DVD-Kritik: Der grandiose Noir „Goldenes Gift“

November 12, 2011

Du kannst deiner Vergangenheit nicht entkommen. Jedenfalls nicht in einem Noir und nicht, wenn du dich in die falsche Frau verliebst; was in einem Noir dem Helden natürlich immer passiert. Auch in Jacques Tourneurs Noir-Meisterwerk „Goldenes Gift“ verliebt Robert Mitchum als Jeff Bailey sich in die falsche Frau. Deshalb hat der Großstädter sich in ein Kaff zurückgezogen und betreibt eine Tankstelle. Nachdem er von Joe Stefano (Paul Valentine), Sterlings rechter Hand, entdeckt wird, muss er sich seiner Vergangenheit stellen. Denn vor Jahren (und diese Rückblende wird aus Baileys Sicht erzählt) arbeitete er als Privatdetektiv. Damals beauftragte ihn der Gangster Whit Sterling (Kirk Douglas in seiner zweiten Filmrolle) dessen Freundin Kathie Moffat (Jane Greer) zu suchen. Sie verschwand mit 40.000 Dollar. Sterling behauptet, das Geld sei ihm egal – und nachdem Bailey sie in Acapulco findet, versteht er, warum Sterling sie wiederhaben will. Bailey verliebt sich in das titelgebende „Goldene Gift“. Gemeinsam flüchten sie nach San Francisco, beginnen ein neues Leben und, als Bailey von seinem alten Detekteipartner entdeckt wird und dieser, nach einem Streit von Kathie erschossen wird, taucht Bailey in der Provinz unter und beginnt ein bürgerliches Leben, bis er wieder entdeckt wird und von Sterling erpresst wird, einige ihn belastende Dokumente zu besorgen. Kathie ist inzwischen wieder bei Sterling und schnell befindet Bailey sich in einem noir-typisch undurchschaubarem Netz von Lug, Betrug, Verrat und Gegenverrat, garniert mit einigen Toten und einer beständig kleiner werdenden Chance auf eine Rückkehr in sein bürgerliches Leben zu seiner neuen Freundin. Denn Bailey ist in Sterlings Intrige der Manchurian Kandidat und er liebt immer noch, wider besseres Wissen, sein idealisiertes Bild von Kathie.

Jacques Tourneur, dessen bekannteste Werke die Horrorfilmklassiker „Katzenmenschen“ und „Ich folgte einem Zombie“ sind, inszenierte diesen Noir, der inzwischen zu den Klassikern des Genres gehört, nach einem Roman von Geoffrey Homes, der auch das Drehbuch schrieb und geschickt mit der Noir-typischen Rückblendenstruktur und den Noir-Archetypen (die heute sattsam bekannte Klischees sind) spielt. Tourneur zeigte sich wieder einmal als Meister der Licht- und Schattenspiele und Robert Mitchum demonstriert, wieviel Schauspiel in einem Nicht-Schauspiel sein kann.

Fast vierzig Jahre später, 1984, inszenierte Taylor Hackford das Remake „Gegen jede Chance“ mit Jeff Bridges, Rachel Ward, James Woods, Richard Widmark und Jane Greer, das man wahrlich nicht gesehen haben muss. Im Gegensatz zu Tourneurs Film.

Goldenes Gift (Out of the past, USA 1947)

Regie: Jacques Tourneur

Drehbuch: Geoffrey Homes (Pseudonym von Daniel Mainwaring), James M. Cain (ungenannt), Frank Fenton (ungeannt)

LV: Geoffrey Homes: Build my gallows high, 1946 (Goldenes Gift)

Mit Robert Mitchum, Jane Greer, Kirk Douglas, Rhonda Fleming, Richard Webb, Steve Brodie, Virginia Huston, Paul Valentine, Dickie Moore

Auch bekannt als „Out of the past“

DVD

Arthaus/Studio Canal (Arthaus Retrospektive)

Bild: : 1,33:1 (4:3 Vollbild)

Ton: Deutsch, Englisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über “Goldenes Gift” (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über “Out of the past”

Roger Ebert über “Out of the past”


DVD-Kritik: Die erfrischend unschwedische Krimiserie „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“

November 9, 2011

Ein Juraprofessor und einige seiner Studenten helfen unschuldig Verurteilten. Das klingt doch sehr amerikanisch und einige US-Professoren machen auch solche Seminare, um ihren Studenten die spätere Praxis nahezubringen. Außerdem ist das amerikanische Justizsystem für seine Fehlurteile bekannt. Besonders wenn es um die Todesstrafe geht.

Aber „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ ist, trotz des englischen Titels keine Hollywood-Serie, sondern eine schwedische Serie mit Mikael Persbrandt (Gunvald Larsson in den „Kommissar Beck“-Filmen, „In einer besseren Welt“, „Gangster“ und, demnächst, „Der Hobbit“) als Markus Haglund, einem Ex-Anwalt und brillantem Hochschulprofessor, der an der Universität in Uppsala seine Uni-Anstellung vor allem benutzt, um sich hemmungslos zu betrinken und in bequemen Klamotten durch seine von der Uni gestellte Villa zu schlurfen. Das könnte ewig so weitergehen, wenn er nicht jetzt, um weiterhin Professor zu bleiben, einen Kurs machen müsste.

Zähneknirschend erklärt er sich bereit, der Studentin Fia Jönsson (Sofia Ledarp), die einer Freundin helfen möchte, zu helfen. Denn diese glaubt, dass ihr Stiefvater unschuldig als Mörder ihrer Mutter verurteilt wurde. Haglund erklärt die Recherchen zum Unikurs – und entlastet sich so von weiteren Lehrverpflichtungen. Mit zunächst zwei weiteren Studenten, Anna Sjöstedt (Helena af Sandeberg) und Belal Al-Mukhtar (Fransisco Sobrado), beginnen sie mit ihren Recherchen und stoßen auf eine Spezialeinheit der Polizei, die etwas vertuschen möchte. Am Ende der Auftaktepisode „Mauer des Schweigens“ wechselt der Polizist Roger Anderson (Leonard Terfelt) die Seiten und das hübsch ausquotierte „Verdict Revised“-Team (zwei Frauen, zwei Männer, eine Blondine, eine Dunkelhaarige, ein Migrant) ist komplett.

In den folgenden elf Episoden der ersten „Verdict Revised“-Staffel gehen sie zwar immer von der Prämisse aus, dass ihr Mandant (lose gesprochen, denn das Team erhält kein Geld für seine Arbeit und nicht jeder möchte, dass sein Fall wieder aufgerollt wird) unschuldig verurteilt wurde.

So glauben sie nicht, dass ein Migrant einen anderen auf einer belebten U-Bahnstation tötete, eine junge Frau Drogen einschmuggelte, ein Mann Fahrerflucht beging, ein Verbrecher einen Polizisten erschoss, dass Fias Vater einen Mord beging, dass ein Drogenabhängiger in seiner Wohnung jemand ermordet hat, dass eine Frau ihren Mann und dessen Geliebte in ihrem Wochenendhaus verbrannte, dass eine Prostituierte ihren Zuhälter ermordete, dass ein Exil-Iraner einen anderen Mann vor einem Schwulen-Club zusammenschlug, dass eine Mutter ihr Kind umbringen wollte und dass, in der letzten Folge der ersten Staffel „Roger unter Mordverdacht“, ihr Kommilitone Annas Vater ermorden wollte.

Schon allein aufgrund seiner Prämisse ist „Verdict Revised“ staatskritisch und in einzelnen Fällen wächst die latente Kritik am Justizsystem, das Unschuldige verurteilt, zu einer veritablen Systemkritik aus. Denn die Staatsanwälte, Polizisten und manchmal auch Richter manipulieren hemmungslos Beweise und sind nicht immer unbedingt an der Wahrheitsfindung interessiert. Sie behindern dann auch mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die Arbeit von Haglund und seinen Studenten.

Verdict Revised“ ist eine spannende Krimiserie, die sich vor ähnlichen US-Serien nicht verstecken muss (wozu auch gehört, dass Haglund als Mentor immer weniger Bildschirmzeit eingeräumt wird und die persönlichen Probleme der Studenten immer mehr Zeit einnehmen) mit einer schwachen Auftaktepisode (vor allem die Dialoge sind arg papiernen) und einem Staffelfinale, das den Fehler begeht, eine der Hauptcharaktere unter Mordanklage zu stellen. Denn selbstverständlich hat Roger nicht auf Annas Vater eingestochen und die Lösung ist, im Gegensatz zu den anderen Fällen, so offensichtlich, dass nur Menschen, die noch nie einen Krimi gesehen haben, sie nicht schon nach den ersten fünf Minuten erahnen.

Die zweite und letzte Staffel läuft im Moment montags um 23.25 Uhr auf ZDFneo und die DVD-Box erscheint am 2. Dezember.

Verdict Revised – Unschuldig verurteilt: Staffel 1 (Oskyldigt dömd, Schweden 2008)

Erfinder: Johann Zollitsch

mit Mikael Persbrandt (Markus Haglund), Sofia Ledarp (Fia Jönsson), Helena af Sandeberg (Anna Sjöstedt), Francisco Sobrado (Belal Al-Mukthar), Leonard Terfelt (Roger Andersson), Marie Richardson (Ulrika Stiegler), Anja Lundkvist (Caroline Gustavsson)

DVD

Edel:Motion

Bild: Pal 16:9 (Widescreen)

Ton: Deutsch, Schwedisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 540 Minuten (12 Folgen à 45 Minuten auf 4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre (wobei die meisten Folgen FSK 12 sind)

Die ersten zwölf Fallbesprechungen in Markus Haglunds Universitätskurs „Unschuldig verurteilt“

Mauer des Schweigens (Antagen)

Regie:Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Johan Zollitsch

Der Fall Serkan (Hotat vittne)

Regie:Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Karin Gidfors

Schnee im Gepäck (Offrad Vara)

Regie:Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Kerstin Gezelius

Ich bin schuldig! (Smitaren)

Regie: Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Dennis Magnusson

Der lange Schatten (Polismordet)

Regie: Richard Holm

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Stefan Ahnhem

Lebendig verbrannt? (Skyddad Identitet)

Regie:Richard Holm

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Stefahn Ahnhem

Der Mann auf der Treppe (Oklart Motiv)

Regie:Richard Holm

Drehbuch: Inger Scharis, Johann Zollitsch, Dennis Magnusson

Zwei Leichen, zwei Zähne (Mordbrand)

Regie: Richard Holm

Drehbuch: Inger Scharis, Johann Zollitsch, Karin Gidfors

Zuhälterkrieg (Hallicken)

Regie: Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Dennis Magnusson

Schwulenjagd (Club Zafir)

Regie:Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Dennis Magnusson

Kinder lügen nicht? (Flickan pa Bron)

Regie: Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Hans Rosenfeldt

Roger unter Mordverdacht (Anklagad)

Regie: Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Johann Zollitsch, Karin Gidfors

Hinweise

Wikipedia über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (deutsch, englisch, schwedisch)

ZDFneo über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“

FAZ: Hannes Hintermeier über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (18. Juli 2011)

Evolver: Marcel Feige über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (30. Oktober 2011)

 

 


DVD-Kritik: Über die nette, gut besetzte Krimikomödie „Henry & Julie“

November 7, 2011

Das DVD-Cover von „Henry & Julie: Der Gangster und die Diva“ mit Keanu Reeves, der eine MP in seiner Hand hält, ist reiner Etikettenschwindel. Denn außer einigen Revolvern gibt es in dieser romantischen Bankräuberkomödie mit Screwball-Touch keine Schusswaffen.

Der von Keanu Reeves gespielte Henry ist ein Allerweltsjunge, der von allen herumgestoßen wird, sein Leben weitgehend passiv erleidet und der gerade von seiner Nachtschicht als Mautkassierer an einer Autobahn in der Nähe von Buffalo, New York, zurückgekommen ist und sich mit seiner Frau über ihre Babypläne unterhält, als er von seinen Freunden ohne sein Wissen in einen Banküberfall hineingezogen und als einziger verurteilt wird.

Nach seinem Gefängnisaufenthalt beschließt er, die Bank auszurauben. Immerhin wurde er bereits dafür verurteilt. Zusammen mit seinem Knastkumpel Max (James Caan) planen sie den Einbruch in die Bank – durch einen alten Tunnel, der in einem alten Theater beginnt. In ihm wird gerade eine Aufführung von Anton Tschechows letztem Theaterstück „Der Kirschgarten“ geprobt und Henry verliebt sich in die impulsive Hauptdarstellerin Julie (Vera Farmiga). Als Max herausfindet, dass der Tunnel in der Garderobe des Hauptdarstellers beginnt, verschafft er Henry die Rolle, die auch die Beziehung von Henry und Julie spiegelt.

Henry & Julie“ ist eine angenehm altmodische Komödie, die eindeutig eine Liebeserklärung an die klassischen Screwball- und romantischen Hollywood-Gaunerkomödien, die irgendwann in den sechziger Jahren aus den Kinos verschwanden, ist und die in den letzten Jahren immer wieder von Woody Allen in seinen Krimis verklärt wurden. Entsprechen gediegen ist die Machart, die Auswahl der Schauplätze und auch die Musikauswahl erfreut das Herz des Nostalgikers. Die Schauspieler, vor allem Vera Farmiga, James Caan und Peter Stormare als Theaterregisseur, haben erkennbar ihren Spaß und liefern herrlich exzentrische Charakterstudien ab. Dagegen wirkt Keanu Reeves als Biedermann, der zum Gewalt ablehnenden Verbrecher wird, noch blasser. Insgesamt ist „Henry & Julie“ eine kurzweilige, aber auch weitgehend überraschungsfreie Unterhaltung, bei der sich für Henry und Julie das Leben und die Kunst immer mehr miteinander vermischen und das Publikum eine einmalige Tschechow-Premiere erlebt.

Henry & Julie: Der Gangster und die Diva (Henry’s Crime, USA 2010)

Regie: Malcolm Venville

Drehbuch: Sacha Gervasi, David N. White (nach einer Geschichte von Stephen Hamel und Sacha Gervasi)

mit Keanu Reeves, Vera Farmiga, James Caan, Peter Stormare, Bill Duke, Danny Hoch, Fisher Stevens

DVD

Sunfilm

Bild: 16:9 (1:2,35)

Ton: Deutsch (DD 5.1, DTS), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer (deutsch, englisch)

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

(Blu-ray identisch)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Henry & Julie: Der Gangster und die Diva“ (deutsch, englisch)

Collider: Interview mit Keanu Reeves über „Henry & Julie“ (20. September 2010)

Bonusmaterial

eine Version des DVD-Covers, die wohl für uns zu bieder war

man hätte natürlich auch das Originalplakat verwenden können

eine Pressekonferenz gab es auf dem Toronto International Film Festival

 

 


DVD-Kritik: die tolle Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone“

November 7, 2011

Als Ben Affleck sagte, dass er Dennis Lehanes hochgelobten Privatdetektivroman „Gone Baby Gone“ mit den Privatdetektivpaar Patrick Kenzie und Angela Gennaro verfilmen wollte, war die Skepsis groß. Gut, er hatte mit Matt Damon das Oscar-nominierte Drehbuch für „Good Will Hunting“ geschrieben, aber das war 1997. Danach spielte er in „Armageddon – Das jüngste Gericht“, „Pearl Habor“, „Der Anschlag“, „Daredevil“ und „Paycheck – Die Abrechnung“ mit, er sammelte Razzie-Nominierungen und erhielt Razzies, wie andere Rubbellose sammeln. Von einem intellektuellem Anspruch war bei diesen Filmen nichts zu spüren.

