Ein Blick in fremde Welten

April 29, 2010

Beginnen wir mit dem großen Minuspunkt von Joachim Körbers „Das bekannte Fremde“: dem Inhaltsverzeichnis. Es sind nur die Titel abgedruckt. Dabei wären einige weitere Informationen schon gut.

Also muss ich es hier machen:

Teil 1: Leute

Das bekannte Fremde (über Ursula K. Le Guin)

Was ist Wahrheit? (über Philip K. Dick)

Die Frau im Mond (über Thea von Harbou)

Der Prophet des Untergangs (über J. G. Ballard)

Teil 2: Bücher

Guter Autor – böser Autor (über „Desperation“ von Stephen King und „The Regulators“ von Richard Bachman)

Wider den billigen Nervenkitzel (über „Der Gedankenleser“ von Gunter Gross)

Die Welt stinkt (über „Gegen die Welt, gegen das Leben“ von Mchel Houllebecq)

Tanz im anderen Wind (über „Rückkehr nach Erdsee“ von Ursula K. Le Guin)

Mit dem Vorschlaghammer dem Leser eins in die Fresse“ (über „Ein amerikanischer Thriller“ und „Ein amerikanischer Albtraum“ von James Ellroy)

It’s hard to be a king (über „Bote der Nacht“ von Dean Koontz)

Brave New World Revisted (über „Die Enteigneten“ von Ursula K. Le Guin)

Teil 3: Themen

Raumpatrouille Orion (Ähem, das ist selbsterklärend.)

Ein Krieg wird kommen (über die Verquickung von militärischen Entwicklungen und Science-Fiction, unter besonderer Berücksichtigung der Verbindungen zum völkischen Denken)

Manche mögen’s kalt (über die Welteislehre oder Glazial-Kosmogonie und ihre Beliebtheit bei den Nazis)

Das Ende der Zukunft? (ein Essay über die Wichtigkeit von Visionen)

Herr Roland kam zum finstern Turm… (über Stephen Kings Saga vom Dunklen Turm)

Proletarier im Fantasy-Land (Abschließendes zu Fafhrd und dem Grauen Mausling – und dem Werk von Fritz Leiber und seiner Bedeutung)

Von Mäusen und Menschen oder Spiegelungen in einem dunklen Glas (über Susan Palwicks „Das Schicksal der Mäuse“ und Daniel Keyes‘ „Blumen für Algernon“)

Der James Bond des neuen Jahrtausends (vor allem über „Casino Royale“)

J. G. Ballard und die Erinnerungen an das Raumfahrtzeitalter (über J. G. Ballard und seine ganz wenigen Schriften zur Mondlandung)

Die meisten Texte sind in den vergangenen Jahren an verschiedenen Orten, wie Jungle World, Mephisto und Alien Contact, erschienen und für Hardcore-Krimifans nicht sonderlich interessant. Aber wer einen etwas weiteren Blick hat, wird viele Perlen finden. Dazu gehören die Rückblicke in die Geschichte der phantastischen Literatur in den Aufsätzen „Ein Krieg wird kommen“ und „Manche mögen’s kalt“. Sie beschäftigen sich vor allem mit dem deutschen Weg in der Verbindung zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen (die sich teilweise als Unfug herausstellten), populären Zukunftsromanen, völkisch-faschistischem Denken und ihren Nachwirkungen nach 1945.

In „Das Ende der Zukunft“ spricht Körber sich für eine überfällige Wiederkehr von Visionen aus:

Wir, als Volk, als Bürger, haben ein Recht auf Utopien und Visionen, und es ist Aufgabe von Politik, Wissenschaft und Kunst, sie uns zu geben. Welche Folgen Politik ohne Visionen haben kann, das führt uns der aktuelle Zustand des Staates und seiner Regierung jeden Tag vor Augen.“

Mit den Texten über Ursula K. Le Guin konnte ich weniger anfangen. Aber das liegt – weil ich kein Fantasy-Fan bin – vor allem daran, dass ich von Le Guin, außer ihrem Schreibratgeber „Kleiner Autoren-Workshop“, nichts gelesen habe. Die Texte über Ballard, Dick, Ellroy, King, Koontz und von Harbou bieten lesenswerte Einblicke in das Leben und Werk der Autoren.

Ein wiederkehrendes Thema der von Körber für diesen Sammelband zusammengestellten Texte ist das Verhältnis von vertrauter und fremder Welt. Diese kann auf anderen Planeten, in der Zukunft, in der Gegenwart oder in unserer Psyche liegen.

Joachim Körber ist Verleger (unter anderem die Edition Phantasia und kuk), Übersetzer (unter anderem Stephen King, Max Brooks, Neal Stephenson und Dan Simmons), Autor (unter anderem „Wolf“) und einer der deutschsprachigen Experten im Bereich der phantastischen Literatur. Dass er nebenbei in der Edition Phantasia auch eine kleine, feine Krimireihe pflegt, macht ihn nur noch sympathischer.

Joachim Körber: Das bekannte Fremde – Schriften zur Phantastik (nebst einigen anderen)

kuk, 2010

240 Seiten

20 Euro


D. B. Blettenberg enthüllt „Murnaus Vermächtnis“

April 28, 2010

Was hat D. B. Blettenberg in den letzten Jahren getan? Seit seinem Südafrika-Krimi „Land der guten Hoffnung“ vergingen vier Jahre.

Mit „Murnaus Vermächtnis“ liegt jetzt die Antwort vor. Blettenberg hat mit gut sechshundert Seiten sein bislang umfangreichstes Werk geschrieben.

In dem Abenteuerroman soll in Ghana der deutschstämmige Tourguide Victor Voss den seltsam blass aussehenden Albin Grau nach Ho begleiten. Schon vor der Abfahrt häufen sich die seltsamen Ereignisse. Aus Voss‘ Auto wird seine Sporttasche und ein Minisarg gestohlen. Fledermäuse wecken ihn aus einem alptraumhaftem Schlaf. Als Voss sich über seinen seltsamen Kunden erkundigt, erfährt er, dass er kein Spiegelbild hat.

Außerdem ist Grau ein Murnau-Fan und die Fahrt hat etwas mit dem verstorbenen Stummfilmregisseur, der mit der Dracula-Variante „Nosferatu“ einen Klassiker des Horrorfilms drehte, zu tun. Die Zeichen für kommende Katastrophen sind unübersehbar.

Aber bevor Voss und Grau das Ziel ihrer Fahrt erreichen, wird Grau nachts in seinem Hotelzimmer ermordet. Jemand hat ihm eine dreizackige Wunde in die Halsschlagader gestochen (oder gebissen?) und verbluten gelassen.

Kurz darauf wird Voss‘ mütterliche Freundin Vera ermordet. Voss will jetzt herausfinden, warum Grau und Vera ermordet wurden und was das alles mit Friedrich Wilhelm Murnau zu tun hat.

In „Murnaus Vermächtnis“ entwirft Blettenberg ein detailliertes Bild von Ghana vor sechs Jahren. 2003 und 2004 arbeitete Blettenberg als Entwicklungshelfer in Ghana und, wie schon in seinen vorherigen Romanen, verarbeitet er seine Reiseeindrücke in einem spannenden Roman.

Aber im Gegensatz zu seinen vorherigen Krimis ist „Murnaus Vermächtnis“ kein Politthriller, sondern ein Old-School-Abenteuerroman mit Schatzjägern, korrupten Polizisten, schönen Frauen, Mystizismus, Okkultismus, Geisterglaube und Tabus (so auch der Titel von Murnaus letztem Film). Das ganze ergänzt er um eine satte Portion deutscher Geschichte (so wurde die Ghana Air Force von der Deutschen Hanna Reitsch aufgebaut), Familienbande und Inzest.

Das ist natürlich schönster Pulp, der hier von D. B. Blettenberg auf gut sechshundert Seiten ausgerollt wird. Früher hätten dafür dreihundert Seiten gereicht. Aber dann hätten wir – leider – viel weniger über Friedrich Wilhelm Murnau, Ghana, die deutsche Kolonialgeschichte und das alltägliche Leben in und um Accra, der Hauptstadt von Ghana, erfahren. Das hat letztendlich teilweise nichts mit der Schatzsuche zu tun, aber während Ich-Erzähler Voss noch in seinem Alltagsleben gefangen ist, entsteht so das Gefühl einer diffusen Bedrohung (Hey, es gibt keine Vampire! Oder vielleicht doch?) und Blettenberg legt viele richtige und einige falsche Spuren aus.

Murnaus Vermächtnis“ ist, wie bei D. B. Blettenberg auch nicht anders zu erwarten, ein feiner Schmöker für ein langes Wochenende.

D. B. Blettenberg: Murnaus Vermächtnis

Dumont, 2010

576 Seiten

19,95 Euro

Lesung

D. B. Blettenberg stellt am Donnerstag, den 29. April, um 19.00 Uhr, im Veranstaltungssaal des Berliner Verlags (Karl-Liebknecht-Straße 29, Nähe S/U-Bahnhof Alexanderplatz) seinen neuen Roman vor.

Als Eintritt wird um eine großzügige Spende von Lebenszeit gebeten.

Hinweise

Homepage von D. B. Blettenberg

Meine Besprechung von D. B. Blettenbergs „Land der guten Hoffnung“

Wikipedia über D. B. Blettenberg

Lexikon der deutschen Krimiautoren über D. B. Blettenberg

Krimi-Couch über D. B. Blettenberg

Die Verbrechen des Herrn Blettenberg

Weint nicht um mich in Quito, 1981

Agaven sterben einsam, 1982

Barbachs Bilder, 1984

Siamesische Hunde, 1987

Farang, 1988

Blauer Rum, 1994

Harte Schnitte, 1995

Null Uhr Managua, 1997

Berlin Fidschitown, 2003

Land der guten Hoffnung, 2006

Murnaus Vermächtnis, 2010


Zeit zu sterben

April 19, 2010

Seit vier Jahren schicken die Autoren Jimmy Palmiotti und Justin Gray im Wilden Westen den Kopfgeldjäger Jonah Hex auf die Jagd nach Verbrechern. Gejagt wird auch im heutigen Manhattan in dem ebenfalls von ihnen geschriebenen Begleitbuch zu dem Videospiel „Prototype“.

