DVD-Kritik: „Das Experiment“-Regisseur will „Five Minutes of Heaven“

Februar 18, 2011

Das Experiment“ war großes Kino.

Mein letzter Film“ war ein Einpersonenstück mit Hannelore Elsner.

Der Untergang“ war noch größeres Kino.

Ein ganz gewöhnlicher Jude“ war ein Einpersonenstück mit Ben Becker.

Invasion“ war als großes Hollywood-Kino mit Weltstars geplant und wurde ein Flop.

Five Minutes of Heaven“ ist wieder ein kleiner Film. Nach dem Trailer ein Zweipersonenstück mit Liam Neeson und James Nesbitt.

Und sein nächster Film ist wieder großes Theater. Denn nach „Five Minutes of Heaven“ inszenierte Oliver Hirschbiegel die hier noch nicht gezeigte, sechsteilige TV-Serie „Borgia“. Das dürfte wieder pralles Historienkino mit großen Schauwerten sein.

Die Schauwerte in „Five Minutes of Heaven“ sind vor allem in dem Spiel der beiden Hauptdarsteller Liam Neeson und dem bei uns eher unbekanntem James Nesbitt, dessen bekanntester Auftritt immer noch der des nordirischen Politikers, Bürgerrechtlers und Demonstrationsführers Ivan Cooper in Paul Greengrass‘ semidokumentarischem Spielfilm „Bloody Sunday“ sein dürfte. In dem Film ging es um den blutigen Sonntag am 30. Januar 1972 in der nordirischen Stadt Derry. Das britische Militär schoss auf eine friedliche Demonstration. 14 Demonstranten starben. Anschließend radikalisierte sich die Situation in Nordirland.

Five Minutes of Heaven“ beginnt im Februar 1975 in Nordirland, als ein siebzehnjähriges Mitglied der Ulster Volunteer Force (UVF) einen katholischen Handwerker erschießt. Einen Jungen, der ihn dabei beobachtet, lässt er leben. Der Zeuge ist der Bruder des Ermordeten.

Fast 35 Jahre später soll es zu einer vom Fernsehen inszenierten Begegnung zwischen dem Mörder Alistair Little (Liam Neeson) und dem damaligem Zeugen Joe Griffin (James Nesbitt) kommen. Der Sender plant eine große Versöhnungsshow. Aber Little trägt selbst schwer an seiner Tat und Griffin will vor allem seine titelgebenden „Fünf Minuten Himmel“ indem er Little tötet.

Zu dieser Begegnung kommt es aber zunächst nicht. Denn Little und Griffin erzählen in getrennten Handlungssträngen über den Mord und welche Folgen er für sie hatte.

Es geht um Schuld, Sühne und Vergebung. Dabei verweigert der Film letztendlich die offensichtlichen Antworten und demaskiert bereits in den ersten Minuten die große Versöhnungsshow im TV als banal-falsche Inszenierung. Das TV attestiert sich selbst, immerhin ist „Five Minutes of Heaven“ ein TV-Film, die Unmöglichkeit einer medialen Versöhnung. Die geht, so die Botschaft des Films, nur individuell.

Es geht natürlich auch um die Nachwirkungen des Bürgerkriegs in Nordirland und es geht auch um den Weg in den Terrorismus. Denn Little erzählt vor laufender TV-Kamera, wie er zum Mörder wurde und was getan werden kann, um andere Jugendliche von diesem Weg in den Terrorismus abzuhalten. In diesen Momenten geht es auch um den aktuellen islamistischen Terrorismus.

Gerade in diesen Monologen wirkt der Film dann wie ein Theaterstück. Das kann an seiner Herkunft liegen. „Five Minutes of Heaven“ ist eine TV-Produktion mit teilweise arg pathetischen und theaterhaften Monologen. So schütten Little und Griffin den verschiedenen TV-Leuten und Psychologen ihr Herz aus.

Aber dank der guten Besetzung und Hirschbiegels Regie entstehen immer wieder Bilder, die auch für die große Leinwand geeignet sind. Auch die ständigen Flashbacks und die Verknüpfung von Bildern und Voice-Overs verlangen einen aufmerksamen Zuschauer. In diesen Momenten zeigt sich wieder, dass in England die TV-Macher es als ihre Aufgabe ansehen, die Zuschauer auch intellektuell zu fordern und gleichzeitig auf hohem Niveau zu unterhalten. Denn „Five Minutes of Heaven“ weigert sich konsequent, einfache Antworten zu geben. Stattdessen wird man zum Denken aufgefordert.

Die DVD

Das Bonusmaterial ist mit den interessanten Interviews (in denen wir auch einiges über die wahren Hintergründe des Films und Alistair Little und Joe Griffin erfahren) und dem Making-of, das eigentlich eine B-Roll ist, sehr überschaubar. Da hätte man für den deutschen Markt schon noch einige Informationen über den Nordirlandkonflikt dazupacken können.

Five Minutes of Heaven (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Guy Hibbert

mit Liam Neeson, James Nesbitt, Barry McEvoy, Anamaria Marinca

DVD

Koch-Media

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1, DTS 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Interviews mit Liam Neeson, James Nesbitt, Oliver Hirschbiegel, Guy Hibbert und Eoin O’Callaghan (Produzent), Trailer (deutsch, englisch)

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Five Minutes of Heaven“

Wikipedia über „Five Minutes of Heaven“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: Val Kilmer wagt das „Das Chaos-Experiment“

Februar 11, 2011

Die Inhaltsangabe klingt bescheuert: ein Typ taucht bei einer Zeitung auf und sagt, er habe sechs Menschen in eine Sauna gesperrt. Die Temperatur in der Sauna erhöhe sich ständig und die Menschen werden in einigen Stunden sterben, außer die Zeitung drucke seinen Artikel ab, in dem vor der Klimakatastrophe gewarnt werde. Der Chef vom Dienst ruft die Polizei an. Der Polizist glaubt, dass der Irre wirklich einige Menschen in einer Sauna eingesperrt hat. Er will die Gefangenen vor dem sicheren Tod zu retten.

Ein Mann will die Menschheit vor der Klimakatastrophe warnen? Wissen wir nicht alle, dass die Temperatur steigt? Haben nicht auch alle Untergangspropheten für „2012“ wieder einmal aus allen Rohren geschossen – und im Zweifelsfall hat Roland Emmerich, für alle, die es nicht so mit dem Lesen haben, nicht schon zwei Blockbuster zum Thema gedreht? Muss da wirklich ein Durchgeknallter bei einem Provinzblatt in Grand Rapids, Michigan, auftauchen und die frohe Botschaft verkünden?

Aber in den ersten Minuten von „Das Chaos-Experiment“ stellt sich dann doch eine leichte Beruhigung ein. Die Klimakatastrophe ist nur ein MacGuffin für einen gewöhnlichen Thriller, in dem ein Erpresser einige Geisel nimmt, um an sein Ziel zu gelangen, ein Polizist ihn daran hindern will und die Gefangenen versuchen, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien.

Außerdem spielt Val Kilmer den Erpresser bereits von der ersten Minute an als den Durchgeknallten von nebenan; der Typ, der ihnen in der U-Bahn, am Marktstand oder in der Kneipe ohne eine Miene zu verziehen die unglaublichsten Geschichten erzählt. Gerne über staatliche Verfolgung von KGB/CIA/BND und wie sie versuchen ihn mit Strahlen in den Wahnsinn zu treiben.

Dafür sind die von dem Erpresser in der Sauna gefangen gehaltenen Menschen nur austauschbares Schlachtvieh mit ebenso vorhersehbaren Konflikten und einer fast ebenso vorhersehbaren Sterbereihenfolge. Und weil Regisseur Phillipe Martinez auf die bekloppte Idee verfiel, die in der Sauna spielenden Szenen in ein goldgelbes Licht zu tauchen, erinnern diese Bilder ein einen missglückt-verklemmten Softporno mit Kamasutra-Touch. Dieser Plot ist zum Weglaufen. Da hilft auch kein fast nackter Eric Roberts.

Das Chaos-Experiment“ ist ein kleiner, durchaus unterhaltsamer Thriller, der eine erstaunlich hochkarätige Besetzung hat und den man sich vor allem wegen der Szenen von Val Kilmer und Armand Assante (der den harten Straßencop spielt) durchaus irgendwann im TV ansehen kann. Aber auch dann erhält man keine Antwort auf die Frage, warum Val Kilmer derzeit sein Talent in so vielen kleinen Filmen, die nicht umsonst direkt auf DVD landen, verschleudert. Auch „Das Chaos-Experiment“ wurde mit einem sehr überschaubarem Budget, bis auf einige kurze Szenen, in zwei Räumen an vierzehn Tagen gedreht.

Das Chaos-Experiment (The Steam Experiment, USA 2009)

Regie: Phillipe Martinez
Buch: Robert Malkani

mit Val Kilmer, Armand Assante, Eric Roberts, Megan Brown, Patrick Muldoon, Cordelia Reynolds, Eve Mauro, Quinn Duffy

DVD

Sunfilm

Bild: 16:9 (1:2,35)

Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer (deutsch, englisch)

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Das Chaos-Experiment“

The Grand Rapids Press über die Dreharbeiten


DVD-Kritik: Al Mundy muss wieder einbrechen

Februar 7, 2011

Für die zweite Staffel von „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ wurde an dem bewährten Rezept aus lockeren Sprüchen, schönen Frauen, etwas Jetset und gewagten Einbrüchen nichts geändert. Immer noch wird Profieinbrecher Al Mundy (Robert Wagner) von Secret-Intelligence-Agency-Chef Noah Bain (Malachi Throne) erpresst für die amerikanische Regierung zu arbeiten. Nicht als Spion, sondern als Einbrecher. Denn, so Bain, für bestimmte Aufgaben braucht man jemand, der wie ein Einbrecher denkt und dafür nimmt man dann am Besten gleich einen Einbrecher. Vor allem wenn dieser Einbrecher gerade in einem amerikanischen Knast eine Haftstrafe absitzt. Zähneknirschend nimmt Al Mundy das Angebot „Freigang für Einbrüche“ an.

Während er in der ersten Staffel oft hinter den Eisernen Vorhang geschickt wurde, darf er in der ersten Hälfte der zweiten Staffel (Polyband splittete die zweite, aus 26 Folgen bestehende Staffel in zwei Boxen auf, von denen bislang nur die erste Hälfte mit zwölf Folgen erschienen ist) seiner Arbeit öfters auf heimischem Boden, unterbrochen von Ausflügen nach Europa und Südamerika, nachgehen.

Ein Höhepunkt ist dabei das Treffen mit Nick Grobbo (Ricardo Montalban), einem sehr vermögendem, international tätigem Hehler. In der von Jack Arnold inszenierten Episode „Die Hitze bringt es an den Tag“ soll Al Mundy einen Gegenstand, von dem er nicht weiß, wie er aussieht, aus dem gut geschütztem Anwesen von Grobbo stehlen. Al bietet ihm einen wertvollen Stein, den er gerade gestohlen hat, an und gelangt so auf Grobbos Anwesen. In „Zwei alte Freunde im Ring“ treffen sie sich zufällig in Rom. Grobbo glaubt, dass Al Mundy dort einen Diamanten stehlen will. Al hat zwar einen anderen Auftrag, aber zur Tarnung muss er auch diesen Diebstahl durchführen und so Grobbo wieder betrügen. Gleichzeitig wird in dieser Episode noch deutlicher als in „Die Hitze bringt es an den Tag“ das Thema „Ehre unter Verbrechern“ behandelt. Denn obwohl Al und Grobbo sich gegenseitig betrügen wollen, respektieren sie sich. In dieser Folge spielt auch Richard Kiel, der später als Bond-Bösewicht Jaws in „Der Spion, der mich liebte“ und „Moonraker“ auftrat, mit.

Ein weiterer Höhepunkt ist der Zweiteiler „Flitterwochen in Berlin“. Das liegt weniger an der komplizierten Geschichte über Spionage, Doppelspionage, Geheimnisse und Verrat und schon gar nicht an den Bildern aus Berlin und der DDR (Hey, damals wurde nicht vor Ort gedreht und trotzdem sehen Berlin und die DDR mehr nach Berlin und DDR aus, als einige Filme, die vor Ort gedreht werden), sondern an Als Gegner: Colonel Heinreich, Leiter des ostdeutschen Geheimdienstes, ein schlauer Fuchs und gespielt von Joseph Cotten.

In „Der Musik-Liebhaber“, wieder in Italien, wird es musikalisch. Denn in dem Safe eines Klassik-Liebhabers sind wichtige Dokumente. Al gelingt es als Begleiter einer Opernsängerin (Suzanne Pleshette [Die Vögel]) auf das Landhaus eingeladen zu werden.

In „Der große Zauber“ tarnt Al sich, um in einen Palast zu gelangen, als Zauberer. Dummerweise hat er von der Zauberei keine Ahnung, der echte Zauberer ist deutlich älter als Al Mundy und er trifft dort auf eine Kollegin. Das gibt genug Stoff für zahlreiche witzige Szenen.

In „Eine Kiste rote Rüben“ gibt es einen satirischen Blick auf das Milieu von mehr oder weniger avantgardistischen Filmemacher und deren Gehabe, das an Rockstars erinnert. Noel Harrison, der damals als Sidekick aus der Spionageserie „The Girl from U.N.C.L.E.“ (aka Stefanie Powers, die später mit Robert Wagner „Hart, aber herzlich“ wurde) bekannt war, gefiel die Rolle als arrogant-schnöseliger Regisseur Lester V. Griffin sichtbar.

Wahrscheinlich gab es für „Rätselhafte Transaktionen“, obwohl ich es mir nicht vorstellen kann, aber andererseits traue ich Banken fast alles zu, ein wahres Vorbild. Denn den Safe, den Al dieses Mal knacken soll, ist in einer Bank (soll vorkommen) und die Safetür ist auf eine sehr belebte Straße gerichtet. Das inspiriert Al zwar zu einer durchaus aufwändigen Tarnaktion, aber andererseits ist diese Konstruktion des Safes (und einige Teile von Als Charade) doch arg unglaubwürdig.

Da sind die in der Karibik spielenden Episoden „Eine Nacht auf Solidad“ und „Sechs für die Revolution“ wesentlich glaubwürdiger. In „Eine Nacht auf Solidad“ soll Al die Leiche eines Diktatorensprösslings zur Schnellautopsie aus den Katakomben stehlen. Es ist zwar spaßig anzusehen, wie die Leiche dann mehrmals über das Anwesen des Diktators geschleppt wird. Aber eigentlich hätte der S.-I.-A.-Doktor doch einfach die Leiche in der Leichenkammer obduzieren können. Aber in den Swinging Sixties waren Spione und ihre Gegner für ihre elaborierten Pläne berüchtigt.

In „Sechs für die Revolution“ planen ein General und ein mächtiges Kartell einen Umsturz. Al soll den zwischen ihnen aufgesetzten Vertrag stehlen. Der ist in einem Safe, der nur mit sechs verschiedenen Schlüsseln, die sich bei den Verschwörern befinden, geöffnet werden kann.

Und in „Ein leiser Löwe“, der letzten Folge der Halbstaffelbox, hilft Al einem Freund. Denn in einem afrikanischem Kleinstaat wurde eine wertvolle, die Macht des Herrschers begründende Reliquie gestohlen. Al will sie zurückstehlen und wie ihm, buchstäblich in letzter Sekunde, der Austausch gelingt, ist ein kleines Kabinettstück, das einen sehnlich auf die weiteren Folgen warten lässt.