Dass er dann auch noch die Hauptrolle mit seinem jüngeren Bruder Casey Affleck besetzte, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen. Ein Milchbubi, der bislang nur als unauffälliger Sidekick in den Ocean’s-Filmen bei denen halb Hollywood mitspielte und vernachlässigbaren Filmen wie „American Pie 2“ auftrat, sollte einen Hardboiled-Privatdetektiv spielen. Undenkbar.

Da sah man vor seinem geistigen Auge schon eine vermurkste Bestsellerverfilmung, bei der man überall erklären musste, dass das Buch viel besser sei. Dass Lehane eine tolle Geschichte geschrieben habe; eine in der es um das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, um Verantwortung gegenüber den eigenen und fremden Kindern, über Werte und auch um die Frage, was man, wenn Recht, die eigene Moral und das offensichtlich beste für ein Kind diametral gegenüber stehen, tun soll. Ernste Themen, die Lehane in seinem Roman in einer fein komponierten Geschichte auf über fünfhundert Seiten kurzweilig erzählte und die so dicht und detailreich ist, dass man sich schon fragte, wie der Drehbuchautor die fünfhundert Seiten in zwei Filmstunden pressen wollte. Doch auch dann würde noch ein Genrefilm entstehen, der eher an Howard Hawks‘ Raymond-Chandler-Verfilmung „Tote schlafen fest“ (mit Humphrey Bogart) als an einen Blockbuster-Actionfilm erinnern würde.

Dann kam der Film in die Kinos – und die Kritiker und Krimifans waren begeistert. Denn Ben Affleck hatte einen richtig guten Privatdetektiv-Krimi mit grandiosen Schauspielern (Morgan Freeman, Ed Harris, die Oscar-nominierte Amy Ryan; um nur die bekanntesten zu nennen) und, dank des Drehs vor Ort mit lokalen Schauspielern und Laien, einem tiefen Gefühl für Boston und die Besonderheiten der Stadt gedreht. Dass die Geschichte dafür etwas entschlackt wurde, war zu verschmerzen. Es wird zwar nicht mehr die Komplexität des Romans erreicht, aber ob Patrick Kenzie am Ende die richtige Entscheidung getroffen hat, bleibt im Film genau so offen, wie im Buch. Affleck vertraute hier, genau wie Dennis Lehane (der 2010 in „Moonlight Mile“ Patrick Kenzie und Angela Gennaro wieder mit dem Fall und den Folgen konfrontierte), auf den mündigen Zuschauer.

Die beiden Privatdetektive sollen, beauftragt von der Schwiegermutter die verschwundene vierjährige Amanda McCready suchen. Die Mutter Helene taugt nur als schlechte Beispiel und alle befürchten das Schlimmste. Denn obwohl die Polizei, unterstützt von den Medien und halb Boston Amanda sucht, gibt es keine Spur.

Im Film, wie im Buch (da noch deutlicher), begeben sich Kenzie und Gennaro in das Herz der Finsternis. Denn weil es keine Lösegeldforderung gibt, befürchten sie, dass Amanda entweder in den Händen von Kinderschändern ist und vielleicht schon tot ist.

Als sie Amanda am Ende entdecken, stehen sie vor der Frage, ob sie Amanda aus den Händen der Entführer befreien und sie, entsprechend ihrem Auftrag, zur Mutter, die sich in der Vergangenheit einen Scheiß um ihre Tochter kümmerte, zurückbringen oder sie bei der sie liebenden Familie lassen sollen.

Gennaro möchte das Kind bei der Familie lassen. Kenzie entscheidet sich dagegen. Er bringt Amanda zurück, stürzt damit mehrere Familien und Polizisten ins Verderben und im letzten Bild lässt Regisseur Affleck uns mit der Frage, ob Patrick Kenzie richtig gehandelt hat, zurück. Denn Helene kümmert sich immer noch nicht um ihre Tochter.

Gone Baby Gone“ ist ein klassischer Privatdetektiv-Krimi, der fest in der Tradition verwurzelt ist, sich deutlich am New-Hollywood-Kino der siebziger Jahre orientiert und seine Geschichte als spannenden Vorwand nimmt, um moralische Fragen vielschichtig zu behandeln und den Zuschauer am Ende ohne eine einfache Antwort zurücklässt. Da ähnelt er sehr Clint Eastwoods ebenso gelungener Dennis-Lehane-Verfilmung „Mystic River“. Gleichzeitig fällt auf, wie sehr Ben Affleck auch mit vielen Außenaufnahmen, einheimischen Schauspielern und Laien, ein Bild von seiner Heimatstadt zeichnet.

Und Casey Affleck erscheint jetzt als die einzig mögliche Besetzung für Patrick Kenzie, den er als einen jugendlichen (31 Jahre!), von der Aufgabe scheinbar überforderten (normalerweise sucht er mit seiner Partnerin untergetauchte Erwachsene), bauernschlauen, furchtlosen und auch hartnäckig-starrköpfigen Mann spielt, dessen resignierte Traurigkeit schon von der ersten Minute erahnen lässt, wie schlecht die Geschichte ausgeht. Nach „Gone Baby Gone“ spielte Casey Affleck in „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ den Bösewicht und er war das Beste an diesem bedeutungsschwanger-langatmigen Western. In der zu texttreuen und daher durchwachsenen Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ war er der Antiheld Lou Ford und gerade sein harmloses Aussehen machte Lou Ford noch bedrohlicher. Beide Male zeigte Casey Affleck was er kann und auch in der jetzt im Kino laufenden Einbrecherkomödie „Aushilfsgangster“ spielt er wieder einen Charakter, der sich, aufgrund seiner Wertvorstellungen, gegen seine Freunde stellen muss.

Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ ist, auch beim wiederholten Sehen, ein guter Film, der mit der Zeit sogar besser wird. 2007 war er, als er im Kino lief, einer meiner Lieblingsfilme – und vier Jahre später hat sich an meiner Meinung nichts geändert. Im Gegenteil.

Und wenn ich irgendwann eigene Kinder habe…

 

Das Bonusmaterial

 

Das Bonusmaterial ist auf den ersten Blick nicht besonders umfangreich, aber sehenswert. Besonders die informativen Audiokommentare zum Film und den „Geschnittenen Szenen“ (wobei sie hier wenig sagen) von Regisseur und Drehbuchautor Ben Affleck und Drehbuchautor Aaron Stockard beeindrucken durch ihre nüchterne, analytische Schärfe, die man eher bei einem Audiokommentar, der Jahre nach der Fertigstellung des Films aufgenommen wurde, vermutet hätte. Bei den „Geschnittenen Szenen“ nimmt der anders geschnittene Anfang, in dem Patrick Kenzie und Angela Gennaro bei der Arbeit und in ihrer Wohnung gezeigt werden, die Hälfte der 17 Minuten in Anspruch. Affleck hatte die Szenen dann aus Zeitgründen weggelassen.

Die beiden Featurettes sind okay, aber etwas kurz und arg hektisch geschnitten.

Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel (Gone Baby Gone, USA 2007)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Ben Affleck, Aaron Stockard

LV: Dennis Lehane: Gone, Baby, Gone, 1998 (Kein Kinderspiel; später, aufgrund des Films „Gone Baby Gone“)

mit Casey Affleck, Michelle Monaghan, Morgan Freeman, Ed Harris, John Ashton, Amy Ryan

DVD

Studio Canal

Bild: 1,85:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (5.1 DD)

Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: 6 zusätzliche Szenen und alternatives Ende; Audiokommentar von Autor und Regisseur Ben Affleck und Co-Autor Aaron Stockard; Authentizität einfangen: Die Besetzung von „Gone Baby Gone“; Heimkehr: Hinter den Kulissen mit Ben Affleck; Trailer; Wendecover

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Gone Baby Gone“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Thrilling Detective über Patrick Kenzie und Angela Gennaro

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Dennis Lehane in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Liam Neeson erklärt das „After.Life“

November 1, 2011

 

Irgendetwas macht Liam Neeson im Moment richtig. Denn obwohl ich kein Die-hard-Liam-Neeson-Fan bin, habe ich fast alle seine neuen Filme, wie „96 Hours“, „The A-Team“, „72 Stunden – The next three days“ (gut, das war nur ein Kurzauftritt), „Unknown Identity“, „Five Minutes of Heaven“ und jetzt „After.Life“, das Spielfilmdebüt von Agnieszka Wojtowicz-Vosloo, gesehen und wirklich schlecht war keiner.

In „After.Life“ spielt Liam Neeson den Bestatter Eliot Deacon, der mit den Toten mitfühlt und die Trauerfeier so gestaltet, als ob die Toten ihm ihre Geheimnisse anvertraut hätten. Schon in den ersten Filmminuten umgibt ihm eine geheimnisvolle Aura.

Jetzt soll er Anna Taylor (Christina Ricci) für die Trauerfeier präparieren. Sie war eine junge, unsichere Schullehrerin, die gerade mit ihrem Freund Paul Coleman (Justin Long), weil er ein lukratives Jobangebot in einer anderen Stadt erhalten hat, Schluss gemacht hat. Kurz darauf starb sie bei einem Autounfall und sie wird in der Leichenhalle von Deacons Bestattungsunternehmen, das er anscheinend ohne Angestellte führt in einem alten Anwesen auf einem Friedhof führt, wach.

Das dürfte, ohne eine Tropfen Blut, die gruseligste Szene des ganzen Films sein und einen der vorderen Plätze in einer Liste der gruseligsten Filmszenen des Jahres einnehmen: Taylor blickt zu Deacon auf, der ihr höflich, aber gelangweilt erklärt, dass sie Tod sei, dass es immer wieder Tote gebe, die das nicht akzeptieren wollten und er sie für die Trauerfeier präparieren müsse. Zum Beweis zeigt er ihr ihre Sterbeurkunde.

Und nicht nur Anna fragt sich in dem Moment, ob Deacon komplett durchgeknallt ist, ober ob sie wirklich tot ist. Wojtowicz-Vosloo hält diese Frage ziemlich lange offen und damit bleibt in „After.Life“ auch lange unklar, wie real die Ereignisse sind.

After.Life“ ist ein spannender, kleiner Horrorthriller, der mit spürbarer Lust seine schwarzhumorige Geschichte ohne größere Moral erzählt. Es ist eine dieser hundsgemeinen Geschichten, die früher als Kurzgeschichte in „Alfred Hitchcock’s Mystery Magazine“ oder „Ellery Queen’s Mystery Magazine“ erschienen oder im Fernsehen bei „Amazing Stories“ oder „Alfred Hitchcock presents“ gezeigt wurden. Die TV-Filme basierten oft auf Kurzgeschichten, die teils bereits in einem Mystery Magazine erschienen waren. Und wie damals ist auch in „After.Life“ die Pointe unvorhersehbar und so richtig gemein.

Das Bonusmaterial besteht aus einem kurzem „Making of“, in dem die Regisseurin bereits auf wichtige Handlungsdetails und Wendungen eingeht (deshalb sollte es erst nach dem Film angesehen werden) und einem Audiokommentar. Beides ist informativ, aber eher Graubrot.

After.Life (After.Life, USA 2009)

Regie: Agnieszka Wojtowicz-Vosloo

Drehbuch: Agnieszka Wojtowicz-Vosloo, Paul Vosloo, Jakub Korolczuk

mit Liam Neeson, Christina Ricca, Justin Long, Chandler Canterbury, Celia Weston, Luz Ramos, Josh Charles

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Agnieszka Wojtowicz-Vosloo, Making of (7:30 Minuten), Deutscher und Originaltrailer, Wendecover

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „After.Life“

 

 


DVD-Kritik: Wer ist Hans Zimmer? Und was macht er in Hollywood?

Oktober 26, 2011

Hans Zimmer – Der Sound für Hollywood“ ist eine informative, aber auch arg unkritische, fünfzigminütige TV-Dokumentation über Filmkomponist Hans Zimmer, der in begüterten Verhältnissen in Königstein-Falkenstein im Taunus als Einzelkind aufwuchs, in London zur Schule ging, früh die Musik, vor allem die unerschöpflichen Klangwelten des damals brandneuen Synthesizer entdeckte, mit der Band „The Buggles“ 1979 den Hit „Video killed the Radio Star“ hatte und danach, weil er mit verschiedenen Sounds und Stilen experimentieren wollte, Filmkomponist wurde.

Zuerst arbeitete er in England bei Stanley Myers. Dort schrieb er zuerst die Musik für Autoverfolgungsjagden, später auch für „Ein Mann wie Taffin“ (dank Pierce Brosnan heute noch etwas bekannt), „Mein wunderbarer Waschsalon“, „The Fruit Machine“ und „Zwei Welten“.

Dann erhielt er einen Anruf aus Hollywood und gleich für seinen ersten Hollywood-Soundtrack „Rain Man“ erhielt er einen Oscar. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte. Jedenfalls ist der Zimmer-Sound in etlichen Blockbustern, aber auch kleinen Produktionen (wie seiner Musik für die Werner-Herzog-Filme „Unbesiegbar“ und „Rescue Dawn“) zu hören.

Zimmer schrieb, teilweise zusammen mit anderen Komponisten, die Musik für „Black Rain“, „Thelma & Louise“, „Crimson Tide“, „Operation Broken Arrow“, „The Rock – Fels der Entscheidung“, „König der Löwen“, „Besser geht’s nicht“, „Der schmale Grad“ (okay, das ist ein kleiner, nur unter Cineasten bekannter Film, aber Regisseur Terence Malick bewunderte Zimmers Musik für den „König der Löwen“ und er brachte Zimmer und Herzog zusammen), „Gladiator“, „Hannibal“, „Pearl Habor“, „Black Hawk Down“, „Sherlock Holmes“, „Inception“, die neuen „Batman“- und die „Pirates of the Caribbean“-Filme (für den ersten Film schrieb sein Schüler Klaus Badelt die Musik) und viele weitere Filme.

In der Dokumentation „Hans Zimmer – Der Sound für Hollywood“ reihen Ariane Rieker und Dirk Schneider, chronologisch dem Lebensweg von Hans Zimmer folgend, Interviews mit Jugendfreunden, Lehrern, Musikern und Regisseuren, die teils immer noch mit ihm zusammen arbeiten, aneinander. Einige kurze Filmausschnitte ergänzen die sprechenden Köpfe. Aber sie haben vor allem illustrativen Charakter und es gibt ziemlich wenig Musik zu hören.