Dort jagen die harten NYPD-Cops McKlusky und Ella Garcia eine unbekannte Bestie, die in einem U-Bahn-Schacht einen Berg zerfetzter Leichen hinterlassen hat. Gleichzeitig riegelt das Militär Manhattan ab. Zusammen mit der Söldnerarmee Blackwatch jagen sie Menschen, die von einem Virus infiziert wurden, der sie zu menschenfressenden Bestien macht. Dieser Virus brach vor vierzig Jahren aus einem geheimen Labor aus und seitdem jagt Peter Randall die Infizierten und tötet sie. Kollateralschäden inclusive. Nur so kann der Schaden für den Konzern Genteck minimiert werden. Und natürlich jagen die Infizierten Menschen. Außerdem springt ein Gestaltwandler durch die Panels.

Dieser Gestaltwandler Alex Mercer ist im Comic (im Gegensatz zum Spiel) nur eine Nebenfigur und deshalb in der sechsteiligen Miniserie ein rätselhaft-unwichtiger Charakter.

Die Story von „Prototype“ ist ein hübsch noirischer Thriller, in dem alles, was Genrejunkies zwischen wildgewordenen Monstern, durchgeknallten Militärs, einem alles beherrschendem militärisch-industriellem Komplex und zwei hartgesottenen Bulle lieben, aufgefahren wird.

In die in Manhattan spielende Geschichte von McKlusky und Garcia werden immer wieder Episoden aus der Vergangenheit eingefügt. In ihnen erzählen Palmiotti und Gray, warum Randall die Monster jagt und wo sie herkommen. Das entbehrt, wenn er und seine Männer 1969 in Idaho das Städtchen Hope einäschern, natürlich nicht einer schwarzhumorigen Ironie.

Obwohl „Prototype“ als sechsteilige Miniserie in sich abgeschlossen ist, steht auf der letzten Seite zutreffend „Ende?“. Denn in weiten Teilen wirkt „Prototype“ wie der Pilotfilm für eine aufregende TV-Serie.

Das Gefühl stellt sich so auf auf der letzten Seite von „Jonah Hex – Zeit zu sterben“ nicht ein. Denn hier erzählen Palmiotti und Gray sechs abgeschlossene, im Wilden Westen spielende Geschichten mit dem bekannt-berüchtigten Kopfgeldjäger Jonah Hex, der von Apachen mit einem glühend heißen Tomahawk im Gesicht entstellt wurde. Jetzt erkennt jeder ihn auf den ersten Blick. Dass Jonah Hex dabei, wenn er von Stammzeichner Luke Gross gemalt wird, wie Clint Eastwood in einem seiner klassischen Western zwischen „Für eine Handvoll Dollar“ und „Ein Fremder ohne Namen“ aussieht, gibt dann auch optisch eindeutig die Marschrichtung der sechs in dem ersten Jonah-Hex-Sammelband „Zeit zu sterben“ versammelten Geschichten an. Palmiotti und Gray erzählen, mit kleinen Variationen, die bekannten Westernsituationen, bevorzugt die des namenlosen Fremden, der in einer von Verbrechern beherrschten Stadt aufräumt, nach. Dabei macht Hex keine Gefangenen: „Nachdem er drei Jahrzehnte lang ein Leben voller Qualen durchlitten hatte, konnte Jonah Hex mit ziemlicher Gewissheit sagen, dass Gott ihn hasste. Und Jonah tat sein bestes, um es dem Herrn mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Wenn ein Mann weiß, dass im Himmel kein Platz für ihn ist, ist es klug von ihm, sich beim Teufel beliebt zu machen. Und so hatte Jonah es auf sich genommen, so viele Sünder in die Hölle zu schicken, wie dort Platz fanden und nicht zurückzublicken.“

Dennoch fragt er sich am Ende der ersten Geschichte „Was dem Teufel gebührt“, ob sein Handeln wirklich im Widerspruch zu Gottes Wille stehe. In dieser Geschichte soll er einen entführten Jungen finde.

In „Kugeln aus Silber, Kreuz aus Gold“ wird aus einer Kirche ein Kreuz gestohlen. Als Jonah Hex es zurückholen will, muss er sich mit einem ganzen, aus Verbrechern bestehendem Ort anlegen.

In „Auge um Auge“ rettet Jonah Hex eine Siedlerfamilie vor einer Banditenbande. In der nächsten Stadt wird Hex vom Sheriff verhaftet. Denn der Anführer der Banditen war sein Bruder und er will dessen Tod rächen.

In „Als ich fast gestorben wäre“ bringt er einen Verbrecher Chako zurück in den Ort, in dem er die junge Mayleen vergewaltigt haben soll. Als sie ihm sagt, dass Chako unschuldig ist, versucht Hex ihm zu helfen.

In „Weihnachten mit den Gesetzlosen“, der einzigen Geschichte, die von Tony DeZuniga (dem Zeichner der ersten Jonas-Hex-Geschichten in den Siebzigern) gezeichnet wurde, sitzt Jonah Hex mit einem Gefangenen in einer abgelegenen, von Gesetzlosen belagerten Bahnstation, fest.

In „Eine Eichenkiste nach Texas“ muss Jonah Hex in einer kleinen Ortschaft, die von Schwester Agatha beherrscht wird, um sein Leben kämpfen.

Justin Gray/Jimmy Palmiotti (Autoren)/Darrick Robertson/Matt Jacobs (Zeichner): Prototype

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Prototype, Heft 1 – 6

Wildstorm, 2009

Jimmy Palmiotti/Justin Gray (Autoren)/Luke Gross (Zeichner): Jonah Hex – Zeit zu sterben (Band 1)

(übersetzt von Christian Heiß)

Panini Comics, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Jonah Hex: Face full of violence (Vol. 1, # 1 – 6)

Titan-Books, 2006

enthält

Was dem Teufel gebührt (Giving the devil his due, Januar 2006)

Kugeln aus Silber, Kreuz aus Gold (Bullets of silver, cross of gold, Februar 2006)

Auge um Auge (Eye for an eye, März 2006)

Als ich fast gestorben wäre (The time I almost died, April 2006)

Weihnachten mit den Gesetzlosen (Christmas with the outlaws, Mai 2006)

Eine Eichenkiste nach Texas (Goin‘ back to Texas in a box, Juni 2006)

Hinweise

Blog von Jimmy Palmiotti

Wikipedia über „Prototype“ (deutsch, englisch)

Comic Book Resources: Interview mit Justin Gray und Jimmy Palmiotti über „Prototype“ (30. April 2009)

Wikipedia über „Jonah Hex“ (deutsch, englisch)

Living between Wednesdays: Interview mit Jimmy Palmiotti (1. April 2009)

Cinematical: Interview mit Justin Gray (30. Juni 2009)

Comic Gate: Interview mit Justin Gray und Jimmy Palmiotti über ihren neuen Comic „Splatterman“ (17. Februar 2010)



„Submarino“-Besprechung online

April 17, 2010

Meine Besprechung von „Submarino“, dem neuen Roman von Jonas T. Bengtsson, ist online in der Berliner Litaturkritik. In dem feinen noirischen Buch erzählt er von zwei kriminellen Brüdern und ihren Versuchen sich und anderen Menschen zu helfen.

Während der Berlinale hatte ich den Jonas T. Bengtsson getroffen und mit ihm über „Submarino“, die Verfilmung von Thomas Vinterberg und den ganzen Rest gesprochen.


Kurzkritik: Franco Limardi: Die dunkle Spur des Todes

April 15, 2010

Bereits auf der ersten Seite von „Die dunkle Spur des Todes“ lässt Franco Limardi, wie Billy Wilder in „Boulevard der Dämmerung“, keinen Zweifel am Ausgang der Geschichte. Der Erzähler ist tot und er wird jetzt seine Geschichte erzählen.

Lorenzo Madralta ist in der Provinz der Sicherheitschef eines Einkaufszentrums. Als Ex-Soldat ist er natürlich sträflich unterfordert. Aber ihm genügt das ruhige, abgeschiedene Leben, das von gelegentlichen Abendessen mit Vittori, dem Leiter des Einkaufszentrums, und Sex mit Vittoris Freundin Giuliana unterbrochen wird. Als er sich in die Studentin Laura verliebt, entschließt er sich, bei dem großen Projekt von Vittori mitzumachen: einem Diebstahl der Einnahmen des Kaufhauses wenige Tage vor Weihnachten. Madralta hat zwar, als er seine Komplizen sieht, seine Zweifel, aber der Wunsch mit Laura und einem Haufen Geld die Stadt zu verlassen, ist stärker. Allerdings geht schon der Überfall schief.

Die dunkle Spur des Todes“ von Franco Limardi ist ein netter kleiner Noir, der sich gelungen und ohne große Überraschungen in den vertrauten Bahnen bewegt.

Franco Limardi: Die dunkle Spur des Todes

(übersetzt von Christiane Rhein)

Goldmann, 2009

224 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

Ance una sola lacrima

Marsilio Editori, Venedig, 2005

Hinweise

Homepage von Franco Limardi

Europolar: Giovanni Zucca über „Die dunkle Spur des Todes“


Zur aktuellen Ausgabe des „Lexikons des Internationalen Films“

April 15, 2010

Am bewährten Aufbau des von der katholischen Filmzeischrift „Film-Dienst“ herausgegebenen „Lexikon des internationalen Films“ hat sich auch in der neuesten Ausgabe, die sich mit dem „Filmjahr 2009“ beschäftigt, nichts geändert. Den Hauptteil bildet ein Lexikon mit wahrscheinlich allen Spiel- und Dokumentarfilmen (Kino, DVD, TV) die im deutschsprachigen Raum 2009 angelaufen sind. Jeder Film wird kurz vorgestellt und kritisch gewürdigt. Die Bewertungen sind, wie schon seit langem, undogmatisch und am Film orientiert.

Da gibt es auch für FSK-18-Filme, die schon vom Titel ein bestimmtes Publikum ansprechen, positive Bewertungen: „Dicht inszeniert und überzeugend gespielt, gleichwohl etwas spekulativ“ (The Boston Strangler), „Ruppig-melancholischer Gangsterfilm, der durch die Verwendung von Farbfiltern eine eigenwillige Atmosphäre schafft.“ (The Butcher – A new Scarface), „Brutaler Actionfilm voller Blutbäder und ausgefallener Tötungsvarianten, die immerhin recht fantasiereich inszeniert werden.“ (The Tournament).

