Wer bei den Münchner „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Folgen auch auf den Autorennamen achtet, wird öfters den Namen Peter Probst gelesen haben. „Im Herzen Eiszeit“, „Gefallene Engel“, „Wenn Frauen Austern essen“, „Der Traum von der Au“ und „Der Fluch der guten Tat“ gehören zu seinen Werken.
Jetzt legte er mit „Blinde Flecken“ seinen ersten Kriminalroman für Erwachsene vor. Es ist auch der erste Fall für den Privatdetektiv Anton Schwarz: einem einundünfzigjährigem Ex-Polizisten, der immer noch an seiner Ex-Frau hängt, regelmäßig seine Mutter besucht, sich in München meistens mit dem Fahrrad und der U-Bahn fortbewegt, dessen provisorische Wohnung auch nach drei Jahren ein einziges Junggesellen-Chaos ist und der einfach ein sehr sympathisch-gewöhnlicher Mann ohne auffällige Marotten, Interessen und schädliches Suchtverhalten ist. Zynisch gesagt ist sein Nachname schon das Farbigste bei ihm – und das ist gut so.
Dass er in seinem ersten Fall dann gleich im Braunen Sumpf ermitteln muss und zwischen die Fronten von Juden, Ausländern und Nazis gerät, weckt dann – vor allem weil im Klappentext betont wird, dass Probst sich im Verein „Lichterkette“ engagiert und an „Schuhhaus Pallas – Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte“ von seiner Frau Amelie Fried mitarbeitete – die schlimmsten Befürchtungen auf eine mit einem Krimimäntelchen umhängte, unverdauliche Mischung aus Sozialkritik, Betroffenheitsliteratur und gut gemeinter Anklage gegen Staat und Gesellschaft, wie wir sie aus den sonntäglichen „Tatorten“ kennen.
Aber Probst schrieb für die Münchner Sonntagskrimis und die verpacken die Gesellschaftskritik in packende Krimis. Die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel.
So hält sich auch „Blinde Flecken“ nicht allzu lange mit dem tiefsinnigen Erforschen der deutschen Seele und Informationen über das Judentum und die rechtsradikale Szene auf. Stattdessen muss Anton Schwarz, als er Herausfinden will, ob der inhaftierte Tim Burger immer noch eine Gefahr für die Gesellschaft ist, sich plötzlich mit neuen Straftaten auseinandersetzen. Aber trotz aller Haken, die die Handlung auf knapp 250 Seiten schlägt, ist das Ende schon sehr früh offensichtlich und viele Fragen werden nicht beantwortet.
Wer darüber hinwegsieht, kann den ersten Fall von Anton Schwarz als flott zu lesenden Pulp genießen.
Eine Anmerkung zur Rechtschreibung: Es machte mich wahnsinnig, dass ständig „Klesmer“ statt Klezmer und „Breakedance“ statt Breakdance geschrieben wurde.
„Lassen Sie es mich so sagen…“ ist ein typisches Klobuch. Nicht weil es so schlecht ist, sondern weil die Texte so kurz sind, dass ein einzelner Text bequem während einer Sitzung gelesen werden kann und man danach eine geistige und eine körperliche Erleichterung verspürt.
Denn Georg Schramms schwarzhumorig-respektlosen Solonummern, die es jetzt auch im handlichen Taschenbuchformat gibt, sind als Satiren so nah an der Wirklichkeit, dass Unvorbereitete sie kaum von der Realität unterscheiden können.
Heute, nachdem er dank dem „Scheibenwischer“ und „Neues aus der Anstalt“, deutschlandweit allgemein bekannt ist, spricht er bei seinen Auftritten vor einem Publikum, das weiß, was auf es zukommt und sich, mehr oder weniger, in seiner Meinung bestätigt fühlt. Es ist auch ein Publikum, das die Satire sofort als Satire erkennt.
In seinen Anfängen muss Schramms Methode vollständig und ohne ironisches Augenzwinkern aus der Sicht eines bestimmten Charakters, wie Oberstleutnant Sanftleben oder der Rentner Lothar Dombrowski, Tacheles zu sprechen mehr als einmal das Publikum verstört haben. So erzählt er in „Lassen Sie es mich so sagen…“ von einem Auftritt als katholischer Hassprediger bei einem Ostermarsch oder von der Eröffnung einer Wohltätigkeitsgala, bei der er den versammelten Konstanzer Honoratioren die Leviten las.
„Es gelang, die selbstzufriedene Feststimmung der Gala so nachhaltig zu stören, dass sich die Gäste dem von mir eröffneten Buffet verweigerten. (…) Für mich ein gelungener Abend“, schreibt Schramm über seine, auch in dem Sammelband dokumentierten Anfänge als Kabarettist in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die meisten Texte sind neuer und meistens für die TV-Satiresendungen „Scheibenwischer“ und „Neues aus der Anstalt“ entstanden. Außerdem gibt es einige Nummern aus seinen verschiedenen Soloprogrammen, vor allem aus „Thomas Bernhard hätte geschossen“. Ergänzt werden die Satiren oft durch einleitende Worte. So wird aus einer Sammlung von Satiren (was für eine Kaufempfehlung schon ausreichen würde) auch eine kleine Biographie des Künstlers Georg Schramm und eine ätzende Chronik Deutschlands zwischen Friedensbewegung und Großer Koalition.
Georg Schramm: Lassen Sie es mich so sagen… – Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit
Homepage von „Neues aus der Anstalt (In der nächsten Sendung, am Dienstag, den 16. März, um 22.15 Uhr im ZDF begrüßen Urban Priol und Georg Schramm Arnulf Rating, Jochen Malmsheimer und Olaf Schubert.)
Deutschland im Jahr 2019: wir haben eine Kanzlerin (schon wieder); einen überwachungsgeilen Innenminister (er schleppt immer noch ein 9/11-Trauma mit sich herum); eine supergeheime, dem Innenminister unterstellte Spezialeinheit; mittels Videokameras eine Totalüberwachung der Bürger und linke Systemgegner, die mit täglichen Demonstrationen und dem Zerstören von Kameras die Polizei auf Trab halten.
Vor diesem dystopischen Hintergrund spielt sich Markus Stromiedels zweiter Roman „Feuertaufe“ ab. Er schließt unmittelbar an „Zwillingsspiel“ an, kann aber vollkommen unabhängig von seinem Debüt gelesen werden. Sogar wer „Zwillingsspiel“ kennt, wird die wenigen Hinweise in „Feuertaufe“ auf „Zwillingsspiel“ mit der Lupe suchen müssen.
In „Feuertaufe“ sterben in Kreuzberg bei einer Brandstiftung in einem mehrstöckigem Mietshaus zwölf Menschen. Nur ein neunjähriger Junge überlebt.
Jetzt soll Kommissar Paul Selig den Täter finden. Jedenfalls ist das die offizielle Version. Denn eigentlich soll Selig nur den Grüßaugust für die Presse spielen und die Soko-Kollegen in Ruhe ihre Arbeit machen lassen. Selig mischt sich trotzdem in die Ermittlungen ein.
Gleichzeitig will er herausfinden, wer seinem siebzehnjährigem Sohn Tobias eine Pistole, die vor einem Jahr in Schottland bei einem Banküberfall benutzt wurde, in die Jackentasche steckte.
Und, als ob all das noch nicht genug wäre, will Selig einen Mann mit einer Tätowierung in der Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger finden. Der Mann war auch, wie Selig herausfindet, bei dem Brandanschlag dabei und die Täter scheinen verdammt gute Verbindungen zur Polizei und der Regierung zu haben.
Das klingt jetzt nach einem Politthriller ganz nach meinem Geschmack. Auch dass Stromiedel seine negative Zukunftsutopie eher langsam enthüllt dürfte mir gefallen. Immerhin ist für seine Charaktere die Überwachung Alltag. Auch die kleinen Schlenker zu Berliner Lieblingsprojekten, wie der fertiggestellten U 55 (sehr unwahrscheinlich) und der Tempelhof-Nachnutzung als Endlager für Berliner Behörden (nicht unwahrscheinlich), gefallen.
