Monsieur Raynal besucht die „Suite Noire“

Juli 1, 2010

Die Idee ist einfach genial. Mit der Betonung auf „einfach“ und auf „genial“.

Jean-Bernard Pouy, ein in Frankreich bekannt-beliebter, einfallsreicher Noir-Autor, der auch die langlebige „Pulp“-Serie initiierte (einige Bücher wurden auch übersetzt) und dem bei uns trotz etlicher Übersetzungen der große Durchbruch versagt blieb, fungierte als Herausgeber für die „Suite Noire“.

In dieser Serie erscheinen kurze Krimis von Noir-Autoren wie Colin Thibert, Chantal Pelletier, Patrick Raynal und Didier Daeninckx. Jede Geschichte ist eine Hommage an einen bereits erschienenen Krimi. Acht Geschichten wurden anschließend als einstündige TV-Krimis verfilmt. Die DVD mit den „Suite Noir“-Filmen ist für Herbst bei edel angekündigt. Die Vorlagen erscheinen davor im Distel Literaturverlag.

Zur ersten, aus vier „Suite Noire“-Krimis bestehenden, Lieferung gehört Patrick Raynals Privatdetektiv-Geschichte „Landungsbrücke für Engel“, die eine Hommage an den mir unbekannten Pulp-Autor Verne Chute und seinen 1946 bei Dell erschienenen Krimi „Flight of an Angel“ ist.

Raynal, der wie Pouy und Jean-Patrick Manchette in der Tradition des politisch links stehenden, sich US-amerikanischer Vorbilder bedienenden und die Gesellschaft radikal kritisierenden Néo-Polar steht und der von 1991 bis 2005 Herausgeber der „Série Noire“ bei Gallimard war, schickt in „Landungsbrücke für Engel“ Privatdetektiv Giuseppe Corbucci in seinem ersten Auftrag los, den Tod einer kerngesunden Frau zu überprüfen. Die Tochter Florence Pelletier „mit Kurven wie Ava Gardner“ glaubt an einen Mord und, nachdem Corbucci sich mit einem Einbruch die Krankenakte der Toten besorgt und dabei eine beachtliche Menge an Spuren hinterlassen hat, wird der Verdacht der Tochter erhärtet. Corbuccis Ermittlungen führen geradewegs in die sehr mächtige, gut vernetzte und sehr skrupellose High Society von Nizza.

Auf knapp hundert kurzweiligen Seiten wühlt sich Patrick Raynal höchst vergnüglich durch den reichhaltigen Fundus des Privatdetektivkrimis und kredenzt dem Popkulturaficionado eine Vielzahl von Anspielungen. So hießen die Macher des bahnbrechenden Italo-Western „Django“ (mit Franco Nero) Sergio und Bruno Corbucci. Der nicht-existierende Docteur Pouy spielt auf den sehr existierenden Herausgeber Pouy an. Eine Freundin erinnert Ich-Erzähler Corbucci an Thelma Ritter und dass er erzählt, er habe nach seiner Entlassung bei einer Zeitung den Beruf des Privatdetektivs gewählt, weil „ich durch meine hervorragenden Kenntnis von Chandler eindeutig prädestiniert war“ sagt einiges über seine Prinzipien aus.

Corbucci macht dabei auf Chandlers Spuren eine ziemlich gute Figur, obwohl die Gesellschaft noch korrupter als zu Phil Marlowes Tagen ist und er öfters verprügelt wird. Denn niemals hat ein Doktor Marlowe gesagt, er brauche ein halbes Jahr um sich von einer Tracht Prügel zu erholen.

Landungsbrücke für Engel“ ist, auch wenn das Ende etwas überstürzt kommt, ein feiner Quickie für die Freunde eines zitatreichen französischen Noir.

Patrick Raynal: Landungsbrücke für Engel

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2010

108 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Le débarcadère des anges

Èditions La Brance, Paris 2007

Verfilmung

Schönheit muss sterben (Le débarcadère des anges, F 2009)

Regie: Brigitte Roüan

Drehbuch: Brigitte Roüan, Santiago Amigorena (Adaption)

Hinweise

Krimi-Couch über Patrick Raynal

Wikipedia über Patrick Raynal

Homepage der „Suite Noire“ (englische Version)

Seite der Éditions La Branche über die „Suite Noire“


„Scenario 4“ – Hier spricht der Drehbuchautor

Juni 28, 2010

Auch für die vierte Ausgabe des Film- und Drehbuchalmanachs „Scenario“ änderte Herausgeber Jochen Brunow nichts am bewährten Aufbau. Es beginnt mit einem langen Interview. Es gibt einige verschieden interessante Essays, ein Tagebuch, Erinnerungen von Drehbuchautoren und die Splitter einer Geschichte des Drehbuchs. Es gibt einige ausführliche Buchbesprechungen und es endet mit dem vollständigen Abdruck des „Drehbuch des Jahres“. Dieses Jahr wurde der Deutsche Drehbuchpreis für das beste unverfilmte Drehbuch an „Mein Bruder, Hitlerjunge Quex“ von Karsten Laske verliehen.

Es gibt natürlich auch einige enttäuschende Texte. Aber insgesamt hat Jochen Brunow wieder eine Menge guter Texte zusammengetragen.

Das beginnt schon mit Jochen Brunows Interview mit Michael Gutmann. Gutmann schrieb die Bücher für „Nach Fünf im Urwald“, „23“, „Crazy“, „Lichter“, „Krakat“ und „Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“ und er führte Regie bei „Rohe Ostern“ und den Tatorten „Der oide Depp“, „Das namenlose Mädchen“ und „Der König kehrt zurück“ (dafür schrieb er auch das Drehbuch). In dem Gespräch werden neben den biographischen Stationen auch Gutmanns Zusammenarbeit mit Hans-Christian Schmid und seine Meinung zu den verschiedenen Drehbuchtheorien erörtert. Die dann folgenden Essays sind durchwachsen. Gerhard Midding schreibt über die Zunahme von Filmen, die auf wahren Ereignissen beruhen. Wieland Bauder über Musiker-Biographien. Beide Texte sind nicht uninteressant, aber in erster Linie liefern sie einen Überblick über einige neue Filme und wie die Macher sich ihrem Sujet nähern. Damit könnten die Essays in jedem Filmbuch stehen.

Keith Cunninghams Manifest „Neue Story-Welten“ ist in seinem Glauben an die Kraft fiktionaler Geschichten sympathisch. Denn für ihn ist die Klimakatastrophe eine Tatsache, die, wie der Kalte Krieg, in jeder Geschichte (auch wenn es nur im Hintergrund ist) thematisiert werden muss. Er hofft so die Menschen zum Schutz des Klimas animieren zu können (und ich fürchte schon den nächsten „Tatort“, in dem die Kommissare über den Schutz des Klimas reden). Gewinnbringender ist die Besprechung von Keith Cunninghams „The Soul of Screenwriting“ und seinem Versuch seiner Lösung des Konflikts zwischen Plot und Charakter: „Cunninghams einfache Antwort auf die Gretchenfrage der Dramaturgen besteht darin, den Übergang von der Figur zur Handlung in der Figurenkonstellation zu suchen – das konventionelle binäre Modell (Figur und Plot) also durch ein ternäres Model aus Figur, Figurenkonstellation und Plot zu ersetzen. (…) Der Plot trägt die als Figurenkonstellation externalisierte innere Spannung einer Figur aus. Andere Figuren sind primär Externalisierungen innerer Spannungen unserer Hauptfigur, die sich im Plot entladen.“

Dorothee Schön, die auch etliche „Tatorte“ schrieb, bietet in ihrem 2009 geführtem Tagebuch einen launigen Überblick über die Kämpfe in der Filmakademie und die Verfilmung von ihrem Drehbuch „Frau Böhm sagt nein“. Das ist ein kleiner Blick hinter die Kulisse. Auf ihre Arbeit als Autorin geht sie kaum ein.

Das tut Thomas Knauf, indem er von seinem letzten DDR-Film „Die Architekten“ (der während der Wende an der Kasse natürlich gnadenlos unterging) und seinem Leben zwischen Hollywood und Babelsberg in den vergangenen zwanzig Jahren. Das liest sich ziemlich ernüchternd.

Ernüchternd sind auch die, von Michael Töteberg aufgeschriebenen, Erfahrungen von Drehbuchautor Johannes Mario Simmel. Bevor er Bestsellerautor wurde, schrieb Simmel auch etliche Drehbücher von heute vergessenen Filmen. Damals hatte er immer wieder Probleme mit den Produzenten und Regisseuren über die Bezahlung und die Geschichte. Mit den Verfilmungen seiner Bücher war er auch nicht zufrieden.

Samson Raphaelson liefert einen sehr lesenswerten und amüsant-lebensweisen Rückblick auf seine Zusammenarbeit mit Ernst Lubitsch. Der bereits 1981 geschriebene Text wurde in „Scenario 4“ erstmals auf Deutsch veröffentlicht.

In seinem Drehbuch „Mein Bruder, Hitlerjunge Quex“ erzählt Karsten Laske die Geschichte des jüngeren Bruders von Alfred Norkus von dessen Tod 1932 bis zu den ersten Nachkriegstagen. Erwin ist das vollkommene Gegenteil des Heldenimages von seinem Bruder, der als „Hitlerjunge Quex“ in dem Propagandabuch und -film bekannt wurde. Laske erzählt die Geschichte episodisch und lässt Erwin durch die Nazi-Diktatur treiben. Weil Erwin keine eigenen Ziele hat und er während seiner Jugend, den Jahren zwischen 1932 und 1946 auf keine größeren Probleme stößt, bleibt er uns als Charakter letztendlich gleichgültig.

Jochen Brunow (Hrsg.): Scenario 4 – Film- und Drehbuchalmanach

Bertz + Fischer, 2010

352 Seiten

24 Euro

Hinweise

Homepage zum Buch

Homepage von Jochen Brunow

Meine Besprechung von „Scenario 3 – Film und Drehbuchalmanach“


Noch ein Alfred-Hitchcock-Buch…

Juni 21, 2010

…denkt sich der Hitchcock-Fan und wirft einen Blick auf seine deutschsprachigen Hitchcock-Bücher: die dicken Biographien von John Russell Taylor und Donald Spoto, das legendäre Interview von Francois Truffaut, den schönen Bildband von Paul Duncan, das schmale Buch von Enno Patalas, den informativen Sammelband von Lars-Olav Beier und Georg Seeßlen.

Das dürfte doch genug Stoff sein.

Aber für den bekennenden Hitchcock-Fan ist Thilo Wydras in der Suhrkamp-Reihe „BasisBiographie“ erschienenes Büchlein auch nicht gemacht. Es ist für den Einsteiger, der noch nichts über Hitchcock weiß und den Gang in die staubigen Antiquariate scheut. Denn fast alle der eben genannten, empfehlenswerten Bücher sind nicht mehr erhältlich.

Wydras Buch ist in zwei große Abschnitte gegliedert: zuerst gibt es eine Tour de Force durch Alfred Hitchcocks Leben von der Geburt bis zum Tod. Dabei widmet er sich vergleichsweise ausführlich Hitchcocks letzten Jahren und seinem körperlichen Verfall. Hier werden auch alle Filme von Hitchcock kurz angesprochen. Wydras Bewertungen bewegen sich dabei fast immer im Mainstream: die bekannten Klassiker werden gelobt, die Fehlschläge werden als Fehlschläge bezeichnet.

Die Fernseharbeiten von Hitchcock und wie es ihm gelang als Präsentator von „Alfred Hitchcock presents“ und „The Alfred Hitchcock Hour“ zu einer nationalen Berühmtheit zu werden (und dabei war Hitchcock als begnadeter Selbstdarsteller schon immer sehr bekannt gewesen), werden nur gestreift.

Im zweiten großen Abschnitt „Werk“ stellt Wydra elf Hitchcock-Filme vor, „die exemplarisch für einzelne Perioden oder Gattungen stehen“. Es sind „Die 39 Stufen“, „Rebecca“, „Im Schatten des Zweifels“, „Berüchtigt“, „Der Fremde im Zug“, „Das Fenster zum Hof“, „Über den Dächern von Nizza“, „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“, „Psycho“, „Die Vögel“ und „Frenzy“. Obwohl diese Auswahl weitgehend okay ist, fehlen „Der Mieter“ (The Lodger; der erste echte Hitchcock-Film, der bereits alle wichtigen Hitchcock-Topoi enthält), „Ich beichte“ (gerade weil der Katholik Hitchcock hier das Beichtgeheimnis in den Mittelpunkt stellt) und „Der unsichtbare Dritte“ (ein Hitchcock-Cocktail oder die Big-Budget-Variante von „Die 39 Stufen“). „Familiengrab“ hätte ich als letzten Hitchcock-Film, verknüpft mit einem Fan-Bonus, ebenfalls aufgenommen. Dagegen hätte ich auf „Die 39 Stufen“ (zugunsten von „Der unsichtbare Dritte“), „Rebecca“ (nur erwähnenswert als Hitchcocks Hollywood-Debüt) und „Frenzy“ (seine Rückkehr nach London) verzichtet.

Bei den Filmvorstellungen reichert Wydra seine umfangreichen Inhaltsangaben nur spärlich mit Interpretationen an. Dafür gibt es aber viele, den Hitchcock-Fans vertraute, Anekdoten. Teilweise, wie bei „Über den Dächern von Nizza“ (Wirklich einer „der am meisten unterschätzten Hitchcock-Filme“?), wird zu sehr auf den Spitznamen des Juwelendiebes, die „Katze“, eingegangen. Dabei verrät schon der Originaltitel „To Catch a Thief“, was alle in dem Film wollen: jeder will einen Dieb (egal ob einen echten oder einen falschen) fangen. In jeder Szene geht es darum, einen Dieb zu fangen – und am Ende sind die Diebe auch gefangen.

