Bereits auf der ersten Seite von „Die dunkle Spur des Todes“ lässt Franco Limardi, wie Billy Wilder in „Boulevard der Dämmerung“, keinen Zweifel am Ausgang der Geschichte. Der Erzähler ist tot und er wird jetzt seine Geschichte erzählen.
Lorenzo Madralta ist in der Provinz der Sicherheitschef eines Einkaufszentrums. Als Ex-Soldat ist er natürlich sträflich unterfordert. Aber ihm genügt das ruhige, abgeschiedene Leben, das von gelegentlichen Abendessen mit Vittori, dem Leiter des Einkaufszentrums, und Sex mit Vittoris Freundin Giuliana unterbrochen wird. Als er sich in die Studentin Laura verliebt, entschließt er sich, bei dem großen Projekt von Vittori mitzumachen: einem Diebstahl der Einnahmen des Kaufhauses wenige Tage vor Weihnachten. Madralta hat zwar, als er seine Komplizen sieht, seine Zweifel, aber der Wunsch mit Laura und einem Haufen Geld die Stadt zu verlassen, ist stärker. Allerdings geht schon der Überfall schief.
„Die dunkle Spur des Todes“ von Franco Limardi ist ein netter kleiner Noir, der sich gelungen und ohne große Überraschungen in den vertrauten Bahnen bewegt.
Am bewährten Aufbau des von der katholischen Filmzeischrift „Film-Dienst“ herausgegebenen „Lexikon des internationalen Films“ hat sich auch in der neuesten Ausgabe, die sich mit dem „Filmjahr 2009“ beschäftigt, nichts geändert. Den Hauptteil bildet ein Lexikon mit wahrscheinlich allen Spiel- und Dokumentarfilmen (Kino, DVD, TV) die im deutschsprachigen Raum 2009 angelaufen sind. Jeder Film wird kurz vorgestellt und kritisch gewürdigt. Die Bewertungen sind, wie schon seit langem, undogmatisch und am Film orientiert.
Da gibt es auch für FSK-18-Filme, die schon vom Titel ein bestimmtes Publikum ansprechen, positive Bewertungen: „Dicht inszeniert und überzeugend gespielt, gleichwohl etwas spekulativ“ (The Boston Strangler), „Ruppig-melancholischer Gangsterfilm, der durch die Verwendung von Farbfiltern eine eigenwillige Atmosphäre schafft.“ (The Butcher – A new Scarface), „Brutaler Actionfilm voller Blutbäder und ausgefallener Tötungsvarianten, die immerhin recht fantasiereich inszeniert werden.“ (The Tournament).
Ergänzt werden die fundierten Bewertungen mit Hinweisen auf das Bonusmaterial der DVDs und zu unterschiedlichen Schnittfassungen. So erfahren wir, dass „The Tournament“ für die „ab 18“-Fassung stark beschnitten, für die Leihfassung „SPIO/JK I – Keine schwere Jugendgefährdung“ wurden immerhin noch zwei Minuten aus dem Film herausgeschnitten und sogar die in Österreich und der Schweiz veröffentlichte Fassung wurde um etwa eine Minute erleichtert. Normalerweise sind die dort erscheinenden Fassungen ungekürzt
Es gibt längere Besprechungen der Redaktionslieblinge. Dieses Jahr sind das „Alle Andere“, „Antichrist“, „Gran Torino“, „Il Divo“, „Jerichow“, „Der Knochenmann“, „The Wrestler“, „Tödliches Kommando“, „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ und „Zeiten des Aufruhrs“. Es gibt einen Überblick über herausragende DVD- und Blu-Ray-Editionen von älteren Filmen, einen Überblick über 2009 vergebene wichtige Filmpreise, Anschriften aus Film und Fernsehen, einen Rückblick auf das Kinojahr 2009 und die Dokumentation der Tagung des Verbands der deutschen Filmkritik vom 11. Dezember 2009 in Berlin.
Dieses Mal geht es um die wirtschaftliche Lage der Filmjournalisten und wie die Zukunft der Filmkritik aussieht. Beides ist, so das Fazit der Tagung, sehr düster. Die Honorare für die meistens freien Mitarbeiter sind in den vergangenen Jahren gleich geblieben oder gesunken. Der Platz für Filmkritiken in Zeitungen und Zeitschriften wird zunehmend kleiner (von einem Filmjournalismus im TV und im Radio kann ja nicht mehr gesprochen werden). Es wird sich – auch in der Filmkritik – zunehmend auf Agenturmeldungen konzentriert und und statt fundierter Kritiken gibt es mehr Boulevard.
Auch wenn die Vortragenden nur über die Lage von Filmjournalisten und der Filmkritik sprechen, sind die Analysen leicht auf den gesamten Kulturjournalismus und die Lage der freien Mitarbeiter in allen Ressorts übertragbar.
Wie in den letzten Jahren ist die Auflistung der verstorbenen Filmschaffenden sehr lückenhaft und es fehlt ein Rückblick auf die wirtschaftliche Seite mit Umsatz- und Besucherzahlen. Aber das sind die einzigen Kritikpunkte an diesem feinen Lexikon.
Als Bonus gibt es dieses Mal für ein Jahr den Zugang zur Datenbank des Film-Dienstes.
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Film-Dienst: Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2009
Nach dem Erfolg von „Der letzte Quarry“, in dem Max Allan Collins von dem letzten Auftrag des von ihm erfundenen Profikillers erzählt, hat er wieder Lust auf weitere Quarry-Geschichten bekommen und weil Quarry sich zur Ruhe gesetzt hat, springt Collins an das andere Ende von Quarry Karriere und erzählt in dem neuen Quarry-Roman „Der erste Quarry“ von dem ersten Auftrag des kaltschnäuzigen Profikillers.
Nach seinem Vietnameinsatz kehrt Quarry in die Heimat zurück und muss als erstes entdecken, dass seine Frau einen anderen Mann hat. Er bringt den Liebhaber um, geht aus politischen Gründen straffrei aus und wird von dem Broker gefragt, ob er sich ein Leben als Profikiller vorstellen könne. Quarry sieht darin eine Möglichkeit seine in der Ausbildung erworbenen Fähigkeiten gewinnbringend einzusetzen. Moralische Skrupel hat er – schon damals – keine.
Als Bewährungsprobe soll er in einem ruhigen Unikaff einen Professor umbringen. Während er den Professor beobachtet, entdeckt er auch dessen ausgedehntes Liebeslieben und weil Quarry einen Tick zu neugierig ist, lässt er sich etwas zu sehr in das Leben des Opfers und seiner Frauen hineinziehen und aus einem Mord werden schnell mehrere.
„Der erste Quarry“ ist, wie bei Max Allan Collins nicht anders zu erwarten, ein kleiner schnörkelloser Noir. Und weil die Geschichte Ende 1970 spielt, gibt es auch schöne Begegnungen zwischen Quarry und der sexuell freizügigen Hippie-Kultur.
In den USA ist bereits ein weiterer Quarry-Band, „Quarry in the Middle“, erschienen. Er erzählt, wie der Titel erahnen lässt, von Quarrys verbrecherischen Taten zwischen seinem ersten und letzten Auftrag.
„Puma“ liest sich wie – je nach Betrachtung – die Vorlage für einen Film von Jean-Pierre Melville mit Lino Ventura in der Hauptrolle oder dem Roman zu einem Film von Jean-Pierre Melville mit Lino Ventura in der Hauptrolle. Es ist eine klassische Noir-Geschichte vom großen Coup, der schiefgeht. Und es ist eine illusionslose Gangstergeschichte, die unverkennbar im Deutschland der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt, aber nichts mit dem damals populären Soziokrimi gemein hat.
Zuletzt erschien der Roman, quasi zu Miehes zehntem Todestag (13. Juli 1989), als fünfter Band der von Martin Compart herausgegebenen „DuMont Noir“-Reihe. Wie bei den meisten anderen Bänden der viel zu kurzlebigen Reihe enthielt der Krimi einen informativen Anhang, der mit über sechzig Seiten sogar ungewohnt üppig ausgefallen war.
Jetzt gibt es, quasi zu Miehes siebzigstem Geburtstag (11. Mai 1940), wieder bei DuMont, eine Neuauflage von „Puma“ und wieder spendierte der Verlag dem Roman einen üppigen Anhang. Der gut fünfzigseitige Anhang der Neuausgabe unterscheidet sich, bis auf die Filmographie und die leicht aktualisierte Bio-/Bibliographie, stark von dem früheren Anhang.
