einer großen Aktion hilft, ist die zweitbeste Geschichte. Am Ende, wenn die Hintergründe der Aktion enthüllt werden, gibt es eine kleine Überraschung.

Karl Schroeders „Ins ferne Cilenia“ wechselt reichlich hanebüchen zwischen Realität, Reality Game und Cyberspace. Als schnelle Lektüre ist dieser Cyberspace-Agententhriller, der aus den liegengebliebenen Versatzstücken eines „Matrix“-Klons gefertigt wurde, solange nicht nach der Logik gefragt wird, okay. Elizabeth Bears „Das Rot am Himmel ist unser Blut“ erzählt von einer Frau, die von einem Russenmafiosi verfolgt wird und jetzt einer Gruppe helfen soll, Leute aus Osteuropa herauszuschmuggeln. Auch diese Geschichte wirkt immer wieder, als ob sie aus nicht zusammenpassenden Teilen zusammengehauen wurde. Und Jay Lake erzählt in „In den Wäldern der Nacht“ eine furchtbar komplizierte und kaum nachvollziehbare Geschichte über einen oder mehrere Infiltrationsversuche von einem Konzern in eine naturverträglich gestaltete Stadt von Open-Source-Fans. Ein Totalausfall.

Metatropolis“ ist, auch weil die Autoren bereits etliche Preise erhielten, eine erstaunlich schlechte Kurzgeschichtensammlung.

John Scalzi (Hrsg.): Metatropolis

(übersetzt von Bernhard Kempen)

Heyne, 2010

416 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

METAtropolis

Subterranean Press, 2009

enthält

Jay Lake: In den Wäldern der Nacht (In the forests of the night)

Tobias S. Buckell: Raumschiff Detroit (Stochasti-city)

Elizabeth Bear: Das Rot am Himmel ist unser Blut (The Red in the Sky is Our Blood)

John Scalzi: Utere nihil non extra quiritationem suis (Utere nihil non extra quiritationem suis)

Karl Schroeder: Ins ferne Cilenia (To Hie from Far Cilenia)

Hinweise

Homepage von John Scalzi

Blog von John Scalzi

Homepage von Jay Lake

Blog von Jay Lake

Homepage von Tobias S. Buckell

Blog von Tobias S. Buckell

Homepage von Elizabeth Bear

Blog von Elizabeth Bear

Homepage von Karl Schroeder

Blog von Karl Schroeder

 


„Das Rätsel von Paris “ in der BLK gelöst

Dezember 26, 2010

Das ging im Weihnachtstrubel etwas unter: in der Berliner Literaturkritik ist meine Besprechung von Pablo de Santis‘ neuem Roman „Das Rätsel von Paris“ erschienen.