Das absolut empfehlenswerte Bonusmaterial besteht aus längeren Ausschnitten aus den für die Dokumentation gemachten Interviews, die sich auf gut zwei Stunden summieren. Am längsten kommt Hans Zimmer mit 45 Minuten zu Wort.

Einen guten Einblick in die Arbeit von Zimmers Studio Remote Control bieten vor allem die Interviews mit Ramin Djawadi und Lorne Balfe. Denn in der Dokumentation kommt genau dieser Aspekt etwas kurz.

Insgesamt entsteht hier, viel stärker als in der Dokumentation, das Bild eines Mannes, der sich vor allem als Dienstleister für Hollywood sieht. Einer, der versucht die Filme besser zu machen. Denn obwohl jeder Filmfan seinen Teil an Filmen gesehen hat, für die Hans Zimmer die Musik geschrieben hat und man den Zimmer-Sound auch erkennt, hat er doch keine Stücke geschrieben, die sich, wie die Melodien von Lalo Schifrin, Jerry Goldsmith, Ennio Morricone oder, um auch einige Jüngere zu nennen, James Newton Howard, Danny Elfman oder Howard Shore, in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben.

Aber vielleicht sollte ich bei dem nächsten Film, für den Hans Zimmer die Musik komponierte, einfach mal genauer auf den Sound hören.

Hans Zimmer – Der Sound für Hollywood (D 2011)

Regie: Ariane Rieker, Dirk Schneider

Drehbuch: Ariane Rieker, Dirk Schneider

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial (110 Minuten, deutsch untertitelt): Interviews mit Jeffrey Katzenberg (Dream Works Animation), James L. Brooks (Regisseur), Stephen Frears (Regisseur), Geoff Downes (The Buggles), Martin Tillman (Cellist), Sam Schwartz (Hans Zimmers Agent), Werner Herzog (Regisseur), Gore Verbinski (Regisseur), Ramin Djawadi (Komponist bei Remote Control), Lorne Balfe (Komponist bei Remote Control), Hans Zimmer

Länge: 50 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage von Hans Zimmer und von seiner Firma Remote Control

Wikipedia über Hans Zimmer (deutsch, englisch)



DVD-Kritik: Ist „Der Kandidat“ auch „The best man“?

Oktober 21, 2011

Es ist eine Binsenweisheit der amerikanischen Politik, dass der Mann, der eine Wahl zu gewinnen versteht, diesen Sieg nicht verdient“, ätzt Trevanian in seinem Thriller „Shibumi“ auch über die Auswahl US-amerikanischer Präsidentschaftskandidaten – und bei einem Blick auf die Spitzenkandidaten für das eben gewählte Berliner Abgeordnetenhaus oder die Spitzen der Bundesregierung fällt es einem wirklich schwer, Trevanian energisch zu widersprechen und man fragt sich, warum sich die ungeeigneten und nicht die geeigneten Kandidaten durchsetzen.

Der schon 1964 entstandene Film „Der Kandidat“ gibt eine Antwort auf diese Frage. Franklin J. Schaffners Film basiert auf einem erfolgreichem Theaterstück von Gore Vidal, der auch das Drehbuch für den Film schrieb und als Edgar Box zwischen 1952 und 1954 drei Krimis veröffentlichte. Der Film schildert die letzten Stunden vor der Wahl des Präsidentschaftskandidaten einer namentlich nie genannten Partei.

William Russell (Henry Fonda) liegt knapp in Führung. Er ist ein überlegt handelnder Politiker, der in einem ehrlichem Kampf gewinnen will. Intime Details über seine Gegner und Verleumdungen gehören daher nicht zu seinem Repertoire.

Sein Herausforderer ist der jüngere, etwas an John F. Kennedy erinnernde, aus kleinen Verhältnissen stammende, skrupellose Joe Cantwell (Cliff Robertson). Ihm ist egal, mit welchen Methoden er seine Ziele erreicht und im Zweifel reagiert er schnell, entschlossen und mit unerbittlicher Härte. Für ihn ist Politik nicht die Suche nach der besten Lösung, sondern Kampf. Ein Kampf, in dem er seine Gegner vernichten will. Deshalb will er mit den illegal beschafften medizinischen Unterlagen von William Russell diesen zum Rückzug bewegen. Wenn nicht, wird er das Dossier den Delegierten geben.

Russell überlegt, ob er seinen Prinzipien folgen und damit auf das ersehnte Amt zugunsten eines schlechteren Kandidaten verzichten soll oder ob er kämpfen und dabei gegen seine Prinzipien verstoßen soll.

Und zwischen den beiden Kandidaten steht der derzeitige Präsident Art Hockstader (Lee Tracy), der unentschlossen ist, welchen Mann er den Delegierten empfehlen soll.

Der Kandidat“ (wobei der Originaltitel „The best man“ hübsch doppeldeutig und treffender ist) ist der geglückte Fall eines politischen Dramas, in dem klar gezeichnete Charaktere und Prinzipien gegeneinander antreten und man auch einiges über den hinter den Kulissen stattfindenden Kampf um Ämter erfährt. Dabei sind einige Aspekte des 1964 gedrehten Films, wie der Hinweis des amtierenden Präsidenten während seiner Eröffnungsrede auf mögliche afroamerikanische und weibliche Präsidenten oder die Schmutzkampagnen der Kandidaten, die den anderen mit Hinweisen auf ihre Gesundheit, militärische Laufbahn und Sexualleben diskreditieren wollen, teils geradezu prophetisch, teils immer noch aktuell.

Dass „Der Kandidat“ glänzend gespielt und inszeniert ist, muss wohl nicht extra erwähnt werden. „Einer flog übers Kuckucksnest“- und „Thomas Crown ist nicht zu fassen“-Kameramann Haskell Wexler war auch hier für die Bilder zuständig. Gore Vidals Drehbuch war für den Preis der Writers Guild of America nominiert und Lee Tracy, der den Präsident der USA als einen bauernschlauen Hinterzimmerpolitiker mit dem Gestus des lieben Onkels von nebenan spielte, war für einen Oscar und einen Golden Globe nominiert; nachdem er die Rolle schon erfolgreich auf dem Broadway gespielt hatte.

Und Franklin J. Schaffner führte später unter anderem bei „Planet der Affen“, „Patton“ und „Papillon“ Regie.

Der Kandidat (The best man, USA 1964)

Regie: Franklin J. Schaffner

Drehbuch: Gore Vidal

LV: Gore Vidal: The Best Man, 1960 (Theaterstück)

mit Henry Fonda, Cliff Robertson, Edie Adams, Margaret Leighton, Shelley Berman, Lee Tracy, Ann Sothern, Gene Raymond, Kevin McCarthy, Mahalia Jackson, Gore Vidal (Cameo als Delegierter)

DVD

Eurovideo

Bild: 1,66:1 (4:3 Letterbox)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Mono)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Originaltrailer

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Kandidat“ (deutsch, englisch) und über Gore Vidal (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Der Kandidat“

Homepage von Gore Vidal

 


DVD-Kritik: „Caged“, oder Was passiert, wenn man irgendwo im Hinterland die Hauptstraße verlässt

Oktober 13, 2011

Inspiriert von wahren Ereignissen“ scheint inzwischen die Formel zu sein, um jede noch so abstruse Geschichte mit etwas „Realität“ zu adeln. Denn auch bei „Caged“ erfährt man nicht, welche wahren Ereignisse die Geschichte inspiriert haben und etwas künstlerische Freiheit geht immer.

Jedenfalls werden in diesem französischem Horrorfilm drei Ärzte (zwei Männer, eine Frau), nachdem sie irgendwo in Ex-Jugoslawien eine Abkürzung genommen haben (Merke: Verlasse niemals die Hauptstraße!), entführt. Ihre Entführer sprechen nur irgendeine fremde Sprache und anstatt das Jungärztetrio gleich zu schlachten, halten sie sie zunächst im Keller gefangen. Ziemlich schnell wird klar, dass sie als Organspender herhalten sollen.

Über die offensichtlichen Vorbilder von „Caged“ muss wohl nicht groß gesprochen werden. Immerhin gab es in den vergangenen Jahrzehnten wahrlich genug Horrorfilme, in denen einige unschuldige, vorwiegend jüngere Menschlein in die Hände einer durchgeknallten Hinterwaldsippe fallen und dann geht das lustige Abschlachten los. Weil die Genrekonventionen so starr sind, ist es schwierig, etwas Neues zu erzählen. Auch „Caged“ folgt brav und überraschend kurz den Genrevorgaben. Denn nach 75 Minuten ist bereits alles vorbei.

Dennoch ist der Mittelteil, die Gefangenschaft der Ärzte, zu lang geraten. Denn die Gefangenen warten, abgesehen von einem Fluchtversuch, nur, dumpf brütend, auf ihr Schicksal.

Wenn’s dann doch mit dem Ausbruch losgeht, muss man die üblichen Idiotien ertragen (Wobei: Warum glaube ich, dass ich in dieser Situation vernünftig handeln würde?). Jedenfalls sucht die Jungärztin Carole (Zoé Felix) nicht nach dem Schlüssel für die Zellen, sondern sie holt in einer supergefährlichen Aktion einen Bolzenschneider. Sie schnappen sich, als Waffen, auch keine Messer aus dem versifftem OP-Raum, sondern laufen einfach über einen vom Haus der Bösewichter gut einsehbaren Feldweg einen gefühlte Ewigkeit los zum schützenden Wald, während gleich neben dem Haus ebenfalls ein Wald ist. Und selbstverständlich versuchen sie nicht, Hilfe herbeizutelefonieren.

Aber das gehört auch irgendwie zum festen Inventar des Genres. Geändert haben sich in den vergangenen Jahrzehnten nur die Bilder. Inzwischen sehen auch schlechte Filme gut aus. Auch die Dialoge und die Schauspieler sind okay.

Caged“ ist wahrlich kein Film, den man sich ansehen muss. Der Gore- und Ekel-Anteil (immerhin hat der Film eine Ab-18-Jahre-Freigabe erhalten) hält sich in sehr überschaubaren Grenzen, wobei Carole ihre Kleider ordentlich mit Blut beschmutzen darf. Aber eine tiefere Botschaft entsteht so nicht und als psychologisches Drama war „Caged“ nie gedacht.

Caged (Captifs, Frankreich 2010)

Regie: Yann Gozlan

Drehbuch: Yann Gozlan, Guillaume Lemans

mit Zoé Félix, Eric Savin, Arié Elmaleh, Ivan Franek, Igor Skreblin, Philippe Krhajac, Margaux Guenier, Goran Kostic

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (DTS, Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Originaltrailer

Länge: 84 min

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Wikipedia über „Caged“

 


DVD-Kritik: Charles Bronson jagt den „weißen Büffel“

Oktober 7, 2011

‚Der weiße Hai‘ im Wilden Westen“ war wohl in Hollywood der Pitch für diese Dino-De-Laurentis-Produktion gewesen. Und mit Charles Bronson, der damals in den Siebzigern einer der großen Stars war, einer Riege verlässlicher Nebendarsteller, „James Bond“-Komponist John Barry für die Musik, „Silent Movie“- und „Buffalo Bill und die Indianer“-Kameramann Paul Lohmann für die Bilder, einem üppigen Budget von gut fünf Millionen Dollar und Action-Routinier J. Lee Thompson („Die Kanonen von Navarone“, „Ein Köder für die Bestie“ und, nach diesem Film, etliche Charles-Bronson-Filme) als Regisseur sah es nach einem guten Geschäft zwischen all den anderen Tierfilmen, die im Gefolge von dem „Weißen Hai“, in den Kinos liefen („King Kong“, „Orca“, „Piranhas“,…), aus.

Dem war aber nicht so. In den USA wurde der Film kaum gezeigt. Die Kritiken waren vernichtend („nur mäßig spannender Monsterfilm…psychedelisch verbrämte Unsinn ist streckenweise von unfreiwilliger Komik.“ [Lexikon des internationalen Films]) und „Der weiße Büffel“ verschwand ohne eine nennenswerte Spur aus dem öffentlichem Bewusstsein. Im TV wurde er auch anscheinend nie gezeigt.

Dabei hat der Film als surrealer Alptraum durchaus seine Qualitäten; wobei unklar ist, ob die Macher das beim Dreh so geplant hatten. Denn in „Der weiße Büffel“ erinnert der Wilde Westen eher an die Studiokulissen aus den 30er-Jahre-Horrorfilmen irgendwo zwischen „Dracula“ und „Frankenstein“ und an Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Adaptionen, die alle in einer künstlichen, nebligen Kulissenwelt gedreht wurden. Vor allem wenn der weiße Büffel ein Indianerdorf ausradiert oder Häuptling Crazy Horse (Will Sampson) in einer verregneten Nacht eine Postkutsche verfolgt oder wenn Wild Bill Hickok (Charles Bronson) sich in einem Wirtshaus, das wie ein raumloses Purgatorium wirkt, mit einigen Bösewichtern duelliert, ist die Stimmung nicht von dieser Welt. Dass Hickok von Alpträumen und Vorahnungen geplagt ist und deshalb den weißen Büffel töten will und, in der zweiten Hälfte des Films, ein großer Teil der Handlung in einer Höhle in den verschneiten Bergen spielt, trägt nur noch zu der surrealen Stimmung bei. Ebenso die schlampig inszenierten Action-Szenen und die extrem billig gemachte Animation des Büffels, der ohne die dramatische Musik ungefähr so bedrohlich wie ein mechanischer Bulle ohne Strom ist.

Da hätte Hickok nicht den halben Film mit einer extrem unförmigen Brille herumlaufen müssen.

Doch gerade diese Fehler tragen zur irrealen Atmosphäre des Films bei, in dem die Hauptpersonen von Schuldgefühlen und Ängsten geplagt sind. Insofern ist der weiße Büffel kein echter weißer Büffel, sondern er symbolisiert Hickoks Urängste und er versucht seine Angst zu bekämpfen indem er gegen seine Angst antritt. Das macht aus „Der weiße Büffel“ dann ein ziemlich paranoides Werk, in dem Hickok und Crazy Horse mit falschen Namen durch die Berge laufen und sich nur aufgrund ihrer Taten kurzzeitig Vertrauen können. Diese Zweckehe von zwei echten Männern ist dann der fragile Gegenpol zu dem allumfassendem Misstrauen und Fatalismus, der in vielen Post-Watergate-Filmen und auch in diesem Western, vorhanden ist.

Als Abenteuerfilm oder als Western ist „Der weiße Büffel“ dagegen ein ziemlicher Totalausfall.