Bei „Psycho“ hätte die Frage, warum ein Film, bei dem nach einem Drittel die Hauptfigur gewechselt wird, beim Publikum funktioniert, beantwortet werden müssen. Die Antwort ist, dass wir uns mit Marion Crane und Norman Bates identifizieren können, weil sie aus einem Gefängnis und dem damit verbundenen Druck auf ihr Leben ausbrechen wollen.

Überhaupt nicht erwähnt werden die von Alfred Hitchcock oft liebevoll inszenierten Trailer für seine Filme. Vor allem der Trailer für „Psycho“ ist grandios:

Thilo Wydra liefert mit „Alfred Hitchcock“ einen schnell zu lesenden, guten Einblick in das Leben und Werk des Regisseurs. Denn auf 160 Seiten, inclusive einem zwanzigseitigem Anhang mit Zeittafel, Biblio- und Filmografie, ist mehr kaum möglich.

Thilo Wydra: Alfred Hitchcock

Suhrkamp, 2010

160 Seiten

8,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2“

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte


Im Verhörzimmer nebenan: Thomas Assheuer befragt Michael Haneke

Juni 18, 2010

Mit seinem neuesten Film „Das weiße Band“ ist Michael Haneke wahrscheinlich an einem Ort angekommen, an dem er nie ankommen wollte. Denn der Schwarzweiß-Film wird von den Kritikern abgefeiert (bei Haneke normal), mit Preisen überhäuft (auch bei Haneke nicht ungewöhnlich, aber die Menge ist dann doch besorgniserregend: Cannes, Golden Globe, Deutscher Filmpreis,…) und auch vom Publikum geliebt. In Österreich haben über 100.000 Menschen den Film gesehen. In Deutschland über 600.000. Hier in Berlin hält der Film sich seit Monaten in den Kinos. Und dabei kann man dem Film alles vorwerfen, außer dass er leichte Kost ist.

Leichte Kost waren die Filme von Michael Haneke noch nie. Meistens geht es um Gewalt: wie sie entsteht und wie sie in den Medien vermittelt wird. „Bennys Video“, „Funny Games“, „Code unbekannt“, „Die Klavierspielerin“, „Wolfzeit“ und „Caché“ sind seine bekanntesten und auch kontroversesten Filme. Seine früheren, vor allem für das Fernsehen gedrehten, Filme sind dagegen, auch weil sie kaum gezeigt werden, unbekannter.

So ein Filmemacher lädt natürlich zu einer eingehenderen Betrachtung ein. „Zeit“-Journalist Thomas Assheuer wählte in „Nahaufnahme Michael Haneke“ den direkten Weg. Er interviewte Haneke zu seinem Werk. Den Hauptteil des Buches bildet dabei ein vom 14. bis zum 16. Juni 2007 in Wien geführtes Interview in dem Assheuer mit Haneke über dessen Leben, seine ästhetischen Vorstellungen und sein Werk, vor allem das Spätwerk, sprach. Sie unterhielten sich vor allem über wiederkehrende Themen in Hanekes Filmen und weniger über einzelne Filme.

Ich sage immer: Was unter den Teppich gekehrt wird, wird den Teppich irgendwann in Bewegung setzen. Wir leben alle mit Schuldgefühlen. Man kann gar nicht anders, denn es scheint die condition humaine zu sein. Man wird immer, willentlich oder unwillentlich, schuldig an anderen. Schuld ist immer dort, wo Leid entsteht. Wir können nicht schuldfrei leben, als Teil einer Gemeinschaft und eines Systems wird man zwangsläufig schuldig. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Meistens drücken wir uns.

Michael Haneke, S. 65

Dabei, und das macht den Österreicher Michael Haneke in dem Gespräch sympathisch, wehrt er sich gegen platte Interpretationen. Ebenso rigoros wehrt er viele persönliche Fragen und (vulgär-)psychologische Interpretationen seiner Filme ab. Er präsentiert sich als einen sehr nachdenklichen Menschen, der durchaus selbstironisch über seine Filme und die verschiedenen Reaktionen des Publikums spricht. So sind einige Filme in Frankreich (seinem zweiten Land, in dem er regelmäßig dreht) erfolgreich, aber nicht in Österreich oder Deutschland – und in den USA sieht es wieder anders aus.

Wenn mich die Leute in New York auf der Straße an sprechen und mir sagen, Caché habe sie bewegt wie noch lange kein Film mehr, dann freut mich das natürlich. Und in Frankreich passiert mir das auch oft. In Frankreich kennt man mich ohnehin besser als hier. Dort gibt es ein Kinopublikum, das wirklich enthusiastisch ist, und die Leute zeigen es einem auch. Natürlich gibt’s dann auch Lob von der falschen Seite. Mir sind die kritischen Äußerungen eines intelligenten Kritikers lieber als die Begeisterung von Dummköpfen. Aber selbst die freut einen – wer ist schon frei von Eitelkeit?

Michael Haneke, S. 126

Für die zweite Auflage von „Nahaufnahme Michael Haneke“ interviewte Assheuer am 7. November 2009 den Regisseur über seinen neuen Film „Das weiße Band“. Dabei geht Haneke vor allem auf die Schwierigkeiten vor und während des Drehs ein: die langwierige Suche nach den Kinderdarstellern und dem richtigen Drehort und die ebenfalls langwierige Überzeugungsarbeit bei Geldgebern, dass „Das weiße Band“ in Schwarzweiß gedreht wird. Eine Entscheidung, die aus ästhetischen Gründen nachvollziehbar ist, aber normalerweise den Tod an der Kasse bedeutet.

Als nette Beigabe gibt es die beiden von Michael Haneke geschriebenen Texte „Schrecken und Utopie der Form – Bressons ‚Au hasard Balthazar’“ und der Vortrag „Gewalt und Medien“ zu einer Vorführung von „Bennys Video“.

Die Interviews laden zum Nachdenken über das eigene Sehen und zum wiederholten (?) Sehen der Filme von Michael Haneke, die ja ziemlich regelmäßig im Fernsehen laufen und auf DVD erhältlich sind, ein.

Nahaufnahme Michael Haneke – Gespräche mit Thomas Assheuer

(Zweite, aktualisierte Auflage)

Berlin, 2010

224 Seiten

14,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über Michael Haneke (deutsch, englisch)

Arte: Interview mit Michael Haneke zu „Das weiße Band“



Diese „Losers“ sind Gewinner

Juni 16, 2010

Sie sind eine Geheimeinheit der CIA.

Sie wurden von ihrem Land verraten.

Sie wollen sich rächen.

Sie sind das „A-Team“ aus dieser 80er-Jahre-TV-Serie.

Äh, nein, sie sind viel gewalttätiger als John ‚Hannibal‘ Smith (George Peppard mit Zigarre) und seine Jungs.

Nun, dann sind sie das „A-Team“ aus dem neuen Kinofilm von Joe Carnahan.

Ähem, wieder falsch. Sie sind die „Losers“. Sie haben im Auftrag von Max für die Agency geheime Operationen durchgeführt. Aber eines Tages setzte Max sie auf die Abschussliste und jetzt wollen sie sich dafür rächen. Sie sind irgendwie zu sechst und sie haben, als Neuzugang, sogar eine Frau im Team. Aber die Ur-Losers wissen nicht, ob sie Aisha al-Fadhil trauen könne. Immerhin ist sie eine Überläuferin, die immer noch für die Agency arbeitet und ihnen die Informationen für ihr neues Ziel beschafft.

Das ist im ersten Abenteuer der von den Briten Andy Diggle und Jock erfundenen „Losers“ das Goliath-Ölterminal im Hafen von Houston. Es ist eine Tarnfirma der Regierung und in den Büros sind geheime Informationen, die Franklin Clay und sein Team wollen. Die geräuschlose Infiltration geht schief und die Loser und ihre Gegner, die von dem brutalen Wade (einem alten Bekannten von Clay aus Special-Forces-Zeiten) angeführt werden, liefern sich eine erbarmungslose Schlacht, bei der natürlich keine Rücksicht auf Gebäude und Menschenleben genommen wird.

Denn, so Wade: „Zivilisten werden erst umgelegt, wenn es nötig ist.“

Goliath“, die Sammlung der ersten sechs, Eisner-prämierten „The Losers“-Hefte, liest wie die Erwachsenen-Version von „The A-Team“ minus dem Humor der TV-Serie. Es gibt höchstens schwarzen Humor und viele Hinweise auf die schmutzigen Geschäfte der C. I. A..

Diese Verschwörung gegen die Losers ist, für die aufmerksamen Zeitungs- und Polit-Thriller-Leser, noch sehr zahm. Denn dass die USA ihre Außenpolitik auch mit Tarnorganisationen betreibt, dass sie mit Bösewichtern Geschäfte macht, dass es einen florierenden Militärisch-Industriellen Komplex gibt, ist bekannt und wird auf der letzten Seite von „The Losers“ mit einem Zitat von Dennis Dayle, dem im August 2009 81-jährig verstorbenen, ehemaligen Leiter der Einsatzkommandos der Drug Enforcement Administration (DEA), bekräftigt: „Während meiner dreißigjährigen Tätigkeit für die Drug Enforcement Administration und andere Behörden stellte sich heraus, dass die Zielperson meiner Ermittlungen fast immer für die C. I. A. arbeiteten.“

Das Zitat ist Teil eines ganzseitigen Panels, in dem der geheimnisumwitterte Max mit einem Mitglied der Losers telefoniert. Der Cliffhanger macht nach dem furios-bleihaltigem und in sich abgeschlossenem ersten Abenteuer der Losers neugierig auf die kommenden 26 Hefte.

Denn Autor Andy Diggle und Zeichner Jock (dessen Stil an den von „100 Bullets“-Zeichner Eduardo Risso erinnert) haben die Geschichte der rachedurstigen Flüchtlinge einfach ohne große Erklärungen mitten in der Handlung begonnen. Die Losers sind schon die gejagten Losers. Die Vorgeschichte und die Biographien der einzelnen Charaktere werden höchstens in Halbsätzen angesprochen. Es gibt keine überflüssigen Erklärungen, sondern nur Action. Teilweise über mehrere Seiten und mit erheblichen Schäden an Gebäuden, Einrichtungen, Fahrzeugen und Menschen.


Die gleichnamige Verfilmung ist in den USA bereits gestartet, der Trailer sieht ziemlich krachig aus (also das Richtige für das Multiplex ihres Vertrauens) und den deutschen Starttermin kann ich nicht herausfinden.

Andy Diggle/Jock: The Losers – Goliath (Band 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Vertigo, 2010

164 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

The Losers, 1- 6

DC Comics, 2003/2004

Hinweise

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Homepage von Jock

Little White Lies: Interview mit Andy Diggle und Jock zur Verfilmung

Graphic Content (Vertigo): Andy Diggle über die Anfänge der „Losers“ (10. Februar 2010)

Wikipedia über „The Losers“

Amerikanische Homepage zum Film


Der doppelte Ani

Juni 16, 2010

Bei der Berliner Literaturkritik ist meine Besprechung von Friedrich Anis neuen Krimis „Totsein verjährt nicht“ (mit Kommissar Polonius Fischer) und „Die Tat“ (mit dem Seher und Ex-Kommissar Jonas Vogel) online.


Thor Kunkel und der Sex mit der „Schaumschwester“

Juni 14, 2010

Frank Nowatzki ist schuld.

.

.

.

.

.

Ja, Frank Nowatzki ist schuld. Denn wenn er nicht „Kuhls Kosmos“ veröffentlicht hätte, hätte ich Thor Kunkels neuen Roman „Schaumschwester“ keines Blickes gewürdigt. Ich meine Zukunft, Sexpuppen, und so. Das klingt nach Science-Fiction, vielleicht sogar Pulp, aber der Verlag „Matthes & Seitz“ ist doch eher als Verlag für das Hochliterasche und Anspruchsvolle bekannt. Da ändert auch die Veröffentlichung des Drehbuchs „Welt am Draht“ für den gleichnamigen Rainer-Werner-Fassbinder-Film in der Reihe „Neue Welt“ nichts.

Außerdem hat Thor Kunkel die literarische Bühne mit dem Erhalt des Ingeborg-Bachmann-Preises betreten. Für mich hat der Bachmann-Preis höchstens eine abschreckende Wirkung; aber auch dafür müsste ich die Preisträger überhaupt erst einmal wirklich wahrnehmen. Dass er danach mit „Endstufe“ einen veritablen Literaturskandal produzierte, machte ihn mir grundsätzlich sympathisch, aber weil das meiste, was in den Feuilletons abgefeiert wird, mich höchstens gotterbärmlich langweilt, interessierte Thor Kunkel mich nicht weiter.

Bis Frank Nowatzki „Kuhls Kosmos“, eine Tour de Force durch die Siebziger in Frankfurt und auf den Bahamas, veröffentlichte und es mir gefiel.

Mit seinem neuesten Roman „Schaumschwester“ liefert Kunkel eine spannende Mischung aus Science-Fiction und Agententhriller, geschmückt mit einigen philosophischen Exkursen, ab.

In der sehr nahen Zukunft wird der desillusioniert-melancholische Kryptologe Robert Kolther von der Loge, einem geheimen Machtzirkel beauftragt, bei einem Treffen der Puppenfreunde in Nizza, Scheinbergs Computer zu knacken.

