Dominik Graf spricht über seine Filme

Dezember 20, 2010

Von der zehnteiligen Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ war ich enttäuscht.

Von dem die Serie begleitendem Buch bin ich begeistert.

Denn das von Johannes F. Sievert herausgegebene Buch „Im Angesicht des Verbrechens“ ist kein Roman zum Film, kein Abdruck des Drehbuchs und kein blindes Abfeiern der Serie als Meisterwerk. Es ist ein Interviewband, der „Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“ (so der Untertitel) zeigen will und deshalb einen tiefen Einblick in die Produktion eines Films von den ersten Ideen bis zur Premiere gibt. Gleichzeitig, weil das Herzstück des Buches ein zweihundertseitiges Interview mit Regisseur Dominik Graf ist, ist es auch ein Rückblick auf sein Leben, wie er Regie führt und wie sich sein Stil änderte. Dabei kommt er in dem Gespräch immer wieder auf „Der Fahnder“ (die Serie, in der er seine ersten Meriten sammelte), „Die Katze“ (der erfolgreiche Banküberfallthriller mit Götz George und Gudrun Landgrebe) und „Die Sieger“ (ein erfolgloser Thriller über ein SEK-Team) zurück. Gerade „Die Sieger“ wird von Graf in dem Gespräch immer wieder genannt. Denn an diesem Film, den er für gescheitert hält, könne man einfach am Besten erklären, was er erreichen wollte, was schiefging und welche Folgen die falschen Kompromisse und Budgetbeschränkungen auf einen Film haben können. Die knappen und oft zu knappen Budgets, was sich vor allem an Action- und Massenszenen zeigt, sind ein wiederkehrendes Thema in dem Buch. Ein anderes wiederkehrendes Thema ist Grafs Suche nach dem Schmutz und dem bisschen Leben im Film. Denn er möchte in seinen Filmen nicht nur eine in jeder Beziehung perfekte Traumwelt zeigen, sondern auch Überraschungen und Improvisationen Raum geben. So wies er, als beim Dreh einer komplizierten Restaurantszene von „Im Angesicht des Verbrechens“, in der verschiedene Gruppen von Polizisten Gangster beobachten sein Team an, einen herumstreunenden Hund nicht aus dem Bild zu entfernen.

Im Anschluss an das ausführliche Interview mit Dominik Graf führte Johannes F. Sievert kürzere Interviews mit Drehbuchautor Rolf Basedow (das hätte ruhig ausführlicher sein können), den WDR-Redakteuren Wolf-Dietrich Brücker und Frank Tönsmann, Arte-Redakteur Andreas Schreitmüller, Producerin Kathrin Bullemer, Kameramann Michael Wiesweg, Szenenbildner Claus-Jürgen Pfeiffer, den Musikern Florian Van Volxem und Sven Rosenbach, der Cutterin Claudia Wolscht und den Hauptdarstellern. Diese Statements, die nach vertrauten Promo-Sätzen klingen, hätte man ruhig streichen können.

Eine euphorische Kritik der Serie von Peter Körte, ein Episodenguide, ein Glossar, eine detaillierte Filmographie von Dominik Graf und 75 Abbildungen runden das für Filmfans essentielle Werk ab.

Johannes F. Sievert (Hrsg.): Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie

Alexander Verlag, 2010

392 Seiten

29,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung von „Im Angesicht des Verbrechens“

Dominik Graf in der Kriminalakte

 


Alter Scheiß? Ross Thomas: Der Yellow-Dog-Kontrakt

Dezember 18, 2010

1976 veröffentlichte Ross Thomas (19. Februar 1926 – 18. Dezember 1995) seinen fünfzehnten Roman „Yellow Dog Contract“.

1978 erschien als „Geheimoperation Gelber Hund“ die deutsche Ausgabe.

Jetzt erschien im Alexander-Verlag, als Teil der nur lobenswerten Ross-Thomas-Wiederveröffentlichungen, das Buch in einer überarbeiteten und vollständigen Übersetzung als „Der Yellow-Dog-Kontrakt“.

In dem Polit-Thriller soll Harvey Longmire (früher Wahlkampfberater, heute Gedichteschreiber und Bauer) für Roger Vullo, der gerade die Arnold-Vullo-Foundation gegründet hat, die Verschwörungen aufdecken will, herausfinden, warum der Gewerkschaftsführer Arch Mix verschwand. Longmire nimmt den Auftrag vor allem an, weil er wissen will, ob er inzwischen zum alten Eisen gehört. Denn von seiner früheren Arbeit als Wahlkampfberater, Abteilungen „Stimmen um jeden Preis beschaffen“, kennt er Mix, die Gewerkschaften und das politische Geschäft.

Bei seinen Recherchen, die vor allem im Kreis seiner Familie, seinen Bekannten aus dem Politikgeschäft (Freunde wäre wahrscheinlich die falsche Bezeichnung) und dem Umfeld der Gewerkschaft stattfinden, wird es für ihn schnell gefährlich. Denn jemand will mit allen Mitteln verhindern, dass herauskommt, was mit Arch Mix geschah und er ermordet dafür jeden, der die Wahrheit kennt.

Als Longmire erfährt, dass erst kürzlich in mehreren Großstädten die Gewerkschaftsbosse durch unbekannte Nachfolger ersetzt wurden und diese unerfüllbare Forderungen an die städtischen Arbeitgeber stellen, glaubt er, dass hier ein Yellow-Dog-Kontrakt (ein in den USA bekannter Begriff für einen, seit 1932 verbotenen, Arbeitsvertrag, in dem dem Arbeitnehmer die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft untersagt wird) vorbereitet werden soll. Er weiß allerdings noch nicht, wie diese beiden Ereignisse zusammenhängen.

Der Yellow-Dog-Kontrakt“ ist sicher nicht der beste Thriller von Ross Thomas. Dafür ist das Komplott letztendlich doch zu unübersichtlich und wird am Ende zu hastig aufgelöst und dass die Geschichte, wie in einem klassischem Privatdetektivroman aus Longmires Sicht erzählt wird, erhöht hier die Spannung nicht unbedingt. Auch sind die Charaktere weniger farbig als in seinen anderen Büchern. Nur Longmires Onkel Jean-Jacques Le Gouis, kurz „Slick“, erinnert als Mann, der wahrscheinlich in jedem zweiten schmutzigen Geschäft zwischen dem Zweiten Weltkrieg und Watergate seine Finger drin hatte, an die überlebensgroßen Ross-Thomas-Charaktere. Die anderen sind doch sehr brave Beamte und Gewerkschaftler; – jedenfalls nach Ross-Thomas-Standard. Roger Vullos Angewohnheit ständig auf seinen Fingern herumzukauen, ist anfangs amüsant, verbraucht sich als Running Gag aber schon während Longmires erster Audienz bei Vullo (den wir uns heute wohl als eine Mischung aus Mark Zuckerberg und Julian Assange vorstellen können). Da ist der zweite Running Gag, nämlich dass jeder einen anderen Schauspieler nennt, als er sagt, an wen ihn Longmires Bart erinnere, schon gelungener.

Aber im Vergleich zu John le Carrés neuestem Werk „Verräter wie wir“ ist „Der Yellow-Dog-Kontrakt“ ein hundsgemeiner Thriller aus den Hinterhöfen der Politik. Denn es geht im Post-Watergate-Washington um Gewerkschaften, die für politische Zwecke gebraucht werden (von Missbrauch wollen wir nicht reden, denn die Gewerkschaftler machen gerne mit) und die Idee, dass mit Streiks sogar Präsidenten gemacht werden können. Es gibt herrlich zynische Dialoge und einige köstliche Einblicke in das politische Geschäft.

Ross Thomas: Der Yellow-Dog-Kontrakt

(übersetzt von Stella Diedrich, Gisbert Haefs und Edith Massmann)

Alexander Verlag, 2010

272 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Yellow Dog Contract

William Morrow & Co, 1976

Deutsche Erstausgabe

Geheimoperation Gelber Hund

(übersetzt von Edith Massmann)

Ullstein, 1978

Hinweise

Wikipedia über Ross Thomas (deutsch, englisch)

Alligatorpapiere: Gerd Schäfer über Ross Thomas (Reprint “Merkur”, November 2007)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Gottes vergessene Stadt” (The Fourth Durango, 1989)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Kälter als der Kalte Krieg“ (Der Einweg-Mensch, The Cold War Swap, 1966)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Teufels Küche“ (Missionary Stew, 1983)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Am Rand der Welt“ (Out on the Rim, 1986)

Meine Besprechung von Ross Thomas‘ „Voodoo, Ltd.“ (Voodoo, Ltd., 1992)

Kleine Ross-Thomas-Covergalerie in der Kriminalakte


Übersetzen? Lee Goldberg: The Man with the Iron-On Badge

Dezember 16, 2010

Bevor Lee Goldberg mit seinen „Monk“-Romanen auch bei uns bekannt wurde, schrieb er „The Man with the Iron-On Badge“, eine Privatdetektivgeschichte, die 2006 auch für den renommierten Shamus-Preis als bester Privatdetektivroman des Jahres nominiert war. Die Hardcover-Ausgabe verschwand schnell vom Buchmarkt, eine Taschenbuchausgabe wurde nicht gedruckt und Lee Goldberg entschloss sich in einem Akt der Selbsthilfe, den Roman, der wahrscheinlich als Beginn einer Serie gedacht war, in den USA in einer Kindle-Edition zu veröffentlichen.

Der neunundzwanzigjährige Harvey Mapes ist Nachtwächter in einer geschlossenen Wohnanlage in Camarillo, Kalifornien. Seine Zeit verbringt er mit der Lektüre von Privatdetektivromanen und dem Ansehen von entsprechenden TV-Serien.

Eines Tages beauftragt ihn der Wohnanlagenbewohner Cyril Parkus seine Frau Lauren zu beobachten. Er soll herausfinden, mit wem Lauren ihn betrügt. Als Sicherheitsbeamter habe er doch Erfahrung mit der Arbeit eines Detektivs.

Mapes nimmt den Auftrag an. Denn, so glaubt er, könne er dem perfekten Leben von Travis McGee einige entscheidende Schritte näherkommen.