Der weiße Büffel (The white buffalo, USA 1977)

Regie: J. Lee Thompson

Drehbuch: Richard Sale

LV: Richard Sale: The white buffalo, 1975

mit Charles Bronson, Jack Warden, Will Sampson, Kim Novak, Clint Walker, Stuart Whitman, Slim Pickens, John Carradine, Ed Lauter

DVD

Eurovideo

Bild: 1,85:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Mono)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Originaltrailer

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der weiße Büffel“

Los Angeles Times: Nachruf auf Richard Sale

 Wider Screenings über „Der weiße Büffel“

Creature Features über „Der weiße Büffel“

The League of Dead Films über „Der weiße Büffel“

Meine Besprechung von J. Lee Thompsons „Der gefährlichste Mann der Welt“

Meine Besprechung des Charles-Bronson-Films „Yukon“

 


DVD-Kritik: „Largo Winch II: Die Burma-Verschwörung“

Oktober 6, 2011

Am Ende von „Largo Winch“ hat Largo Winch (Tomer Sisley) sein Erbe, den multibillionendollarstarken Konzern seines ermordeten Vaters angenommen und auch den Mörder seines Vaters gefunden.

Am Anfang von „Largo Winch II“ hat Largo Winch beschlossen, den Konzern zu verkaufen und das gesamte Geld für wohltätige Zwecke zu investieren. Klar, dass das den anderen Kapitalisten nicht gefällt. Und dass wenige Sekunden nachdem er den Vertrag, der den Verkauf seines Konzern regeln soll, unterschrieben hat, UN-Chefanklägerin Diane Francken (Sharon Stone im „Basic Instinct“-Modus) ihn als Kriegsverbrecher wegen Menschenrechtsverletzungen in Burma anklagt wird, ist sicher kein Zufall.

Largo Winch will die Wahrheit herausfinden und er will auch herausfinden, was sein Vater mit dem Massaker in Burma zu tun hat. Denn er kann nicht glauben, dass sein Vater diese Verbrechen veranlasst hat. Allerdings hatte sein Vater auch den Zugriff auf ein ultrageheimes Bankkonto, über das Geld nach Burma geflossen ist.

Nach dem tollen ersten „Largo Winch“-Film ist die Fortsetzung eine leichte Enttäuschung. Es ist zwar wieder alles da, was den ersten Film zu einem bunten Action-Abenteuer voller Exotik (die Geschichte spielt unter anderem in Hongkong, Burma, Schweiz, Kasachstan und es wurde auch viel vor Ort gedreht), Action, Liebe, großer Verbrechen und Witz gemacht hat. Die Schauwerte sind beträchtlich. Auch die Besetzung ist gut.

Aber dieses Mal ist die Intrige etwas durchsichtig geraten (was verschmerzbar ist) und, was wirklich ärgerlich ist, die Action-Szenen wurden, wie es im Moment Mode ist, so zerschnipselt, dass man von den Kämpfen nichts mehr mitbekommt. Da erinnert eine Autoverfolgungsjagd in den ersten Filmminuten an die grottige Autoverfolgungsjagd aus dem letzten James-Bond-Film „Ein Quantum Trost“. Da wird in einem Kampf ein Luxus-Hotelzimmer zerlegt und außer wilden Schnitten und schattenhaften Bewegungen kriegt man von dem Kampf nichts mit und man fragt sich dann doch, was es uns nützt, wenn der Hauptdarsteller seine Stunts selbst macht.

Der zweite Largo-Winch-Film ist kein schlechter Film, aber es ist ein Film, der besser hätte sein können.

Largo Winch II: Die Burma-Verschwörung (Largo Winch II, Frankreich/Belgien/Deutschland 2011)

Regie: Jérôme Salle

Drehbuch: Jérôme Salle, Julien Rappeneau, Jean Van Hamme (Mitarbeit)

LV: Comic von Jean Van Hamme und Philippe Francq

mit Tomer Sisley, Sharon Stone, Ulrich Tukur, Olivier Barthélémy, Nicolas Vaude

DVD

Sunfilm/Tiberius Film

Bild: 16:9 (1:2,35)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, DD 5.1), Französisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Bonus-DVD mit viel Stoff

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(DVD, Blu-ray und 3D-Blu-ray sind ab dem 15. September im Verleih; 2-Disc-Special-Edition ist ab dem 6. Oktober im Verkauf)

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Largo Winch“ (deutsch, französisch)

Meine Besprechung von „Largo Winch“


DVD-Kritik: Francis Ford Coppola liefert das „Full Disclosure“ für seinen Klassiker „Apocalypse Now“

Oktober 2, 2011

Alles, was Sie schon immer über „Apocalypse Now“ wissen wollte, aber niemals zu fragen wagten, finden Sie in der jetzt erschienenen „Full Disclosure“-Ausgabe des Films. Neben den Extras, die auf früheren US-DVD-Ausgaben des Films enthalten sind, gibt es auch etliche brandneue Extras. In Deutschland sind sie, nachdem in früheren DVD-Ausgaben des Films, die entweder die alte Kino- oder die neuere „Redux“-Fassung im falschen Bildformat und immer ohne nennenswerte Extras, enthielten, alle neu.

Damit gibt es jetzt endlich eine Blu-ray und DVD-Ausgabe (sie ist anscheinend identisch mit der für diese Besprechung angesehenen Blu-ray), die der Bedeutung des Films angemessen ist.

Der Film

Die Filmstory dürfte bekannt sein: Captain Willard (Martin Sheen) soll den durchgeknallten Army-Colonel Kurtz (Marlon Brando) töten. Kurtz hat, abseits aller militärischen Befehle, im Dschungel ein Königtum errichtet. Willard macht sich mit einem kleinen Patrouillenboot auf den Weg in das „Herz der Finsternis“ (so der Titel von Joseph Conrads Novelle, die die Vorlage für den Film war).

Für Coppola stand diese Reise von Willard, die auch so während der Dreharbeiten vom gesamten Filmteam unternommen wurde, für eine Reise immer tiefer in die Geschichte der Menschheit von der Zivilisation zurück zu ihren primitiven Ursprüngen.

Nachdem schon die Dreharbeiten viel länger als geplant gedauert hatten, zog sich auch die Postproduktion endlos hin und in den Zeitungen wurde immer wieder von dem absehbarem finanziellem und künstlerischem Desaster des Regisseurs, der mit „Der Pate“ und „Der Pate 2“ zum Star wurde, geschrieben.

In Cannes zeigte Francis Ford Coppola 1979, als eine Art Vorwärtsverteidigung, eine noch nicht endgültig geschnittene Version des Film. Im Bonusmaterial sagt er, dass sie damals den Film zum ersten Mal vor Publikum zeigten und es weitgehend die auch für die Kinoauswertung geplante Fassung war. Der Film gewann, mit Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“, die Goldene Palme.

2001 zeigte Coppola, wieder in Cannes, die fünfzig Minuten längere „Redux“-Version des Films, in der vor allem die Szene mit den französischen Kolonialisten (einige Ausschnitte waren in der 1991 fertiggestellten Dokumentation „Hearts of Darkness“ enthalten), die Szene mit den Playboy-Bunnies in dem vom Sturm verwüsteten Lager, etliche Szenen mit Lt. Col. Kilgore neu und viele kleinere Änderungen enthalten waren.

Diese 200-minütige „Redux“-Version von „Apocalypse Now“ gefällt mir besser als die ursprüngliche Version. „Apocalypse Now Redux“ ist letztendlich kurzweiliger, stringenter und in sich geschlossener als die 150-minütige Version.

Das Bonusmaterial

Von den DVD-Ausgaben neuer Filme wissen wir, dass Masse (sowohl die Länge des Bonusmaterials als auch die anwählbaren Menüpunkte) nichts über die Klasse des Materials aussagen. Bei der „Full Disclosure“-Version von „Apocalypse Now“ stimmt in jedem Fall die Masse. „Über neun Stunden Bonusmaterial“ steht auf dem Cover und das ist sogar tiefgestapelt. Denn die Audiokommentare für den Spielfilm und die spielfilmlange Dokumentation „Hearts of Darkness“ (die hier erstmals in Deutschland auf Blu-ray und DVD veröffentlicht wurde) wurden nicht mitgezählt.

Außerdem stimmt hier auch die Klasse. Denn bis auf ein, zwei kurze Featurettes (von insgesamt unter zehn Minuten Laufzeit) ist das gesamte Bonusmaterial sehr informativ und damit auch sehenswert.

In Deutschland ist, nachdem die vorherigen DVD-Ausgaben letztendlich nur den Film enthielten, wie gesagt, das gesamte Bonusmaterial neu. In den USA erschien einiges schon auf der „Special Edition – The Complete Dossier“-Fassung.

Brandneu sind vor allem zwei jeweils gut einstündigen Interviews von Francis Ford Coppola mit Drehbuchautor John Milius und Hauptdarsteller Martin Sheen und das, mit vielen Bildern vom Casting illustrierte, Gespräch mit Casting Director Fred Roos. Mit Milius unterhält Coppola sich über das Drehbuch und die Vorproduktion. Dabei betont Coppola immer wieder, wie wichtig Milius‘ Drehbuch war und dass etliche der bekannten Szenen und Sätze schon im Drehbuch standen. Mit Sheen unterhält er sich über die Dreharbeiten und das Gespräch wird anekdotischer.

Schon etwas älter sind die Featurettes über die Postproduktion, wozu vor allem das Sound-Design und die Musik gehören, Marlon Brandos T.-S.-Elliot-Rezitation mit Bildern von den Dreharbeiten und ein fast vierzigminütiges Gespräch von Filmkritiker Roger Ebert mit Francis Ford Coppola in Cannes 2001 anlässlich der Premiere der „Redux“-Fassung. Sehenswert, auch wegen der vielen Filmaufnahmen von der Vorbereitung und den Dreharbeiten und den vielen Interviewpartnern (oft für aktuelle Interviews), sind sie alle.

Es gibt, in bescheidener Bildqualität, eine gute halbe Stunde, zusätzlicher Szenen und den legendären, aber missverständlichen, von Coppola kommentierten, Abspann zur Ursprungsversion von „Apocalypse Now“. Nach den Dreharbeiten mussten sie das Camp von Kurtz vernichten. Coppola meinte, wenn sie es schon abreißen müssten, könnten sie doch auch einige Bilder davon machen. Sie stellten etliche Kameras (auch Infrarotkameras) auf und jagten das Lager in die Luft. Diese Bilder zeigte er dann im Abspann als psychedelische Erfahrung. Das Publikum verstand die Bilder allerdings als zweites Ende, in dem das Lager zerstört wird. Weil das aber nicht seine Absicht gewesen war, entfernte er die Aufnahmen aus dem Abspann und es entstand nach der Cannes-Premiere das Gerücht von den verschiedenen Enden des Films.

Als Ergänzung zu diesem Bonusmaterial gibt es den mit zwei Emmys ausgezeichneten, spielfilmlangen Dokumentarfilm „Hearts of Darkness – Reise ins Herz der Finsternis“. Der Film dokumentiert chronologisch die Dreharbeiten. Coppola hatte während des Drehs seine Frau beauftragt, ein „Making of“ zu drehen, das dann als fünfminütiger TV-Beitrag zum Filmstart gezeigt werden sollte. Weil er für dieses „Making of“ den Endschnitt hatte, durfte Eleanor Coppola viel, auch die künstlerischen Krisen und Selbstzweifel ihres Mannes, aufnehmen. Aus dem Mini-“Making of“ wurde nichts und die Aufnahmen verschwanden im Archiv, bis Fax Bahr und George Hickenlooper davon erfuhren und daraus einen längeren Film, ergänzt um neue Interviews, machen wollten.

Coppola, der die Rechte an den Aufnahmen besaß, war einverstanden und, auch wenn ihm nicht alles an der Dokumentation „Hearts of Darkness“ gefiel, legte er kein Veto gegen die Ausstrahlung ein. Denn, so dachte er, die Dokumentation werde einige Male im Fernsehen laufen und dann vergessen werden. Aber sie wurde immer wieder gezeigt und lief sogar im Kino. Auch in Deutschland gab es, was damals für Dokumentationen selten und für Dokumentationen über Filme noch seltener war, einen Kinostart. Denn „Hearts of Darkness“ zeigt, durchaus kritisch, die Dreharbeiten und einen Regisseur, der zuerst nur einen kleinen, kommerziellen Kriegsfilm drehen wollte, dann über drei Jahre mit 238 Drehtagen im Dschungel verbrachte und Haus und Hof riskierte.

Zu der spielfilmlangen Dokumentation gibt es noch einen 2007 getrennt aufgenommenen Audiokommentar von Eleanor Coppola und ihrem Mann Francis Ford Coppola, der einige Dinge, die ihm falsch dargestellt erschienen, klarstellen wollte. Es geht dabei vor allem um den Herzanfall von Martin Sheen und seine Reaktion gegenüber den Geldgebern in Hollywood darauf.

Ärgerliche Momente

Letztendlich haben mich bei der Blu-ray nur drei Kleinigkeiten gestört:

Ich musste die Blu-rays mit dem Bonusmaterial öfters komplett neu starten, weil ich nur so das nächste Feature abspielen konnte.

Die deutschen Untertitel enthalten erschreckend viele Schreibfehler.

Und, so löblich es auch ist, dass es einen umfangreichen Ausschnitt aus dem Drehbuch mit handschriftlichen Anmerkungen und das Original-Kinoprogramm von 1979 mit einem Vorwort vom Meister höchstpersönlich gibt, so ärgerlich ist es, dass man die Texte nicht vergrößern kann. D. h. erst wenn der Bildschirm groß genug ist, kann auch das Drehbuch gelesen werden.

