Massimo Carlotto über sein Leben als „Flüchtling“

November 15, 2010

Der Flüchtling“, Massimo Carlottos neues Buch, ist ein altes Buch. In seiner Heimat Italien erschien es bereits vor fast zwei Jahrzehnten und es ist auch kein Roman, sondern eine Quasi-Biographie, in der er einige Fragen beantwortet, die ihm damals viele Menschen stellten. Denn Carlotto war damals in Italien und auch in anderen europäischen Ländern (obwohl ich mich jetzt nicht mehr an die damaligen Schlagzeilen und Flugblätter erinnere) eine Berühmtheit. Er geriet am 20. Januar 1976 als linksradikaler Jugendlicher, nachdem er der Polizei einen bestialischen Mord an einer Studentin meldete, in die Mühlen der Justiz und er sollte als Mörder verurteilt werden. Im November 1982 flüchtete er. Zuerst nach Paris. Dann nach Mexiko. Dort wurde er, als er sich einen falschen Pass beschaffen wollte, von der Polizei geschnappt und, auf eigenen Wunsch, im Februar 1985 nach Italien ausgeliefert.

Dabei erfuhr er, dass er gar nicht gesucht wurde, weil die Polizei den Haftbefehl gegen ihn in einer Schublade vergessen hatte. Auch das sich dann bis 1993 anschließende Gerichtsverfahren barg noch mehrere solcher ironischer Momente. Denn letztendlich zog sich sein Verfahren auch deshalb so lange hin, weil sein Fall zwischen zwei Strafprozessordnungen verhandelt wurden und er so zu einem vieldiskutiertem Sonderfall der Rechtsprechung wurde.

Dieses Verfahren und die Anklage werden in „Der Flüchtling“ von Massimo Carlotto nur gestreift und hinterlassen daher beim heutigen Leser einige Fragen, die von der ausführlichen Zeittafel am Buchende gut beantwortet werden.

Denn als Carlotto das Buch kurz nach seinem Freispruch schrieb, war sein Fall und die damit zusammenhängende rechtspolitische Diskussion noch präsent. Darüber musste er keine Worte verlieren. Aber über sein Leben auf der Flucht war nichts bekannt.

Diesem Leben als Flüchtling widmet er in „Der Flüchtling“ die meiste Zeit. Dabei liest sich die Geschichte wie ein langes Interview, bei dem die Fragen fehlen, und der Befragte ausführlich antwortet. Es entsteht ein Bild der achtziger Jahre und der damaligen politischen linken Strömungen, die auch ein Auffang- und Unterstützernetz für die aus verschiedenen Ländern geflohenen Freiheitskämpfer (für die Jüngeren: das waren die guten Terroristen) boten.

Massimo Carlotto: Der Flüchtling

(übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel)

Tropen, 2010

192 Seiten

18,95 Euro

Originalausgabe

Il fuggiasco

Edizioni e/o, Rom 1994

Hinweise

Homepage von Massimo Carlotto

Krimi-Couch über Massimo Carlotto

Wikipedia über Massimo Carlotto


Cable und Castle schlagen zu

November 11, 2010

Wenn Duane Swierczynski in seinem Leben als Comicautor nicht „Cable“-Geschichten erfindet, gönnt er sich auch mal eine Auszeit bei einem anderen, nicht weniger brutalem Comichelden. Doch während „Cable“ eher eine Bud-Spencer-Gewalttätigkeit zelebriert, in der alles zu Bruch geht und man sich endlos, aber ohne große Verletzungen kloppt, ist der gnadenlose Verbrecherjäger „Punisher“ Frank Castle ein, nun, wenn er nicht der die Bösen bekämpfende Held wäre, Massenmörder.

In der von Duane Swierczynski erfundenen Geschichte „Sechs Stunden zu leben“ bringt Castle auf den ersten Seiten ein gutes Dutzend Menschen um. In Philadelphia haben Kinderhändler ein Heim für schwer Erziehbare zur Zentrale ihres schändlichen Treibens umfunktioniert. Der Punisher bringt sie innerhalb weniger Minuten um.

Danach wird er gefangengenommen und ein Arzt injiziert ihm ein Serum, das ihn in sechs Stunden tötet. Das Gegenmittel erhält er nur, wenn er den Gangsterboss John Lynn Cavalier umbringt.

Frank Castle fragt sich, warum er Cavalier umbringen soll. Immerhin ist er noch nicht auf seiner Bösewichter-Liste aufgetaucht. Und, weil Castle nicht glaubt, dass er am Ende das Gegenmittel erhält, beschließt er, in seinen letzten Stunden in Duane Swierczynskis Heimatstadt ordentlich aufzuräumen. Denn der Originaltitel „Six hours to kill“ ist für den Punisher Programm.

Am Ende der Nacht dürfte, was „Punisher“-Fans nicht erstaunen dürfte, eine dreistellige Zahl von Menschen tot sein.

Dagegen sind die „Cable“-Geschichten aus dem X-Men-Universum ein harmloser Kindergeburtstag.

Der zeitreisende Soldat Nathan ‚Cable‘ Summers wurde von Cyclops, seinem Vater und dem Anführer der X-Men, beauftragt ein Baby vor Lucas Bishop, der es umbringen will, zu beschützen. Das Baby ist die letzte Hoffnung der X-Men. Cable und sein Schützling tauchten im Zeitstrom unter und flüchteten immer weiter in die Zukunft. Dabei wurde das Baby zu dem stattlichen Teenager Hope.

In dem neuesten „Cable“-Sammelband „Zu spät für Tränen“ sind zwei mehrteilige Geschichten enthalten. In der titelgebenden Geschichte „Zu spät für Tränen“ werden Hope und Cable erstmals getrennt. Hope muss allein in Celestial-Stadt überleben. Da taucht Bishop auf.

Die Brut“ zeigt die Ereignisse nach der gelungenen Flucht von Cable und Hope aus Celestial-Stadt. Im Weltraum werden sie von der Brut (die anscheinend ein Überbleibsel aus dem letzten „Alien“-Film sind) bedroht – und es gibt einige Bilder, die aus einem psychedelischem Alptraum stammen könnten. Außerdem gelangt Bishop auf das Schiff.

The Punisher: Sechs Stunden zu leben“ ist ein fetziger Action-Thriller in Comicform, der Genrejunkies brutal und kurzweilig unterhält. Dabei wird hier so bedenkenlos gekillt, dass sich schon ein komödiantischer Over-the-Top-Effekt einstellt.

Cable: Zu spät für Tränen“ richtet sich dagegen, wie die vorherigen „Cable“-Bände, an die Marvel-Fans, die gerne in die verzweigte Mythologie der X-Men abtauchen. Der sechste und die Geschichte von Cable, Hope und Bishop abschließende „Cable“-Sammelband ist für Dezember angekündigt.

Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner): The Punisher – Sechs Stunden zu leben

(übersetzt von Reinhard Schweizer)

Panini 2010

128 Seiten

16,95 Euro

Originaltitel

Punisher: Six hours to kill

Max Comics/Marvel 2009

enthält

Punisher (Vol. 7), Issue 66 – 70: Six hours to kill

März 2009 – Juli 2009

Duane Swierczynski (Autor)/Paul Gulacy (Zeichner)/Gabriel Guzman (Zeichner): Cable 5 – Zu spät für Tränen

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2010

120 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Cable 16: Too late for tears, Part 1, September 2009

Cable 17: Too late for tears, Conclusion, Oktober 2009

Cable 18: Brood, Chapter 1: Bishop takes pawn, November 2009

Cable 19: Brood, Chapter 2: Queen takes Bishop, Dezember 2009

Cable 20: Brood, Chapter 3: Checkmate, Januar 2010

Hinweise

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Letzte Order“ (Severance Package, 2008)

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)

Meine Besprechung von Anthony E. Zuiker/Duane Swierczynskis „Level 26 – Dark Origins“ (Level 26 – Dark Origins, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynskis „Cable: Kriegskind – Band 1″ (Cable: War Child – 1, 2008)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner)/Ariel Olivettis (Zeichner) „Cable 2: Heimatfront“ (Cable 2: Homefront)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Ariel Olivetti (Zeichner) „Cable 3 – Warten auf das Ende der Welt“ (Waiting for the end of the world, Wasteland Blues, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner) „Cable 4: Messias-Krieg – Teil 1“ (Messiah War, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner) „X-Force 4: Messias-Krieg – Teil 2“ (Messiah War, 2009)

Duane Swierczynski in der Kriminalakte

 


Horst Eckert spielt den „Niederrhein-Blues“

November 10, 2010

In den vergangenen Jahren schrieb Horst Eckert für verschiedenen Anthologien knackige Kurzgeschichten. Allerdings dürften viele Eckert-Fans nicht alle seine erfrischend unmoralischen Kurzgeschichten kennen. Denn die Anthologien verschwinden teilweise rasend schnell aus den Buchhandlungen und man erfährt auch nicht immer etwas von der Publikation einer Geschichte in einem x-beliebigem Sammelband.

Deshalb ist eine Zusammenstellung der verstreut erschienenen Geschichten in einem Buch ein willkommener Lückenschluss.

In „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“ sind elf bereits veröffentlichte und eine neue Kurzgeschichte („Abgehört“) von Horst Eckert abgedruckt. Es gibt einige Auftritte von aus seinen Polizeikriminalromanen bekannten Charakteren. Einige Geschichten spielen im kriminellen Milieu. Einige in der Politik. Dabei verhalten sich die Politiker nicht weniger verbrecherisch als die aus den anderen Geschichten bekannten korrupten Polizisten und Verbrecher.

Beim Lesen der zwölf, öfters ohne einen Mord auskommenden, Kurzgeschichten fällt immer wieder auf, wie komplex Horst Eckert die meisten seiner Geschichten anlegt. Oft wechselt er zwischen Gegenwart und Vergangenheit und mehreren Handlungssträngen. Einmal, bei „Der geniale Zetteltrick“, hat Eckert die Kurzgeschichte später als Grundlage für die längere Geschichte „Der Absprung“ genommen.

Langjährige Eckert-Fans werden sich etwas an der fehlenden Bibliographie und den fehlenden Einleitungen zu den Geschichten stören. Denn manchmal, wie bei „Wege zum Ruhm“ (über Mauscheleien beim Bau eines Stadions und einer Bewerbung für die Fußball-WM), gibt es eine Geschichte zur Geschichte, die es auch wert ist, erzählt zu werden.

Der „Niederrhein-Blues“ ist ein feiner zwölftaktiger Blues.