Travis McGee ist ein von John D. MacDonald erfundener, enorm populärer Privatdetektiv, der in Florida auf einem Hausboot lebt, verschwundene Gegenstände für einen Finderlohn sucht und gutaussehenden Frauen in Not hilft, die sich selbstverständlich in ihn verlieben.

Schon dieser Vergleich gibt die Melodie, die Lee Goldberg in dem ironischer Krimi anstimmt, vor. „The Man with the Iron-On Badge“ ist eine Hommage an den klassischen Privatdetektivroman. Dabei entsteht ein großer Teil des Witzes aus dem Unterschied zwischen Traum und Realität. Denn Harvey Mapes ist kein Travis McGee. Aber am Ende fügt sich dann vieles so zusammen, wie man es aus einem Privatdetektivroman kennt und liebt. Es gibt schöne Frauen, einen Freund mit guten Verbindungen, Schläger, Geheimnisse, Lügen und die aktuellen Ereignisse haben ihren Ursprung in der Vergangenheit. Das ist dann fast schon so, wie bei Ross Macdonald und seinen in Kalifornien spielenden Krimis mit Lew Archer als Ermittler.

Diese und viele weitere Anspielungen, die von Lee Goldberg lässig in die Geschichte eingestreut werden, verknüpft mit der spannenden Geschichte, die natürlich viele vertraute Elemente enthält, machen „The Man with the Iron-On Badge“ zu einer sehr vergnüglichen, traditionsbewussten Geschichte, die übersetzt werden sollte.

Und, wer Kindle doof findet, kann, wie Lee Goldberg auf seiner Homepage schreibt, nächstes Jahr eine Taschenbuchausgabe von „The Man with the Iron-On Badge“ kaufen.

Lee Goldberg: The Man with the Iron-On Badge

Five Star, 2005

224 Seiten

,– (Hardcover-Ausgabe nur noch antiquarisch

2,99 US-Dollar (Kindle-Ausgabe)

Hinweise

Homepage von Lee Goldberg

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Feuerwehr“ (Mr. Monk goes to the Firehouse, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk besucht Hawaii“ (Mr. Monk goes to Hawaii, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk und die Montagsgrippe“ (Mr. Monk and the Blue Flu, 2007)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und seine Assistentinnen“ (Mr. Monk and the two Assistants, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Außerirdischen“ (Mr. Monk in outer space, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk in Germany“ (Mr. Monk goes to Germany, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Bonjour, Mr. Monk“ (Mr. Monk is miserable, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Wurzel allen Übels“ (Mr. Monk and the Dirty Cop, 2009)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und Mr. Monk (Mr. Monk in Trouble, 2009)

Bonus: Ein Interview mit Lee Goldberg



Das Minderheitenvotum zu John le Carrés „Verräter wie wir“

Dezember 15, 2010

Die meisten Kritiker feiern John le Carrés neuen Roman „Verräter wie wir“ ab. Auf der Bestenliste der KrimiWelt landete er sofort auf dem ersten Platz. Der Autor selbst füttert mit Interviews die Pressemaschine. Denn, im Gegensatz zu den meisten Engländern und Amerikanern, spricht er Deutsch. Für TV- und Radiointerviews ist das ein unbestreitbarer Vorteil. Auch dass er Deutschland kennt, seine Romane oft hier spielen und er ein beeindruckendes Werk vorweisen kann, ist hilfreich.

Als Chronist des Kalten Krieges schrieb er sich mit realistischen Spionageromanen in die Herzen von Millionen Lesern. Danach schrieb er einige Rückblicke auf den Kalten Krieg („Der heimliche Gefährte“ [eigentlich eine Kurzgeschichtensammlung], „Absolute Freunde“), widmete sich dem illegalen Medikamentenhandel in Afrika („Der ewige Gärtner“) und beschäftigte sich mit den aktuellen Entwicklungen in den Geheimdiensten und der Internationalen Politik. In „Geheime Melodie“ war es das Schachern um afrikanische Staaten und in „Marionetten“ das Schicksal eines jungen Mannes, den die Geheimdienste für einen islamistische Terroristen halten. Alles wichtige Themen, die er teils mit zu viel Pathos und gerechter Empörung präsentierte.

In seinem neuesten Roman „Verräter wie wir“ erzählt er die Geschichte eines Russenmafiosi, der zu den Briten überlaufen will und sich dabei eines Universitätslehrers und seiner Frau, einer Anwältin, bedient. Es geht um die internationale Finanzpolitik, das Waschen von schmutzigem Geld und, wieder einmal, um einen Niemand, der in die Spiele der Geheimdienste und, inzwischen auch, Verbrecher (mit mehr oder weniger weißem Kragen) verwickelt wird. Dabei ähnelt seine Rolle der eines Bauern beim Schach.

Aber in „Verräter wie wir“ nimmt John le Carré sich, wie zuletzt in „Geheime Melodie“, viel zu viel Zeit, um die Geschichte zu beginnen. In der ersten Hälfte des Buches wird nur aus verschiedenen Perspektiven und damit in endlosen Wiederholungen, erzählt, wie der Lehrer den Mafiosi kennenlernt und sie gegeneinander Tennis spielen. Während der Plot sich in diesen Momenten im Schneckentempo vorwärts bewegt, ist man als Leser, auch ohne die Lektüre des Klappentextes, der fast die gesamte Geschichte verrät, schon weiter. Denn, auch ohne dass es ausdrücklich gesagt wird, ahnt man, dass der reiche Russe sein Geld nicht auf ehrliche Art verdient hat und man fragt sich, warum er seinen Ausstieg aus dem kriminellen Geschäft ausgerechnet mit der Hilfe eines Lehrers organisieren will und warum er sich nicht einfach direkt an den britischen Geheimdienst wendet; – obwohl die CIA der naheliegendere Ansprechpartner wäre.

Der Austausch wird erst weit nach der Hälfte des Buches vorbereitet – und spätestens dann fragt man sich, warum John le Carré eine Kurzgeschichte auf vierhundert Seiten aufbläht. Denn er erzählt die ersten Begegnungen des Lehrerpaars und des Mafiosi aus mehreren Perspektiven, was die Handlung nicht voranbringt und den Charakteren auch keine größere Tiefe verleiht, aber dafür die Seiten füllt. Später verschwendet er über dreißig Seiten für eine zähe und für die Geschichte in jeder Beziehung vollkommen unerhebliche Hintergrundgeschichte. In diesen Moment fragt man sich ob die guten Erinnerung an die früheren le-Carré-Romane, wie „Der Nacht-Manager“ (in dem Roman wird ein Hotelportier als Agent bei einem internationalen Waffenhändler eingeschleust), nicht täuschen. Denn „Der Nacht-Manager“ ist mit gut sechshundert Seiten zwar deutlich länger als „Verräter wie wir“, liest sich aber wesentlich kurzweiliger.

Auch das Ende, das ja manchmal einem schlechten Werk eine gelungene Pointe verpasst, wirkt lieblos. Es ist eines dieser Enden, das viele Fragen nicht beantwortet und sehr verschieden interpretiert werden kann. Manchmal, wie in den Paranoia-Thrillern der siebziger Jahre, kann so ein Ende zur gewollten Beunruhigung des Publikums beitragen. In „Verräter wie wir“ wirkt es allerdings so, als habe John le Carré nicht gewusst, wie er die Geschichte beenden soll und dafür dann die dümmste aller möglichen Lösungen gewählt, die sich an dem alten Rätselkrimispruch „Der Mörder ist immer der Gärtner“ orientiert.

Verräter wie wir“ reiht sich nahtlos in John le Carrés enttäuschendes Spätwerk ein. „Marionetten“ war okay. „Geheime Melodie“ und „Absolute Freunde“ waren langweilig. „Der ewige Gärtner“ präsentierte über gefühlte Hunderte von Seiten Fakten über den illegalen Medikamentenhandel, die sich wie eine Zeitungsreportage lasen, im Buch wie Fremdkörper wirkten und John le Carré ließ viel zu oft seiner moralischen Empörung freien Lauf. „Single & Single“ habe ich bis auf die Stichworte „Zirkus“, „Familienbetrieb“ und „Bankgeschäfte mit Russland“ vergessen. Und dann wären wir schon bei le Carrés Graham-Greene-Variante „Der Schneider von Panama“ und dem „Nacht-Manager“, die mir als Post-Kalter-Kriegs-Romane gefielen.

John le Carré: Verräter wie wir

(übersetzt von Sabine Roth)

Ullstein, 2010

416 Seiten

24,95 Euro

Originalausgabe

Our Kind of Traitor

Viking, London, 2010

Hinweise

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

John le Carré in der Kriminalakte

 


Ein Buch über die „Mad Men – Die Könige der Madison Avenue“

November 26, 2010

Seit einigen Wochen läuft die hochgelobte TV-Serie „Mad Men“ über eine Werbeagentur in den Sechzigern mittwochs um 22.30 Uhr auf ZDFneo. Der Spartensender mit dem guten Programm hat sich, nachdem kein Privatsender zuschlagen wollte, die Serie geschnappt.

Und egal was man von der Serie hält, eines muss man konstatieren: die Macher haben sich viel Mühe gegeben, die damalige Zeit wiederauferstehen zu lassen. Das ist ihnen so gut gelungen, dass es inzwischen etliche „Mad Men“-Stilguides gibt und auch Jesse McLeans Begleitbuch „Mad Men – Die Könige der Madison Avenue“ widmet dem Zeitkolorit viele Seiten. Er schreibt über damals populäre Bücher, Filme, Lieder, Orte und Werbekampagnen, die in der Serie erwähnt werden, und natürlich wird, wie es sich für ein Begleitbuch zu einer Serie gehört, jede einzelne Folge ausführlich besprochen. In „Mad Men – Die Könige der Madison Avenue“ sind es die Episoden der ersten beiden Staffeln. Dabei sind McLeans Besprechungen eher kleine Essays, in denen er auf bestimmte Details in der Folge hinweist, Interpretationen anbietet und so das Vergnügen beim Sehen steigert. Als Zusammenfassungen der Episodenhandlung taugt der Serienführer allerdings nicht. Dafür wendet McLean sich als Fan zu sehr an andere Fans, die die Serie ebenfalls gesehen und die DVDs im Regal stehen haben.