Apocalypse Now (Apocalypse Now, USA 1979)

Regie: Francis Ford Coppola

Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola

LV: Joseph Conrad: Heart of Darkness, 1899 (Herz der Finsternis)

mit Martin Sheen, Robert Duvall, Marlon Brando, Fred Forrest, Sam Bottoms, Albert Hall, Larry Fishburne, Dennis Hopper, Harrison Ford, G. D. Spradlin, Bill Graham

Länge: 152 Minuten (Apocalpyse Now)

202 Minuten (Apocalypse Now Redux)

Bonusfilm

Hearts of Darkness – Reise ins Herz der Finsternis (Hearts of Darkness – A Filmmaker’s Apocalypse, USA 1991)

Regie: Fax Bahr, George Hickenlooper, Eleanor Coppola (Regie des Dokumentarmaterials während der „Apocalypse Now“-Dreharbeiten)

Drehbuch: Fax Bahr, George Hickenlooper

Premiere: 17. Mai 1991 (Internationales Filmfestival Cannes, „Un Certain Regard“)

Deutscher Kinostart: 12. März 1992

Länge: 95 Minuten

Blu-ray

Arthaus/Studio Canal

Bild: 2,35: 1 (1080p)

Ton: Deutsch (DTS-HD Master Audio 5.1), Deutsch (DTS-HD Master Audio 2.0 Stereo), Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1), Englisch (DTS 2.0 Surround)

Untertitel Disc 1: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Untertitel Disc 2: Deutsch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Russisch, Japanisch

Untertitel Disc 2: Deutsch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Japanisch, Englisch für Hörgeschädigte

FSK: ab 16 Jahre

(DVD identisch)

Das Bonusmaterial – oder was auf den Blu-rays ist:

Disc 1

Apocalypse Now Kinofassung von 1979

Apocalypse Now Redux

Audiokommentar von Francis Ford Coppola

Disc 2

Ein Gespräch mit John Milius (49:45)

Ein Gespräch mit Martin Sheen (59:26)

Fred Roos: Casting Apocalypse (Der Casting Director spricht über den Test hunderter Schauspieler für die verschiedenen Rollen) (11:43)

Radiosendung „The Mercury Theatre on the Air“, 6. November 1938 (Orson Welles liest Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“) (36:34)

The Hollow Men“ (Marlon Brando rezitiert T.S. Elliots Gedicht mit Szenen aus dem Film und von den Dreharbeiten) (16:56)

Die verlorene Szene aus „Affen auf dem Sampam“ (Eingeborene singen Doors-Song „Light my Fire“) (2:51)

Zusätzliche Szenen (26:08)

Zerstörung des Camps von Kurtz mit Credits und Kommentar von Francis Ford Coppola (6:02)

Die Entstehung des 5.1-Sounds (5:51)

Der Überflug der Geister-Helikopter (Sourround-Design) (3:55)

Apocalypse Now: Der Synthesizer-Soundtrack von Bob Moog (Artikel aus dem Contemporary Keyboard Magazine vom Januar 1980)

Der Schnitt von Apocalypse Now (17:55)

Die Musik von Apocalypse Now (14:44)

Das Sound-Design von Apocalypse Now (15:17)

Die endgültige Mischung (3:07)

Apocalypse damals und heute (Auszug aus einem Interview mit Roger Ebert über beide Versionen des Films) (3:42)

Filmfestival Cannes 2001: Roger Ebert unterhält sich mit Francis Ford Coppola (38:34)

Straßengang auf dem Boot (Vorstellung der Schauspieler von Willards Crew) (4:07)

Die Farbpalette von Apocalypse Now (Doku über den Technicolor-Transfer) (4:05)

Disc Credits

Disc 3

Hearts of Darkness- Reise ins Herz der Finsternis (Dokumentation über die Dreharbeiten)

Audiokommentar von Eleanor und Francis Ford Coppola

Auszug aus dem Drehbuch von John Milius mit Anmerkungen von Francis Ford Coppola

Storyboard-Sammlung (mehr als 200 Zeichnungen) (11:14)

Fotoarchiv (Filmfotos und SW-Fotos von Mary Ellen Mark) (2:37)

Marketing-Archiv (Kinotrailer 1979 [3:54], Radiospots 1979 [2:05], Original-Kinoprogramm von 1979 mit Informationen zur Geschichte des Films und einem Vorwort von Francis Ford Coppola, Kinoplakate und PR-Fotos [3:40], Filmplakate-Galerie [0:27; erstaunlich kurz])

außerdem

24-seitiges Booklet „In the Heart of the Movie“ mit Konzeptzeichnungen, Fotos und einem Vorwort von Francis Ford Coppola zur Full Disclosure Edition (Deutsch und Englisch)

5 SW-Postkarten

Hinweise

Wikipedia über „Apocalypse Now“ (deutsch, englisch)

Schnittberichte: Vergleich der Kino- mit der „Redux“-Fassung

Awesome Film: Drehbuch „Apocalypse Now“ von John Milius (Fassung vom 3. Dezember 1975)


DVD-Kritik: Ein Junge im „Black Heaven“

September 30, 2011

Wie so oft beginnt das Verhängnis mit einer kleinen Grenzüberschreitung. Einem harmlosen Bruch der Regeln. In dem französischem Thriller „Black Heaven“ ist es ein in einer Umkleidekabine gefundenes Handy. Während Gaspard das Handy am liebsten sofort beim Bademeister abgeben würde, ist Marions Neugierde geweckt – und was soll man auch sonst an einem Sommertag in den großen Ferien tun? Also beobachten die beiden Jungerwachsenen, wie sich die Besitzerin des Handys mit einem auch ihr unbekanntem Mann trifft. Sie verfolgen das Paar in einen Baumarkt und anschließend in einen Steinbruch. Dort können sie die Blondine vor einem Selbstmord retten. Ihr Freund ist bereits tot.

Gaspard stiehlt den Camcorder, der den Tod der beiden aufnehmen sollte. Außerdem ist er von dieser geheimnisvollen Blondine fasziniert. Er trifft diese Femme Fatale später wieder in einem Apartment, in dem einer seiner Freunde etwas Drogen von Samos kaufen will. Sie ist die Schwester von Samos.

Gaspard verliebt sich in sie und er will sie vor weiteren Selbstmordversuchen bewahren. Außerdem verstrickt er sich immer tiefer in das Computerspiel „Black Hole“, das wie eine SW-Version von „Tron“, mit etwas „Sin City“, aussieht. Dort ist sie eine sexy Sängerin, die in einem Club, zu dem nur wenige Zutritt haben, die Männer verführt.

Black Heaven“ ist ein ruhig erzählter, fast schon träumerischer Teen-Noir mit einer Prise David Lynch, der im Nachhinein mit seiner durchdachten Konstruktion beeindruckt. Denn auch wenn beim Sehen einige Szenen zunächst überflüssig wirken und daher etwas länglich sind, ist im Nachhinein keine Szene, wie zum Beispiel die etwas umständliche Einführung von Gaspard in das Computerspiel „Black Hole“ (denn eigentlich müsste ein Jugendlicher sich mit PC-Spielen auskennen) und die lebensgefährliche Mutprobe von Gaspards Freund Ludo und Samos, überflüssig. Im Gegenteil. In der Retrospektive enthalten auch diese Szenen Hinweise auf die Lösung; – wenn man sie richtig verstanden hätte.

In dieser Beziehung ist „Black Heaven“ dann auch ein formal äußerst gelungenes Wechselspiel zwischen Schein und Sein, das durch das Computerspiel noch eine zusätzliche Dimension erhält, die vor allem auf visueller Ebene beeindruckt.

Für die Story ist es eher eine nette Spielerei. Denn letztendlich ist es egal, ob Gaspard immer mehr in die Welt eines Computerspiels oder in die Welt des SM-Sexs eintaucht. Beide Male folgt der naive Jüngling den Spuren einer geheimnisvollen Frau und gerät in ein Spiel, das er nicht versteht.

 

Das Bonusmaterial

 

Das Bonusmaterial des in Cannes gelaufenen Films ist überschaubar und, bis auf das Interview mit Autor und Regisseur Gilles Marchand (der auch, zusammen mit Dominik Moll, das Buch für den Psychothriller „Lemming“ [mit Charlotte Rampling, André Dussollier und Charlotte Gainsbourg] schrieb) nicht sonderlich interessant.

Black Heaven (L’Autre Monde, Belgien/Frankreich 2010)

Regie: Gilles Marchand

Drehbuch: Gilles Marchand, Dominik Moll

mit Grégoire Leprince-Ringuet, Louise Bourgoin, Melvil Poupaud, Pauline Etienne, Pierre Niney, Ali Marhyar, Patrick Descamps, Pierre Vittet, Swann Arlaud

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (DTS, Dolby-Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Behind the Scenes, Interviews (mit Gilles Marchand, Grégoire Leprince-Ringuet, Louise Bourgoin, Melvil Poupaud), Deutscher Trailer, Originaltrailer

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Französische Seiten zum Film (Unifrance, Haut et Court)

Wikipedia über „Black Heaven“ (englisch, französisch)

 


DVD-Kritik: „Exam“ oder Acht Menschen kämpfen um einen Job

September 28, 2011

Acht Menschen, vier Männer und vier Frauen, die sich nicht kennen, die alle, bis auf einen, in den Dreißigern und aus unterschiedlichen Kulturen sind, sind in einem von der Außenwelt abgeschlossenem Raum. Sie haben sich für einen verdammt gutbezahlten Job beworben und jetzt stehen sie vor der letzten Prüfung. Sie sollen eine Frage beantworten, die auf der Rückseite des vor ihnen liegenden Papiers steht und auf die es nur eine Antwort gibt. Für diese auf den ersten Blick leichte Aufgabe haben sie achtzig Minuten Zeit.

Dummerweise steht, als sie das Blatt umdrehen, dort keine Frage. Es ist ein weißes Blatt Papier.

Nach einem kurzen Zögern beginnen sie, sich miteinander zu unterhalten. Gemeinsam versuchen sie die Frage herauszufinden. Doch wie sehr können sie sich vertrauen? Und was ist die Aufgabe, die sie erfüllen sollen?

Stuart Hazeldine erzählt in seinem Debütfilm „Exam“ diese Geschichte einer Einstellungsprüfung, in der acht Menschen um eine Stelle konkurrieren und sie, auch bedingt durch die Situation und die Unsicherheit über die Anforderungen des künftigen Arbeitgebers (vulgo des Spielleiters), Konkurrenten sind, die nur kurzzeitige Bündnisse eingehen. Insofern geht es hier weniger darum, die These, dass der Mensch ein Tier sei, zu belegen, sondern darum, neunzig Minuten spannende, weitgehend unblutige Unterhaltung zu liefern. Und das gelingt Hazeldine auch hundertprozentig.

Dagegen ist das Auswahlverfahren der Firma, sozusagen eine perfide Variante des Assessment-Centers, bei dem die Teilnehmer zuerst die Aufgabe herausfinden müssen, nicht so toll. Denn wenn am am Ende dem Kandidaten, der den Test bestanden hat, erklärt wird, warum er den Job erhält, hören wir eine wirre Erklärung, die ungefähr so durchdacht wie die haarsträubende Botschaft von Fritz Langs Science-Fiction-Stummfilmklassiker „Metropolis“, dass das Herz der Mittler zwischen Hand und Hirn sei, ist.

Im Rückblick wird dann auch das umstandslose Entfernen einzelner Bewerber, wenn sie, teilweise sogar unwissend, gegen eine der am Anfang vom Prüfungsleiter formulierten Regeln verstoßen, höchst irrational. Denn dem Unternehmen scheint es bei ihrem Auswahlverfahren nicht um das Finden des besten Mannes für den Job, sondern um das stupide Exekutieren eines Programms zu gehen. Dafür werden dann sogar Folterungen, ernsthafte Verletzungen und der mögliche Tod eines Teilnehmers in Kauf genommen. Jedenfalls verzieht der im Prüfungszimmer anwesende Wachmann nie seine Miene und er wird auch nur auf Befehl seines Vorgesetzten aktiv.

Also liebe Multis: Dieser Test ist nicht zur Nachahmung empfohlen.

Exam (Exam, GB 2009)

Regie: Stuart Hazeldine

Drehbuch: Stuart Hazeldine (nach einer Geschichte von Simon Garrity und Stuart Hazeldine)

mit Adar Beck, Gemma Chan, Nathalie Cox, John Lloyd Fillingham, Chuk Iwuji, Pollyanna McIntosh, Luke Mably, Jimi Mistry, Colin Salmon, Chris Carey

DVD

Euro Video

Bild: 2,35:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer, Wendecover

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Exam“

Digital Spy: Intervie mit Stuart Hazeldine und Jimi Misty über „Exam“ (3. Januar 2010)

The Skinny: Interview mit Stuart Hazeldine über „Exam“ (5. Januar 2010)

Electric Sheep: Interview mit Stuart Hazeldine über „Exam“ (8. Januar 2010)

What Cuture: Interview mit Stuart Hazeldine über „Exam“ (7. Juni 2010)

Indie London: Interview mit Stuart Hazeldine über „Exam“

 

 


DVD-Kritik: Die enttäuschende BBC-Dokumentation „Der Aufstieg des Geldes“

September 9, 2011

Die BBC-Dokumentation „The Ascent of Money“ des Harvard Professors Niall Ferguson erhielt 2009 den International Emmy Award als beste Dokumentation. Nach dem Ansehen der dreistündigen deutschen Fassung „Der Aufstieg des Geldes“ erschließt sich mir nicht die Preisvergabe nicht.

Das kann daran liegen, dass die deutsche Fassung aus vier 45-minütigen Episoden besteht. Die ursprüngliche Fassung bestand aus sechs jeweils gut 50-minütigen Episoden; also gute fünf Stunden. Eine neuere, anders geschnittene Fassung besteht aus vier einstündigen Episoden. Tja, und dann gibt es noch von BBC Germany und DCTP erstellte deutsche Fassung, die auf den vier einstündigen Episoden basiert und diese um ein Viertel kürzte.

In dieser Version ist die Argumentation des Wirtschaftshistorikers Ferguson, ohne solides wirtschaftswissenschaftliches Wissen, ziemlich unverständlich und eher verwirrend als erhellend. Denn ein roter Faden ist kaum auszumachen. Ferguson springt von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück, quer über den gesamten Globus; weshalb er ständig und ohne erkennbaren Mehrwert vor exotischer Kulisse steht. Denn bis auf ganz wenige Ausnahme wurde auf Interviews verzichtet. Stattdessen erzählt der Historiker Anekdoten aus der Geschichte des Geldes und der Börse. Mehr der Börse. Er erzählt von den Rothschilds und wie sie Geld verdienten. Er erzählt von der US-Immobilienkrise, dem Niedergang Argentiniens durch Staatsanleihen, der ökonomischen Verbindung zwischen China und den USA (die er „Chimerica“ nennt) und dem Sinn von Versicherungen.

Aber es bleiben Anekdoten, die einerseits viel Wissen voraussetzen (Wer weiß schon, was Derivate sind? Was Anleihen sind?), andererseits dürften sie alle, die das ökonomische Wissen haben und sich etwas für Wirtschaftsgeschichte interessieren, altbekannt sein.

So verschenkt die deutsche, extrem spartanisch ausgestattete Fassung von „Der Aufstieg des Geldes“ die Möglichkeit, einem breiten Publikum unterhaltsam ökonomische Zusammenhänge zu erklären.

Der Aufstieg des Geldes (The Ascent of Money, GB 2009)

Regie: Adrian Penninck

Drehbuch: Niall Ferguson

LV (wenn man so will): Niall Ferguson: The Ascent of Money, 2008 (Der Aufstieg des Geldes)

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 180 Minuten

FSK: Infoprogramm

Hinweise

Homepage von Niall Ferguson

BBC Germany über „Der Aufstieg des Geldes“

PBS über „The Ascent of Money“

Wikipedia über „The Ascent of Money“ 


DVD-Kritik: Renny Harlins Kriegsfilm „5 Days of War“

September 7, 2011

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ steht auf dem DVD-Cover und man möchte hinzufügen, dass es nach dem Krieg nicht besser wird. Denn „5 Days of War“ ist ein Spielfilm, der großzügig von Georgien gefördert wurde. Das legt, unabhängig von der historischen Wahrheit über den georgischen Fünftagekrieg im August 2008, eine bestimmte Sichtweise nahe und wenn dann nach achtzehn Minuten der Journalist Thomas Anders (Rupert Friend) und sein Kameramann Sebastian Ganz (Richard Coyle) erleben müssen, wie russische Jets eine friedliche und betont folkloristische georgische Hochzeitsfeier zerbomben, muss über die Verteilung der Sympathien kein weiteres Wort mehr verloren werden. Dagegen ist die historische Wahrheit; – nun, deutlich komplexer.