Es gibt ein Interview mit Angelika Miehe über ihren Mann und lesenswerte Essays über Ulf Miehe von Peter Henning, Walter Adler, D. B. Blettenberg (über einen geplanten gemeinsamen Film), Manfred Sarrazin und Walter Fritzsche.
In der schon lange vergriffenen Ausgabe in der „DuMont Noir“-Reihe gibt es dagegen zahlreiche Briefe und Statements von Ulf Miehe zur in den Siebzigern geplanten Verfilmung von „Puma“, Pressestimmen zu dem 1976 beim Publikum und der Kritik sehr erfolgreichen Roman, Interviews mit Miehe, eine Reportage von 1987 zu Miehes zweitem Kinofilm „Der Unsichtbare“ und einen siebzehnseitigen Text von Rolf Giesen über das filmische Schaffen von Ulf Miehe als Regisseur und Autor (unter anderem zwei Münchner Kommisar-Lenz-Tatorte, zwei „Der Fahnder“-Folgen, „Verflucht dies Amerika“ und „Jaider, der einsame Jäger“).
Der Roman ist über jeden Zweifel erhaben und gehört wenigstens einmal in jedes gutsortierte Buchregal. Wer sich für das Bonusmaterial interessiert, muss sich beide Ausgaben kaufen. Denn es ist beide Male informativ. Aber vielleicht gibt es irgendwann auch ein Buch, in dem Texte zu Ulf Miehe gesammelt werden.
Und, wenn wir schon beim Wünschen sind, Ulf Miehes drei anderen Romane, „Ich hab noch einen Toten in Berlin“, „Lilli Berlin“ und sein Roman zum Film „Der Unsichtbare“ sollten auch mal wieder veröffentlicht werden.
Mit „Die goldene Meile“ setzt Martin Cruz Smith seine Chronik der russischen Geschichte durch die Augen des widerborstigen und desillusionerten Polizisten Arkadi Renko fort. In einem Bauwagen am Jaroslawler Bahnhof, einem Bahnhof der US-titelgebenden „Drei Stationen“, wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Für Renkos Kollegen ist der Fall schon nach einem Blick auf die Tote klar: Selbstmord. Renko sieht das anders. Für eine Straßennutte sieht die Tote zu gut aus. Sie hat keine Verletzungen, Einstichstellen und blaue Flecken. Und sie hat die Karte für eine Milliardärsmesse bei sich. Renko ordnet – natürlich unter Missachtung des Dienstweges – eine Obduktion an. Der Gerichtsmediziner bestätigt seinen Verdacht: sie wurde ermordet.
Zur gleichen treibt sich Renkos Quasi-Ziehsohn Schenja in dem Bahnhof herum. Er trifft auf die junge, aus der Provinz kommende Maja, die behauptet, ihr Baby wurde entführt. Schenja will ihr helfen.
In dem siebten, ungewöhnlich kurzem Arkadi-Renko-Roman erzählt Martin Cruz Smith diese beiden Geschichten parallel hin zu einem doch etwas überstürzt wirkendem Ende. Aber für Smith sind diese beiden Geschichten nur die erzählerische Krücke, um ein aktuelles Sittenbild von Moskau und der Sowjetunion zu zeichnen. Damit führt er die mit „Gorky Park“ 1981 eher zufällig begonnenen Chronik der russischen Geschichte fort. Der kommerzielle Erfolg von „Gorky Park“ und die Popularität von Arkadi Renko waren sicher ein Motiv für weitere Renko-Romane. Aber erst acht Jahre später veröffentlichte Smith mit „Polar Star“ den zweiten Renko-Roman. Denn, so Smith in verschiedenen Interviews, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem rapiden Wandel der russischen Gesellschaft gab es für ihn etwas Neues zu erzählen. In seinen Renko-Romanen dokumentiert Smith diesen gesellschaftlichen Wandel und schickt seinen Helden zu den Brennpunkten und schmerzhaften Wunden der russischen Seele.
Auch in „Die goldene Meile“ ist der gesellschaftliche Hintergrund ein wichtiger Teil des Romans und der Grund den Roman zu lesen. Smith erzählt von den Drei Bahnhöfen; einem Gebiet, auf dem drei Eisenbahnstationen, zwei Metro-Linien und eine zehnspurige Autostraße sich treffen und eine unbekannte Zahl obdachloser Jugendlicher lebt. Er erzählt von dem unfassbarem Reichtum der neuen Milliardäre, ihren Treffpunkten und wie sie sich von der restlichen Bevölkerung abgrenzen. Er erzählt – wieder einmal – von einem an der Aufklärung von Verbrechen vollkommen desinteressiertem Staat. Renko ist am Anfang von „Die goldene Meile“ kaltgestellt. Er bekommt keine Fälle mehr und kann auch in dem Prostituiertenmord nur ermitteln, weil er einen alkoholkranken Kollegen vorschiebt. Der Gerichtsmediziner lebt inzwischen (natürlich illegal) an seinem Arbeitsort. Und Renko muss am Ende gegen seine Entlassung ankämpfen. Aber er fragt sich, ob er überhaupt noch Polizist in einem Staat sein will, der das Verbrechen nicht bekämpft.
In diesen Momenten gelingen Martin Cruz Smith immer wieder dichte Beschreibungen einer nicht mehr funktionierenden Gesellschaft. Sie sind der Grund „Die goldene Meile“ zu lesen.
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Martin Cruz Smith: Die goldene Meile
(deutsch von Rainer Schmidt)
Man kann dem neuen „Jerry Cotton“-Film vieles vorwerfen, aber nicht Martin Comparts Buch „G-man Jerry Cotton“.
Das ist nämlich ein viel zu kurzes, schön gelayoutetes Lesevergnügen über den fiktiven FBI-Agenten, der in Deutschland 1954 in dem Bastei-Kriminalroman Nummer 68 „Ich suchte den Gangster-Chef“ seinen ersten Fall löste. 1956 erhielt er dann eine eigene Reihe und als „G-man Jerry Cotton“ wird er seit Jahrzehnten gelesen. Zuerst nur als wöchentlich erscheinendes Groschenheft; seit 1963 auch als monatlich erscheinendes Taschenbuch. 1964 war „Jerry Cotton“ auf dem damals sehr wichtigen Heftromanmarkt die meistverkaufte Serie. In den Sechzigern wurden auch acht „Jerry Cotton“-Filme mit George Nader gedreht.
Später ging die Auflage zurück, aber wahrscheinlich immer noch hat jeder Krimifan irgendwann ein Jerry-Cotton-Abenteuer gelesen.
Martin Compart gibt in „G-man Jerry Cotton“ einen knappen Überblick über den Jerry-Cotton-Kosmos – also über Cottons Biographie, seine Freunde und seinen roten Jaguar -, die Geschichte der Groschenromane in den USA und Deutschland, die Probleme mit dem Jugendschutz und der seriösen Literaturkritik, die Autoren (wozu auch einige bekannte Namen, wie Rolf Kalmuczak [der TKKG-Erfinder Stefan Wolf], Irene Rodrian und Uwe Erichsen gehören), die Verfilmungen, Cotton-Merchandise-Artikel und wie sich die Serie in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder erneuerte.
„Unter diesen Heftromanen sind einige der besten Krimis, die ich je gelesen habe. Cotton hat eine Qualität entwickelt, von der durchschnittliche deutsche Krimiautoren nur träumen können. Wenn man mich vor die Entscheidung stellte, was ich mit auf die einsame Insel nehmen würde – alle Krimibücher deutscher Autoren, deren Namen auf den Umschlägen genannt werden, oder alle Cotton-Hefte -, wäre die Wahl leicht.“ schreibt Compart, der sich als kritischen Fan bezeichnet, im Vorwort und wird auf den folgenden Seiten nicht müde die Cotton-Geschichten teilweise schon überschwänglich zu loben.
Der neue Cotton-Film wird eher pflichtschuldig mit einer kleinen Bildergalerie und einem Gespräch zwischen Cotton-Erfinder Delfried Kaufmann, Cotton-Darsteller Christian Tramitz und dem Drehbuchautoren/Regiegespann Cyrill Boss und Philipp Stennert abgehandelt.