Ergänzt werden die fundierten Bewertungen mit Hinweisen auf das Bonusmaterial der DVDs und zu unterschiedlichen Schnittfassungen. So erfahren wir, dass „The Tournament“ für die „ab 18“-Fassung stark beschnitten, für die Leihfassung „SPIO/JK I – Keine schwere Jugendgefährdung“ wurden immerhin noch zwei Minuten aus dem Film herausgeschnitten und sogar die in Österreich und der Schweiz veröffentlichte Fassung wurde um etwa eine Minute erleichtert. Normalerweise sind die dort erscheinenden Fassungen ungekürzt

Es gibt längere Besprechungen der Redaktionslieblinge. Dieses Jahr sind das „Alle Andere“, „Antichrist“, „Gran Torino“, „Il Divo“, „Jerichow“, „Der Knochenmann“, „The Wrestler“, „Tödliches Kommando“, „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ und „Zeiten des Aufruhrs“. Es gibt einen Überblick über herausragende DVD- und Blu-Ray-Editionen von älteren Filmen, einen Überblick über 2009 vergebene wichtige Filmpreise, Anschriften aus Film und Fernsehen, einen Rückblick auf das Kinojahr 2009 und die Dokumentation der Tagung des Verbands der deutschen Filmkritik vom 11. Dezember 2009 in Berlin.

Dieses Mal geht es um die wirtschaftliche Lage der Filmjournalisten und wie die Zukunft der Filmkritik aussieht. Beides ist, so das Fazit der Tagung, sehr düster. Die Honorare für die meistens freien Mitarbeiter sind in den vergangenen Jahren gleich geblieben oder gesunken. Der Platz für Filmkritiken in Zeitungen und Zeitschriften wird zunehmend kleiner (von einem Filmjournalismus im TV und im Radio kann ja nicht mehr gesprochen werden). Es wird sich – auch in der Filmkritik – zunehmend auf Agenturmeldungen konzentriert und und statt fundierter Kritiken gibt es mehr Boulevard.

Auch wenn die Vortragenden nur über die Lage von Filmjournalisten und der Filmkritik sprechen, sind die Analysen leicht auf den gesamten Kulturjournalismus und die Lage der freien Mitarbeiter in allen Ressorts übertragbar.

Wie in den letzten Jahren ist die Auflistung der verstorbenen Filmschaffenden sehr lückenhaft und es fehlt ein Rückblick auf die wirtschaftliche Seite mit Umsatz- und Besucherzahlen. Aber das sind die einzigen Kritikpunkte an diesem feinen Lexikon.

Als Bonus gibt es dieses Mal für ein Jahr den Zugang zur Datenbank des Film-Dienstes.

Film-Dienst: Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2009

Schüren Verlag, 2010

600 Seiten

22,90 Euro

Hinweise

Homepage des Film-Dienstes

Homepage des Verbandes der deutschen Filmkritik

Schüren Verlag: Leseprobe: Die besten Kinofilme des Jahres 2009

Meine Besprechung vom „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2008“


Kurzkritik: Max Allan Collins: Der erste Quarry

April 10, 2010

Nach dem Erfolg von „Der letzte Quarry“, in dem Max Allan Collins von dem letzten Auftrag des von ihm erfundenen Profikillers erzählt, hat er wieder Lust auf weitere Quarry-Geschichten bekommen und weil Quarry sich zur Ruhe gesetzt hat, springt Collins an das andere Ende von Quarry Karriere und erzählt in dem neuen Quarry-Roman „Der erste Quarry“ von dem ersten Auftrag des kaltschnäuzigen Profikillers.

Nach seinem Vietnameinsatz kehrt Quarry in die Heimat zurück und muss als erstes entdecken, dass seine Frau einen anderen Mann hat. Er bringt den Liebhaber um, geht aus politischen Gründen straffrei aus und wird von dem Broker gefragt, ob er sich ein Leben als Profikiller vorstellen könne. Quarry sieht darin eine Möglichkeit seine in der Ausbildung erworbenen Fähigkeiten gewinnbringend einzusetzen. Moralische Skrupel hat er – schon damals – keine.

Als Bewährungsprobe soll er in einem ruhigen Unikaff einen Professor umbringen. Während er den Professor beobachtet, entdeckt er auch dessen ausgedehntes Liebeslieben und weil Quarry einen Tick zu neugierig ist, lässt er sich etwas zu sehr in das Leben des Opfers und seiner Frauen hineinziehen und aus einem Mord werden schnell mehrere.

Der erste Quarry“ ist, wie bei Max Allan Collins nicht anders zu erwarten, ein kleiner schnörkelloser Noir. Und weil die Geschichte Ende 1970 spielt, gibt es auch schöne Begegnungen zwischen Quarry und der sexuell freizügigen Hippie-Kultur.

In den USA ist bereits ein weiterer Quarry-Band, „Quarry in the Middle“, erschienen. Er erzählt, wie der Titel erahnen lässt, von Quarrys verbrecherischen Taten zwischen seinem ersten und letzten Auftrag.

Max Allan Collins: Der erste Quarry

(übersetzt von Maike Stein)

Rotbuch, 2010

192 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

The first Quarry

Hard Case Crime, 2008

Hinweise

Homepage von Max Allan Collins

Meine Besprechung von Max Allan Collins’ „Two for the Money“ (2004)

Meine Besprechung von Max Allan Collins’ „The last Quarry“ (2006)

Meine Besprechung von „Der letzte Quarry“ (The last Quarry, 2006)

Meine Besprechung von Max Allan Collins’ „Bones – Die Knochenjägerin: Tief begraben“ (Bones: Buried deep, 2006)

Meine Besprechung von Max Allan Collins’ „CSI – Crime Scene Investigation: Im Profil des Todes“ (CSI: Crime Scene Investigation – Snake Eyes, 2006)

Meine Besprechung von Max Allan Collins’ „CSI: NY – Blutiger Mond (Bloody Murder, 2006)

Meine Besprechung von Max Allan Collins’ „CSI – Das Dämonenhaus“ (Demon House, 2004)

Meine Besprechung von Max Allan Collins’ „CSI: Crime Scene Investigation – Die Last der Beweise“ (CSI: Crime Scene Investigation – Body of Evidence, 2003)

Max Allan Collins in der Kriminalakte



Ulf Miehes „Puma“ ist wieder da

April 7, 2010

Puma“ liest sich wie – je nach Betrachtung – die Vorlage für einen Film von Jean-Pierre Melville mit Lino Ventura in der Hauptrolle oder dem Roman zu einem Film von Jean-Pierre Melville mit Lino Ventura in der Hauptrolle. Es ist eine klassische Noir-Geschichte vom großen Coup, der schiefgeht. Und es ist eine illusionslose Gangstergeschichte, die unverkennbar im Deutschland der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt, aber nichts mit dem damals populären Soziokrimi gemein hat.

Zuletzt erschien der Roman, quasi zu Miehes zehntem Todestag (13. Juli 1989), als fünfter Band der von Martin Compart herausgegebenen „DuMont Noir“-Reihe. Wie bei den meisten anderen Bänden der viel zu kurzlebigen Reihe enthielt der Krimi einen informativen Anhang, der mit über sechzig Seiten sogar ungewohnt üppig ausgefallen war.

Jetzt gibt es, quasi zu Miehes siebzigstem Geburtstag (11. Mai 1940), wieder bei DuMont, eine Neuauflage von „Puma“ und wieder spendierte der Verlag dem Roman einen üppigen Anhang. Der gut fünfzigseitige Anhang der Neuausgabe unterscheidet sich, bis auf die Filmographie und die leicht aktualisierte Bio-/Bibliographie, stark von dem früheren Anhang.

Es gibt ein Interview mit Angelika Miehe über ihren Mann und lesenswerte Essays über Ulf Miehe von Peter Henning, Walter Adler, D. B. Blettenberg (über einen geplanten gemeinsamen Film), Manfred Sarrazin und Walter Fritzsche.

In der schon lange vergriffenen Ausgabe in der „DuMont Noir“-Reihe gibt es dagegen zahlreiche Briefe und Statements von Ulf Miehe zur in den Siebzigern geplanten Verfilmung von „Puma“, Pressestimmen zu dem 1976 beim Publikum und der Kritik sehr erfolgreichen Roman, Interviews mit Miehe, eine Reportage von 1987 zu Miehes zweitem Kinofilm „Der Unsichtbare“ und einen siebzehnseitigen Text von Rolf Giesen über das filmische Schaffen von Ulf Miehe als Regisseur und Autor (unter anderem zwei Münchner Kommisar-Lenz-Tatorte, zwei „Der Fahnder“-Folgen, „Verflucht dies Amerika“ und „Jaider, der einsame Jäger“).

Der Roman ist über jeden Zweifel erhaben und gehört wenigstens einmal in jedes gutsortierte Buchregal. Wer sich für das Bonusmaterial interessiert, muss sich beide Ausgaben kaufen. Denn es ist beide Male informativ. Aber vielleicht gibt es irgendwann auch ein Buch, in dem Texte zu Ulf Miehe gesammelt werden.

Und, wenn wir schon beim Wünschen sind, Ulf Miehes drei anderen Romane, „Ich hab noch einen Toten in Berlin“, „Lilli Berlin“ und sein Roman zum Film „Der Unsichtbare“ sollten auch mal wieder veröffentlicht werden.

Ulf Miehe: Puma

DuMont, 2010

480 Seiten

11,95 Euro

Erstausgabe

Piper Verlag, 1976

Hinweise

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Ulf Miehe

Wikipedia über Ulf Miehe


Arkadi Renko kann’s nicht lassen

April 7, 2010

Mit „Die goldene Meile“ setzt Martin Cruz Smith seine Chronik der russischen Geschichte durch die Augen des widerborstigen und desillusionerten Polizisten Arkadi Renko fort. In einem Bauwagen am Jaroslawler Bahnhof, einem Bahnhof der US-titelgebenden „Drei Stationen“, wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Für Renkos Kollegen ist der Fall schon nach einem Blick auf die Tote klar: Selbstmord. Renko sieht das anders. Für eine Straßennutte sieht die Tote zu gut aus. Sie hat keine Verletzungen, Einstichstellen und blaue Flecken. Und sie hat die Karte für eine Milliardärsmesse bei sich. Renko ordnet – natürlich unter Missachtung des Dienstweges – eine Obduktion an. Der Gerichtsmediziner bestätigt seinen Verdacht: sie wurde ermordet.