Auffallend bei der deutlich von der damaligen James-Bond-Manie beeinflussten Serie „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ ist, dass die Mischung aus spannenden Fällen, technischen Spielereien (wobei Al Mundy im Gegensatz zu James Bond immer der altmodische Handwerker war, der auch aus Prinzip auf eine Pistole verzichtete), coolen Sprüchen (ich beziehe mich auf die Originalfassung. Die deutsche Fassung wurde von Schnodderschnauze Rainer Brandt gemacht.), heißen Frauen (ich meine FRAUEN, keine dieser im Schönheitsstudio optimierten, hirnlosen Kampfamazonen), jazziger Musik (für einige Folgen wurden sogar die bekannten Jazzer Benny Golson und Oliver Nelson engagiert) heute immer noch – Nostalgiebonus hin, Nostalgiebonusher – glänzend unterhält.

Die „Staffel 2.1“-Box hat, wie die beiden Boxen für die erste Staffel, ein informatives zwanzigseitiges Booklet und das Bild wurde überarbeitet. Während bei der ersten Aufnahme die Archivaufnahmen teilweise eine deutlich schlechtere Qualität hatten, ist jetzt das Bild der über vierzig Jahre alten Serie einheitlich gut.

Ihr Auftritt, Al Mundy! – Staffel 2.1 (It takes a Thief, USA 1968)

Idee: Roland Kibbee

mit Robert Wagner (Al Mundy), Malachi Throne (Noah Bain)

DVD

Polyband

Bild: 1,33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Booklet

Länge: 590 Minuten (12 Episoden auf 4 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Al Mundys neue Einsätze

Eine Nacht auf Solidad (One Night on Soledade)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Alan Caillou

Der Musik-Liebhaber (A Sour Note)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Gene L. Coon (nach einer Geschichte von Mort Zarcoff und Gene L. Coon)

Der große Zauber (The Bill is in Committee)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Elroy Schwartz

Die Hitze bringt es an den Tag (The Thingamabob Heist)

Regie: Jack Arnold

Drehbuch: Burt Styler

Sechs für die Revolution (Get me to the Revolution in time)

Regie: Leonard J. Horn

Drehbuch: Paul Tuckahoe, Glen A. Larson

Hände weg von der Dame (The Packager)

Regie: Leonard J. Horn

Drehbuch: Leonard Stadd

Flitterwochen in Berlin – Teil 1 (Hans across the border – Part 1)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Glen A. Larson

Flitterwochen in Berlin – Teil 2 (Hans across the border – Part 2)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Glen A. Larson

Eine Kiste roter Rüben (A case of red turnips)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Mort Zarcoff

Zwei alte Freunde im Ring (The galloping skin game)

Regie: Michael T. Caffey

Drehbuch: Gene L. Coon (nach einer Geschichte von Leigh Chapman und Gene L. Coon)

Rätselhafte Transaktionen (Glass riddle)

Regie: George Tyne

Drehbuch: B. W. Sandefur

Ein leiser Löwe (To catch a roaring lion)

Regie: Marc Daniels

Drehbuch: Robert M. Young

Hinweise

Wikipedia über „It takes a thief“

Cinema Retro über „It takes a thief“

Meine Besprechung von „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ (Staffel 1)

 

 


DVD-Kritik: Hark Bohms grandioser Jugendfilm „Nordsee ist Mordsee“

Januar 31, 2011

Der letzte deutsche Film, der die Probleme von Jugendlichen halbwegs ernsthaft thematisierte, war Detlev Bucks „Knallhart“. Allerdings überzeugte „Knallhart“ weniger als Jugenddrama, sondern vor allem als Gangster-Ghetto-Drama, das durchaus gelungen amerikanische Vorbilder nach Berlin versetzte. Über das Leben von Jugendlichen erfuhr man dagegen, außer einer Bestätigung der eigenen Vorurteile, nichts.

Dabei waren wir schon einmal weiter.

In den siebziger Jahren drehte Hark Bohm mit seiner Filmfamilie einige Filme für junge Zuschauer, die explizit ihre Sorgen und Sehnsüchte ansprachen und die auch mit den Jugendlichen gemeinsam entwickelt wurden. „Tschetan, der Indianerjunge“, „Nordsee ist Mordsee“, „Moritz, lieber Moritz“ und, nach einigen anderen Filmen, „Yasemin“ hießen sie und, obwohl sie damals für Diskussionen sorgten und auch an der Kinokasse erfolgreich waren, sind sie heute weitgehend vergessen. Denn sie liefen schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen, im Kino sowieso nicht und es gibt auch bislang keine DVD-Veröffentlichungen (Naja, genaugenommen wurde „Nordsee ist Mordsee“ 2009 in der Spiegel-Edition „Deutscher Film“ veröffentlicht und in der aus fünfzig Filmen bestehenden, limitierten, entsprechend teuren und ausverkauften „Filmverlag der Autoren“-Werkschau wurden „Tschetan, der Indianerjunge“ und „Nordsee ist Mordsee“ veröffentlicht.).

In „Nordsee ist Mordsee“ erzählt Hark Bohm die Geschichte des vierzehnjährigen Uwe Schiedrowsky (Uwe Enkelmann, heute bekannter als Uwe Bohm) und des gleichaltrigen Dschingis Ulanow (Dschingis Bowakow). Sie leben in einem Sozialen Wohnungsbau auf der Elbinsel Hamburg-Wilhelmsburg, damals von den Bewohnern auch Niggertown genannt und ein Paradies für Sozialarbeiter und Stadtplaner.

Uwe wird von seinem Vater Walter Schiedrowsky (Marquard Bohm, der Bruder von Hark Bohm), einem Barkassenschiffer, der ein richtiger Seemann werden wollte und der seinen Frust über seinen Job im Alkohol ersäuft, regelmäßig geschlagen. Dafür ist Uwe mit seinem Platzhirschgehabe, das er sich von seinem Vater abgeschaut hat, bei den Gleichaltrigen der unumstrittene Anführer.

Dschingis ist das genaue Gegenteil von Uwe und wird von Uwes Clique als Ausländer gehänselt. In einer abgelegenen Bucht baut er ein Schiff, das, als es von Uwe entdeckt wird, gleich von Uwe und seinen Freunden zerstört wird.

Es kommt zu einem Kampf zwischen Dschingis und Uwe. Dschingis gewinnt und er zwingt Uwe, das Schiff zu reparieren. Danach ist Uwe als Anführer abgesägt. Er versucht mit einem Autodiebstahl wieder deren Respekt zurück zu erobern. Selbstverständlich wird er von der Polizei erwischt und kassiert von seinem Vater erst einmal eine ordentliche Tracht Prügel.

In diesem Moment kann er sich nur an Dschingis wenden, der ihm anbietet, bei ihm zu übernachten. Aber Dschingis‘ Mutter, die in der deutschen Gesellschaft nicht auffallen möchte, lehnt die Bitte von ihrem Sohn ab.

Dschingis und Uwe, die sich jetzt endgültig von den Erwachsenen abgelehnt fühlen, beschließen gemeinsam mit dem von ihnen gebautem Schiff die Elbe hinunter zu fahren. Doch schon nach wenigen Metern, im Hamburger Hafen, zwischen all den großen Schiffen, merken sie, dass sie mit ihrem Kahn nicht weit kommen werden. Sie klauen ein kleines Segelboot und machen sich auf dem Weg zur Nordsee.

Als „Nordsee ist Mordsee“ 1976 in die Kinos kam war der Film ein Hit.

Gleichzeitig gab es mächtigen Ärger wegen der Freigabe. Denn die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) gab dem Film zuerst eine „ab 16 Jahre“-Freigabe und begründete dies mit den möglichen negativen Auswirkungen auf unter Sechzehnjährige und warnte vor Nachahmungseffekten. Hark Bohm klagte dagegen, weil er wollte, dass die Jugendlichen, für die er den Film gemacht hatte, sich den Film ansehen können. Ihm schwebte eine „ab 6 Jahre“-Freigabe vor. Diese Streit wurde von zahlreichen Zeitungsartikeln und einer entsprechend breiten Debatte über die Freigabepolitik, die Aufgabe der FSK und die Wirkung von Filmen („Wenn ein Film so einfach wirken würde, dann hätte ‚Es herrscht Ruhe im Land‘ in der Bundesrepublik eine Revolution auslösen müssen.“ [Hark Bohm]) begleitet. Letztendlich ging es um die auch heute noch bei der Freigabe von Filmen aktuellen Fragen, inwiefern mit den Freigaben auch erzieherische Aussagen verknüpft sind oder sollten und wie sehr die Freigabe eines Filmes teilweise sogar erwachsene Zuschauer vor möglichen negativen Auswirkungen beschützen soll.

Letztendlich wurde „Nordsee ist Mordsee“ am 13. Mai 1976 im Rechtsausschuss (der höchsten Berufungsinstanz der FSK) „ab 12 Jahre“ freigegeben. Diese Freigabe hat der Film heute immer noch und deshalb kann „Nordsee ist Mordsee“ im Fernsehen, ohne Ausnahmegenehmigung, nicht vor 20.00 Uhr gezeigt werden.

Dabei ist „Nordsee ist Mordsee“ trotz kleiner Schwächen in der Geschichte und dem Schauspiel (Hey, es sind Jugendliche und einige Laienschauspieler) immer noch ein überzeugender Film, der die Jugendlichen, ihre Sorgen und Nöte und die Zwänge in denen sie und ihre Eltern leben, ernst nimmt. Denn Hark Bohm lebte vor den Dreharbeiten zur Recherche drei Monate in Hamburg-Wilhelmsburg und erarbeitete das Drehbuch mit seinen Darstellern. So floss in die von Uwe Enkelmann und Dschingis Bowakow gespielten Charaktere viel von ihrer eigenen Geschichte ein und genau diese in jeder Sekunde spürbare dokumentarische Qualität gibt „Nordsee ist Mordsee“ seine Kraft.

Nordsee ist Mordsee“ lohnt wirklich eine Wiederentdeckung.

Nordsee ist Mordsee (D 1976)

Regie: Hark Bohm

Drehbuch: Hark Bohm

mit Uwe Enkelmann, Dschingis Bowakow, Marquard Bohm, Herma Koehn, Katja Bowakow, Günter Lohmann, Corinna Schmidt, Ingrid Boje, Gerhard Stöhr, Rolf Becker

DVD

Arthaus/Kinowelt

Bild: 1,66:1 (anamorph)

Ton: Deutsch (Mono Dolby Digital)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer, Fotogalerie, Presseheft, Wendecover

Länge: 82 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Nordsee ist Mordsee“

Die Zeit: Hans C. Blumenberg über „Nordsee ist Mordsee“ (30. April 1976)

 


DVD-Kritik: „Du und ich“ oder ein vergessenes Meisterwerk von Fritz Lang

Januar 27, 2011

Es wäre Unfug, Fritz Langs hoch budgetiertes Drama „Du und ich“ auf eine Stufe mit seinen Stummfilmmeisterwerken „Der müde Tod“, „Dr. Mabuse, der Spieler“, „Die Nibelungen“, „Metropolis“, „Spione“, „Frau im Mond“, seinem Tonfilmdebüt „M“, seinem letzten deutschen Film vor seiner Flucht, „Das Testament des Dr. Mabuse“ zu stellen. Aber schlechter als seine zahlreichen, immer noch bekannt-beliebten Hollywood-Noirs, wie „Gefährliche Begegnung“, „Gardenia – Eine Frau will vergessen“ und „Heißes Eisen“ (bei denen ihm das geringe Budget deutliche Schranken setzte) ist „Du und ich“ nicht.

Denn „Du und ich“ (ein seltsam austauschbarer und nichtssagender Titel) ist viel besser als seine Bekanntheit, genauer Unbekanntheit, vermuten lässt. In den USA war der am 1. Juni 1938 uraufgeführte Film ein Kassenflop. In Deutschland erlebte er, wie viele von Langs Hollywood-Filmen, erst am 16. Januar 1978 im WDR seine Premiere und auch bei der wurde anscheinend auf eine deutsche Synchronisation verzichtet. Jedenfalls findet sich auf der jetzt in der „Film Noir Collection“ veröffentlichten Fassung keine deutsche Tonspur.

Geplant war von Fritz Lang ein Brechtsches Lehrstück über den Kapitalismus, Verbrechen und Resozialisierung. Dafür spricht auch, dass Kurt Weill die Musik schrieb. Jedenfalls einen Teil, bis er ein besseres Angebot erhielt und Hollywood gegen den Broadway eintauschte. Dennoch gefiel ihm der Rohschnitt des Films: „Es ist ein sehr schöner, teilweise aufregend schöner Film, aber zu lang, (d. h. zu lang und zu Lang), oft sehr schleppend und sehr deutsch, aber im Niveau unvergleichlich besser als alles was sie hier machen.“

Der fertige Film ist allerdings nicht „zu lang“ und auch nicht „zu Lang“. Denn schon der Auftakt, ein Kurt-Weill-Lied über den Kapitalismus, das von Bildern aus dem Kaufhaus und der Warenwelt illustriert und ironisch kommentiert wird, stimmt furios auf die folgenden neunzig Minuten ein. In den ersten Filmminuten werden einige Verkäufer ohne Umschweife als Verbrecher vorgestellt. Dann erklärt der Kaufhausbesitzer Jerome Morris (Harry Carey) seiner Frau, dass er vielen Verbrechern eine zweite Chance gebe und bis jetzt sei noch keiner rückfällig geworden.

Einer von diesen auf Bewährung entlassenen Verbrechern ist Joe Dennis (George Raft). Gerade bei ihm sah der Knastdirektor keine Chance auf eine Rehabilitation. Aber jetzt scheint ihm der Ausstieg aus dem Verbrecherleben zu gelingen. Joe ist in die Verkäuferin Helen Roberts (Sylvia Sidney) verliebt. Weil Joe noch auf Bewährung draußen ist, darf er unter anderem nicht heiraten. Er will, nachdem er seine Bewährungsstrafe erfolgreich hinter sich gebracht hat, nach Kalifornien umziehen und dort ein vollkommen neues Leben als ehrlicher Mann beginnen. Aber Helen fragt ihn nach einem gemeinsam verbrachtem, wundervollem Abend bei dem er das Ende seiner Bewährungsstrafe feierte, ob er sie heiraten will. Joe, der sein Glück kaum fassen kann, ist einverstanden. Er zieht bei ihr ein, wird von Helens Vermietern akzeptiert, erhält seine frühere Arbeit wieder und alles könnte perfekt sein.

Aber da erfährt er zufällig und nicht von Helen, dass sie ebenfalls auf Bewährung draußen ist. Für ihn zerbricht der Traum von einem ehrlichen Leben. Er trifft sich wieder mit seinen alten Kumpels (eine weitere, der zahlreichen erinnerungswürdigen Szenen des Films) und gemeinsam planen die Verbrecher, von denen etliche auch im Kaufhaus arbeiten, einen Einbruch in das Kaufhaus.

Und wenn Helen dann den während des Einbruchs erwischten Einbrechern in der Kinderabteilung den Kapitalismus erklärt gibt es eine kleine Lernstunde in angewandter Ökonomie. Denn sie rechnet den Jungs vor, wie hoch die Beute ist, was daran der Hehler verdient, welche Ausgaben sie haben und was ihnen am Ende bleibt. Es ist erschreckend wenig und untermauert eindrucksvoll die These, dass Verbrechen sich nicht lohne, lange bevor Steven D. Levitt und Stephen J. Dubner mit „Freakonomics“ einen Bestseller landete, in dem sie erklärten, warum Drogenhändler bei ihrer Müttern wohnen.

Damals bemängelten Kritiker, dass Fritz Lang sich nicht für ein Genre entscheide. Gerade dieser elegante Wechsel zwischen den verschiedenen Genres und natürlich die meisterhafte Beherrschung des filmischen Handwerks und einer stringent entwickelten, pointiert erzählten Geschichte verleihen dem über siebzig Jahre altem Film eine auch heute noch ungeahnte Kraft. Auch dass der Film nicht stupide seine Botschaft hinausbrüllt, sondern die verschiedenen Positionen nebeneinander präsentiert und sie immer wieder ironisch bricht, trägt zur Frische des Lehrstücks ohne Botschaft bei.