Aber (genau auf dieses „aber“ habt ihr gewartet) die Dystopie wirkt angesichts der schon heute existierenden technischen Möglichkeiten hoffnungslos veraltet. Stromiedels Überwachungsszenario ist vor allem eine gigantische Videoüberwachung, auf die die Polizei in Echtzeit zugreifen und per Gesichtserkennung Personen verfolgen kann. Das liest sich wie ein Mix aus „1984“, „Minority Report“ und „Staatsfeind Nr. 1“.
Das ist natürlich eine erschreckende Zukunft, aber die schon heute existierenden Überwachungsmöglichkeiten leisten auch ohne eine Echtzeit-Verknüpfung aller Videokameras ähnliches. Bis vor wenigen Tagen wurden alle Verbindungsdaten im Rahmen der Vorratsdatenspeicherung sechs Monate gespeichert. Schon damit war, wenn die Person ein Handy mitgenommen hatte, ein lückenloses Bewegungsprofil möglich. Die Polizei kann Bankdaten abfragen. Es besteht, ohne das Wissen des Besitzers, die Möglichkeit einer Online-Durchsuchung von Computern.
Angesichts dieser schon heute bestehenden technischen Möglichkeiten einer Überwachung und bestehender Kompetenzen der Polizei und der Geheimdienste verharmlost Stromiedels in knapp zehn Jahren spielende Utopie mögliche Entwicklungen hin zu einem freundlichen Überwachungsstaat.
Auch die Manipulationen von Daten und das Einloggen in Computer geht in „Feuertaufe“ zu einfach. Bei Stromiedel genügt ein einfaches Passwort. Möglich und heute schon möglich wären Fingerabdrücke und Irisscans. Möglich wären auch interne Plausibilitätsüberprüfungen (zum Beispiel ob die Person die sich anmeldet auch im Gebäude ist) und Analysen des Tippverhaltens. Daran wird gearbeitet. Ebenso wird daran gearbeitet, anhand bestimmter Wort- und Satzkonstruktionen auch unter verschiedenen Namen schreibende Autoren zu identifizieren.
Der Plot selbst ist für einen eingefleischten Politthriller-Fan extrem vorhersehbar. Auch wer der Bösewicht ist. Nur das Motiv bleibt bis zum Schluss im Dunkeln und, nachdem es enthüllt wird, stellt sich die Frage, warum die Bösewichte um ihr Ziel zu erreichen ein ganzes Haus in Brand stecken mussten. Es gibt auch einige weitere unbeantwortete Fragen, damit zusammenhängende Plotlöcher und nicht konsequent durcherzählte Handlungsstränge, die den Eindruck erwecken, Stromiedel habe große Teile der Geschichte beim Schreiben entwickelt; – weshalb immer wieder, wenn es beginnt langweilig zu werden, der sprichwörtliche Mann mit der Pistole den Raum betritt. Das sorgt dann für die nötige Action und hält Kommissar Selig so sehr in Bewegung, dass seine seltsamen Ermittlungsmethoden kaum auffallen. Denn Selig kümmert sich keine Sekunde um die üblichen Verdächtigen und Motive, sondern sucht von Anfang an nur den tätowierten Mann und stößt ziemlich schnell auf Widerstände im Polizeiapparat.
Markus Stromiedel: Feuertaufe
Knaur, 2010
496 Seiten
8,95 Euro
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Lesung
Markus Stromiedel stellt „Feuertaufe“ am Dienstag, den 9. März, um 20.00 Uhr im Kriminaltheater Berlin (Palisadenstraße 48) vor. Guntbert Warns liest, Marion Brasch moderiert den Abend und wer wirklich einen Sitzplatz bekommen will, sollte sich vorher anmelden.
Für „Nazi Paradise“ braucht man nicht mehr Zeit, als für einen sonntäglichen „Tatort“. Aber während nicht nur ich mich inzwischen über die meisten „Tatorte“ ärgere, ist „Nazi Paradise“ verdammt witzig.
Jedenfalls für die Freunde des schwarzen Humors.
In seinem Deutschlanddebüt (in seiner italienischen Heimat hat er bereits mehrere Bücher veröffentlicht) lässt Angelo Petralla einen namenlosen Naziskin, der die Geschichte auch hübsch rotzig erzählt, mächtig in die Scheiße latschen. Denn wenn der Erzähler nicht gerade mit einigen Freunden das Fußballstadion besucht und sich auch dort mit Hooligans, Negern und Wichsern, die ihm gerade in die Faust laufen, schlägt oder sich besäuft, crackt er sich in fremde Computer und räumt Bankkonten leer. Selbstverständlich hält er sich für ein Genie und alle Anderen für Trottel.
Als er trotzdem mal wieder von der Polizei erwischt wird (soviel zu seiner Genialität) und er sich fragt, wegen welchem seiner Verbrechen ihn die Polizei dieses Mal einbuchten will, machen ihm zwei korrupte Polizisten ein Angebot, das er nicht ablehnen kann: entweder crackt er für sie während einer Promi-Party einen Computer oder er wandert für lange Zeit ins Gefängnis. Er nimmt das Angebot, in der vollkommen irrwitzigen Annahme, die Polizisten reinlegen zu können, an.
Und dann geht’s, immerhin sind wir noch auf den ersten Seiten von „Nazi Paradise“, in bester B-Movie- und Pulp-Manier, gewürzt mit einer kräftigen Portion Néo-Polar, los. Er chattet am Computer mit einer ihm unbekannten Femme Fatale, sein Kontaktmann bei der Party sieht verdammt gut aus, das Ziel ist der Heilige Gral für Cracker und, viel zu spät, begreift der Erzähler, dass er nicht so schlau ist, wie er dachte.
Das ungewöhnlichste an Banerjhee Rolf ist sein Name. Denn seine Eltern kamen 1945 aus Indien in die USA. Der Rest strahlt die stockbiedere Normalität eines Mannes aus dem Mittelschicht aus. Er ist verheiratet, hat ein Haus (belastet mit einer Hypothek), der Sohn studiert in Chicago und er selbst wässert als Frührentner unter der kalifornischen Sonne seine Blumen.
Früher war er als Leiter der Qualitätskontrolle in einer Biotech-Firma ein wichtiger Mann, aber da wollte er vor allem als Wissenschaftler arbeiten und bei einer Umstrukturierung wurde seine Abteilung aufgelöst. Jetzt quält er sich mit seinen Schulden herum und züchtet Blumen. Zur Entspannung unterhält er sich über den Gartenzaun immer wieder mit seinem Nachbar Toby Pride, der anscheinend von seiner Ostküstenverwandschaft das Angebot bekommen hat, dass er sich nicht um Geld kümmern müsse, solange er an der Westküste bleibe. Rolf glaubt auch, dass Pride mit Drogen handelt. Aber das geht ihn nichts an, bis er sich zuerst von Pride breitschlagen lässt, ein Los zu kaufen und, als seine Frau für zwei Wochen zu ihrem Sohn fährt, er die Freundin von Pride vor ihrem wütendem Freund schützt. Schnell ist Prides Wut verraucht und sie machen es sich zu dritt in Prides Wohnung mit Drogen vor dem Fernseher gemütlich. Pride zeigt ihm begeistert die Sendungen eines Piratensenders.
Plötzlich stürmen zwei Männer hinein und beginnen auf sie zu schießen. Bei dem Schusswechsel sterben sie. Pride und seine Freundin werden tödlich verletzt und Rolf hat seinen ersten Mord begangen. Als ehrlicher Bürger will er natürlich sofort die Polizei anrufen, aber Pride hält ihn ab. Denn die Eindringlinge waren Polizisten und das ist noch nicht das schlimmste Geheimnis, das Pride ihm verrät. Rolf muss untertauchen.