Als Beilage gibt es die bislang noch nicht als Romanheft veröffentlichte Jerry-Cotton-Geschichte „Süße Bienen, blaue Bohnen“. Sie erschien 1965/1966 in der „Bravo“ als Fortsetzungsroman und ist ein verdammt gut geplotteter Whodunit. Jerry Cotton soll auf dem Empfang einer Privatschule seinen Chef vertreten. Während einer Tanzaufführung wird eine der Tänzerinnen erschossen. Noch während der ersten Zeugenbefragungen wird eine zweite Schülerin in ihrem Zimmer erdrosselt und ein Unbekannter hat den Schmuck der Schülerinnen geklaut. Jerry Cotton und sein Freund Phil Decker haben also einiges aufzuklären und es ist schon bewundernswert, wie fein die einzelnen Fälle miteinander verbunden sind und wie viel Handlung der unbekannte Autor auf 64 Seiten presste, ohne dass es gehetzt wirkt.
Das sind die Gefühle, die sich nach der kompletten Lektüre von James Ellroys Unterwelt-Trilogie einstellen. Denn die Lektüre von „Ein amerikanischer Thriller“, „Ein amerikanischer Alptraum“ und „Blut will fließen“ in einem Rutsch ist weniger eine aufregende Reise durch fünfzehn Jahre US-amerikanischer Geschichte, als viel mehr ein ermüdender Boxkampf der irgendwann in ein stupides Catchen ausartet, bei dem man nur noch auf den erlösenden Gong wartet.
Aber James Ellroys Underworld-Trilogie sollte wahrscheinlich nicht als Roman gelesen werden. Vor allem nicht als Roman, der sich an die normalen Konventionen mit unterscheidbaren Haupt- und Subplots und unterscheidbaren Haupt- und Nebencharakteren hält. Sie sollte eher wie eine TV-Serie, die zwischen 1958 und 1972 spielt, genossen werden, in der viele Handlungsstränge, mehr oder weniger gleichzeitig, mehr oder weniger miteinander verknüpft, parallel ablaufen und am Ende des Buches, wie am Ende einer Staffel, ein Cliffhanger ist. Denn die nächste Staffel soll auch gesehen, der nächste Roman gelesen, werden.
So endet „Ein amerikanischer Thriller“ wenige Minuten vor der Ermordung von John F. Kennedy und „Ein amerikanischer Alptraum“ beginnt wenige Minuten nach der Ermordung von John F. Kennedy. Der Roman endet mit dem Tod von Martin Luther King und Bobby Kennedy.
„Blut will fließen“ endet mit dem Tod von J. Edgar Hoover; – einem der ganz wenigen Charaktere, die in allen drei Büchern mitspielen. Insofern ist die Trilogie auch eine Chronik der letzten fünfzehn Jahre von Hoover, seiner zunehmenden Paranoia, seinem körperlichem Verfall und dem Verfall seiner Welt.
Ellroy lässt, neben Hoover, viele Personen der Zeitgeschichte auftreten und erzählt die Geschichte dieser Jahre in zahlreichen Episoden aus der Perspektive von einigen Troubleshootern, die zwischen den Fronten hin- und herspringen, Doppel-Doppelspiele (manchmal auch Doppel-Doppel-Doppelspiele) treiben und anscheinend in jedes wichtige Ereignis dieser Jahre irgendwie involviert sind. Auf die immerwährende Solidarität eines Charakters ist kein Verlass und letztendlich ist jeder Charakter ersetzbar.
Außerdem, auch das erinnert an TV-Serien mit einer folgenüberspannenden Geschichte (wie „24“ „The Shield“ und „The Sopranos“), entwickelt sich der Hauptplot teilweise im Hintergrund, während einzelne Episoden (die man manchmal auch ohne Verlust für die gesamte Erzählung in den Papierkorb hätte werfen können) die Aufmerksamkeit wachhalten.
In „Ein amerikanischer Thriller“ ist der Hauptplot der Aufstieg von John F. Kennedy als beliebter Senator und Kandidat für die Präsidentschaft bis zu zu seiner Ermordung.
In „Ein amerikanischer Alptraum“ ist der rote Faden der Wunsch von Howard Hughes die Casinos von Las Vegas zu kaufen.
In „Blut will fließen“ ist die sehr lose erzählerische Klammer die Jagd nach den Räubern, die bei einem brutalen Überfall auf einen Geldtransporter mehrere Millionen Dollar und wertvolle Smaragde erbeuteten.
Abgesehen von diesem „Hauptplot“ (Ja, auch darüber kann gestritten werden.) sind alle drei Bände ähnlich aufgebaut. Es gibt mehrere Handlungsstränge, viele Episoden, die die wichtigen Charaktere zu allen wichtigen und weniger wichtigen Orten der US-amerikanischen Politik führen, unglaublich kleinteilige Schilderungen von bestimmten Komplotten und im letzten Drittel (fast so, als sei Ellroy der Gedanke kommen, dass er jetzt langsam zum Schluss kommen müsse und er dafür die verschiedenen losen Fäden irgendwie miteinander verknüpfen muss [aber das kann nicht stimmen, weil Ellroy sagt, er plane seine Romane genau und er erstelle unglaublich detaillierte Exposés, in die er später vor allem die Dialoge einfüge) gibt es dann plötzlich den Plan, eine wichtige Person zu ermorden (John F. Kennedy, Bobby Kennedy, Martin Luther King, J. Edgar Hoover).
Und immer wieder werden wichtige Charaktere sehr lieblos in einem Halbsatz oder zwischen zwei Kapiteln ermordet.
Im ersten Band der Trilogie ermüdet, wie auch in den beiden Folgebänden, die oft unglaubliche kleinteilige Erzählweise, die immer wieder von Schlagzeilen und zusammenfassenden Berichten unterbrochen wird. Denn bei vielen Szenen ist ihre mögliche Bedeutung für die weitere Handlung unklar.
Der zweite Band ist mit seinen Stummelsätzen und den ständigen Zeitsprüngen einfach unlesbar. Denn alle zwei Zeilen stockt der Lesefluss, aber dafür steigt die Bewunderung für den Übersetzer, der zwischen dem ständigen „sagte“ und „sagt“ nicht den Überblick verlor.
Im dritten Band hat Ellroy diesen „Fehler“ (O-Ton Ellroy) berichtigt. Die Sätze sind jetzt wieder länger und es wird, wie schon „Ein amerikanischer Thriller“, wieder fast durchgängig im Imperfekt erzählt.
Aber ein richtiger Lesefluss entsteht immer noch nicht. Denn man muss ja immer noch die verschiedenen Handlungsstränge verfolgen und sich öfters durch ein halbes Kapitel lesen, bis endlich deutlich wird, welche Charaktere in der Szene auftreten. Denn Ellroys Hauptcharaktere unterscheiden sich bis auf ihr Alter kaum voneinander und er beginnt ein Kapitel gerne, indem er die Namen der in der Szene auftretenden Charaktere zunächst verschweigt und einfach mit einem unpersönlichen „er“ beginnt, bei dem nur sicher ist, dass dieser „er“ nicht der „er“ des vorherigen Kapitels ist.
Bei „Blut will fließen“ wäre, noch stärker als in den ersten beiden Bänden, ein Beschränken auf ein, zwei Hauptplots besser gewesen. Denn neben dem Überfall auf den Geldtransporter, der „Operation Bööööser Bruder“, der aufstrebenden Hippie-Bewegung, den Hinterhöfen der US-amerikanischen Politik, dem Plan der Mafia, in der Dominikanischen Republik Kasinos zu bauen, gibt es auf den gut achthundert Seiten noch einige Plots, die die Aufmerksamkeit beanspruchen und den Wunsch wecken, sich während des Lesens eine Grafik, mit den auftretenden Personen und ihren möglichen Beziehungen zueinander, zu erstellen.
So ist die Unterwelt-Trilogie ein Epos mit vielen Charakteren, die etwas besinnungslos durch die auf den ersten Blick labyrinthische, auf den zweiten Blick sehr banale Geschichte stolpern.
Dabei kann James Ellroy es, wie er in „L. A. Confidential“ zeigte, besser.
Wer bei den Münchner „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Folgen auch auf den Autorennamen achtet, wird öfters den Namen Peter Probst gelesen haben. „Im Herzen Eiszeit“, „Gefallene Engel“, „Wenn Frauen Austern essen“, „Der Traum von der Au“ und „Der Fluch der guten Tat“ gehören zu seinen Werken.