Horst Eckert: Niederrhein-Blues und andere Geschichten

grafit, 2010

224 Seiten

8,95 Euro

enthält

Der geniale Zetteltrick

Juwelen am Hellweg

Seine größte Story

Servus Oberpfalz

Wege zum Ruhm

Niederrhein-Blues

Nacht über Schwerte (früher „Der Nachtwächter von Schwerte“)

Ex und hopp

Abgehört

Mit allen Mitteln

Hotel Transit

In Lünen stirbst du schneller

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft”

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Der Absprung“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“


„Kein Weg zurück“ für George Pelecanos

November 5, 2010

Thriller“ steht auf dem Cover. Aber jeder der „Kein Weg zurück“ von George Pelecanos in der Erwartung von zünftiger Thriller-Spannung liest, wird enttäuscht sein. Es gibt zwar die eine Reihe von Verbrechen auslösende Tat, eine erkleckliche Zahl von Toten, die zunehmende Gefahr für die Hauptperson und am Ende das Duell zwischen den mehr oder weniger Guten und den Bösen. Das alles qualifiziert den Noir „Kein Weg zurück“ auf den ersten Blick sicher als Krimi, aber George Pelecanos benutzt diese Genrekonventionen nur, um wieder einmal eine kleine Geschichte aus dem Leben der kleinen Leute zu erzählen.

Im Mittelpunkt des Romans steht Chris Flynn. In seiner Jugend war er ein Kleinkrimineller, dem es als Weißen und aus einer guten Familie stammend, gelang, zu einer Haftstrafe im Jugendknast Pine Ridge verurteilt zu werden. Jetzt arbeitet er in Washington, D. C., als Teppichverleger im Betrieb von seinem Vater Thomas Flynn. Als Chris und der Ex-Sträfling Ben Braswell in einem Haus einen neuen Teppich verlegen, entdecken sie eine Tasche mit fast 50.000 herrenlosen Dollars. Sie lassen das Geld liegen. Am Abend erzählt Ben seinem Kumpel Lawrence Newhouse davon. Der klaut das Geld und kurze Zeit später tauchen zwei Männer auf, die das Geld wollen.

Langjährige George-Pelecanos-Leser werden in seinem neuesten Roman viele vertraute Themen finden. Schließlich erzählt er wieder eine Geschichte aus dem Leben der kleinen Leute, ihren Werten und dem damit verbundenen Arbeitsethos. Er erzählt von der Verantwortung und der Liebe der Eltern für ihre Kinder, auch wenn sie Probleme verursachen. Er erzählt davon wie Menschen, die Konflikte mit dem Gesetz hatten, versuchen, ein ehrliches Leben zu leben. Und er fragt sich immer wieder, wie man sein Ideal von einem guten Leben im heutigen Amerika in einer Großstadt leben kann.

Denn selbstverständlich müssen die einzelnen Charaktere sich für ihre Taten verantworten. Auch wenn sie mit diesen Folgen nicht gerechnet haben oder nichts damit zu tun haben. So hat Chris zwar das Geld nicht gestohlen, aber er hat auch nicht die Polizei informiert. Er muss sich, wie alle Charaktere in „Kein Weg zurück“, zwischen verschiedenen Verpflichtungen entscheiden. Wem und welchen Werten gegenüber soll er sich loyal verhalten? Was bedeutet das für ihn? Was setzt er dafür aufs Spiel? Das sind die Fragen, die die sich langsam entwickelnde Geschichte vorantreiben.

Mit „Kein Weg zurück“ schreibt George Pelecanos seine Chronik der innerstädtischen Kampfzonen fort. In seinen Romane in Washington, D. C.. Im Fernsehen, als Drehbuchautor für „The Wire“ und „Treme“ in Baltimore und New Orleans.

George Pelecanos: Kein Weg zurück

(übersetzt von Anja Schünemann)

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2010

400 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

The Way Home

Little, Brown and Company, 2009

Hinweise

Homepage von George Pelecanos

Meine Besprechung von George Pelecanos’ “Wut im Bauch” (Hell to pay, 2002)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „Drama City“ (2005)

Meine Besprechung von George Pelecanos‘ „Der Totengarten“ (The night gardener, 2006)

Meine Besprechung von George Pelecanos‘ „The Turnaround“ (2008)


„The Walking Dead“ in Buch und Film

Oktober 31, 2010

Nicht nur für Horrorfilmfans ist die heute in den USA bei dem Sender AMC startende sechsteilige Verfilmung von Robert Kirkmans hochgelobtem Comic „The Walking Dead“ ein heiß erwartetes Ereignis. Die Bedenken, dass das Fernsehen eine Serie über eine postapokalyptische Welt in der Zombies Menschen jagen und die Schranken der Zivilisation weitgehend gefallen sind, zu einem familientauglichen Happening macht, verflüchtigten sich ziemlich, als die ersten Setaufnahmen präsentiert wurden. Die Bilder erinnerten wirklich an den Comic und die Zombies sahen erschreckend aus. Die ersten Trailer orientierten sich an der Geschichte des ersten „Walking Dead“-Sammelbandes „Gute alte Zeit“. Es könnte also sein, dass die TV-Macher wirklich den Geist der Vorlage, ohne Konzessionen an den Massengeschmack, auf den kleinen Bildschirm transportieren.

Dabei ist vorteilhaft, dass Serienerfinder Robert Kirkman sich in erster Linie nicht für lustiges Zombietöten interessiert (Keine Angst, in regelmäßigen Abständen werden in „The Walking Dead“ ganze Horden von Zombies massakriert und auch einzelne Zombies werden immer wieder mit einem gezielten Schlag, Schuss oder Hieb getötet.). Kirkman fragt sich in der erfolgreichen Comicserie, wie Menschen überleben, nachdem die uns allen bekannte Welt nicht mehr existiert. Wie zieht man seine Kinder groß, wenn es keine Zukunft mehr gibt? Wie entwickeln sich Beziehungen? Was tut man, um zu überleben? Wie weit ist man bereit zu gehen, um sich, seine Familie und seine Gruppe zu schützen?

In den vergangenen „The Walking Dead“-Sammelbänden musste der ehemalige Polizist Rick Grimes einige harte Entscheidungen treffen. In dem jetzt erschienenen elften „Walking Dead“-Sammelband „Jäger und Gejagte“ ist die kleine Gruppe von Menschen auf dem Weg nach Washington, D. C.. Dort hoffen sie, eine Erklärung für die Zombieplage und ein Heilmittel zu finden. Auf dem Weg dorthin begegnen sie einer Gruppe von Menschen, die zu Kannibalen wurden und daher die Gruppe um Grimes und Sergeant Abe Ford als Nahrung ansieht.

Gleichzeitig gibt es in der Gruppe Probleme. Ben hat seinen Zwillingsbruder Billy ermordet und Dale, das älteste Mitglied der Gemeinschaft, zweifelt zunehmend an seinem Leben.

Während Kirkman bei den moralischen Dilemma keine Rücksicht kennt, wird die körperliche Gewalt, im Gegensatz zu den vorherigen „The Walking Dead“-Bänden, fast schon abstrakt gezeichnet. In „Jäger und Gejagte“ überlassen Autor Robert Kirkman und Zeichner Charlie Adlard viele der schlimmsten Bilder der Vorstellungskraft des Leser.

Der elfte „The Walking Dead“-Band setzt die Geschichte von Rick Grimes und seiner Gruppe gelungen fort; auch wenn sie ihrem Ziel keinen Schritt näher kommen.

Ob die Verfilmung gelungen ist, wissen wir noch nicht. Die ersten Kritiken sind positiv, nach der Ausstrahlung wird es weitere geben und bereits am Freitag, den 5. November, startet um 21.45 Uhr auf Fox (yep, Pay-TV und eine sehr schnell arbeitende Synchronisationsfirma) die deutsche Fassung. Die DVD-Ausgabe ist noch nicht angekündigt.

Dafür hat Cross Cult den nächsten „The Walking Dead“-Band für Februar 2011 angekündigt.

Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead – Jäger und Gejagte (Band 11)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2010

152 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead, Vol. 11: Fear the hunters

Image Comics, 2009

enthält

The Walking Dead # 61 – 66

Hinweise

Offizielle „The Walking Dead“-Seite

Wikipedia über „The Walking Dead“ (deutsch, englisch)

AMC-Blog zu „The Walking Dead“ (derzeit: Berichte und Bilder von den Dreharbeiten)

„The Walking Dead“-Fanseite

„The Walking Dead“-Wiki

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der vorherigen „The Walking Dead“-Bände und das Comic-Con-Panel zur TV-Serie


„Red“: Retired, extremely dangerous – auch im Comic

Oktober 27, 2010

Bevor am Donnerstag die Verfilmung des dreiteiligen Comics „Red“ von Autor Warren Ellis und Zeichner Cully Hamner anläuft, kann noch schnell die ziemlich blutige Vorlage gelesen werden. Schließlich ist der Comic kaum umfangreicher als eine längere Kurzgeschichte und würde ohne Ergänzungen gerade für einen sehr kurzen Spielfilm taugen. Deshalb haben die Filmemacher sich einige Freiheiten genommen. Aber die Prämisse wurde übernommen.

Paul Moses (im Film Frank Moses) lebt zurückgezogen in einem großen Haus. Seine Zeit verbringt er mit Lesen und Blumen gießen. Sein einziger zur Außenwelt ist ein regelmäßiger Anruf bei seinem CIA-Kontakt, der Buchhalterin Sally Janssen. Mit ihr hat er etwas Smalltalk und sagt, dass das Geld angekommen ist.

Eines Abends hat er allerdings Besuch. Eine dreiköpfiges Killerteam soll ihn umbringen. Sie wurden von dem neuen CIA-Chef, einem Bürohengst, beauftragt. Denn Paul Moses ist der beste Killer der Welt und er hat in der Vergangenheit für die CIA weltweit viele schreckliche Verbrechen begangen. Jetzt hat er mit der CIA ein Abkommen: er lebt zurückgezogen ohne Kontakte zur Welt und die CIA lässt ihn in Ruhe.

Mit dem Killerkommando wird dieser Friede gestört. Moses bringt die Killer um und macht sich auf den Weg zu dem Mann, der das Kommando losschickte. Denn jetzt ist er nicht mehr „im Ruhestand, sehr gefährlich“, sondern nur noch „sehr gefährlich“ und die Lebensaussichten von seinen Gegnern, wozu jeder zählt, der sich ihm in den Weg stellt, tendieren gegen Null.

Red“ ist ein kleiner, sehr blutiger, sehr zynischer und höchstens schwarzhumoriger Comic, in dem die CIA mal wieder für jede denkbare Schweinerei und Manipulation zuständig ist.