„Dunkler Gefährte“ ist bereits Jim Nisbets neunter Roman, sein zweites auf Deutsch erschienenes Werk und es wurde für den Hammett-Award, dem jährlichen Preis der nordamerikanischen Abteilung der International Association of Crime Writers, nominiert.
Es ist ein kleiner, feiner Noir über die Macht des Zufalls und wie ein, zwei kleine Ereignisse und eine Verkettung unglücklicher Umstände ein geregelt-langweiliges Leben vollkommen aus den geordneten Bahnen werfen können. Denn Banerjhee Rolf ist der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort.
Gleichzeitig porträtiert Jim Nisbet, wie in seinen früheren Romanen, nüchtern und ohne den polemischen Furor eines Michael Moore den US-amerikanischen Kapitalismus. In „Dunkler Gefährte“ rückt, vor allem in der ersten Hälfte, wenn Nisbet lakonisch von Rolfs Entlassung und seiner Suche nach einem neuen Job erzählt, der Umgang mit der Generation 50+ in den Vordergrund. Denn das Wissen von Rolf wird nicht gebraucht.
Vor zwanzig Jahren erschien in der ebenfalls von Frank Nowatzki herausgegebenen Black-Lizard-Reihe Nisbets zweiter Roman „Tödliche Injektion“ (Lethal Injection, 1987). In dieser Geschichte glaubt der alkoholabhängiger Gefängnisarzt Franklin Royce, dass der Afroamerikaner Bobby Mencken, dem er eben die Todesspritze verpasst hat, unschuldig war. Er will herausfinden, für wen Mencken in den Tod ging, und er besucht in den Slums von Dallas Menckens frühere Freunde.
Mit „Tödliche Injektion“ begibt Jim Nisbet sich sehr gelungen in einen alptraumhaften und hoffnungslosen Kosmos, der anscheinend von Cornell Woolrich ausgeborgt wurde. Woody Haut hält „Tödliche Injektion“ in seinem Buch „Neon Noir“ für „one of the best novels Jim Thompson never wrote“.
Für die anderen Nisbet-Romane sind dann Englischkenntnisse unerlässlich.
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Jim Nisbet: Dunkler Gefährte
(übersetzt von Frank Nowatzki und Angelika Müller)
Zack Andersen hasst sein Leben als Bürogehilfe im Rathaus in irgendeinem sich in der amerikanischen Provinz befindendem Kaff. Der Höhepunkt seines Lebens ist ein Quickie mit Amanda von der Buchhaltung während der Weihnachtsfeier. Allerdings ist er als Weihnachtsmann verkleidet und sie hält ihn für jemand anderes.
Zack ist auch jemand anderes. Bevor er ins Zeugenschutzprogramm gesteckt wurde, war er Zack Overkill und er machte seinem Namen alle Ehre. Zusammen mit seinem Bruder hinterließen sie mit ihren Verbrechen und den Kollateralschäden eine Spur der Verwüstung. Jetzt ist Zack mit Drogen ruhiggestellt und er lebt ein Leben, das er früher verachtete.
Als Zack die Pillen absetzt, erwachen seine früheren Kräfte wieder und er setzt sie auf seinen nächtlichen Streifzügen ein. Aber nicht, um Verbrechen zu begehen, sondern um Verbrecher zu bestrafen. Zack wundert sich zwar etwas, dass er jetzt die Arbeit der Polizei übernimmt, aber das verkloppen von Räubern gefällt ihm.
Schnell erfahren seine früheren Freunde von seinen nächtlichen Streifzügen und sie schicken einige Männer los, die den Verräter finden und bestrafen sollen.
Zack Andersen/Overkill ist die neueste Schöpfung des genialen Autors Ed Brubakers und seines ihn kongenial ergänzenden Zeichner Sean Phillips. In ihrer ersten Zusammenarbeit „Sleeper“ ließen sie einen guten Menschen Böses tun, indem sie ihn als Undercover-Agent in ein weltumspannendes Gangsterimperium einschleusten und mit der Zeit gefiel Holden Carver das Leben als Verbrecher immer besser.
„Incognito“ liest sich in weiten Teilen wie die Umkehrung von „Sleeper“. Wieder wird ein Mann gezwungen ein Leben zu führen, das er nicht führen will. Wieder spielt sich dieser Kampf des Helden um seine Unabhängigkeit vor dem Kampf verschiedener Verbrecher- und Regierungsorganisationen ab, die in ihrem Handeln über dem Gesetz stehen. Und wieder hat der Held und einige weitere wichtige Charaktere Superkräfte. Oh, und wieder ist die Geschichte als eine sich abgeschlossene Reihe von Comicheften entworfen.
Aber es gibt in „Incognito“ auch den Blick des kleinen Mannes, der in anderen Superhelden-Comics (wozu auch „Sleeper“ gehört) höchstens als Staffage manchmal das Bild füllt. Es gibt Szenen aus dem Berufsleben, dem Strafvollzug und Gespräche mit Arbeitskollegen über Verschwörungstheorien, die für Zack keine Theorien, sondern Teil seines alten Lebens sind.
In „Incognito“ erzählt Ed Brubaker wieder von einem Mann, der sein Leben leben will. Eine feine Lektüre.
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Ed Brubaker/Sean Phillips: Incognito 1 – Stunde der Wahrheit
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini Comics 2009
164 Seiten
19,95 Euro
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Originalausgabe/enthält
Incognito, Heft 1 – 6
Icon Comics/Marvel Comics, Dezember 2008 – September 2009
Es hat einige Tage gedauert, aber weil ich zu den altmodischen Menschen gehöre, die ihre Jahrescharts nicht als Verkaufsempfehlung für das Weihnachtsgeschäft im Oktober/November erstellen, sondern erst nach dem Weihnachtstrubel und Alfred mal wieder einen verdammt guten Job bei der Suche nach den richtigen Bildern gemacht hat, sind meine „Tops und Flops 2009“ erst jetzt in der Spurensuche.
Dafür kann ich jetzt sagen, dass ich einige potentielle Preisträger dabei habe.
Die Liste taugt natürlich auch als Einkaufsliste für Ostern.
Noch bevor ich meine erste Frage stellen kann, erzählt Jonas T. Bengtsson mir in der Lobby des Grand Hotel Esplanade von der vor wenigen Stunden erfolgten Premiere von „Submarino“ auf der Berlinale im Wettbewerb.
Der Roman „Submarino“
In dem Noir „Submarino“ erzählt Bengtsson von zwei jungen Männern, die nach ihrer Adoption zu Brüdern erklärt wurden. Ihre Jugend verbrachten sie in Pflegeheimen und -familien. Jetzt ist der eine ein Junkie, der versucht seinem Sohn ein normales Leben zu geben. Dafür wird er zum Drogenhändler. Der andere verbringt seine Zeit, nach einer Haftstrafe, in einem Fitness-Studio, übernimmt Prügeljobs und begeht kleinere Verbrechen. Eines Tages fällt ihm ein Obdachloser auf, den er von früher als den Bruder seiner großen Liebe kennt. Er will ihm helfen.
Als Bengtsson mit dem Schreiben von „Submarino“ begann, wusste er nicht, wie die Geschichte endet. Er begann mit einigen Charakteren und Themen.
Doch schon schnell entwarf er die Struktur des Romans und damit auch das Ende. In der ersten Hälfte „Ivan“ steht Nick und sein Versuch dem Obdachlosen Ivan zu helfen, im Mittelpunkt. In der zweiten, längeren Hälfte, „Martin“, erzählt er die Geschichte von Nicks Bruder und seinem Sohn Martin.