Jetzt legte er mit „Blinde Flecken“ seinen ersten Kriminalroman für Erwachsene vor. Es ist auch der erste Fall für den Privatdetektiv Anton Schwarz: einem einundünfzigjährigem Ex-Polizisten, der immer noch an seiner Ex-Frau hängt, regelmäßig seine Mutter besucht, sich in München meistens mit dem Fahrrad und der U-Bahn fortbewegt, dessen provisorische Wohnung auch nach drei Jahren ein einziges Junggesellen-Chaos ist und der einfach ein sehr sympathisch-gewöhnlicher Mann ohne auffällige Marotten, Interessen und schädliches Suchtverhalten ist. Zynisch gesagt ist sein Nachname schon das Farbigste bei ihm – und das ist gut so.
Dass er in seinem ersten Fall dann gleich im Braunen Sumpf ermitteln muss und zwischen die Fronten von Juden, Ausländern und Nazis gerät, weckt dann – vor allem weil im Klappentext betont wird, dass Probst sich im Verein „Lichterkette“ engagiert und an „Schuhhaus Pallas – Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte“ von seiner Frau Amelie Fried mitarbeitete – die schlimmsten Befürchtungen auf eine mit einem Krimimäntelchen umhängte, unverdauliche Mischung aus Sozialkritik, Betroffenheitsliteratur und gut gemeinter Anklage gegen Staat und Gesellschaft, wie wir sie aus den sonntäglichen „Tatorten“ kennen.
Aber Probst schrieb für die Münchner Sonntagskrimis und die verpacken die Gesellschaftskritik in packende Krimis. Die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel.
So hält sich auch „Blinde Flecken“ nicht allzu lange mit dem tiefsinnigen Erforschen der deutschen Seele und Informationen über das Judentum und die rechtsradikale Szene auf. Stattdessen muss Anton Schwarz, als er Herausfinden will, ob der inhaftierte Tim Burger immer noch eine Gefahr für die Gesellschaft ist, sich plötzlich mit neuen Straftaten auseinandersetzen. Aber trotz aller Haken, die die Handlung auf knapp 250 Seiten schlägt, ist das Ende schon sehr früh offensichtlich und viele Fragen werden nicht beantwortet.
Wer darüber hinwegsieht, kann den ersten Fall von Anton Schwarz als flott zu lesenden Pulp genießen.
Eine Anmerkung zur Rechtschreibung: Es machte mich wahnsinnig, dass ständig „Klesmer“ statt Klezmer und „Breakedance“ statt Breakdance geschrieben wurde.
„Lassen Sie es mich so sagen…“ ist ein typisches Klobuch. Nicht weil es so schlecht ist, sondern weil die Texte so kurz sind, dass ein einzelner Text bequem während einer Sitzung gelesen werden kann und man danach eine geistige und eine körperliche Erleichterung verspürt.
Denn Georg Schramms schwarzhumorig-respektlosen Solonummern, die es jetzt auch im handlichen Taschenbuchformat gibt, sind als Satiren so nah an der Wirklichkeit, dass Unvorbereitete sie kaum von der Realität unterscheiden können.
Heute, nachdem er dank dem „Scheibenwischer“ und „Neues aus der Anstalt“, deutschlandweit allgemein bekannt ist, spricht er bei seinen Auftritten vor einem Publikum, das weiß, was auf es zukommt und sich, mehr oder weniger, in seiner Meinung bestätigt fühlt. Es ist auch ein Publikum, das die Satire sofort als Satire erkennt.
In seinen Anfängen muss Schramms Methode vollständig und ohne ironisches Augenzwinkern aus der Sicht eines bestimmten Charakters, wie Oberstleutnant Sanftleben oder der Rentner Lothar Dombrowski, Tacheles zu sprechen mehr als einmal das Publikum verstört haben. So erzählt er in „Lassen Sie es mich so sagen…“ von einem Auftritt als katholischer Hassprediger bei einem Ostermarsch oder von der Eröffnung einer Wohltätigkeitsgala, bei der er den versammelten Konstanzer Honoratioren die Leviten las.
„Es gelang, die selbstzufriedene Feststimmung der Gala so nachhaltig zu stören, dass sich die Gäste dem von mir eröffneten Buffet verweigerten. (…) Für mich ein gelungener Abend“, schreibt Schramm über seine, auch in dem Sammelband dokumentierten Anfänge als Kabarettist in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die meisten Texte sind neuer und meistens für die TV-Satiresendungen „Scheibenwischer“ und „Neues aus der Anstalt“ entstanden. Außerdem gibt es einige Nummern aus seinen verschiedenen Soloprogrammen, vor allem aus „Thomas Bernhard hätte geschossen“. Ergänzt werden die Satiren oft durch einleitende Worte. So wird aus einer Sammlung von Satiren (was für eine Kaufempfehlung schon ausreichen würde) auch eine kleine Biographie des Künstlers Georg Schramm und eine ätzende Chronik Deutschlands zwischen Friedensbewegung und Großer Koalition.
Georg Schramm: Lassen Sie es mich so sagen… – Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit
Homepage von „Neues aus der Anstalt (In der nächsten Sendung, am Dienstag, den 16. März, um 22.15 Uhr im ZDF begrüßen Urban Priol und Georg Schramm Arnulf Rating, Jochen Malmsheimer und Olaf Schubert.)
Deutschland im Jahr 2019: wir haben eine Kanzlerin (schon wieder); einen überwachungsgeilen Innenminister (er schleppt immer noch ein 9/11-Trauma mit sich herum); eine supergeheime, dem Innenminister unterstellte Spezialeinheit; mittels Videokameras eine Totalüberwachung der Bürger und linke Systemgegner, die mit täglichen Demonstrationen und dem Zerstören von Kameras die Polizei auf Trab halten.
Vor diesem dystopischen Hintergrund spielt sich Markus Stromiedels zweiter Roman „Feuertaufe“ ab. Er schließt unmittelbar an „Zwillingsspiel“ an, kann aber vollkommen unabhängig von seinem Debüt gelesen werden. Sogar wer „Zwillingsspiel“ kennt, wird die wenigen Hinweise in „Feuertaufe“ auf „Zwillingsspiel“ mit der Lupe suchen müssen.
In „Feuertaufe“ sterben in Kreuzberg bei einer Brandstiftung in einem mehrstöckigem Mietshaus zwölf Menschen. Nur ein neunjähriger Junge überlebt.
Jetzt soll Kommissar Paul Selig den Täter finden. Jedenfalls ist das die offizielle Version. Denn eigentlich soll Selig nur den Grüßaugust für die Presse spielen und die Soko-Kollegen in Ruhe ihre Arbeit machen lassen. Selig mischt sich trotzdem in die Ermittlungen ein.
Gleichzeitig will er herausfinden, wer seinem siebzehnjährigem Sohn Tobias eine Pistole, die vor einem Jahr in Schottland bei einem Banküberfall benutzt wurde, in die Jackentasche steckte.
Und, als ob all das noch nicht genug wäre, will Selig einen Mann mit einer Tätowierung in der Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger finden. Der Mann war auch, wie Selig herausfindet, bei dem Brandanschlag dabei und die Täter scheinen verdammt gute Verbindungen zur Polizei und der Regierung zu haben.
Das klingt jetzt nach einem Politthriller ganz nach meinem Geschmack. Auch dass Stromiedel seine negative Zukunftsutopie eher langsam enthüllt dürfte mir gefallen. Immerhin ist für seine Charaktere die Überwachung Alltag. Auch die kleinen Schlenker zu Berliner Lieblingsprojekten, wie der fertiggestellten U 55 (sehr unwahrscheinlich) und der Tempelhof-Nachnutzung als Endlager für Berliner Behörden (nicht unwahrscheinlich), gefallen.
Aber (genau auf dieses „aber“ habt ihr gewartet) die Dystopie wirkt angesichts der schon heute existierenden technischen Möglichkeiten hoffnungslos veraltet. Stromiedels Überwachungsszenario ist vor allem eine gigantische Videoüberwachung, auf die die Polizei in Echtzeit zugreifen und per Gesichtserkennung Personen verfolgen kann. Das liest sich wie ein Mix aus „1984“, „Minority Report“ und „Staatsfeind Nr. 1“.
Das ist natürlich eine erschreckende Zukunft, aber die schon heute existierenden Überwachungsmöglichkeiten leisten auch ohne eine Echtzeit-Verknüpfung aller Videokameras ähnliches. Bis vor wenigen Tagen wurden alle Verbindungsdaten im Rahmen der Vorratsdatenspeicherung sechs Monate gespeichert. Schon damit war, wenn die Person ein Handy mitgenommen hatte, ein lückenloses Bewegungsprofil möglich. Die Polizei kann Bankdaten abfragen. Es besteht, ohne das Wissen des Besitzers, die Möglichkeit einer Online-Durchsuchung von Computern.