Gerade diese Fanperspektive, die durch eine bedingungslose Liebe zur Serie gekennzeichnet ist, stört immer wieder. Zum Beispiel schreibt er zur dritten Folge „Figaros Hochzeit“: „Wenn eine Figur, die man kennengelernt hat, plötzlich mit einem anderen Namen angeredet wird, bringt einen das völlig aus dem Konzept. Wie bei der VW-Werbung (und dem Auto selbst) und bei der netten Geschiedenen, die einfach geht, um zu gehen, wird hier klar, dass in dieser Serie nichts so ist wie in den Serien, die wir bisher gesehen haben.“

Oder, einige Seiten später, in der Besprechung von „Rückgrat“: „Die Tatsache, dass Betty Glen eine Strähne ihrer seidigen Locken schenkt, zählt zu den aus heiterem Himmel kommenden, unvergesslichen Schockmomenten der Serie.“

Für Nicht-Fans sind diese Szenen nicht so schockierend und es stellt sich (jedenfalls bei den bislang im Fernsehen ausgestrahlten Folgen) immer wieder die Frage, wie sehr es den Machern wirklich um die einzelnen Charaktere und ihre Nöte geht. Denn das durchaus bedächtige Inszenieren der Innenräume, der Kleider, der Accessoires, der Frisuren und wie man sich mit den richtigen Gesten und Bewegungen stilecht inszeniert, nimmt viel Zeit in Anspruch.

Auch dass die am 19. Juli 2007 gestartete AMC-Serie „Mad Men“, wie McLean schreibt, einer „der ersten großen Durchbrüche des neuen Jahrhunderts“ sei, kann daher bezweifelt werden. Und es gab in den vergangenen Jahren etliche wichtige Serien, wie „24“, „The Shield“, „The Wire“, „Battlestar Galactica“, „Lost“ und noch viele andere (Sie können hier einfach ihre persönliche bahnbrechende Lieblingsserie einsetzen). Die haben vielleicht nicht so viele „Ich ziehe mich an wie XY“-Shootings und von den sechziger Jahren beeinflusste Werbekampagnen initiiert, aber für das serielle Erzählen im Fernsehen sind sie wichtiger.

Vor dem Serienführer gibt es einige Informationen über die Hauptdarsteller. Die Entstehung der Serie und die Biographie des Serienerfinders Matthew Weiner werden auf zwölf Seiten abgehandelt. Diese Biographien sind der schwächste Teil des Buches. Die Informationen aus zweiter Hand lesen sich wie Werbetexte. Auch da hätte etwas professionell-journalistische Distanz gutgetan.

Denn „Mad Men – Die Könige der Madison Avenue“ ist das Buch eines Fans, das sich in erster Linie an andere Fans richtet. Als Begleitbuch zur Serie ist es, trotz aller Kritik, bei dem Preis, empfehlenswert. Schließlich erfährt man einiges über die Welt der Werbeleute in Manhattan in den frühen Sechzigern.

Jesse McLean: Mad Men – Die Könige der Madison Avenue

(übersetzt von Karlheinz Dürr und Karin Schuler)

Ullstein, 2010

368 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Kings of Madison Avenue – The Unofficial Guide to Mad Men

ECW Press, 2009

Hinweise

Blog von Jesse McLean

AMC über „Mad Men“

ZDFneo über „Mad Men“

Wikipedia über „Mad Men“ (deutsch, englisch)


Auf Jean Amila wartet keiner

November 24, 2010

Am 24. November 1910 wurde Jean Meckert in Paris geboren. Am 7. März 1995 starb er in Paris. Er schrieb unter seinem Namen und unter verschiedenen Pseudonymen zahlreiche Romane. Als Jean Amila schrieb er von 1950 bis 1985 gut zwei Dutzend Krimis für die Série noire des Gallimard-Verlages.

In Deutschland veröffentlicht der Conte-Verlag inzwischen die Krimis von Jean Amila als deutsche Erstveröffentlichungen. Denn zu Lebzeiten wurden nur zwei Bücher von Amila ins Deutsche übersetzt. Auch der vor wenigen Tagen veröffentlichte Gangsterkrimi „Auf Godot wartet keiner“ ist eine Erstveröffentlichung und obwohl (oder weil?) das Buch schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, ist es eine sehr vergnügliche Lektüre. Denn bei all ihren unmoralischen Handlungen, wie Brandstiftung, Diebstahl, Einbruch, Mord und Schläge, bewahren sich alle Charaktere eine kindliche Unschuld. Es wird zwar gestorben, aber so schlimm ist das nicht. Nur einer trauert. Félix heißt dieser Tropf, dessen zweiter Vorname „Harmlosigkeit“ und sein dritter „Vertrauensseligkeit“ ist. Seine von ihm über alles geliebte Frau starb vor drei Jahren bei einem Kaufhausbrand bei dem insgesamt vierzig Menschen starben. Am Ende der Gerichtsverhandlung stand ein Freispruch, weil dem Besitzer keine Schuld nachgewiesen werden konnte. Es war, so das Gericht, einfach Pech gewesen. Wie auch bei einigen anderen Kaufhäusern des gleichen Besitzers. Und die Versicherung deckte ihn immer.

Jetzt ist Félix, Beamter bei der Bahnpost, in Paris. Er will einen Killer engagieren oder eine Schusswaffe kaufen und den Bösewicht zur Strecke bringen. Hilfe erwartet er dabei von seiner Ex-Frau Angèle Maine, die gute Verbindungen zur Halb- und Unterwelt hat. Auch ihr derzeitiger Geliebter Riton Godot ist ein Gangster, der gerade mit einem kleinem Gangsterkrieg mit der Paconibande vollauf beschäftigt ist.

Maine hält von dem Ansinnen ihres Ex-Mannes absolut nichts und will ihn am liebsten sofort wieder zurück in die Provinz schicken. Aber Godot wittert die Chance auf ein gutes Geschäft. Und Maines Tochter Colette verknallt sich in Godots Schergen Jo, der irgendwann die Lust am Verbrecherhandwerk verliert.

Es ist also einiges los im Paris der fünfziger Jahre.

Jean Amila: Auf Godot wartet keiner

(übersetzt von Helm S. Germer)

Conte, 2010

200 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Sans attendre Godot

Editions Gallimard, 1956

Hinweise

Deutsche Seite über Jean Amila

Wikipedia über Jean Amila (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean Amila

Mordlust über Jean Amila

 


Myron Bolitar besucht Paris und London und stolpert über einige Leichen

November 23, 2010

Myron Bolitar, Sportagent und Privatdetektiv ohne Lizenz, ist zurück und dieses Mal muss er sich auf Weltreise begeben. Denn Terese Collins ruft ihn aus Paris an. Sie hatten vor zehn Jahren eine kurze, aber heftige Beziehung. Seitdem gingen sie wieder getrennte Wege. Jetzt bittet sie ihn um Hilfe, denn ihr Ex-Mann Rick Collins ist spurlos verschwunden. Er ist ein investigativer Journalist, der wahrscheinlich eine große Story recherchierte und, egal in welchem Erdloch sie in der Vergangenheit in den Krisengebieten der Welt waren, er hatte nie Angst. Aber jetzt hatte er, als er sie nach Paris einlud, Angst. Er muss also etwas unglaublich schlimmes entdeckt haben.

Kurz nach Myrons Ankunft wird seine Leiche gefunden. Die Dinge werden schnell komplizierter. Denn bei Ricks Leiche wird DNA von Tereses Tochter gefunden. Das ist allerdings unmöglich. Denn sie starb vor zehn Jahren in London bei einem Autounfall. Kurz nach dieser Entdeckung versuchen einige Männer Myron zu entführen. Myron wehrt sich, es kommt zu einem Schusswechsel auf offener Straße. Bevor die Polizei Myron und Terese verhaften kann, flüchten sie mit der Hilfe von Myrons skrupellosem Freund mit dem unbegrenzten Bankkonto Windsor Horne Lockwood III, kurz und zutreffend Win genannt, nach London. Dort, so glauben sie, liegt die Lösung für das Rätsel.

Myron, Win und Terese haben in diesem Moment zwar noch keine Ahnung, was Rick entdeckt hat, aber es muss etwas sehr Großes sein. Denn neben der französischen Polizei und diversen Gangstern ist auch der Mossad involviert und Interpol reagiert verdächtig schnell auf Myrons Schießerei in Paris.

Allerdings ist die sich schon relativ früh abzeichnende Lösung der Pferdefuß von Myron Bolitars neuntem Fall. Denn es geht in „Von meinem Blut“ nicht mehr um einen kleinen Mord, Entführung und die Vertuschung einiger Straftaten, sondern um das große Komplott, in dem; – nun, ohne zu spoilern kann ich nur sagen, der freie Westen auf dem Spiel steht.

Das erinnert dann an die Pulps von Mickey Spillane, wenn er Mike Hammer (seltener), Tiger Mann (immer) und, in dem posthum erschienenen „Das Ende der Straße“ (Dead Street), Jack Stang gegen die bösen Kommunisten (damals) und Terroristen (eher heute) auf die Jagd schickte. Doch was bei dem Geheimagenten Tiger Mann funktionierte, funktioniert bei dem Privatdetektiv Myron Bolitar nicht.

Denn gerade in der zweiten Hälfte des Buches, wenn Myron und Win so langsam die vielen losen Fäden miteinander verknüpfen, entdecken sie eine hübsche Paranoia-Phantasie, die eher in einen pulpig-trashigen Polit-Thriller als in einen Privatdetektivkrimi gehört. Vor allem nicht in einen Privatdetektivkrimi, in dem der Held in der Vergangenheit vor allem dann als Detektiv tätig wurde, wenn er die Unschuld eines seiner Sportklienten beweisen musste. Das war immer eine unterhaltsame Lektüre. Dagegen ist der neunte Myron-Bolitar-Krimi „Von meinem Blut“ vor allem eine trashige Lektüre, die man besser nicht mit den früheren Myron-Bolitar-Krimis vergleicht.

Harlan Coben: Von meinem Blut

(übersetzt von Gunnar Kwisinski)

Goldmann, 2010

400 Seiten

9,95 Euro

Originaltitel

Long Lost

Dutton, 2009

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (F 2006)


„Tödlicher Grenzverkehr“ zwischen D und A

November 18, 2010

Als erstes lernen wir in Wolfgang Schweigers neuem Krimi „Tödlicher Grenzverkehr“, dass in Traunstein die Tageszeitungen sehr früh, nämlich um 23.00 Uhr, ausgetragen werden.