„Ich wollte zwei nur lose miteinander verknüpfte Geschichten erzählen. Sie sollten sich aber beeinflussen“, erklärt Bengtsson. „Sie sind verbunden durch das schlimme Ereignis in ihrer Kindheit und die Themen Vaterschaft und Liebe. Ich erzähle eine griechische Trägodie im heutigen Kopenhagen.“
Für beide Brüder ist die Vergangenheit sehr lebendig und sie unterbricht immer wieder den Fluss der Erzählung, ohne dass „Submarino“ zu einem sich aus bedeutungslosen Splittern zusammensetzendem Werk wird. In ihrem Leben gibt es zwischen der Gegenwart und den Traumata der Vergangenheit keinen Bruch. Das liegt weniger daran, dass für sie die Vergangenheit noch lebendig ist, sondern mehr daran, dass sie kein Ziel habe. Ihr Leben ist statisch.
Sie haben vielleicht, wie Nick, viele Bekannte, aber keine Freunde. Bengtsson erzählt von Menschen, denen wir täglich in der Großstadt auf der Straße oder in der U-Bahn begegnen, die aber nicht am normalen gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen: „Es sind Menschen, die am Rand unseres Bewusstseins leben.“
Insofern könne „Submarino“, so Bengtsson, auch in einer anderen nordeuropäischen Großstadt spielen. Aber in Marokko würde die Geschichte der beiden Brüder nicht funktionieren, weil sie dann mit vollkommen anderen Problemen zu kämpfen hätten. Dort müssten sie um ihr überleben kämpfen, aber in Kopenhagen (wo „Submarino“ spielt) gäbe es ein soziales Netz mit Übergangswohnheimen und Familienbetreuern. Die beiden Brüder haben ihr Leben als Verbrecher und Süchtige selbst gewählt. Aber sie versuchen, aus dem Leben auszubrechen. Denn, so Bengtsson: „Niemand ist eine Insel.“
Allerdings haben sie in ihrer hoffnungslos verkorksten Erziehung kein Instrumentarium zum Bewältigen von Problemen erlernt. Daher enden all ihre Bemühungen unglücklich.
Sie versuchen das Beste zu tun. Aber es führt sie, auf verschiedenen Wegen, ins Gefängnis. Dabei haben sie durchaus edle Motive. Der eine will einem Freund helfen, der als Penner auf der Straße lebt. Der andere will seinem Sohn ein besseres Leben ermöglichen. Dafür wird der Junkie zum Drogenhändler.
In „Submarino“ zeichnet Bengtsson einen Zirkel von Gewalt und Hoffnungslosigkeit, der durch den Titel und die Erklärung des Titels noch verstärkt wird. „Submarino“ (U-Boot) ist eine in Chile während der Pinochet-Diktatur angewandte Foltermethode, bei der der Kopf einer Person bis zur Erstickungsgrenze unter Wasser gedrückt wird. In den vergangenen Jahren erlangte das sehr ähnliche „Waterboarding“ wieder traurige Berühmtheit.
Weil die Geschichten der Brüder schlecht ausgehen, zeigt Bengtsson in „Submarino“ einen fast schon deterministischen, sich von Generation zu Generation fortpflanzenden Zyklus von Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Diese fatalistische Lesart gefällt Bengtsson nicht.
Denn, so Bengtsson: „Ich wollte nicht generalisieren. Der Roman ist keine Aussage über die Welt. Ich war an den beiden Brüdern und ihrem individuellem Kampf interessiert. Denn in ‚Submarino‘ gibt niemand auf.“
Sie sind am Anfang isoliert und versuchen wieder ein Teil der Gesellschaft zu werden. So will Nick das Richtige tun, aber das Ergebnis ist fatal und sogar die von ihm gewünschte Buße wird ihm vom Staat verwehrt.
„Ich wollte, dass es etwas anonym und zeitlos ist“ erklärt Bengtsson die auf den ersten Blick vorhandene Austauschbarkeit der Orte. Denn Straßen, Fitnessstudios und MacDonalds gibt es in jeder größeren Stadt. „Dennoch sind die Orte für mich und meine Freunde gut erkennbar.“
Das Schreiben als alleinerziehender Vater
Am liebsten würde er nachts schreiben. Aber mit einem vierjährigem Sohn gehe das nicht, erklärt der alleinerziehende Vater. Nachdem er seinen Sohn ins Bett gebracht habe, müsse erst einmal ein, zwei Stunden ausspannen und wenn er danach mit dem Schreiben begönne, wäre er am nächsten Tag zu müde.
Deshalb schreibt er seinen dritten Roman vor allem tagsüber. Er ist strukturell an ein Märchen (vor allem aus dem slavischen und deutschen Sprachraum) angelehnt, wird umfangreicher als „Submarino“ sein und soll in Dänemark gegen Jahresende erscheinen.
Viel Zeit verwende er wieder auf die Struktur. Die Geschichte als eine Abfolge von Plottwists, Wendepunkten, Set-ups und Pay-offs, interessiert ihn weniger. Das wirke auf ihn beim Lesen von Romanen oft zu mechanisch und zu sophisticated. Er versuche dagegen möglichst natürlich zu erzählen.
Für Bengtsson ist ein Kind der beste reality check den es gibt. Im Moment liebt sein Sohn Superhelden und Bengtsson bekennt freimütig: „Ich könnte wahrscheinlich mehr über Superhelden als über meine Bücher reden.“
Und wir unterhalten uns dann einige Minuten über Superman, Spiderman und Batman, der Bengtsson immer besser als die braveren Superhelden gefallen hat. Entsprechend gut gefällt ihm auch Frank Millers Reinterpretation von Batman und – Bengtsson ist ein großer Robert-Downey-jr.-Fan – Iron-Man.
„‚Der Pate“ und „25 Stunden‘ waren gute Romanverfilmungen“, sagt Bengtsson. David Benioffs gleichnamiger Roman habe ihm auch gefallen. Dessen zweiter Roman „Stadt der Diebe“ erinnerte ihn dann zu sehr an eine Vorlage für ein Hollywood-Drehbuch. Er ist ein Freund von kürzeren Romanen, gerne unter zweihundert Seiten, und der Kurzgeschichten von Heinrich Böll.
Die Verfilmung von „Submarino“
„Thomas Vinterberg war an den Charakteren und den Themen von ‚Submarino‘ interessiert. Ich hatte das starke Gefühl, dass er wirklich an dem Buch interessiert war“, sagt Bengtsson. Vinterberg ist bei uns als Mitbegründer der „Dogma“-Bewegung bekannt. Zusammen mit anderen Filmemachern, wie Lars von Trier, stellten sie Mitte der Neunziger ein Reinheitsgebot für Filme auf, gegen das sie dann mehr oder weniger bewusst verstießen. Vinterberg drehte den auch kommerziell erfolgreichen „Dogma“-Film „Das Fest“, „It’s all about Love“ und „Dear Wendy“.
Bengtssons erster positiver Eindruck bestätigte sich. Er war für den Autor einer Vorlage ungewöhnlich stark in die Produktion involviert. Er zeigte Vinterberg die Schauplätze von seinem Roman. Er las mehrere Drehbuchfassungen und er war auch öfters bei den Dreharbeiten.
„Wenn die Dreharbeiten nicht im Januar gewesen wären, wäre ich wahrscheinlich jeden Tag am Set gewesen“, bekennt er freimütig und auch der so entstandene Film gefällt ihm sehr gut.
Die Premiere von „Submarino“ war wenige Stunden vor unserem Gespräch auf der Berlinale im Wettbewerb läuft. „Die Leute waren während der Vorstellung ganz still.“ Danach wurde gefeiert.
Die ersten Kritiken für das düstere Drama fallen positiv aus. „Submarino“ wird frühestens im Herbst in den deutschen Kinos laufen. Ein Starttermin steht noch nicht fest.