Die Bemühungen von Anders, die Bilder von dem Massaker auf der Hochzeit an einen amerikanischen TV-Sender zu verkaufen, scheitern. Zusammen mit Tatia (Emanuelle Chriqui), die in den USA studierte und seit dem Anschlag ihre Eltern vermisst, machen die beiden Reporter sich mit ihr auf die Suche nach ihrer Familie. Denn eine solche Human-Touch-Geschichte ist verkäuflich. Während ihrer Suche begegnen sie dann mehrfach den russischen Soldaten, besonders der von Colonel Demidov (Rade Serbedzija) geleiteten Einheit, und dokumentieren auch die Hinrichtung einer älteren Frau an einem Flussufer. Die Soldaten entdecken sie und wollen die Aufnahme haben. Anders und Ganz gelingt, mit der Hilfe einer georgischen Spezialeinheit, die Flucht. Aber noch sind sie nicht in Sicherheit – und gerade gegen Ende hat man den Eindruck, dass es den Russen nicht mehr um die Besetzung des Landes, sondern um die Tötung der Journalisten geht.

1986 betrat der finnische Regisseur Renny Harlin mit seinem Debütfilm „Born American“ die internationale Bühne. Der Kalte-Kriegs-Actionfilm, wie ihn Hollywood zu dieser Zeit, zwischen „Die rote Flut“ und „Invasion U. S. A.“ auch nicht anders produzierte, wurde in Finnland wegen hetzerischer Tendenzen verboten. Seitdem dreht Harlin, mit wechselndem kommerziellem Erfolg, in Hollywood Action-Filmen der Prä-Michael-Bay-Schule.

Auch „5 Days of War“ funktioniert in erster Linie als weitgehend austauschbarer Kriegsfilm mit einer sanften Liebesgeschichte. Denn in welchem Land gerade Soldaten, Söldner, Freischärler oder Rebellen Zivilisten ermorden ist für die Filmgeschichte ziemlich egal. In „5 Days of War“ sind es, wie in „Born American“, die Russen – und der georgische Präsident (Andy Garcia) präsentiert sich als eine Art Über-Ghandi.

Der Konflikt zwischen Russland und Georgien, über den wir im Film fast nichts erfahren, ist nur der Hintergrund für die eigentliche, fast schon nebenbei gezeigte Botschaft, dass in einem Krieg immer zuerst die Zivilbevölkerung leidet und dass heute die Medien (was vor allem für das Fernsehen gilt) nur noch an Entertainment interessiert sind. Gerade die Medienkritik ist so unterschwellig, dass sie zuerst kaum auffällt und einigen, wenn Anders und Ganz ihre Bilder am Filmende veröffentlichen, die Pointe entgehen könnte.

Eher schon fällt die zwiespältige Rolle von Kriegsreportern auf. Sie sind am Ort der Katastrophe, aber anstatt zu helfen, filmen sie. Und sie wollen einfach nur, mit möglichst spektakulären Bildern, dokumentieren, ohne Partei zu ergreifen. Inwiefern diese Position überhaupt machbar ist, wird in „5 Days of War“ nicht thematisiert. Denn in dem Film ist allen Kriegsreportern die Politik, verstanden als Verhandlungen zwischen Staatsoberhäuptern, herzlich egal. Ihnen geht es einfach nur um möglichst spektakuläre Bilder.

Und da ist Renny Harlin ihr bester Verbündeter. Denn die Bilder sind für eine nach Hollywood-Maßstäben kleine Produktion beeindruckend. Harlin drehte vor Ort in Georgien, teils in Gebieten, in denen die Gefechte stattgefunden hatten, und, dank der Unterstützung des Militärs, konnte er auf eine beeindruckende Menge an Hubschraubern, Panzern und Statisten zurückgreifen. Entsprechend groß sind die zahlreichen Kriegsszenen geraten und, wenn nicht die vielen schlechten CGI-Effekte wären, müssten sie sich auch nicht vor einer Big-Budget-Produktion verstecken.

5 Days of War“ ist als Kriegsfilm mit humanistischer Botschaft, sanfter Medienkritik und Hohegesang auf die tapferen Kriegsreporter durchaus gelungen. Als Polit-Thriller ist er dagegen ein ziemliches antikommunistisches Desaster. Und insgesamt ist „5 Days of War“ einer von Renny Harlins besten Filmen. Aber was heißt das schon, bei einem Mann, der mit „Stirb langsam 2“ (guter zweiter Teil), „Cliffhanger“ (mit seinem Freund Sylvester Stallone), „Deep Blue Sea“, „Die Piratenbraut“, „Tödliche Weihnachten“ (beide mit seiner damaligen Frau Geena Davis) und „Mindhunters“ (ebenfalls mit Val Kilmer) vor allem als mehr oder wenig glückloser Zweitverwerter mit Hang zu lärmiger Action aufgefallen ist und der in den vergangenen Jahren insgesamt fünf Razzie-Nominierungen erhielt.

 

Die DVD

 

Das Bonusmaterial ist quantitativ mit knapp 45 Minuten überzeugend, qualitativ aber bis auf das gut fünfzehnminütige Interview mit Renny Harlin vernachlässigbar. Emmanuelle Chriqui und Johnathon Schaech geben eher belangloses von sich; Val Kilmer (ich schätze mal zwei bis drei Drehtage) läuft einmal kurz ins Bild. Es gibt fünfzehn Minuten unkommentierte „Behind the Scenes“ und den deutschen Trailer.

5 Days of War (5 Days of War, USA 2010)

Regie: Renny Harlin

Drehbuch: Mikko Alanne (nach einem Drehbuch von David Battle)

mit Rupert Friend, Emmanuelle Chriqui, Richard Coyle, Andy Garcia, Val Kilmer, Dean Cain, Johnathon Schaech, Heather Graham, Rade Serbedzija, Antje Traue

DVD

Entertainment One

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Englisch, Französisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch

Bonusmaterial: Cast & Crew Interviews, Behind the Scenes, Trailer

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Collider: Interview mit Renny Harlin zum Film (31. August 2011)

IndieWire: Interview mit Renny Harlin zum Film (19. August 2011)

New York Times: Umfangreicher Bericht von Eric Pape über den Film (12. August 2011)

Wikipedia über „5 Days of War“ (deutsch, englisch) und über den Kaukasuskrieg 2008

Spiegel Online: Vergessene Krisen: Kalter Krieg im Kaukasus – Eine Analye von Uwe Klußmann (9. Juli 2011)

Human Rights Watch: Up in Flames (200-seitiger Report über Menschenrechtsverletzungen während des Krieges, Januar 2009)

European Monitoring Mission in Georgia (EUMM)

 


DVD-Kritik: „High Life“ mit Timothy Olyphant

August 26, 2011

High Life“ beginnt tagsüber mitten in der Stadt mit einem Schusswechsel bei einem vor einer Bank stehendem Geldtransporter. Dann kommt in einem Auto ein unrasierter Mann mit Strickmütze und Revolver ins Bild. Es friert ein und jemand sagt „Solang ich denken kann, wollt ich schon immer Anwalt werden.“

Schon jetzt ist klar, dass der Typ dieses Ziel wohl nicht erreichen wird. Er nennt sich Dick (Timothy Olyphant) und sein gerade aus dem Knast entlassener Kumpel Bug (Stephen Eric McIntyre) bringt ihn auch gleich wieder auf die schiefe Bahn. Bug ist ein ziemlich durchgeknallter Psychopath, der keine zehn Sekunden vorausplant, seine Probleme vor allem mit Gewalt löst, dabei über Leichen geht und immer den anderen die Verantwortung zuschiebt. So meint er: „Nur weil du jemand schlägst und der stirbt, dann heißt das noch in keinem Fall ‚du hast ihn umgebracht‘.“

Bug will auch gleich mit einem Überfall etwas Kleingeld verdienen. Aber Dick hat die Idee für einen großen Coup: sie wollen, – wir schreiben 1983 und Geldautomaten waren damals gerade brandneu -, einen Geldautomat ausrauben. Dabei sollen ihnen Dicks hypochondrischer Bruder Donnie (Joe Anderson) und der junge Schönling Billy (Rossif Sutherland), den Dick auf einem Treffen von Drogensüchtigen aufgegabelt hat, helfen. Denn, so Dick: „Er war echt schon im großen Stil dabei. – Er war eben noch nicht sehr erfolgreich. Naja, was Gefängnisse angeht.“

Der nur in ihren drogenumnebelten Hirnen genial geplante und durchdachte Coup geht dann doch nicht so glatt über die Bühne, wie die vier Drogensüchtigen es sich gedacht haben, und Bug improvisiert.

High Life“ ist eine schwarze, auf einem Theaterstück basierende Gangsterkomödie, die vor allem von den guten Dialogen, den Schauspielern (Hab ich schon gesagt, dass Olyphant mir dieses Mal richtig gut gefallen hat?) und dem pointiertem Schnitt lebt.

Timothy Olyphant überzeugt hier nach „Stirb langsam IV“ und „Hitman“ als Verbrecher. In den USA wird er gerade für seine Rolle als U. S. Marshals Raylan Givens, einem von Elmore Leonard erfundenem Charakter, den er in der TV-Serie „Justified“ spielt, von Krimifans und Kritikern abgefeiert. „Justified“ soll auch demnächst im deutschen TV laufen.

Stephen Eric McIntyre trat unter anderem in Scott Franks „Die Regeln der Gewalt“ (The Lookout) auf. Scott Frank schrieb auch, weil wir gerade bei Elmore Leonard sind, die Drehbücher für die grandiosen Leonard-Verfilmungen „Out of Sight“ und „Schnappt Shorty“ (Get Shorty).

Joe Anderson (Control, Across the Universe, The Ruins, The Crazies) und Rossif Sutherland (wir ahnen es bei dem Nachnamen, ist ein Sohn von Donald Sutherland und damit ein Halbbruder von Kiefer Sutherland) komplettieren das Verbrecherquartett und an ihrem Spiel ist nichts auszusetzen.

Außerdem ist der Film mit knapp siebzig Minuten (mit dem Abspann werden es dann 75 Minuten) so kurz, dass er vorbei ist, ehe es langweilig werden kann.

High Life“ ist somit definitiv ein Film, den sich Genrejunkies ansehen können, der auch 2009 auf der Berlinale im „Panorama“ lief und ganz gut ankam.

Und, nachdem ich jetzt schon Elmore Leonard so oft erwähnt habe: ja, ein kräftiger Touch Elmore Leonard findet sich auch in „High Life“.

Das Bonusmaterial ist mit einem zehnminütigem „Making of“, zwei geschnittenen Szene und dem deutschen Trailer arg überschaubar. Immerhin ergeht sich das „Making of“ nicht nur in der üblichen Lobhuddelei, sondern es gibt auch einige interessante Informationen zu den Veränderungen des nur an zwei Orten spielenden Theaterstücks zum an mehreren Orten spielenden Film, den Vorbereitungen der Schauspieler und dem optischem Konzept.

High Life – Vier Gangster und ein todsicheres Ding (High Life, Kanada 2008)

Regie: Gary Yates

Drehbuch: Lee MacDougall (nach seinem Theaterstück)

mit Timothy Olyphant, Stephen Eric McIntyre, Joe Anderson, Rossif Sutherland, Brittany Scobie, Mark McKinney

DVD

Koch Media

Bild: 1.78:1 (16:9)

Sprachen: Deutsch(Dolby Digital 5.1, DTS), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Geschnittene Szenen, Deutscher Trailer

Länge: 75 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(auch als Blu-ray)

Hinweise

Homepage zum Film

Moviefone interviewt Timothy Olyphant

Tribute interviewt Timothy Olyphant

Eye for film hat „High Life“ auf der Berlinale gesehen

 

 


DVD-Kritik: Inspector Barnaby und die cozy „Midsomer Murders“

August 24, 2011

Seit 1997 klärte Detective Chief Inspector Tom Barnaby (John Nettles) über achtzig Mordfälle (ermordet wurden insgesamt um die zweihundert Menschen) in der beschaulichen Grafschaft Midsomer auf. Erfunden wurde diese typisch englische Grafschaft von Caroline Graham und auch die ersten „Midsomer Murders“-Filme basierten auf Büchern von ihr. Doch schon seit langem erfinden die Macher neue Mordfälle, die tief in der Tradition des britischen Rätselkrimis, in denen die Aufklärung der Morde eine intellektuelle Spielerei ist und am Ende der Geschichte die Welt wieder in Ordnung ist, stehen. Die „Inspector Barnaby“-Krimis haben daher mit der Realität ungefähr so viel zu tun, wie die „Schnulze der Woche“. Entsprechend unpolitisch und auch ahistorisch sind die Geschichten. Denn ob die Geschichte 1950, 1980 oder heute spielt, erkennt man höchstens an den Autos, den Telefonen und den Computern.

Die Fälle von DCI Barnaby bilden damit das Gegenstück zu den Fällen von Chief Inspector George Gently, die präzise an einem bestimmten Ort und Zeit (die sechziger Jahre in Northumberland) lokalisiert sind und, durch die historische Brille, sich auch zu aktuellen Problemen äußern. Bei Inspector Barnaby ist dagegen die Welt noch in Ordnung. Spätestens am Ende des Films, wenn der Mörder, dessen Motiv im Privaten liegt, überführt ist und dann auch die lästige Störung der ländlichen Ruhe durch die Morde beseitigt ist.

Denn in den vier Fällen die Barnaby auf der neuesten DVD-Box „Inspector Barnaby – Volume 12“ löst und die, was bei Einzelfilmen kein Problem ist, aus 1999, 2007 und 2008 entstandenen Folgen besteht, folgt auf den ersten Mord meistens noch ein zweiter und ein dritter. Aber so richtig beunruhigt sind die Bewohner von Midsomer nicht und, je mehr Folgen es gibt, umso unrealistischer (was aber den Fan einer Serie noch nie gestört hat) wird das Konzept der Serie. Denn zweihundert Morde in etwas über zehn Jahren ist eine Mordrate, die manche Großstadt als Hort des Friedens erscheinen lässt.

In „Mord auf der Durchreise“, dem ältesten Barnaby-Fall in dieser Sammelbox, wird der Besitzer eines Herrenhauses erschossen. Verdächtig ist selbstverständlich das gerade anwesende fahrende Volk. Barnaby entdeckt bei seinen Ermittlungen schnell seltsame familiäre Bande und alte Feindschaften.

In „Leben und Morden in Midsomer“ entdecken Touristen im Wald eine halb verweste Leiche. Der Tote war der Ex-Mann der neuen Frau von Guy Sandy, dem Herausgeber des scharfzüngigen Magazins „Midsomer Life“. Kurz darauf wird Sandy ermordet und über seinen Tod scheint niemand so richtig traurig zu sein.