Dass Hollywood die Geschichte von Paul Moses als ein geeignetes Vehikel für einige ältere Action-Stars ansieht, verwundert nicht und weil Hollywood wohl dachte, dass ein alter Sack, der reihenweise junge Spunde vertrimmt, etwas wenig ist, haben sie für die Filmversion aus dem einzelgängerischen Killer eine kleine Killergruppe gemacht. Denn wer kann schon etwas gegen eine Actionkomödie mit Bruce Willis, Helen Mirren, Morgan Freeman und John Malkovich als alte, aber gefährliche Killer haben? Vor allem, wenn auch Mary-Louise Parker, Karl Urban, Ernest Borgnine, Brian Cox, James Remar und Richard Dreyfuss dabei sind.

Warren Ellis (Autor)/Cully Hamner (Zeichner): Red

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini, 2010

84 Seiten

12, 95 Euro

Originalausgabe

Red, Vol. 1 – 3

Wildstorm/DC Comics, 2003

Hinweise

Homepage von Warren Ellis

Homepage von Cully Hamner

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Red“


Frank Göhre, der Auserwählte

Oktober 26, 2010

Wer Krimis als beschauliche Rätselgeschichten genießen will, war bei Frank Göhre schon immer an der falschen Adresse. In seinen Geschichten interessierte er sich mehr für seine meist männlichen Charaktere, ihre Beziehungen zueinander, zum anderen Geschlecht und zur Gesellschaft. So spielt „Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit“ eindeutig in den fünfziger Jahren in der Provinz. Die Kiez-Trilogie „Der Schrei des Schmetterlings“, „Der Tod des Samurai“ und „Der Tanz des Skorpions“ zeichnet ein Bild des Organisierten Verbrechens und der Hamburger Gesellschaft in den Achtzigern. „Zappas letzter Hit“, der Nachschlag zur Kiez-Trilogie, spielt dann eindeutig im Hamburg der frühen nuller Jahre. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, wie dem zum Innensenator aufgestiegenem Populisten, Parteichef und „Richter Gnadenlos“ Ronald Schill, sind beabsichtigt. Der Krimiplot diente Frank Göhre dann vor allem als der rote Faden für eine multiperspektivische Erzählung.

Auch in seinem neuesten Noir-Krimi „Der Auserwählte“ ist die Entführung des reichen Unternehmersohns Eloi nur die letztendlich ziemlich unwichtige erzählerische Krücke für ein dichtes Sittengemälde der Hamburger Gesellschaft, beginnend mit den Nachwirkungen der 68er Bewegung, als Post-68-Jugendliche zwischen dem Protest gegen ihre Eltern, dem Ausprobieren neuer Lebensformen und der Anpassung an den Lebensstil der Eltern schwankten. Elois Mutter Bettina verschmähte als Jugendliche das elterliche Vermögen und driftete durch die alternative Szene. Inzwischen hat sie das Erbe angenommen, leitet das weltweit tätige Familienunternehmen und will von ihrer Vergangenheit nichts mehr wissen. Mit der Entführung von ihrem Sohn, der auch in Drogengeschäfte verwickelt ist, kehrt diese allerdings zurück – und Frank Göhre wäscht gründlich die schmutzige Wäsche der feinen Gesellschaft.

Dabei jongliert er auf 250 Seiten mit mehreren Zeitebenen, Orten, Handlungssträngen und einem reichhaltigen Personal (das Personenverzeichnis nennt 15 Charaktere, die alle wichtig für die Geschichte sind), das leicht in einem ungenießbarem Chaos hätte enden können. Doch chaotisch sind in „Der Auserwählte“ höchstens die Beziehungen der Charaktere zueinander. Der Roman selbst ist sehr klar, dicht und spannend.

Frank Göhre: Der Auserwählte

Pendragon, 2010

264 Seiten

9,95 Euro

Hinweise

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der letzte Freier“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Zappas letzter Hit“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ (2009)


„Criminal“, die fünfte: wieder mit Tracy Lawless, wieder grandios

Oktober 24, 2010

Willkommen in der Welt des New Noir und in den fähigen Händen von Ed Brubaker und Sean Phillips, die zu den hervorragendsten Künstlern dieses Genres gehören“, schreibt der mit „Dark Entries“ auch unter die Comicautoren gegangene Krimiautor Ian Rankin absolut zutreffend in seiner Einleitung des neuen „Criminal“-Bandes „Sünder“. Denn Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips bedienen sich in ihren „Criminal“-Geschichten bekannter Hardboiled- und Noir-Topoi und erneuern sie in ihren ökonomisch erzählten Geschichten aus der Welt des Verbrechens in einer amerikanischen Großstadt kongenial für die Gegenwart. Dabei entsteht, obwohl die „Criminal“-Bände voneinander unabhängige Geschichten erzählen, ein zunehmend detailliertes Bild des Verbrechens in einer amerikanischen Großstadt.

Insofern schließt sich der inzwischen fünfte „Criminal“-Band „Sünder“ nahtlos an die vorherigen Geschichten an.

Im Mittelpunkt von „Sünder“ steht der schon aus „Blutsbande“ bekannte Tracy Lawless. Der desertierte und untergetauchte Soldat arbeitet als Killer für die Mafia. So versucht er seine Schulden bei dem Gangsterboss Sebastian Hyde abzubezahlen. Aber er erledigt seine Arbeit nur nachlässig: Hyde hält ihn sogar für den schlechtesten Killer der Welt, weil Tracy Lawless sich vor dem Ausführen seiner Aufträge überzeugt, ob das Opfer auch den Tod verdient hat.

Jetzt schlägt Hyde ihm vor, dass er herausfinden soll, wer in den vergangenen Wochen mehrere „Schutzbefohlene“ ermordete. Wenn er den Mörder findet, hat Lawless seine Schulden bei Hyde abbezahlt.

Lawless macht sich, wie ein Privatdetektiv, auf die Jagd nach dem geheimnisvollen Killer. Seine erste Spur führt ihn zu einer Gruppe Jugendlicher.

Sünder“ ist der absolut zutreffende Titel der neuesten „Criminal“-Graphic-Novel. Denn alle wichtigen Charaktere in „Sünder“ sind Sünder. Aber wie Ed Brubaker und Sean Phillips dann am Ende alle Sünder ihrer gerechten Strafe zuführen, das verleiht ihrer Noir-Geschichte eine besondere Note.

Bis dahin beschäftigen sie sich innerhalb einer spannenden Geschichte und ohne den moralisch hocherhobenen Zeigefinger auf verschiedenen Ebenen mit Fragen von Schuld und Sühne, Verantwortung für die eigenen Taten und der Frage, wie die Gesellschaft mit Verbrechern umgehen soll soll.

Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner: Criminal: Sünder (Band 5)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2010

132 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Criminal: The Sinners

Icon, 2010

(als fünf Einzelhefte: September 2009 – März 2010)

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips‘ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)


Adrian Monk hilft der Polizei

Oktober 20, 2010

Während RTL die letzten Folgen der TV-Krimiserie „Monk“ zeigt, ist bei den Büchern mit Adrian Monk noch lange kein Ende abzusehen. In den USA erscheinen die Romane, was für Tie-In-Novels, auch wenn sie neue Fälle mit den vertrauten Filmcharakteren erzählen, eine Seltenheit ist, inzwischen als Hardcover und Lee Goldberg erfindet fleißig weitere Fälle für den genialen, von zahllosen Manien und Phobien geplagten Detektiv.

Zuletzt sind auf Deutsch der achte und neunte Monk-Roman, „Mr. Monk und die Wurzel allen Übels“ und „Mr. Monk und Mr. Monk“, erschienen.

„Mr. Monk und die Wurzel allen Übels“ ist ein schwächerer Monk-Roman. Denn im Gegensatz zu den normalen Monk-Fällen, in denen er zum Tatort gerufen wird und mit seinen Ermittlungen beginnt, entfaltet sich hier das Komplott gegen seinen Freund Captain Leland Stottlemeyer vor unseren Augen. Der Polizistenmord für den Stottlemeyer verhaftet wird, geschieht relativ spät und Stottlemeyer bittet erst nach seiner Verhaftung auf Seite 250 Monk um Hilfe. Entsprechend schnell klärt Monk dann auch den Fall.

Aber bis dahin liefert Goldberg zahlreiche vergnügliche Szenen, in denen Stottlemeyer auf einer Polizistentagung von Monk vor seinen Kollegen blamiert wird (was Monk nicht wollte), Stottlemeyer Monk und Natalie zu einem alten, inzwischen dementen Spitzel mitnimmt, Monk den Windeltwister (ein Mülleimer, in dem jede einzelne Babywindel in einem Plastikbeutel versiegelt wird) entdeckt und alle damit beglückt (was Randy „Bullitt“ Disher, dem härtesten Cop von L. A. – so ist jedenfalls seine ungeschönte Selbstwahrnehmung -, nicht gefällt), Monk nicht mehr als Polizei-Berater beschäftigt werden soll, er ihr aber anonym Tipps gibt und Monk ein Angebot von einer großen Sicherheitsfirma erhält. Das bringt ihm und seiner Assistentin Natalie Teeger Geld, ein tolles Auto, viele Fälle und Probleme mit dem Firmenethos. Denn Monk will die Ordnung des Universums wiederherstellen. Dazu gehört, dass Verbrecher überführt und bestraft werden. Auch wenn sie gut bezahlende Klienten der Firma sind.

„Mr. Monk und Mr. Monk“ bietet dann wieder die vertraute Formel mit dem Mord am Anfang und den anschließenden Ermittlungen.

Monk muss in der früheren Goldgräberstadt Trouble den Mord an Manny Feikema, einem ehemaligen Polizisten und Freund von Captain Stottlemeyer, aufklären. Feikema hat in der Goldgräberstadt Trouble seine Rente als Wachmann des Museums aufgebessert. Während einer Nachtschicht wurde er ermordet. Es wurde nichts geklaut und die Täter sind noch auf freiem Fuß.

Als Monk in Trouble von dem legendären und bis heute nicht aufgeklärten Eisenbahnraub von 1962 hört, muss er auch diesen Fall aufklären. Und Natalie entdeckt die Aufzeichnungen von Abigail Guthrie über einen Artemis Monk, der in Trouble während dem Goldrausch Verbrecher überführte und einige Ticks hatte, die verdächtig an Adrian Monks Manien erinnern. Für Natalie Teeger ist Artemis Monk daher ein direkter Vorfahre von Adrian Monk. Er hält die Ähnlichkeiten für puren Zufall.