Zur gleichen treibt sich Renkos Quasi-Ziehsohn Schenja in dem Bahnhof herum. Er trifft auf die junge, aus der Provinz kommende Maja, die behauptet, ihr Baby wurde entführt. Schenja will ihr helfen.

In dem siebten, ungewöhnlich kurzem Arkadi-Renko-Roman erzählt Martin Cruz Smith diese beiden Geschichten parallel hin zu einem doch etwas überstürzt wirkendem Ende. Aber für Smith sind diese beiden Geschichten nur die erzählerische Krücke, um ein aktuelles Sittenbild von Moskau und der Sowjetunion zu zeichnen. Damit führt er die mit „Gorky Park“ 1981 eher zufällig begonnenen Chronik der russischen Geschichte fort. Der kommerzielle Erfolg von „Gorky Park“ und die Popularität von Arkadi Renko waren sicher ein Motiv für weitere Renko-Romane. Aber erst acht Jahre später veröffentlichte Smith mit „Polar Star“ den zweiten Renko-Roman. Denn, so Smith in verschiedenen Interviews, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem rapiden Wandel der russischen Gesellschaft gab es für ihn etwas Neues zu erzählen. In seinen Renko-Romanen dokumentiert Smith diesen gesellschaftlichen Wandel und schickt seinen Helden zu den Brennpunkten und schmerzhaften Wunden der russischen Seele.

Auch in „Die goldene Meile“ ist der gesellschaftliche Hintergrund ein wichtiger Teil des Romans und der Grund den Roman zu lesen. Smith erzählt von den Drei Bahnhöfen; einem Gebiet, auf dem drei Eisenbahnstationen, zwei Metro-Linien und eine zehnspurige Autostraße sich treffen und eine unbekannte Zahl obdachloser Jugendlicher lebt. Er erzählt von dem unfassbarem Reichtum der neuen Milliardäre, ihren Treffpunkten und wie sie sich von der restlichen Bevölkerung abgrenzen. Er erzählt – wieder einmal – von einem an der Aufklärung von Verbrechen vollkommen desinteressiertem Staat. Renko ist am Anfang von „Die goldene Meile“ kaltgestellt. Er bekommt keine Fälle mehr und kann auch in dem Prostituiertenmord nur ermitteln, weil er einen alkoholkranken Kollegen vorschiebt. Der Gerichtsmediziner lebt inzwischen (natürlich illegal) an seinem Arbeitsort. Und Renko muss am Ende gegen seine Entlassung ankämpfen. Aber er fragt sich, ob er überhaupt noch Polizist in einem Staat sein will, der das Verbrechen nicht bekämpft.

In diesen Momenten gelingen Martin Cruz Smith immer wieder dichte Beschreibungen einer nicht mehr funktionierenden Gesellschaft. Sie sind der Grund „Die goldene Meile“ zu lesen.

Martin Cruz Smith: Die goldene Meile
(deutsch von Rainer Schmidt)

Bertelsmann, 2010

256 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Three Stations

Simon & Schuster, New York 2010

(angekündigt für August 2010)

Hinweise

Martin Cruz Smith in Leipzig auf dem Blauen Sofa (Leipziger Buchmesse 2010)

Meine Besprechung von „Stalins Geist“ (Stalin’s Ghost, 2007)


Pulp made in Germany: Jerry Cotton

April 5, 2010

Man kann dem neuen „Jerry Cotton“-Film vieles vorwerfen, aber nicht Martin Comparts Buch „G-man Jerry Cotton“.

Das ist nämlich ein viel zu kurzes, schön gelayoutetes Lesevergnügen über den fiktiven FBI-Agenten, der in Deutschland 1954 in dem Bastei-Kriminalroman Nummer 68 „Ich suchte den Gangster-Chef“ seinen ersten Fall löste. 1956 erhielt er dann eine eigene Reihe und als „G-man Jerry Cotton“ wird er seit Jahrzehnten gelesen. Zuerst nur als wöchentlich erscheinendes Groschenheft; seit 1963 auch als monatlich erscheinendes Taschenbuch. 1964 war „Jerry Cotton“ auf dem damals sehr wichtigen Heftromanmarkt die meistverkaufte Serie. In den Sechzigern wurden auch acht „Jerry Cotton“-Filme mit George Nader gedreht.

Später ging die Auflage zurück, aber wahrscheinlich immer noch hat jeder Krimifan irgendwann ein Jerry-Cotton-Abenteuer gelesen.

Martin Compart gibt in „G-man Jerry Cotton“ einen knappen Überblick über den Jerry-Cotton-Kosmos – also über Cottons Biographie, seine Freunde und seinen roten Jaguar -, die Geschichte der Groschenromane in den USA und Deutschland, die Probleme mit dem Jugendschutz und der seriösen Literaturkritik, die Autoren (wozu auch einige bekannte Namen, wie Rolf Kalmuczak [der TKKG-Erfinder Stefan Wolf], Irene Rodrian und Uwe Erichsen gehören), die Verfilmungen, Cotton-Merchandise-Artikel und wie sich die Serie in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder erneuerte.

Unter diesen Heftromanen sind einige der besten Krimis, die ich je gelesen habe. Cotton hat eine Qualität entwickelt, von der durchschnittliche deutsche Krimiautoren nur träumen können. Wenn man mich vor die Entscheidung stellte, was ich mit auf die einsame Insel nehmen würde – alle Krimibücher deutscher Autoren, deren Namen auf den Umschlägen genannt werden, oder alle Cotton-Hefte -, wäre die Wahl leicht.“ schreibt Compart, der sich als kritischen Fan bezeichnet, im Vorwort und wird auf den folgenden Seiten nicht müde die Cotton-Geschichten teilweise schon überschwänglich zu loben.

Der neue Cotton-Film wird eher pflichtschuldig mit einer kleinen Bildergalerie und einem Gespräch zwischen Cotton-Erfinder Delfried Kaufmann, Cotton-Darsteller Christian Tramitz und dem Drehbuchautoren/Regiegespann Cyrill Boss und Philipp Stennert abgehandelt.

Als Beilage gibt es die bislang noch nicht als Romanheft veröffentlichte Jerry-Cotton-Geschichte „Süße Bienen, blaue Bohnen“. Sie erschien 1965/1966 in der „Bravo“ als Fortsetzungsroman und ist ein verdammt gut geplotteter Whodunit. Jerry Cotton soll auf dem Empfang einer Privatschule seinen Chef vertreten. Während einer Tanzaufführung wird eine der Tänzerinnen erschossen. Noch während der ersten Zeugenbefragungen wird eine zweite Schülerin in ihrem Zimmer erdrosselt und ein Unbekannter hat den Schmuck der Schülerinnen geklaut. Jerry Cotton und sein Freund Phil Decker haben also einiges aufzuklären und es ist schon bewundernswert, wie fein die einzelnen Fälle miteinander verbunden sind und wie viel Handlung der unbekannte Autor auf 64 Seiten presste, ohne dass es gehetzt wirkt.

Martin Compart: G-Man Jerry Cotton

Lübbe Hardcover, 2010

208 Seiten

29,99 Euro

Hinweise

Blog von Martin Compart

Meine Besprechung von Martin Comparts „Der Sodom-Kontrakt“

Wikipedia über Jerry Cotton

Bastei über Jerry Cotton

Geisterspiegel über Jerry Cotton (neuester Beitrag: Mai 2009)


James Ellroys Herr der Ringe: die „Underworld USA“-Trilogie

März 25, 2010

Erschöpfung.

Und Erleichterung.

Das sind die Gefühle, die sich nach der kompletten Lektüre von James Ellroys Unterwelt-Trilogie einstellen. Denn die Lektüre von „Ein amerikanischer Thriller“, „Ein amerikanischer Alptraum“ und „Blut will fließen“ in einem Rutsch ist weniger eine aufregende Reise durch fünfzehn Jahre US-amerikanischer Geschichte, als viel mehr ein ermüdender Boxkampf der irgendwann in ein stupides Catchen ausartet, bei dem man nur noch auf den erlösenden Gong wartet.

Aber James Ellroys Underworld-Trilogie sollte wahrscheinlich nicht als Roman gelesen werden. Vor allem nicht als Roman, der sich an die normalen Konventionen mit unterscheidbaren Haupt- und Subplots und unterscheidbaren Haupt- und Nebencharakteren hält. Sie sollte eher wie eine TV-Serie, die zwischen 1958 und 1972 spielt, genossen werden, in der viele Handlungsstränge, mehr oder weniger gleichzeitig, mehr oder weniger miteinander verknüpft, parallel ablaufen und am Ende des Buches, wie am Ende einer Staffel, ein Cliffhanger ist. Denn die nächste Staffel soll auch gesehen, der nächste Roman gelesen, werden.

So endet „Ein amerikanischer Thriller“ wenige Minuten vor der Ermordung von John F. Kennedy und „Ein amerikanischer Alptraum“ beginnt wenige Minuten nach der Ermordung von John F. Kennedy. Der Roman endet mit dem Tod von Martin Luther King und Bobby Kennedy.

Blut will fließen“ endet mit dem Tod von J. Edgar Hoover; – einem der ganz wenigen Charaktere, die in allen drei Büchern mitspielen. Insofern ist die Trilogie auch eine Chronik der letzten fünfzehn Jahre von Hoover, seiner zunehmenden Paranoia, seinem körperlichem Verfall und dem Verfall seiner Welt.

Ellroy lässt, neben Hoover, viele Personen der Zeitgeschichte auftreten und erzählt die Geschichte dieser Jahre in zahlreichen Episoden aus der Perspektive von einigen Troubleshootern, die zwischen den Fronten hin- und herspringen, Doppel-Doppelspiele (manchmal auch Doppel-Doppel-Doppelspiele) treiben und anscheinend in jedes wichtige Ereignis dieser Jahre irgendwie involviert sind. Auf die immerwährende Solidarität eines Charakters ist kein Verlass und letztendlich ist jeder Charakter ersetzbar.

Außerdem, auch das erinnert an TV-Serien mit einer folgenüberspannenden Geschichte (wie „24“ „The Shield“ und „The Sopranos“), entwickelt sich der Hauptplot teilweise im Hintergrund, während einzelne Episoden (die man manchmal auch ohne Verlust für die gesamte Erzählung in den Papierkorb hätte werfen können) die Aufmerksamkeit wachhalten.