Angesichts dieser schon heute bestehenden technischen Möglichkeiten einer Überwachung und bestehender Kompetenzen der Polizei und der Geheimdienste verharmlost Stromiedels in knapp zehn Jahren spielende Utopie mögliche Entwicklungen hin zu einem freundlichen Überwachungsstaat.
Auch die Manipulationen von Daten und das Einloggen in Computer geht in „Feuertaufe“ zu einfach. Bei Stromiedel genügt ein einfaches Passwort. Möglich und heute schon möglich wären Fingerabdrücke und Irisscans. Möglich wären auch interne Plausibilitätsüberprüfungen (zum Beispiel ob die Person die sich anmeldet auch im Gebäude ist) und Analysen des Tippverhaltens. Daran wird gearbeitet. Ebenso wird daran gearbeitet, anhand bestimmter Wort- und Satzkonstruktionen auch unter verschiedenen Namen schreibende Autoren zu identifizieren.
Der Plot selbst ist für einen eingefleischten Politthriller-Fan extrem vorhersehbar. Auch wer der Bösewicht ist. Nur das Motiv bleibt bis zum Schluss im Dunkeln und, nachdem es enthüllt wird, stellt sich die Frage, warum die Bösewichte um ihr Ziel zu erreichen ein ganzes Haus in Brand stecken mussten. Es gibt auch einige weitere unbeantwortete Fragen, damit zusammenhängende Plotlöcher und nicht konsequent durcherzählte Handlungsstränge, die den Eindruck erwecken, Stromiedel habe große Teile der Geschichte beim Schreiben entwickelt; – weshalb immer wieder, wenn es beginnt langweilig zu werden, der sprichwörtliche Mann mit der Pistole den Raum betritt. Das sorgt dann für die nötige Action und hält Kommissar Selig so sehr in Bewegung, dass seine seltsamen Ermittlungsmethoden kaum auffallen. Denn Selig kümmert sich keine Sekunde um die üblichen Verdächtigen und Motive, sondern sucht von Anfang an nur den tätowierten Mann und stößt ziemlich schnell auf Widerstände im Polizeiapparat.
Markus Stromiedel: Feuertaufe
Knaur, 2010
496 Seiten
8,95 Euro
–
Lesung
Markus Stromiedel stellt „Feuertaufe“ am Dienstag, den 9. März, um 20.00 Uhr im Kriminaltheater Berlin (Palisadenstraße 48) vor. Guntbert Warns liest, Marion Brasch moderiert den Abend und wer wirklich einen Sitzplatz bekommen will, sollte sich vorher anmelden.
Für „Nazi Paradise“ braucht man nicht mehr Zeit, als für einen sonntäglichen „Tatort“. Aber während nicht nur ich mich inzwischen über die meisten „Tatorte“ ärgere, ist „Nazi Paradise“ verdammt witzig.
Jedenfalls für die Freunde des schwarzen Humors.
In seinem Deutschlanddebüt (in seiner italienischen Heimat hat er bereits mehrere Bücher veröffentlicht) lässt Angelo Petralla einen namenlosen Naziskin, der die Geschichte auch hübsch rotzig erzählt, mächtig in die Scheiße latschen. Denn wenn der Erzähler nicht gerade mit einigen Freunden das Fußballstadion besucht und sich auch dort mit Hooligans, Negern und Wichsern, die ihm gerade in die Faust laufen, schlägt oder sich besäuft, crackt er sich in fremde Computer und räumt Bankkonten leer. Selbstverständlich hält er sich für ein Genie und alle Anderen für Trottel.
Als er trotzdem mal wieder von der Polizei erwischt wird (soviel zu seiner Genialität) und er sich fragt, wegen welchem seiner Verbrechen ihn die Polizei dieses Mal einbuchten will, machen ihm zwei korrupte Polizisten ein Angebot, das er nicht ablehnen kann: entweder crackt er für sie während einer Promi-Party einen Computer oder er wandert für lange Zeit ins Gefängnis. Er nimmt das Angebot, in der vollkommen irrwitzigen Annahme, die Polizisten reinlegen zu können, an.
Und dann geht’s, immerhin sind wir noch auf den ersten Seiten von „Nazi Paradise“, in bester B-Movie- und Pulp-Manier, gewürzt mit einer kräftigen Portion Néo-Polar, los. Er chattet am Computer mit einer ihm unbekannten Femme Fatale, sein Kontaktmann bei der Party sieht verdammt gut aus, das Ziel ist der Heilige Gral für Cracker und, viel zu spät, begreift der Erzähler, dass er nicht so schlau ist, wie er dachte.
Das ungewöhnlichste an Banerjhee Rolf ist sein Name. Denn seine Eltern kamen 1945 aus Indien in die USA. Der Rest strahlt die stockbiedere Normalität eines Mannes aus dem Mittelschicht aus. Er ist verheiratet, hat ein Haus (belastet mit einer Hypothek), der Sohn studiert in Chicago und er selbst wässert als Frührentner unter der kalifornischen Sonne seine Blumen.
Früher war er als Leiter der Qualitätskontrolle in einer Biotech-Firma ein wichtiger Mann, aber da wollte er vor allem als Wissenschaftler arbeiten und bei einer Umstrukturierung wurde seine Abteilung aufgelöst. Jetzt quält er sich mit seinen Schulden herum und züchtet Blumen. Zur Entspannung unterhält er sich über den Gartenzaun immer wieder mit seinem Nachbar Toby Pride, der anscheinend von seiner Ostküstenverwandschaft das Angebot bekommen hat, dass er sich nicht um Geld kümmern müsse, solange er an der Westküste bleibe. Rolf glaubt auch, dass Pride mit Drogen handelt. Aber das geht ihn nichts an, bis er sich zuerst von Pride breitschlagen lässt, ein Los zu kaufen und, als seine Frau für zwei Wochen zu ihrem Sohn fährt, er die Freundin von Pride vor ihrem wütendem Freund schützt. Schnell ist Prides Wut verraucht und sie machen es sich zu dritt in Prides Wohnung mit Drogen vor dem Fernseher gemütlich. Pride zeigt ihm begeistert die Sendungen eines Piratensenders.
Plötzlich stürmen zwei Männer hinein und beginnen auf sie zu schießen. Bei dem Schusswechsel sterben sie. Pride und seine Freundin werden tödlich verletzt und Rolf hat seinen ersten Mord begangen. Als ehrlicher Bürger will er natürlich sofort die Polizei anrufen, aber Pride hält ihn ab. Denn die Eindringlinge waren Polizisten und das ist noch nicht das schlimmste Geheimnis, das Pride ihm verrät. Rolf muss untertauchen.
„Dunkler Gefährte“ ist bereits Jim Nisbets neunter Roman, sein zweites auf Deutsch erschienenes Werk und es wurde für den Hammett-Award, dem jährlichen Preis der nordamerikanischen Abteilung der International Association of Crime Writers, nominiert.
Es ist ein kleiner, feiner Noir über die Macht des Zufalls und wie ein, zwei kleine Ereignisse und eine Verkettung unglücklicher Umstände ein geregelt-langweiliges Leben vollkommen aus den geordneten Bahnen werfen können. Denn Banerjhee Rolf ist der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort.
Gleichzeitig porträtiert Jim Nisbet, wie in seinen früheren Romanen, nüchtern und ohne den polemischen Furor eines Michael Moore den US-amerikanischen Kapitalismus. In „Dunkler Gefährte“ rückt, vor allem in der ersten Hälfte, wenn Nisbet lakonisch von Rolfs Entlassung und seiner Suche nach einem neuen Job erzählt, der Umgang mit der Generation 50+ in den Vordergrund. Denn das Wissen von Rolf wird nicht gebraucht.
Vor zwanzig Jahren erschien in der ebenfalls von Frank Nowatzki herausgegebenen Black-Lizard-Reihe Nisbets zweiter Roman „Tödliche Injektion“ (Lethal Injection, 1987). In dieser Geschichte glaubt der alkoholabhängiger Gefängnisarzt Franklin Royce, dass der Afroamerikaner Bobby Mencken, dem er eben die Todesspritze verpasst hat, unschuldig war. Er will herausfinden, für wen Mencken in den Tod ging, und er besucht in den Slums von Dallas Menckens frühere Freunde.