 

Die DVD

 

Du und ich“ erschien als sechster Film in der „Film Noir Collection“ von Koch Media. Über die Einsortierung von „Du und ich“ als Noir könnte diskutiert werden (ich würde ihn unter Drama und nicht unter Noir einsortieren), aber nicht über die gewohnt liebevolle Ausstattung. Der Film wurde digital restauriert und entsprechend gut ist das Bild. Auch über den Ton des über siebzig Jahre alten Films kann nicht gemeckert werden Es gibt eine umfangreiche Bildergalerie, den Kinotrailer und ein zwölfseitiges Booklet mit einem informativem Text von Thomas Willmann über den Film.

Du und ich (You and Me, USA 1938)

Regie: Fritz Lang

Drehbuch: Virginia Van Upp (nach einer Geschichte von Norman Krasna)

mit Sylvia Sidney, George Raft, Robert Cummings, Barton MacLane, Roscoe Karns, Harry Carey

DVD

Koch Media (Film Noir Collection 6)

Bild: 1,37:1 (4:3)

Ton: Englich (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Bildergalerie, Original Trailer, Booklet

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über Fritz Lang (deutsch, englisch)

Senses of Cinema: Dan Shaw über Fritz Lang

BFI über Fritz Lang

MovieMaker: Interview von 1972 mit Fritz Lang

Manhola Dargis: Making Hollywood Films Was Brutal, Even for Fritz Lang (New York Times, 21. Januar 2011)

 


DVD-Kritik: Das „Gesetz der Straße“ gilt auch für „Brooklyn’s Finest“

Januar 20, 2011

In seinem neuesten Film erzählt „Training Day“-Regisseur Antoine Fuqua vom Leben einiger Polizisten in Brooklyn. Aber während Fuqua in „Training Day“ im Genregewand (ein alter Polizist soll einen Neuling einarbeiten) ganz klassisch die Geschichte eines Mannes und einer Verführung erzählte, ist „Gesetz der Straße“ mit seinen drei, parallel erzählten Geschichten wesentlich fragmentierter. Die Charaktere begegnen sich höchstens zufällig. Gleichzeitig verknüpft Fuqua die Geschichten durch Schnitte, szenenüberlappende Dialoge und die Musik so sehr, dass es kaum auffällt, wie wenige Szenen die hochkarätigen Schauspieler miteinander haben.

Außerdem wird in „Gesetz der Straße“ nicht die Geschichte einer Verführung erzählt. Denn die drei Hauptcharaktere sind bereits auf der dunklen Seite angekommen.

Eddie (Richard Gere) ist ein abgebrannter Streifenpolizist, der nur noch auf seine baldige Pensionierung wartet. Er hält sich aus allem heraus und ist daher auch überhaupt nicht begeistert, als er auf seine letzten Tage noch einen jungen Polizisten einarbeiten soll. Erst nach seiner Pensionierung (die in ihrer Glanzlosigkeit schockierend ist und, so Fuqua in seinem interessantem Audiokommentar, der Realität entspricht) sieht er ein verschwundenes Mädchen, das jetzt anscheinend von ihrem Zuhälter zur Prostitution gezwungen wird, und er verfolgt die beiden.

Tango (Don Cheadle) ist ein Undercover-Cop, der aussteigen will. Er wird von seinen Vorgesetzten (Will Patton, Ellen Barkin [grandios als kaltschnäuziges Luder]) gezwungen als letzten Auftrag Beweise gegen seinen Freund, den Drogenhändler Caz (Wesley Snipes), zu finden.

Sal (Ethan Hawke) gehört zu einem Spezialkommando. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und das dritte Kind ist unterwegs. Er möchte, dass sie aus ihrem zu kleinen und mit Chemikalien verseuchtem Haus in ein besseres Haus umziehen können. Weil dafür sein Lohn als Polizist nicht ausreicht, beschließt er, es sich von den Drogenhändlern, die er jagen soll, zu holen.

Eddie, Tango und Sal (dessen Katholizismus und die damit verbundenen Schuldgefühle in jeder Szene spürbar sind) haben alle Fehler begangen. Sie sind Sünder vor dem Herrn. Sie versuchen alle wieder zur guten Seite zurückzukehren. Und, selbst ohne ein katholische Schuld-Sühne-Verständnis, müssen sie für ihre Sünden bezahlen. Unklar ist nur der Preis. Immerhin kennen wir spätestens seit Martin Scorseses „Hexenkessel“ den Spruch „Du zahlst deine Sünden nicht in der Kirche…du zahlst auf der Straße“ (gerne auch in der knapperen Form „Für deine Sünden zahlst du auf der Straße.“).

Es gibt vieles, was bei „Gesetz der Straße“ beeindruckt: die Schauspieler, die Drehorte (es wurde vor Ort in Brooklyn mit Anwohnern gedreht), der Schnitt und damit die elegante Verknüpfung der drei arg vorhersehbaren Geschichten. Aber so richtig packend ist „Gesetz der Straße“ nie. Denn der getragene Erzählrhythmus, die wenigen Schnitte und langsamen Kamerafahrten verstärken die Distanz zum aus dem Klischeebaukasten des Copfilms zusammengesetzten Geschichten.

Und die Desillusionierung der Charaktere ist zu groß. Während früher die Polizisten die Verbrecher ohne Rücksicht auf Verluste jagten, den Aufstand versuchten und den Kampf gegen das System aufnahmen, auch wenn sie tief in ihrem Innersten ahnten, dass er vergeblich sein würde, haben in „Gesetz der Straße“ alle schon lange resigniert.

In „Gesetz der Straße“ ist nichts mehr zu spüren von der fiebrige Energie von „Training Day“. Und damit ist „Gesetz der Straße“ wahrscheinlich genauso wie „Training Day“ und, wenn wir in die Geschichte des Copfilms gehen, „Prince of the City“, „Serpico“ und „French Connection“ eine Bestandsaufnahme der Gesellschaft.

 

Die DVD

 

Das umfangreiche Bonusmaterial besteht aus einem informativem Making-of, vier ebenso informativen Featurettes und einem hörenswertem Audiokommentar von Antoine Fuqua, der sich vor allem darauf konzentriert, zu erklären, was er mit bestimmten Szenen erreichen wollte. Bei den „Geschnittenen Szenen“ handelt es sich vor allem um Szenenverlängerungen und andere Versionen des Filmendes. Insofern täuscht die große Laufzeit etwas.

Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Regie: Antoine Fuqua

Drehbuch: Michael C. Martin

mit Richard Gere, Don Cheadle, Ethan Hawke, Wesley Snipes, Vincent D’Onofrio, Will Patton, Lili Taylor, Ellen Barkin, Brían F. O’Byrne, Michael K. Williams, Lili Taylor

DVD

Kinowelt

Bild: 2,35:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Geschnittene Szenen, Featurettes (Konflikt und Chaos: Das Leben eines New Yorker Cops, Ein Blick fürs Detail, Vom Bahn-Angestellten zum Hollywood-Autor, Die Jungs im realen Viertel), Fotogalerie, Trailer (deutsch, englisch), Audiokommentar von Antoine Fuqua, Presseheft (deutsch)

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Am 17. März 2011 erscheint der Film bei Kinowelt in der „SteelBook Collection“ von „Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest“.

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gesetz der Straße“

The Root: Interview mit Michael C. Martin über „Brooklyn’s Finest“

Go into the Story: Interview mit Michael C. Martin über „Brooklyn’s Finest“

Variety über Michael C. Martin (10. Juni 2008)


TV-Tipp für den 7. Januar: Der Preis des Verbrechens: Mörderischer Wahn – Teil 1 (mit DVD-Kritik „Der Preis des Verbrechens – Volume 2“)

Januar 7, 2011

ZDFneo, 00.10

Der Preis des Verbrechens: Mörderischer Wahn – Teil 1 (GB 1999, R.: Jo Johnson)

Drehbuch: Lynda La Plante

Die Detektive Walker und North suchen den Mörder des 15-jährigen Cassie.

Auf der Insel läuft Lynda La Plantes Serie „Der Preis des Verbrechens“ seit Jahren erfolgreich. Bei uns werden die Zweiteiler (der erste Teil zeigt die Ermittlungen, der zweite die Gerichtsverhandlung) nur selten gezeigt. Was wahrscheinlich an der überragenden Qualität der Reihe liegt.

Den zweiten Teil gibt es kommenden Freitag, den 14. Januar, um 00.10 Uhr (Oder Taggenau: Samstag, 15. Januar, 00.10 Uhr)

 

Schon die ersten beiden Fälle der englischen Polizeiserie „Der Preis des Verbrechens“ erschienen in einer sehr spartanischen DVD-Ausgabe. Kein Bonusmaterial (was bei den englischen Ausgaben nicht viel besser ist) und keine Untertitel. Die zweite „Der Preis des Verbrechens“-Sammlung, wieder mit zwei jeweils 200-minütigen Fällen, ist genauso spartanisch ausgestattet.

Dafür sind die beiden Fälle „Mörderischer Wahn“ (über ein verschwundenes 15-jähriges Mädchen) und „Vorm Abgrund“ (über einen acht Jahre alten Mordfall, bei dem ein Homosexueller seinen Freund im Suff tötete) wieder gelungene Krimiunterhaltung. Inzwischen, weil die beiden Hauptcharaktere, die Kriminalpolizisten Michael Walker und Pat North in „Mörderischer Wahn“ ein Paar wurden (Tja, wo die Liebe hinfällt.), nimmt auch ihr Privatleben einen größeren Teil der Handlung ein. In „Vorm Abgrund“ wird ihre Beziehung in mehrfacher Hinsicht auf die Probe gestellt. Denn Michael Walker ermittelte damals gegen den Täter und, obwohl er ein guter Polizist ist, ist auch bekannt, dass er keine Scheu davor hat, die Regeln zu dehnen. Die jetzigen Ermittlungen sieht er auch als einen Angriff auf seine damaligen Ermittlungen; – und das, bevor herauskommt, dass Walker den Täter aus seinen Anfangstagen als Polizist kennt. Außerdem hat er sich noch nicht von seiner Frau getrennt und Pat North wird schwanger.

Auch wenn in „Vorm Abgrund“, weil von Anfang an keine Zweifel über den Täter herrschen, der Kriminalfall schwach ist, hat Produzentin, Serienerfinderin und Drehbuchautorin Lynda La Plante mit dem dritten und vierten „Der Preis des Verbrechens“-Filmen wieder einmal gute Krimiunterhaltung geliefert. Denn sie dröselt den Fall von der Tat über die Ermittlungen und die Gerichtsverhandlung bis hin zum Urteil detailliert und mit einem quasi-dokumentarischem Blick hinter die Kulissen langwieriger polizeilicher Ermittlungen und gerichtlicher Verfahren auf. Das entwickelt schnell, weil es gut gemacht ist, einen Sog, der dazu führt, dass die zweihundert Minuten für einen „Der Preis des Verbrechens“-Fall schneller zu vergehen scheinen als die meisten „Tatorte“.

Der Preis des Verbrechens – Volume 2 (Trial & Retribution, GB 1999/2000)

Erfinder: Lynda La Plante

DVD

Edel Germany

Bild: 4:3

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 397 Minuten (4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

enthält

Mörderischer Wahn (Trial and Retribution III, GB 1999)

Regie: Jo Johnson

Drehbuch: Lynda La Plante

mit David Hayman (D. Supt. Michael Walker), Kate Buffery (D. I. Pat North), Dorian Lough (D. S. Dave Satchell), Paul Kynman (D. I. Jeff Batchley), Patricia Potter (Emily)

Vorm Abgrund (Trial and Retribution IV, GB 2000)

Regie: Michael Whyte

Drehbuch: Lynda La Plante

mit David Hayman (D. Supt. Michael Walker), Kate Buffery (D. I. Pat North), James Wilby (James McCready), Corin Redgrave (Robert Rylands), Dorian Lough (D. S. Satchell)

Hinweise

Homepage von Lynda La Plante

Wikipedia über „Trial & Retribution“

Fernsehserien über „Der Preis des Verbrechens“

ITV über „Trial & Retribution“

Meine Besprechung von „Der Preis des Verbrechens – Volume 1“


DVD-Kritik: Französische Bullen im „Crossfire“

Januar 6, 2011

Mit einer blutigen Geiselbefreiung beginnt der französische Polizeithriller „Crossfire“. Als SEK-Polizisten verkleidete Gangster erschießen echte Polizisten und befreien ihren Boss, einen Ex-Fremdenlegionär, dem eine jahrzehntelange Haftstrafe droht.

Nach diesem Auftakt nimmt Regisseur Claude-Michel Rome das Tempo heraus. Denn er will nach zahlreichen TV-Filmen in seinem Spielfilmdebüt keinen weiteren actionlastigen Franco-Thriller, sondern ein grundsolides Genrestück über einige Polizisten und Bewohner eines Ortes, mit einer satten Portion Action am Anfang und Ende des Films, drehen.

Die nächste Szene und der gesamte Film spielt in einem Industrieviertel am Arsch der Welt (genaugenommen ein Vorort von Marseille mit Myriaden von Ölraffinerien und Industriebrachen). Vincent Drieu (Richard Berry [Waffenbrüder, Der Lockvogel, 22 Bullets]) steigt an einem Provinzbahnhof aus dem Zug und lagert eine Tasche in einem Schließfach des Bahnhofs. Er wurde aus Paris in ein Revier versetzt, das in drei Monaten geschlossen wird. Die Polizisten erscheinen zwar zum Dienst, aber ihnen Dienst nach Vorschrift zu bescheinigen, wäre ein Euphemismus. Auch die hochschwangere Revierchefin versucht ihm bei ihrer ersten Begegnung gleich jegliche Arbeitsmoral auszutreiben.

Drieu versucht trotzdem als Polizist zu arbeiten und er entdeckt zwischen einigen scheinbar nicht zusammenhängenden Ereignissen Verbindungen. Dazu gehören ein in einer Wohngegend stehengelassenes Luxusauto mit falschem Kennzeichen, das entgegen den Ghettogewohnheiten nicht sofort ausgeräumt wurde, ein verschwundener Ehemann und ein kleiner, jugendlicher Drogenhändler, der plötzlich guten Stoff hat. Es gibt den Chef des örtlichen Discobordells, bei dem der Ausdruck „weiße Weste“ nur für seinen Anzug gilt. Und dann ist da auch noch der am Filmanfang befreite Ex-Fremdenlegionär, der – das dürfte jetzt niemanden überraschen – sich auch in das am Meer liegende Industriegebiet verirrt.

Der Quasi-Western „Crossfire“ reiht sich gelungen in die aktuelle Reihe französischer Kriminalfilme ein, die zeitgemäß aufbereitet, die einheimische Kriminalfilmtradition pflegen und sich an Hollywood-Vorbildern bedienen.

Das ist in „Crossfire“ vor allem der Western à la „Mein großer Freund Shane“ und seiner unzähligen Variationen. Das Ende (also der gesamte dritte Akt) ist eine überdeutliche Referenz an „Assault on Precint 13“. Wobei sich diese Referenz eher an dem Remake von Jean-François Richet und weniger dem Original von John Carpenter orientiert. Und Carpenters Film war eine Hommage an den John-Wayne-Westernklassiker „Rio Bravo“ von Howard Hawks. Richard Berry übernimmt in „Crossfire“ als schweigsamer Mann in Schwarz die Rolle von John Wayne oder von „Shane“ Alan Ladd. Am Ende streckt er, sicher nicht zufällig ausgewählt, mit einem Dirty-Harry-Gedenkrevolver zielsicher die bösen Buben nieder.

Das sind alles nette kleine Referenzen an bekannt-beliebte Filme und Charaktere, die den Filmfan erfreuen, ohne von der angenehm altmodisch erzählten Geschichte abzulenken. Ein feiner Film.