In „Ein amerikanischer Thriller“ ist der Hauptplot der Aufstieg von John F. Kennedy als beliebter Senator und Kandidat für die Präsidentschaft bis zu zu seiner Ermordung.

In „Ein amerikanischer Alptraum“ ist der rote Faden der Wunsch von Howard Hughes die Casinos von Las Vegas zu kaufen.

In „Blut will fließen“ ist die sehr lose erzählerische Klammer die Jagd nach den Räubern, die bei einem brutalen Überfall auf einen Geldtransporter mehrere Millionen Dollar und wertvolle Smaragde erbeuteten.

Abgesehen von diesem „Hauptplot“ (Ja, auch darüber kann gestritten werden.) sind alle drei Bände ähnlich aufgebaut. Es gibt mehrere Handlungsstränge, viele Episoden, die die wichtigen Charaktere zu allen wichtigen und weniger wichtigen Orten der US-amerikanischen Politik führen, unglaublich kleinteilige Schilderungen von bestimmten Komplotten und im letzten Drittel (fast so, als sei Ellroy der Gedanke kommen, dass er jetzt langsam zum Schluss kommen müsse und er dafür die verschiedenen losen Fäden irgendwie miteinander verknüpfen muss [aber das kann nicht stimmen, weil Ellroy sagt, er plane seine Romane genau und er erstelle unglaublich detaillierte Exposés, in die er später vor allem die Dialoge einfüge) gibt es dann plötzlich den Plan, eine wichtige Person zu ermorden (John F. Kennedy, Bobby Kennedy, Martin Luther King, J. Edgar Hoover).

Und immer wieder werden wichtige Charaktere sehr lieblos in einem Halbsatz oder zwischen zwei Kapiteln ermordet.

Im ersten Band der Trilogie ermüdet, wie auch in den beiden Folgebänden, die oft unglaubliche kleinteilige Erzählweise, die immer wieder von Schlagzeilen und zusammenfassenden Berichten unterbrochen wird. Denn bei vielen Szenen ist ihre mögliche Bedeutung für die weitere Handlung unklar.

Der zweite Band ist mit seinen Stummelsätzen und den ständigen Zeitsprüngen einfach unlesbar. Denn alle zwei Zeilen stockt der Lesefluss, aber dafür steigt die Bewunderung für den Übersetzer, der zwischen dem ständigen „sagte“ und „sagt“ nicht den Überblick verlor.

Im dritten Band hat Ellroy diesen „Fehler“ (O-Ton Ellroy) berichtigt. Die Sätze sind jetzt wieder länger und es wird, wie schon „Ein amerikanischer Thriller“, wieder fast durchgängig im Imperfekt erzählt.

Aber ein richtiger Lesefluss entsteht immer noch nicht. Denn man muss ja immer noch die verschiedenen Handlungsstränge verfolgen und sich öfters durch ein halbes Kapitel lesen, bis endlich deutlich wird, welche Charaktere in der Szene auftreten. Denn Ellroys Hauptcharaktere unterscheiden sich bis auf ihr Alter kaum voneinander und er beginnt ein Kapitel gerne, indem er die Namen der in der Szene auftretenden Charaktere zunächst verschweigt und einfach mit einem unpersönlichen „er“ beginnt, bei dem nur sicher ist, dass dieser „er“ nicht der „er“ des vorherigen Kapitels ist.

Bei „Blut will fließen“ wäre, noch stärker als in den ersten beiden Bänden, ein Beschränken auf ein, zwei Hauptplots besser gewesen. Denn neben dem Überfall auf den Geldtransporter, der „Operation Bööööser Bruder“, der aufstrebenden Hippie-Bewegung, den Hinterhöfen der US-amerikanischen Politik, dem Plan der Mafia, in der Dominikanischen Republik Kasinos zu bauen, gibt es auf den gut achthundert Seiten noch einige Plots, die die Aufmerksamkeit beanspruchen und den Wunsch wecken, sich während des Lesens eine Grafik, mit den auftretenden Personen und ihren möglichen Beziehungen zueinander, zu erstellen.

So ist die Unterwelt-Trilogie ein Epos mit vielen Charakteren, die etwas besinnungslos durch die auf den ersten Blick labyrinthische, auf den zweiten Blick sehr banale Geschichte stolpern.

Dabei kann James Ellroy es, wie er in „L. A. Confidential“ zeigte, besser.

Underworld USA

James Ellroy: Ein amerikanischer Thriller

(übersetzt von Stephen Tree)

Ullstein, 1998

768 Seiten

10,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Hoffmann und Campe, 1996

Originalausgabe

James Ellroy: American Tabloid

Alfred A. Knopf, New York 1995


James Ellroy: Ein amerikanischer Alptraum

(übersetzt von Stephen Tree)

Ullstein, 2003

848 Seiten

10,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Ullstein, 2001

Originalausgabe

The Cold Six Thousand

Alfred A. Knopf, New York 2001


James Ellroy: Blut will fließen

(übersetzt von Stephen Tree)

Ullstein, 2010

784 Seiten

24,90 Euro

Originalausgabe

Blood’s a rover

Alfred A. Knopf, New York 2009

Hinweise

Wikipedia über James Ellroy (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über James Ellroy

Englische James-Ellroy-Fanseite

Noch eine James-Ellroy-Fanseite

James Ellroy in der Kriminalakte


Kurzkritik: Peter Probst: Blinde Flecken

März 24, 2010

Wer bei den Münchner „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Folgen auch auf den Autorennamen achtet, wird öfters den Namen Peter Probst gelesen haben. „Im Herzen Eiszeit“, „Gefallene Engel“, „Wenn Frauen Austern essen“, „Der Traum von der Au“ und „Der Fluch der guten Tat“ gehören zu seinen Werken.

Jetzt legte er mit „Blinde Flecken“ seinen ersten Kriminalroman für Erwachsene vor. Es ist auch der erste Fall für den Privatdetektiv Anton Schwarz: einem einundünfzigjährigem Ex-Polizisten, der immer noch an seiner Ex-Frau hängt, regelmäßig seine Mutter besucht, sich in München meistens mit dem Fahrrad und der U-Bahn fortbewegt, dessen provisorische Wohnung auch nach drei Jahren ein einziges Junggesellen-Chaos ist und der einfach ein sehr sympathisch-gewöhnlicher Mann ohne auffällige Marotten, Interessen und schädliches Suchtverhalten ist. Zynisch gesagt ist sein Nachname schon das Farbigste bei ihm – und das ist gut so.

Dass er in seinem ersten Fall dann gleich im Braunen Sumpf ermitteln muss und zwischen die Fronten von Juden, Ausländern und Nazis gerät, weckt dann – vor allem weil im Klappentext betont wird, dass Probst sich im Verein „Lichterkette“ engagiert und an „Schuhhaus Pallas – Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte“ von seiner Frau Amelie Fried mitarbeitete – die schlimmsten Befürchtungen auf eine mit einem Krimimäntelchen umhängte, unverdauliche Mischung aus Sozialkritik, Betroffenheitsliteratur und gut gemeinter Anklage gegen Staat und Gesellschaft, wie wir sie aus den sonntäglichen „Tatorten“ kennen.

Aber Probst schrieb für die Münchner Sonntagskrimis und die verpacken die Gesellschaftskritik in packende Krimis. Die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel.

So hält sich auch „Blinde Flecken“ nicht allzu lange mit dem tiefsinnigen Erforschen der deutschen Seele und Informationen über das Judentum und die rechtsradikale Szene auf. Stattdessen muss Anton Schwarz, als er Herausfinden will, ob der inhaftierte Tim Burger immer noch eine Gefahr für die Gesellschaft ist, sich plötzlich mit neuen Straftaten auseinandersetzen. Aber trotz aller Haken, die die Handlung auf knapp 250 Seiten schlägt, ist das Ende schon sehr früh offensichtlich und viele Fragen werden nicht beantwortet.

Wer darüber hinwegsieht, kann den ersten Fall von Anton Schwarz als flott zu lesenden Pulp genießen.

Eine Anmerkung zur Rechtschreibung: Es machte mich wahnsinnig, dass ständig „Klesmer“ statt Klezmer und „Breakedance“ statt Breakdance geschrieben wurde.

Peter Probst: Blinde Flecken

dtv, 2010

256 Seiten

8,95 Euro

Hinweis

Homepage von Peter Probst


Kurzkritik: Georg Schramm: Lassen Sie es mich so sagen…

März 15, 2010

Lassen Sie es mich so sagen…“ ist ein typisches Klobuch. Nicht weil es so schlecht ist, sondern weil die Texte so kurz sind, dass ein einzelner Text bequem während einer Sitzung gelesen werden kann und man danach eine geistige und eine körperliche Erleichterung verspürt.

Denn Georg Schramms schwarzhumorig-respektlosen Solonummern, die es jetzt auch im handlichen Taschenbuchformat gibt, sind als Satiren so nah an der Wirklichkeit, dass Unvorbereitete sie kaum von der Realität unterscheiden können.

Heute, nachdem er dank dem „Scheibenwischer“ und „Neues aus der Anstalt“, deutschlandweit allgemein bekannt ist, spricht er bei seinen Auftritten vor einem Publikum, das weiß, was auf es zukommt und sich, mehr oder weniger, in seiner Meinung bestätigt fühlt. Es ist auch ein Publikum, das die Satire sofort als Satire erkennt.

In seinen Anfängen muss Schramms Methode vollständig und ohne ironisches Augenzwinkern aus der Sicht eines bestimmten Charakters, wie Oberstleutnant Sanftleben oder der Rentner Lothar Dombrowski, Tacheles zu sprechen mehr als einmal das Publikum verstört haben. So erzählt er in „Lassen Sie es mich so sagen…“ von einem Auftritt als katholischer Hassprediger bei einem Ostermarsch oder von der Eröffnung einer Wohltätigkeitsgala, bei der er den versammelten Konstanzer Honoratioren die Leviten las.