Nachdem Monk in der Vergangenheit bereits in Deutschland („Mr. Monk in Germany“) und Frankreich („Bonjour, Mr. Monk“) Fälle löste, muss er in „Mr. Monk und Mr. Monk“ wieder sein heimisches San Francisco verlassen und sich den Gefahren des Wilden Westens, wozu unbefestigte Wege, schießwütige Einheimische, getarnte Minenschächte und Kamikaze-Schmetterlinge zählen, stellen. Denn der Name des Städtchens ist Programm.

„Mr. Monk und die Wurzel allen Übels“ und „Mr. Monk und Mr. Monk“ sind, wie die vorherigen sieben Monk-Romane, spannende und witzige Kriminalromane. Außerdem erfreut das Namedropping die Psyche des Krimiliebhabers.

Lee Goldberg: Mr. Monk und die Wurzel allen Übels

(übersetzt von Caspar D. Friedrich)

Panini, 2009

336 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Mr. Monk and the Dirty Cop

Obsidian, 2009

Lee Goldberg: Mr. Monk und Mr. Monk

(übersetzt von Caspar D. Friedrich)

Panini, 2010

336 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Mr. Monk in Trouble

Obsidian, 2009

Hinweise

Homepage von Lee Goldberg

USA Network über “Monk”

Thrilling Detective über Adrian Monk

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Feuerwehr“ (Mr. Monk goes to the Firehouse, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk besucht Hawaii“ (Mr. Monk goes to Hawaii, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk und die Montagsgrippe“ (Mr. Monk and the Blue Flu, 2007)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und seine Assistentinnen“ (Mr. Monk and the two Assistants, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Außerirdischen“ (Mr. Monk in outer space, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk in Germany“ (Mr. Monk goes to Germany, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Bonjour, Mr. Monk“ (Mr. Monk is miserable, 2008)


Ein bisschen Serienmord – oder „Schnittstellen“ in der „Killer/Culture“

Oktober 16, 2010

Schon der Titel „Killer/Culture“ des von Stefan Höltgen und Michael Wetzel herausgegebenen Sammelbandes über eine wissenschaftliche Tagung zum „Serienmord in der populären Kultur“ regt zum Nachdenken an. Dass in einer Tagung, vor allem wenn es eine eintägige Kurztagung mit fünf Wissenschaftlern und einem Künstler ist, und einem darauf basierendem Buch mit dreizehn Aufsätzen nur einige Punkte des Forschungsfeldes angerissen werden, dürfte jedem intuitiv einleuchten.

Daher ist „Killer/Culture“ als erste deutschsprachige, wissenschaftliche Bestandsaufnahme, trotz aller Kritik, eine gewinnbringende Lektüre. Dass die meisten Aufsätze sich mit dem Film beschäftigen ist, angesichts der Bedeutung von Filmen in der populären Kultur und der weltweiten Verständlichkeit (vor allem wenn die Filme synchronisiert werden), nachvollziehbar. Auch der von den überwiegend jungen Autoren gewählte Fokus auf aktuelle Entwicklungen und Werke ist aus dem gleichen Grund nachvollziehbar. Darunter leidet allerdings die historische Betrachtung von frühen Serienmörderfilmen (wie „The Lodger“/“Der Mieter“ und „M – Eine Stadt sucht den Mörder“), Liedern und Romanen. Ebenso wird nicht auf die schon immer vorhandene Popularität von Verbrechern und Serienmördern in der amerikanischen Popkultur eingegangen, die einen Erklärungsansatz für den Erfolg der Gangstersaga „The Sopranos“ (ein Mafiosi als Held), der Polizeiserie „The Shield“ (ein korrupter Cop als Held) und der Polizeiserie „Dexter“ (ein Serienmörder als Held; – und keiner dieser Helden hat, weil er seine Gemeinschaft beschützt, ein übermäßig schlechtes Gewissen) bietet. Denn diese Serien waren und sind in den USA Hits und hier Flops. Der Unterschied in den Sehgewohnheiten zwischen Amerika (und auch England) und Deutschland wäre deshalb eine eigene Betrachtung wert.

Hendrik Seither konzentriert sich in seinem Aufsatz über „Dexter“ auf den Aspekt der Wiederholung in der Serie und der Ritualisierung bei einem Serienmörder. Das ist wissenschaftlich in Ordnung, ignoriert aber die Produktionsbedingungen von TV-Serien, deren Kennzeichen ist, dass sie jede Woche das gleiche, aber anders liefern, und dass in einer TV-Serie innerhalb der ersten Minuten alle wichtigen Elemente für die kommenden Folgen etabliert werden. Das gilt für jede Serie.

Joachim Linder analysiert die beiden Romane „Tannöd“ und „Kalteis“ von Andrea Maria Schenkel und kommt zu dem zutreffendem Ergebnis: „Im Grunde lassen die beiden Texte alles beim Alten. Die Risikobereitschaft, die sich in der erzählerischen Präsentation auf genreuntypische Weise andeutet, findet in den Deutungsperspektiven keine Entsprechung. Darin mag man den Hauptgrund für den Erfolg sehen.“

Ivo Ritzer bespricht einige Songs über Serienmörder, Stefan Höltgen skizziert knapp und informativ das Verhältnis von Serienmördern und Videospielen von 1983 bis heute und Stephan Harbort bietet eine Kurzfassung seiner in zahlreichen Sachbüchern publizierten Arbeit über die wahren Serienmörder.

Die anderen Aufsätze befassen sich, teils in einzelnen Filmanalysen oder Überblicksartikeln, mit verschiedenen Aspekten des Phänomens Serienmörder in Spielfilmen. Es gibt Analysen von „Peeping Tom“ und „Se7en“. Michaela Wünsch thematisiert in ihrem aufgrund des überbordenden wissenschaftlichen Jargons sehr schwer zu lesendem Aufsatz anhand der „Halloween“-Filme den Serienmörder als Herrensignifikant und wendet die whiteness-Forschung auf die Filmanalyse an.

Christian Hoffstadt bleibt mit seinem „Zum Tod lachen“ eher im anekdotischen stecken, weil er sich zu sehr auf neue Filme zum Thema, wie „Scream“ und „Mann beißt Hund“, konzentriert, und auf Klassiker, wie „Arsen und Spitzenhäubchen“ (die beiden alten Damen haben ein beeindruckendes Sündenregister), verzichtet.

Oliver Nöding zeigt anhand einiger 80-er Jahre Actionfilme, wie sich in dem Genre in diesem Jahrzehnt ein tiefgreifender Wandel vollzog. Denn die neuen Serienmörderfilme haben nichts mit den alten Action-Filmen und den Macho-Helden zu tun: „Es wird recht deutlich sichtbar, dass der ‚Siegeszug‘ des Serienmörderfilms und der Niedergang des Actionfilms Hand in Hand gingen. (…) Der Actionfilm der 1980er zelebrierte ein Kino der Körperlichkeit: Doch im Konflikt mit dem Serienmörder musste diese Körperlichkeit letztlich vor dem Geist kapitulieren.“

Marcus Stiglegger nimmt diesen Faden auf, indem er sich dem Serienmörder als dunklem, amoralischem Souverän im zeitgenössischen Thriller (mehr) und Horrorfilm (viel weniger) widmet und mit „Untraceable“ im World Wide Web landet. In der zweiten Hälfte seines Aufsatzes widmet er sich Col. Kurtz und „Apocalypse Now“, der schon 1979 die Zuschauer verführte.

Roland Seim verknüpft in seiner Analyse der „The Texas Chainsaw Massacre“-Horrorfilmen und ihrer Wirkung auf das Genre mit der deutschen Zensurgeschichte, die derzeit ihren traurig-absurden Höhepunkt erlebt. Denn weil Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“ in Deutschland verboten ist, gibt es derzeit keine Möglichkeit, ihn legal ungekürzt zu veröffentlichen. Dass das eine unbefangene Diskussion über den Film erschwert, muss wahrscheinlich nicht besonders erwähnt werden.

Insgesamt werden alle, die sich schon länger für Serienmörder in der populären Kultur interessieren, in dem umfangreichen Buch (die Seitenzahl täuscht) wenig neues erfahren, aber einige Anregungen zum Nachdenken finden. Einsteiger dürften in „Killer/Culture“, vor allem bei den Einzelanalysen, teilweise Probleme mit dem für einen Tagungsband unvermeidlichen wissenschaftlichen Duktus (ich sage nur „Herrensignifikanten“) haben. Für die deutschsprachige Wissenschaft ist „Killer/Culture“ allerdings ein sehr guter Aufschlag, der nach einigen weiteren Studien verlangt.

Mit „Schnittstellen – Serienmord im Film“ (Schüren) hat Stefan Höltgen, einer der beiden Herausgeber von „Killer/Culture“, bereits eine erste Lücke geschlossen. Es ist die fein illustrierte, überarbeitete Buchausgabe seiner Dissertation, die anhand 37 ausgewählter Filme zeigt, wie sich das Bild des Serienmörders im Film von 1924 („Das Wachsfigurenkabinett“) bis 2004 („The last horror movie“) veränderte. Bei den vorgestellten Filmen rekonstruiert Höltgen auch immer die damaligen und, wenn nötig, späteren Diskurse und Verbotsbeschlüsse zu den einzelnen Filmen. So entsteht auch eine kleine Kultur- und Sittengeschichte des Films, in der einige zeitgenössische Bewertungen aus heutiger Sicht verwundern und einige Vorwürfe wurden immer wieder gegen Serienmörderfilme erhoben.

Stefan Höltgen/Michael Wetzel (Hrsg.): Killer/Culture – Serienmord in der populären Kultur

(Medien/Kultur 1)

Bertz + Fischer, 2010

160 Seiten

19,90 Euro

enthält

Michael Wetzel: M. O. R. D. – Die unberechenbare Größe

Joachim Linder: Männer, die morden – Zu zwei Romanen von Andrea Maria Schenkel

Manfred Riepe: Wenn Blicke töten – Anmerkungen zu Michael Powells ‚Peeping Tom‘

Michaela Wünsch: Sehen – Toten – Ordnen – Der Serienkiller in der Funktion des Herrensignifikanten

Marcus Stiglegger: Der dunkle Souverän – Zur Faszination des allmächtigen Serial Killers im zeitgenössischen Thriller und Horrorfilm

Stephan Harbort: Wie entkommt man einem Serienmörder?