Um diese Zeit wird der Enthüllungsjournalist Dieter Leschnik überfahren und die einzige Zeugin ist die Zeitungsausträgerin bei ihrer Tour.

Die beiden bereits aus „Der höchste Preis“ und „Kein Ort für eine Leiche“ bekannten Kommissare Gruber und Bischoff beginnen noch in der Nacht zu ermitteln. Dabei haben sie schnell einige Tatverdächtige, aber keine heiße Spur. Denn die Verdächtigen – die Freundin, die als Erbin eingesetzt ist; der österreichische Zuhälter, der Leschniks Nichte ermordet haben soll; der Guru, der von Leschnik vor vier Jahrzehnten als Pädophiler beschuldigt und in den Ruin getrieben wurde; die Jugoslawen, die wegen einer Reportage Leschnik hassen – haben alle gute Motive, gute Alibis und gute Gründe, den Journalisten nicht umzubringen. Entsprechend ergebnislos verlaufen die Ermittlungen und, wie wir es aus dem sonntäglichen „Tatort“ kennen, werden einige Spuren nicht oder erst kurz vor dem Ende der Geschichte verfolgt. In „Tödlicher Grenzverkehr“ gehören dazu die Identität des Trampers, den Kommissar Gruber in der Mordnacht, während die Fahndung nach dem Mörder läuft, mitnimmt, und die Frage, woher der nächtliche Telefonanruf, der Leschnik um 23.00 Uhr aus dem Haus trieb, kam.

Im Gegensatz zu Schweigers früheren Kriminalromanen ist der Chiemgau-Krimi „Tödlicher Grenzverkehr“ eher ein traditionelle Rätselkrimis mit einem deutlichen Schlag zum Regiokrimi. Die vor dem geistigen Auge entstehenden Bilder stammen nicht mehr aus dem amerikanischen oder französischem Gangsterfilm, sondern aus dem deutschen TV-Krimi.

Deshalb ist „Tödlicher Grenzverkehr“ wahrlich kein Buch, das man gelesen haben muss, aber es ist schnell gelesen, es gibt einige gute Szenen und ein unschön hastiges Ende. Denn nachdem die Kommissare lange keinen Schritt vorankommen, wird der Fall durch eine zufällige Beobachtung von Gruber holterdipolder aufgeklärt.

Wolfgang Schweiger: Tödlicher Grenzverkehr

Pendragon 2010

232 Seiten

9,95 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis“


Massimo Carlotto über sein Leben als „Flüchtling“

November 15, 2010

Der Flüchtling“, Massimo Carlottos neues Buch, ist ein altes Buch. In seiner Heimat Italien erschien es bereits vor fast zwei Jahrzehnten und es ist auch kein Roman, sondern eine Quasi-Biographie, in der er einige Fragen beantwortet, die ihm damals viele Menschen stellten. Denn Carlotto war damals in Italien und auch in anderen europäischen Ländern (obwohl ich mich jetzt nicht mehr an die damaligen Schlagzeilen und Flugblätter erinnere) eine Berühmtheit. Er geriet am 20. Januar 1976 als linksradikaler Jugendlicher, nachdem er der Polizei einen bestialischen Mord an einer Studentin meldete, in die Mühlen der Justiz und er sollte als Mörder verurteilt werden. Im November 1982 flüchtete er. Zuerst nach Paris. Dann nach Mexiko. Dort wurde er, als er sich einen falschen Pass beschaffen wollte, von der Polizei geschnappt und, auf eigenen Wunsch, im Februar 1985 nach Italien ausgeliefert.

Dabei erfuhr er, dass er gar nicht gesucht wurde, weil die Polizei den Haftbefehl gegen ihn in einer Schublade vergessen hatte. Auch das sich dann bis 1993 anschließende Gerichtsverfahren barg noch mehrere solcher ironischer Momente. Denn letztendlich zog sich sein Verfahren auch deshalb so lange hin, weil sein Fall zwischen zwei Strafprozessordnungen verhandelt wurden und er so zu einem vieldiskutiertem Sonderfall der Rechtsprechung wurde.

Dieses Verfahren und die Anklage werden in „Der Flüchtling“ von Massimo Carlotto nur gestreift und hinterlassen daher beim heutigen Leser einige Fragen, die von der ausführlichen Zeittafel am Buchende gut beantwortet werden.

Denn als Carlotto das Buch kurz nach seinem Freispruch schrieb, war sein Fall und die damit zusammenhängende rechtspolitische Diskussion noch präsent. Darüber musste er keine Worte verlieren. Aber über sein Leben auf der Flucht war nichts bekannt.

Diesem Leben als Flüchtling widmet er in „Der Flüchtling“ die meiste Zeit. Dabei liest sich die Geschichte wie ein langes Interview, bei dem die Fragen fehlen, und der Befragte ausführlich antwortet. Es entsteht ein Bild der achtziger Jahre und der damaligen politischen linken Strömungen, die auch ein Auffang- und Unterstützernetz für die aus verschiedenen Ländern geflohenen Freiheitskämpfer (für die Jüngeren: das waren die guten Terroristen) boten.

Massimo Carlotto: Der Flüchtling

(übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel)

Tropen, 2010

192 Seiten

18,95 Euro

Originalausgabe

Il fuggiasco

Edizioni e/o, Rom 1994

Hinweise

Homepage von Massimo Carlotto

Krimi-Couch über Massimo Carlotto

Wikipedia über Massimo Carlotto


Cable und Castle schlagen zu

November 11, 2010

Wenn Duane Swierczynski in seinem Leben als Comicautor nicht „Cable“-Geschichten erfindet, gönnt er sich auch mal eine Auszeit bei einem anderen, nicht weniger brutalem Comichelden. Doch während „Cable“ eher eine Bud-Spencer-Gewalttätigkeit zelebriert, in der alles zu Bruch geht und man sich endlos, aber ohne große Verletzungen kloppt, ist der gnadenlose Verbrecherjäger „Punisher“ Frank Castle ein, nun, wenn er nicht der die Bösen bekämpfende Held wäre, Massenmörder.

In der von Duane Swierczynski erfundenen Geschichte „Sechs Stunden zu leben“ bringt Castle auf den ersten Seiten ein gutes Dutzend Menschen um. In Philadelphia haben Kinderhändler ein Heim für schwer Erziehbare zur Zentrale ihres schändlichen Treibens umfunktioniert. Der Punisher bringt sie innerhalb weniger Minuten um.

Danach wird er gefangengenommen und ein Arzt injiziert ihm ein Serum, das ihn in sechs Stunden tötet. Das Gegenmittel erhält er nur, wenn er den Gangsterboss John Lynn Cavalier umbringt.

Frank Castle fragt sich, warum er Cavalier umbringen soll. Immerhin ist er noch nicht auf seiner Bösewichter-Liste aufgetaucht. Und, weil Castle nicht glaubt, dass er am Ende das Gegenmittel erhält, beschließt er, in seinen letzten Stunden in Duane Swierczynskis Heimatstadt ordentlich aufzuräumen. Denn der Originaltitel „Six hours to kill“ ist für den Punisher Programm.

Am Ende der Nacht dürfte, was „Punisher“-Fans nicht erstaunen dürfte, eine dreistellige Zahl von Menschen tot sein.

Dagegen sind die „Cable“-Geschichten aus dem X-Men-Universum ein harmloser Kindergeburtstag.

Der zeitreisende Soldat Nathan ‚Cable‘ Summers wurde von Cyclops, seinem Vater und dem Anführer der X-Men, beauftragt ein Baby vor Lucas Bishop, der es umbringen will, zu beschützen. Das Baby ist die letzte Hoffnung der X-Men. Cable und sein Schützling tauchten im Zeitstrom unter und flüchteten immer weiter in die Zukunft. Dabei wurde das Baby zu dem stattlichen Teenager Hope.

In dem neuesten „Cable“-Sammelband „Zu spät für Tränen“ sind zwei mehrteilige Geschichten enthalten. In der titelgebenden Geschichte „Zu spät für Tränen“ werden Hope und Cable erstmals getrennt. Hope muss allein in Celestial-Stadt überleben. Da taucht Bishop auf.

Die Brut“ zeigt die Ereignisse nach der gelungenen Flucht von Cable und Hope aus Celestial-Stadt. Im Weltraum werden sie von der Brut (die anscheinend ein Überbleibsel aus dem letzten „Alien“-Film sind) bedroht – und es gibt einige Bilder, die aus einem psychedelischem Alptraum stammen könnten. Außerdem gelangt Bishop auf das Schiff.

The Punisher: Sechs Stunden zu leben“ ist ein fetziger Action-Thriller in Comicform, der Genrejunkies brutal und kurzweilig unterhält. Dabei wird hier so bedenkenlos gekillt, dass sich schon ein komödiantischer Over-the-Top-Effekt einstellt.

Cable: Zu spät für Tränen“ richtet sich dagegen, wie die vorherigen „Cable“-Bände, an die Marvel-Fans, die gerne in die verzweigte Mythologie der X-Men abtauchen. Der sechste und die Geschichte von Cable, Hope und Bishop abschließende „Cable“-Sammelband ist für Dezember angekündigt.

Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner): The Punisher – Sechs Stunden zu leben

(übersetzt von Reinhard Schweizer)

Panini 2010

128 Seiten

16,95 Euro

Originaltitel

Punisher: Six hours to kill

Max Comics/Marvel 2009

enthält

Punisher (Vol. 7), Issue 66 – 70: Six hours to kill

März 2009 – Juli 2009

Duane Swierczynski (Autor)/Paul Gulacy (Zeichner)/Gabriel Guzman (Zeichner): Cable 5 – Zu spät für Tränen

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2010

120 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Cable 16: Too late for tears, Part 1, September 2009

Cable 17: Too late for tears, Conclusion, Oktober 2009

Cable 18: Brood, Chapter 1: Bishop takes pawn, November 2009

Cable 19: Brood, Chapter 2: Queen takes Bishop, Dezember 2009

Cable 20: Brood, Chapter 3: Checkmate, Januar 2010

Hinweise

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Letzte Order“ (Severance Package, 2008)

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)

Meine Besprechung von Anthony E. Zuiker/Duane Swierczynskis „Level 26 – Dark Origins“ (Level 26 – Dark Origins, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynskis „Cable: Kriegskind – Band 1″ (Cable: War Child – 1, 2008)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner)/Ariel Olivettis (Zeichner) „Cable 2: Heimatfront“ (Cable 2: Homefront)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Ariel Olivetti (Zeichner) „Cable 3 – Warten auf das Ende der Welt“ (Waiting for the end of the world, Wasteland Blues, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner) „Cable 4: Messias-Krieg – Teil 1“ (Messiah War, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner) „X-Force 4: Messias-Krieg – Teil 2“ (Messiah War, 2009)

Duane Swierczynski in der Kriminalakte

 


Horst Eckert spielt den „Niederrhein-Blues“

November 10, 2010

In den vergangenen Jahren schrieb Horst Eckert für verschiedenen Anthologien knackige Kurzgeschichten. Allerdings dürften viele Eckert-Fans nicht alle seine erfrischend unmoralischen Kurzgeschichten kennen. Denn die Anthologien verschwinden teilweise rasend schnell aus den Buchhandlungen und man erfährt auch nicht immer etwas von der Publikation einer Geschichte in einem x-beliebigem Sammelband.

Deshalb ist eine Zusammenstellung der verstreut erschienenen Geschichten in einem Buch ein willkommener Lückenschluss.

In „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“ sind elf bereits veröffentlichte und eine neue Kurzgeschichte („Abgehört“) von Horst Eckert abgedruckt. Es gibt einige Auftritte von aus seinen Polizeikriminalromanen bekannten Charakteren. Einige Geschichten spielen im kriminellen Milieu. Einige in der Politik. Dabei verhalten sich die Politiker nicht weniger verbrecherisch als die aus den anderen Geschichten bekannten korrupten Polizisten und Verbrecher.

Beim Lesen der zwölf, öfters ohne einen Mord auskommenden, Kurzgeschichten fällt immer wieder auf, wie komplex Horst Eckert die meisten seiner Geschichten anlegt. Oft wechselt er zwischen Gegenwart und Vergangenheit und mehreren Handlungssträngen. Einmal, bei „Der geniale Zetteltrick“, hat Eckert die Kurzgeschichte später als Grundlage für die längere Geschichte „Der Absprung“ genommen.

Langjährige Eckert-Fans werden sich etwas an der fehlenden Bibliographie und den fehlenden Einleitungen zu den Geschichten stören. Denn manchmal, wie bei „Wege zum Ruhm“ (über Mauscheleien beim Bau eines Stadions und einer Bewerbung für die Fußball-WM), gibt es eine Geschichte zur Geschichte, die es auch wert ist, erzählt zu werden.

Der „Niederrhein-Blues“ ist ein feiner zwölftaktiger Blues.

Horst Eckert: Niederrhein-Blues und andere Geschichten

grafit, 2010

224 Seiten

8,95 Euro

enthält

Der geniale Zetteltrick

Juwelen am Hellweg

Seine größte Story

Servus Oberpfalz

Wege zum Ruhm

Niederrhein-Blues

Nacht über Schwerte (früher „Der Nachtwächter von Schwerte“)

Ex und hopp

Abgehört

Mit allen Mitteln

Hotel Transit

In Lünen stirbst du schneller

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft”

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Der Absprung“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“


„Kein Weg zurück“ für George Pelecanos

November 5, 2010

Thriller“ steht auf dem Cover. Aber jeder der „Kein Weg zurück“ von George Pelecanos in der Erwartung von zünftiger Thriller-Spannung liest, wird enttäuscht sein. Es gibt zwar die eine Reihe von Verbrechen auslösende Tat, eine erkleckliche Zahl von Toten, die zunehmende Gefahr für die Hauptperson und am Ende das Duell zwischen den mehr oder weniger Guten und den Bösen. Das alles qualifiziert den Noir „Kein Weg zurück“ auf den ersten Blick sicher als Krimi, aber George Pelecanos benutzt diese Genrekonventionen nur, um wieder einmal eine kleine Geschichte aus dem Leben der kleinen Leute zu erzählen.

Im Mittelpunkt des Romans steht Chris Flynn. In seiner Jugend war er ein Kleinkrimineller, dem es als Weißen und aus einer guten Familie stammend, gelang, zu einer Haftstrafe im Jugendknast Pine Ridge verurteilt zu werden. Jetzt arbeitet er in Washington, D. C., als Teppichverleger im Betrieb von seinem Vater Thomas Flynn. Als Chris und der Ex-Sträfling Ben Braswell in einem Haus einen neuen Teppich verlegen, entdecken sie eine Tasche mit fast 50.000 herrenlosen Dollars. Sie lassen das Geld liegen. Am Abend erzählt Ben seinem Kumpel Lawrence Newhouse davon. Der klaut das Geld und kurze Zeit später tauchen zwei Männer auf, die das Geld wollen.

Langjährige George-Pelecanos-Leser werden in seinem neuesten Roman viele vertraute Themen finden. Schließlich erzählt er wieder eine Geschichte aus dem Leben der kleinen Leute, ihren Werten und dem damit verbundenen Arbeitsethos. Er erzählt von der Verantwortung und der Liebe der Eltern für ihre Kinder, auch wenn sie Probleme verursachen. Er erzählt davon wie Menschen, die Konflikte mit dem Gesetz hatten, versuchen, ein ehrliches Leben zu leben. Und er fragt sich immer wieder, wie man sein Ideal von einem guten Leben im heutigen Amerika in einer Großstadt leben kann.

Denn selbstverständlich müssen die einzelnen Charaktere sich für ihre Taten verantworten. Auch wenn sie mit diesen Folgen nicht gerechnet haben oder nichts damit zu tun haben. So hat Chris zwar das Geld nicht gestohlen, aber er hat auch nicht die Polizei informiert. Er muss sich, wie alle Charaktere in „Kein Weg zurück“, zwischen verschiedenen Verpflichtungen entscheiden. Wem und welchen Werten gegenüber soll er sich loyal verhalten? Was bedeutet das für ihn? Was setzt er dafür aufs Spiel? Das sind die Fragen, die die sich langsam entwickelnde Geschichte vorantreiben.

Mit „Kein Weg zurück“ schreibt George Pelecanos seine Chronik der innerstädtischen Kampfzonen fort. In seinen Romane in Washington, D. C.. Im Fernsehen, als Drehbuchautor für „The Wire“ und „Treme“ in Baltimore und New Orleans.

George Pelecanos: Kein Weg zurück

(übersetzt von Anja Schünemann)

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2010

400 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

The Way Home

Little, Brown and Company, 2009

Hinweise

Homepage von George Pelecanos

Meine Besprechung von George Pelecanos’ “Wut im Bauch” (Hell to pay, 2002)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „Drama City“ (2005)

Meine Besprechung von George Pelecanos‘ „Der Totengarten“ (The night gardener, 2006)

Meine Besprechung von George Pelecanos‘ „The Turnaround“ (2008)


„The Walking Dead“ in Buch und Film

Oktober 31, 2010

Nicht nur für Horrorfilmfans ist die heute in den USA bei dem Sender AMC startende sechsteilige Verfilmung von Robert Kirkmans hochgelobtem Comic „The Walking Dead“ ein heiß erwartetes Ereignis. Die Bedenken, dass das Fernsehen eine Serie über eine postapokalyptische Welt in der Zombies Menschen jagen und die Schranken der Zivilisation weitgehend gefallen sind, zu einem familientauglichen Happening macht, verflüchtigten sich ziemlich, als die ersten Setaufnahmen präsentiert wurden. Die Bilder erinnerten wirklich an den Comic und die Zombies sahen erschreckend aus. Die ersten Trailer orientierten sich an der Geschichte des ersten „Walking Dead“-Sammelbandes „Gute alte Zeit“. Es könnte also sein, dass die TV-Macher wirklich den Geist der Vorlage, ohne Konzessionen an den Massengeschmack, auf den kleinen Bildschirm transportieren.

Dabei ist vorteilhaft, dass Serienerfinder Robert Kirkman sich in erster Linie nicht für lustiges Zombietöten interessiert (Keine Angst, in regelmäßigen Abständen werden in „The Walking Dead“ ganze Horden von Zombies massakriert und auch einzelne Zombies werden immer wieder mit einem gezielten Schlag, Schuss oder Hieb getötet.). Kirkman fragt sich in der erfolgreichen Comicserie, wie Menschen überleben, nachdem die uns allen bekannte Welt nicht mehr existiert. Wie zieht man seine Kinder groß, wenn es keine Zukunft mehr gibt? Wie entwickeln sich Beziehungen? Was tut man, um zu überleben? Wie weit ist man bereit zu gehen, um sich, seine Familie und seine Gruppe zu schützen?

In den vergangenen „The Walking Dead“-Sammelbänden musste der ehemalige Polizist Rick Grimes einige harte Entscheidungen treffen. In dem jetzt erschienenen elften „Walking Dead“-Sammelband „Jäger und Gejagte“ ist die kleine Gruppe von Menschen auf dem Weg nach Washington, D. C.. Dort hoffen sie, eine Erklärung für die Zombieplage und ein Heilmittel zu finden. Auf dem Weg dorthin begegnen sie einer Gruppe von Menschen, die zu Kannibalen wurden und daher die Gruppe um Grimes und Sergeant Abe Ford als Nahrung ansieht.

Gleichzeitig gibt es in der Gruppe Probleme. Ben hat seinen Zwillingsbruder Billy ermordet und Dale, das älteste Mitglied der Gemeinschaft, zweifelt zunehmend an seinem Leben.

Während Kirkman bei den moralischen Dilemma keine Rücksicht kennt, wird die körperliche Gewalt, im Gegensatz zu den vorherigen „The Walking Dead“-Bänden, fast schon abstrakt gezeichnet. In „Jäger und Gejagte“ überlassen Autor Robert Kirkman und Zeichner Charlie Adlard viele der schlimmsten Bilder der Vorstellungskraft des Leser.

Der elfte „The Walking Dead“-Band setzt die Geschichte von Rick Grimes und seiner Gruppe gelungen fort; auch wenn sie ihrem Ziel keinen Schritt näher kommen.