Es gelang, die selbstzufriedene Feststimmung der Gala so nachhaltig zu stören, dass sich die Gäste dem von mir eröffneten Buffet verweigerten. (…) Für mich ein gelungener Abend“, schreibt Schramm über seine, auch in dem Sammelband dokumentierten Anfänge als Kabarettist in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die meisten Texte sind neuer und meistens für die TV-Satiresendungen „Scheibenwischer“ und „Neues aus der Anstalt“ entstanden. Außerdem gibt es einige Nummern aus seinen verschiedenen Soloprogrammen, vor allem aus „Thomas Bernhard hätte geschossen“. Ergänzt werden die Satiren oft durch einleitende Worte. So wird aus einer Sammlung von Satiren (was für eine Kaufempfehlung schon ausreichen würde) auch eine kleine Biographie des Künstlers Georg Schramm und eine ätzende Chronik Deutschlands zwischen Friedensbewegung und Großer Koalition.

Georg Schramm: Lassen Sie es mich so sagen… – Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit

Heyne, 2010

272 Seiten

8,95 Euro

Erstausgabe

Karl Blessing Verlag, 2008

Hinweise

Homepage von Georg Schramm

Homepage von „Neues aus der Anstalt (In der nächsten Sendung, am Dienstag, den 16. März, um 22.15 Uhr im ZDF begrüßen Urban Priol und Georg Schramm Arnulf Rating, Jochen Malmsheimer und Olaf Schubert.)



Markus Stromiedel erlebt in Berlin seine „Feuertaufe“

März 9, 2010

Deutschland im Jahr 2019: wir haben eine Kanzlerin (schon wieder); einen überwachungsgeilen Innenminister (er schleppt immer noch ein 9/11-Trauma mit sich herum); eine supergeheime, dem Innenminister unterstellte Spezialeinheit; mittels Videokameras eine Totalüberwachung der Bürger und linke Systemgegner, die mit täglichen Demonstrationen und dem Zerstören von Kameras die Polizei auf Trab halten.

Vor diesem dystopischen Hintergrund spielt sich Markus Stromiedels zweiter Roman „Feuertaufe“ ab. Er schließt unmittelbar an „Zwillingsspiel“ an, kann aber vollkommen unabhängig von seinem Debüt gelesen werden. Sogar wer „Zwillingsspiel“ kennt, wird die wenigen Hinweise in „Feuertaufe“ auf „Zwillingsspiel“ mit der Lupe suchen müssen.

In „Feuertaufe“ sterben in Kreuzberg bei einer Brandstiftung in einem mehrstöckigem Mietshaus zwölf Menschen. Nur ein neunjähriger Junge überlebt.

Jetzt soll Kommissar Paul Selig den Täter finden. Jedenfalls ist das die offizielle Version. Denn eigentlich soll Selig nur den Grüßaugust für die Presse spielen und die Soko-Kollegen in Ruhe ihre Arbeit machen lassen. Selig mischt sich trotzdem in die Ermittlungen ein.

Gleichzeitig will er herausfinden, wer seinem siebzehnjährigem Sohn Tobias eine Pistole, die vor einem Jahr in Schottland bei einem Banküberfall benutzt wurde, in die Jackentasche steckte.

Und, als ob all das noch nicht genug wäre, will Selig einen Mann mit einer Tätowierung in der Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger finden. Der Mann war auch, wie Selig herausfindet, bei dem Brandanschlag dabei und die Täter scheinen verdammt gute Verbindungen zur Polizei und der Regierung zu haben.

Das klingt jetzt nach einem Politthriller ganz nach meinem Geschmack. Auch dass Stromiedel seine negative Zukunftsutopie eher langsam enthüllt dürfte mir gefallen. Immerhin ist für seine Charaktere die Überwachung Alltag. Auch die kleinen Schlenker zu Berliner Lieblingsprojekten, wie der fertiggestellten U 55 (sehr unwahrscheinlich) und der Tempelhof-Nachnutzung als Endlager für Berliner Behörden (nicht unwahrscheinlich), gefallen.

Aber (genau auf dieses „aber“ habt ihr gewartet) die Dystopie wirkt angesichts der schon heute existierenden technischen Möglichkeiten hoffnungslos veraltet. Stromiedels Überwachungsszenario ist vor allem eine gigantische Videoüberwachung, auf die die Polizei in Echtzeit zugreifen und per Gesichtserkennung Personen verfolgen kann. Das liest sich wie ein Mix aus „1984“, „Minority Report“ und „Staatsfeind Nr. 1“.

Das ist natürlich eine erschreckende Zukunft, aber die schon heute existierenden Überwachungsmöglichkeiten leisten auch ohne eine Echtzeit-Verknüpfung aller Videokameras ähnliches. Bis vor wenigen Tagen wurden alle Verbindungsdaten im Rahmen der Vorratsdatenspeicherung sechs Monate gespeichert. Schon damit war, wenn die Person ein Handy mitgenommen hatte, ein lückenloses Bewegungsprofil möglich. Die Polizei kann Bankdaten abfragen. Es besteht, ohne das Wissen des Besitzers, die Möglichkeit einer Online-Durchsuchung von Computern.

Angesichts dieser schon heute bestehenden technischen Möglichkeiten einer Überwachung und bestehender Kompetenzen der Polizei und der Geheimdienste verharmlost Stromiedels in knapp zehn Jahren spielende Utopie mögliche Entwicklungen hin zu einem freundlichen Überwachungsstaat.

Auch die Manipulationen von Daten und das Einloggen in Computer geht in „Feuertaufe“ zu einfach. Bei Stromiedel genügt ein einfaches Passwort. Möglich und heute schon möglich wären Fingerabdrücke und Irisscans. Möglich wären auch interne Plausibilitätsüberprüfungen (zum Beispiel ob die Person die sich anmeldet auch im Gebäude ist) und Analysen des Tippverhaltens. Daran wird gearbeitet. Ebenso wird daran gearbeitet, anhand bestimmter Wort- und Satzkonstruktionen auch unter verschiedenen Namen schreibende Autoren zu identifizieren.

Der Plot selbst ist für einen eingefleischten Politthriller-Fan extrem vorhersehbar. Auch wer der Bösewicht ist. Nur das Motiv bleibt bis zum Schluss im Dunkeln und, nachdem es enthüllt wird, stellt sich die Frage, warum die Bösewichte um ihr Ziel zu erreichen ein ganzes Haus in Brand stecken mussten. Es gibt auch einige weitere unbeantwortete Fragen, damit zusammenhängende Plotlöcher und nicht konsequent durcherzählte Handlungsstränge, die den Eindruck erwecken, Stromiedel habe große Teile der Geschichte beim Schreiben entwickelt; – weshalb immer wieder, wenn es beginnt langweilig zu werden, der sprichwörtliche Mann mit der Pistole den Raum betritt. Das sorgt dann für die nötige Action und hält Kommissar Selig so sehr in Bewegung, dass seine seltsamen Ermittlungsmethoden kaum auffallen. Denn Selig kümmert sich keine Sekunde um die üblichen Verdächtigen und Motive, sondern sucht von Anfang an nur den tätowierten Mann und stößt ziemlich schnell auf Widerstände im Polizeiapparat.

Markus Stromiedel: Feuertaufe

Knaur, 2010

496 Seiten

8,95 Euro

Lesung

Markus Stromiedel stellt „Feuertaufe“ am Dienstag, den 9. März, um 20.00 Uhr im Kriminaltheater Berlin (Palisadenstraße 48) vor. Guntbert Warns liest, Marion Brasch moderiert den Abend und wer wirklich einen Sitzplatz bekommen will, sollte sich vorher anmelden.

Hinweise

Homepage von Markus Stromiedel

Knaur: Interview mit Markus Stromiedel zu „Feuertaufe“

Meine Besprechung von Markus Stromiedels „Zwillingsspiel“


Kurzkritik: Angelo Petrella – Nazi Paradise

März 4, 2010

Für „Nazi Paradise“ braucht man nicht mehr Zeit, als für einen sonntäglichen „Tatort“. Aber während nicht nur ich mich inzwischen über die meisten „Tatorte“ ärgere, ist „Nazi Paradise“ verdammt witzig.

Jedenfalls für die Freunde des schwarzen Humors.

In seinem Deutschlanddebüt (in seiner italienischen Heimat hat er bereits mehrere Bücher veröffentlicht) lässt Angelo Petralla einen namenlosen Naziskin, der die Geschichte auch hübsch rotzig erzählt, mächtig in die Scheiße latschen. Denn wenn der Erzähler nicht gerade mit einigen Freunden das Fußballstadion besucht und sich auch dort mit Hooligans, Negern und Wichsern, die ihm gerade in die Faust laufen, schlägt oder sich besäuft, crackt er sich in fremde Computer und räumt Bankkonten leer. Selbstverständlich hält er sich für ein Genie und alle Anderen für Trottel.

Als er trotzdem mal wieder von der Polizei erwischt wird (soviel zu seiner Genialität) und er sich fragt, wegen welchem seiner Verbrechen ihn die Polizei dieses Mal einbuchten will, machen ihm zwei korrupte Polizisten ein Angebot, das er nicht ablehnen kann: entweder crackt er für sie während einer Promi-Party einen Computer oder er wandert für lange Zeit ins Gefängnis. Er nimmt das Angebot, in der vollkommen irrwitzigen Annahme, die Polizisten reinlegen zu können, an.

Und dann geht’s, immerhin sind wir noch auf den ersten Seiten von „Nazi Paradise“, in bester B-Movie- und Pulp-Manier, gewürzt mit einer kräftigen Portion Néo-Polar, los. Er chattet am Computer mit einer ihm unbekannten Femme Fatale, sein Kontaktmann bei der Party sieht verdammt gut aus, das Ziel ist der Heilige Gral für Cracker und, viel zu spät, begreift der Erzähler, dass er nicht so schlau ist, wie er dachte.

Angelo Petrella: Nazi Paradise

(übersetzt von Bettina Müller Renzoni)

Pulp Master, 2010

128 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

Nazi Paradise

Meridiano Zero, 2007

Hinweise

MySpace-Seite von Angelo Petrella


Jim Nisbets kurzweiliger „Dunkler Gefährte“

März 3, 2010

Das ungewöhnlichste an Banerjhee Rolf ist sein Name. Denn seine Eltern kamen 1945 aus Indien in die USA. Der Rest strahlt die stockbiedere Normalität eines Mannes aus dem Mittelschicht aus. Er ist verheiratet, hat ein Haus (belastet mit einer Hypothek), der Sohn studiert in Chicago und er selbst wässert als Frührentner unter der kalifornischen Sonne seine Blumen.