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Jonas T. Bengtsson: Submarino
(übersetzt von Günther Frauenlob)
Tropen Verlag, 2009
384 Seiten
19,90 Euro
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Originalausgabe
Submarino
People’s Press, Kopenhagen 2007
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Verfilmung
Submarino (Dänemark 2010)
Regie: Thomas Vinterberg
Drehbuch: Tobias Lindholm, Thomas Vinterberg
mit Jakob Cedergren, Peter Plaugborg, Patricia Schumann, Marten Rose, Gustav Fischer Kjærulff
Artie Wu und Quincy Durant sind zurück. Inzwischen betreiben sie eine Detektei; oder in den Worten von Artie Wu: „Die Wudu, Ltd., ist eine straff geführte Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die für andere das tut, was sie selbst für sich nicht tun können.“
Jetzt sollen sie für 750.000 Dollar zwei verschwundene Hypnotiseure finden, die die Unschuld der Hollywood-Diva Ione Gamble beweisen können. Sie ist angeklagt, ihren milliardenschweren Ex am Neujahrsmorgen in seiner mondänen Malibu-Strandhütte erschossen zu haben. Wu und Durant nehmen den Auftrag an.
Und schon sind wir in einem weiteren labyrinthischen, mit schwarzem Humor gespickten Ross-Thomas-Plot. Dass Ross Thomas (19. Februar 1926 – 18. Dezember 1995) in seinem vorletzten Roman wieder das bereits aus „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978) und „Am Rand der Welt“ (Out on the Rim, 1986) bekannte Team Wu/Durant ins Rennen schickt, erhöht das Gefühl, sich in einem vertrauten Kosmos zu befinden.
Dabei ist „Voodoo, Ltd.“ an der Oberfläche schon fast ein traditioneller Whodunit. Immerhin beweisen Artie Wu und Quincy Durant die Unschuld der Schauspielerin und überführen den Täter, der für seine Tat ein wirklich überzeugendes Motiv hat. Davor stellen sie, zusammen mit ihren aus den vorherigen Wu/Durant-Romanen bekannten Freunden, Los Angeles auf den Kopf.
Eine höchst vergnügliche Reise in die frühen neunziger Jahre.
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Ross Thomas: Voodoo, Ltd.
(übersetzt von Walter Ahlers, überarbeitete Übersetzung)
Der Titel „Die Lebenslüge der Juristen – Warum Recht nicht gerecht ist“ ist purer Etikettenschwindel. Denn der frühere Spiegel-Reporter Rolf Lamprecht enttarnt keine Lebenslüge der Juristen. Auch dem borniertesten Juristen muss aufgefallen sein, dass es zu einem Rechtsfall die Position der Anklage und der Verteidigung und sich widersprechende Urteile gibt und das Bonmot „Zwei Juristen, drei Meinungen“ ist schon lange nicht mehr witzig. Dass Lamprecht dennoch auf den ersten Seiten sagt, die Lebenslüge der Juristen sei, an ein Recht zu glauben, das nur eine Auslegung erlaube, kann nur mit dem Wunsch nach einer knalligen Eröffnung erklärt werden.
Danach, und das macht „Die Lebenslüge der Juristen“ durchaus lesenswert, zeichnet Lamprecht skizzenhaft die Geschichte der Bundesrepublik im Lichte von ausgewählten höchstrichterlichen Entscheidungen nach. Lamprecht berichtete von 1968 bis 1998 für den „Spiegel“ aus Karlsruhe. Entsprechend oft bespricht er in seinem Buch Urteile, mit denen er es damals zu tun hatte. Einige Urteile schrieben Rechtsgeschichte. Dazu gehören der Schutz der Wohnung, die Verwendung von persönlichen Aufzeichnungen in Verhandlungen und das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Einige Fragen, wie das Recht auf den selbstbestimmten Tod, sind seit Jahrzehnten aktuell und wurden, als der Bundestag in den vergangenen Jahren über die Patientenverfügung debattierte, wieder in der Öffentlichkeit diskutiert. Auch über das Folterverbot wurde nach 9/11 wieder diskutiert und es fanden sich etliche Fürsprecher für eine Aufweichung des Folterverbots. Lamprecht zeichnet in diesen Kapiteln die Argumentationen der verschiedenen Seiten anhand konkreter Fälle nach und steht dabei prinzipiell auf der Seite des Bürgers. Er meint, in der rechtsliberalen Tradition stehend, dass die Eingriffe des Staates möglichst gering sein sollten.
In den späteren Kapiteln wird Lamprechts Argumentation allerdings fahriger, weil er beginnt, in einem Kapitel mehrere Fälle, die nur wenig miteinander zu tun haben, miteinander zu verknüpfen.
Wer sich also etwas ausführlich mit einigen moralischen Fragen und wie diese von deutschen Juristen behandelt wurden, beschäftigen will, findet in „Die Lebenslüge der Juristen“ eine durchaus inspirierende Lektüre.
Wer das Buch allerdings wegen des Titels kauft, wird nicht viel Freude an Lamprechts Werk haben.
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Rolf Lamprecht: Die Lebenslüge der Juristen – Warum Recht nicht gerecht ist
Als Jochen Schmidts umfassend überarbeitetes „Gangster, Opfer, Detektive – Eine Typengeschichte des Kriminalromans“ erschien, formulierte ich ad hoc eine dicke Kaufempfehlung. Denn obwohl ich bereits damals einiges bemängelte, dachte ich, dass das über 1000-seitige Werk ein Standardwerk werden könnte.
„Verdammnis“, die Verfilmung des zweiten Romans von Stieg Larsson, ist mit 129 Minuten etwas kürzer als „Verblendung“. Der Regisseur ist neu, ebenso der Drehbuchautor. Aber die Hauptdarsteller blieben gleich: Michael Nyqvist spielt wieder den an das Gute glaubenden Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, Noomi Rapace die Hackerin Lisbeth Salander mit ihrer problematischen Vergangenheit, ihrem gestörten Verhältnis zur Umwelt und ihrem eigenen Moralkodex und Lena Endre die „Millenium“-Herausgeberin Erika Berger. Sie hat im Film eine Szene, die ganz nebenbei zeigt, was wir in Hollywood-Filmen schon lange nicht mehr sehen: zuerst hat sie beim Sex keinen BH an und anschließend geht sie nackt durch das Zimmer.
Die Actionszenen unterscheiden sich dagegen kaum von dem gewohnten Hollywood-Standard. Es gibt eine ausufernde Schlägerei in einer einsamen Hütte, Folterungen, blutige Ermordungen, einen schmerzunempfindlichen, blonden, deutschstämmigen, über zwei Meter großen Killer (der einen russischen Vater hat [Puh, sogar Hollywood hat schon lange nicht mehr so tief in die Klischeekiste gegriffen]) und eine eindeutige „Kill Bill“-Referenz. Das alles stand auch schon in der 750-seitigen Vorlage.
Die Geschichte ist, gerade weil Drehbuchautor Jonas Frykberg dem Roman sehr genau folgt, eine mit einer Anklage gegen „Männer, die Frauen hassen“ aufgebretzelter, ins epische gehender Thriller mit Polit-Touch.
Die Zeitschrift „Millenium“ plant eine große Geschichte über Mädchenhandel. Die Freier sind dabei auch renommierte Persönlichkeiten. Als der Jungjournalist Dag Svensson, seine Freundin Mia Bergmann (die über das Thema promoviert) und der Rechtsanwalt Nils Bjurman erschossen werden, vermutet der Journalist Mikael Blomkvist, dass das Motiv für die Morde die geplante Reportage ist. Die Polizei findet auf der Tatwaffe die Fingerabdrücke von Lisbeth Salander und mit ihrer Vorgeschichte ist sie die perfekte Täterin.
Dennoch glaubt Blomkvist an Salanders Unschuld.
Auf getrennten Pfaden suchen Blomkvist und Salander den Mörder, erfahren einiges über schmutzige Geheimdienstgeschäfte während des Kalten Krieges und warum Lisbeth Salander als Kind einen Mann auf offener Straße mit Benzin übergoss und anzündete.
Der Film konzentriert sich auf den Thrillerplot. Larssons Roman ist dagegen, wie „Verblendung“, furchtbar unökonomisch erzählt. Die ersten 250 Seiten sind Vorgeplänkel. Nett zu lesen, aber bis auf wenige Seiten, vollkommen unwichtig für die Geschichte.