Ob die Verfilmung gelungen ist, wissen wir noch nicht. Die ersten Kritiken sind positiv, nach der Ausstrahlung wird es weitere geben und bereits am Freitag, den 5. November, startet um 21.45 Uhr auf Fox (yep, Pay-TV und eine sehr schnell arbeitende Synchronisationsfirma) die deutsche Fassung. Die DVD-Ausgabe ist noch nicht angekündigt.

Dafür hat Cross Cult den nächsten „The Walking Dead“-Band für Februar 2011 angekündigt.

Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead – Jäger und Gejagte (Band 11)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2010

152 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead, Vol. 11: Fear the hunters

Image Comics, 2009

enthält

The Walking Dead # 61 – 66

Hinweise

Offizielle „The Walking Dead“-Seite

Wikipedia über „The Walking Dead“ (deutsch, englisch)

AMC-Blog zu „The Walking Dead“ (derzeit: Berichte und Bilder von den Dreharbeiten)

„The Walking Dead“-Fanseite

„The Walking Dead“-Wiki

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der vorherigen „The Walking Dead“-Bände und das Comic-Con-Panel zur TV-Serie


„Red“: Retired, extremely dangerous – auch im Comic

Oktober 27, 2010

Bevor am Donnerstag die Verfilmung des dreiteiligen Comics „Red“ von Autor Warren Ellis und Zeichner Cully Hamner anläuft, kann noch schnell die ziemlich blutige Vorlage gelesen werden. Schließlich ist der Comic kaum umfangreicher als eine längere Kurzgeschichte und würde ohne Ergänzungen gerade für einen sehr kurzen Spielfilm taugen. Deshalb haben die Filmemacher sich einige Freiheiten genommen. Aber die Prämisse wurde übernommen.

Paul Moses (im Film Frank Moses) lebt zurückgezogen in einem großen Haus. Seine Zeit verbringt er mit Lesen und Blumen gießen. Sein einziger zur Außenwelt ist ein regelmäßiger Anruf bei seinem CIA-Kontakt, der Buchhalterin Sally Janssen. Mit ihr hat er etwas Smalltalk und sagt, dass das Geld angekommen ist.

Eines Abends hat er allerdings Besuch. Eine dreiköpfiges Killerteam soll ihn umbringen. Sie wurden von dem neuen CIA-Chef, einem Bürohengst, beauftragt. Denn Paul Moses ist der beste Killer der Welt und er hat in der Vergangenheit für die CIA weltweit viele schreckliche Verbrechen begangen. Jetzt hat er mit der CIA ein Abkommen: er lebt zurückgezogen ohne Kontakte zur Welt und die CIA lässt ihn in Ruhe.

Mit dem Killerkommando wird dieser Friede gestört. Moses bringt die Killer um und macht sich auf den Weg zu dem Mann, der das Kommando losschickte. Denn jetzt ist er nicht mehr „im Ruhestand, sehr gefährlich“, sondern nur noch „sehr gefährlich“ und die Lebensaussichten von seinen Gegnern, wozu jeder zählt, der sich ihm in den Weg stellt, tendieren gegen Null.

Red“ ist ein kleiner, sehr blutiger, sehr zynischer und höchstens schwarzhumoriger Comic, in dem die CIA mal wieder für jede denkbare Schweinerei und Manipulation zuständig ist.

Dass Hollywood die Geschichte von Paul Moses als ein geeignetes Vehikel für einige ältere Action-Stars ansieht, verwundert nicht und weil Hollywood wohl dachte, dass ein alter Sack, der reihenweise junge Spunde vertrimmt, etwas wenig ist, haben sie für die Filmversion aus dem einzelgängerischen Killer eine kleine Killergruppe gemacht. Denn wer kann schon etwas gegen eine Actionkomödie mit Bruce Willis, Helen Mirren, Morgan Freeman und John Malkovich als alte, aber gefährliche Killer haben? Vor allem, wenn auch Mary-Louise Parker, Karl Urban, Ernest Borgnine, Brian Cox, James Remar und Richard Dreyfuss dabei sind.

Warren Ellis (Autor)/Cully Hamner (Zeichner): Red

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini, 2010

84 Seiten

12, 95 Euro

Originalausgabe

Red, Vol. 1 – 3

Wildstorm/DC Comics, 2003

Hinweise

Homepage von Warren Ellis

Homepage von Cully Hamner

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Red“


Frank Göhre, der Auserwählte

Oktober 26, 2010

Wer Krimis als beschauliche Rätselgeschichten genießen will, war bei Frank Göhre schon immer an der falschen Adresse. In seinen Geschichten interessierte er sich mehr für seine meist männlichen Charaktere, ihre Beziehungen zueinander, zum anderen Geschlecht und zur Gesellschaft. So spielt „Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit“ eindeutig in den fünfziger Jahren in der Provinz. Die Kiez-Trilogie „Der Schrei des Schmetterlings“, „Der Tod des Samurai“ und „Der Tanz des Skorpions“ zeichnet ein Bild des Organisierten Verbrechens und der Hamburger Gesellschaft in den Achtzigern. „Zappas letzter Hit“, der Nachschlag zur Kiez-Trilogie, spielt dann eindeutig im Hamburg der frühen nuller Jahre. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, wie dem zum Innensenator aufgestiegenem Populisten, Parteichef und „Richter Gnadenlos“ Ronald Schill, sind beabsichtigt. Der Krimiplot diente Frank Göhre dann vor allem als der rote Faden für eine multiperspektivische Erzählung.

Auch in seinem neuesten Noir-Krimi „Der Auserwählte“ ist die Entführung des reichen Unternehmersohns Eloi nur die letztendlich ziemlich unwichtige erzählerische Krücke für ein dichtes Sittengemälde der Hamburger Gesellschaft, beginnend mit den Nachwirkungen der 68er Bewegung, als Post-68-Jugendliche zwischen dem Protest gegen ihre Eltern, dem Ausprobieren neuer Lebensformen und der Anpassung an den Lebensstil der Eltern schwankten. Elois Mutter Bettina verschmähte als Jugendliche das elterliche Vermögen und driftete durch die alternative Szene. Inzwischen hat sie das Erbe angenommen, leitet das weltweit tätige Familienunternehmen und will von ihrer Vergangenheit nichts mehr wissen. Mit der Entführung von ihrem Sohn, der auch in Drogengeschäfte verwickelt ist, kehrt diese allerdings zurück – und Frank Göhre wäscht gründlich die schmutzige Wäsche der feinen Gesellschaft.

Dabei jongliert er auf 250 Seiten mit mehreren Zeitebenen, Orten, Handlungssträngen und einem reichhaltigen Personal (das Personenverzeichnis nennt 15 Charaktere, die alle wichtig für die Geschichte sind), das leicht in einem ungenießbarem Chaos hätte enden können. Doch chaotisch sind in „Der Auserwählte“ höchstens die Beziehungen der Charaktere zueinander. Der Roman selbst ist sehr klar, dicht und spannend.

Frank Göhre: Der Auserwählte

Pendragon, 2010

264 Seiten

9,95 Euro

Hinweise

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der letzte Freier“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Zappas letzter Hit“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ (2009)


„Criminal“, die fünfte: wieder mit Tracy Lawless, wieder grandios

Oktober 24, 2010

Willkommen in der Welt des New Noir und in den fähigen Händen von Ed Brubaker und Sean Phillips, die zu den hervorragendsten Künstlern dieses Genres gehören“, schreibt der mit „Dark Entries“ auch unter die Comicautoren gegangene Krimiautor Ian Rankin absolut zutreffend in seiner Einleitung des neuen „Criminal“-Bandes „Sünder“. Denn Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips bedienen sich in ihren „Criminal“-Geschichten bekannter Hardboiled- und Noir-Topoi und erneuern sie in ihren ökonomisch erzählten Geschichten aus der Welt des Verbrechens in einer amerikanischen Großstadt kongenial für die Gegenwart. Dabei entsteht, obwohl die „Criminal“-Bände voneinander unabhängige Geschichten erzählen, ein zunehmend detailliertes Bild des Verbrechens in einer amerikanischen Großstadt.

Insofern schließt sich der inzwischen fünfte „Criminal“-Band „Sünder“ nahtlos an die vorherigen Geschichten an.

Im Mittelpunkt von „Sünder“ steht der schon aus „Blutsbande“ bekannte Tracy Lawless. Der desertierte und untergetauchte Soldat arbeitet als Killer für die Mafia. So versucht er seine Schulden bei dem Gangsterboss Sebastian Hyde abzubezahlen. Aber er erledigt seine Arbeit nur nachlässig: Hyde hält ihn sogar für den schlechtesten Killer der Welt, weil Tracy Lawless sich vor dem Ausführen seiner Aufträge überzeugt, ob das Opfer auch den Tod verdient hat.

Jetzt schlägt Hyde ihm vor, dass er herausfinden soll, wer in den vergangenen Wochen mehrere „Schutzbefohlene“ ermordete. Wenn er den Mörder findet, hat Lawless seine Schulden bei Hyde abbezahlt.

Lawless macht sich, wie ein Privatdetektiv, auf die Jagd nach dem geheimnisvollen Killer. Seine erste Spur führt ihn zu einer Gruppe Jugendlicher.

Sünder“ ist der absolut zutreffende Titel der neuesten „Criminal“-Graphic-Novel. Denn alle wichtigen Charaktere in „Sünder“ sind Sünder. Aber wie Ed Brubaker und Sean Phillips dann am Ende alle Sünder ihrer gerechten Strafe zuführen, das verleiht ihrer Noir-Geschichte eine besondere Note.

Bis dahin beschäftigen sie sich innerhalb einer spannenden Geschichte und ohne den moralisch hocherhobenen Zeigefinger auf verschiedenen Ebenen mit Fragen von Schuld und Sühne, Verantwortung für die eigenen Taten und der Frage, wie die Gesellschaft mit Verbrechern umgehen soll soll.

Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner: Criminal: Sünder (Band 5)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2010

132 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Criminal: The Sinners

Icon, 2010

(als fünf Einzelhefte: September 2009 – März 2010)

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips‘ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)


Adrian Monk hilft der Polizei

Oktober 20, 2010

Während RTL die letzten Folgen der TV-Krimiserie „Monk“ zeigt, ist bei den Büchern mit Adrian Monk noch lange kein Ende abzusehen. In den USA erscheinen die Romane, was für Tie-In-Novels, auch wenn sie neue Fälle mit den vertrauten Filmcharakteren erzählen, eine Seltenheit ist, inzwischen als Hardcover und Lee Goldberg erfindet fleißig weitere Fälle für den genialen, von zahllosen Manien und Phobien geplagten Detektiv.