Paddy Scheinberg macht ein Vermögen mit Sexpuppen, die sich in vielen Teilen nicht von echten Frauen unterscheiden, immer perfekter werden und, in unterschiedlichen Modellen, die unterschiedlichsten Wünsche befriedigen können. Aber sie können keine Kinder zeugen und Kolthers Auftraggeber befürchten, dass auf lange Sicht die zeugungsunwilligen Europäer aussterben. Dass es viel schlimmer kommt, verrät Kunkel schon auf der ersten Seite:

Mit dem unseligen Fortpflanzungsdrang von Schmeißfliegen ausgestattet, vermehrten sie sich in kürzester Zeit und überlebten nur, indem sie Raubbau an der Substanz des Planeten betrieben.

Heute, am Beginn des vierten Jahrtausends, stellen wir fest, dass eine Überbevölkerung durch diese Spezies nicht länger existiert.

Die Krankheit namens Mensch ist verschwunden.“

Wie es dazu kam und welche Rolle ein kleiner Kryptologe, der selbst so eine Schaumschwester besitzt, dabei spielt, erzählt Kunkel auf 270 kurzweiligen Seiten, die mit allem gefüllt sind, was das Herz des Pulp-Fans begehrt.

Schaumschwester“ von Thor Kunkel ist der zweite Band der Reihe „Neue Welt“ und wenn die Verleger das Niveau halten, könnte das mit der Zeit eine schöne kleine SF-Reihe, die spannende Geschichten mit philosophischen Gedanken verbindet, werden.

Thor Kunkel: Schaumschwester

Matthes & Seitz, 2010

288 Seiten

14,80 Euro

Hinweise

Homepage von Thor Kunkel

Wikipedia über Thor Kunkel

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Kuhls Kosmos“


Kurzkritik: Charlie Huston – Das Clean-Team

Juni 11, 2010

Auch wenn die ersten Zeilen von Charlie Hustons neuem Roman „Das Clean-Team“ einen zünftigen Noir erwarten lassen, ist der Krimiplot letztendlich nur die Tarnung für eine Entwicklungsgeschichte. Der Ich-Erzähler Webster Fillmore Goodhue muss endlich wieder ins Leben zurückkehren. Denn obwohl er am Anfang des Romans faul bei seinem Kumpel Chev herumhängt, sich von ihm durchfüttern lässt und sich erfolgreich bemüht, ein möglichst großes Arschloch zu sein, war er früher ein Lehrer, der sich für seine Schüler engagierte. Bis es einen Anschlag gab, der sein gesamtes Leben auf den Kopf stellte.

Jetzt stellt ihn Chev vor die Alternative, entweder etwas zum gemeinsamen Junggesellenhaushalt beizutragen oder sich eine neue Bleibe zu suchen. Zähneknirschend nimmt Goodhue daher den Tagesjob bei Po Sin an und er wird Tatortreiniger.

Aber auch da kann er seine große Klappe nicht halten. Als er sich bei der Tochter eines reichen Selbstmörders für eine dumme Bemerkung entschuldigen soll, versteht er sich überraschend gut mit ihr und er wird kurz darauf von ihr gebeten, mitten in der Nacht unter den wachsamen Augen eines bewaffneten Psychopathen, ein billiges Motelzimmer zu reinigen.

Während er das macht, wird bei Po Sin der Wagen gestohlen und er ist auch mitten in einem Krieg der Tatortreiniger um Aufträge.

Während um Goodhue die Kacke am Dampfen ist, muss er sich entscheiden, ob er endlich wieder die Verantwortung für sein Leben übernehmen will.

Das alles erzählt Hank-Thompson- und Joe-Pitt-Erfinder Charlie Huston gewohnt pointiert aus der Sicht des letztendlich liebenswerten Arschlochs und Möchtegern-Marlowes Goodhue; – jedenfalls wenn man nicht die Wohnung mit ihm teilen muss.

Das Clean-Team“ ist ein feiner Hardboiled, der vollkommen zu recht auf einigen Nominierungslisten landete. Mal sehen, ob er auch die Preise erhält.

Charlie Huston: Das Clean-Team

(übersetzt von Alexander Wagner)

Heyne, 2009

496 Seiten

8,95

Originalausgabe

The Mystic Arts of Erasing all Signs of Death

Ballantime Books, 2009

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

Trailerpark


Im Verhörzimmer: Jim Nisbet will raus

Juni 9, 2010

Ich habe gegenüber ein nettes Café gesehen. Vor der Tür können wir dann das Interview machen“, schlägt Jim Nisbet in der pompösen Lobby des Westin Grand Hotel in Berlin-Mitte vor. Er besucht derzeit Italien und sein deutscher Verleger Frank Nowatzki lud ihn für eine Lesung nach Berlin ein.

In San Francisco ist es bestimmt wärmer“, wende ich, inzwischen wieder halbwegs an das heute wieder unfreundlich windige Hauptstadtwetter gewöhnt, ein.

Nein, das hier ist das typische Wetter in San Francisco.“ Wegen des Pazifiks sei dort die Temperatur immer ungefähr gleich und sie hätten im Sommer oft wochenlang keinen blauen Himmel. Das typische San-Francisco-Wetter sehe man, so Nisbet, in einer nebligen Szene des Noir „Out of the past“ oder in Hitchcocks „Vertigo“.

Am nahe gelegenen Gendarmenmarkt finden wir einen ruhigen Platz und können uns, nur vom periodisch ertönenden Pressluftbohrern unterbrochen, unterhalten.

Jim Nisbet veröffentlichte zuletzt „Windward Passage“, ein umfangreiches Werk, das auf dem San Francisco Book Fest den Preis als beste Science-Fiction-Buch erhielt.

Für Nisbet ist es kein Science-Fiction, sondern Political Fiction und natürlich auch ein Noir, wobei Nisbet zugibt, dass Noir schwer zu definieren sei. Jim Thompson, David Goodis und William Faulkner waren die ersten Noir-Autoren, die er las.

Bei Faulkner findet er auch schon die Möglichkeit des Mitleids, die ihm auch in seinen Werken wichtig ist. Bei vielen Noirs stört ihn nämlich dieses Fehlen von Menschlichkeit, das zum Leben dazu gehöre und er auch immer wieder erlebt habe. Als er 1967 mit einem Motorrad und ohne Geld durch Deutschland fuhr, war er immer wieder von Deutschen in ihre Häuser eingeladen worden und man habe sich dann irgendwie verständigt. Denn: „Ich konnte kein Deutsch und sie kaum Englisch.“

Außerdem stört ihm beim Standard-Noir, dass dieser keine Entwicklung erlaube. Er versuche dagegen immer ein größeres Bild von den Menschen und der Gesellschaft zu zeichnen. Denn auch die Gesellschaft entwickele sich. Der 1947 geborene Jim Nisbet selbst wuchs in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Süden auf und er war mit den direkten Nachfahren von Sklaven befreundet. Seine Großmutter sah im Fernsehen die Mondladung und jetzt ist Barack Obama Präsident. „Es ist unglaublich, dass ein Schwarzer Präsident ist“, stellt er fest. Noch vor vierzig Jahren war das undenkbar.

Gleichzeitig hat ein Noir auch immer eine dezidierte Haltung zur Gesellschaft. „Ein Kennzeichen eines Noir ist der Ärger, die Ungeduld und die Frustration über die Gesellschaft. Das ist schwer vorzutäuschen“, meint Nisbet. Bei einer Detektivgeschichte könne dagegen mehr geschwindelt werden. Denn dort geht es nur um das Rätsel und die verschiedenen Spuren zur Lösung. Die Autoren seien vielleicht kommerziell erfolgreich, aber nach ihrem Tod verschwänden sie aus den Buchläden.

Nisbets Karriere begann vielversprechend. Seine ersten Noirs veröffentlichte er in der renommierten Black-Lizard-Reihe, die inzwischen zu Random House gehört. Damals, in den den Achtzigern war Barry Gifford (der auch „Wild at Heart“ schrieb) der Herausgeber. Gifford leitete auch die Wiederentdeckung des inzwischen kultisch verehrten Jim Thompson ein. Als Thompson 1977 starb, war keines seiner Bücher mehr erhältlich.

Seitdem waren immer wieder Verlagsleute an Nisbet herangetreten und hatten ihm versprochen, ihn zu einem Bestseller-Autor zu machen. Nisbet hörte sich diese Versprechen immer wieder kopfschüttelnd an. Denn: „Meine Bücher sind nicht für alle. Sie werden keine Bestseller, weil sie der Welt einen Spiegel vorhalten. Das wollen die meisten nicht hören. Sie wollen normal weiterleben und müssen Geld verdienen.“

Nisbet konnte sich, auch weil er es nicht wollte, nie nur vom Schreiben ernähren. Er schrieb einfach immer das, was er wollte und, manchmal mit längeren Unterbrechungen, veröffentlichte er zwischen 1981 und heute elf Romane, die von der Kritik gelobt wurden und Preise erhielten. Zu seinen Fans gehören heute auch Größen wie James Ellroy und Michael Connelly. Aber: „Es ist seltsam. Je mehr ich eines meiner Bücher mag, desto weniger mögen es die anderen.“

Seine letzten Romane veröffentlichte Jim Nisbet in dem kleinen, aber feinen Verlag von Dennis McMillan. McMillans Bücher sind bei Sammlern begehrt und er kann, wenn er seine Bücher ausliefert, von den Buchhändlern verlangen, dass sie ihm eine bestimmte Menge ohne die Möglichkeit einer Rückgabe abnehmen. „Das habe ich bei keinem anderen Verleger gesehen“, erzählt Nisbet. „Außerdem hat Dennis überall Freunde. Als ich mit ihm durch die USA fuhr, konnten wir morgens um fünf Uhr an eine Tür klopfen, die Bewohner freuten sich, dass Dennis da war und wir erhielten ein feines Frühstück.“

Als dann der größere Verlag Overlook Press ihn nach seinem Backkatalog fragte, sagte er nicht nein. Vor wenigen Monaten brachte Overlook seinen neuesten Roman „Windward Passage“ und seinen bereits vor über zwanzig Jahren erstmals erschienenen zweiten Roman „Lethal Injection“ (Tödliche Injektion) heraus.

Ich bin erstaunt, dass Menschen das Buch heute noch lesen wollen“, meint er. Doch das ist vielleicht nicht so erstaunlich. Denn obwohl „Tödliche Injektion“ in den frühen Achtzigern spielt, ist es nicht veraltet. Es geht um zeitlose Themen. Sein Held ist ein alkoholsüchtiger Arzt, der sein Leben hasst und in einer kaputten Ehe feststeckt (Geht es uns nicht allen so?) und der jetzt die Chance auf eine Flucht aus diesem Leben ergreift (Wollen wir das nicht alle?). Es ist eine Anklage gegen die Todesstrafe, die heute in den USA wesentlich umstrittener ist als damals – und es geht um eine Gesellschaft, die zunehmend auseinanderfällt und auch der Mittelstand um sein Überleben kämpfen muss. Diese Verlustängste sind inzwischen, wie der sonntägliche „Tatort“ wöchentlich zeigt, auch bei den Betroffenen angekommen.

In seinem 2006 erschienen Noir „Dunkler Gefährte“ ist sein Held wieder ein Mann aus dem Mittelstand, der nichts falsch machte und trotzdem alles verliert. Das beginnt schon mit dem Verlust seines Jobs, aus dem er wegrationalisiert wird, weil die Qualitätskontrolle ein überflüssiger Kostenfaktor ist.

Das Buch schrieb sich wie von selbst. Ich hatte da nur den Anfang, in dem Banerjhee Rolf die Blumen wässert und sich mit seinem zwielichtigen Nachbarn Toby Pride unterhält. Der Rest ergab sich einfach.“

Nisbet plant den Plot normalerweise nicht vor. Am Anfang hat er eine Idee, einen Dialog, eine Szene oder einen Charakter, der ihn genug fasziniert, um mit dem Schreiben zu beginnen.

Denn wenn ich nicht selbst fasziniert bin von der Geschichte, wie soll es jemand anderes sein?“

Der Plot ergebe sich dann, wie das Leben, bei dem auch nicht alles vorhersehbar sei, beim Schreiben.

Wenn Nisbet mit dem Schreiben einer Geschichte beginnt, geht er es wie einen Job an. Er beginnt um neun Uhr morgens und schreibt bis er sein Tagesziel erreicht hat. „Normalerweise zehn Seiten. Das Problem ist, die richtigen zehn Seiten zu schreiben.“

Die Länge ergebe sich anhand der Geschichte. Deshalb hat „Dunkler Gefährte“ 150 und „Windward Passage“ 450 Seiten.

Bislang hat Nisbet nur Einzelwerke geschrieben. Das mache das Verkaufen schwieriger, aber für ihn sei wichtig, das sein neues Buch nicht wie das vorherige sei.

Bei „Death Puppet“, seinem letzten Black-Lizard-Roman, änderte er sogar in letzter Minute das Ende. Es gab damals einen Eigentümerwechsel und der Managing Editor rief ihn an: „Ich kann das Buch herausbringen, wenn du es heute korrekturliest.“ Nisbet ließ alles stehen und liegen und fuhr zum Verlag nach Berkeley, las das bereits fertig gesetzte Manuskript durch und schrieb das Ende neu.