Mit „Tödliche Injektion“ begibt Jim Nisbet sich sehr gelungen in einen alptraumhaften und hoffnungslosen Kosmos, der anscheinend von Cornell Woolrich ausgeborgt wurde. Woody Haut hält „Tödliche Injektion“ in seinem Buch „Neon Noir“ für „one of the best novels Jim Thompson never wrote“.
Für die anderen Nisbet-Romane sind dann Englischkenntnisse unerlässlich.
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Jim Nisbet: Dunkler Gefährte
(übersetzt von Frank Nowatzki und Angelika Müller)
Zack Andersen hasst sein Leben als Bürogehilfe im Rathaus in irgendeinem sich in der amerikanischen Provinz befindendem Kaff. Der Höhepunkt seines Lebens ist ein Quickie mit Amanda von der Buchhaltung während der Weihnachtsfeier. Allerdings ist er als Weihnachtsmann verkleidet und sie hält ihn für jemand anderes.
Zack ist auch jemand anderes. Bevor er ins Zeugenschutzprogramm gesteckt wurde, war er Zack Overkill und er machte seinem Namen alle Ehre. Zusammen mit seinem Bruder hinterließen sie mit ihren Verbrechen und den Kollateralschäden eine Spur der Verwüstung. Jetzt ist Zack mit Drogen ruhiggestellt und er lebt ein Leben, das er früher verachtete.
Als Zack die Pillen absetzt, erwachen seine früheren Kräfte wieder und er setzt sie auf seinen nächtlichen Streifzügen ein. Aber nicht, um Verbrechen zu begehen, sondern um Verbrecher zu bestrafen. Zack wundert sich zwar etwas, dass er jetzt die Arbeit der Polizei übernimmt, aber das verkloppen von Räubern gefällt ihm.
Schnell erfahren seine früheren Freunde von seinen nächtlichen Streifzügen und sie schicken einige Männer los, die den Verräter finden und bestrafen sollen.
Zack Andersen/Overkill ist die neueste Schöpfung des genialen Autors Ed Brubakers und seines ihn kongenial ergänzenden Zeichner Sean Phillips. In ihrer ersten Zusammenarbeit „Sleeper“ ließen sie einen guten Menschen Böses tun, indem sie ihn als Undercover-Agent in ein weltumspannendes Gangsterimperium einschleusten und mit der Zeit gefiel Holden Carver das Leben als Verbrecher immer besser.
„Incognito“ liest sich in weiten Teilen wie die Umkehrung von „Sleeper“. Wieder wird ein Mann gezwungen ein Leben zu führen, das er nicht führen will. Wieder spielt sich dieser Kampf des Helden um seine Unabhängigkeit vor dem Kampf verschiedener Verbrecher- und Regierungsorganisationen ab, die in ihrem Handeln über dem Gesetz stehen. Und wieder hat der Held und einige weitere wichtige Charaktere Superkräfte. Oh, und wieder ist die Geschichte als eine sich abgeschlossene Reihe von Comicheften entworfen.
Aber es gibt in „Incognito“ auch den Blick des kleinen Mannes, der in anderen Superhelden-Comics (wozu auch „Sleeper“ gehört) höchstens als Staffage manchmal das Bild füllt. Es gibt Szenen aus dem Berufsleben, dem Strafvollzug und Gespräche mit Arbeitskollegen über Verschwörungstheorien, die für Zack keine Theorien, sondern Teil seines alten Lebens sind.
In „Incognito“ erzählt Ed Brubaker wieder von einem Mann, der sein Leben leben will. Eine feine Lektüre.
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Ed Brubaker/Sean Phillips: Incognito 1 – Stunde der Wahrheit
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini Comics 2009
164 Seiten
19,95 Euro
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Originalausgabe/enthält
Incognito, Heft 1 – 6
Icon Comics/Marvel Comics, Dezember 2008 – September 2009
Es hat einige Tage gedauert, aber weil ich zu den altmodischen Menschen gehöre, die ihre Jahrescharts nicht als Verkaufsempfehlung für das Weihnachtsgeschäft im Oktober/November erstellen, sondern erst nach dem Weihnachtstrubel und Alfred mal wieder einen verdammt guten Job bei der Suche nach den richtigen Bildern gemacht hat, sind meine „Tops und Flops 2009“ erst jetzt in der Spurensuche.
Dafür kann ich jetzt sagen, dass ich einige potentielle Preisträger dabei habe.
Die Liste taugt natürlich auch als Einkaufsliste für Ostern.
Noch bevor ich meine erste Frage stellen kann, erzählt Jonas T. Bengtsson mir in der Lobby des Grand Hotel Esplanade von der vor wenigen Stunden erfolgten Premiere von „Submarino“ auf der Berlinale im Wettbewerb.
Der Roman „Submarino“
In dem Noir „Submarino“ erzählt Bengtsson von zwei jungen Männern, die nach ihrer Adoption zu Brüdern erklärt wurden. Ihre Jugend verbrachten sie in Pflegeheimen und -familien. Jetzt ist der eine ein Junkie, der versucht seinem Sohn ein normales Leben zu geben. Dafür wird er zum Drogenhändler. Der andere verbringt seine Zeit, nach einer Haftstrafe, in einem Fitness-Studio, übernimmt Prügeljobs und begeht kleinere Verbrechen. Eines Tages fällt ihm ein Obdachloser auf, den er von früher als den Bruder seiner großen Liebe kennt. Er will ihm helfen.
Als Bengtsson mit dem Schreiben von „Submarino“ begann, wusste er nicht, wie die Geschichte endet. Er begann mit einigen Charakteren und Themen.
Doch schon schnell entwarf er die Struktur des Romans und damit auch das Ende. In der ersten Hälfte „Ivan“ steht Nick und sein Versuch dem Obdachlosen Ivan zu helfen, im Mittelpunkt. In der zweiten, längeren Hälfte, „Martin“, erzählt er die Geschichte von Nicks Bruder und seinem Sohn Martin.
„Ich wollte zwei nur lose miteinander verknüpfte Geschichten erzählen. Sie sollten sich aber beeinflussen“, erklärt Bengtsson. „Sie sind verbunden durch das schlimme Ereignis in ihrer Kindheit und die Themen Vaterschaft und Liebe. Ich erzähle eine griechische Trägodie im heutigen Kopenhagen.“
Für beide Brüder ist die Vergangenheit sehr lebendig und sie unterbricht immer wieder den Fluss der Erzählung, ohne dass „Submarino“ zu einem sich aus bedeutungslosen Splittern zusammensetzendem Werk wird. In ihrem Leben gibt es zwischen der Gegenwart und den Traumata der Vergangenheit keinen Bruch. Das liegt weniger daran, dass für sie die Vergangenheit noch lebendig ist, sondern mehr daran, dass sie kein Ziel habe. Ihr Leben ist statisch.
Sie haben vielleicht, wie Nick, viele Bekannte, aber keine Freunde. Bengtsson erzählt von Menschen, denen wir täglich in der Großstadt auf der Straße oder in der U-Bahn begegnen, die aber nicht am normalen gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen: „Es sind Menschen, die am Rand unseres Bewusstseins leben.“
Insofern könne „Submarino“, so Bengtsson, auch in einer anderen nordeuropäischen Großstadt spielen. Aber in Marokko würde die Geschichte der beiden Brüder nicht funktionieren, weil sie dann mit vollkommen anderen Problemen zu kämpfen hätten. Dort müssten sie um ihr überleben kämpfen, aber in Kopenhagen (wo „Submarino“ spielt) gäbe es ein soziales Netz mit Übergangswohnheimen und Familienbetreuern. Die beiden Brüder haben ihr Leben als Verbrecher und Süchtige selbst gewählt. Aber sie versuchen, aus dem Leben auszubrechen. Denn, so Bengtsson: „Niemand ist eine Insel.“
Allerdings haben sie in ihrer hoffnungslos verkorksten Erziehung kein Instrumentarium zum Bewältigen von Problemen erlernt. Daher enden all ihre Bemühungen unglücklich.
Sie versuchen das Beste zu tun. Aber es führt sie, auf verschiedenen Wegen, ins Gefängnis. Dabei haben sie durchaus edle Motive. Der eine will einem Freund helfen, der als Penner auf der Straße lebt. Der andere will seinem Sohn ein besseres Leben ermöglichen. Dafür wird der Junkie zum Drogenhändler.