Hendrik Seither: Die Serialität des Tötens – Zur Homologie zwischen Serienmord und Fernsehserie am Beispiel ‚Dexter‘

Ivo Ritzer: Hip to Be Square – Serienmörder in der Pop-Musik

Arno Meteling: Eine Poetik der Liste – Serienmord und Apokalypse in David Finchers ‚Se7en‘

Oliver Nödling: Krankheit und Heilmittel – Die Serienmörder im Actionfilm der 1980er Jahre

Christian Hoffstadt: Zum Tod lachen?

Roland Seim: Schnitt-Stellen – Die Zensurgeschichte des Serienmörderfilms in Deutschland am Beispiel von ‚The Texas Chainsaw Massacre‘

Stefan Höltgen: Killer-Spiele – Serienmord und Serienmörder im Videospiel

Stefan Höltgen: Schnittstellen – Serienmord im Film

Schüren, 2010

420 Seiten

29,90 Euro

Hinweise

Bertz + Fischer über „Killer/Culture“

Schüren über „Schnittstellen

Homepage/Blog von Michael Wetzel

Homepage/Blog von Stefan Höltgen

Blog „F-lm“ von Stefan Höltgen und anderen


Kurzkritik: James Sallis „Dunkle Vergeltung“

Oktober 14, 2010

„Dunkle Vergeltung“, der zweite Turner-Roman von James Sallis, beginnt wie ein gewöhnlicher Krimi. Nachdem Turner, der inzwischen in dem ruhigen, in der Nähe von Memphis gelegenem Kaff, in dem er schon in „Dunkle Schuld“ als zurückgezogener Eremit lebte, als Sheriff arbeitet, von einem Gefangenentransport zurückkehrt, erfährt er, dass sein Kollege Don Lee einen betrunkenen Autofahrer verhaftet hat. Im Kofferraum seines Mustangs entdecken sie eine Sporttasche mit zweihunderttausend Dollar. Kurz darauf wird der Gefangene befreit, Don Lee dabei schwer verletzt und Turner, der glaubt, dass der Flüchtling ein Geldkurier für die Mafia ist, macht sich auf den Weg nach Memphis.

Diesen Krimiplot entkernt James Sallis in „Dunkle Vergeltung“ immer mehr. Dagegen rücken, noch mehr als im ersten Turner-Roman, der Ich-Erzähler Turner, seine Freunde und das Leben im ländlichen Amerika in den Mittelpunkt. Im dritten und letzten Turner-Roman „Salt River“ wird der Krimiplot noch unwichtiger. Dafür gibt es noch tiefere Einblicke in Turners pessimistische Weltsicht.

Ein feiner Roman für alle, die Kriminalroman nicht mit Detektivgeschichte übersetzen.

James Sallis: Dunkle Vergeltung

(übersetzt von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger)

Heyne, 2010

240 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Cripple Creek

Walker Publishing Company, 2006

Hinweise

Homepage von James Sallis

Thrilling Detective über Turner

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‘Besprechung’ von James Sallis’ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Driver“ (Drive, 2005)

Meine Besprechung von James Sallis‘ „Dunkle Schuld“ (Cypress Groove, 2003)


TV-Tipp für den 12. Oktober: Mogadischu

Oktober 12, 2010

SWR, 23.00

Mogadischu (D 2008, R.: Roland Suso Richter)

Drehbuch: Maurice Philip Remy

Buch zum Film: Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der Landshut, 2008

Nach Heinrich Breloers hochgelobtem Zweiteiler „Todesspiel“ (auch schon über zehn Jahre alt) über den Deutschen Herbst 1977, diversen Dokumentationen (zum Beispiel letztes Jahr ein Zweiteiler) über die RAF, dem noch im Kino laufendem „Baader Meinhof Komplex“ mutet „Mogadischu“ etwas akademisch an. Denn die Fakten sind bekannt. Am 13. Oktober 1977 entführt ein palästinensisches Kommando die Lufthansa-Maschine Landshut. Nach einem mehrtägigen Irrflug landet das Flugzeug in Mogadischu und die GSG 9 beendet die Geiselnahme.

Neue Erkenntnisse, wie die Beteiligung des KGB an der Entführung und was Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann machte, als er nach einer Notlandung in Aden zwanzig Minuten verschwand, ändern nichts an dem großen Bild.

Aber Autor Remy und Regisseur Richter verarbeiteten diese Geschichte jetzt zu einem die damaligen Ereignisse konzentriert nacherzählendem TV-Spielfilm, der auch im Kino überzeugt hätte. Einziger Kritikpunkt ist die derzeit angesagte Wackelkamera

„Es ist ein ernsthafter Versuch der Annäherung (an die Wahrheit, A. d. V.). Wir bemühen uns, mit Verantwortung an ein Thema heranzugehen. Die Menschen, die das erlebt haben, sollen nicht davor sitzen und sagen: Was machen die denn da? Was erzählen die da?“ (Remy in der FAZ)

Das gleichnamige „Begleitbuch zum Film ‚Mogadischu’“ von Timo Kortner nimmt eine seltsame Zwischenstellung zwischen einem traditionellem Buch zum Film, also einer höchstens sparsam erweiterten Romanfassung des Drehbuchs, und einem Sachbuch über die Entführung ein. Denn Kortner führt relativ ausführlich in das gesellschaftliche Klima während der Schleyer-Entführung ein und er fügt immer wieder erklärende Passagen ein. Dabei gibt es im Buch und im Film eine Verschiebung der Perspektive von den Tätern zu den Opfern. Der Tatsachenroman „Mogadischu“ erzählt von Menschen in einer Ausnahmesituation und wie sie versuchen, diese zu überleben. Die Entführer bleiben dagegen, bis auf den durchgeknallten Captain Martyr Mahmud, blass. Und die Ideologie der Terroristen wird höchstens in einem Nebensatz gestreift; – was sie als Bösewichter noch bedrohlicher macht.

Kortners „Mogadischu“ ist ein packendes Drama, das auch eine gehörige Portion historisches Wissen vermittelt. Ein feines Buch.

Mit Nadja Uhl, Thomas Kretschmann, Christian Berkel, Said Tagmaqoui, Herbert Knaup, Simon Verhoeven, Jürgen Tarrach

Hinweise

ARD zum Film

FAZ: Interview mit Maurice Philip Remy über “Mogadischu” (24. November 2008)

FAZ (Michael Hahnfeld), Die Welt (Eckhard Fuhr), Spiegel Online (Christian Buß), Süddeutsche Zeitung (Christopher Keil), taz (René Martens), Die Zeit (Margit Gerste) über den Film „Mogadischu“

Kortner - Mogadischu

Das Buch zum Film

Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der ‚Landshut’

Knaur, 2008

272 Seiten

9,95 Euro


Claudie Piñeiro, die Donnerstagswitwen und Elena

September 24, 2010

Die Donnerstagswitwen“ und „Elena weiß Bescheid“ von Claudia Piñeiro sind einerseits-andererseits-Bücher. Einerseits sind sie gut geschrieben und gut konstruiert, andererseits sind sie zäh zu lesen. So ist bei „Elena weiß Bescheid“ die Pointe bereits sehr früh erahnbar. Nur Elena leugnet die offensichtliche Wahrheit. So könnte „Die Donnerstagswitwen“ als Sammlung thematisch miteinander verknüpfter Kurzgeschichten locker hundert Seiten kürzer oder länger sein.

Denn bereits nach den ersten Kapiteln hat man verstanden, dass in der Gated Community unter der prächtigen Oberfläche die üblichen Probleme von Neid, Hass, Gier, Selbstverleugnung, der Angst vor dem Statusverlust und der damit verbundenen gesellschaftlichen Ächtung lauern. Claudia Piñeiro zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der nur der äußere Schein zählt, mit jedem der 48 Kapitel (wobei jedes Kapitel eine eigene Kurzgeschichte mit wiederkehrenden Charakteren ist) nur immer detaillierter. Aber an der Aussage ändert sich nichts.

Die Donnerstagswitwen“ wirkt letztendlich wie der übermäßige Verzehr von guten Pralinen. Die ersten sind noch richtig lecker, aber danach ist man irgendwann satt und hat keine große Lust mehr auf die nächste. Genau dieser Effekt stellt sich nach den ersten zehn Kapiteln von Piñeiros episodischem und, wegen der zahlreichen thematischen Wiederholungen, schnell ermüdendem Roman ein.

Auch das wesentlich kürzeren Charakterporträt „Elena weiß Bescheid“ wirkt schnell ähnlich ermüdend. Die titelgebende, 63-jährige Elena hat Parkinson. Vor kurzem brachte ihre Tochter Rita sich um. Sie ist überzeugt, dass Rita ermordet wurde. Weil die Polizei ihr nicht glaubt, macht sie sich auf den Weg in die Stadt zu einer Frau, der sie vor zwanzig Jahren geholfen haben. Während Elena sich langsam ihrem Ziel nähert, erinnert sie sich an ihre Tochter. Schnell wird deutlich, dass Elena eine sehr herrischer Frau ist, die über das Leben ihrer Tochter bestimmte und damit auch wer sie „ermordete“.

Nach Claudia Piñeiros gelungenem Debüt „Ganz die Deine“ sind „Die Donnerstagswitwen“ und „Elena weiß Bescheid“ (für den sie auf der Frankfurter Buchmesse den LiBeraturpreis erhält) Enttäuschungen.