 

Die DVD

 

Das Bonusmaterial besteht aus dem Trailer und einem vierzigminütigem Making-of, das einen guten Einblick in die Vorbereitungen und Dreharbeiten in Martigues, Bouches-du-Rhône gibt. Wie üblich nehmen die Statements der Schauspieler einen großen Teil der Zeit ein, während die anderen Beteiligten kaum zu Wort kommen.

Crossfire (Les insoumis, Frankreich 2008)

Regie: Claude-Michel Rome

Drehbuch: Claude-Michel Rome, Olivier Dazat

mit Richard Berry, Pascal Elbé, Zabou Breitman, Aïssa Maïga, Bernard Blancan, Guilaine Londez, Moussa Maaskri, Fred Saurel, Aure Atika

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (DVD: DTS, Dolby Digital 5.1, Blu-ray: DTS HD-Master Audio 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making-of, Trailer

Länge: 91 Minuten (DVD), 94 Minuten (Blu-ray)

FSK: ab 16 Jahren

Hinweise

Homepage zum Film (dann Recherche nach „Les Insoumis“ machen)

Tout le Cine: Interviews mit den Machern

Wikipedia über „Crossfire“

 


DVD-Kritik: Jackie Chan als „Little Big Soldier“

Dezember 13, 2010

Jackie Chan scheint so langsam mit seinem Alterswerk zu beginnen. Nach dem gelungenem Noir-Gangsterfilm und Immigrationsdrama „Stadt der Gewalt“ und dem an der Kinokasse erfolgreichem Remake „Karate Kid“ hat er mit „Little Big Soldier“ einen weiteren Film gedreht, bei dem er in erster Linie als Schauspieler überzeugt. Allerdings ist „Little Big Soldier“ wesentlich witziger als die humorlose „Stadt der Gewalt“ und die Kämpfe, die in „Stadt der Gewalt“ nur kurze Eruptionen von Gewalt waren, sind in „Little Big Soldier“ ausführlicher choreographiert. Es ist fast wie in alten Zeiten, als Jackie-Chan-Filme für eine lockere Mischung aus Action und Comedy standen. Aber Jackie Chan lässt bei den meisten Kämpfe jüngeren Schauspielern den Vortritt. Außerdem sind die Kämpfe so zerschnitten, dass man die artistischen Leistungen kaum bewundern kann.

Dass Jackie Chan dieses Mal kaum selbst kämpft, fällt kaum auf. Denn er hat sich in „Little Big Soldier“ eine Rolle auf den Leib geschrieben, die sich gerade durch besondere Hasenfüßigkeit auszeichnet. Er spielt den dritten Sohn eines Bauern. Seine beiden Brüder sind bereits im Kampf gefallen und er will nur vom Militärdienst befreit werden und genug Geld bekommen, um sein Feld zu bestellen. Er ist ein kleiner Mann mit kleinen Träumen.

Nach einer Schlacht, in der alle Soldaten starben und er nur wegen seiner langerprobten Kampftechnik „Toter Mann“ überlebte, kann er einen gegnerischen General gefangennehmen. Er will ihn zu seinem König bringen und die Belohnung in Empfang nehmen.

Diese Reise zu seinem König ist voller Gefahren. Anfangs versucht der Gefangene immer wieder zu fliehen. Er wird daran, nicht immer mit feinen Methoden, gehindert. Sie werden von den Soldaten des Gefangenen verfolgt. In dem Wald sind Banditen. Später kommen, wenig überraschend, die beiden gegensätzlichen Soldaten sich näher.

Denn der kleine Soldat ist der sprichwörtliche kleine Mann, der seine Machtlosigkeit durch Bauernschläue und, als er sich mit Gefangenen, der ihm als Kämpfer hoffnungslos überlegen ist, duelliert, Clownereien kompensiert. Gleichzeitig ist er auf seinen Vorteil bedacht und gehässig. So stößt er mehrmals genussvoll mit seinem Finger in eine schmerzende Wunde seines Gefangenen. Jetzt hat er endlich die Chance, sich einmal an einem der Menschen zu rächen, die ihn aus seinem gemütlichen Leben rissen. Und diese Chance nimmt er ausgiebig wahr. Mit solchen Szenen entgeht Jackie Chan auch der Gefahr, den von ihm gespielten Soldaten als guten Menschen zu heroisieren und zu verkitschen.

Gerade in dieser Gegenüberstellung von einem kleinen Mann, der die Kriege der Großen einfach erleiden muss, und einem General (der sich später sogar als Thronfolger entpuppt), der einfach über die Menschen bestimmt und diese seinen strategischen Entscheidungen unterordnet, gelingt Regisseur Sheng Ding ein mit den typischen Jackie-Chan-Elementen angereicherter Antikriegsfilm, der zwar in der Vergangenheit spielt, aber auch ein Statement zu den derzeitigen Kriegen liefert.

Und für’s Auge gibt es einige prächtige Landschaftsaufnahmen.

Little Big Soldier (Da bing xiao jiang, China/Hongkong 2010)

Regie: Sheng Ding

Drehbuch: Jackie Chan

mit Jackie Chan, Leehom Wang, Rongguang Yu, Ken Lo, Sung-jun Yoo, Peng Lin

DVD

New KSM

Bild: 16:9 (2.35:1)

Ton: Deutsch, Mandarin (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Extras (angekündigt): Making Of, Jackie Chan Goes Berlinale 2010, Trailer, Bildergalerie (Gesamtlaufzeit ca. 49 Minuten)

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Little Big Soldier“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Pressekonferenz zu „Little Big Soldier“ (16. Februar 2010)

Homepage von Jackie Chan

Meine Besprechung von Jackie Chans „Stadt der Gewalt“


DVD-Kritik: „Night Train“ ins Verderben

Dezember 9, 2010

Wenn an Heiligabend ein Mann durch den Wald läuft, er in letzter Minute einen Zug erreicht und kurz darauf in einem Abteil stirbt, dann ist in einem Film das Verhängnis für die Mitreisenden nicht weit. Auch in Brian Kings Debütfilm „Night Train“ ist da so. Denn die beiden neben dem Toten im Abteil sitzenden Menschen, der betrunkene Vertreter Peter Dobbs (Steve Zahn) und die junge, blonde Medizinstudentin Chloe White (Leelee Sobieski) sehen sich das Gepäck des Toten an und entdecken eine kleine Schachtel. Peter kann einen Blick hineinwerfen und er entdeckt Juwelen im Wert von mehreren Millionen. Seine Chance auf ein neues Leben!

Auch Chloe will diese Chance ergreifen. Der Schaffner Miles (Danny Glover) will zunächst, ganz nach Vorschrift, den Vorfall melden. Aber mit dem Geld könnte er seiner kranken Frau helfen. Also beschließen die drei, die sich bisher noch nie begegnet sind, die Leiche verschwinden zu lassen und das Vermögen unter sich aufzuteilen.

Das ist leichter geplant, als getan. Und als an der nächsten Station ein Mann (Constantine Gregory) einsteigt und sich nach dem Toten erkundigt, wissen Miles, Peter und Chloe, dass sie ein ziemlich großes Problem haben. Dieser Mann, der in einem Sydney-Greenstreet-Ähnlichkeitswettbewerb einen guten Platz erreichen dürfte, nennt sich Mr. Gutman und seine Verabredung heißt Mr. Cairo. Krimifans kennen diese Namen aus Dashiell Hammetts auch verfilmtem Roman „Die Spur des Falken“. Das sind nicht die einzigen Namen, die bei Krimi- und Filmfans ein anerkennendes Nicken auslösen und andeuten, welchen Vorbildern Brian King (der auch das Drehbuch für den tollen SF-Film „Cypher“ schrieb) seine Referenz erweist. Nämlich der Schwarzen Serie, Alfred Hitchcock und den John-Huston-Humphrey-Bogart-Filmen.

Mr. Gutman verrät den Drei, dass auf der Box ein Fluch laste und er nicht die einzige Person sei, die sie haben wolle.

Und Chloe verblüfft Peter und Miles immer wieder. Denn die Blondine entpuppt sich ziemlich schnell als skrupellose Femme Fatale, die keine Probleme mit dem Zerstückeln von Leichen hat. Und das ist noch ihre harmloseste Tat.

Night Train“ ist einer der kleinen Filme, die auf einem begrenzten Raum und mit wenigen Schauspielern eine ordentliche Portion an Thrill herausholen. Früher wäre „Night Train“ als eine Folge der „Twilight Zone“ oder von „Alfred Hitchcock präsentiert“ durchgegangen.

Dazu tragen auch die Bilder des fahrenden Zuges (heute computeranimiert, früher Modelleisenbahn), die seltsam zeitlose Ausstattung und der kammerspielartige Ton bei. Denn „Night Train“ ist über weite Strecken ein abgefilmtes Theaterstück, das kein Geld in Action-Sequenzen investieren konnte und sich dabei auf die Story und die Schauspieler verlassen musste.

Das funktioniert auch, bis im letzten Drittel des Films, sehr gut. Dann wird ziemlich unvermittelt das Blutzoll erhöht und die Lebensaussichten der wenigen Zugpassagiere tendieren gegen Null. Da hätte etwas mehr Zurückhaltung nicht geschadet.

Jedenfalls vergehen die knapp neunzig Minuten im „Night Train“ sehr zügig und dieser Zug erreicht ohne Verspätungen sein Ziel.

Night Train (Night Train, USA 2009)

Regie:Brian King

Drehbuch: Brian King

mit Danny Glover, Steve Zahn, Leelee Sobieski, Matthias Schweighöfer, Takatsuna Mukai, Togo Igawa, Richard O’Brien, Jo Marr, Constantine Gregory, Geoff Bell

DVD

Bronson Entertainment

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS, Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Making of (23 Minuten), Interviews (29 Minuten), Original Trailer

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweis

Wikipedia über „Night Train“


DVD-Kritik: „Lange Nacht“ oder Der Versuch, einen deutschen Horrorfilm zu drehen

Dezember 7, 2010

Wenn „Lange Nacht“ ein Amifilm wäre, wäre der Film ein Kandidat für einen Totalverriss. Die Tricks sind schlecht. Die raren Actionszenen sind lächerlich. Für einen Horrorfilm gibt es zu wenig Blut und Gore. Immerhin orientiert sich „Lange Nacht“ mehr an den Teen-Horrorfilmen à la „Freitag, der 13.“ als ein psychologischen Thrillern, in denen die Dynamik innerhalb der Gruppe im Mittelpunkt steht. Dafür sind die einzelnen Charaktere zu blass gezeichnet und es gibt kaum Konflikte zwischen ihnen.

Auch die Story ist aus diesen Slasher-Filmen sattsam bekannt: eine Gruppe Jugendlicher fährt in den Wald und wird dann flugs von irgendjemand dezimiert. In „Lange Nacht“ sind das zuerst die jungen Dorfnazis und später irgendwelche Viecher, die an deformierte Gorillas erinnern, und anscheinend aus der Erde kommen.

Die Schauspieler sind; – nun, wahrscheinlich alles Laien. Die Dialoge funktional und banal, aber dadurch oft auch, im Gegensatz zu den TV-Film-Dialogen, ziemlich lebensnah. Einige Monologe tendieren ins Pseudophilosophische. Also alles nicht so toll.

Aber es darf nicht vergessen werden, dass „Lange Nacht“ nicht in nordamerikanischen Wäldern oder einem unserer Nachbarländer, sondern im benachbarten Brandenburg spielt und die Macher den Versuch unternommen haben, einen geradlinigen Horrorfilm zu inszenieren. Einen Film, der weitab von den Fördergremien und TV-Produktionen entstanden ist. Einen Film, der sich weigert, ein weiteres langatmiges Beziehungs- und Selbstfindungsdrama zu sein, in dem die jugendlichen Protagonisten sich stundenlang über ihre Befindlichkeiten unterhalten. Der Preis für diesen Mut ist das in jeder Sekunde sichtbare, viel zu geringe Budget, das nicht durch ein gutes Drehbuch ausgeglichen wird.

Lange Nacht“ ist wahrlich kein guter Film. Es ist auch kein Film der versteckten Qualitäten. Aber es ist ein Versuch, aus dem deutschen Konsenskino auszubrechen und einfach einen geradlinigen Horrorfilm zu drehen, ohne in eine Blutorgie (die anschließend bei den Prüfgremien zu einer Schnittorgie führt) auszuweichen.

Und dafür muss man schon dankbar sein.

Lange Nacht – Der Anfang der Nacht ist das Ende der Welt (D 2009)

Regie: Till Kleinert

Drehbuch: Till Kleinert, Aaron Craemer

mit Isabelle Höpfner, Sarah Baumann, Volkram Zschiesche, Markus Staab-Poncet, Sebastian Stielke, Ulf Peter Schmidt, Sascha Kölzow, Mandy Rudski, Ketel Weber, Leo Solter

DVD

Bronson Entertainment

Bild: 1.78:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Englisch, Italienisch

Bonusmaterial (angekündigt): Originaltrailer, Audiokommentare, Making of

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film International: Interview mit Till Kleinert über seinen Kurzfilm „Cowboy“

Bonus: Zwei Kurzfilme von Till Kleinert

 


DVD-Kritik: „Flashpoint – Das Spezialkommando“ rückt wieder aus

Dezember 6, 2010

Zwischen all den Cops, die von den Geistern der Vergangenheit gejagt werden, Alkoholiker, Choleriker und in fast jeder denkbaren Beziehung verkorkste Gestalten sind, sind die Jungs von der Stratetic Response Unit (SRU) in Toronto eine willkommen Abwechslung. Die SRU ist eine Spezialeinheit, die immer dann gerufen wird, wenn die Situation brenzlig ist. Das sind meistens Geiselnahmen, aber auch der Schutz gefährdeter Personen, das Überwältigen von Amokläufern, Snipern, Gangstern und Selbstmördern und auch die Hilfe bei potentiell gefährlichen Verhaftungen. Dabei ist ihr oberstes Ziel immer, dass bei ihren Einsätzen niemand stirbt. Auch nicht die Täter. Stattdessen versuchen sie, die Täter mit Worten zur Aufgabe zu bewegen. Dafür müssen sie auch herausfinden, warum er das tut, was er tut. Entsprechend genau werden die Hintergründe der Tat von den Polizisten ermittelt. Die Mitglieder der SRU sind Profis, die ihre Arbeit erledigen und, auch ohne dass es in jeder Folge ellenlange private Plots gibt, dreidimensionale Charaktere mit einem Privatleben. Aber, wie in den alten Polizeiserien, steht in „Flashpoint – Das Spezialkommando“ die Arbeit und damit verbunden der aktuelle Einsatz im Mittelpunkt.

Dabei sind die Fälle der zweiten Staffel noch besser als die der ersten Staffel. Schon in der ersten Staffel hatten die Täter immer gute Gründe für ihr Handeln und oft wechselten während der Episode die Sympathien vom Opfer hin zum Täter. Aber in der zweiten Staffel werden die Polizisten der SRU immer öfter vor Entscheidungen gestellt, in der sie nur die Wahl zwischen zwei schlechten Entscheidungen haben oder etwas tun müssen, wozu sie nach dem Gesetz verpflichtet sind, das aber ihren normalen menschlichen Empfindungen zuwiderläuft. So meint Sergeant Gregory Parker, der Chef der SRU, am Ende von „Zum Schutz des Bösen“ zur neuen Kollegin Donna Sabine, die eine Polizistin erschießen musste: „Wenn wir etwas gut machen, heißt das nicht, dass wir uns auch gut fühlen müssen.“

In dieser Folge müssen sie auf einem Flughafen einen Serienmörder beschützen, der sicher vom Flugzeug ins Gefängnis gebracht werden soll. Aber einige Bürger und Angehörige der Opfer des Mörders wollen nicht, dass der Mörder einer Bestrafung entgeht.