Nisbet schrieb in den vergangenen Jahrzehnten neben den Romanen auch Gedichte und Theaterstücke. „Für mich ist das alles Literatur. Es sind verschiedene Methoden, wie bei einem Roman, wenn ich von der ersten in die dritte Person wechsele.“

Die Theaterstücke waren Einakter und der Einakter „Notes from the Earth“ ist ein immer wieder aufgeführter Monolog über den letzten Mann auf der Welt, der zu dem Geist seiner verstorbenen Freundin spricht. Nisbet inszenierte die Premiere und ein Schauspieler, der das Stück damals sah, präsentiert es noch heute, wenn er weiß, dass er nicht genommen wird, bei Vorsprechterminen. Er würde dann den Monolog so lange vortragen, bis die Regisseure sagten, es sei genug. Nisbet meint lachend: „Für mich hört sich das wie meine gesamte Karriere an.“

Als ich so langsam richtig durchgefroren bin, entdeckt uns sein deutscher Verleger Frank Nowatzki. Er will demnächst bei Pulp Master Nisbets Deutschlanddebüt „Tödliche Injektion“ wiederveröffentlichen und danach weitere Nisbet-Bücher veröffentlichen.

Für Jim Nisbet ist „Pulp Master“-Macher Frank Nowatzki ein Geistesverwandter von Dennis McMillan: „Es sind diese kleinen Verleger, die das Geschäft am Laufen erhalten.“

Die bekannten Delikte von Jim Nisbet

The Gourmet, The Damned don’t die (1981)

Tödliche Injektion (Lethal Injection, 1987)

Death Puppet (1989)

Across the Tasman Sea (1997)

Prelude to a Scream (1997)

You Stiffed Me (1998)

The Price of the Ticket (2003)

The Syracuse Codex (2005)

Dunkler Gefährte (Dark Companion, 2006)

The Octopus On My Head (2007)

Windward Passage (2010)

A Moment of Doubt (2010, angekündigt)

Hinweise

Homepage von Jim Nisbet

Jim Nisbet in der Kriminalakte

Die Fotos von Jim Nisbet sind von Frank Nowatzki (Pulp Master). Auf dem dritten Fotos sind, von links nach rechts, Frank Nowatzki, Jim Nisbet und ich am Ende eines langen Tages.


„Die Meinungsmacher“?!

Juni 9, 2010

Ich habe keine Ahnung, ob der Hauptstadtjournalismus in Rom, Paris, Wien, London oder Washington (wobei Washington wahrlich keine Kulturhauptstadt ist) besser oder schlechter als unser Hauptstadtjournalismus ist, aber dass es, sicher auch durch den gleichzeitigen Aufstieg des Internets zum Massenmedium, einen qualitativen Unterschied zwischen dem Bonner und dem Berliner Journalismus gibt, wird niemand leugnen. Und die meisten werden auch der knackigen Unterzeile „Über die Verwahrlosung des Hauptstadtjournalismus“ von Leif Kramp und Stephan Weicherts „Die Meinungsmacher“ zustimmen. Dafür muss man sich nur an eine der zahlreichen Kampagnen der vergangenen Jahre erinnern, bei denen die öffentliche Aufregung in einem groben Missverhältnis zu dem Gegenstand des Skandals stand. Ich sage nur Bonusmeilen, außereheliche Affären, Dienstwagenbenutzung in Spanien, Reisebegleitungen oder zuletzt die von-der-Leyen-Nummer. Da wurde breit in allen Qualitätszeitungen über eine mögliche Kandidatur von ihr als Bundespräsidentin geschrieben, während dagegen die inzwischen ziemlich zurückgezogenen Ideen von Gesundheitsminister Philipp Rösler zur Kopfpauschale wesentlich weniger thematisiert wurden.

In ihrem Buch liefern die beiden Wissenschaftler Leif Kramp und Stephan Weichert auf etwas über zweihundert Seiten eine dichte Beobachtung des Hauptstadtjournalismus von der Euphorie vor dem Umzug nach Berlin, der Symbiose zwischen Journalismus und Politik (dank begnadeter Selbstdarsteller wie Gerhard Schröder und Joschka Fischer), der Boulevardisierung und der inzwischen einsetzenden Depression, gemischt mit hysterischen Untertönen, über die Bedrohung durch das Internet.

Für die Boulevardisierung und den damit verbundenen Qualitätsverfall ist die journalistische Kaste selbst verantwortlich. Sie orientiert sich an Talkshows, die mehr Theater als politische Aufklärung sind. Sie entwickelt einen Herdentrieb, der eine eigenständige Analyse ersetzt. Denn die Hauptstadtjournalisten sehen sich, bei all ihren Unterschieden in Einkommen, Anstellung und Renommee, einerseits als Elite und folgen andererseits einfach dem lautesten Rufer, der oft zu der kleinen Gruppe der bundesweit bekannten Alpha-Journalisten und Leitmedien wie Spiegel Online gehört.

Außerdem gibt es viele Berufseinsteiger. Sie sind unerfahren und beschäftigen sich lieber mit einfachen Themen, wie den unendlichen Farbspielen vor Wahlen, Personalien und der Skandalisierung von Nebensächlichkeiten. Immerhin kann darüber schnell und ohne Fachwissen ein Artikel geschrieben werden. Das Einschätzen von arbeitsmarkt- und gesundheitspolitischen Vorschlägen ist dagegen schon schwieriger. Vor allem wenn es mehr als ein Abschreiben der zunehmend besser geschriebenen offiziellen Verlautbarungen sein soll. Dafür benötigt man Kontakte, Zeit für Recherche (die oft nicht bezahlt wird) und muss das Thema kennen.

Auffallend ist in dieser zweihundertseitigen Analyse der Hauptstadtjournalisten, dass TV und Radio kaum vorkommen. Die traditionellen Qualitätszeitungen und -magazine, wie Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel und Die Zeit, stehen im Mittelpunkt. Sie prägen den Hauptstadtjournalismus. Sie liefern Analysen des politischen Geschehens. Das Fernsehen liefert die Bilder, aber nicht die Enthüllungen. So verblüffend dies auf den ersten Blick ist, so sehr wird diese Einschätzung von der Wirklichkeit gedeckt. Denn neben den Nachrichtensendungen gibt es im Fernsehen kaum noch politische Informationen, aber dafür viel Spektakel.

Kramp und Weichert schließen „Die Meinungsmacher“ mit zehn Thesen ab. Diese sind nicht unbedingt revolutionär, meistens sogar offensichtlich und ergeben sich, wie bei wissenschaftlichen Arbeiten oft, nur zum Teil aus der vorherigen Analyse:

– Meinungsmacher sein ist ein Privileg, das nicht missbraucht werden darf.

– Die Informationsflut erfordert mehr Recherchekompetenz, um den Fastfoodjournalismus einzudämmen.

– Entschleunigung und Nachhaltigkeit (Slow Media) sind das stärkste Mittel gegen den Glaubwürdigkeitsverlust.

– Innovation, nicht Rückspiegelung sichert die Zukunft des Politikjournalismus in der Hauptstadt.

– Politikberichterstattung braucht Lotsen und starke Wege, aber keinen Boulevard.

– Ohne Rückzugsräume wird Selbstkorrektur in den Redaktionen ein Fremdwort bleiben – und das ist schlecht.

– Das Internet ist nicht der Feind des Journalisten, sondern seine Zukunft.

– Mitmachjournalismus in allen Ehren, aber Profis sind weiterhin gefragt.

– Wer bloggt, der bleibt: Das neue Leitprinzip politischer Kommunikation.

– Hauptstadtjournalismus braucht Leitwölfe und Vorbilder.

Die restlichen fünfzig Seiten, und hier zeigt sich wieder im positiven Sinn, dass die beiden Autoren Wissenschaftler sind, werden mit Textnachweisen, einem Stichwortverzeichnis, verdienstvollen Begriffserklärungen und Kurzbiographien der Gesprächspartner gefüllt.

Gerade weil sich inzwischen der Staub der ersten Stampede gelegt hat, viele Hauptstadtredaktionen wieder aufgelöst oder kräftig reduziert wurden, die Auswirkungen des Umzugs von Bonn nach Berlin offensichtlich sind und Kramp und Weichert keine gehypten Sensationen, sondern eine ziemlich nüchterne Bestandsaufnahme liefern, ist „Die Meinungsmacher“ lesenswert. Mit ihren zehn Thesen wollen sie einen Selbstheilungsprozess in Gang setzen.

Wenn er gelingt, würde der sich immer noch vor allem in den Qualitätstageszeitungen stattfindende Hauptstadtjournalismus sich wieder auf die alten journalistischen Tugenden besinnen.

Wenn nicht, muss nach neuen Modellen gesucht werden. Denn ein Kennzeichen des Kapitalismus ist die Zerstörung; – und die Zerstörung des im Moment oft hysterisch-gehaltlosen Hauptstadtjournal wäre nicht unbedingt das schlechteste.

Leif Kramp/Stephan Weichert: Die Meinungsmacher – Über die Verwahrlosung des Hauptstadtjournalismus

Hoffmann und Campe, 2010

304 Seiten

20,00 Euro


PI Spenser stochert in der Vergangenheit

Juni 4, 2010

Alte Wunden“, der dreißigste Fall für den in Boston ermittelnden Privatdetektiv Spenser, beginnt mit dem Besuch von einem alten Bekannten in Spenser Büro. Sein Ziehsohn Paul Giacomin besucht ihn mit seiner Freundin Daryl Gordon. Sie möchte wissen, wer 1974 ihre Mutter bei einem Banküberfall erschoss. Die Dread-Scott-Brigade bekannte sich zu dem Überfall, aber die Täter wurden nie geschnappt. Als Spenser den Polizeibericht lesen will, erfährt er, dass er weder bei der Polizei noch beim FBI zu finden ist. Und nachdem einige Gangster von ihm verlangen, dass er nicht weiter herumschnüffeln soll, ist natürlich Spensers Jagdinstinkt geweckt. Mit seinem Kumpel Hawk (Typ: böser, großer, schwarzer Mann) begibt er sich auf die Jagd und begegnet dabei auch Jesse Stone, dem hilfsbereiten Polizeichef der Kleinstadt Paradise.

Nach „Hugger Mugger“, „Potshot“ und „Widow’s Walk“ (Die blonde Witwe) ist „Alte Wunden“ ein besserer Spenser-Fall. Denn spätestens seit den Neunzigern und einigen sehr schwachen Büchern in den Achtzigern schrieb Robert B. Parker die Spenser-Romane quasi im Autopilot-Modus, der dazu führt, dass die Plots oft erschreckend dünn und verworren sind, aber die Dialoge und natürlich die Kürze der Krimis sorgen immer noch für einen vergnüglichen Abend mit einigen herzlichen Lachern.

Die besseren Bücher von Robert B. Parker erschienen damals in der Jesse-Stone-Reihe, die nach einem guten Anfang dann allerdings auch erschreckend schnell schlechter wurde.

Dennoch ist „Alte Wunden“ wie ein Besuch in der Stammkneipe. Man kennt alles, man ärgert sich immer wieder über die gleichen Dinge und kommt doch immer wieder zurück. Denn Schreiben kann Robert B. Parker. Oder sollte ich „konnte“ sagen? Denn Parker starb am 18. Januar an seinem Schreibtisch. Aber andererseits ist für Oktober der neununddreißigste Spenser-Roman „Painted Ladies“ angekündigt und es sind immer noch nicht alle Spenser-, Jesse-Stone-, Sunny-Randall- (muss nicht sein) und Virgil-Cole/Everett-Hitch-Romane (hm, die Western werden wahrscheinlich nie übersetzt) übersetzt.

Robert B. Parker: Alte Wunden – Ein Auftrag für Spenser

(übersetzt von Emanuel Bergmann)

Pendragon, 2010

224 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Back Story

G. P. Putnam’s Sons, 2003

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


Buch-/Filmkritik: Stieg Larssons „Vergebung“

Juni 3, 2010

Wer die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson verschlungen hat, wird natürlich auch in den dritten Teil gehen und sich an einer romannahen Verfilmung erfreuen können. Auch wenn ein gesamter Subplot entfernt wurde. Aber wie schon in „Verblendung“ und „Verdamnis“ bleibt das Gerüst der Geschichte intakt.

Für die anderen Menschen – nun, sieht das Ganze etwas anders aus.

Vergebung“ schließt nahtlos an den zweiten Teil „Verdammnis“ an. Lisbeth Salander liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Ihr Vater Alexander Zalachenko (im Buch Zalatschenko) im Zimmer nebenan und ihr Bruder Ronald Niedermann ist auf der Flucht. Der Staat bereitet die Anklage gegen Lisbeth vor. Immerhin hat sie versucht ihren Vater zu töten. Ihr Freund, der Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist, versucht ihr zu helfen.

Gleichzeitig versuchen die Beamten, die den russischen Überläufer Zalachenko die letzten Jahrzehnte schützten, ihn und damit auch sich weiterhin zu schützen.

Diese Aufräumaktion und wie sie schiefgeht wird im Film und im Buch in epischer und quälend-langatmiger Breite erzählt. Denn anstatt die Karten neu zu verteilen und damit alle Gewissheiten aus „Verdammnis“ wieder zumindest in Frage oder sogar komplett auf den Kopf zu stellen, erzählt Larsson einfach chronologisch weiter, was passiert. Deshalb ist die Hauptstory (Mikael versucht Lisbeth zu rehabilitieren) nur ein dröger Nachklapp zu der vorherigen Geschichte. Es ist, weil eigentlich in „Verdammnis“ bereits alles gesagt wurde und in „Vergebung“ keine neuen Erkenntnisse die alten Gewissheiten in Frage stellen, ein elend langer Epilog, bei dem viel, aber immer mit klarer Rollenverteilung, intrigiert wird. Denn Zalachenkos Freunde von der Sicherheitspolizei (SiPo) wollen Lisbeth Salander jetzt endgültig in die Psychiatrie einweisen lassen.