Claudia Piñeiro: Die Donnerstagswitwen

(übersetzt von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 2010

320 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe

Las viudas de los jueves

Alfaguara Argentina, 2005

Verfilmung

Las viudas de los jueves (Argentinien/Spanien 2009)

Regie:: Marcelo Piñeyro

Drehbuch: Marcelo Figueras, Marcelo Piñeyro

mit Ernesto Alterio, Juan Diego Botto, Gloria Carrá, Ana Celentano, Camilo Cuello Vitale, Pablo Echarri, Adrián Navarro, Leonardo Sbaraglia, Vera Spinetta, Gabriela Toscano, Juana Viale

Claudia Piñeiro: Elena weiß Bescheid

(übersetzt von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 2009

192 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Elena sabe

Alfaguara Argentina, 2007

Claudia Piñeiro besucht Deutschland – und liest

Donnerstag, 30. September, Köln

Freitag, 1. Oktober, Bönen

Sonntag, 3. Oktober, Hagen

Sonntag, 3. Oktober, Frankfurt

Sonntag, 3. Oktober, »Die Donnerstagswitwen« – im Bayerischen Rundfunk 2

Sonntag, 3. Oktober, »Die Donnerstagswitwen« im WDR 3

Montag, 4. Oktober, Bad Berleburg

Dienstag, 5. Oktober, »Die Donnerstagswitwen« – in München

Dienstag, 5. Oktober, Frankfurt

Mittwoch, 6. Oktober, Frankfurter Buchmesse

Freitag, 8. Oktober, Frankfurter Buchmesse

Freitag, 8. Oktober, ARD-Radionacht der Bücher

Sonntag, 10. Oktober, Frankfurter Buchmesse

Sonntag, 10. Oktober, Marburg

Dienstag, 12. Oktober, Leipzig


Hinweise

Unionsverlag über Claudia Piñeiro

Homepage zum Film

Meine Besprechung von Claudia Piñeiros „Ganz die Deine“ (Tuya, 2003)


Ein Abend mit Ken Bruen und Jason Starr – Einige Abende mit Jason Starr

September 15, 2010

Mit „Attica“ beenden Ken Bruen und Jason Starr furios die Trilogie über die beiden Genies Max Fisher und Angela Petrakos. In „Flop“ versuchte er seine Frau ermorden zu lassen, um mit seiner großbusigen Sekretärin abzuhauen. Der Plan ging schief und in „Crack“ versuchten Max und Angela allein über die Runden zu kommen. Auch in „Attica“ gehen sie die meiste Zeit getrennte Wege. Denn Max Fisher sitzt in Attica und arbeitet sich, gut präpariert mit einigen Knastfilmen und Büchern, in der Knasthierarchie nach oben. Das gelingt ihm mit seinem angeborenen Talent, jede Situation konsequent falsch einzuschätzen und sich selbst, als Nabel der Welt, konsequent zu überschätzen. Seine ehemalige Sekretärin Angela Petrakos steckt dagegen in einer ausgewachsenen Midlife-Crisis (so nach der Art: „Ich bin dreißig, habe große Titten und mein Leben versaut.“) und gerät in Griechenland in eine wirklich üble Mordgeschichte, die sie über den Umweg griechischer Knast zurück in die USA verschlägt. Denn Max soll ihr helfen. Dass er im Knast sitzt, weiß sie allerdings nicht..

„Attica“ ist die konsequente, schwarzhumorig-durchgeknallte Fortsetzung von „Flop“ und „Crack“. Wieder garnieren Ken Bruen und Jason Starr die Story mit vielen Zitaten und Anspielungen, bevorzugt natürlich auf Noirs, Krimis und Kollegen. Das macht Spaß und bringt einen höchst kurzweilig durch einen verregneten Nachmittag. Bei all dem Wahnsinn und Chaos, das die beiden Herren anrichten, ist zu hoffen, dass sie sich bald für ein weiteres Gemeinschaftswerk zusammensetzen.

Bis dahin kann man, wenn man auf schwarzhumorige Noirs steht, mit Ken Bruens grandioser Jack-Taylor-Reihe trösten.

Denn Jason Starr hat sich in seinen Solowerken inzwischen vom Noir verabschiedet. Seine letzten Bücher haben über fünfhundert Seiten und sind deutlich mainstreamiger. „Panik“ hat über 560 Seiten und im Mittelpunkt steht keine gescheiterte Existenz, sondern der geachtete, glücklich verheiratete, knapp fünfzigjährige Psychologe und Vater Adam Bloom. Eines Abends dringen zwei Einbrecher in sein gut gesichertes Vorstadthaus ein. Er erschießt in Panik den einen. Der andere kann flüchten und er will sich an Adam Bloom rächen. Er macht sich an Blooms 22-jährige Tochter Marissa heran.

Schon in seinem vorherigen Roman „Stalking“ setzte Jason Starr weniger auf hohes Erzähltempo und überraschende Plotwendungen, als auf die genaue psychologische Zeichnung seiner Charaktere. In „Panik“ experimentiert er zunehmend mit wechselnden Perspektiven, die er nicht parallel, sondern hintereinander abarbeitet. So wird der Einbruch und das anschließende Verhör zuerst aus der Sicht des Vaters erzählt. Anschließend springt Starr zurück und erzählt diese Ereignisse aus der Sicht der Tochter.

Ken Bruen/Jason Starr: Attica

(übersetzt von Richard Betzenbichler)

Rotbuch Verlag, 2010

208 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

The MAX

Hard Case Crime, 2008

Jason Starr: Panik

(übersetzt von Ulla Kösters)

Diogenes, 2010

560 Seiten

11,90 Euro

Originalausgabe

Panic Attack

Minotaur Books, 2009

Ken Bruen & Jason Starr lesen

Donnerstag, 16. September, 22.00 Uhr

Admiralspalast, Studio 101 (Friedrichstr. 101, Berlin)

LATE-NIGHT LESUNG präsentiert von Radio eins

Ken Bruen und Jason Starr »Attica«

Moderation: Knut Elstermann

Lesung deutscher Text: David Nathan (deutsche. Stimme von Johnny Depp)

Kartenreservierung unter der Telefonnummer: 47997499 und an allen bekannten VVK-Stellen

Jason Starr liest allein

Hamburg, 15. September 2010, 20.00 Uhr

Berlin, 17. September 2010, 20.00 Uhr, Dorotheenstädtische Buchhandlung (Turmstraße 5)

Unna, 18. September 2010, 19.30 Uhr

Dortmund, 19. September 2010, 18.00 Uhr

Gütersloh, 20. September 2010, 20.00 Uhr

Stuttgart, 21. September 2010, 20.00 Uhr

(alle weiteren Infos bei Diogenes)

Nachtrag (16. September): Da sind mir doch tatsächlich einige Termine durch die Lappen gegangen (Tja, der Horizont eines echten Berliners endet an der Mauer, äh, an der Staadtgrenze):

Freitag, 17. September:

Ken Bruen solo in Bremen bei der Kriminacht

Samstag, 18. September

Ken Bruen und Jason Starr zusammen in Unna,

Crime Night, Eröffnungsgala des Krimifestivals „Mord am Hellweg“

Sonntag, 19. September

Ken Bruen und Jason Starr in Dortmund als „Blutiges Doppel“

Hinweise

Homepage von Ken Bruen

Homepage von Jason Starr

Meine Besprechung der von Ken Bruen geschriebenen Jack-Taylor-Reihe

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Jason Starrs „Stalking“ (The Follower, 2007)


Wellenreiten mit Don Winslow in deutschen Häusern

September 14, 2010

Eigentlich wollte ich einen langen, schönen Text über Don Winslow und seine erste (?) Lesetour in Deutschland schreiben, aber mangelhafte Planung (Aufschieberitis) und wichtige Dinge (Solitär. Solitär. Und, öh, Solitär.) haben das verhindert.

Daher gibt’s jetzt nur die harten Fakten, leicht aufgehübscht:

Don Winslow, der sich in den vergangenen Jahren zum Chronisten der kalifornischen Surferszene, entwickelte,stellt in den kommenden Tagen in Deutschland sein bereits 2005 erschienenes Opus Magnum (Fremdwort für „verdammt dickes Buch“) „Tage der Toten“ (erscheint demnächst) und sein fast neuestes Buch „Pacific Paradise“ vor. In den USA ist nämlich vor wenigen Tagen sein wirklich neuester Roman „Savages“ erschienen.

In „Pacific Paradise“ soll der bereits aus „Pacific Private“ bekannte Surfer und Teilzeit-Privatdetektiv Boone Daniels für die Verteidigung das Geständnis von Corey Blasingame überprüfen. Blasingame ist angeklagt die Surferlegende Kelly Kuhio umgebracht zu haben. Selbstverständlich sind seine Surferkumpels, die Dawn Patrol, von diesem Auftrag nicht begeistert. Besonders nachdem Boone Daniels nicht mehr hundertprozentig von der Blasingames Schuld überzeugt ist, wollen sie nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Zur gleichen Zeit beauftragt ihn der vermögende Dan Nichols, ein Mitglied der Gentlemen’s Hour (aka die alten Surfer, die die meiste Zeit am Strand herumhängen), seine Frau zu überwachen. Er glaubt, dass sie ihn betrügt. Sie tut’s und kurz darauf wird ihr Liebhaber ermordet.

Pacific Paradise“ bewegt sich in den vertrauten Bahnen des Privatdetektiv-Krimis. Denn dass Boone Daniels sich bei seinen Ermittlungen gewaltig in die Scheiße hineinreitet, dürfte niemand überraschen. Ebensowenig, dass seine Auftraggeber ihn für ihre Zwecke benutzen wollen, dass San Diego korrupt ist und dass die Utopie vom sauberen Surferleben brüchig ist.

Don Winslow erzählt „Pacific Paradise“ in seinem wunderschön entspannten Tonfall, der aus der bekannten, kleinen Geschichte ein kurzweiliges Vergnügen macht. .

Mit „Tage der Toten“ beendete Don Winslow 2005 seine sechsjährige Veröffentlichtlichungspause. Das siebenhundertseitige engbedruckte, für den Macavity-Preis nominierte Werk ist, ein vor dem Hintergrund der Iran-Contra-Affäre spielender Krimi über den Drogenhandel in Kalifornien und Mexiko. US-Drogenfahnder Art Keller will mit allen Mitteln die mexikanische Drogenmafia zur Strecke bringen.

James Ellroy meint zu dem Roman: „’The Power of the Dog‘ is the first great dope novel since ‚Dog Soldiers‘ thirty years ago. It’s frightening and sad, with a superbly sustained intensity. It’s a beautiful compressed vision of hell, with all its attendant moral madness.“

Und welcher Sterbliche würde schon James Ellroy widersprechen?

Don Winslow: Pacific Paradise

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2010

400 Seiten

9,95 Euro

Originaltitel

The Gentlemen’s Hour

William Heinemann, 2009

Don Winslow: Tage der Toten

(übersetzt von Chris Hirte)

Suhrkamp, 2010

704 Seiten

14,95 Euro (erscheint am 20. September 2010)

Originaltitel

The Power of the Dog

Alfred A. Knopf, 2005

Don Winslow auf der Suhrkamp-Welle

Pacific Private, 2009 (The Dawn Patrol, 2008)

Frankie Machine, 2009 (The Winter of Frankie Machine, 2006)

Pacific Paradise, 2010 (The Gentlemen’s Hour, 2009)

Tage der Toten (The Power of the Dog, 2005 – erscheint offiziell am 20. September 2010)


Don Winslow und die „Tage der Toten“ in Deutschland

Dienstag, 14. September 2010, BUCHPREMIERE

Berlin; 20:00 Uhr; English Theatre Berlin, Fidicinstraße 40

In Kooperation mit der Krimibuchhandlung Hammett und dem English Theatre Berlin

Mittwoch, 15. September 2010

Bremen; 20:00 Uhr; Thalia Buchhandlung, Obernstraße 44-54.

Lesung des deutschen Textes: Erik Roßbander

Donnerstag, 16. September 2010

Rostock; 20:00 Uhr; Thalia Buchhandlung, Breite Straße 15-17.