In der ebenfalls ziemlich noirischen Episode „Der letzte Tanz“ drohen sie einem Mann, ihn zu erschießen, wenn er vor ihren Augen versucht, den Wunsch seiner todgeweihten Frau auf einen Freitod zu erfüllen.

Öfters stehen in der zweiten Staffel jugendliche Täter im Mittelpunkt. In „Freund für immer“ überfallen zwei Jugendliche einen Lebensmittelladen. Donnie will so für seinen einzigen wirklichen Schulfreund das Geld besorgen, das dessen Eltern dringen benötigen, wenn sie in Toronto bleiben wollen.

In „Amoklauf“ will sich ein künstlerisch begabter Jugendlicher für die zahlreichen Demütigungen von seinen Klassenkameraden rächen. Die Sache läuft aus dem Ruder. Am Ende gibt es Verletzte und das SRU muss einen Vater verhaften, der seinen Sohn beschützen wollte.

In „Die perfekte Familie“ entführen zwei Jugendliche ein Baby. Sie hatte es an Pflegeeltern abgegeben. Als ihr Freund, ein ziemlich verantwortungsloser Hallodri, der seine Jugend in zahlreichen Pflegefamilien verbrachte, auf heile Familie machen will, schnappen sie sich das Baby. Bei der Verfolgungsjagd kann die SRU nicht wie üblich agieren, weil der Schutz des Babys oberste Priorität genießt. In einem Vergnügungspark kommt es zum deprimierendem Showdown.

Und in „Eine bessere Zukunft“ versucht Derek Medeiros dem Ghetto und der Gangkriminalität zu entkommen. Er arbeitet inzwischen in einem Krankenhaus und er versucht seinen jüngeren Bruder Matt von der Straße fernzuhalten. Als Matt angeschossen wird, muss Derek sich zwischen seinem neuen und seinem alten Leben entscheiden. Denn die Gang verfolgte sie ins Krankenhaus und will sie umbringen. Die SRU versucht die verfeindeten Parteien vor einem tödlichen Schusswechsel zu isolieren.

In „Der Verrat“ können die Sgt. Gregory Parker und seine Männer eine Geiselnahme in einer Bank schnell und unblutig beenden. Da nimmt einer der Geisel den Geiselnehmer als Geisel. Denn seine schwangere Frau wurde von Gangstern entführt und er soll ihnen jetzt eine halbe Million überweisen. Verschärft wird die Situation, weil der Geiselnehmer und die Geisel seit langem miteinander befreundet sind.

Um den Schutz von Kindern geht es auch in „Die Festung“. In dieser Folge wollen einige russische Gangster eine Nobelvilla ausräumen. Da tauchen die Kinder des Hausbesitzers auf und das Kindermädchen versucht die Kinder zu beschützen. Denn es ist für sie ein Unterschied, ob sie bei einem Diebstahl oder bei einer Geiselnahme, die mit einigen Toten enden kann, hilft.

Und in der Auftaktfolge „Obdachlos“ wollen drei Männer einen Banker, der sie mit seinen windigen Versprechen in den Ruin trieb, zur Rede stellen. In dieser Folge wird auch die Hilflosigkeit der Opfer der Bankenkrise gezeigt. Sie werden von anonymen Banken, ohne sich dagegen wehren zu können, um ihr mühsam erspartes Geld gebracht.

Gerade weil auch in der zweiten Staffel der kanadischen Polizeiserie „Flashpoint – Das Spezialkommando“ der aktuelle Einsatz und damit die Täter und Opfer und die Hintergründe für die Tat im Vordergrund stehen, regt die Serie immer wieder zum Nachdenken an. Gleichzeitig gibt es immer auch eine ordentliche Portion Action, ohne dass die Action übertrieben wirkt, und etliche atmosphärische Aufnahmen vom winterlichen Toronto.

Während die neun Folgen den Krimi- und Drama-Fan in jeder Hinsicht befriedigen, ist das Bonusmaterial mit zwei kurze, insgesamt siebenminütige Featurettes, enttäuschend. Das ist kaum mehr als nichts.

Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 2 (Kanada 2009)

Erfinder: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

mit Hugh Dillon (Ed Lane), Enrico Colantoni (Sgt. Gregory Parker), Amy Jo Johnson (Julianna ‘Jules’ Callaghan), David Paetkau (Sam Braddock), Sergio Di Zio (Mike Scarlatti), Michael Cram (Kevin ‘Wordy’ Wordsworth), Mark Taylor (Lewis Young), Jessica Steen (Donna Sabine)

DVD

Koch Media

Bild: 1.78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Stunts (Mini-Featurette), Waffen (Mini-Featurette)

Länge: 361 Minuten (9 Episoden auf 3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die neuen Einsätze der SRU

Obdachlos (Business as usual)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

Die Festung (The fortress)

Regie: Érik Canuel

Drehbuch: Ian Weir

Zum Schutz des Bösen (Clean Hands)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Adam Barken

Freund für immer (Aisle 13)

Regie: Stephen Surjik

Drehbuch: James Hurst

Die perfekte Familie (The perfect family)

Regie: Érik Canuel

Drehbuch: Adam Barken, John Callaghan

Der Verrat (Remote Control)

Regie: Charles Binamé

Drehbuch: Russ Cochrane

Amoklauf (Perfect Storm)

Regie: Holly Dale

Drehbuch: Tassie Cameron

Der letzte Tanz (Last Dance)

Regie: Charles Binamé

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

Eine bessere Zukunft (Exit Wounds)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Russ Cochrane

Hinweise

CTV über die Serie

CBS über die Serie

RTL II über die Serie

Wikipedia über „Flashpoint“ (deutsch, englisch) und die ETF

Polizei von Toronto über die ETF

Running with my eyes closed: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (Oktober 2008, Teil 1, Teil 2)

Complications Ensue: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (21. Juli 2009)

Meine Besprechung von „Flashpoint – Das Spezialkommando – Staffel 1“

 


DVD-Kritik: „Shank“ sucks

Dezember 2, 2010

Das ‚Clockwork Orange‘ unserer Generation“ steht auf dem Cover von Mo Alis Debütfilm „Shank“. Mit dem Werbespruch wird eine Fallhöhe aufgebaut, an der der Film nur scheitern kann. Doch auch ohne diesen hochstehenden Vergleich von der Werbeabteilung ist „Shank“ ein schlechter Film. Jedenfalls für alle, die nicht zum von den Machern anvisiertem Zielpublikum gehören. Das, ungefähr Fünfzehnjährige (aus Südlondon oder einer strukturell ähnlichen Gegend), mag das vielleicht anders sehen.

Dass „Shank“ für Ältere so ziemlich auf ganzer Linie scheitert, liegt nicht unbedingt an dem Miniplot (Junior will den Tod seines Bruders rächen, er macht sich auf den Weg, muss einige Prüfungen überstehen, findet neue Freunde, steht am Schluss dem Mörder seines Bruders gegenüber und muss sich entscheiden, ob er weiterhin den gewaltlosen Weg seiner Gang gehen oder sich rächen will) und dem Willen der Macher, in erster Linie einen Actionfilm mit Musik und Humor zu machen, sondern an der Inszenierung. Mo Ali drehte vorher einige Musikvideos und „Shank“ wirkt über weite Strecken, unterlegt mit der richtigen Musik, wie ein Video für einen Rap-Song.

Die Kamera wackelt, es wird oft geschnitten und es wird reichlich unmotiviert ständig zwischen normaler Geschwindigkeit, Zeitlupe und trendigem Zeitraffer gewechselt. Sparsam eingesetzt können solche Tempoverschiebungen das Gesehene intensivieren. Aber gerade weil Mo Ali diese Stilmittel so wahllos und häufig benutzt, nutzen sie sich schnell zu ärgerlichen Manierismen ab.

Das ganze wird mit schlecht verstandenem Standbild-und-Erklärung-Guy-Ritchie, aber ohne dessen Humor, und etwas „Kill Bill“-Quentin-Tarantino verschnitten. Denn wie in „Kill Bill“ wird auch mal, weil man es kann, der Stil gewechselt. In „Shank“ hin zu einem altmodischen Computerspiel, so „Tron“ auf dem Fahrrad, und Anime.

Die Action-Szenen werden, wie es heute üblich ist, so zerschnitten, dass die Arbeit der Stuntmänner kaum noch erkennen ist.

Die krude Geschichte von „Shank“ spielt 2015 in einem von Gangs regiertem London. Die Macher entschieden sich für das Verlegen der Geschichte in die Zukunft allerdings nicht, weil sie, wie man es aus Science-Fiction-Filmen gewohnt ist, so ihre Botschaft und Kritik an der Gegenwart besser formulieren konnten, sondern aus finanziellen Erwägungen. Denn so mussten sie in Südlondon keine Straßen sperren lassen, sondern konnten auf nicht befahrenen Nebenstraßen und verlassenen Industriegeländen drehen. Die Location-Scouts und Set-Designer gaben ihr bestes, möglichst verfallene Gebäude und Straßen zu finden und diese dann mit einigen Ladungen Müll weiter zu vermüllen.

Allerdings bleibt die negative Zukunftsutopie blass. Es wird kein Grund für den rapiden Verfall der Gesellschaft genannt. Es wird auch keine Kritik an der Gesellschaft oder an bestimmten Werten geübt und selbstverständlich wird auch nichts, wie in Kubricks genialem „Clockwork Orange“ satirisch überspitzt. Denn dafür müsste man eine politische Forderung oder eine Gesellschaftsutopie haben. In „Shank“ geht es nur um Action und eine eher banale moralische Botschaft.

Shank“ ist ein Michael-Bay-Film mit Mini-Budget: Stil über Substanz und bitte nicht nach der Logik fragen.

Die DVD

Das Bonusmaterial ist für einen kleinen Film erfreulich umfangreich und informativ. Die Interviews sind das Rohmaterial für das halbstündige „Making of“, das einige interessante Einblicke in die Produktion gewährt. „Beim Dreh“ und „Outtakes“ sind verschiedene, mehr oder weniger witzige Szenen von den Dreharbeiten. Einmal gesehen und vergessen. Ebenso die kurze, eindeutig als Werbung gedachten Reportage von der Premiere. „Der Dodger Gate Skandal“ ist eine Pseudo-Doku über einen „Shank“-Schauspieler, der ausrastet, weil ihm seine Wünsche nicht erfüllt werden.

Shank (Shank, GB 2010)

Regie: Mo Ali

Drehbuch: Paul van Carter

mit Kedar Williams-Stirling, Adam Deacon, Ashley Bashy Thomas, Michael Socha, Jan Uddin, Kaya Scodelario, Jennie Jacques, Rheanne Murray, Jerome Holder, Colin Salmon, Terry Stone, Robbie Gee, Luke de Woolfson, Robert Fucilla

DVD (Two Disc Extreme Edition)

Ascot Elite

Bild: 2.4:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews (mit Mo Ali, Kedar Williams-Stirling, Adam Deacon, Ashley Thomas, Kaya Scodelario, Jan Uddin, Michael Socha [12 Minuten]), Outtakes (8:20 Minuten), Beim Dreh (3:40 Minuten), Der Dodger Gate Skandal (8 Minuten), Making of (30 Minuten), Die Premiere (3:20 Minuten), Original Trailer (1:20 Minuten)

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Facebook-Seite von Mo Ali

MTV: Interview mit Mo Ali über „Shank“

Wikipedia über „Shank“

Rotten Tomatoes über „Shank“


DVD-Kritik: Der beschnittene „Kojak“

November 19, 2010

Vor fünf Jahren wurde die erste Staffel von „Einsatz in Manhattan“, wie „Kojak“ in Deutschland hieß, veröffentlicht und sie verkaufte sich wohl nicht so toll. Denn erst jetzt wurde die zweite Staffel der in den siebziger Jahren weltweit erfolgreichen Polizeiserie mit Lt. Theo Kojak von Revier Manhattan Süd als Helden (Kennzeichen: Glatze, Lolli, immer gut gekleidet, immer einen sarkastischen Spruch auf den Lippen) veröffentlicht.

Die dritte Staffel ist für Anfang Dezember angekündigt und man kann nur hoffen, dass dann einige Fehler der jetzt vorliegenden Veröffentlichung nicht wieder gemacht werden. Denn so hübsch das Cover auch ist, der Inhalt ist eine einzige Enttäuschung. Universum veröffentlichte nicht die Originalfolgen, sondern die deutschen Fassungen. Diese wurden, aufgrund des damaligen ARD-Sendeschemas, bei der Erstausstrahlung gnadenlos von knapp 50 Minuten auf unter 45 Minuten gekürzt. Damit ist die zweite Staffel für Filmfans mit filmhistorischen Ambitionen wertlos. Bei der ersten Staffelbox wurden dagegen die Originalversionen auf die DVDs gepresst und es kam dann bei den damals gekürzten Passagen zu einen Sprachwechsel vom Deutschen ins Englische (der mich, weil ich mir die Folgen im Original ansah, nicht störte).

Die Bildqualität der einzelnen Folgen der zweiten „Kojak“-Staffel schwankt von Folge zu Folge zwischen abgenudelt-matschigem VHS-Tape und halbwegs scharf, aber viel zu hell und immer wieder mit falschen Farben; wobei in den späteren Folgen das Bild besser wird (oder man sich einfach an die Qualität gewöhnt hat). Insgesamt ist das Bild, im Vergleich zu anderen TV-Serien, die ähnlich viele Jahre auf dem Buckel haben, durchgehend entsetzlich schlecht.

Da ist der Verzicht auf Untertitel und Bonusmaterial (abgesehen von drei Texttafeln zur Serie und einer auf der Innenseite des Covers abgedruckten Episodenguide) nur konsequent.

Neben der grottigen Umsetzung fällt, vor allem in den ersten Folgen der zweiten Staffel, auf, wie sehr „Kojak“ in den vergangenen fünf Jahren alterte. Denn 2005 war in Deutschland die Zeit vor „The Wire“, „The Shield“, „Criminal Minds“, „The Closer“, „Dexter“, „The Mentalist“ und „Castle“ (um nur einige Polizeiserien [großzügig definiert] zu nennen).

Es gab „CSI“, „Wolffs Revier“ (bis 2006), „SK Kölsch“ (ebenfalls bis 2006), „Im Namen des Gesetzes“ (damals zwischen Einstellung und Reboot schwankend, inzwischen eingestellt), einige glücklose Serienversuche der Privaten, wie „Der Elefant – Mord verjährt nie“, und einige immerhin quotentechnisch erfolgreiche Serienstarts der Öffentlich-Rechtlichen, wie „Kommissar Stollberg“ (ab Oktober 2006), „Der Kriminalist“ (ab Dezember 2006), „Soko Köln“ (ab Oktober 2003), „Soko Wismar“ (ab Oktober 2004), „Soko Wien“ (ab Oktober 2005) und „Der Alte“ wurde von dem 1924 geborenen Rolf Schimpf gespielt.

Gegen diese, oft miesepetrig durchs Bild schlurfenden, Ermittler war Kojak (gespielt von dem 1922 geborenen Telly Savalas in der Rolle seines Lebens) ein Jungbrunnen, der wohlige Erinnerungen an die Vergangenheit weckte.


Gegen die neuen Helden ist Lt. Theo Kojak ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Einer Zeit als Computer und Handys noch Science-Fiction waren. Dafür wird vor allem in den ersten Folgen auffällig oft in Telefonzellen telefoniert und in Lokalen gibt es an der Theke Telefone. Die Kriminaltechnik spielt in den Ermittlungen eine viel unbedeutendere Rolle. Allerdings war sie auch nicht so unwichtig, wie vor allem in den ersten Folgen der zweiten Staffel von „Kojak“ immer getan wird. Dass niemand auf DNA-Spuren achtet, ist nachvollziehbar, aber dass Täter wie Ermittler lässig überall ihre Fingerabdrücke hinterlassen mutet schon seltsam an und stört sehr beim Ansehen. Besonders in der Folge „Kaufpreis für einen Richter“ ist es komplett unglaubwürdig, dass Profiverbrecher ohne Handschuhe einen durchaus komplizierten Selbstmord inszenieren.