Auf der Leinwand ist dieses Pläneschmieden von einer Armada sprechender Köpfe oft ziemlich langweilig anzusehen. Denn Kino ist Bewegung und in „Vergebung“ gibt es das nur homöopathische Dosen.

Wenn Larssons Charaktere nicht gerade reden, schreiben und lesen sie. Das ist in einem Roman kein Problem, aber auf der Leinwand, wenn notgedrungen mit Voice-Over und Selbstgesprächen gearbeitet wird, langweilig.

Dagegen fällt immer stärker auf, dass die Bücher von Stieg Larsson Märchen für Erwachsene sind. Es gibt die edlen Guten und die fiesen, teilweise erstaunlich dilettantisch agierenden Bösen. Dazwischen gibt es nichts und am Ende geht die Geschichte gut aus. Denn der edle Ritter (aka Mikael Blomkvist, der nicht Kalle Blomkvist genannt werden möchte) hat die Jungfrau (aka Lisbeth Salander, die zeitgemäße Version von Pippi Langstrumpf mit starken Verhaltensstörungen) gerettet. Dass Salander am Ende noch einmal ihrem untergetauchten Bruder begegnet, ist nur ein Tribut an die gewandelten Zeiten. Immerhin gibt es inzwischen in Buch, Film und Computerspiel genug Frauen, die lustvoll ganze Horden von Männern verprügeln und töten.

So vereint „Vergebung“ das Beste und das Schlechteste von Stieg Larsson jetzt auch im Film. Obwohl wieder viel überflüssiger Ballast gestrichen wurde, ist der Film viel zu lang. Genaugenommen ist „Vergebung“ nur ein Epilog zu „Verdammnis“, der anstatt 5 Minuten fast 150 Minuten dauert und überraschungsfrei und ziemlich humorlos die Stationen eines Strafverfahrens abhakt. Nur die superdoofen Gegner von unserem tapferen Journalisten Blomkvist erstaunen immer wieder.

Für Larsson-Fans ist „Vergebung“ sicher eine probate Illustration des Buches. Wer aber den zweiten Teil der Millenium-Trilogie „Verdammnis“ nicht gelesen oder gesehen hat, wird sich beim Sehen von „Vergebung“, weil die meisten Charaktere und Hintergründe nicht mehr eingeführt werden, öfters sehr verloren fühlen.

In Schweden ist bereits die deutlich TV-Version von „Verblendung“ (dem besten Film der Trilogie), „Verdammnis“ und „Vergebung“ gelaufen. Larsson-Fans sollten sich also überlegen, ob sie sich jetzt die Einzel-DVDs kaufen oder auf den Extended-Cut warten.

Vergebung (Luftslottet som sprängdes, Schweden/Dänemark/Deutschland 2009)

Regie: Daniel Alfredson

Drehbuch: Ulf Rydberg (nach dem Roman von Stieg Larsson)

mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Jacob Ericksson, Sofia Ledarp, Mikael Spreitz, Niklas Hjulström, Lena Endre, Michalis Koutsogiannakis, Yasmine Garbi, Per Oscarsson, Anders Ahlborn Rosendahl

Vorlage

Stieg Larsson: Vergebung

(übersetzt von Wibke Kuhn)

Heyne 2008

864 Seiten

9,95 Euro (Taschenbuch)

Originalausgabe

Luftslottet som sprängdes

Norstedts Förlag, Stockholm 2007

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Vergebung“

Meine Besprechung von „Verblendung“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von „Verdammnis“ (Buch und Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikiepedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)

Stieg Larsson in der Kriminalakte


„Kaliber .64“ mit Jan Costin Wagner

Mai 26, 2010

Wer für die „Kaliber .64“-Reihe schreiben will, muss nur zwei Bedingungen erfüllen: ein deutschsprachiger Autor sein und einen 64-seitigen Text (naja, genaugenommen etwas weniger, aber im Satz kann immer noch etwas geschummelt werden) abliefern. Oh, und es sollte auch eine Kriminalgeschichte sein, aber das versteht sich bei dem Reihennamen und weil nur Krimiautoren (wie Friedrich Ani, Horst Eckert, Gunter Gerlach, Frank Göhre, Robert Hültner, Wolfgang Schorlau und Manfred Wieninger) und -autorinnen (wie Christine Grän, Edith Kneifl, Susanne Mischke, Regula Venske und Gabriele Wolff) gefragt werden ja von selbst. Und dennoch scheitern erstaunlich viele Autoren.

Auch Jan Costin Wagners „Kaliber .64“-Geschichte „Sandmann träumt“ ist nur ein Langweiler, der träge auf sein Ende zuschlurft. Der titelgebende Christoph Sandmann ist ein 59-jähriger, verheirateter Gymnasiallehrer, der sich in eine seiner Schülerinnen verliebt. Er schmachtet sie aber nur wie ein verliebter Teenager an. Als für eine Klassenfahrt ein Lehrer ausfällt, springt er ein. Während der Klassenfahrt (Abfahrt auf Seite 27) kommt es zu einem Ereignis, das Jan Costin Wagner auf Seite 49 so schnell und emotionslos schildert, dass erst auf der nächsten Seite deutlich wird, was Sandmann getan hat.

Die restlichen elf Seiten sind dann auch schnell gelesen und man fragt sich, warum Jan Costin Wagners Kimmo-Jonetaa-Romane so abgefeiert wurden.

Denn er gewinnt der altbekannten Geschichte vom Lehrer, der sich in eine Schülerin verliebt, keine neuen Aspekte ab. Sandmann ist als Charakter eine typische Schriftstellerfantasie, die mit den heutigen Lehrern nichts zu tun hat. So hat Sandmann als Endfünfziger 1968, die Siebziger mit freiem Sex, Kinderläden und dem Neuen Deutschen Film (Fassbinder, Herzog, Schlöndorff, Wenders), die Hochzeit der Friedensbewegung, Helmut Kohl, die Einheit und den 11. September erlebt, aber er verhält sich wie der vergeistigt-verklemmte Lehrer aus den weltfremden Filmen der fünfziger Jahre.

Dieser überaus passive Lehrer Sandmann bleibt – auch wegen Wagners knapper Sprache und den ermüdenden Stummelsätzen, die an ein schlechtes Drehbuch erinnern (Oh, halt, „Sandmann träumt“ ist ja ein Exposé für den nächsten TV-Film ohne sozialkritischen Touch) – als Charakter genauso austauschbar wie seine Kollegen und die Schüler.

Sandmann träumt“ blickt schüchtern in Richtung Patricia Highsmith und Georges Simenon (die Non-Maigrets) und bewegt sich dann zielstrebig in die entgegengesetzte Richtung in die Ödnis des papiernen Pseudo-Psychothrillers, der weder Psycho noch Thriller, aber viel Pseudo ist.

Jan Costin Wagner: Sandmann träumt

Edition Nautilus, 2009 (Kaliber .64)

64 Seiten

4,90 Euro

Hinweise

Homepage von Jan Costin Wagner

Wikipedia über Jan Costin Wagner

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Jan Costin Wagner

Krimi-Couch über Jan Costin Wagner

Alligatorpapiere: Befragung von Jan Costin Wagner (21. Juni 2005)


Im Verhörzimmer: D. B. Blettenberg über „Murnaus Vermächtnis“

Mai 19, 2010

Unter den Krimiautoren ist der deutsche D. B. Blettenberg der Globetrotter. Seine inzwischen elf Romane spielen in Afrika, Asien, Südamerika, Florida und Berlin. Für jeden Roman war er, oft als Entwicklungshelfer, länger in den Ländern. Auch in Ghana, dem Schauplatz seines neuesten und umfangreichsten Romans „Murnaus Vermächtnis“, arbeitete er.

Der Krimi (ein verniedlichendes Wort, das Blettenberg nicht mag; er fragt sich auch, ob „Murnaus Vermächtnis“ überhaupt ein Kriminalroman ist) ist, wie Blettenbergs andere Werke, ein kurzweiliges und sehr informatives Vergnügen. Denn er möchte nicht nur unterhalten, sondern auch Wissen vermitteln, ohne dabei eine bestimmte Weltsicht zu predigen. Als 1981 sein erster Roman „Weint nicht um mich in Quito“ erschien, wurde das mit dem gut dotierten Edgar-Wallace-Preis ausgezeichnete Werk von einigen Kritikern als das Ende des Soziokrimis gefeiert. Denn bereits in seinem Debütroman orientierte er sich vor allem an den Größen der angloamerikanischen Polit-Thriller-Riege, wie Eric Ambler und Ross Thomas.

Dieser Einfluss ist auch in seinem neuesten Werk „Murnaus Vermächtnis“ spürbar. Der Erzähler Victor Voss ist als Vierzigjähriger in Ghana gestrandet. Er war bei der Fremdenlegion, schreibt jetzt ein Buch und spielt Fremdenführer. Jetzt bittet Albin Grau ihn, ihn in die Voltaregion zu fahren. Schon auf der Hinfahrt kommt es zu einer Konfrontation mit dem cholerischen William und Grau wird ermordet. Zurück in Accra wird seine mütterliche Freundin Vera, die an einem Buch über Friedrich Wilhelm Murnau arbeitete, ermordet und alles hängt mit dem am 11. März 1931 bei einem Autounfall tödlich verunglückten Regisseur zusammen. Denn unter Filmfanatikern werden für Kopien seiner verschollenen Filme hohe Preise gezahlt. Anscheinend ist einer dieser verschollenen Filme in der Voltaregion.

Voss ist auf den ersten Buchseiten, wie der klassische Ambler-Held, der Spielball in einem Spiel, in das er gegen seinen Willen hineingestoßen wird, das er nicht überblickt und bei dem er froh sein kann, wenn er überlebt. Später wird deutlich, dass Voss viel stärker involviert ist, als er zunächst glaubte und dass er gerade wegen seiner Vergangenheit (Nein, nicht die Zeit bei der Fremdenlegion.) von Albin Grau als Führer engagiert wurde.

Die Ursprünge von „Murnaus Vermächtnis“

Die erste Idee für den Roman hatte Blettenberg, wie er mir Anfang Mai in einem ausführlichen Interview erzählte, allerdings nicht vor sechs Jahren in Ghana, sondern bereits in den frühen Neunzigern in Managua, der Hauptstadt von Nicaragua. Dort las er in der Wochenendbeilage der Berliner Morgenpost, anlässlich einer Arte-Dokumentation, einen Artikel über Friedrich Wilhelm Murnau und seinen letzten Film „Tabu“, den dieser mit Ureinwohnern auf einer Südseeinsel drehte. Das Murnau-Porträt mit dem an einer Schreibmaschine sitzenden Regisseur erinnerte ihn an den mit ihm befreundeten Regisseur Peter Keglevic („Der Bulle und das Mädchen“). Blettenberg arbeitete an den Drehbüchern für die Keglevic-Filme „Vickys Alptraum“ und „Falling Rocks“ mit.

Zufällig sah er kurz darauf in einem regionalen Sender, der sonst nur ein uninteressantes Programm brachte, Keglevics Spielfilm „Der Skipper“ (der für diese Ausstrahlung kein Geld erhielt. Murnau war in Mexiko mit einer illegalen Vorführung eines seiner Filme konfrontiert.). Bei einem Telefongespräch unterhielt er sich mit Keglevic darüber.

Zurück in Deutschland sah er dann die Dokumentation, recherchierte über Murnau und überlegte, ob er, wie Jörg Fauser es mit Marlon Brando getan hatte, über den Stummfilmregisseur eine subjektive Biographie schreiben sollte.

Aus der Idee wurde nichts und der Murnau-Artikel wanderte in Blettenbergs Archivbox.

2003/2004 arbeitete Blettenberg als Landesdirektor für den Deutschen Entwicklungsdienst in Ghana. Im Gegensatz zu seinen früheren Auslandsaufenthalten wollte er zuerst kein in Ghana spielendes Buch schreiben.

Er traf King Ampaw. Ampaw ist in Ghana ein bekannter Regisseur. Zuletzt inszenierte er den auch in deutschen Kinos gelaufenen Spielfilm „No Time to die“. Außerdem hatte Ampaw in Werner Herzogs Bruce-Chatwin-Verfilmung „Cobra Verde“, neben Klaus Kinski, eine Hauptrolle.

Bereits acht Jahre vor „Cobra Verde“ drehte Werner Herzog mit Klaus Kinski „Nosferatu – Phantom der Nacht“, ein fast bildgenaues Remake von Murnaus stilbildendem Horrorfilm „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“, der auf Bram Stokers „Dracula“ basiert.

Die Voltaregion, das ehemalige Deutsch-Togo, in der auch wichtige Teile des Romans „Murnaus Vermächtnis“ spielen, faszinierte Bletteberg in Ghana am meisten. Einerseits wegen der Landschaft, andererseits weil dort noch Juju (eine Form des Voodoo) praktiziert wird.

Er las viel über die Kolonialgeschichte. So erfuhr er von der Segelschule als Teil der deutschen Entwicklungshilfe. Er informierte sich über die Geschichte von Ghana und über Jerry John Rawlings, der von 1981 bis 2001 der Präsident von Ghana war und der „Che Guevara von Westafrika“ (Blettenberg) ist. Er durchstöberte die Antiquariate nach Büchern und Freunde empfahlen ihm Bücher über Rawlings und die Militärdiktatur, die es nur in Ghana gibt und auch dort teilweise nicht mehr erhältlich sind.