Erst auf Seite 257 werden die Leichen von Dag Svenson und Mia Bergmann entdeckt. Fünfzig Seiten später die von Nils Bjurman und dann beginnt die Polizei Lisbeth Salander zu jagen, weil auf der Tatwaffe ihre Fingerabdrücke sind. Die Gejagte nimmt sich währenddessen eine zweihundertseitige Auszeit und taucht bis auf Seite 459 ab. Diese Seiten füllt Larsson, indem er die Ermittlungen der Polizei und deren internen Streitereien schildert. Das lässt sich zwar schnell weglesen, bringt aber den Hauptplot keinen Millimeter voran.
Jonas Frykberg strich für sein Drehbuch viel von diesem Ballast weg. Er strich das erste Drittel des Romans auf wenige Filmminuten zusammen. Er strich die Ermittlungen der Polizei auf wenige Szenen zusammen. Er übernahm aber fast jede Szene aus dem letzten Drittel des Romans. Außerdem arbeitete er an einigen Punkten die Motive der Charaktere klarer heraus und entfaltet die Verschwörung vor unseren Augen. Dafür schrieb er Szenen, die Larsson in seinem Roman wahrscheinlich weg ließ, um die Spannung zu steigern. So wird in dem Roman erst gegen Ende (und ziemlich lieblos) enthüllt, wer der Mörder ist. Im Film werden die Morde gezeigt. In dem Roman wird immer wieder von „all dem Bösen“, das zu Salanders Entmündigung führte, gesprochen. In dem Film wird daraus kein Geheimnis gemacht.
So wird allerdings auch die windige Konstruktion der Geschichte schmerzhaft offensichtlich. Das beginnt mit dem Doppelmord an dem Journalisten und seiner Freundin. Denn gerade der Doppelmord war das Blödeste, was die Verbrecher tun konnten und ihre Blödigkeit toppen sie dann noch, indem sie die Leichen in ihrer Wohnung liegen lassen. Es gibt wahrscheinlich keine bessere Methode, um die maximale Aufmerksamkeit von der Polizei und den Medien für die eigenen illegalen Geschäfte zu erhalten. Zum Glück kommt ihnen der Zufall zu Hilfe. Auf der Tatwaffe sind die Fingerabdrücke einer 1-A-Tatverdächtigen. Dummerweise ist diese Tatverdächtige mit dem Chefredakteur der Zeitung, in der die Reportage erscheinen sollte, freundschaftlich verbunden. Diese fantastische Anhäufung von Dummheit und Zufällen kulminiert am Ende auf einem einsam gelegenen Bauernhof, wenn die familiären Bande zwischen Lisbeth Salander und den Bösewichtern aufgedeckt werden.
Dennoch ist „Verdammnis“ kein schlechter Film. Als Bestsellerverfilmung muss er, um die Fans nicht zu enttäuschen, der Vorlage möglichst genau folgen. Das gelingt Autor Frykberg und Regisseur Alfredson und, dank der Konzentration auf den Thrillerplot, ist der „Film zum Roman“ sogar gelungener als die türstopperdicke Vorlage.
Verdammnis (Flickan som lekte med elden, Schweden 2009)
Regie: Daniel Alfredson
Drehbuch: Jonas Frykberg
mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Peter Andersson, Michalis Koutsogiannakis, Annika Hallin, Yasmine Garbi, Per Oscarsson, Georgi Staykov, Paolo Roberto (als er selbst)
Der Name „Syndikat“ entstand sicher aus einer Schnapslaune. Denn obwohl die Mitglieder mit Verbrechen ihr Geld verdienen, wird sie dafür – was sicher einige Leser bedauern – niemals ein Staatsanwalt anklagen. Bei diesem „Syndikat“ können deutschsprachige Autoren, die mindestens einen Krimi veröffentlicht haben, Mitglied werden. Jedes Jahr treffen sie sich zur „Criminale“, die man sich am besten wohl als einen großen lauschigen Vorlesemarathon vorstellt. 2009 in Singen.
In ihrem Jahrbuch „Secret Service“, das jetzt zum ersten Mal auch für Normalsterbliche erhältlich ist, berichten die Autoren und Veranstalter überaus positiv von der letzten „Criminale“. Es gibt einen „Gemeinschafts-Kurzkrimi von mehr als 70 Syndikat-AutorInnen“. Das Vergnügen solcher Gemeinschaftswerke beschränkt sich normalerweise auf den Kreis der Ersteller. Das gilt auch hier weitgehend.
Interessanter sind, obwohl schon aus den Alligatorpapieren bekannt, die Befragungen der Friedrich-Glauser-Preisträger Hans Werner Kettenbach, Gisa Klönne, Lucie Klassen, Judith Merchant und des Hansjörg-Martin-Preisträgers Christian Linker, die Erinnerungen von Wolfgang Burger, Antje Fries, H. P. Gansner, Susanne Goga, Inge Löhnig, Renate Müller-Piper, Andreas Pittler und Roger Strub an ihr erstes Buch und Sandra Lüpkes‘ „Was hat ER, was SIE nicht hat?“. Sie versucht herauszufinden, warum Männer mehr Krimipreise als Frauen erhalten. Dabei beschränkt sie sich auf eine quantitative Studie der bislang vergebenen Deutschen Krimipreise und Glausers, kommt zu einigen Einsichten, aber zu keinen abschließenden Erkenntnissen. Vielleicht kann die Frage, warum mehr Männer Krimipreise erhalten nicht nur quantitativ beantwortet werden. Schließlich wissen alle empirischen Sozialwissenschaftler, dass am Besten quantitative und qualitative Methoden miteinander verbunden werden. Das ist dann allerdings die Aufgabe des nächsten Jahrbuchs.
Thomas Przybilka präsentiert eine Auswahl seiner bereits in den Alligatorpapieren erschienenen Krimitipps zur Sekundärliteratur und es gibt eine Liste mit allen Mitgliedern des „Syndikats“. Damit wäre dann auch die Frage beantwortet, wie viele Mitglieder die „Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur“ hat.
Und nun kommen wir zur 100.000-Euro-Frage: Lohnt sich der Kauf des Buches?
Eher nicht. Denn die interessanten Texte können schnell in der Bibliothek gelesen werden. „Secret Service – Jahrbuch 2009“ ist halt noch zu sehr eine gebundene Vereinszeitung.
Mit „Tron“ und den Romanen von William Gibson, Bruce Sterling und Neal Stephenson tauchten wir vor Jahren, als wir das Internet noch nicht kannten, in den Cyberspace ab.
Der erste „Matrix“-Film (die beiden grottigen Fortsetzungen lassen wir links liegen) drehte dann die ganze Sache etwas um – und etliche SF-Autoren monierten zu Recht die Logikschwächen dieser Konstruktion.
Robert Venditti drehte mit seinem Comicdebüt „The Surrogates“ diese Denkschraube noch etwas weiter. Denn während in den Cyberpunk-Romanen immer klar war, dass die Akteure in der realen Welt leben und der Cyberspace eine rein elektronische Welt ist, die allerdings vielfältig mit der realen Welt verknüpft ist und sie auch beeinflusst, ist das bei Venditti anders. Jedenfalls irgendwie. Denn es gibt keinen Cyberspace, aber die Menschen verlassen ihre Wohnungen nicht mehr. Sie schicken Surrogate – menschlich aussehende Roboter, die von ihnen gesteuert werden – nach draußen. Insofern ist der Cyberspace, in dem wir jede gewünschte Identität annehmen können und folgenlos Erfahrungen sammeln können, ein Teil der Wirklichkeit geworden.
Das ist auf den ersten Blick eine faszinierende Idee und Autor Robert Venditti und Zeichner Brett Weldele setzen sie auch kongenial um. Auf den zweiten Blick ist es aber auch ein ziemlicher Unfug. Denn wahrscheinlich wird es, außer in „Blade Runner“, nie Roboter geben, die von Menschen nicht mehr unterschieden werden können. Aber diese Replikanten agierten selbstständig. Die Surrogate sind dagegen ferngesteuerte Hüllen. Es wird also eine gewaltige Rechnerleistung beanspruchen, diese Roboter durch die gesamte Metropole fernzusteuern. Und es stellt sich die Frage, warum ein solch riesiger Aufwand betrieben werden sollte.