Zuletzt sind auf Deutsch der achte und neunte Monk-Roman, „Mr. Monk und die Wurzel allen Übels“ und „Mr. Monk und Mr. Monk“, erschienen.

„Mr. Monk und die Wurzel allen Übels“ ist ein schwächerer Monk-Roman. Denn im Gegensatz zu den normalen Monk-Fällen, in denen er zum Tatort gerufen wird und mit seinen Ermittlungen beginnt, entfaltet sich hier das Komplott gegen seinen Freund Captain Leland Stottlemeyer vor unseren Augen. Der Polizistenmord für den Stottlemeyer verhaftet wird, geschieht relativ spät und Stottlemeyer bittet erst nach seiner Verhaftung auf Seite 250 Monk um Hilfe. Entsprechend schnell klärt Monk dann auch den Fall.

Aber bis dahin liefert Goldberg zahlreiche vergnügliche Szenen, in denen Stottlemeyer auf einer Polizistentagung von Monk vor seinen Kollegen blamiert wird (was Monk nicht wollte), Stottlemeyer Monk und Natalie zu einem alten, inzwischen dementen Spitzel mitnimmt, Monk den Windeltwister (ein Mülleimer, in dem jede einzelne Babywindel in einem Plastikbeutel versiegelt wird) entdeckt und alle damit beglückt (was Randy „Bullitt“ Disher, dem härtesten Cop von L. A. – so ist jedenfalls seine ungeschönte Selbstwahrnehmung -, nicht gefällt), Monk nicht mehr als Polizei-Berater beschäftigt werden soll, er ihr aber anonym Tipps gibt und Monk ein Angebot von einer großen Sicherheitsfirma erhält. Das bringt ihm und seiner Assistentin Natalie Teeger Geld, ein tolles Auto, viele Fälle und Probleme mit dem Firmenethos. Denn Monk will die Ordnung des Universums wiederherstellen. Dazu gehört, dass Verbrecher überführt und bestraft werden. Auch wenn sie gut bezahlende Klienten der Firma sind.

„Mr. Monk und Mr. Monk“ bietet dann wieder die vertraute Formel mit dem Mord am Anfang und den anschließenden Ermittlungen.

Monk muss in der früheren Goldgräberstadt Trouble den Mord an Manny Feikema, einem ehemaligen Polizisten und Freund von Captain Stottlemeyer, aufklären. Feikema hat in der Goldgräberstadt Trouble seine Rente als Wachmann des Museums aufgebessert. Während einer Nachtschicht wurde er ermordet. Es wurde nichts geklaut und die Täter sind noch auf freiem Fuß.

Als Monk in Trouble von dem legendären und bis heute nicht aufgeklärten Eisenbahnraub von 1962 hört, muss er auch diesen Fall aufklären. Und Natalie entdeckt die Aufzeichnungen von Abigail Guthrie über einen Artemis Monk, der in Trouble während dem Goldrausch Verbrecher überführte und einige Ticks hatte, die verdächtig an Adrian Monks Manien erinnern. Für Natalie Teeger ist Artemis Monk daher ein direkter Vorfahre von Adrian Monk. Er hält die Ähnlichkeiten für puren Zufall.

Nachdem Monk in der Vergangenheit bereits in Deutschland („Mr. Monk in Germany“) und Frankreich („Bonjour, Mr. Monk“) Fälle löste, muss er in „Mr. Monk und Mr. Monk“ wieder sein heimisches San Francisco verlassen und sich den Gefahren des Wilden Westens, wozu unbefestigte Wege, schießwütige Einheimische, getarnte Minenschächte und Kamikaze-Schmetterlinge zählen, stellen. Denn der Name des Städtchens ist Programm.

„Mr. Monk und die Wurzel allen Übels“ und „Mr. Monk und Mr. Monk“ sind, wie die vorherigen sieben Monk-Romane, spannende und witzige Kriminalromane. Außerdem erfreut das Namedropping die Psyche des Krimiliebhabers.

Lee Goldberg: Mr. Monk und die Wurzel allen Übels

(übersetzt von Caspar D. Friedrich)

Panini, 2009

336 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Mr. Monk and the Dirty Cop

Obsidian, 2009

Lee Goldberg: Mr. Monk und Mr. Monk

(übersetzt von Caspar D. Friedrich)

Panini, 2010

336 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Mr. Monk in Trouble

Obsidian, 2009

Hinweise

Homepage von Lee Goldberg

USA Network über “Monk”

Thrilling Detective über Adrian Monk

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Feuerwehr“ (Mr. Monk goes to the Firehouse, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk besucht Hawaii“ (Mr. Monk goes to Hawaii, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk und die Montagsgrippe“ (Mr. Monk and the Blue Flu, 2007)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und seine Assistentinnen“ (Mr. Monk and the two Assistants, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Außerirdischen“ (Mr. Monk in outer space, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk in Germany“ (Mr. Monk goes to Germany, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Bonjour, Mr. Monk“ (Mr. Monk is miserable, 2008)


Ein bisschen Serienmord – oder „Schnittstellen“ in der „Killer/Culture“

Oktober 16, 2010

Schon der Titel „Killer/Culture“ des von Stefan Höltgen und Michael Wetzel herausgegebenen Sammelbandes über eine wissenschaftliche Tagung zum „Serienmord in der populären Kultur“ regt zum Nachdenken an. Dass in einer Tagung, vor allem wenn es eine eintägige Kurztagung mit fünf Wissenschaftlern und einem Künstler ist, und einem darauf basierendem Buch mit dreizehn Aufsätzen nur einige Punkte des Forschungsfeldes angerissen werden, dürfte jedem intuitiv einleuchten.

Daher ist „Killer/Culture“ als erste deutschsprachige, wissenschaftliche Bestandsaufnahme, trotz aller Kritik, eine gewinnbringende Lektüre. Dass die meisten Aufsätze sich mit dem Film beschäftigen ist, angesichts der Bedeutung von Filmen in der populären Kultur und der weltweiten Verständlichkeit (vor allem wenn die Filme synchronisiert werden), nachvollziehbar. Auch der von den überwiegend jungen Autoren gewählte Fokus auf aktuelle Entwicklungen und Werke ist aus dem gleichen Grund nachvollziehbar. Darunter leidet allerdings die historische Betrachtung von frühen Serienmörderfilmen (wie „The Lodger“/“Der Mieter“ und „M – Eine Stadt sucht den Mörder“), Liedern und Romanen. Ebenso wird nicht auf die schon immer vorhandene Popularität von Verbrechern und Serienmördern in der amerikanischen Popkultur eingegangen, die einen Erklärungsansatz für den Erfolg der Gangstersaga „The Sopranos“ (ein Mafiosi als Held), der Polizeiserie „The Shield“ (ein korrupter Cop als Held) und der Polizeiserie „Dexter“ (ein Serienmörder als Held; – und keiner dieser Helden hat, weil er seine Gemeinschaft beschützt, ein übermäßig schlechtes Gewissen) bietet. Denn diese Serien waren und sind in den USA Hits und hier Flops. Der Unterschied in den Sehgewohnheiten zwischen Amerika (und auch England) und Deutschland wäre deshalb eine eigene Betrachtung wert.

Hendrik Seither konzentriert sich in seinem Aufsatz über „Dexter“ auf den Aspekt der Wiederholung in der Serie und der Ritualisierung bei einem Serienmörder. Das ist wissenschaftlich in Ordnung, ignoriert aber die Produktionsbedingungen von TV-Serien, deren Kennzeichen ist, dass sie jede Woche das gleiche, aber anders liefern, und dass in einer TV-Serie innerhalb der ersten Minuten alle wichtigen Elemente für die kommenden Folgen etabliert werden. Das gilt für jede Serie.

Joachim Linder analysiert die beiden Romane „Tannöd“ und „Kalteis“ von Andrea Maria Schenkel und kommt zu dem zutreffendem Ergebnis: „Im Grunde lassen die beiden Texte alles beim Alten. Die Risikobereitschaft, die sich in der erzählerischen Präsentation auf genreuntypische Weise andeutet, findet in den Deutungsperspektiven keine Entsprechung. Darin mag man den Hauptgrund für den Erfolg sehen.“

Ivo Ritzer bespricht einige Songs über Serienmörder, Stefan Höltgen skizziert knapp und informativ das Verhältnis von Serienmördern und Videospielen von 1983 bis heute und Stephan Harbort bietet eine Kurzfassung seiner in zahlreichen Sachbüchern publizierten Arbeit über die wahren Serienmörder.

Die anderen Aufsätze befassen sich, teils in einzelnen Filmanalysen oder Überblicksartikeln, mit verschiedenen Aspekten des Phänomens Serienmörder in Spielfilmen. Es gibt Analysen von „Peeping Tom“ und „Se7en“. Michaela Wünsch thematisiert in ihrem aufgrund des überbordenden wissenschaftlichen Jargons sehr schwer zu lesendem Aufsatz anhand der „Halloween“-Filme den Serienmörder als Herrensignifikant und wendet die whiteness-Forschung auf die Filmanalyse an.

Christian Hoffstadt bleibt mit seinem „Zum Tod lachen“ eher im anekdotischen stecken, weil er sich zu sehr auf neue Filme zum Thema, wie „Scream“ und „Mann beißt Hund“, konzentriert, und auf Klassiker, wie „Arsen und Spitzenhäubchen“ (die beiden alten Damen haben ein beeindruckendes Sündenregister), verzichtet.