Es kam über die Jahre also einiges zusammen und irgendwann packte Blettenberg der Ehrgeiz, eine Geschichte zu erzählen, die die auf den ersten Blick nicht zusammenpassenden Elemente Ghana und Murnau miteinander verbindet. Das gelang ihm mit dem Thema Tabus und Tabubrüche.

Gleichzeitig wollte er sich verschiedener Genres bedienen und ein Schauerelement sollte enthalten sein. Er selbst nennt den Roman auch Tropical Noir oder Tropical Gothic. Die meisten seiner Romane würde er Abenteuer-Politthriller nennen. „Barbachs Bilder“ als sein Non-Maigret sei die große Ausnahme.

Das Schreiben von „Murnaus Vermächtnis“

Bevor er mit dem Roman bekann, schrieb er eine 120-seitigen Murnau-Biographie. „Bis jetzt gibt es – außer einem schmalen Buch von Lotte Eisner aus dem Jahr 1967 – keine Murnau-Biographie.“

Die Passagen über Friedrich Wilhelm Murnau in „Murnaus Vermächtnis“ sind, weil sie auf Tatsachen basieren, in der dritten Person geschrieben. Blettenberg übernahm große Teile seiner Murnau-Biographie in den Roman.

Die Geschichte von Victor Voss ist dagegen in der ersten Person Singular geschrieben. Für die Ich-Perspektive habe gesprochen, dass Voss immer am Ort des Geschehens ist (Ein Problem beim Konstruieren vieler Geschichten ist, dass der Autor dafür sorgen muss, dass der Ich-Erzähler entweder selbst am Ort des Geschehens ist oder ihm jemand anderes die wichtigen Informationen erzählt, ohne dass die Geschichte langweilig wird. Das ist gar nicht so einfach.) und es um Tabuverletzungen geht. Es geht um moralische Grauzonen und das Verdrängen von unangenehmen Erinnerungen.

Das kann nur in der ersten Person erzählt werden. Sonst wirkt es schnell künstlich“, so Blettenberg. Denn sein Erzähler muss sich seiner Vergangenheit stellen. So wird Voss, nachdem er auf den ersten Seiten noch der normale, austauschbare Ich-Erzähler, der, ähnlich einem Detektiv oder Reporter, vor allem durch die Geschichte führen soll, immer mehr zu einem komplexen Charakter, der sich auch mit den Tabus, gegen die er in der Vergangenheit verstieß, und den moralischen Grauzonen, in die er sich so begab, stellen muss.

Eine Folge dieser Entscheidung war, so Blettenberg, dass das Buch, auch wegen der komplexen Geschichte, mindestens zweihundert Seiten dicker werde und er über vierhundert Seiten schreiben werde. Das wusste er von Anfang an. Die erste Fassung hatte dann neunhundert Seiten.

Beim Schreiben versucht Blettenberg einen Kompromiss zwischen Planung und Improvisation zu finden.

Vor dem Schreiben entwirft er einen Plot. Aber es ist nicht alles geplant und er lässt die Charaktere auch ihre eigenen Entscheidungen treffen. Außerdem beschäftigt er sich mit einigen Fragen erst, wenn sie entschieden werden müssen. So informierte er sich erst relativ spät über die Archivierung von Filmen und er war erstaunt, wieviel Platz ein Spielfilm benötigt.

Auch werden einige Charaktere im Lauf des Schreibens zunehmend wichtiger. So war der schweizer Saft- und Marmeladenfabrikant zunächst nur ein Charakter, der in der Abafun Lodge für einen glaubwürdigen Hintergrund sorgte. „Später ist mir aufgefallen, dass er die Lösung für ein Problem, das ich hatte, war“, erzählt Blettenberg.

Ich habe eine gewisse Sicherheit, dass ich gut rauskomme“, fährt er fort. Dennoch kann es sein, dass er, wenn er gute Ideen hat, die zweite Hälfte komplett neu aufbaut.

Während des Schreibens verwirft er selbstverständlich einige Ideen, wie einen Tauchgang von Voss. Andere Szenen streicht er, nachdem er das Manuskript abgeschlossen hat. So hatte er in einer früheren Fassung die komplette 30-seitige Synopse von Murnaus verschollenem „Four Devils“ aufgenommen.

Einige seiner Testleser hielten diese Passage für zu lang. „Andere sagten, ich solle keine Zeile des 900-seitigen Manuskripts streichen.“ Aber weil er einen Roman und keine filmhistorische Abhandlung schreiben wollte, kürzte er die Inhaltsangabe von „Four Devils“ auf wenige Zeilen ein. Auch einige Passagen aus Murnaus Leben und seinem Umfeld, die in seiner Murnau-Biographie standen, sind – falls er sie überhaupt in eine frühere Fassung aufgenommen hatte – vor dem Druck von ihm gestrichen worden.

Am Ende erstellte er, wegen der Länge von „Murnaus Vermächtnis“, den Prolog, den er „Aufblende“ nannte. „Es ist ein Versprechen und Einstimmung auf die Geschichte.“

Die Einteilung in vier Akte, eine Auf- und Abblende machte er nach dem Schreiben. Sie weist noch einmal darauf hin, dass es in dem Buch um Filme, vor allem Stummfilme, die noch in Akte (vulgo Filmspulen), unterteilt waren, geht.

D. B. Blettenbergs Lektüre

Mit meiner traditionellen Abschlussfrage nach fünf Büchern für den nächsten Urlaub stellte ich D. B. Blettenberg dann vor ungeahnte Probleme. In den vergangenen Monaten hatte er vor allem Sachbücher für seinen nächsten Roman gelesen und er wollte mir unbedingt Bücher empfehlen, die ich noch nicht gelesen hatte. Nach längerem Überlegen nannte er:

– Hugh R. Trevor-Roper: Der Eremit von Peking

– Albert Sánchez Pinol: Pandora im Kongo

– Ulf Miehe: Puma

– Hans Herbst: Mendoza

– Charles McCarry: Christophers‘ Ghost

Als wir dann zur Bücherwand gingen, zeigte er mir die Bücher seiner Lieblingsautoren, die ihn teilweise um die halbe Welt begleiteten. Elmore Leonard, Eric Ambler, Carl Hiaasen („Ich kann von ihm allerdings nur ein halbes Buch lesen. Dann wird es mir zu viel.“), James W. Hall, Brian Freemantle, Ted Allbeury, Len Deighton, Charles McCarry, Alan Furst, James Lee Burke, James Ellroy (mit einer persönlichen Widmung), Ed McBain („Ein Meister des Dialogs.“), Natsuo Kirino, Dennis Lehane, Michael Connelly, Tony Hillerman, Maj Sjöwall/Per Wahlöö, etwas Mickey Spillane, zwei Keller-Romane von Lawrence Block („Mehr kenne ich noch nicht von ihm.“), und die Geschenkausgabe von Elmore Leonards „Ten Rules of Writing“.

D. B. Blettenberg: Murnaus Vermächtnis

Dumont, 2010

576 Seiten

19,95 Euro

Hinweise

Homepage von D. B. Blettenberg

Meine Besprechung von D. B. Blettenbergs „Land der guten Hoffnung“

Meine Besprechung von D. B. Blettenbergs „Murnaus Vermächtnis“

Wikipedia über D. B. Blettenberg

Lexikon der deutschen Krimiautoren über D. B. Blettenberg

Krimi-Couch über D. B. Blettenberg


Seeßlen, Romero und die Zombies

Mai 18, 2010

Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kehren die Toten auf die Erde zurück – mit dieser lapidaren Erklärung und einer Horde sich langsam bewegender, menschenfleisch(fr)essender Untoter wurde George A. Romero bekannt. Sein an Wochenenden in den späten Sechzigern in Pittsburgh mit Freunden gedrehtes SW-Debüt „The Night of the Living Dead“ (Die Nacht der lebenden Toten) wurde über die Mitternachtsvorstellungen zu einem Kassenhit und, über die Jahre, zu einem stilbildendem Klassiker des modernen Horrorfilms, der auch heute noch schockiert. In Europa wurde der Film auch von der Kritik wahrgenommen, teils positiv besprochen und die Zensoren aller Länder zückten erfreut ihre Schere. Auch bei Romeros weiteren Zombie-Filmen „Dawn of the Dead“ und „Day of the Dead“ hatten sie einiges zu tun. In diesem Jahrtausend waren die Horrorfilme brutaler geworden, die Zensurschere wurde vor allem für Werke wie „Saw“ benutzt und Romeros neueste Zombie-Filme „Land of the Dead“, „Diary of the Dead“ und „Survival of the Dead“ wurden weniger, teils sogar überhaupt nicht mehr, beschnitten.

Denn langsam auf einen zustampfende Zombies, die man mit einem gezielten Kopfschuss erlegen kann, sind im Vergleich zu den Scheußlichkeiten von „Saw“ und Konsorten nicht mehr so schrecklich. Jedenfalls wenn sie nicht gerade in Massen auftauchen und ausreichend Munition vorhanden ist.

Außerdem, und das unterscheidet Romero von vielen seiner Nachfolger, kritisiert er in seinen Filmen auch immer die amerikanische Gesellschaft. Dabei ist seine linke Gesellschaftskritik ungefähr so subtil wie ein Kopfschuss.

Und das ist auch einer der Gründe, warum „George A. Romero und seine Filme“ zu den enttäuschenderen Filmbüchern des produktiven und immer lesenswerten Georg Seeßlen gehört. Denn er kann hier sein Wissen nur begrenzt ausbreiten.

Nach einem Überblick über Romeros Leben und seine Anfänge, nimmt er sich weitgehend chronologisch jeden Romero-Film vor („Dawn of the Dead“ wird vor „Martin“ besprochen) und geht anschließend auf Romeros Wirkung, die sich vor allem in unzähligen Zombie-Filmen niedergeschlagen hat, ein.

Während in Seeßlens anderen Büchern die Besprechungen der einzelnen Filme das immer wieder lesenswerte Herzstück sind, erschöpfen sie sich in „George A. Romero und seine Filme“ weitgehend in Nacherzählungen, die um einige Informationen von der Produktion und Hinweisen auf die doch eindimensional bleibende Gesellschaftskritik gegen Regierung, Militär und Kapitalismus ergänzt werden.

Die Probleme von George A. Romero mit dem Hollywood-Filmbetrieb werden nur gestreift und teilweise zu einem Hohelied auf das unabhängige Filmemachen verklärt. Denn es ist schon erstaunlich, wie bruchstückhaft Romeros Karriere trotz des kommerziellen Erfolgs verlief. Immer wieder gibt es jahrelange Pausen zwischen seinen Filmen. Oft hatte er, obwohl wahrscheinlich jeder seiner Film die Kosten wieder eingespielt hat, Probleme mit den Geldgebern.

Romeros Probleme mit der Zensur werden von Georg Seeßlen immer wieder gestreift, aber nie ausführlich behandelt. Hier hätte sich ein eigenes Kapitel zur FSK, der Indizierung von Filmen und den wandelnden gesellschaftlichen Normen angeboten.

Spätestens bei der Filmographie fehlen umfassende Erläuterungen zu den verschiedenen Schnittfassungen. Bei einigen Filmen werden diese Informationen halbwegs geliefert. Bei „Day of the Dead“ (Zombie 2 – Das letzte Kapitel, USA 1985) steht nur der rätselhafte Satz „Die Kastration dieses Meisterwerks durch den deutschen Verleih ist eine bodenlose Schande“ (Norbert Stresau). Denn auf weitere Erklärungen wird verzichtet, aber dafür wird die Länge der Originalfassung und der deutschen, indizierten Fassung mit 96 Minuten angegeben.

Absolut ärgerlich ist die unglaublich hohe Zahl von Tippfehlern. Hier hätte (falls nicht die falsche Datei zur Druckerei geschickt wurde) schon das Einschalten der automatischen Rechtschreibkorrektur das Schlimmste verhindern können. Und, wenn man schon ein anscheinend schon im Frühjahr/Sommer 2009 fertiggestelltes Manuskript druckt, hätte man wenigstens die Filmographie des momentan sehr produktiven George A. Romero auf den neuesten Stand bringen können. Denn Romeros neuester Film „Survival of the Dead“, der im September 2009 auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Premiere hatte und der am 6. Mai 2010 in unseren Kinos anlief, wird mit keinem Wort erwähnt.

Trotzdem ist Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“ für Horrorfilmfans ein wichtiges Buch. Denn es ist das einzige auch nur halbwegs aktuelle Buch zu dieser Ikone des Horrorfilms.

Georg Seeßlen: George A. Romero und seine Filme

kuk, 2010

368 Seiten

23 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‚Inglourious Basterds’“ (2009)

Wikipedia über George A. Romero (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über George A. Romero (von Brian Wilson, November 2006)

Arte über George A. Romero (mit bewegten Bildern zum Start von „Diary of the Dead“)

tip: Jörg Buttgereit unterhält sich mit George A. Romero (5. Mai 2010)

Shock till you drop interviewt George A. Romero (12. Mai 2010)

Homepage of the Dead (eine lebendige Fanseite)

Dead Source (noch eine Fanseite; schon etwas untot)

Internet Archive: „The Night of the Living Dead“ (Yep, der komplette Film mit dem alles begann)



Pablo Escobar in Bildern

Mai 10, 2010

Schon beim Durchblättern des Bildbandes „Escobar – Der Drogenbaron“ von James Mollison fällt auf, wie grundlegend sich auch die Welt des Verbrechens in den vergangenen zwanzig Jahren änderte.