(Das heißt nicht, dass es in naher Zukunft nicht mehr spezielle ferngesteuerte Arbeitsroboter gibt, die für Menschen gefährliche oder monotone Tätigkeiten, wie dem Entschärfen von Bomben und dem Bau von Häusern und Tunnels, übernehmen.)
Dennoch gibt es in Vendittis und Weldeles 2054 spielendem Comic in Central Georgia Metropolis diese sich stellvertretend für echte Menschen durch die Stadt bewegenden Surrogate. Es gibt für uns normale Verbrechen, wie Einbruch, Diebstahl und Mord, praktisch nicht mehr. Es gibt dagegen öfters Sachbeschädigungen – an den Surrogaten. Auch jetzt müssen der ältere Polizist Harvey Greer und sein jüngerer Partner Pete Ford wieder so einen Fall von Sachbeschädigung aufklären. Während eines Gewitters sterben bei einem Liebesspiel in einer dunklen Gasse zwei Surrogate. Die erste Vermutung der Polizisten, dass sie durch einen Blitzschlag verkohlt sind, wird durch die Obduktion und Aufzeichnung der letzten Minuten der Surrogate widerlegt. Ein maskierter Mann hat sie mit einem Stromschlag gebraten. Greer und Ford beginnen diesen Mann zu suchen. Als nächstes werden die Surrogate von zwei Wächtern von Clark Technologies gebraten und eine EMP-Offensivsystem gestohlen. Greer glaubt, dass der Täter einen größeren Rachefeldzug gegen die Surrogate plant.
Nachdem bei einem Zusammentreffen mit ihm Greers Surrogat zerstört wird, muss er seine Wohnung verlassen.
Unter dem Deckmantel einer actionhaltigen Whodunit-Geschichte behandelt „The Surrogates“ auch philosophische Fragen, wie was das Menschsein ausmacht und welche Realität wir wollen: die geschönte aus der Werbung oder die ungeschönte.
„Das ist kein Selbstbewusstsein, sondern die Wirklichkeit. Das hier ist es, wer ich bin, und wenn ich mich verlinke, ändert sich daran nichts.“
„Wenn ich verlinkt bin, sehe ich jünger aus. Ich fühle mich jünger. Wenn das nicht die Wirklichkeit ist, dann weiß ich nicht, was.“
Weldele zeichnete die Geschichte mit klaren Strichen und meist einfarbigen Panels, die fast wie ein Storyboard für einen Film wirken.
Und in Hollywood ist „The Surrogates“ auch gelandet.
Die gleichnamige Verfilmung von Jonathan Mostow läuft heute in den Kinos an. Das Drehbuch ist von Michael Ferris und John Brancato. Auf ihr Konto gehen auch der grandiose David-Fincher-Film „The Game“, die Gurke „Catwoman“ und die beiden letzten „Terminator“-Filme. Bruce Willis übernahm die Hauptrolle. Das Konzept der Surrogaten wurde aus der Graphic Novel übernommen. Die Story, wie schon der Trailer zeigt, wurde etwas aufgepeppt. Optisch sieht der mit 88 Minuten ungewöhnlich kurze SF-Thriller jetzt wie die Bruce-Willis-Version der freien Isaac-Asimov-Verfilmung „I, Robot“ aus. Also „Stirb langsam, Roboter“.
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Robert Venditti/Brett Weldele: The Surrogates
(übersetzt von Christian Langhagen)
Cross Cult, 2009
208 Seiten
26 Euro
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Originalausgabe
The Surrogates
Top Shelf Productions, 2006/2009
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Verfilmung
Surrogates (USA 2009)
Regie: Jonathan Mostow
Drehbuch: Michael Ferris, John Brancato
mit Bruce Willis, Radha Mitchell, Rosamund Pike, James Cromwell, Ving Rhames
Dieter Wedel hat wieder zugeschlagen. Mit dem Dreiteiler „Einmal im Leben – Geschichte eines Eigenheims“ (1972) begründete er seinen Ruf. Später folgten einige Folgen für die Wirtschaftskrimiserie „Schwarz Rot Gold“, „Der große Bellheim“ (1993), „Der Schattenmann“ (1996), „Der König von St. Pauli“ (1998), „Die Affäre Semmeling“ (2002) und jetzt der Zweiteiler „Gier“. Wieder einmal beschäftigt Wedel sich mit der Wirtschaft. Dieses Mal am Beispiel eines Finanzjongleurs, der seine Anleger hemmungslos betrügt. Aber irgendwie ist dieses Mal alles schief gegangen. Denn genau wie der Hochstapler Dieter Glanz seinen Anlegern nur leere Versprechungen gibt, verspricht Wedel seinen Zuschauern – Tja, was eigentlich? Für eine Gesellschaftssatire ist „Gier“ zu harmlos. Für eine Aufklärung über Hochstapler und ihre Methoden zu unkonkret und als spannendes Stück Unterhaltung bietet es außer einer beeindruckenden Liste bekannter Schauspieler und schöner Bilder aus Südafrika (wegen der Drehbedingungen) nichts.
Denn der dreistündige Zweiteiler hat grundsätzliche Storyprobleme. Das beginnt schon mit der Frage, wer der Protagonist und wer der Antagonist ist. Mit dem Ziel des Protagonisten soll ich als Zuschauer mich identifizieren. Der Antagonist versucht alles, damit der Protagonist sein Ziel nicht erreicht. Es gibt einen Konflikt um etwas, das beide unbedingt haben wollen. Das gilt für einen Krimi, wenn der Kommissar (Protagonist) den Mörder (Antagonist) jagt. Das gilt für einen Liebesfilm, wenn zwei Männer sich um die gleiche Frau streiten. Dabei verkörpern die beiden Männer verschiedene Lebensprinzipien: der abenteuerlustige Naturbursche gegen den braven Familienvater. Je nachdem, was der Autor aussagen will, ist der Naturbursche entweder der richtige oder der falsche Mann. Und natürlich muss dieser Konflikt eskalieren. Es muss für den Protagonisten immer schwieriger werden, sein Ziel zu erreichen (Erinnern Sie sich an die Szene in dem Liebesfilm, in der die Braut fünf Minuten vor Filmende den falschen Mann heiraten will?).
Aber davon gibt es in „Gier“ nichts.
Es gibt keinen dynamischen Konflikt zwischen Glanz und seinen Anlegern. Während des gesamten Films geschieht nichts, außer dass Schroth und die anderen Anleger sich immer wieder mit hohlen Phrasen abspeisen lassen. Spätestens nach der zweiten Wiederholung langweilt sich auch der dümmste Zuschauer dabei. Denn dieser Konflikt zwischen Glanz, der bald eine Auszahlung verspricht, der Euphorie der Anleger, der Verzögerung der Auszahlung und, oft, dem Nachschieben Geld mit der Aussicht auf größere Gewinne, ist statisch.
Außerdem sind uns die Anleger egal. Denn es ist ziemlich egal, ob ein reicher Mann eine oder zwei Millionen von seinem Spielgeld investiert und es ist egal, ob er dafür fünf, zehn, oder fünfzehn Millionen erhalten soll. Bei Schroth ist das zwar etwas anders, aber auch er lässt sich immer wieder viel zu einfach vertrösten. Er ist viel zu naiv, um als Immobilienmakler glaubhaft zu sein. Er ist uns egal, weil wir seine Motive nicht verstehen und wir als Zuschauer vielleicht Mitleid mit einem Trottel haben, aber ihm nicht die Daumen drücken. Vor allem wenn dieser Trottel nur Geld will und er, außer sein Geld abwartend in fremde Hände zu legen, nichts tut, um sein Ziel zu erreichen.