Lesung des deutschen Textes: Oliver Mommsen

Freitag, 17. September 2010

Köln; 20:00 Uhr; Buchhandlung Bittner, Albertusstraße 6.

Lesung des deutschen Textes: Dietmar Wunder

Samstag, 18. September 2010

München; 21:00 Uhr; Theater Drehleier, Rosenheimer Straße 123.

Große Jubiläumsveranstaltung der Krimi-Buchhandlung Glatteis.

Lesung des deutschen Textes: Hans Jürgen Stockerl

Hinweise

Homepage von Don Winslow

Deutsche Homepage von Don Winslow

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)


Madame Pelletier besucht die „Suite Noire“

September 8, 2010

Für Noir-Fans ist offensichtlich, dass Chantal Pelletiers „Schießen Sie auf den Weinhändler“ eine Hommage an David Goodis‘ „Schießen Sie auf den Pianisten“ („Tirez sur la pianiste“; der Originaltitel „Down there“ zählt im Moment nicht.) ist. Dabei hat Pelletiers Geschichte, wir ahnen es, nichts mit Goodis‘ Werk zu tun. Denn zwischen einem in einer Vorstadtkneipe vegetierendem Klavierspieler und geachteten, in der Provinz lebendem Weinhändlern gibt es nicht so viele Gemeinsamkeiten.

Gleich auf der ersten Seite erschießt dieser Weinhändler seine Frau, weil sie mal wieder die Sellerie-Remoulade falsch zubereitet hat. Danach bessert sich sein Leben. Jedenfalls in kulinarischer Hinsicht. Er trifft sogar auf eine junge Frau, die er als seine Köchin engagiert. Aber nach kurzem ist er auch mit ihren Leistungen in der Küche unzufrieden.

In der Mitte von „Schießen Sie auf den Weinhändler“ ändert Chantal Pelletier dann plötzlich die Perspektive und erzählt aus der Perspektive einer jüngeren Person, die sich mit einer älteren Frau als Verbrecherpaar durchs Leben schlägt. Erst viel später wird deutlich, dass diese Person die junge Köchin des Weinhändlers wird.

Weil nach diesem Perspektivenwechsel lange unklar ist, wie und ob die die zweite Geschichte mit der ersten zusammenhängt, ist man viel zu lange mit eben dieser formalen Frage beschäftigt und man distanziert sich von der großen Geschichte.

Deshalb ist „Schießen Sie auf den Weinhändler“ der schwächste Noir der ersten, aus vier Kurzromanen bestehenden „Suite Noire“-Lieferung.

Demnächst erscheint im Distel Literturverlag mit Didier Daeninckxs „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“, Marc Villards „Die Stadt beißt“, Laurent Martins „Die Königin der Pfeifen“ und Romain Slocombes „Das Tamtam der Angst“ die zweite „Suite Noire“-Lieferung. Auch diese Bücher wurden verfilmt.

Die DVD-Box mit den Verfilmungen dieser „Suite Noire“-Geschichten erschient im Herbst bei Edel.

Chantal Pelletier: Schießen Sie auf den Weinhändler

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2010

96 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Tirez sur la caviste

Éditions La Branche, 2007

Verfilmung

Tirez sur le caviste (Frankreich 2009)

Regie: Emmanuelle Bercot

Drehbuch: Emmanuelle Bercot

mit Julie-Marie Parmentier, Niels Arestrup, Christine Citti, Pierre-Félix Gravière

Hinweise

Homepage der „Suite Noire“ (englische Version)

Seite der Éditions La Branche über die „Suite Noire“

Homepage von Chantal Pelletier

Krimi-Couch über Chantal Pelletier

Meine Besprechung von Patrick Raynals „Suite Noire“-Buch „Landungsbrücke für Engel“ (Le débarcadère des anges, 2007)

Meine Besprechung von Colin Thiberts „Nächste Ausfahrt Mord“ (Vitrage à la corde, 2007)

Meine Besprechung von José-Louis Bocquets „Papas Musik“ (La musique de papa, 2007)


Monsieur Bocquet besucht die „Suite Noire“

September 6, 2010

Papas Musik“ von José-Louis Bocquet konnte „Suite Noire“-Herausgeber Jean-Bernard Pouy nicht ablehnen. Denn Bocquets Noir ist eine Hommage an den Roman „Le Cinéma de papa“ (Papas Kino) von Jean-Bernard Pouy. Dass Bocquets Geschichte, soweit ich weiß, nichts mehr mit Pouys Geschichte zu tun hat, hat auch bei den anderen „Suite Noire“-Romanen nicht gestört. Auch dass der Krimianteil (gemessen an den normalen Krimibeigaben) eher klein ausfällt, aber dafür der Noir-Anteil größer, stört nicht weiter.

In „Papas Musik“ muss sich ein inzwischen vom Pech verfolgter, geschiedener Musikproduzent notgedrungen um seinen Sohn kümmern. Jules hat die Schule geschmissen und ist bei seiner Mutter ausgezogen. Denn beim Vater, den er am Buchanfang bei einem Selbstmordversuch stört, ist es einfach entspannter. Aber dann versucht dieser, für seinen Sohn ein Vater zu sein und sich aus seiner finanziellen Misere zu befreien. Er schenkt Jules eine Gitarre und als er während eines Konzerts bemerkt, dass Jules und seine Rockband talentiert sind, will er eine Platte mit ihnen machen. Dafür nimmt er weitere Schulden auf.

Natürlich, immerhin ist „Papas Musik“ ein Noir und die kennen für den Helden nur einen Weg, nämlich abwärts, endet das nicht gut. Bocquet erzählt diese Geschichte einiger kleiner Leute angenehm pathosfrei, illusionslos und mit einger guten Portion trockenen Humors auf hundert Seiten. Es gibt einige Einblicke in das sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal gewandelte Musikgeschäft und dem alltäglichen Überlebenskampf eines kleinen Produzenten. Außerdem gibt es eine Vater-Sohn-Geschichte, in der keiner um die Gunst des anderen buhlt. Für den Vater ist sein Sohn am Anfang nur das „kleine Arschloch“, das wegen der Art des Schuleschwänzens von ihm respektiert wird. Und der Vater ist eine gescheiterte Existenz, der regelmäßig vom Gerichtsvollzieher besucht wird. Dabei ist er kein schlechter Mensch, sondern nur ein Pechvogel.

José-Louis Bocquet: Papas Musik

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2010

108 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

La musique de papa

Éditions La Branche, 2007

Verfilmung

La musique de papa (Frankreich 2009)

Regie: Patrick Grandperret

Drehbuch: ?

Mit Antoine Chappey, Léo Grandperret, Marilyne Canto, Agnès Soral, Florence Thomassin, Eric Defosse

Hinweise

Homepage der „Suite Noire“ (englische Version)

Seite der Éditions La Branche über die „Suite Noire“

Wikipedia über José-Louis Bocquet

Evene.fr über José-Louis Bocquet

Meine Besprechung von Patrick Raynals „Suite Noire“-Buch „Landungsbrücke für Engel“ (Le débarcadère des anges, 2007)

Meine Besprechung von Colin Thiberts „Nächste Ausfahrt Mord“ (Vitrage à la corde, 2007)


Monsieur Thibert besucht die „Suite Noire“

September 1, 2010

Gabriel Landry ist der Leiter eines großen, in der tiefsten Provinz liegendem Verkaufsgebietes für PVC-Fensterrahmen an die dort lebenden Bauern. Sein ganzer Stolz ist ein gerade gekaufter Porsche Cayenne, der das offensichtliche Symbol für seinen Erfolg als Vertreter ist. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ist am Abschlussabend des Lehrgangs für die neuen Vertreter, wieder einmal, einem Seitensprung mit einer der neuen, jungen Vertreterinnen nicht abgeneigt. Landry ist ein auf seinen Status und den äußeren Schein fixierter, überheblicher Bourgeois. Deshalb nimmt er an dem Abend mit der ebenfalls alkoholisierten Vertreterin auf dem Beifahrersitz seines Porsches, als er eine Polizeikontrolle sieht, eine Abkürzung, fährt zu schnell, rammt einen Kleinwagen, ist zuerst nur um seinen Porsche besorgt, hört dann ein Baby schreien, setzt das andere Auto mit der toten Fahrerin und dem Baby in Brand und wird dabei dummerweise von seiner Beifahrerin, die inzwischen aufgewacht ist, beobachtet. Also muss auch sie sterben. Dann verschafft er sich ein Alibi und die Sache könnte er auf sich beruhen lassen, wenn er nicht eine ordentliche falsche Spur legen möchte und deshalb weitere Morde begehen muss.

Nächste Ausfahrt Mord“ von Colin Thibert ist eine weitere, sehr kurzweilige, schwarzhumorige Variante der Geschichte des Biedermannes, der durch einen Zufall jemand tötet und, weil er sein bürgerliches Leben schützen möchte, weitere Morde begehen muss. Gleichzeitig ist, was regelmäßige Leser französischer Krimis nicht erstaunt, Landry ein arrogantes Arschloch, dem man alles Schlechte wünscht. Und weil die Geschichten in der von Jean-Bernard Pouy herausgegebenen „Suite Noire“ nur hundert Seiten haben dürfen, bleibt den Autoren keine Zeit für zeitraubende Umwege und Subplots. Stattdessen wird der Hauptplot angenehm zügig zu Ende erzählt.

Neben der Länge ist jedes „Suite Noire“-Buch eine Hommage an einen älteren Kriminalroman ist. Colin Thibert wählte Stephen Marlowes 1955 erschienener Krimi „Turn Left for Murder“, der in Frankreich „Virage à la corde“ heißt, aus.

Colin Thibert: Nächste Ausfahrt Mord

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2010

108 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Vitrage à la corde

Éditions La Branche, 2007

Verfilmung

Vitrage à la corde (Frankreich 2009)

Regie: Laurent Bouhnik

Drehbuch: Bibi Naceri

Hinweise

Homepage der „Suite Noire“ (englische Version)

Seite der Éditions La Branche über die „Suite Noire“

Wikipedia über Colin Thibert

Polar Noir über Colin Thibert

Meine Besprechung von Patrick Raynals „Suite Noire“-Buch „Landungsbrücke für Engel“ (Le débarcadère des anges, 2007)

Meine Besprechung von Bibi Naceris „Go Fast“ (er schrieb das Drehbuch für den Franco-Krimi)


„100 Bullets“ für „Loveless“?