In den späteren Folgen, so ab der zehnten Folge, wird sich dann immer stärker auf die psychologischen Aspekte konzentriert und damit ist die Arbeit der Spurensucher für den Fall unwichtig. Es gibt etliche Fälle, in denen es keinen Mord gibt oder der Mord nur eine Folge des eigentlich geplanten Verbrechens ist und es werden, vor allem in den letzten Folgen der zweiten Staffel, auch damals moderne Ermittlungsmethoden, wozu Tonbandgeräte und Videokameras gehören, benutzt.

Und diese Folgen sind bis heute von ihrer Story nicht gealtert. Aber dank zahlreicher Straßenaufnahmen, liebevoller Innenausstattungen und natürlich der Kleider stellt sich ein angenehmes Retro-Feeling ein. Außerdem wurde, was damals in Krimiserien durchaus üblich war, kein Geheimnis aus dem Täter gemacht. Normalerweise wird am Anfang sogar die Tat gezeigt und neben den Ermittlungen wird den Tätern, den Opfern und den von der Tat Betroffenen mehr oder weniger viel Zeit eingeräumt.

Insgesamt sind die 24 Fälle der zweiten „Kojak“-Staffel recht abwechslungsreich geraten. Neben psychopathischen Einzeltätern (ein in seine Nachbarin verliebter Junge in „Der Mörder wohnt neben“) und Zufallstätern (in „Verbrechen ohne Opfer“ geht eine Vergewaltigung schief), gibt es immer wieder Berufsverbrecher, für die Mord und auch die Verhaftung einfach zum Berufsrisiko gehören, Mafiosi (in der Auftaktfolge „Rivalen der Mafia“ und in „Warrens erster Fall“ versucht Kojak einen Gangsterkrieg zu verhindern), Terroristen (in „Souvenir aus Atlantic City“) und einige ehrliche Männer, die Selbstjustiz üben wollen (in „Wer hat Ruth Nelson getötet?“ und „Kugeln aus dem Hinterhalt“) oder die günstige Gelegenheit ergreifen.

Dazu gehört Ray Coughlin (Martin Balsam in der noirischen Episode „Die Sterne stehen auf Tod“), der als Ex-Polizist und Privatdetektiv den Selbstmord eines Klienten zum lukrativen Geschäft für sich machen will.

In „Der Mann mit der Bombe“ terrorisiert ein Bombenleger Manhattan. Die Polizei hat keine Spur und der Täter stellt auch keine Forderungen. Da hilft ein begnadeter, mehrfach verurteilter und inzwischen ehrlich gewordener Bombenbauer der Polizei beim Entschärfen einer Bombe. Bei der nächsten Bombe will er für seine Hilfe eine stattliche Entlohnung und Kojak hat einen Verdacht.

In „Der Verlierer zahlt alles“ spielt Leslie Nielsen einen brutalen Dieb, der eine Art Über-“Parker“ ist und in „Alte Träume werden wahr“ spielt Ruth Gordon („Harold & Maude“) ein Medium, das Morde vorhersieht. Was sie nicht weiß ist, dass der Täter einer ihrer Kunden ist.

Und, wie es sich für eine Polizeiserie gehört, spielen auch immer wieder die Probleme und moralischen Dilemma von Polizisten eine Rolle. In einigen Folgen rücken sie in den Mittelpunkt. In „Ein schlechter alter Freund“ wird Kojaks Untergebener Crocker mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Denn einer seiner alten Freunde wurde zum Berufsverbrecher mit Mafiakontakten, der als Schutzgelderpresser sein Geld verdient.

In „Die Erpressung“ wird die Frau von Kojaks Chef McNeill entführt. Die Entführer verlangen von Kojak, dass er Beweise verschwinden lässt.

In „Spiel mit gezinkten Karten“ behauptet ein Spitzel (der Sänger Paul Anka) gegenüber Gangstern, dass ein Polizist ihn mit Informationen versorge. Das Gerücht macht die Runde und plötzlich steht die Karriere des Polizisten auf dem Spiel.

Sowieso haben in „Kojak“ in den einzelnen Fällen auffallend oft, vor allem im Vergleich zu zeitgenössischen Krimiserien, Berufsverbrecher eine zentrale Rolle. In „Raubzug in Raten“ planen einige Diebe in einer Nacht einen großen Diebstahl. Kojak weiß, dass das Verbrechen vor seinen Augen stattfindet. Aber er weiß nicht wo.

In „Die Nacht von Piräus“ dreht sich alles um einige wertvolle Briefmarken, für die verschiedene Sammler über Leichen gehen. Anscheinend hat „Der Malteser-Falke“ für diese Folge Pate gestanden.

In diesen Folgen zeigt sich das Verbrechen als integraler Bestandteil der Gesellschaft. Die Polizei kann nur noch Schadensbegrenzung leisten. Insofern bereitet „Kojak“ späteren Krimiserien wie „Miami Vice“ vor.

Kojak – Einsatz in Manhatten – Staffel 2 (Kojak, USA 1974/1975)

Erfinder: Abby Mann

mit Telly Savalas (Lt. Theo Kojak), Dan Frazer (Capt. Frank McNeil), Kevin Dobson (Det. Bobby Crocker), George Demosthenes Savalas (Det. Stavros [Bruder von Telly Savalas und, um Verwirrungen zu vermeiden, im Vorspann nur „Demosthenes“ genannt]), Mark Russell (Det. Saperstein), Vince Conti (Det. Rizzo)

DVD

Bild:1,33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 – Mono)

Untertitel: –

Bonusmaterial: 3 Texttafeln zur Serie, Episodenguide auf der Coverinnenseite

Laufzeit: 1125 Minuten (5 DVD)

FSK: ab 16 Jahre (wobei fast alle Folgen FSK-12 sind)

Lt. Kojak löst im zweiten Jahr seines TV-Serienlebens folgende Fälle

Rivalen der Mafia – Teil 1 (The Chinatown Murders, Part 1)

Regie: Jeannot Szwarc

Drehbuch: Jack Laird

Rivalen der Mafia – Teil 2 (The Chinatown Murders, Part 2)

Regie: Jeannot Szwarc

Drehbuch: Jack Laird

Verbrechen ohne Opfer (Hush now, or you die)

Regie: Charles S. Dubin

Drehbuch: Robert W. Lenski

Kojak spielt riskant (A very deadly game)

Regie: Seymour Robbie

Drehbuch: Seam Baine

Das 20-Millionen-Ding (Wall Street Gunslinger)

Regie: Richard Donner

Drehbuch: Halsted Wells

Wer hat Ruth Nelson getötet? (Slay ride)

Regie: Russ Mayberry

Drehbuch: Morton S. Fine

Zeugin wider Willen (Nursemaid)

Regie: Jerry London

Drehbuch: Joel Oliansky

Mord im Krankenhaus (You can’t tell a hurt man how to holler)

Regie: Seymour Robbie

Drehbuch: Albert Ruben

Kaufpreis für einen Richter (The best judge money can buy)

Regie: Leo Penn

Drehbuch: Gene Kearney

Souvenir aus Atlantic City (A souvenir from Atlantic City)

Regie: Daniel Haller

Drehbuch: Charles Sailor, Eric Kaldor

Die Sterne stehen auf Todesfahrt (A killing in the second house)

Regie: Christian Nyby

Drehbuch: Gene Kearney

Warrens erster Fall (The best war in town)

Regie: Richard Donner

Drehbuch: Burton Armus

Der Mörder wohnt nebenan (Cross your heart and hope to die)

Regie: David Friedkin

Drehbuch: Gene Kearney

Spiel mit gezinkten Karten (The betrayal)

Regie: Telly Savalas

Drehbuch: Joseph Polizzi

Der Verlierer zahlt alles (Loser takes all)

Regie: Allen Reisner

Drehbuch: Robert C. Dennis (nach einer Geschichte von William P. McGivern und Robert C. Dennis)

Ein Feuer auf Bestellung (Close cover before killing)

Regie: Sigmund Neufeld jr.

Drehbuch: Peter S. Fischer

Kugeln aus dem Hinterhalt (Acts of desperate men)

Regie: Jeannot Szwarc

Drehbuch: Gene Kearney

Die Königin der Zigeuner (Queen of the gypsies)

Regie: Jeannot Szwarc

Drehbuch: Gene Kearney (nach einer Geschichte von Gene Kearney und Arthur E. McLaird)

Die Nacht von Piräus (Night of the Piraeus)

Regie: Jerry London

Drehbuch: Don Rene Patterson, George Bacos

Der goldene Schlüssel (Elegy in an asphalt graveyard)

Regie: Christian Nyby

Drehbuch: Jack Laird

Der Mann mit der Bombe (The good luck bomber)

Regie: Sigmund Neufeld Jr.

Drehbuch: Ray Brenner

Ein schlechter alter Freund (Unwanted partners)

Regie: Sigmund Neufeld Jr.

Drehbuch: Burton Armus

Raubzug in Raten (Two-four-six for two hundred)

Regie: Russ Mayberry

Drehbuch: James M. Miller

Die Erpressung (The trade-off)

Regie: David Friedkin

Drehbuch: Robert E. Swanson

Alle Träume werden wahr (I want to report a dream)

Regie: Telly Savalas

Drehbuch: Gene Kearney

Hinweise

Wikipedia über „Kojak“ (deutsch, englisch)

Homepage über Telly Savalas

Deutsche Seite über Telly Savalas

Meine Besprechung von „Kojak – Einsatz in Manhattan: Staffel 1“

 


DVD-Kritik: Luchino Viscontis zeitloses Epos „Der Leopard“

November 14, 2010

Auf den ersten Blick hat Alain Delon, der vor allem für seine Verbrecherrollen bekannt ist, in Luchino Viscontis dreistündigem Epos „Der Leopard“ eine untypische Rolle. Er spielt Tancredi Falconeri, den Neffen von Don Fabrizio Salina (Burt Lancaster). Don Fabrizio ist ein sizilianischer Adliger und Großgrundbesitzer, der sich um 1860 mit der neuen Zeit arrangieren muss und dem es, auch weil er ein kluger Machtpolitiker ist, auch gelingt.

Tancredi ist der junge Filou, für den der Krieg ein tolles Abenteuer ist; wobei er strategisch klug die Seite der Antiroyalisten wählt, weil sie so nach dem erwartbarem Sieg der Garibaldi-Revolutionäre den Fuß in der Tür des neuen Systems haben. Gegenüber seinem Onkel begründet er seine Entscheidung mit dem inzwischen berühmtem Satz: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert.“ (in der deutschen Synchronisation: „Wenn wir wünschen, dass die Verhältnisse so bleiben wie sie sind, müssen gewisse Dinge verändert werden.“)

Nach der Revolution (die für die Don Fabrizio nur eine Revolte war) soll Tancredi dessen Tochter Concetta Salina (Lucilla Morlacchi) heiraten, aber er verliebt sich in Angelica Sedara (Claudia Cardinale), die Tochter eines Emporkömmlings, der jetzt Bürgermeister ist. Don Fabrizio Salina unterstützt diese Heirat. Denn so können sie auch in der neuen Zeit an der Macht bleiben.

In diesen letzten Minuten des Films, am Ende einer unendlich langen und wahrscheinlich unglaublich teuren Ballsequenz, wird deutlich, dass Tancredi nicht nur ein anpasserischer Filou ist, der seinem Herzen folgte, sondern immer auch seinen Aufstieg im Sinn hatte. Und dafür war die Heirat mit Angelica Sedara geeigneter als die mit Concetta Salina.

Deshalb unterscheidet sich auf den zweiten Blick Tancredi gar nicht so sehr von Delons bekannten bekannten Verbrecherrollen, in denen er Männer spielt, die egoistisch ihre Ziele verfolgen, nicht zu festen Bindungen fähig sind und in erster Linie Geld und Macht wollen. Denn dass Angelica gut aussieht hat ihm seine Entscheidung sicher erleichtert, aber letztendlich hat er genau wie Don Fabrizio die Frau geheiratet, die seinen Zielen am besten dient. Und die wenigen Szenen zwischen Don Fabrizio und seiner Frau geben einen illusionslosen Blick auf das Ende einer Zweckehe.

Neben diesem machtpolitischem Zynismus, der den Film wohltuend von anderen Kostümdramen unterscheidet, wird in „Der Leopard“ vor allem, auf verschiedenen Ebenen (Achten Sie auf die Gebäude!) die Geschichte eines Verfalls erzählt. Denn die Hauptrolle hat nicht Alain Delon (der sogar erstaunlich selten im Bild ist) sondern Burt Lancaster. Er ist der alternde Herrscher eines Hauses, das versucht, sich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren. Dabei kämpft er nicht gegen die sich verändernde Gesellschaft an, sondern er bemüht sich immer, möglichst langfristig seine Macht und damit verbunden die Macht seiner Familie zu sichern. Gleichzeitig ist er sich, wie ein schöner Dialog am Anfang des Films zwischen ihm und dem Geistlichen zeigt, seiner eigenen Vergänglichkeit und Machtlosigkeit bewusst. Er weiß, dass seine Macht nur weltlich und damit endlich ist, während die Kirche ewig lebt.

Auch deshalb unterstützt er Tancredi bedingungslos. Mal offen, indem er ihm Geld für die Aufständischen zusteckt. Mal weniger offen, indem er einen Sitz im Parlament ablehnt und stattdessen, durch die Blume, Tancredi als einen Mann der neuen Zeit empfiehlt.

Gleichzeitig sieht Don Fabrizio auf die neuen Machthaber herab. Luchino Visconti (selbst ein Adliger) zeigt das immer wieder, wenn die Kamera unangenehm lang auf dem angewiderten Blick von Don Fabrizio verharrt. Für ihn sind die Gewinner der Revolution nur kulturlose Kriegsgewinnler, die man wie Schmeißfliegen erträgt. Denn kaum sind sie an der Macht, machen sie ihm in seinem Haus betont devote Aufwartungen, wechseln flugs die Kleider und verleihen sich Adelstitel.

Luchino Visconti zelebriert, mit schwelgerischem Pomp, in seinem ersten Spielfilm nach seinen neorealistischen Werken (der letzte war „Rocco und seine Brüder“, ebenfalls mit Alain Delon) das Ende einer Ära, die für Don Fabrizio auch ein Sittenverfall ist. Denn die Umwelt mit all ihren niederen Trieben dringt immer tiefer in das Haus Salina ein. Auch hier stehen sich Anfang und Ende des Film spiegelbildlich gegenüber. In den ersten Minuten beten die Salinas in ihrem Haus. Von außen dringt Lärm herein. Aber das Ritual des Gebetes ist wichtiger.

Am Ende ist diese Welt in das Haus der Salinas eingedrungen. Denn auf dem Ball, der im Film sagenhafte 45 Minuten dauert, mischen sich die Adligen mit den Aufsteigern und der gesittete Ball nimmt immer wieder die Züge einer Orgie an.

Dabei verdeckt die äußere Pracht nur mühsam die bittere Botschaft des vielschichtigen Films, der gerade aus seinen Widersprüchen und damit verbundenen Interpretationsangebote auch für heutige Zuschauer seine Kraft zieht.

 

Die DVD

 

Das Bild ist fantastisch. Die dreistündige Version (weltweit die längste) wurde jetzt durchgehend synchronisiert. Schade ist, dass dafür am Bonusmaterial gespart wurde: es gibt nur den italienischen Trailer und eine Bildergalerie.