Pablo Escobar war in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der meistgesuchte Verbrecher. Er stammte aus kleinen Verhältnissen, schoss sich in den Siebzigern in einer Mischung aus Größenwahn und Gefallsucht nach oben. Er wollte auch als ehrbarer Mann angesehen werden und errang 1982 einen Sitz im kolumbianischen Kongress. 1983 endete, nachdem er die Herkunft seines Vermögens erklären sollte, sein Ausflug in die Politik. Später überlegte er immer wieder, ob er sich in den Dschungel zurückziehen und eine Befreiungsbewegung gründen sollte. Seine Gegner erschoss er oder bombte sie weg. Dabei war es ihm egal, ob es Gangster, Polizisten, Richter oder Minister waren. 1986 wurden 3500 Menschen in Medellin ermordet, 1992 waren es 6624. Escobar exportierte ungeahnte Mengen Kokain in die USA und er gab das Geld mit vollen Händen aus.

Er war das südamerikanische Update von Al Capone und den Gangstern der Hollywood-Filme der Dreißiger. Und Hollywood reflektierte diesen Drogenkrieg eifrig. So ist es aus heutiger Sicht frappierend, wie stark sich Szenen und Motive aus der TV-Serie „Miami Vice“, dem Remake „Scarface“ oder der Romanverfilmung „Das Kartell“ an Escobars Wirken anlehnen.

Auch sein Ende war wie in einem Hollywood-Gangsterfilm: die Polizei stürmte sein Versteck. Er flüchtete und wurde am 2. Dezember 1993, einen Tag nach seinem 44. Geburtstag, erschossen.

In Medellin lebt sein Mythos fort und, wir ahnen es, Hollywood will sein Leben verfilmen. Zwei Projekte sind seit Jahren in einem konkreteren Stadium. Joe Carnahan hat bereits ein Drehbuch basierend auf Mark Bowdens Biographie „Killing Pablo“ geschrieben, sich mögliche Drehorte angesehen und er sollte auch Regie führen, aber weil das Projekt, wie seine James-Ellroy-Verfilmung „White Jazz“, nicht vorankommt, inszenierte er zuletzt „The A-Team“.

Über das zweite Projekt, die Oliver-Stone-Produktion „Pablo Escobar“, gibt es ebenfalls keine neueren Informationen. Antoine Fuqua wurde als Regisseur genannt. Er hat inzwischen „Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest“ inszeniert und ist in der Vorproduktion für die Vince-Flynn-Verfilmung „Consent to Kill“.

James Mollison sichtete für sein Buch „Escobar – Der Drogenbaron“ die verschiedenen Sammlungen von Bildern und Dokumenten, die es heute noch gibt. Denn viele Fotos wurden in den vergangenen Jahren vernichtet. Außerdem unterhielt er sich mit Escobars Familie, Freunden, Vertrauten und seinen Jägern. Diese Texte sind allerdings, weil sie nicht chronologisch, sondern thematisch sortiert sind, nur längere, eher dröge zu lesende Erläuterungen zu den Bildern.

Und diese sind der Grund das Buch zu kaufen. Sie zeigen, wie wenig glamourös, teilweise sogar ärmlich Escobar lebte, wie bieder er war, wie er sich ein Gefängnis als Mischung aus Jugendwohnheim und Dorfdisco einrichtete, wie normal er aussah. Eher wie der nette Gastwirt um die Ecke oder der Urlaubsfreund vom Strand. Bürgerlicher kann der siebtreichste Mann der Welt (so die Forbes-Liste von 1989) kaum aussehen.

Es gibt viele Bilder von Escobar mit seiner Familie und seinen Freunden auf seiner Hacienda Nápoles, auf verschiedenen Feiern, während seines Wahlkampfs und bei Wohltätigkeitsveranstaltungen. In Medellin ist Escobar in seinem Viertel heute immer noch geachtet. Auch von diesem Kult gibt es in „Escobar – Der Drogenbaron“ Aufhahmen.

Es gibt Ausschnitte aus Dokumenten, Fahndungsaufrufe und Bilder von ermordeten Gangster, Polizisten an Tatorten, konfiszierten Flugzeugen, U-Booten, Waffen und tragbaren Telefonen, die damals noch in schweren Koffern waren.

Es gibt neue Bilder von Escobars inzwischen verfallenen Häusern.

Bei den Bildern fällt immer wieder auf, dass Pablo Escobar einer der letzten Prä-HipHop-Gangster war. Er hängte sich nicht Tonnen von Schmuck um. Er trug Sportkleidung oder auch einen Anzug. Gleichzeitig war er einer der letzten, vielleicht sogar der letzte Gangster, der noch allgemein bekannt war. Er stand ganz oben auf der FBI-Liste der meistgesuchten Männer. Er führte einen – aussichtslosen – Kampf gegen die kolumbianische Polizei und den Staat.

Nach ihm übernahmen die unscheinbar-austauschbaren Buchhalter, denen eher an einer Symbiose mit dem Staat gelegen ist, das Ruder. Seine Gegner übernahmen sein Schmuggelnetzwerk und machten es zu einem viel profitableren Geschäft. In den USA sanken unmittelbar nach seinem Tod die Straßenpreise sogar um ein Drittel. Nach UNODC-Berichten stieg die jährliche Kokainproduktion seit Escobars Tod von 770 auf 910 Tonnen; in Kolumbien von 120 auf 610 Tonnen.

James Mollison (mit Rainbow Nelson): Escobar – Der Drogenbaron

(übersetzt von Simone Salitter und Gunter Blank)

Heyne Hardcore, 2010

416 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Memory of Pablo Escobar

Chris Boot Ltd., London 2007

Hinweise

Homepage von James Mollison

Wikipedia über Pablo Escobar (deutsch, englisch)

Spiegel-Artikel über Pablo Escobar


Kristof Kryszinski und die beiden Rotzlöffel

April 30, 2010

Ein alter Mann mit einer Lidl-Tüte schlurfte vorbei, ohne sich groß an dem Toten oder den beiden Leichenfledderern zu stören. Ein tätowiertes Pärchen mit einem Kinderwagen hingegen hielt an, drehte den Wagen so, dass der Kleine einen guten Blick hatte, und stand dann mit hängenden Liedern und Kiefern einfach da und glotzte.

Manche Stadtviertel versprühen einen solch unnachahmlichen Charme, dass man sich insgeheim fragt, wann wohl die Touristenbusse anrollen.“

Die vor Kristof Kryszinski aufgeschlagene Leiche ist sein Vorgänger: der Hausmeister des Mühlheimer Wohnpark Nord und Privatdetektiv Kryszinski soll undercover herausfinden, wer in diesem sozialen Brennpunkt für die Einbrüche verantwortlich ist. Eine Bürgerwehr hat sich auch schon gegründet. Die üblichen Verdächtigen lungern ebenfalls in dem Sozialbau herum. Kryszinskis Tarnung fliegt, obwohl er gewissenhaft seinen Pflichten als Hausmeister nachkommt und sich von den im Wohnblock lebenden Frauen verköstigen lässt, schnell auf. Aber das ist auch nicht so schlimm. Denn Kryszinski erwischt ungewohnt schnell die beiden titelgebenden, an der Schwelle zur Pubertät stehenden Rotzlöffel Yves und Sean Kerner mit dem Diebesgut in ihrem Kellerversteck und, weil deren Eltern grandiose Vorbilder für einen mustergültigen Fall von schwerer Kindesvernachlässigung sind, werden die beiden Zwillinge sofort in eine Pflegefamilie gesteckt. Im benachbarten Luxemburg.

Eigentlich könnte Kryszinski jetzt sein Honorar einstreichen. Aber er sieht sich noch einmal die Fakten an und er ist sich sicher, dass er verarscht wurde. Die beiden Rotzlöffel Yves und Sean sind als Täter einfach zu perfekt. Er will seinen Fehler wiedergutmachen und fährt nach Luxemburg. Aber die Pflegeeltern wollen ihn nicht zu den Jungs lassen. Als Kryszinski sich etwas umhört, erfährt er, dass die nach außen ach so honorige und um das Wohl der Schutzbefohlenen sehr besorgte Pflegefamilie nicht ganz koscher ist.

Erfahrene Krimileser können sich spätestens jetzt denken – auch weil der Klappentext es schon verrät -, womit die Pflegefamilie ihr Geld verdient.

Das ist nicht so schlimm, wie Spoiler-Hasser jetzt vielleicht befürchten. Denn die Kristof-Kryszinski-Krimis von Jörg Juretzka werden in erster Linie wegen der schnoddrig-lakonischen Sprache und dem saloppen ignorieren jeder Anwandlung politischer Korrektheit gelesen.

Denn obwohl sein eher glückloser Detektiv Kryszinski dieses Mal tief im Milieu der Sozialhilfeempfänger ermittelt und er versucht, zwei benachteiligten Kindern zu helfen, gibt es in „Rotzig & Rotzig“ kein Betroffenheitsgesülze, keine sozialdemokratischen Anklagen gegen die böse Gesellschaft und auch keine Hilferufe nach dem Staat. Das alles bleibt dem sonntäglichen „Tatort“ vorgehalten.

Bei Juretzka wird sich dagegen durchgeschlagen und die beiden Rotzlöffel haben dann auch ihre ganz eigene Ansicht zu der von Kryszinski letztendlich erfolgreich veranstalteten Rettungsaktion.

Jörg Juretzka: Rotzig & Rotzig

Rotbuch, 2010

256 Seiten

16,95 Euro

Hinweise

Krimi-Couch über Jörg Juretzka

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Jörg Juretzka

Kaliber .38 interviewt Jörg Juretzka (2002)

Literaturschock interviewt Jörg Juretzka (2003)

Alligatorpapiere: Befragung von Jörg Juretzka (2004)

2010LAB interviewt Jörg Juretzka (2010)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Bis zum Hals“


Ein Blick in fremde Welten

April 29, 2010

Beginnen wir mit dem großen Minuspunkt von Joachim Körbers „Das bekannte Fremde“: dem Inhaltsverzeichnis. Es sind nur die Titel abgedruckt. Dabei wären einige weitere Informationen schon gut.

Also muss ich es hier machen:

Teil 1: Leute

Das bekannte Fremde (über Ursula K. Le Guin)

Was ist Wahrheit? (über Philip K. Dick)

Die Frau im Mond (über Thea von Harbou)

Der Prophet des Untergangs (über J. G. Ballard)

Teil 2: Bücher

Guter Autor – böser Autor (über „Desperation“ von Stephen King und „The Regulators“ von Richard Bachman)

Wider den billigen Nervenkitzel (über „Der Gedankenleser“ von Gunter Gross)

Die Welt stinkt (über „Gegen die Welt, gegen das Leben“ von Mchel Houllebecq)

Tanz im anderen Wind (über „Rückkehr nach Erdsee“ von Ursula K. Le Guin)

Mit dem Vorschlaghammer dem Leser eins in die Fresse“ (über „Ein amerikanischer Thriller“ und „Ein amerikanischer Albtraum“ von James Ellroy)

It’s hard to be a king (über „Bote der Nacht“ von Dean Koontz)

Brave New World Revisted (über „Die Enteigneten“ von Ursula K. Le Guin)

Teil 3: Themen

Raumpatrouille Orion (Ähem, das ist selbsterklärend.)

Ein Krieg wird kommen (über die Verquickung von militärischen Entwicklungen und Science-Fiction, unter besonderer Berücksichtigung der Verbindungen zum völkischen Denken)

Manche mögen’s kalt (über die Welteislehre oder Glazial-Kosmogonie und ihre Beliebtheit bei den Nazis)

Das Ende der Zukunft? (ein Essay über die Wichtigkeit von Visionen)

Herr Roland kam zum finstern Turm… (über Stephen Kings Saga vom Dunklen Turm)

Proletarier im Fantasy-Land (Abschließendes zu Fafhrd und dem Grauen Mausling – und dem Werk von Fritz Leiber und seiner Bedeutung)

Von Mäusen und Menschen oder Spiegelungen in einem dunklen Glas (über Susan Palwicks „Das Schicksal der Mäuse“ und Daniel Keyes‘ „Blumen für Algernon“)

Der James Bond des neuen Jahrtausends (vor allem über „Casino Royale“)

J. G. Ballard und die Erinnerungen an das Raumfahrtzeitalter (über J. G. Ballard und seine ganz wenigen Schriften zur Mondlandung)

Die meisten Texte sind in den vergangenen Jahren an verschiedenen Orten, wie Jungle World, Mephisto und Alien Contact, erschienen und für Hardcore-Krimifans nicht sonderlich interessant. Aber wer einen etwas weiteren Blick hat, wird viele Perlen finden. Dazu gehören die Rückblicke in die Geschichte der phantastischen Literatur in den Aufsätzen „Ein Krieg wird kommen“ und „Manche mögen’s kalt“. Sie beschäftigen sich vor allem mit dem deutschen Weg in der Verbindung zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen (die sich teilweise als Unfug herausstellten), populären Zukunftsromanen, völkisch-faschistischem Denken und ihren Nachwirkungen nach 1945.