Oliver Nöding zeigt anhand einiger 80-er Jahre Actionfilme, wie sich in dem Genre in diesem Jahrzehnt ein tiefgreifender Wandel vollzog. Denn die neuen Serienmörderfilme haben nichts mit den alten Action-Filmen und den Macho-Helden zu tun: „Es wird recht deutlich sichtbar, dass der ‚Siegeszug‘ des Serienmörderfilms und der Niedergang des Actionfilms Hand in Hand gingen. (…) Der Actionfilm der 1980er zelebrierte ein Kino der Körperlichkeit: Doch im Konflikt mit dem Serienmörder musste diese Körperlichkeit letztlich vor dem Geist kapitulieren.“

Marcus Stiglegger nimmt diesen Faden auf, indem er sich dem Serienmörder als dunklem, amoralischem Souverän im zeitgenössischen Thriller (mehr) und Horrorfilm (viel weniger) widmet und mit „Untraceable“ im World Wide Web landet. In der zweiten Hälfte seines Aufsatzes widmet er sich Col. Kurtz und „Apocalypse Now“, der schon 1979 die Zuschauer verführte.

Roland Seim verknüpft in seiner Analyse der „The Texas Chainsaw Massacre“-Horrorfilmen und ihrer Wirkung auf das Genre mit der deutschen Zensurgeschichte, die derzeit ihren traurig-absurden Höhepunkt erlebt. Denn weil Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“ in Deutschland verboten ist, gibt es derzeit keine Möglichkeit, ihn legal ungekürzt zu veröffentlichen. Dass das eine unbefangene Diskussion über den Film erschwert, muss wahrscheinlich nicht besonders erwähnt werden.

Insgesamt werden alle, die sich schon länger für Serienmörder in der populären Kultur interessieren, in dem umfangreichen Buch (die Seitenzahl täuscht) wenig neues erfahren, aber einige Anregungen zum Nachdenken finden. Einsteiger dürften in „Killer/Culture“, vor allem bei den Einzelanalysen, teilweise Probleme mit dem für einen Tagungsband unvermeidlichen wissenschaftlichen Duktus (ich sage nur „Herrensignifikanten“) haben. Für die deutschsprachige Wissenschaft ist „Killer/Culture“ allerdings ein sehr guter Aufschlag, der nach einigen weiteren Studien verlangt.

Mit „Schnittstellen – Serienmord im Film“ (Schüren) hat Stefan Höltgen, einer der beiden Herausgeber von „Killer/Culture“, bereits eine erste Lücke geschlossen. Es ist die fein illustrierte, überarbeitete Buchausgabe seiner Dissertation, die anhand 37 ausgewählter Filme zeigt, wie sich das Bild des Serienmörders im Film von 1924 („Das Wachsfigurenkabinett“) bis 2004 („The last horror movie“) veränderte. Bei den vorgestellten Filmen rekonstruiert Höltgen auch immer die damaligen und, wenn nötig, späteren Diskurse und Verbotsbeschlüsse zu den einzelnen Filmen. So entsteht auch eine kleine Kultur- und Sittengeschichte des Films, in der einige zeitgenössische Bewertungen aus heutiger Sicht verwundern und einige Vorwürfe wurden immer wieder gegen Serienmörderfilme erhoben.

Stefan Höltgen/Michael Wetzel (Hrsg.): Killer/Culture – Serienmord in der populären Kultur

(Medien/Kultur 1)

Bertz + Fischer, 2010

160 Seiten

19,90 Euro

enthält

Michael Wetzel: M. O. R. D. – Die unberechenbare Größe

Joachim Linder: Männer, die morden – Zu zwei Romanen von Andrea Maria Schenkel

Manfred Riepe: Wenn Blicke töten – Anmerkungen zu Michael Powells ‚Peeping Tom‘

Michaela Wünsch: Sehen – Toten – Ordnen – Der Serienkiller in der Funktion des Herrensignifikanten

Marcus Stiglegger: Der dunkle Souverän – Zur Faszination des allmächtigen Serial Killers im zeitgenössischen Thriller und Horrorfilm

Stephan Harbort: Wie entkommt man einem Serienmörder?

Hendrik Seither: Die Serialität des Tötens – Zur Homologie zwischen Serienmord und Fernsehserie am Beispiel ‚Dexter‘

Ivo Ritzer: Hip to Be Square – Serienmörder in der Pop-Musik

Arno Meteling: Eine Poetik der Liste – Serienmord und Apokalypse in David Finchers ‚Se7en‘

Oliver Nödling: Krankheit und Heilmittel – Die Serienmörder im Actionfilm der 1980er Jahre

Christian Hoffstadt: Zum Tod lachen?

Roland Seim: Schnitt-Stellen – Die Zensurgeschichte des Serienmörderfilms in Deutschland am Beispiel von ‚The Texas Chainsaw Massacre‘

Stefan Höltgen: Killer-Spiele – Serienmord und Serienmörder im Videospiel

Stefan Höltgen: Schnittstellen – Serienmord im Film

Schüren, 2010

420 Seiten

29,90 Euro

Hinweise

Bertz + Fischer über „Killer/Culture“

Schüren über „Schnittstellen

Homepage/Blog von Michael Wetzel

Homepage/Blog von Stefan Höltgen

Blog „F-lm“ von Stefan Höltgen und anderen


Kurzkritik: James Sallis „Dunkle Vergeltung“

Oktober 14, 2010

„Dunkle Vergeltung“, der zweite Turner-Roman von James Sallis, beginnt wie ein gewöhnlicher Krimi. Nachdem Turner, der inzwischen in dem ruhigen, in der Nähe von Memphis gelegenem Kaff, in dem er schon in „Dunkle Schuld“ als zurückgezogener Eremit lebte, als Sheriff arbeitet, von einem Gefangenentransport zurückkehrt, erfährt er, dass sein Kollege Don Lee einen betrunkenen Autofahrer verhaftet hat. Im Kofferraum seines Mustangs entdecken sie eine Sporttasche mit zweihunderttausend Dollar. Kurz darauf wird der Gefangene befreit, Don Lee dabei schwer verletzt und Turner, der glaubt, dass der Flüchtling ein Geldkurier für die Mafia ist, macht sich auf den Weg nach Memphis.

Diesen Krimiplot entkernt James Sallis in „Dunkle Vergeltung“ immer mehr. Dagegen rücken, noch mehr als im ersten Turner-Roman, der Ich-Erzähler Turner, seine Freunde und das Leben im ländlichen Amerika in den Mittelpunkt. Im dritten und letzten Turner-Roman „Salt River“ wird der Krimiplot noch unwichtiger. Dafür gibt es noch tiefere Einblicke in Turners pessimistische Weltsicht.

Ein feiner Roman für alle, die Kriminalroman nicht mit Detektivgeschichte übersetzen.

James Sallis: Dunkle Vergeltung

(übersetzt von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger)

Heyne, 2010

240 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Cripple Creek

Walker Publishing Company, 2006

Hinweise

Homepage von James Sallis

Thrilling Detective über Turner

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‘Besprechung’ von James Sallis’ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Driver“ (Drive, 2005)

Meine Besprechung von James Sallis‘ „Dunkle Schuld“ (Cypress Groove, 2003)


TV-Tipp für den 12. Oktober: Mogadischu

Oktober 12, 2010

SWR, 23.00

Mogadischu (D 2008, R.: Roland Suso Richter)

Drehbuch: Maurice Philip Remy

Buch zum Film: Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der Landshut, 2008

Nach Heinrich Breloers hochgelobtem Zweiteiler „Todesspiel“ (auch schon über zehn Jahre alt) über den Deutschen Herbst 1977, diversen Dokumentationen (zum Beispiel letztes Jahr ein Zweiteiler) über die RAF, dem noch im Kino laufendem „Baader Meinhof Komplex“ mutet „Mogadischu“ etwas akademisch an. Denn die Fakten sind bekannt. Am 13. Oktober 1977 entführt ein palästinensisches Kommando die Lufthansa-Maschine Landshut. Nach einem mehrtägigen Irrflug landet das Flugzeug in Mogadischu und die GSG 9 beendet die Geiselnahme.

Neue Erkenntnisse, wie die Beteiligung des KGB an der Entführung und was Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann machte, als er nach einer Notlandung in Aden zwanzig Minuten verschwand, ändern nichts an dem großen Bild.

Aber Autor Remy und Regisseur Richter verarbeiteten diese Geschichte jetzt zu einem die damaligen Ereignisse konzentriert nacherzählendem TV-Spielfilm, der auch im Kino überzeugt hätte. Einziger Kritikpunkt ist die derzeit angesagte Wackelkamera

„Es ist ein ernsthafter Versuch der Annäherung (an die Wahrheit, A. d. V.). Wir bemühen uns, mit Verantwortung an ein Thema heranzugehen. Die Menschen, die das erlebt haben, sollen nicht davor sitzen und sagen: Was machen die denn da? Was erzählen die da?“ (Remy in der FAZ)

Das gleichnamige „Begleitbuch zum Film ‚Mogadischu’“ von Timo Kortner nimmt eine seltsame Zwischenstellung zwischen einem traditionellem Buch zum Film, also einer höchstens sparsam erweiterten Romanfassung des Drehbuchs, und einem Sachbuch über die Entführung ein. Denn Kortner führt relativ ausführlich in das gesellschaftliche Klima während der Schleyer-Entführung ein und er fügt immer wieder erklärende Passagen ein. Dabei gibt es im Buch und im Film eine Verschiebung der Perspektive von den Tätern zu den Opfern. Der Tatsachenroman „Mogadischu“ erzählt von Menschen in einer Ausnahmesituation und wie sie versuchen, diese zu überleben. Die Entführer bleiben dagegen, bis auf den durchgeknallten Captain Martyr Mahmud, blass. Und die Ideologie der Terroristen wird höchstens in einem Nebensatz gestreift; – was sie als Bösewichter noch bedrohlicher macht.

Kortners „Mogadischu“ ist ein packendes Drama, das auch eine gehörige Portion historisches Wissen vermittelt. Ein feines Buch.

Mit Nadja Uhl, Thomas Kretschmann, Christian Berkel, Said Tagmaqoui, Herbert Knaup, Simon Verhoeven, Jürgen Tarrach

Hinweise

ARD zum Film

FAZ: Interview mit Maurice Philip Remy über “Mogadischu” (24. November 2008)

FAZ (Michael Hahnfeld), Die Welt (Eckhard Fuhr), Spiegel Online (Christian Buß), Süddeutsche Zeitung (Christopher Keil), taz (René Martens), Die Zeit (Margit Gerste) über den Film „Mogadischu“

Kortner - Mogadischu

Das Buch zum Film

Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der ‚Landshut’

Knaur, 2008

272 Seiten

9,95 Euro