August 31, 2010

Gleich zwei Serien von Brian Azzarello steuern auf ihr Ende zu. Einmal die geniale, auf hundert Hefte angelegte Noir-Serie „100 Bullets“, einmal die eher konfuse Westernserie „Loveless“, die ursprünglich als ein großes Epos geplant war, aber nach 24 Heften eingestellt wurde.

Bereits in den ersten „Loveless“-Heften fragte man sich, was Brian Azzarello da eigentlich anstellt. Die Prämisse (Wes Cutter kehrt aus dem Krieg zurück und will sich rächen) ist einfach, aber tragfähig. Die Idee, die Zeit nach dem Bürgerkrieg ungeschminkt zu zeigen, verspricht durchaus einige spannende Geschichten, die ein unbekanntes Licht auf die amerikanische Geschichte werfen und gegen einen zünftigen Western ist auch nichts einzuwenden. Besonders wenn die ersten Seiten einen Mix aus Spaghetti-Western und Deadwood versprechen. Aber schon in den ersten Heften wurde die Rachegeschichte zugunsten verschiedener heftlanger Episoden und unmotivierter Aktionen von Wes Cutter, die vielleicht die Bewohner von Blackwater provozieren, ihn aber nicht näher an sein Ziel bringen, vernachlässigt. Am Ende des zweiten „Loveless“-Bandes „Begraben in Blackwater“ gab es dann den großen Schock: Wes Cutter wird von einem gedungenen Mörder erschossen.

Im dritten, jetzt erschienenen Band „Saat der Vergeltung“ nimmt Cutters Frau Ruth das Heft des Handelns in die Hand. Immerhin hat sie jetzt einen weiteren Grund, sich an den Einwohnern von Blackwater und den dort brutal agierenden Nordstaaten-Soldaten zu rächen. Aber vor der Rache gibt es erst einmal ein Bündel Charakterstudien, die den einzelnen Charakteren mehr Tiefe verleihen, ohne den Hauptplot (der jetzt wohl ‚Ruth Cutter will sich rächen‘ ist) erkennbar voranzutreiben. Dafür erzählt Azzarello in der drei Hefte umfassenden Geschichte „Stunde der Abrechnung“, wie ein ultrabrutaler Nordstaatler den Grundstein für den Klu Klux Klan legt und es entsteht langsam ein düsteres Bild, wie sich der Hass zwischen Nord- und Südstaatlern, politische und ökonomische Interessen miteinander verknüpfen. Es bleibt aber immer noch die Frage, wie das alles in dem vierten und abschließendem, für Ende September angekündigten „Loveless“-Band „Stunde der Abrechnung“ enden soll.

Wie das Enden soll fragt man sich auch bei „100 Bullets“. Denn Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso haben nur noch siebzehn Hefte um den Kampf zwischen den Minutemen und den verschiedenen Häusern des Trusts zu einem sicher für viele Charaktere tödlichem Ende zu führen und die vielen offenen Fragen zu klären.

In dem elften „100 Bullets“-Sammelband „Das Einmaleins der Macht“ springen Azzarello und Risso so sehr zwischen den einzelnen Subplots und Zeitebenen, dass die Geschichte kaum noch nacherzählt werden kann.

Aber das ist auch irgendwie müßig. Denn die „100 Bullets“-Fans werden die Story verschlingen, Neueinsteiger werden sich im elften „100 Bullets“-Sammelband sehr verloren vorkommen. Daran ändert auch die kurze Zusammenfassung am Anfang des Buches nichts.

Hier muss wirklich mit dem ersten Heft begonnen werden. Denn letztendlich ist kein Charakter und keine Geschichte überflüssig. Sie alle (Tote ausgenommen) tauchen irgendwann wieder auf und oft erscheint ihr früheres Handeln in einem neuen Licht.

Im Gegensatz zu der verunglückten Westernserie „Loveless“ (außer Brian Azzarello findet noch einen überraschenden Abschluss) ist die Noir-Serie „100 Bullets“ absolut empfehlenswert.

Brian Azzarello/Danijel Zezelj/Werther Dell’Edera: Loveless – Saat der Vergeltung (Band 3)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Vertigo/Panini 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Loveless – Blackwater Falls

Vertigo Comics, 2008

(die Originalausgabe enthält Volume 13 – 24)

Die deutsche Ausgabe Volume 13 – 18, Vertigo Comics 2007

Brian Azzarello/Eduardo Risso: 100 Bullets – Das Einmaleins der Macht (Band 11)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Vertigo/Panini 2010

196 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

100 Bullets – Once upon a crime

Vertigo, 2007

(enthält Volume 27 – 83, DC Comics 2006/2007)

Hinweise

Wikipedia über „100 Bullets“ (deutsch, englisch)

Britische Fanseite zu „100 Bullets“

News A Rama: Interview mit Brian Azzarello (Oktober 2006)

UGO: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006)

Comics Bulletin: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006/2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)


„Martha Washington“ – Frank Millers und Dave Gibbons‘ Vision von der Gegenwart

August 23, 2010

Was passiert, wenn „Sin City“, „The Dark Knight Returns“ (Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters) und „Watchmen“ aufeinander stoßen?

Das ist eine interessante Frage, die bereits 1990 beantwortet wurde.

Frank Miller und Dave Gibbons haben sich damals zusammengetan und mit der vierteiligen Serie „Martha Washington“ (die später aufgrund des Erfolgs einige Fortsetzungen erhielt, die jetzt, teilweise erstmals, bei uns erscheinen) eine vollkommen andere Welt geschaffen, die als Science-Fiction-Geschichte damalige Entwicklungen fortschrieb und, teilweise, an Frank Millers äußerst gewalttätige dystopische, fast zeitgleich entstandene Philip-K.-Dick-Hommage „Hardboiled“ erinnert. Weil Dave Gibbons „Watchmen“ und „Martha Washington“ zeichnete, sind die Parallelen zu Alan Moores in einer Parallelwelt spielendem Epos unübersehbar. Auch der Einsatz von erklärenden Zeitungsreportagen, Titelseiten und Anzeigen ist aus „Watchmen“ vertraut und zeichnet ein vielschichtiges, satirisches Bild einer totalitären Zukunft, die in erster Linie ein unübersehbarer Kommentar zur Tagespolitik war.

Heute, zwanzig Jahre später, ist es natürlich interessant zu sehen, was um 1990 heftig diskutiert wurde, was immer noch aktuell ist und was sich ganz anders entwickelte.

So ist die USA in „Martha Washington“ in verschiedene Staaten zerfallen. Es gibt „God’s Country“ („ein Paradies ohne Zigaretten und Drogen“ in dem „schlechte Musik, schlechtes Essen, schmutzige Wörter, Verhütung, Pornographie und Ehebruch“ verboten sind), „Wunderland“ (nun ja: Hollywood), das „Mexikanische Territorium“ (Hauptquelle für billige Arbeitskräfte), „Real America“ (regiert von dem Fastfood-Konzern Fat Boy Burgers), die „Lone-Star-Republik“ (Texas), „Florida“ (das wahrscheinlich demnächst von Kuba annektiert wird), die „Frauen-Konföderation“ (liegt natürlich an der Ostküste und glaubt, dass „alles Schlimme in dieser Welt von Männern verursacht wird“), die „Kapitalistische Ostküsten-Diktatur“ (Manhattan und anliegende Gebiete), die „New-England-Staatenföderation“ (die alle Verfassungszusätze ab 1990 annullieren möchte und 2009 den Crash der Datenbank des Finanzamtes verursachte) und noch einige Reststaaten, die in den „Vereinigten Staaten von Amerika“ verblieben sind und seit mehreren Wahlperioden von dem gleichen Präsidenten regiert werden.

Die 1995 geborene Afroamerikanerin Martha Washington wächst in Chicago in einem gescheiterten Projekt für Soziales Wohnen auf, kommt in eine Geschlossene Anstalt (eine Möglichkeit dem Ghetto zu entkommen) und geht zum US-Militär, das jetzt „PAX“ heißt. Für Martha gibt es dafür drei gute Gründe: „Jeder, der zu PAX geht, kriegt eine saubere Akte. Man kann nicht verhaftet werden. Das wird Mama echt anpissen.“

In Südamerika kämpft sie als PAX-Friedenskämpferin gegen internationale Fastfood-Konzerne, die den Urwald abholzen. Damals war das Abholzen der Regenwälder ein großes Thema (Na, ihr alten Säcke, erinnert ihr euch noch an die Demos mit dem „MacDonalds holzt den Regenwald ab“-Plakaten?), heute redet niemand mehr darüber.

Dafür ist aber die schlechte Situation der Indianer in den Reservaten bekannter. Marthas Abenteuer verschlagen sie nämlich auch in das unbewohnbare Reservat der Apachen. Fast die Hälfte der Apachen leidet, aufgrund von umweltverschmutzenden Ölraffinerien, an verschiedenen Lungenkrankheiten.

In dem Apachengebiet landete sie, nachdem sie im Weltall eine Mission gegen die Arische Achse, eine militante schwule Rassistengruppe, die als Racheakt mit einer Laserkanone das Weiße Haus einäschern wollen, mehr oder weniger erfolgreich beendete.

Aber auch dort wird Martha Washington von ihrem Intimfeind Moretti verfolgt. Sie rettete dem Feigling mit hochfliegenden Ambitionen im Dschungel das Leben. Danach baute er seine Karriere auf einer falschen Heldentat auf und er will die einzige Zeugin dafür töten. Diese Rachegeschichte ist die am Ende des ersten Heftes „Heim & Garten“ beginnende heftübergreifende Geschichte für die nächsten drei, hübsch ironisch betitelten Hefte „Freizeit & Vergnügen“, „Gesundheit & Wohlergehen“ und „Tod & Steuern“ von „Das Leben und Wirken der Martha Washington im 21. Jahrhundert“, wie der vollständige, an die offiziell-pompöse Geschichtsschreibung erinnernde Titel der Sammelausgaben der Martha-Washington-Geschichten lautet.

Ende August erscheint bei Panini mit „Martha zieht in den Krieg“ der zweite Band der dreibändigen „Martha Washington“-Komplettausgabe.

Frank Miller (Autor)/Dave Gibbons /(Zeichner): Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2010

212 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Give me liberty

Dark Horse Comics, 1990 (Vier Hefte)

später auch als Sammelband erschienen

Hinweise

Blog/Homepage von Frank Miller

Wikipedia über Frank Miller (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows “Hard Boiled” (Hard Boiled, 1990/1992)

Homepage von Dave Gibbons (coming soon…)

Dave-Gibbons-Fanseite

Wikipedia über Dave Gibbons (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons‘ „Watchmen“ (Watchmen, 1986/1987)