In „Submarino“ zeichnet Bengtsson einen Zirkel von Gewalt und Hoffnungslosigkeit, der durch den Titel und die Erklärung des Titels noch verstärkt wird. „Submarino“ (U-Boot) ist eine in Chile während der Pinochet-Diktatur angewandte Foltermethode, bei der der Kopf einer Person bis zur Erstickungsgrenze unter Wasser gedrückt wird. In den vergangenen Jahren erlangte das sehr ähnliche „Waterboarding“ wieder traurige Berühmtheit.
Weil die Geschichten der Brüder schlecht ausgehen, zeigt Bengtsson in „Submarino“ einen fast schon deterministischen, sich von Generation zu Generation fortpflanzenden Zyklus von Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Diese fatalistische Lesart gefällt Bengtsson nicht.
Denn, so Bengtsson: „Ich wollte nicht generalisieren. Der Roman ist keine Aussage über die Welt. Ich war an den beiden Brüdern und ihrem individuellem Kampf interessiert. Denn in ‚Submarino‘ gibt niemand auf.“
Sie sind am Anfang isoliert und versuchen wieder ein Teil der Gesellschaft zu werden. So will Nick das Richtige tun, aber das Ergebnis ist fatal und sogar die von ihm gewünschte Buße wird ihm vom Staat verwehrt.
„Ich wollte, dass es etwas anonym und zeitlos ist“ erklärt Bengtsson die auf den ersten Blick vorhandene Austauschbarkeit der Orte. Denn Straßen, Fitnessstudios und MacDonalds gibt es in jeder größeren Stadt. „Dennoch sind die Orte für mich und meine Freunde gut erkennbar.“
Das Schreiben als alleinerziehender Vater
Am liebsten würde er nachts schreiben. Aber mit einem vierjährigem Sohn gehe das nicht, erklärt der alleinerziehende Vater. Nachdem er seinen Sohn ins Bett gebracht habe, müsse erst einmal ein, zwei Stunden ausspannen und wenn er danach mit dem Schreiben begönne, wäre er am nächsten Tag zu müde.
Deshalb schreibt er seinen dritten Roman vor allem tagsüber. Er ist strukturell an ein Märchen (vor allem aus dem slavischen und deutschen Sprachraum) angelehnt, wird umfangreicher als „Submarino“ sein und soll in Dänemark gegen Jahresende erscheinen.
Viel Zeit verwende er wieder auf die Struktur. Die Geschichte als eine Abfolge von Plottwists, Wendepunkten, Set-ups und Pay-offs, interessiert ihn weniger. Das wirke auf ihn beim Lesen von Romanen oft zu mechanisch und zu sophisticated. Er versuche dagegen möglichst natürlich zu erzählen.
Für Bengtsson ist ein Kind der beste reality check den es gibt. Im Moment liebt sein Sohn Superhelden und Bengtsson bekennt freimütig: „Ich könnte wahrscheinlich mehr über Superhelden als über meine Bücher reden.“
Und wir unterhalten uns dann einige Minuten über Superman, Spiderman und Batman, der Bengtsson immer besser als die braveren Superhelden gefallen hat. Entsprechend gut gefällt ihm auch Frank Millers Reinterpretation von Batman und – Bengtsson ist ein großer Robert-Downey-jr.-Fan – Iron-Man.
„‚Der Pate“ und „25 Stunden‘ waren gute Romanverfilmungen“, sagt Bengtsson. David Benioffs gleichnamiger Roman habe ihm auch gefallen. Dessen zweiter Roman „Stadt der Diebe“ erinnerte ihn dann zu sehr an eine Vorlage für ein Hollywood-Drehbuch. Er ist ein Freund von kürzeren Romanen, gerne unter zweihundert Seiten, und der Kurzgeschichten von Heinrich Böll.
Die Verfilmung von „Submarino“
„Thomas Vinterberg war an den Charakteren und den Themen von ‚Submarino‘ interessiert. Ich hatte das starke Gefühl, dass er wirklich an dem Buch interessiert war“, sagt Bengtsson. Vinterberg ist bei uns als Mitbegründer der „Dogma“-Bewegung bekannt. Zusammen mit anderen Filmemachern, wie Lars von Trier, stellten sie Mitte der Neunziger ein Reinheitsgebot für Filme auf, gegen das sie dann mehr oder weniger bewusst verstießen. Vinterberg drehte den auch kommerziell erfolgreichen „Dogma“-Film „Das Fest“, „It’s all about Love“ und „Dear Wendy“.
Bengtssons erster positiver Eindruck bestätigte sich. Er war für den Autor einer Vorlage ungewöhnlich stark in die Produktion involviert. Er zeigte Vinterberg die Schauplätze von seinem Roman. Er las mehrere Drehbuchfassungen und er war auch öfters bei den Dreharbeiten.
„Wenn die Dreharbeiten nicht im Januar gewesen wären, wäre ich wahrscheinlich jeden Tag am Set gewesen“, bekennt er freimütig und auch der so entstandene Film gefällt ihm sehr gut.
Die Premiere von „Submarino“ war wenige Stunden vor unserem Gespräch auf der Berlinale im Wettbewerb läuft. „Die Leute waren während der Vorstellung ganz still.“ Danach wurde gefeiert.
Die ersten Kritiken für das düstere Drama fallen positiv aus. „Submarino“ wird frühestens im Herbst in den deutschen Kinos laufen. Ein Starttermin steht noch nicht fest.
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Jonas T. Bengtsson: Submarino
(übersetzt von Günther Frauenlob)
Tropen Verlag, 2009
384 Seiten
19,90 Euro
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Originalausgabe
Submarino
People’s Press, Kopenhagen 2007
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Verfilmung
Submarino (Dänemark 2010)
Regie: Thomas Vinterberg
Drehbuch: Tobias Lindholm, Thomas Vinterberg
mit Jakob Cedergren, Peter Plaugborg, Patricia Schumann, Marten Rose, Gustav Fischer Kjærulff
Artie Wu und Quincy Durant sind zurück. Inzwischen betreiben sie eine Detektei; oder in den Worten von Artie Wu: „Die Wudu, Ltd., ist eine straff geführte Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die für andere das tut, was sie selbst für sich nicht tun können.“
Jetzt sollen sie für 750.000 Dollar zwei verschwundene Hypnotiseure finden, die die Unschuld der Hollywood-Diva Ione Gamble beweisen können. Sie ist angeklagt, ihren milliardenschweren Ex am Neujahrsmorgen in seiner mondänen Malibu-Strandhütte erschossen zu haben. Wu und Durant nehmen den Auftrag an.
Und schon sind wir in einem weiteren labyrinthischen, mit schwarzem Humor gespickten Ross-Thomas-Plot. Dass Ross Thomas (19. Februar 1926 – 18. Dezember 1995) in seinem vorletzten Roman wieder das bereits aus „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978) und „Am Rand der Welt“ (Out on the Rim, 1986) bekannte Team Wu/Durant ins Rennen schickt, erhöht das Gefühl, sich in einem vertrauten Kosmos zu befinden.
Dabei ist „Voodoo, Ltd.“ an der Oberfläche schon fast ein traditioneller Whodunit. Immerhin beweisen Artie Wu und Quincy Durant die Unschuld der Schauspielerin und überführen den Täter, der für seine Tat ein wirklich überzeugendes Motiv hat. Davor stellen sie, zusammen mit ihren aus den vorherigen Wu/Durant-Romanen bekannten Freunden, Los Angeles auf den Kopf.
Eine höchst vergnügliche Reise in die frühen neunziger Jahre.
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Ross Thomas: Voodoo, Ltd.
(übersetzt von Walter Ahlers, überarbeitete Übersetzung)
Der Titel „Die Lebenslüge der Juristen – Warum Recht nicht gerecht ist“ ist purer Etikettenschwindel. Denn der frühere Spiegel-Reporter Rolf Lamprecht enttarnt keine Lebenslüge der Juristen. Auch dem borniertesten Juristen muss aufgefallen sein, dass es zu einem Rechtsfall die Position der Anklage und der Verteidigung und sich widersprechende Urteile gibt und das Bonmot „Zwei Juristen, drei Meinungen“ ist schon lange nicht mehr witzig. Dass Lamprecht dennoch auf den ersten Seiten sagt, die Lebenslüge der Juristen sei, an ein Recht zu glauben, das nur eine Auslegung erlaube, kann nur mit dem Wunsch nach einer knalligen Eröffnung erklärt werden.