In „Geliebt, gejagt, getötet““ wird Jack Colby, ein Ex-Polizist und Ex-Freund von Barnaby, ermordet. Gemeinsam mit seiner Frau, ebenfalls eine Ex-Polizistin, kümmerten sie sich auf dem Anwesen eines als Gattinnenmörder verurteilten Grafen um entlassene Sträflinge. Kurz vor seinem Tod wollte Colby Barnaby noch ein Geheimnis anvertrauen.

Und in „Der Wald der lebenden Toten“ geht es um das Übersinnliche. Denn Ernest Balliol, der Anführer eines lokalen Kults, will ein wertvolles Buch, das er in der Bibliothek von Aloysius Wilmington vermutet, haben. Die beiden waren früher befreundet und sind heute, spätestens nachdem der Wilmington in Büchern und im TV einen Feldzug gegen okkulte Gruppen (bevorzugt natürlich die von Balliol) führt, spinnefeind. Den ersten Toten gibt es während einer Zaubervorstellung von Aloysius vor Kindern. Der zweite Tote ist ein Antiquar und eine dritte Leiche wird es auch noch geben.

Dass für meinen Geschmack „Inspector Barnaby“ etwas zu gemütlich ist, dürfte niemand überraschen. Auch nicht, dass mir das alles etwas zu lauschig ist und zu sehr in Richtung traditioneller Whodunit geht. Denn die Morde geschehen in der Bilderbuchgrafschaft Midsomer und, wenn wir uns die vier in der neuen DVD-Box „Volume 12“ versammelten Folgen ansehen, war es 1999 noch lauschiger als heute. Damals gab es sogar noch Pferdekutschen. In den neueren Episoden wird sich dann mit dem Auto fortbewegt. Sonst ist alles immer noch wie zu Agatha Christies Zeiten.

Aber wenn ich die Wahl zwischen einem „Tatort“, der sich ja immer bemüht neben dem Krimi auch noch etwas Wichtiges zu sagen, und einem „Inspector Barnaby“ habe, dann würde ich doch den Engländer vorziehen. Denn, wie auch die Fälle in der zwölften „Inspector Barnaby“-Box zeigen, sind die Fälle einfach gut entwickelte Whodunits, die nicht mehr und nicht weniger als gutes Handwerk sein wollen; – und beim Sehen von gutem Handwerk fällt immer wieder auf, wie oft in einem „Tatort“ auf genau das verzichtet wird.

Die Musik

Inzwischen gibt es auch die von Jim Parker geschriebene Musik auf CD und in der zehnten „Inspector Barnaby“-Box eine Bonus-CD mit weiteren Liedern aus den Filmen. Denn Parkers Filmmusik ist immer sehr liedhaft und nimmt auch immer wieder Elemente von traditionellen Melodien und Tänzen auf. Das führt dazu, dass die von Jim Parker geschriebenen Stücke auch gut ohne die Filme funktionieren – und weshalb ich die CD im Moment ziemlich oft in meinen CD-Player lege.

Inspector Barnaby – Volume 12 (Midsomer Murders)

LV: Charakter von Caroline Graham

mit John Nettles (DCI Tom Barnaby), Jane Wymark (Joyce Barnaby), Barry Jackson (Dr Bullard), Jason Hughes (DS Ben Jones), Laura Howard (Cully Barnaby), Daniel Casey (Sergeant Gavin Troy), Kirsty Dillon (WPC Gail Stephens)

DVD

Edel

Bild: PAL 16:9 (Folge 1 – 3), PAL 4:3 (Folge 4)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Interview mit John Hughes (8 Minuten)

Länge: 388 Minuten (4 spielfilmlange Episoden auf 4 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

enthält diese Ermittlungen von Inspector Barnaby

Leben und Morden in Midsomer (Midsomer Life, GB 2008; Staffel 11, Folge 4; Episode 63)

Regie: Peter Smith

Drehbuch: David Hoskins

Geliebt, gejagt, getötet (Death in a Chocolate Box, GB 2007; Staffel 10, Folge 8; Episode 59)

Regie: Richard Holthouse

Drehbuch: Tony Etchells

Der Wald der lebenden Toten (The Magician’s Nephew, GB 2008; Staffel 11, Folge 5; Episode 64)

Regie: Richard Holthouse

Drehbuch: Michael Russell

Mord auf der Durchreise (Blood will out, GB 1999; Staffel 2, Folge 4; Episode 9)

Regie: Moira Armstrong

Drehbuch: Douglas Watkinson

Die CD zur Serie

Jim Parker: Inspector Barnaby – Soundtrack

Edel, 2010

27 Stücke

Länge: 63:04 Minuten

Hinweise

ITV über Inspector Barnaby

ZDF über „Inspector Barnaby“

Wikipedia über „Inspector Barnaby“ (deutsch, englisch)

FAZ: Nina Belz trifft John Nettles (6. März 2011)

Krimi-Couch über Caroline Graham

Kaliber.38 über Caroline Graham


DVD-Kritik: Otto Premingers lahmes „Unternehmen Rosebud“

August 18, 2011

Otto Preminger drehte Klassiker und Publikumshits wie „Laura“, „Engelsgesicht“, „Fluss ohne Wiederkehr“, „Carmen Jones“, „Porgy und Bess“, „Anatomie eines Mordes“, „Exodus“, „Der Kardinal“ und „Bunny Lake ist verschwunden“. Er drehte während seiner fast fünfzigjährigen Karriere als Regisseur selbstverständlich auch einige Flops. Sein größter Flop ist wohl die absolut unwitzige Komödie „Skidoo – Ein Happening in Love“ (USA 1968). „Unternehmen Rosebud“ ist als absolut unspannender Thriller nicht viel besser. Die Story ist ein typischer Siebziger-Jahre-Polit-Thriller, der die Schlagzeilen aufnimmt und in einer klischeehaften Geschichte, in der palästinensische Terroristen fünf Millionärstöchter entführen und ein Söldner sie befreien soll, verbrät.

Was okay wäre, wenn Preminger die Story, nach einem hoffnungslos überladenem und konfusem Drehbuch von seinem Sohn Erik Lee (es ist das einzige von ihm verfilmte Buch), wenigstens flott erzählt hätte. Aber das tut er nicht.

In der ersten halben Stunde ist, außer der Entführung der fünf Hübschen und der Forderung der Terroristen an die einflussreichen Väter der Geisel, einen Film weltweit auszustrahlen, wenig geschehen und sowohl die Opfer als auch die Täter sind uns herzlich egal.

Erst dann betritt der Held der Geschichte, der Zeitungsjournalist und freischaffende Agent Larry Martin (Peter O’Toole) die Bühne und beginnt arg lustlos mit der Suche.

Peter O’Toole hatte die Rolle kurzfristig von Robert Mitchum übernommen, der sich während der Dreharbeiten hoffnungslos mit Otto Preminger zerstritt (aus ihren Erzählungen ist unklar, wer für den Bruch verantwortlich war). O’Toole, dessen Karriere damals auf dem Tiefpunkt war, porträtiert Larry Martin als einen eitlen, dandyhaften, ständig leicht angesäuselten Gockel. Aber vielleicht, immerhin war O’Toole damals als Partylöwe und ausdauernder Trinker bekannt, trockelte er einfach nur durch die Kulissen und fragte sich, was er hier verloren habe und warum er mehr in den Film investieren sollte, als die anderen Schauspieler.

Denn obwohl Otto Premiger mal wieder viele bekannte Schauspieler engagierte, sind ihre Leistungen durchgehend erschreckend schlecht. Bei den Millionärstöchtern, die von entsprechend jungen Schauspielerinnen, die primär wegen ihres Aussehens gecastet wurden, könnte das noch mit ihrer mangelnden Schauspielerfahrung entschuldigt werden. Wobei Isabelle Huppert inzwischen eine geachtete Schauspielerin ist und die damalige Debütantin Kim Cattrall immer noch gut im Geschäft ist. Von den anderen Film-Geiseln hat man nichts bemerkenswertes mehr gehört.

Aber auch erfahrene Schauspieler, wie Richard Attenborough, Claude Dauphin, Peter Lawford, Raf Vallone und Klaus Löwitsch, scheitern an den dünnen Charakterisierungen (soweit man davon sprechen kann), den peinlichen Dialogen und der abwesenden Regie.

Dummerweise lenkt das immer wieder den Blick auf die zahlreichen Löcher im Plot und, wenn man den Film als ganzes betrachtet, plötzlich verschwindenden Charakteren, im nirgendwo endenden Subplots und seltsamen erzählerischen Umwegen, die zwar Zeit kosten, unseren Helden Larry Martin nicht einen Schritt näher ans Ziel bringen, aber dafür einen Einblick in die rauhen Sitten auf französischen Polizeirevieren, der effizienten Arbeit der deutschen Polizei (garniert mit einigen Berlin-Bildern) und der noch effizienteren Arbeit der israelischen Sicherheitsbehörden, die den besten Computer auf der Welt haben, geben.

So wird in den ersten Minuten gezeigt, wie ein Mann im Versteck der Terroristen seine kranke Frau pflegt. Dass die Terroristen gerade in so einer Wohnung, auch wenn sie einsam gelegen ist, ihre Geisel verstecken wollen, ist nicht gerade logisch. Und wenn dann eben dieses Pärchen nicht wieder auftaucht, fragt man sich, warum sie überhaupt so groß eingeführt wurden.

Oder wenn die Geisel sich für eine Videoaufnahme ausziehen müssen, erwartet man natürlich (immerhin ist der Film von 1975) einen Blick auf den nackten Busen. Den gibt es für die FKK-Fanatiker unter den Zuschauern nicht, aber vielleicht sollte auch nur gezeigt werden, was für schäbige Gesellen die Terroristen sind. Danach sind sie jedenfalls auffallend desinteressiert an den Reizen ihrer Geisel, die ihre Gefangenschaft als eine Art Schullandheimaufenthalt mit Putzdiensten und gemeinsamen Singen verbringen.

Oder wenn die Entführer ihre erste Geisel freilassen. Sie inszenieren für sie im Hinterhof ihrer Villa eine unglaublich lange Reise. Aber dann lassen sie sie einige Meter von ihrer Villa frei und, obwohl sie scheinbar an alles gedacht haben, haben sie vergessen, dass man auf einer Insel die Ankunft eines Flugzeugs ziemlich einfach mitbekommt. Es wäre sowieso viel einfacher gewesen, die Hübsche einfach zu betäuben und an irgendeiner Landstraße auszusetzen. Dann wäre ihr auch nie aufgefallen, dass sie gar nicht in einem richtigen Flugzeug war.

Undsoweiterundsofort.

Dass bei diesem Desaster auf erzählerischer und schauspielerischer Ebene „Unternehmen Rosebud“ nicht nur als „Thriller“, sondern auch als „Polit-Thriller“ und „Actionfilm“ versagt, wundert kaum noch. Denn die schlecht choreographierten Action-Szenen werden bereits fast vollständig im Trailer gezeigt und die politische Dimension ist mit Diskursen auf Pennäler-Niveau vorgeschoben. Wobei gerade diese klischeehafte politische Dimension aus heutiger Sicht noch das interessanteste an diesem Stinker ist. Denn sie bieten einen unverfälschten Blick auf die damaligen Diskurse zwischen Kapitalismuskritik, Palästina-Israel-Feindschaft und dem internationalem Terrorismus. Das ist zwar platte Kolportage, aber halt die Kolportage von 1975.

 

Unternehmen Rosebud (Rosebud, USA 1975)

Regie: Otto Preminger

Drehbuch: Erik Lee Preminger, Marjorie Kellogg (ungenannt)

LV: Paul Bonnecarrere, Joan Hemingway: Rosebud, un chantage qui bouleverse le monde, 1973 (Unternehmen Rosebud)

Mit Peter O’Toole, Richard Attenborough, Cliff Gorman, Claude Dauphin, John V. Lindsay, Peter Lawford, Raf Vallone, Adrienne Corri, Amidou, Isabelle Huppert, Kim Cattrall (Debüt), Klaus Löwitsch

DVD

Euro Video

Bild: 2,35:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Mono)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer, Wendecover

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Unternehmen Rosebud“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Rosebud“

The Digital Fix über „Rosebud“

IndieWire über die Filme von Otto Preminger

Otto Preminger in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Sherlock“ Holmes und Dr. John Watson haben im heutigen London ihren Spaß

August 13, 2011

Der „Sherlock Holmes“-Film mit Robert Downey jr. und Jude Law hat mir verdammt gut gefallen. Aber gegen den neuen BBC-Sherlock-Holmes ist Guy Ritchies Film ein laues Lüftchen, Und dabei spielt der BBC-Holmes in der Gegenwart. Das war zwar bei den Holmes-Verfilmungen bis in die fünfziger Jahre öfters so. Am bekanntesten dürften, dank zahlreicher Wiederholungen die Universal-Studios-Filme (wobei die ersten beiden Filme von 20th Century Fox waren) mit Basil Rathbone (als Sherlock Holmes) und Nigel Bruce (als Dr. Watson) sein. Die ersten spielten auch im viktorianischen England, aber danach wollte man Geld sparen und über einen Umweg mit Fällen in einsam gelegenen Dörfern (aka der allseits bekannten Horrorfilm-Dekoration) wurden dann die Fälle konsequent in der Gegenwart angesiedelt und Sherlock Holmes und Dr. Watson kämpften auch gegen Nazis. Das fiel, weil die Fortschritte in der Forensik nicht so groß waren, nicht so sehr auf.

Aber in den vergangenen Jahren veränderte sich die Forensik entscheidend und, wie jeder, der auch nur eine Folge „C. S. I.“ gesehen hat, weiß, können heute die Wissenschaftler unsichtbare Spuren lesen und am Ende mit einem DNA-Test die Sache klären. Wo soll in dieser Welt noch der Platz für einen Detektiv wie Sherlock Holmes sein?

Nun, die Erfinder der neuen Serie, Mark Gatiss und Steven Moffat, zeigen bereits mit dem ersten Auftritt von ihrem Sherlock Holmes, dass dieser Charakter auch in der Gegenwart gegenüber den gewöhnlichen Ermittlern gut bestehen kann. Denn obwohl die Polizei heute mehr Informationen als früher hat, obwohl die Forensiker an einem Tatort mehr verwertbare Spuren als früher finden (und man sich schon manchmal fragt, wie die Polizei früher überhaupt Fälle lösen konnte), kommt es am Ende doch auf die richtige Verbindung der verschiedenen Spuren an. Und Sherlock Holmes ist, damals wie heute, ein Meister der Deduktion.

So erklärt Sherlock Holmes dem verblüfften, nach seinem Afghanistan-Einsatz am Stock gehendem Doktor John Watson, bereits bei ihrer ersten Begegnung, was er alles über ihn weiß (und was Gatiss und Moffat fast wortwörtlich aus Doyles „Eine Studie in Scharlachrot“ übernommen haben). Nur in einem kleinen Punkt irrt sich der „Consulting Detective“, wie Holmes sich auch auf seiner Homepage nennt. Diese Szene ist aus dem ersten „Sherlock“-Film „Ein Fall von Pink“ (A study in pink).