Früher war er als Leiter der Qualitätskontrolle in einer Biotech-Firma ein wichtiger Mann, aber da wollte er vor allem als Wissenschaftler arbeiten und bei einer Umstrukturierung wurde seine Abteilung aufgelöst. Jetzt quält er sich mit seinen Schulden herum und züchtet Blumen. Zur Entspannung unterhält er sich über den Gartenzaun immer wieder mit seinem Nachbar Toby Pride, der anscheinend von seiner Ostküstenverwandschaft das Angebot bekommen hat, dass er sich nicht um Geld kümmern müsse, solange er an der Westküste bleibe. Rolf glaubt auch, dass Pride mit Drogen handelt. Aber das geht ihn nichts an, bis er sich zuerst von Pride breitschlagen lässt, ein Los zu kaufen und, als seine Frau für zwei Wochen zu ihrem Sohn fährt, er die Freundin von Pride vor ihrem wütendem Freund schützt. Schnell ist Prides Wut verraucht und sie machen es sich zu dritt in Prides Wohnung mit Drogen vor dem Fernseher gemütlich. Pride zeigt ihm begeistert die Sendungen eines Piratensenders.

Plötzlich stürmen zwei Männer hinein und beginnen auf sie zu schießen. Bei dem Schusswechsel sterben sie. Pride und seine Freundin werden tödlich verletzt und Rolf hat seinen ersten Mord begangen. Als ehrlicher Bürger will er natürlich sofort die Polizei anrufen, aber Pride hält ihn ab. Denn die Eindringlinge waren Polizisten und das ist noch nicht das schlimmste Geheimnis, das Pride ihm verrät. Rolf muss untertauchen.

Dunkler Gefährte“ ist bereits Jim Nisbets neunter Roman, sein zweites auf Deutsch erschienenes Werk und es wurde für den Hammett-Award, dem jährlichen Preis der nordamerikanischen Abteilung der International Association of Crime Writers, nominiert.

Es ist ein kleiner, feiner Noir über die Macht des Zufalls und wie ein, zwei kleine Ereignisse und eine Verkettung unglücklicher Umstände ein geregelt-langweiliges Leben vollkommen aus den geordneten Bahnen werfen können. Denn Banerjhee Rolf ist der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort.

Gleichzeitig porträtiert Jim Nisbet, wie in seinen früheren Romanen, nüchtern und ohne den polemischen Furor eines Michael Moore den US-amerikanischen Kapitalismus. In „Dunkler Gefährte“ rückt, vor allem in der ersten Hälfte, wenn Nisbet lakonisch von Rolfs Entlassung und seiner Suche nach einem neuen Job erzählt, der Umgang mit der Generation 50+ in den Vordergrund. Denn das Wissen von Rolf wird nicht gebraucht.

Vor zwanzig Jahren erschien in der ebenfalls von Frank Nowatzki herausgegebenen Black-Lizard-Reihe Nisbets zweiter Roman „Tödliche Injektion“ (Lethal Injection, 1987). In dieser Geschichte glaubt der alkoholabhängiger Gefängnisarzt Franklin Royce, dass der Afroamerikaner Bobby Mencken, dem er eben die Todesspritze verpasst hat, unschuldig war. Er will herausfinden, für wen Mencken in den Tod ging, und er besucht in den Slums von Dallas Menckens frühere Freunde.

Mit „Tödliche Injektion“ begibt Jim Nisbet sich sehr gelungen in einen alptraumhaften und hoffnungslosen Kosmos, der anscheinend von Cornell Woolrich ausgeborgt wurde. Woody Haut hält „Tödliche Injektion“ in seinem Buch „Neon Noir“ für „one of the best novels Jim Thompson never wrote“.

Für die anderen Nisbet-Romane sind dann Englischkenntnisse unerlässlich.

Jim Nisbet: Dunkler Gefährte

(übersetzt von Frank Nowatzki und Angelika Müller)

pulp master, 2010

192 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

Dark Companion

Dennis McMillan Publications, 2006

Hinweise

Homepage von Jim Nisbet

Fantastic Fiction über Jim Nisbet

The Writers‘ Block: Jim Nisbet liest seine Kurzgeschichte „Weight less than Shadow“ (aus „San Francisco Noir“, 20 Minuten)

Die zweite Meinung:


„Incognito“ oder Ein Superschurke im Zeugenschutzprogramm

Februar 28, 2010

Zack Andersen hasst sein Leben als Bürogehilfe im Rathaus in irgendeinem sich in der amerikanischen Provinz befindendem Kaff. Der Höhepunkt seines Lebens ist ein Quickie mit Amanda von der Buchhaltung während der Weihnachtsfeier. Allerdings ist er als Weihnachtsmann verkleidet und sie hält ihn für jemand anderes.

Zack ist auch jemand anderes. Bevor er ins Zeugenschutzprogramm gesteckt wurde, war er Zack Overkill und er machte seinem Namen alle Ehre. Zusammen mit seinem Bruder hinterließen sie mit ihren Verbrechen und den Kollateralschäden eine Spur der Verwüstung. Jetzt ist Zack mit Drogen ruhiggestellt und er lebt ein Leben, das er früher verachtete.

Als Zack die Pillen absetzt, erwachen seine früheren Kräfte wieder und er setzt sie auf seinen nächtlichen Streifzügen ein. Aber nicht, um Verbrechen zu begehen, sondern um Verbrecher zu bestrafen. Zack wundert sich zwar etwas, dass er jetzt die Arbeit der Polizei übernimmt, aber das verkloppen von Räubern gefällt ihm.

Schnell erfahren seine früheren Freunde von seinen nächtlichen Streifzügen und sie schicken einige Männer los, die den Verräter finden und bestrafen sollen.

Zack Andersen/Overkill ist die neueste Schöpfung des genialen Autors Ed Brubakers und seines ihn kongenial ergänzenden Zeichner Sean Phillips. In ihrer ersten Zusammenarbeit „Sleeper“ ließen sie einen guten Menschen Böses tun, indem sie ihn als Undercover-Agent in ein weltumspannendes Gangsterimperium einschleusten und mit der Zeit gefiel Holden Carver das Leben als Verbrecher immer besser.

Incognito“ liest sich in weiten Teilen wie die Umkehrung von „Sleeper“. Wieder wird ein Mann gezwungen ein Leben zu führen, das er nicht führen will. Wieder spielt sich dieser Kampf des Helden um seine Unabhängigkeit vor dem Kampf verschiedener Verbrecher- und Regierungsorganisationen ab, die in ihrem Handeln über dem Gesetz stehen. Und wieder hat der Held und einige weitere wichtige Charaktere Superkräfte. Oh, und wieder ist die Geschichte als eine sich abgeschlossene Reihe von Comicheften entworfen.

Aber es gibt in „Incognito“ auch den Blick des kleinen Mannes, der in anderen Superhelden-Comics (wozu auch „Sleeper“ gehört) höchstens als Staffage manchmal das Bild füllt. Es gibt Szenen aus dem Berufsleben, dem Strafvollzug und Gespräche mit Arbeitskollegen über Verschwörungstheorien, die für Zack keine Theorien, sondern Teil seines alten Lebens sind.

In „Incognito“ erzählt Ed Brubaker wieder von einem Mann, der sein Leben leben will. Eine feine Lektüre.

Ed Brubaker/Sean Phillips: Incognito 1 – Stunde der Wahrheit

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics 2009

164 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Incognito, Heft 1 – 6

Icon Comics/Marvel Comics, Dezember 2008 – September 2009

(später auch gesammelt in einem Buch erschienen)

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)


Besser spät als nie

Februar 25, 2010

Es hat einige Tage gedauert, aber weil ich zu den altmodischen Menschen gehöre, die ihre Jahrescharts nicht als Verkaufsempfehlung für das Weihnachtsgeschäft im Oktober/November erstellen, sondern erst nach dem Weihnachtstrubel und Alfred mal wieder einen verdammt guten Job bei der Suche nach den richtigen Bildern gemacht hat, sind meine „Tops und Flops 2009“ erst jetzt in der Spurensuche.

Dafür kann ich jetzt sagen, dass ich einige potentielle Preisträger dabei habe.

Die Liste taugt natürlich auch als Einkaufsliste für Ostern.


Ein Gespräch mit „Submarino“-Autor Jonas T. Bengtsson

Februar 24, 2010

Noch bevor ich meine erste Frage stellen kann, erzählt Jonas T. Bengtsson mir in der Lobby des Grand Hotel Esplanade von der vor wenigen Stunden erfolgten Premiere von „Submarino“ auf der Berlinale im Wettbewerb.

Der Roman „Submarino“

In dem Noir „Submarino“ erzählt Bengtsson von zwei jungen Männern, die nach ihrer Adoption zu Brüdern erklärt wurden. Ihre Jugend verbrachten sie in Pflegeheimen und -familien. Jetzt ist der eine ein Junkie, der versucht seinem Sohn ein normales Leben zu geben. Dafür wird er zum Drogenhändler. Der andere verbringt seine Zeit, nach einer Haftstrafe, in einem Fitness-Studio, übernimmt Prügeljobs und begeht kleinere Verbrechen. Eines Tages fällt ihm ein Obdachloser auf, den er von früher als den Bruder seiner großen Liebe kennt. Er will ihm helfen.

Als Bengtsson mit dem Schreiben von „Submarino“ begann, wusste er nicht, wie die Geschichte endet. Er begann mit einigen Charakteren und Themen.

Doch schon schnell entwarf er die Struktur des Romans und damit auch das Ende. In der ersten Hälfte „Ivan“ steht Nick und sein Versuch dem Obdachlosen Ivan zu helfen, im Mittelpunkt. In der zweiten, längeren Hälfte, „Martin“, erzählt er die Geschichte von Nicks Bruder und seinem Sohn Martin.

Ich wollte zwei nur lose miteinander verknüpfte Geschichten erzählen. Sie sollten sich aber beeinflussen“, erklärt Bengtsson. „Sie sind verbunden durch das schlimme Ereignis in ihrer Kindheit und die Themen Vaterschaft und Liebe. Ich erzähle eine griechische Trägodie im heutigen Kopenhagen.“

Für beide Brüder ist die Vergangenheit sehr lebendig und sie unterbricht immer wieder den Fluss der Erzählung, ohne dass „Submarino“ zu einem sich aus bedeutungslosen Splittern zusammensetzendem Werk wird. In ihrem Leben gibt es zwischen der Gegenwart und den Traumata der Vergangenheit keinen Bruch. Das liegt weniger daran, dass für sie die Vergangenheit noch lebendig ist, sondern mehr daran, dass sie kein Ziel habe. Ihr Leben ist statisch.