Der Leopard (Il Gattopardo, Italien 1962)

Regie: Luchino Visconti

Drehbuch: Suso Cecchi d’Amico, Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Enrico Medioli, Luchino Vicsonti

LV: Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Il Gattopardo, 1957 (Der Leopard, Il Gattopardo)

mit Burt Lancaster, Alain Delon, Claudia Cardinale, Paolo Stoppa, Serge Reggiani, Rina Morelli, Mario Girotti, Giuliano Gemma

DVD

Koch-Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Bildergalerie, Italienischer Kinotrailer

Länge: 178 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Leopard“ (deutsch, englisch)

Luchino-Visconti-Fanseite

Homepage von Alain Delon

Wikipedia über Alain Delon (deutsch, englisch, französisch)

Kriminalakte zum 75. Geburtstag von Alain Delon


DVD-Kritik: „Der Zinker“, die alte Version

November 1, 2010

Lange vor den immer noch beliebten Edgar-Wallace-Filme der Rialto, die einmal im Jahr im Fernsehen laufen, gab es zahlreiche weitere Edgar-Wallace-Verfilmungen, die heute kaum noch jemand kennt. Etliche englische Edgar-Wallace-Verfilmungen wurden nie synchronisiert. Die Stummfilme werden sowieso nicht mehr gezeigt. Und die frühen Tonfilm-Verfilmungen entsprechen nicht mehr den heutigen Sehgewohnheiten. Deshalb werden sie so oft wie die Stummfilme gezeigt.

Filmfestivals und spezialisierte Kinos sind da, falls überhaupt noch eine Kopie des Films existiert, nur ein kümmerlicher Ersatz.

Deshalb ist die jetzt in der DVD-Reihe „Schätze des deutschen Tonfilms“ veröffentlichte, Verfilmung von „Der Zinker“ eine rundum begrüßenswerte Veröffentlichung, die aus zwei in Archiven gefundenen Kopien zusammengeschnitten wurde. Bild und Ton wurden überarbeitet und sind erstaunlich gut, das Bonusmaterial ist informativ und neben der Originalfassung ist auch die von Florian C. Reithner für die Wiederaufführung komponierte Musik auf der DVD.

Die gelungene Verpackung kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Der Zinker“ hoffnungslos veraltet ist. Denn der 1931 gedrehte Film wurde, bis auf einige Bilder, ausschließlich im Studio gedreht, es gibt keine Filmmusik, kaum Schnitte und der Film wirkt immer wie ein abgefilmtes Theaterstück mit hoffnungslos chargierenden Mimen.

Das verwundert wenig, denn die Drehbuchautoren Rudolf Katscher, Egon und Otto Eis verarbeiteten neben dem Roman auch das von Edgar Wallace, der schon immer ein Meister der Zweit- und Drittverwertung war, geschriebene Theaterstück über einen geheimnisvollen Unbekannten, der als „Der Zinker“ der Schrecken von Londons Unterwelt ist. Denn wer seine Beute nicht für ein Taschengeld an ihn verhökern will, wird von dem Zinker verzinkt, also an die Polizei verraten. Deshalb wird er von Verbrechern, die von ihm verraten wurden, und der Polizei gejagt.

Im Zentrum der Ermittlungen stehen der Leopard-Club, ein halbseidener Spielsalon für die High-Society, und die Autoexport-Firma von Frank Sutton. Dort ist ein Firmeninhaber verschwunden, aber jemand benutzt immer wieder heimlich den Schreibtisch des Abwesenden.

Auch ohne den Firmengeist tun alle Charaktere immer furchtbar geheimnisvoll und machen sich so furchtbar verdächtig. Jeder hat irgendetwas zu verbergen, aber meistens wird nicht klar, was das mit dem Zinker zu tun hat und wie die Taten der verschiedenen Charaktere, die oft auch ihre wahre Identität und ihre wahren Absichten verbergen, sie näher an die Enttarnung des Zinkers bringen.

Da verwechseln die Macher Verwirrung beim Zuschauer mit Spannung. Und das ist dann gar nicht so weit weg von den Sechziger-Jahre-Edgar-Wallace-Filmen. Autor Egon Eis schrieb in den Sechzigern etliche Drehbücher für Edgar-Wallace-Filme, unter anderem das Drehbuch für den ersten Rialto-Wallace „Der Frosch mit der Maske“. Für den Rialto-“Zinker“ schrieb er ein Treatment. Sein Kollege Rudolf Katscher schrieb das Drehbuch für „Der Rächer“.

Auch der humoristische Sidekick (ich sage nur Eddie Arent) taucht später wieder auf. In „Der Zinker“ ist er sogar verteilt auf drei Charaktere: einen Polizisten, der seinem Vorgesetzten immer hilft, die richtigen Worte zu finden; einem Journalisten, der überall seine Nase hineinsteckt (Hey, so sind die Schreiberlinge!); und einem bemüht freundlichem – gemeine Menschen würden „schmierig“ sagen – Spielclubbetreiber. Es gibt die in Lebensgefahr schwebende Jungfrau. Es gibt den taffen Ermittler, der nicht unbedingt Scotland-Yard-Beamter ist. Und es gibt die vollkommen überraschende Lösung. Das alles erinnert an die bekannten Wallace-Filme aus den Sechzigern.

Aber die kammerspielartige Inszenierung und das deutlich vom Theater und vom Stummfilm beeinflusste Spiel der Schauspieler verorten den Film eindeutig in den frühen dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Daher ist „Der Zinker“ vor allem für filmhistorisch interessierte Krimifans einen Blick wert. Außerdem kann der Film leicht als eine Vorstudie und Fingerübung für die spätere Edgar-Wallace-Reihe gesehen werden.

Die DVD

Das Bild und der Ton sind für einen achtzig Jahre alten Film sehr gut. 1931 gab es, zur Uraufführung, weil es technisch nicht möglich war, noch keine Filmmusik. 2009 schrieb Florian C. Reithner zur Wiederaufführung eine Filmmusik, die auch auf der DVD enthalten ist. Daher kann der Film in der Originalfassung oder mit der neuen Musik gesehen werden.

Es gibt eine kleine Bildergalerie, einen ziemlich langen Trailer zur Wiederaufführung und, wenn auch nur als Texttafeln, ziemlich umfangreiche Informationen zum Film.

Über die DVD-Umsetzung kann nicht gemeckert werden.

Der Zinker (D 1931, R.: Carl Lamac, Martin Fric

Drehbuch: Rudolf Kaischer, Egon Eis, Otto Eis

LV: Edgar Wallace: The Squeaker, 1927 (Der Zinker)

mit Lissy Arna, Karl Ludwig Diehl, Fritz Rasp, Peggy Norman, Paul Hörbiger, Szöke Szakall

DVD

Spirit Media

Bild: 4:3 (SW)

Ton: Deutsch (mono)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Bio- und Filmographien (Edgar Wallace, Fritz Rasp, Carl Lamac, Karl Ludwig Diehl, Lissi Arna, Martin Fric, Paul Hörbiger, Szöke Szakall, Florian C. Reithner), Filminfos, Der neue Soundtrack (alles Texttafeln), Bildergalerie, Trailer (zur Wiederaufführung), Film mit der neuen Musik von Florian C. Reithner

Länge: 70 Minuten

FSK: ab12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Zinker“ (1931)

Krimi-Couch über Edgar Wallace

Kirjasto über Edgar Wallace

Englische Edgar-Wallace-Seite

Deutsche Edgar-Wallace-Seite

Noch eine deutsche Edgar-Wallace-Fanseite


DVD-Kritik: Es ist etwas faul in „Durham County“

Oktober 29, 2010

Dank DVDs kann man seine Lieblingsserien an einem Wochenende in einem Rutsch genießen, Serien, die einem als Jugendlichem gefielen, wiedersehen (was nicht immer unbedingt ein Vergnügen ist) und auch Serien aus Ländern sehen, die im deutschen Fernsehen bestenfalls ein Nischendasein fristen. Auch die kanadische Serie „Durham County“ erhielt in Kanada mehrere Preise, die dritte und letzte Staffel (so die Ankündigung) wird dort gerade im Fernsehen gezeigt und sie wird wahrscheinlich, was nichts über die Qualität der Serie aussagt, niemals im deutschen Free-TV laufen.

Großstadtpolizist Mike Sweeney (gespielt von dem aus „Flashpoint“ bekannten Hugh Dillon) zieht mit seiner Frau und seiner fast erwachsenen Tochter ins beschauliche Durham County in ein ebenso beschauliches Vorstadthaus. Als sie einziehen, bemerkt er, dass Ray Prager ihr Nachbar ist. Prager ist ein Jugendfreund von Sweeney. Nach einem Ereignis (das erst am Ende der Serie enthüllt wird) haben sich ihre Wege getrennt.

Bereits an seinem ersten Arbeitstag werden zwei junge Frauen ermordet. Kurz darauf wird eine Lehrerin von seiner Tochter ermordet. Sweeney war heimlich mit ihr befreundet. Er erzählt seinen Kollegen nichts von seiner Beziehung zu der toten Lehrerin und kann so weiter in dem Fall ermitteln. Im Lauf seiner Ermittlungen, glaubt er, dass sein Nachbar, der zu Wutausbrüchen neigende Prager, der gesuchte Serienmörder ist.

Aber den Machern von „Durham County“ ist der der Jagd nach einem Serienmörder innewohnende Thrill reichlich egal. Auch die traditionellen Krimielemente bedienen sie höchstens halbherzig. Die Polizei ermittelt viel zu dilettantisch und am Ende bleiben zu viele lose Enden, um „Durham County“ zu einer auch nur halbwegs überzeugenden Polizeiserie zu machen. Auch das psychologische Katz- und Maus-Spiel zwischen dem Polizisten Sweeney und dem Mörder Prager interessiert die Macherinnen nicht sonderlich. Denn dass Prager der Mörder ist, ist uns Zuschauern von Anfang an bekannt. Nur Mike Sweeney ahnt erst am Ende der dritten Folge (also zur Halbzeit), dass sein früherer Kumpel Ray Prager der Mörder ist. Doch auch danach wird es nicht spannender. Sweeney sucht nicht sonderlich energisch nach Beweisen und die Konfrontationen zwischen Sweeney und Prager drehen sich mehr um ihr Leben und ihr Verhältnis zu ihren Frauen und Kindern, als um die Morde.

Im Mittelpunkt der Miniserie stehen nämlich die verschiedenen Formen von männlicher Gewalt gegen Frauen, die Frage was heute zum Mannsein gehört und wie kleine Ereignisse und Entscheidungen das Leben beeinflussen können. Sweeney und Prager sind sehr ähnliche Charaktere, die ihre Gewalttätigkeit verschieden kompensieren. Der eine als Polizist. Der andere, nachdem er einen Mord beobachtet, als Frauenmörder.

Damit zeigt sich mit zunehmender Episodenzahl, wie sehr Prager der böse Bruder von Sweeney ist. In dieser Parallelführung von zwei Charakterstudien und ihrem problematischem Verhältnis zwischen Freundschaft und Hass liegt die Faszination der Serie, deren langsamer Erzählrhythmus nach der zweiten Folge, wenn man die Charaktere genauer kennt, zum Weitersehen animiert.

Dennoch hätte „Durham County“ locker in der halben Zeit erzählt werden können. So geschieht in der ersten Episode (nach der ich ernsthaft überlegte, ob ich mir wirklich die weiteren Folgen ansehen soll), außer einer langatmigen Vorstellung der Hauptcharaktere, nichts. In den weiteren Episoden ändert sich an diesem Tempo nichts.

Durham County“ ist eine durchwachsene Serie, die in ihrem besten Momenten das bürgerliche Vorstadtleben als Purgatorium zeigt.

Durham County – Staffel 1 (Durham County, Kanada 2007)

Regie: Holly Dale, Adrienne Mitchell (Folge 5 und 6)

Drehbuch: Laurie Finstad-Knizhnik

Erfinder: Laurie Finstad-Knizhnik, Janis Lundman, Adrienne Mitchell

mit Hugh Dillon, Helene Joy, Justin Louis, Kathleen Munroe, Laurence Leboeuf, Greyston Holt, Sonya Salomaa

DVD

Universum-Film

Bild: 1,78:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch (DD 2.0), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Behind the scenes (25 Minuten)

Länge: 275 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Kanadische Homepage zur Serie

Durham County Secrets

Wikipedia über „Durham County“

 

 


DVD-Kritik: „Vengeance“ von Johnnie To mit Johnny Hallyday

Oktober 21, 2010

Mit seinen neuesten Film „Vengeance“ zeigt Hongkong-Regisseur Johnnie To wieder einmal, wofür ihn Filmfans seitdem sie vor zehn Jahren seinen stilisierten Gangsterfilm „The Mission“ (Unbedingt ansehen!) sahen, lieben: schnörkelloses Genrekino mit stilvoll eingestreuten Zitaten und gerade in ihrer Reduktion grandiosen Actionszenen. Das ist in seiner Stilisierung pures Kino, das näher bei Jean-Pierre Melville als an der Wirklichkeit ist.

Auch in „Vengeance“ zitiert To öfters Melville. So heißt der von Johnny Hallyday gespielte Vater, der seine Tochter rächen will und die meiste Zeit in einem Trenchcoat und Hut durch den Film geht, Francis Costello. Alain Delon hieß in Melvilles „Der eiskalte Engel“ (der im Original „Le Samourai“ heißt) Jef Costello und ursprünglich sollte Alain Delon, der letzte Überlebende des klassischen französischen Gangsterfilms, auch die Hauptrolle spielen. Er sagte ab und der in Frankreich enorm populäre Musiker und Ab-und-zu-Schauspieler Johnny Hallyday übernahm die Rolle des Killers, der sein Gedächtnis verliert. Immerhin hat er ein rollendienliches Outlaw-Image und er hatte 1989 in der kurzlebigen französischen Krimiserie „David Lansky“ (die ich als ziemlich schlecht in Erinnerung habe) schon einen harten Cop gespielt.

Der von Johnny Hallyday gespielte Costello war früher ein Profikiller und ist heute ein Restaurantbesitzer und Koch (Hm, ist das eine Anspielung auf „Alarmstufe Rot“ oder nur das Bedienen eines Klischees über Frankreich?).

Als in Macau in ihrem Haus seine Tochter schwer verletzt und ihr Mann und ihre beiden Kinder feige und brutal ermordet werden, fliegt Costello zu ihr. Weil die Polizei keine heiße Spur hat und er schon immer die Dinge in die eigenen Hände genommen hat, will er die Killer auf eigene Faust jagen und umbringen. Schnell stellt er fest, dass er als Fremder ohne die Hilfe von Einheimischen nicht weiterkommt. In seinem Hotel trifft er auf eine Gruppe von Killern, die gerade einen Auftrag erledigt haben. Er engagiert sie und die Killer müssen sich schnell zwischen der Loyalität zu ihrem Triadenboss, der den Mord an Costellos Familie veranlasste, und Costello entscheiden.

Diese Geschichte wird von Johnnie To und seinem Drehbuchautor Ka-Fai Wai (Mad Detective, Running on Karma, Fulltime Killer) mit einigen atemberaubenden Shootouts und interessanten Wendungen bis zum letzten Duell zwischen Costello und dem Triadenboss erzählt. In dem Duell erinnert Costello in seiner kalten Entschlossenheit an den „Terminator“. Beide verfolgen stoisch ihr Ziel: der aus der Zukunft kommende Roboter, weil er so programmiert wurde; der an Gedächtnisverlust leidende Vater weil er seine Tochter rächen will und jede Ablenkung ihn von seinem Ziel ablenken kann.

Seinen vollen Reiz entfaltet der Film in der Originalversion. Denn während für die deutsche Version mal wieder gnadenlos eingedeutscht wurde, unterhalten sich im Original die Charaktere, wie es auch in der Realität geschehen würde, untereinander in ihren Muttersprachen und miteinander auf Englisch.