In „Das Ende der Zukunft“ spricht Körber sich für eine überfällige Wiederkehr von Visionen aus:

Wir, als Volk, als Bürger, haben ein Recht auf Utopien und Visionen, und es ist Aufgabe von Politik, Wissenschaft und Kunst, sie uns zu geben. Welche Folgen Politik ohne Visionen haben kann, das führt uns der aktuelle Zustand des Staates und seiner Regierung jeden Tag vor Augen.“

Mit den Texten über Ursula K. Le Guin konnte ich weniger anfangen. Aber das liegt – weil ich kein Fantasy-Fan bin – vor allem daran, dass ich von Le Guin, außer ihrem Schreibratgeber „Kleiner Autoren-Workshop“, nichts gelesen habe. Die Texte über Ballard, Dick, Ellroy, King, Koontz und von Harbou bieten lesenswerte Einblicke in das Leben und Werk der Autoren.

Ein wiederkehrendes Thema der von Körber für diesen Sammelband zusammengestellten Texte ist das Verhältnis von vertrauter und fremder Welt. Diese kann auf anderen Planeten, in der Zukunft, in der Gegenwart oder in unserer Psyche liegen.

Joachim Körber ist Verleger (unter anderem die Edition Phantasia und kuk), Übersetzer (unter anderem Stephen King, Max Brooks, Neal Stephenson und Dan Simmons), Autor (unter anderem „Wolf“) und einer der deutschsprachigen Experten im Bereich der phantastischen Literatur. Dass er nebenbei in der Edition Phantasia auch eine kleine, feine Krimireihe pflegt, macht ihn nur noch sympathischer.

Joachim Körber: Das bekannte Fremde – Schriften zur Phantastik (nebst einigen anderen)

kuk, 2010

240 Seiten

20 Euro


D. B. Blettenberg enthüllt „Murnaus Vermächtnis“

April 28, 2010

Was hat D. B. Blettenberg in den letzten Jahren getan? Seit seinem Südafrika-Krimi „Land der guten Hoffnung“ vergingen vier Jahre.

Mit „Murnaus Vermächtnis“ liegt jetzt die Antwort vor. Blettenberg hat mit gut sechshundert Seiten sein bislang umfangreichstes Werk geschrieben.

In dem Abenteuerroman soll in Ghana der deutschstämmige Tourguide Victor Voss den seltsam blass aussehenden Albin Grau nach Ho begleiten. Schon vor der Abfahrt häufen sich die seltsamen Ereignisse. Aus Voss‘ Auto wird seine Sporttasche und ein Minisarg gestohlen. Fledermäuse wecken ihn aus einem alptraumhaftem Schlaf. Als Voss sich über seinen seltsamen Kunden erkundigt, erfährt er, dass er kein Spiegelbild hat.

Außerdem ist Grau ein Murnau-Fan und die Fahrt hat etwas mit dem verstorbenen Stummfilmregisseur, der mit der Dracula-Variante „Nosferatu“ einen Klassiker des Horrorfilms drehte, zu tun. Die Zeichen für kommende Katastrophen sind unübersehbar.

Aber bevor Voss und Grau das Ziel ihrer Fahrt erreichen, wird Grau nachts in seinem Hotelzimmer ermordet. Jemand hat ihm eine dreizackige Wunde in die Halsschlagader gestochen (oder gebissen?) und verbluten gelassen.

Kurz darauf wird Voss‘ mütterliche Freundin Vera ermordet. Voss will jetzt herausfinden, warum Grau und Vera ermordet wurden und was das alles mit Friedrich Wilhelm Murnau zu tun hat.

In „Murnaus Vermächtnis“ entwirft Blettenberg ein detailliertes Bild von Ghana vor sechs Jahren. 2003 und 2004 arbeitete Blettenberg als Entwicklungshelfer in Ghana und, wie schon in seinen vorherigen Romanen, verarbeitet er seine Reiseeindrücke in einem spannenden Roman.

Aber im Gegensatz zu seinen vorherigen Krimis ist „Murnaus Vermächtnis“ kein Politthriller, sondern ein Old-School-Abenteuerroman mit Schatzjägern, korrupten Polizisten, schönen Frauen, Mystizismus, Okkultismus, Geisterglaube und Tabus (so auch der Titel von Murnaus letztem Film). Das ganze ergänzt er um eine satte Portion deutscher Geschichte (so wurde die Ghana Air Force von der Deutschen Hanna Reitsch aufgebaut), Familienbande und Inzest.

Das ist natürlich schönster Pulp, der hier von D. B. Blettenberg auf gut sechshundert Seiten ausgerollt wird. Früher hätten dafür dreihundert Seiten gereicht. Aber dann hätten wir – leider – viel weniger über Friedrich Wilhelm Murnau, Ghana, die deutsche Kolonialgeschichte und das alltägliche Leben in und um Accra, der Hauptstadt von Ghana, erfahren. Das hat letztendlich teilweise nichts mit der Schatzsuche zu tun, aber während Ich-Erzähler Voss noch in seinem Alltagsleben gefangen ist, entsteht so das Gefühl einer diffusen Bedrohung (Hey, es gibt keine Vampire! Oder vielleicht doch?) und Blettenberg legt viele richtige und einige falsche Spuren aus.

Murnaus Vermächtnis“ ist, wie bei D. B. Blettenberg auch nicht anders zu erwarten, ein feiner Schmöker für ein langes Wochenende.

D. B. Blettenberg: Murnaus Vermächtnis

Dumont, 2010

576 Seiten

19,95 Euro

Lesung

D. B. Blettenberg stellt am Donnerstag, den 29. April, um 19.00 Uhr, im Veranstaltungssaal des Berliner Verlags (Karl-Liebknecht-Straße 29, Nähe S/U-Bahnhof Alexanderplatz) seinen neuen Roman vor.

Als Eintritt wird um eine großzügige Spende von Lebenszeit gebeten.

Hinweise

Homepage von D. B. Blettenberg

Meine Besprechung von D. B. Blettenbergs „Land der guten Hoffnung“

Wikipedia über D. B. Blettenberg

Lexikon der deutschen Krimiautoren über D. B. Blettenberg

Krimi-Couch über D. B. Blettenberg

Die Verbrechen des Herrn Blettenberg

Weint nicht um mich in Quito, 1981

Agaven sterben einsam, 1982

Barbachs Bilder, 1984

Siamesische Hunde, 1987

Farang, 1988

Blauer Rum, 1994

Harte Schnitte, 1995

Null Uhr Managua, 1997

Berlin Fidschitown, 2003

Land der guten Hoffnung, 2006

Murnaus Vermächtnis, 2010


Zeit zu sterben

April 19, 2010

Seit vier Jahren schicken die Autoren Jimmy Palmiotti und Justin Gray im Wilden Westen den Kopfgeldjäger Jonah Hex auf die Jagd nach Verbrechern. Gejagt wird auch im heutigen Manhattan in dem ebenfalls von ihnen geschriebenen Begleitbuch zu dem Videospiel „Prototype“.

Dort jagen die harten NYPD-Cops McKlusky und Ella Garcia eine unbekannte Bestie, die in einem U-Bahn-Schacht einen Berg zerfetzter Leichen hinterlassen hat. Gleichzeitig riegelt das Militär Manhattan ab. Zusammen mit der Söldnerarmee Blackwatch jagen sie Menschen, die von einem Virus infiziert wurden, der sie zu menschenfressenden Bestien macht. Dieser Virus brach vor vierzig Jahren aus einem geheimen Labor aus und seitdem jagt Peter Randall die Infizierten und tötet sie. Kollateralschäden inclusive. Nur so kann der Schaden für den Konzern Genteck minimiert werden. Und natürlich jagen die Infizierten Menschen. Außerdem springt ein Gestaltwandler durch die Panels.

Dieser Gestaltwandler Alex Mercer ist im Comic (im Gegensatz zum Spiel) nur eine Nebenfigur und deshalb in der sechsteiligen Miniserie ein rätselhaft-unwichtiger Charakter.

Die Story von „Prototype“ ist ein hübsch noirischer Thriller, in dem alles, was Genrejunkies zwischen wildgewordenen Monstern, durchgeknallten Militärs, einem alles beherrschendem militärisch-industriellem Komplex und zwei hartgesottenen Bulle lieben, aufgefahren wird.

In die in Manhattan spielende Geschichte von McKlusky und Garcia werden immer wieder Episoden aus der Vergangenheit eingefügt. In ihnen erzählen Palmiotti und Gray, warum Randall die Monster jagt und wo sie herkommen. Das entbehrt, wenn er und seine Männer 1969 in Idaho das Städtchen Hope einäschern, natürlich nicht einer schwarzhumorigen Ironie.

Obwohl „Prototype“ als sechsteilige Miniserie in sich abgeschlossen ist, steht auf der letzten Seite zutreffend „Ende?“. Denn in weiten Teilen wirkt „Prototype“ wie der Pilotfilm für eine aufregende TV-Serie.

Das Gefühl stellt sich so auf auf der letzten Seite von „Jonah Hex – Zeit zu sterben“ nicht ein. Denn hier erzählen Palmiotti und Gray sechs abgeschlossene, im Wilden Westen spielende Geschichten mit dem bekannt-berüchtigten Kopfgeldjäger Jonah Hex, der von Apachen mit einem glühend heißen Tomahawk im Gesicht entstellt wurde. Jetzt erkennt jeder ihn auf den ersten Blick. Dass Jonah Hex dabei, wenn er von Stammzeichner Luke Gross gemalt wird, wie Clint Eastwood in einem seiner klassischen Western zwischen „Für eine Handvoll Dollar“ und „Ein Fremder ohne Namen“ aussieht, gibt dann auch optisch eindeutig die Marschrichtung der sechs in dem ersten Jonah-Hex-Sammelband „Zeit zu sterben“ versammelten Geschichten an. Palmiotti und Gray erzählen, mit kleinen Variationen, die bekannten Westernsituationen, bevorzugt die des namenlosen Fremden, der in einer von Verbrechern beherrschten Stadt aufräumt, nach. Dabei macht Hex keine Gefangenen: „Nachdem er drei Jahrzehnte lang ein Leben voller Qualen durchlitten hatte, konnte Jonah Hex mit ziemlicher Gewissheit sagen, dass Gott ihn hasste. Und Jonah tat sein bestes, um es dem Herrn mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Wenn ein Mann weiß, dass im Himmel kein Platz für ihn ist, ist es klug von ihm, sich beim Teufel beliebt zu machen. Und so hatte Jonah es auf sich genommen, so viele Sünder in die Hölle zu schicken, wie dort Platz fanden und nicht zurückzublicken.“

Dennoch fragt er sich am Ende der ersten Geschichte „Was dem Teufel gebührt“, ob sein Handeln wirklich im Widerspruch zu Gottes Wille stehe. In dieser Geschichte soll er einen entführten Jungen finde.

In „Kugeln aus Silber, Kreuz aus Gold“ wird aus einer Kirche ein Kreuz gestohlen. Als Jonah Hex es zurückholen will, muss er sich mit einem ganzen, aus Verbrechern bestehendem Ort anlegen.

In „Auge um Auge“ rettet Jonah Hex eine Siedlerfamilie vor einer Banditenbande. In der nächsten Stadt wird Hex vom Sheriff verhaftet. Denn der Anführer der Banditen war sein Bruder und er will dessen Tod rächen.

In „Als ich fast gestorben wäre“ bringt er einen Verbrecher Chako zurück in den Ort, in dem er die junge Mayleen vergewaltigt haben soll. Als sie ihm sagt, dass Chako unschuldig ist, versucht Hex ihm zu helfen.

In „Weihnachten mit den Gesetzlosen“, der einzigen Geschichte, die von Tony DeZuniga (dem Zeichner der ersten Jonas-Hex-Geschichten in den Siebzigern) gezeichnet wurde, sitzt Jonah Hex mit einem Gefangenen in einer abgelegenen, von Gesetzlosen belagerten Bahnstation, fest.

In „Eine Eichenkiste nach Texas“ muss Jonah Hex in einer kleinen Ortschaft, die von Schwester Agatha beherrscht wird, um sein Leben kämpfen.

Justin Gray/Jimmy Palmiotti (Autoren)/Darrick Robertson/Matt Jacobs (Zeichner): Prototype

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Prototype, Heft 1 – 6

Wildstorm, 2009

Jimmy Palmiotti/Justin Gray (Autoren)/Luke Gross (Zeichner): Jonah Hex – Zeit zu sterben (Band 1)

(übersetzt von Christian Heiß)

Panini Comics, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Jonah Hex: Face full of violence (Vol. 1, # 1 – 6)

Titan-Books, 2006

enthält

Was dem Teufel gebührt (Giving the devil his due, Januar 2006)

Kugeln aus Silber, Kreuz aus Gold (Bullets of silver, cross of gold, Februar 2006)

Auge um Auge (Eye for an eye, März 2006)

Als ich fast gestorben wäre (The time I almost died, April 2006)

Weihnachten mit den Gesetzlosen (Christmas with the outlaws, Mai 2006)

Eine Eichenkiste nach Texas (Goin‘ back to Texas in a box, Juni 2006)

Hinweise

Blog von Jimmy Palmiotti

Wikipedia über „Prototype“ (deutsch, englisch)

Comic Book Resources: Interview mit Justin Gray und Jimmy Palmiotti über „Prototype“ (30. April 2009)

Wikipedia über „Jonah Hex“ (deutsch, englisch)

Living between Wednesdays: Interview mit Jimmy Palmiotti (1. April 2009)

Cinematical: Interview mit Justin Gray (30. Juni 2009)

Comic Gate: Interview mit Justin Gray und Jimmy Palmiotti über ihren neuen Comic „Splatterman“ (17. Februar 2010)