Sie haben vielleicht, wie Nick, viele Bekannte, aber keine Freunde. Bengtsson erzählt von Menschen, denen wir täglich in der Großstadt auf der Straße oder in der U-Bahn begegnen, die aber nicht am normalen gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen: „Es sind Menschen, die am Rand unseres Bewusstseins leben.“

Insofern könne „Submarino“, so Bengtsson, auch in einer anderen nordeuropäischen Großstadt spielen. Aber in Marokko würde die Geschichte der beiden Brüder nicht funktionieren, weil sie dann mit vollkommen anderen Problemen zu kämpfen hätten. Dort müssten sie um ihr überleben kämpfen, aber in Kopenhagen (wo „Submarino“ spielt) gäbe es ein soziales Netz mit Übergangswohnheimen und Familienbetreuern. Die beiden Brüder haben ihr Leben als Verbrecher und Süchtige selbst gewählt. Aber sie versuchen, aus dem Leben auszubrechen. Denn, so Bengtsson: „Niemand ist eine Insel.“

Allerdings haben sie in ihrer hoffnungslos verkorksten Erziehung kein Instrumentarium zum Bewältigen von Problemen erlernt. Daher enden all ihre Bemühungen unglücklich.

Sie versuchen das Beste zu tun. Aber es führt sie, auf verschiedenen Wegen, ins Gefängnis. Dabei haben sie durchaus edle Motive. Der eine will einem Freund helfen, der als Penner auf der Straße lebt. Der andere will seinem Sohn ein besseres Leben ermöglichen. Dafür wird der Junkie zum Drogenhändler.

In „Submarino“ zeichnet Bengtsson einen Zirkel von Gewalt und Hoffnungslosigkeit, der durch den Titel und die Erklärung des Titels noch verstärkt wird. „Submarino“ (U-Boot) ist eine in Chile während der Pinochet-Diktatur angewandte Foltermethode, bei der der Kopf einer Person bis zur Erstickungsgrenze unter Wasser gedrückt wird. In den vergangenen Jahren erlangte das sehr ähnliche „Waterboarding“ wieder traurige Berühmtheit.

Weil die Geschichten der Brüder schlecht ausgehen, zeigt Bengtsson in „Submarino“ einen fast schon deterministischen, sich von Generation zu Generation fortpflanzenden Zyklus von Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Diese fatalistische Lesart gefällt Bengtsson nicht.

Denn, so Bengtsson: „Ich wollte nicht generalisieren. Der Roman ist keine Aussage über die Welt. Ich war an den beiden Brüdern und ihrem individuellem Kampf interessiert. Denn in ‚Submarino‘ gibt niemand auf.“

Sie sind am Anfang isoliert und versuchen wieder ein Teil der Gesellschaft zu werden. So will Nick das Richtige tun, aber das Ergebnis ist fatal und sogar die von ihm gewünschte Buße wird ihm vom Staat verwehrt.

Ich wollte, dass es etwas anonym und zeitlos ist“ erklärt Bengtsson die auf den ersten Blick vorhandene Austauschbarkeit der Orte. Denn Straßen, Fitnessstudios und MacDonalds gibt es in jeder größeren Stadt. „Dennoch sind die Orte für mich und meine Freunde gut erkennbar.“

Das Schreiben als alleinerziehender Vater

Am liebsten würde er nachts schreiben. Aber mit einem vierjährigem Sohn gehe das nicht, erklärt der alleinerziehende Vater. Nachdem er seinen Sohn ins Bett gebracht habe, müsse erst einmal ein, zwei Stunden ausspannen und wenn er danach mit dem Schreiben begönne, wäre er am nächsten Tag zu müde.

Deshalb schreibt er seinen dritten Roman vor allem tagsüber. Er ist strukturell an ein Märchen (vor allem aus dem slavischen und deutschen Sprachraum) angelehnt, wird umfangreicher als „Submarino“ sein und soll in Dänemark gegen Jahresende erscheinen.

Viel Zeit verwende er wieder auf die Struktur. Die Geschichte als eine Abfolge von Plottwists, Wendepunkten, Set-ups und Pay-offs, interessiert ihn weniger. Das wirke auf ihn beim Lesen von Romanen oft zu mechanisch und zu sophisticated. Er versuche dagegen möglichst natürlich zu erzählen.

Für Bengtsson ist ein Kind der beste reality check den es gibt. Im Moment liebt sein Sohn Superhelden und Bengtsson bekennt freimütig: „Ich könnte wahrscheinlich mehr über Superhelden als über meine Bücher reden.“

Und wir unterhalten uns dann einige Minuten über Superman, Spiderman und Batman, der Bengtsson immer besser als die braveren Superhelden gefallen hat. Entsprechend gut gefällt ihm auch Frank Millers Reinterpretation von Batman und – Bengtsson ist ein großer Robert-Downey-jr.-Fan – Iron-Man.

‚Der Pate“ und „25 Stunden‘ waren gute Romanverfilmungen“, sagt Bengtsson. David Benioffs gleichnamiger Roman habe ihm auch gefallen. Dessen zweiter Roman „Stadt der Diebe“ erinnerte ihn dann zu sehr an eine Vorlage für ein Hollywood-Drehbuch. Er ist ein Freund von kürzeren Romanen, gerne unter zweihundert Seiten, und der Kurzgeschichten von Heinrich Böll.

Die Verfilmung von „Submarino“

Thomas Vinterberg war an den Charakteren und den Themen von ‚Submarino‘ interessiert. Ich hatte das starke Gefühl, dass er wirklich an dem Buch interessiert war“, sagt Bengtsson. Vinterberg ist bei uns als Mitbegründer der „Dogma“-Bewegung bekannt. Zusammen mit anderen Filmemachern, wie Lars von Trier, stellten sie Mitte der Neunziger ein Reinheitsgebot für Filme auf, gegen das sie dann mehr oder weniger bewusst verstießen. Vinterberg drehte den auch kommerziell erfolgreichen „Dogma“-Film „Das Fest“, „It’s all about Love“ und „Dear Wendy“.

Bengtssons erster positiver Eindruck bestätigte sich. Er war für den Autor einer Vorlage ungewöhnlich stark in die Produktion involviert. Er zeigte Vinterberg die Schauplätze von seinem Roman. Er las mehrere Drehbuchfassungen und er war auch öfters bei den Dreharbeiten.

Wenn die Dreharbeiten nicht im Januar gewesen wären, wäre ich wahrscheinlich jeden Tag am Set gewesen“, bekennt er freimütig und auch der so entstandene Film gefällt ihm sehr gut.

Die Premiere von „Submarino“ war wenige Stunden vor unserem Gespräch auf der Berlinale im Wettbewerb läuft. „Die Leute waren während der Vorstellung ganz still.“ Danach wurde gefeiert.

Die ersten Kritiken für das düstere Drama fallen positiv aus. „Submarino“ wird frühestens im Herbst in den deutschen Kinos laufen. Ein Starttermin steht noch nicht fest.

Jonas T. Bengtsson: Submarino

(übersetzt von Günther Frauenlob)

Tropen Verlag, 2009

384 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe

Submarino

People’s Press, Kopenhagen 2007

Verfilmung

Submarino (Dänemark 2010)

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Tobias Lindholm, Thomas Vinterberg

mit Jakob Cedergren, Peter Plaugborg, Patricia Schumann, Marten Rose, Gustav Fischer Kjærulff

Hinweise

Homepage von Jonas T. Bengtsson

Dänische Homepage zum Film

Berlinale: Programminformationen zu „Submarino“

Match Factory: Homepage und Presseheft zu „Submarino“


Kurzkritik: Ross Thomas: Voodoo, Ltd.

Februar 17, 2010

Artie Wu und Quincy Durant sind zurück. Inzwischen betreiben sie eine Detektei; oder in den Worten von Artie Wu: „Die Wudu, Ltd., ist eine straff geführte Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die für andere das tut, was sie selbst für sich nicht tun können.“

Jetzt sollen sie für 750.000 Dollar zwei verschwundene Hypnotiseure finden, die die Unschuld der Hollywood-Diva Ione Gamble beweisen können. Sie ist angeklagt, ihren milliardenschweren Ex am Neujahrsmorgen in seiner mondänen Malibu-Strandhütte erschossen zu haben. Wu und Durant nehmen den Auftrag an.

Und schon sind wir in einem weiteren labyrinthischen, mit schwarzem Humor gespickten Ross-Thomas-Plot. Dass Ross Thomas (19. Februar 1926 – 18. Dezember 1995) in seinem vorletzten Roman wieder das bereits aus „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978) und „Am Rand der Welt“ (Out on the Rim, 1986) bekannte Team Wu/Durant ins Rennen schickt, erhöht das Gefühl, sich in einem vertrauten Kosmos zu befinden.

Dabei ist „Voodoo, Ltd.“ an der Oberfläche schon fast ein traditioneller Whodunit. Immerhin beweisen Artie Wu und Quincy Durant die Unschuld der Schauspielerin und überführen den Täter, der für seine Tat ein wirklich überzeugendes Motiv hat. Davor stellen sie, zusammen mit ihren aus den vorherigen Wu/Durant-Romanen bekannten Freunden, Los Angeles auf den Kopf.

Eine höchst vergnügliche Reise in die frühen neunziger Jahre.

Ross Thomas: Voodoo, Ltd.

(übersetzt von Walter Ahlers, überarbeitete Übersetzung)

Alexander Verlag, 2009

360 Seiten

14,90 Euro

Deutsche Erstausgabe

Voodoo & Co.

Heyne, 1993

Originalausgabe

Voodoo, Ltd.

Warner Books, 1992

Hinweise

Wikipedia über Ross Thomas (deutsch, englisch)

Alligatorpapiere: Gerd Schäfer über Ross Thomas (Reprint “Merkur”, November 2007)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Gottes vergessene Stadt” (The Fourth Durango, 1989)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Kälter als der Kalte Krieg“ (Der Einweg-Mensch, The Cold War Swap, 1966)

Meine Besprechung von Ross Thomas‘ „Teufels Küche“ (Missionary Stew, 1983)

Meine Besprechung von Ross Thomas‘ „Am Rand der Welt“ (Out on the Rim, 1986)