In London haben sich mehrere Menschen anscheinend freiwillig vergiftet. Sherlock Holmes glaubt allerdings, dass sie ermordet wurden – und er nimmt John Watson als Mitbewohner bei sich auf.

In „Der blinde Banker“ (The blind banker) sollen Holmes und Watson in einer Bank herausfinden, wer ein Zeichen an die Wand gemalt hat. Fast zur gleichen Zeit werden ein Bankangestellter und ein Journalist ermordet. Holmes findet heraus, dass es ein Code ist und er etwas mit den Chinabesuchen des Bankers und des Journalisten zu tun hat.

In „Das große Spiel“ (The great game) wird Holmes von einem Unbekannten erpresst, innerhalb weniger Stunden mehrere Fälle zu lösen. Sonst wird jemand anderes sterben. Am Ende der Folge begegnen Sherlock Holmes und John Watson Dr. Moriarty, dem großen Gegner von Holmes.

Der Schlüssel für einen guten Film ist ein gutes Drehbuch. Aber wenn man dann die falschen Schauspieler und den falschen Regisseur hat, kann es immer noch schiefgehen. Auch Kamera, Ausstattung und Musik sind wichtig. Bei „Sherlock“ stimmt alles.

Die Drehbücher von Mark Gatiss, Steven Moffat und Steve Thompson (für „Der blinde Banker“) sind gespickt mit Querverweisen und Referenzen auf die Sherlock-Holmes-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle. Gatiss und Moffat als Erfinder der Serie haben auch dafür gesorgt, dass der Charakter Sherlock Holmes und sein Umfeld vom viktorianischen England in die Gegenwart verlegt wurden. Dabei ließen sie das Beziehungsgeflecht der Charaktere zueinander intakt und Sherlock Holmes war schon immer ein hochgradig künstlicher Charakter, der außer dem Aufklären von Verbrechen keine anderen Interessen hatte.

Die Fälle der ersten Staffel basieren zwar nicht auf originalen Holmes-Geschichten, aber die Autoren haben viele Handlungsdetails, Motive und Elemente aus den Geschichten von Doyle übernommen und neue Fälle erfunden, die den Geist von Doyles Geschichten atmen und gelungen fast schon irrwitzige Deduktionen von Holmes mit einer ordentlichen Portion Action und pointierten Dialogen mischen. Das ist beim Ansehen höchst kurzweilig und wird auch, dank der guten Besetzung, entsprechend kurzweilig präsentiert.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei natürlich Benedict Cumberbatch und Martin Freeman. Mit Benedict Cumberbatch, der die erste Wahl der beiden Serienerfinder war und der auch schnell zusagte, hatten sie ihren perfekten Sherlock Holmes, der ein wenig wie ein aus dem vorletzten Jahrhundert gefallener Dandy wirkt, gefunden. Martin Freeman (den einige vielleicht in „Per Anhalter durch die Galaxis“ als Arthur Dent gesehen haben) war dann, nach Proben mit verschiedenen Darstellern, die ideale Ergänzung und der richtige Gegenpart zu Sherlock Holmes gefunden. Denn Dr. Watson ist nicht der Trottel, der bewundernd hinter Sherlock Holmes herläuft, sondern ein intelligenter, selbstbewusster Mann mit Kriegserfahrung.

Die Regie von Paul McGuigan (Gangster No. 1, Lucky # Slevin, Push), der den ersten und dritten Fall inszenierte, und von Euros Lyn (George Gently, Torchwood, Dr. Who), der den zweiten Fall inszenierte, ist absolut zeitgemäß und sprüht vor überraschenden Ideen. Das zeigt sich auch an McGuigans Idee, die Textnachrichten und Gedanken von Sherlock Holmes einfach, fast wie in einem Comic, im Bild einzublenden. Diese verblüffend einfache und effektive Idee, Deduktionen verständlich zu visualisieren und sich den lästigen Schnitt auf ein Smartphone zu sparen, verleiht der Serie einen weiteren besonderen Touch. Gleichzeitig erlaubt sie es den Machern, das Erzähltempo noch etwas zu beschleunigen.

Nach „Sherlock“ ist der zweite Sherlock-Holmes-Kinofilm mit Robert Downey jr. für mich nur noch eine Pflichtübung, um die Zeit bis zu den neuen „Sherlock“-Filmen mit Benedict Cumberbatch zu überbrücken.

Denn die ARD hat sich die Ausstrahlungsrechte für die neuen „Sherlock“-Filme, die demnächst in England ihre TV-Premiere erleben, gesichert. Es ist also für Nachschub gesorgt.

 

Die DVD

 

Mit zwei Audiokommentaren, einem Making-of, dem nicht ausgestrahlten Pilotfilm und einem Booklet wurde für die Fans der Serie ein umfangreiches Paket zusammengestellt. Besonders der Audiokommentar zu „Ein Fall von Pink“ mit den Autoren Mark Gatiss und Steven Moffat und der Produzentin Sue Vertue ist hörenswert. Gatiss und Moffat erzählen ohne Pausen von der Produktion, den verschiedenen Drehbüchern, wie sie Sherlock Holmes fit für das 21. Jahrhundert machten, was sie aus welchen Geschichten übernahmen, warum sie bestimmte Dinge änderten – und Sue Vertue spielt bestenfalls die Stichwortgeberin. Der zweite Audiokommentar von Mark Gatiss mit den Hauptdarstellern Benedict Cumberbatch und Martin Freeman zeigt dann vor allem, dass sie sich gut verstehen. Das halbstündige Making-of „Unlocking Sherlock“, das hauptsächlich von den Menschen hinter der Kamera bestritten wird, ist, wie der Audiokommentar zu „Ein Fall von Pink“, ein sehr informativer und kurzweiliger Einblick in die Produktion und die Hintergründe der Serie.

Der einstündige Pilotfilm „Sherlock – A Study in Pink“ ist für Komplettisten und am Handwerk interessierte Filmfans eine tolle Beigabe. Denn die BBC bestellte zuerst eine Serie von einstündigen Filmen und der Pilotfilm sollte zeigen, dass die Idee funktioniert. Nun, sie funktionierte so gut, dass die BBC danach drei spielfilmlange Filme bei der Produktionsfirma Hartswood Film bestellte und sie „A Study in Pink“ mit einem größeren Budget neu drehen konnte. Dafür wurde einiges ergänzt, einiges geändert und vieles, wie große Teile der Besetzung, blieb gleich. Wobei einige Dialoge an anderen Orten gesprochen wurden. Außerdem kann man sehen, wie Gatiss und Moffat ihre ursprüngliche Geschichte weiterentwickelten.

Und dann gibt es noch ein 16-seitiges Booklet mit vielen Hintergrundinformationen zu Sherlock Holmes, der Serie, den Machern und den einzelnen Folgen. Hier verraten Michael Ross und Oliver Bayan auch, welche Details der Filme aus welchen Sherlock-Holmes-Geschichten übernommen wurde.

Bei der Menge an Informationen ist es schon etwas ärgerlich, dass, bis auf das Making-of, auf deutsche Untertitel verzichtet wurde. Denn nicht jeder kann Englisch.

Sherlock – Staffel 1 (GB 2010)

Erfinder: Mark Gatiss, Steven Moffat

mit Benedict Cumberbatch (Sherlock Holmes), Martin Freeman (Dr. John Watson), Una Stubbs (Mrs. Hudson), Rupert Graves (Detective InspectorI Lestrade), Mark Gatiss (Mycroft Holmes), Louise Brealey (Molly Hooper)

DVD

Polyband

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Englisch

Bonusmaterial: Audiokommentar zu „Ein Fall von Pink“ von Mark Gatiss, Steven Moffat und Sue Vertue, Audiokommentar zu „Das große Spiel“ von Benedict Cumberbatch, Martin Freeman und Mark Gatiss, „Sherlock – A Study in Pink“ (der nicht gezeigte einstündig Pilotfilm), Making-Of „Unlocking Sherlock“ (mit deutschen Untertiteln), Booklet

Länge: 270 Minuten (2 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die ersten drei Fälle von Sherlock Holmes und Dr. John Watson

Ein Fall von Pink (A Study in Pink, GB 2010)

Regie: Paul McGuigan

Drehbuch: Steven Moffat

Der blinde Banker (The Blind Banker, GB 2010)

Regie: Euros Lyn

Drehbuch: Steve Thompson

Das große Spiel (The Great Game, GB 2010)

Regie: Paul McGuigan

Drehbuch: Mark Gatiss

Hinweise

The Science of Deduction (Homepage von Sherlock Holmes)

John Watson’s Blog

Molly Hooper’s Diary

BBC über „Sherlock“

BBC Germany über „Sherlock“

ARD über „Sherlock“

Hartswood Film über „Sherlock“

 

YouTube-Kanal „Sherlock“

Wikipedia über „Sherlock“ (deutsch, englisch)

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Tom Thorne und „Der Kuss des Sandmanns“

August 11, 2011

 

Wow. Die Briten haben es wieder einmal geschafft. Während bei uns Ende Juli ein „Polizeiruf 110“ zum Schutz der Jugend vor der Ausstrahlung gerade vom ursprünglich geplanten 20.15-Uhr-Termin auf eine spätere Uhrzeit verschoben wird, weil er zu spannend sei, es keine klaren Grenzen zwischen Gut und Böse gebe und der Staat komplett versage, nehmen die Briten einen schon ziemlich düsteren Roman von Mark Billingham und verschärfen ihn. Denn zwischen dem Ermittler, D. I. Tom Thorne, und dem Serienmörder besteht im Film eine besondere Verbindung, die weit über die künstliche Verbindung der Beiden in Billinghams Roman hinausgeht. Sowieso haben die beiden Drehbuchautoren Dudi Appleton und Jim Keeble die Vorlage kräftig geändert. Sie haben die Stärken, wie die Prämisse, übernommen, die Schwächen, wozu vor allem die schlechte Konstruktion des Romans gehört, ignoriert und die 2000 spielende Geschichte in die Gegenwart verlegt.

Im Buch und im Film hat ein Unbekannter in London mehrere Frauen ermordet. Alison Willets (Sara Lloyd-Gregory) überlebt und liegt fortan im Krankenhaus. Sie kann nur noch ihre Augen bewegen. Erschreckt muss Tom Thorne (David Morrissey), nach einem Brief des Mörders an ihn, feststellen, dass Alison Willetts das erste Opfer war, bei dem er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte. Nicht Willetts, sondern die Toten sind seine Fehlschläge.

Im Buch konzentriert sich Tom Thorne schnell auf den Arzt Jeremy Bishop (Stephen Campbell Moore), der Willetts als erster im Krankenhaus behandelte. Er hält ihn für den Täter. Die Indizien sind zwar dünn und Thorne beginnt auch eine Affäre mit Anne Coburn (Natasha McElhone), die Willets behandelt und mit Bishop seit Ewigkeiten gut befreundet ist. Weil Thorne in Billinghams Debütroman „Der Kuss des Sandmanns“ die meiste Zeit einfach nur diese eine Spur verfolgt, ohne dass er dabei einen Schritt weiter kommt, und es auch keine anderen Verdächtigen gibt, zieht sich der Roman in der Mitte wie Kaugummi und Thorne wird immer mehr zum langweilenden, den Leser verärgernden Dummkopf. Denn selbstverständlich ist jemand, der vom Autor so deutlich als Täter aufgebaut wird, nach den Regeln des Whodunits (und formal folgt Billingham der Struktur des Rätselkrimis) am Ende nicht der Täter.

Im Film gibt es dagegen mehrere Verdächtige. Die Polizei, und damit auch Tom Thorne, verfolgt mehrere Spuren und, nachdem der Täter ein Ereignis aus Thornes Vergangenheit erwähnt, weiß Thorne, dass der Täter sein großes Geheimnis kennt.

Gleichzeitig versucht Thornes Kollege Kevin Tugham (Eddie Marsan) den ihm verhassten Kollegen als Mörder zu überführen und der mit Thorne gut befreundete Gerichtsmediziner Phil Hendricks (Aidan Gillen) wird im Lauf der Ermittlungen auch als Mörder verdächtigt.

Das ist viel Stoff für zwei Stunden, aber den Autoren Dudi Appleton und Jim Keeble (die auch Bücher für „Silent Witness“ und „Der Preis des Verbrechens“ schrieben) und Regisseur Stephen Hopkins („Predator 2“, „Mörderisches Spiel“, „24“ und „Californication“) gelang es, das alles sehr pointiert zu erzählen und Stephen Hopkins, der den Film in der Umgebung des neuen Olympiastadiums und im East End drehte, hat auch einige ungewöhnliche und noch nicht totgefilmte Stadtansichten eingefangen. Aber am ungewöhnlichsten und, obwohl Billingham im Roman auch mehrere Szenen aus Alison Willetts Perspektive geschrieben hat, sind die aus Willets Perspektive inszenierten Szenen, in denen wir ihre Gedanken hören können. Sie gehören zum Schlimmste, was es seit langem im Fernsehen zu sehen gab. Denn bewegungslos und fast kommunikationsunfähig im eigenen Körper eingesperrt zu sein, kann man sich nur allzu leicht vorstellen. In dem von Alfred Hitchcock inszeniertem Kurzfilm „Breakdown“ befand Joseph Cotten sich in einer ähnlichen Lage.

Mit einigen Interviewschnipseln ist das Bonusmaterial enttäuschend ausgefallen.

Der zweite Tom-Thorne-Film „Die Tränen des Mörders“ (Scaredy Cat) ist ab jetzt im Verleih und ab dem 15. September im Handel.

Der Kuss des Sandmanns – Tom Thorne ermittelt (Thorne: Sleepyhead, GB 2010)

Regie: Stephen Hopkins

Drehbuch: Dudi Appleton, Jim Keeble

LV: Mark Billingham: Sleepyhead, 2001 (Der Kuss des Sandmanns)

mit David Morrissey, Natasha McElhone, Eddie Marsan, O. T. Fagbenle, Aidan Gillen, Lorraine Ashbourne, Stephen Campbell Moore, Joshua Close

DVD

EuroVideo

Bild: 1.78:1

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Interviews mit David Morrissey, Jim Keeble und Dudi Appleton, Natasha McElhone, Eddie Marson, Aidan Gille, O. T. Fagbenle, Stephen Campbell Moore, Joshua Close (insgesamt 10:20 Minuten), Deutscher Trailer (2:20 Minuten)

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Der Roman „Der Kuss des Sandmanns“ (Goldmann, später Portobello) ist derzeit nur antiquarisch erhältlich.

Einige neuere Thorne-Romane sind bei Goldmann erhältlich.

Hinweise

Ski 1 über Tom Thorne

Homepage von Mark Billingham

Meine Besprechung von Mark Billinghams „In der Stunde des Todes (Lifeless, 2005)

Mark Billingham in der Kriminalakte