Dieser abwesende Konflikt zwischen den beiden Hauptcharakteren setzt sich bei den blassen Nebencharakteren fort. Das ist vor allem die Clique der Großanleger, die alle bei Dieter Glanz ihr Geld angelegt haben, um ihr (wahrscheinliches) Millionenvermögen um einige Millionen zu vergrößern und sich von Glanz auf Partys verwöhnen lassen.
Wer vor dem Filmstart nicht das Presseheft oder das Buch zum Film gelesen hat, wird aber über weite Strecken nicht verstehen, warum Glanz‘ Anleger sich so und nicht anders verhalten. So erfährt der Zuschauer nicht, dass Leon Grünlich (ein kaum wiederzuerkennender Uwe Ochsenkneckt als zweitklassiger Lude mit einem unglaublichen Akzent) in eine Unternehmerfamilie einheiratete, das Geld für seine Investition bei Glanz aus der Firmenkasse entwendete und mit dem ersehnten Gewinn endlich auf eigenen Füßen stehen will. Aber gerade das erklärt sein Verhalten. Mit einer halben Drehbuchseite hätte das erklärt werden können und, gerade weil Grünlich im zweiten Teil eine die Geschichte (soweit davon gesprochen werden kann) antreibende Kraft ist, hätte das sehr früh erklärt werden müssen. So ist Grünlich nur ein geldgieriges, skrupelloses Arschloch.
Bei den anderen Charakteren ist es ähnlich. Sie sind einfach nur eine tumbe, um Swimming-Pools herumtanzende Masse. Auch hier fragt man sich, warum Wedel sich nicht zwei Minuten Zeit nimmt und die Großinvestoren uns Zuschauern vorstellt. Das hätte sogar in einer vollkommen banalen Dialogszene, in der Dieter Glanz dem Junginvestor Andy Schroth die Großinvestoren vorstellt, geschehen können.
Auch später in Südafrika führt Wedel neue Charaktere auf die denkbar ungeschickteste Art ein. So trällert die Gastwirtin Barbara Ewert (Anouschka Renzi) mehrere banale Schlager, aber Wedel versäumt es, uns zu verraten, dass sie früher ein Schlagerstar war und jetzt bei Glanz ihr gesamtes Vermögen investiert. Das erfahren wir erst, als sie auf der Straße sitzt.
Vor dem Dreh hätte Wedel diese Probleme seines Drehbuchs beheben müssen. Er hätte klären müssen, wer der Protagonist ist, wer der Antagonist ist, was der Konflikt zwischen ihnen ist, wie dieser Konflikt sich entwickelt und was der Protagonist am Ende gelernt hat. Er hätte das auch für seine Nebencharaktere tun müssen und das ins Drehbuch schreiben müssen. Dann hätten die Schauspieler auch wirklich spielen können. Jetzt bleibt es beim meist beim Overacting. Und die Charaktere wären uns nicht so herzlich egal.
Dafür gäbe es vielleicht weniger redundante Landschafts- und Partybilder. Aber das wäre ein verschmerzbarer Verlust.
Jörg Mehrwald glättet in seinem Roman zum Film einige der Drehbuchprobleme, indem er etwas über die Motive der verschiedenen Charaktere verrät. Aber auch bei ihm bleiben die Charaktere vollkommen austauschbar, die Geschichte entwickelt sich sprunghaft fort und über die Methoden von Wirtschaftsverbrechern erfahren wir auch in dem Buch nichts.
Die einzige Gier, die Wedel mit seiner Geschichte erfolgreich befriedigt, ist die Gier unsere Zeit zu stehlen.
mit Ulrich Tukur, Jeanette Hain, Devid Striesow, Katharina Wackernagel, Heinz Hoenig, Cordula Trantow, Uwe Ochsenknecht, Marion Mitterhammer, Sibel Kekilli, Harald Krassnitzer, Isa Haller, Kai Wiesinger, Regina Fritsch, Sabine Orléans, Alexander Held, Mariella Ahrens, Dieter Laser, Bibiana Beglau, Anouschka Renzi
Wer dem Goon ein kindliches Gemüt bescheinigt, muss keine Angst vor Schlägen haben. Denn trotz seiner schlimmen Kindheit und seinem derzeitigen Leben als Verbrecher will er nur seinen Spaß haben und gibt dafür auch Zombies und Hellboy eins auf die Nuss.
Ja, richtig gelesen. In dem vierten „The Goon“-Buch „Bergeweise Trümmer“ treffen sich der Goon und Hellboy zu einer zünftigen Endlosklopperei. Denn sie sind sich, wie dieser Dialog zeigt, sehr ähnlich:
„Bleib zurück! Damit verdiene ich meine Brötchen!“
„Ach ja? Wenn ich über so was stolpere, versuch ich ihm den Schädel einzuschlagen…Was machst du?“
„Ziemlich dasselbe.“
Und einige Seiten später meint der Goon zu Hellboy: „Hey Kumpel. Als du mir mit der Steinfaust eins verpasst hast, weißt du noch? Das war lustig.“
Da haben sich zwei Geistesverwandte getroffen und Goon-Erfinder Eric Powell überließ Hellboy-Erfinder Mike Mignola für diese Geschichte den Zeichenstift.
In „Meine mörderische Kindheit“ erfahren wir einiges aus der Kindheit von dem Goon, wie Franky sein Freund wurde und er sich zuerst als knochenbrechender Geldeintreiber Respekt verschaffte und anschließend zum Beschützer der kleinen Leute in seinem Viertel, der Lonely Street, wurde. Auch für sie kämpft er gegen Seeungeheuer und das teuflische Genie, Dr. Alloy.
In „Bergeweise Trümmer“ gibt es neben dem Zusammentreffen der beiden Superhelden Goon und Hellboy auch Kämpfe gegen Zombies, eine jenseitige Monstrosität und Vampire.
Eric Powell hat den Goon vor über zehn Jahren erfunden und lässt ihn in einer Parallelwelt, deren unschuldiges 30-Jahre-Retro-Feeling mit einer satten Portion “Amazing Stories“, Schwarzem Humor und Slapstick gewürzt wird, hemmungslos austoben. Denn bei Powell sind die nächsten Zombies, Maulsperren, explodierenden Affen, Seemonster und Riesenroboter gleich um die Ecke.
Manchmal müssen der Goon und Franky auch um ihren Platz in dem Comic kämpfen. Denn aseptische Familiengeschichten (in denen blonde Mädchen sich einen Schwachkopf aussuchen dürfen), Eric Powells Erlebnisse auf einer ComicCon und die Werbung für ein Goon-Junior-Set (enthält unter anderem ein Bleirohr und eine Flasche Gift) fordern ihren Platz. Aber nicht lange. Denn: „Kein Scheiße schmierender Einfaltspinsel verdrängt uns aus unserem Comic.“
Die Comics von Eric Powell eroberten die Herzen der amerikanischen Comicfans im Sturm. Immerhin spielen sie gelungen, respektlos und gewitzt auf dem Instrumentarium der Popkultur. Powell erhielt mehrere Eisner Awards und Hollywood kaufte die Filmrechte. Die neueste Meldung ist, dass Powell vor wenigen Monaten ein Drehbuch beendet hat, derzeit Probeaufnahmen gemacht werden, David Fincher produziert und vielleicht sogar die Regie übernimmt.
Das sind doch gute Nachrichten. Bis der Goon im Kino zuschlägt, regnet es „Bergeweise Trümmer“ auf „Meine mörderische Kindheit“.
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Eric Powell: The Goon 3: Meine mörderische Kindheit
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2009
128 Seiten
19,80 Euro
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Originalausgabe
The Goon: My murderous Childhood (and other grievious yarns)
In der Berliner Literaturkritik ist jetzt meine Besprechung von Gerard Donovans „Winter in Maine“ online. Warum der Roman für mich eine durchwachsene Angelegenheit ist, können Sie hier nachlesen.