Danach, und das macht „Die Lebenslüge der Juristen“ durchaus lesenswert, zeichnet Lamprecht skizzenhaft die Geschichte der Bundesrepublik im Lichte von ausgewählten höchstrichterlichen Entscheidungen nach. Lamprecht berichtete von 1968 bis 1998 für den „Spiegel“ aus Karlsruhe. Entsprechend oft bespricht er in seinem Buch Urteile, mit denen er es damals zu tun hatte. Einige Urteile schrieben Rechtsgeschichte. Dazu gehören der Schutz der Wohnung, die Verwendung von persönlichen Aufzeichnungen in Verhandlungen und das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Einige Fragen, wie das Recht auf den selbstbestimmten Tod, sind seit Jahrzehnten aktuell und wurden, als der Bundestag in den vergangenen Jahren über die Patientenverfügung debattierte, wieder in der Öffentlichkeit diskutiert. Auch über das Folterverbot wurde nach 9/11 wieder diskutiert und es fanden sich etliche Fürsprecher für eine Aufweichung des Folterverbots. Lamprecht zeichnet in diesen Kapiteln die Argumentationen der verschiedenen Seiten anhand konkreter Fälle nach und steht dabei prinzipiell auf der Seite des Bürgers. Er meint, in der rechtsliberalen Tradition stehend, dass die Eingriffe des Staates möglichst gering sein sollten.
In den späteren Kapiteln wird Lamprechts Argumentation allerdings fahriger, weil er beginnt, in einem Kapitel mehrere Fälle, die nur wenig miteinander zu tun haben, miteinander zu verknüpfen.
Wer sich also etwas ausführlich mit einigen moralischen Fragen und wie diese von deutschen Juristen behandelt wurden, beschäftigen will, findet in „Die Lebenslüge der Juristen“ eine durchaus inspirierende Lektüre.
Wer das Buch allerdings wegen des Titels kauft, wird nicht viel Freude an Lamprechts Werk haben.
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Rolf Lamprecht: Die Lebenslüge der Juristen – Warum Recht nicht gerecht ist
Als Jochen Schmidts umfassend überarbeitetes „Gangster, Opfer, Detektive – Eine Typengeschichte des Kriminalromans“ erschien, formulierte ich ad hoc eine dicke Kaufempfehlung. Denn obwohl ich bereits damals einiges bemängelte, dachte ich, dass das über 1000-seitige Werk ein Standardwerk werden könnte.
„Verdammnis“, die Verfilmung des zweiten Romans von Stieg Larsson, ist mit 129 Minuten etwas kürzer als „Verblendung“. Der Regisseur ist neu, ebenso der Drehbuchautor. Aber die Hauptdarsteller blieben gleich: Michael Nyqvist spielt wieder den an das Gute glaubenden Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, Noomi Rapace die Hackerin Lisbeth Salander mit ihrer problematischen Vergangenheit, ihrem gestörten Verhältnis zur Umwelt und ihrem eigenen Moralkodex und Lena Endre die „Millenium“-Herausgeberin Erika Berger. Sie hat im Film eine Szene, die ganz nebenbei zeigt, was wir in Hollywood-Filmen schon lange nicht mehr sehen: zuerst hat sie beim Sex keinen BH an und anschließend geht sie nackt durch das Zimmer.
Die Actionszenen unterscheiden sich dagegen kaum von dem gewohnten Hollywood-Standard. Es gibt eine ausufernde Schlägerei in einer einsamen Hütte, Folterungen, blutige Ermordungen, einen schmerzunempfindlichen, blonden, deutschstämmigen, über zwei Meter großen Killer (der einen russischen Vater hat [Puh, sogar Hollywood hat schon lange nicht mehr so tief in die Klischeekiste gegriffen]) und eine eindeutige „Kill Bill“-Referenz. Das alles stand auch schon in der 750-seitigen Vorlage.
Die Geschichte ist, gerade weil Drehbuchautor Jonas Frykberg dem Roman sehr genau folgt, eine mit einer Anklage gegen „Männer, die Frauen hassen“ aufgebretzelter, ins epische gehender Thriller mit Polit-Touch.
Die Zeitschrift „Millenium“ plant eine große Geschichte über Mädchenhandel. Die Freier sind dabei auch renommierte Persönlichkeiten. Als der Jungjournalist Dag Svensson, seine Freundin Mia Bergmann (die über das Thema promoviert) und der Rechtsanwalt Nils Bjurman erschossen werden, vermutet der Journalist Mikael Blomkvist, dass das Motiv für die Morde die geplante Reportage ist. Die Polizei findet auf der Tatwaffe die Fingerabdrücke von Lisbeth Salander und mit ihrer Vorgeschichte ist sie die perfekte Täterin.
Dennoch glaubt Blomkvist an Salanders Unschuld.
Auf getrennten Pfaden suchen Blomkvist und Salander den Mörder, erfahren einiges über schmutzige Geheimdienstgeschäfte während des Kalten Krieges und warum Lisbeth Salander als Kind einen Mann auf offener Straße mit Benzin übergoss und anzündete.
Der Film konzentriert sich auf den Thrillerplot. Larssons Roman ist dagegen, wie „Verblendung“, furchtbar unökonomisch erzählt. Die ersten 250 Seiten sind Vorgeplänkel. Nett zu lesen, aber bis auf wenige Seiten, vollkommen unwichtig für die Geschichte.
Erst auf Seite 257 werden die Leichen von Dag Svenson und Mia Bergmann entdeckt. Fünfzig Seiten später die von Nils Bjurman und dann beginnt die Polizei Lisbeth Salander zu jagen, weil auf der Tatwaffe ihre Fingerabdrücke sind. Die Gejagte nimmt sich währenddessen eine zweihundertseitige Auszeit und taucht bis auf Seite 459 ab. Diese Seiten füllt Larsson, indem er die Ermittlungen der Polizei und deren internen Streitereien schildert. Das lässt sich zwar schnell weglesen, bringt aber den Hauptplot keinen Millimeter voran.
Jonas Frykberg strich für sein Drehbuch viel von diesem Ballast weg. Er strich das erste Drittel des Romans auf wenige Filmminuten zusammen. Er strich die Ermittlungen der Polizei auf wenige Szenen zusammen. Er übernahm aber fast jede Szene aus dem letzten Drittel des Romans. Außerdem arbeitete er an einigen Punkten die Motive der Charaktere klarer heraus und entfaltet die Verschwörung vor unseren Augen. Dafür schrieb er Szenen, die Larsson in seinem Roman wahrscheinlich weg ließ, um die Spannung zu steigern. So wird in dem Roman erst gegen Ende (und ziemlich lieblos) enthüllt, wer der Mörder ist. Im Film werden die Morde gezeigt. In dem Roman wird immer wieder von „all dem Bösen“, das zu Salanders Entmündigung führte, gesprochen. In dem Film wird daraus kein Geheimnis gemacht.
So wird allerdings auch die windige Konstruktion der Geschichte schmerzhaft offensichtlich. Das beginnt mit dem Doppelmord an dem Journalisten und seiner Freundin. Denn gerade der Doppelmord war das Blödeste, was die Verbrecher tun konnten und ihre Blödigkeit toppen sie dann noch, indem sie die Leichen in ihrer Wohnung liegen lassen. Es gibt wahrscheinlich keine bessere Methode, um die maximale Aufmerksamkeit von der Polizei und den Medien für die eigenen illegalen Geschäfte zu erhalten. Zum Glück kommt ihnen der Zufall zu Hilfe. Auf der Tatwaffe sind die Fingerabdrücke einer 1-A-Tatverdächtigen. Dummerweise ist diese Tatverdächtige mit dem Chefredakteur der Zeitung, in der die Reportage erscheinen sollte, freundschaftlich verbunden. Diese fantastische Anhäufung von Dummheit und Zufällen kulminiert am Ende auf einem einsam gelegenen Bauernhof, wenn die familiären Bande zwischen Lisbeth Salander und den Bösewichtern aufgedeckt werden.
Dennoch ist „Verdammnis“ kein schlechter Film. Als Bestsellerverfilmung muss er, um die Fans nicht zu enttäuschen, der Vorlage möglichst genau folgen. Das gelingt Autor Frykberg und Regisseur Alfredson und, dank der Konzentration auf den Thrillerplot, ist der „Film zum Roman“ sogar gelungener als die türstopperdicke Vorlage.
Verdammnis (Flickan som lekte med elden, Schweden 2009)
Regie: Daniel Alfredson
Drehbuch: Jonas Frykberg
mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Peter Andersson, Michalis Koutsogiannakis, Annika Hallin, Yasmine Garbi, Per Oscarsson, Georgi Staykov, Paolo Roberto (als er selbst)