Das zehnminütige Making-of beschränkt sich weitgehend auf das übliche Werbeblabla. Dennoch gibt es einige interessante Einblicke in die Herausforderungen eines internationalen Drehs und der unterschiedlichen Arbeitsweise zwischen europäischen und Hongkong-Filmteams. Denn Johnny Hallyday war bei den Dreharbeiten, wie Costello, der Fremde, der sich in einer fremden Welt und einem eingeschworenem Team und ihrer schnellen Arbeitsweise zurechtfinden musste.

Vengeance (Vengeance/Fuk sau, Frankreich/Hongkong 2009)

Regie: Johnnie To

Drehbuch: Ka-Fai Wai

mit Johnny Hallyday, Sylivie Testud, Anthony Wong, Simon Yam

DVD

Koch-Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch/Kantonesisch/Französisch (beziehungsweise: Englische Originalversion) (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Deutscher Trailer, Zwei Originaltrailer

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Vengeance“

Wikipedia über „Vengeance“


DVD-Kritik: „Der Ghostwriter“ – Roman Polanski ist zurück

Oktober 18, 2010

Ewan McGregor spielt, nach „Männer, die auf Ziegen starren“, wieder einen Schreiber. Und wieder stolpert er in eine Geschichte hinein, die er die meiste Zeit nur ungläubig staunend erlebt – und bei der Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit beabsichtigt sind. In der Komödie „Männer, die auf Ziegen starren“ war es die wahre Geschichte der us-amerikanischen Psycho-Soldaten und wie deren Ideen im „war on terror“ pervertiert wurden. In „Der Ghostwriter“ geht es ebenfalls um den „war on terror“ und um Tony Blair. Auch wenn Autor Robert Harris und Regisseur Roman Polanski im Bonusmaterial der DVD betonen, dass ihr britischer Premierminister Adam Lang nicht Tony Blair sei. Aber schon optisch erinnert Pierce Brosnan an Tony Blair. Und gute Polit-Thriller, wie „Der Ghostwriter“, verzerren die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit, zeigen, was in den Hinterzimmern der Macht geschieht und regen zum Denken an.

Daher ist Roman Polanskis fulimanter Polit-Thriller „Der Ghostwriter“ viel mehr als ein billiges Blair-Bashing. In dem Film wird Adam Lang, wie Tony Blair, vorgeworfen, den Kampf der USA gegen den internationalen Terrorismus nach dem 11. September 2001 zu bedingungslos unterstützt und sich so auch wissentlich an Kriegsverbrechen beteiligt zu haben.

Neben der fast schon tagespolitisch aktuellen Filmgeschichte waren auf der Berlinale auch die persönlichen Probleme von Roman Polanski zwischen dem Dreh und der Premiere auf der diesjährigen Berlinale das Gesprächsthema Nummer 1. Aber schon jetzt interessiert das immer weniger.

(Daher eine kurze Zusammenfassung: Polanski stand in der Schweiz unter Hausarrest. Er sollte an die USA ausgeliefert werden, weil er 1977 eine Dreizehnjährige vergewaltigte. Er gestand damals die Tat und flüchtete nach Europa. Der Internationale Haftbefehl wurde dann sehr überraschend vollstreckt und die alte Geschichte wieder aufgewühlt. Dabei gab es auf der einen Seite von Künstlern viele Solidaritätserklärungen und auf der anderen Seite eine bigotte Aufregung, dass ein Kinderschänder für seine Taten bestraft werden müsse. Diese Aufregung wäre halbwegs nachvollziehbar, wenn Polanski sich in den vergangenen Jahrzehnten vor der Justiz versteckt hätte [tat er nicht] oder sein Privatleben einen wichtigen Bestandteil bei der Rezeption seiner Filme gespielt hätte [tat es nicht] oder er diesen Teil seines Lebens verschwiegen hätte [hatte er nicht; aus meiner Erinnerung erfuhr ich zuerst diese Geschichte und lernte danach seine Filme kennen]. Jedenfalls musst er den Endschnitt aus seinem Hausarrest machen und daher war es auch zunächst unklar, ob der Film fertig gestellt würde und und er zur Berlinale gezeigt werden könne.

Bei vielen Berlinale-Kritiken wurde dann auch ein Vergleich zwischen der Situation von Adam Lang und der von Roman Polanski, die sich in diesem Moment verdächtig glichen, gezogen und vermutet, dass Polanski deshalb „Der Ghostwriter“ drehen wollte. Das ist natürlich Unfug, weil Polanski bei den Vorbereitungen und dem Dreh nicht ahnen konnte, dass der Internationale Haftbefehl gegen ihn vollstreckt würde.

Soviel zur Historie und der Rezeption bei der Premiere.)

Schon mit etwas zeitlichem Abstand fällt auf, was für einen gelungenen Paranoia-Thriller Roman Polanski drehte und wie stark er an seine Meisterwerke, wie „Chinatown“ und „Der Mieter“, anknüpfte. Denn Polanski letzte Filme waren oft nicht unbedingt Filme, die man gesehen haben muss. Aber mit dem kammerspielartigem „Der Ghostwriter“ ist er wieder zurück.

Ewan McGregor spielt den namenlosen Ghostwriter, der nachdem sein Vorgänger im Meer ertrank, innerhalb weniger Wochen die Memoiren des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang schreiben soll. Der Ghostwriter hat keine Ahnung von Politik, aber viel Ahnung vom Schreiben verkäuflicher Biographien. Deshalb ist er der geeignete Mann, in Langs Haus auf der Insel Martha’s Vineyard zusammen mit Lang die Biographie zu schreiben. Die lange Reise verbringt er größtenteils schlafen (Aber im Gegensatz zu modernen Spielereien, in denen der Film dann den Traum des Helden erzählt, hält Polanski sich strikt an die Filmrealität. Polanski erzählt nämlich die Geschichte des politischen Erwachens des Ghostwriters.).

Auf der Insel darf der Ghostwriter das Manuskript nur in dem am Meer gelegenen Haus lesen. Als Lang als Kriegsverbrecher angeklagt wird, wittert der Ghostwriter einen guten Aufhänger für die Biographie. Außerdem beginnt er sich zu fragen, was sein Vorgänger in Langs Vergangenheit entdeckte, das zu seiner Ermordung führte. Und er fragt sich, ob er als nächster sterben soll.

Gleichzeitig fragt man sich, was für ein Bohei um Langs Memoiren gemacht wird. Das Manuskript darf nur in Langs Villa bearbeitet werden. Es wird immer in eine Schachtel gelegt, die im Schreibtisch eingesperrt wird, und es dürfen keine Kopien gemacht werden. Weil die meisten bekannten Politikermemoiren absolut harmlos sind und die Memoiren sowieso demnächst veröffentlicht werden sollen, ist das ein etwas seltsames Gebaren von Lang und seiner Vertrauten.

Es könnte also auch sein, dass der Ghostwriter nicht auf der Spur einer großen Verschwörung ist, wie J. J. Gittes in „Chinatown“, sondern sich langsam, wie Trelkovsky in „Der Mieter“, in eine ausgewachsene Paranoia und damit verbundene Wahnwelt hineinsteigert.

Diesen Zwiespalt löst Polanski erst in den letzten Minuten auf. Bis dahin liefert er perfektes, vielschichtiges Spannungskino, das von den Schauspielern, den Dialogen, dem gelungenen Spiel mit Andeutungen lebt.

Die DVD

Das Bonusmaterial ist zeitlich nicht so umfangreich, aber dafür sehr informativ und pointiert geschnitten. Laurent Bouzereau, der in den vergangenen Jahren zahlreiche Features für DVDs erstellte, stellte die richtigen Fragen. Dabei gewährt er Robert Harris, der die Vorlage und, zusammen mit Polanski, das Drehbuch schrieb, erfreulich viel Zeit, um über die Hintergründe zum Roman und seiner Zusammenarbeit mit Roman Polanski zu erzählen. Auch Roman Polanski und die Schauspieler liefern interessante Einblicke in den Dreh und die Geschichte des Films.

Allerdings sollte das Bonusmaterial erst nach dem Film angesehen werden. Denn fasst alle Interviewten äußern sich zum Ende des Films.

Der Ghostwriter (The Ghost Writer, Fr/D/GB 2010)

Regie: Roman Polanski

Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski

LV: Robert Harris: The Ghost, 2007 (Ghost, Der Ghostwriter)

mit Ewan McGregor, Pierce Brosnan, Olivia Williams (die eigentlich viel zu jung für ihre Rolle ist), Kim Cattrall, Tom Wilkinson, James Belushi, Timothy Hutton, Eli Wallach (die letzten drei haben nur Kleinstrollen)

DVD

Arthaus (Kinowelt)

Bild: 2,35:1 (anamorph)
Sprache: Deutsch, Englisch (5.1 DD), Deutsch (Stereo DD)
Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial „Der Ghostwriter: Die Besetzung“, „Der Ghostwriter: Fiktion oder Realität?“, Interviews mit Ewan McGregor, Olivia Williams, Pierce Brosnan, Robert Harris und Roman Polanski; Fotogalerie; Trailer; Wendecover

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Ghostwriter“

Tagesspiegel: Kurzes Interview mit Robert Harris zum Film (13. Februar 2010)

Die Welt: Interview mit Robert Harris zum Film (12. Februar 2010)

Krimi-Couch über Robert Harris

Wikipedia über Robert Harris (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Ghostwriter“ (aka The Ghost“ von Robert Harris und Roman Polanski (nach dem Roman von Robert Harris)

Die Berlinale-Pressekonferenz zu „Der Ghostwriter“ (12. Februar 2010)


DVD-Kritik: „Gegen jeden Zweifel“ ist überraschend gut

Oktober 13, 2010

Aus dem Kino verschwand der Film schneller, als ich „Buh“ sagen konnte.

Bei Rotten Tomatoes kommt der Film auf einen desaströsen Frischegrad von 4 Prozent (von 100 Prozent). Alle anderen Arbeiten von Regisseur Peter Hyams und Schauspieler Michael Douglas erhalten bessere Frischegrade; sind also besser.

Und in fast jeder Kritik stand, dass das Original besser sei. Das Original dürfte allerdings kaum jemand kennen. Denn Fritz Langs Noir „Jenseits allen Zweifels“ (Beyond a reasonable doubt, USA 1956) lief schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen und auf DVD wurde der Film auch noch nicht veröffentlicht.

Sollte Peter Hyams, der bei „Gegen jeden Zweifel“ wieder einmal neben der Regie auch den Part des Drehbuchautors und Kameramanns übernahm, dieses Mal so richtig daneben gegriffen haben?

Das wäre schon erstaunlich. Denn bisher hat er fast immer ordentliche Unterhaltung, oft sogar mit einer gesellschaftskritischen Note, abgeliefert. „Unternehmen Capricorn“, „Outland – Planet der Verdammten“, „Ein Richter sieht rot“ (ebenfalls mit Michael Douglas), „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ (die Fortsetzung von „2001“), „Diese zwei sind nicht zu fassen“, „Time Cop“, „Sudden Death“, „Das Relikt“ und „End of Days“ gehen auf sein Konto.

 

Ein Noir

 

Dass „Gegen jeden Zweifel“ ein totales Desaster ist, ist daher kaum zu glauben und, sicher auch aufgrund der vielen negativen Besprechungen und der damit verbundenen drastisch reduzierten Erwartungen („4 Prozent“! Sogar das aseptische „Basic Instinct 2“ hat bei Rotten Tomatoes 7 Prozent und das grottige „Catwoman“ hat überragende 10 Prozent erhalten.), unterhält Peter Hyams neuer Film ganz gut. „Gegen jeden Zweifel“ ist nicht ohne Fehler. Die beiden Actionszenen (Peter Hyams hat da in der Vergangenheit immer Gutes geliefert) sind unmotiviert und, vor allem die zweite, ist auch reichlich absurd. Denn da darf die Damsel in Distress in einem leeren Parkhaus minutenlang vor einem Auto weglaufen, ohne auch nur einmal von diesem Auto berührt zu werden. Die wenigen Suspense-Momente, wie das Besorgen der Originaldateien aus der Asservatenkammer der Polizei, sind eher lieblos heruntergekurbelt. Vom Drehort, immerhin wurde vor Ort in Louisiana gedreht, gibt es kaum Außenaufnahmen. Die meisten Szenen spielen in geschlossenen Räumen ohne ein Fenster nach außen – und tragen damit zur klaustrophobischen Atmosphäre, die Hyams allerdings nicht konsequent nutzt, bei. Die Story ist ordentlich verwickelt, aber für Noir-Fans auch erschreckend vorhersehbar (Oder habe ich mich zu gut an die Lektüre einer vor Ewigkeiten gelesenen Inhaltsangabe für den Lang-Film erinnert? Oder habe ich die Hinweise auf die Lösung unbewusst zu gut erkannt?). Jedenfalls dürften Noir-Fans das Ende schon sehr früh (und ich meine sehr früh) ahnen.

Im Mittelpunkt des Films steht der junge, leicht arrogante und karrierebewusste TV-Journalist C. J. Nicholas (Jesse Metcalfe, „John Tucker must die“, „Desperate Housewives“). Er hatte eine tolle investigative TV-Reportage über eine vor der Ausstrahlung verstorbene Obdachlose gemacht und dafür die Stelle bei einem TV-Sender in Louisiana bekommen. Dort will er den Staatsanwalt Mark Hunter (Michael Douglas mit sehr wenig Filmzeit) als Betrüger, der, um Verurteilungen zu erreichen, Beweise manipuliert, entlarven. Hunter ist sogar als künftiger Gouverneur im Gespräch. Für ihn spricht immerhin seine eindrucksvolle Bilanz an Verurteilungen. Zu eindrucksvoll meint Nicholas. Vor allem weil es immer Indizienprozesse waren.

Als er von seinem Chef zurückgepfiffen wird, verfällt er auf einen abenteuerlichen Plan. Er will selbst als Mörder für ein Verbrechen angeklagt werden, das er nicht begangen hat und dann Hunter im Gerichtssaal entlarven.

Ein toller Plan, der nachdem sein Freund Corey Finley (Joel David Moore, „Avatar“, „Bones“) mit den Videoaufnahmen, die seine Unschuld beweisen, bei einem Autounfall stirbt, gnadenlos den Bach hinuntergeht. Nicholas wird zum Tod verurteilt und nur seine Freundin Ella Crystal (Amber Tamblyn, „Die himmlische Joan“), die Assistentin von Hunter, kann ihn vielleicht retten.

„Gegen jeden Zweifel“ ist ein überraschend gelungener Noir, der die vielen Verrisse nicht verdient hat. Die beiden Hauptcharaktere Nicholas und Hunter sind reichlich unsympathische Karrieristen, die die Welt nur als Spielbrett benutzen. Die Story selbst ist mehr an Stimmungen und dem Zeigen der verschiedensten Arten von Verführung, als an Logik und Plausibilität (zwei Dinge, die auch für Noir-Fans nicht an erster Stelle stehen) interessiert. Denn der Plan von Nicholas ist so gewagt wie bescheuert. Vor allem, wenn man sieht, wie einfach Crystal später die Beweise für seine Unschuld findet. Auch dass es keine Kopien der ihn entlastenden Videoaufnahmen gibt, ist heute, im Zeitalter der unendlichen Reproduzierbarkeit, unglaubwürdig. Vor allem weil Nicholas ein investigativer Journalist ist. Aber in diesem Moment verhält er sich eher wie ein Teenager beim Räuber-und-Gendarm-Spiel

Die Bilder liefern oft ein angenehmes Retro-Feeling. Das mag auch daran liegen, dass vor Ort in Louisiana gedreht wurde und Gefängnisse und Polizeistationen nicht im Jahrestakt renoviert werden, sondern oft über viele Jahre einfach nur ausgebessert werden.

 

Das Original und das Remake: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

 

Peter Hyams übernahm vieles von Fritz Langs Film und passte es teils nur geringfügig an die Gegenwart an. Aber er veränderte die Beziehungen der Hauptcharaktere und er ließ die Langs Film beherrschende Diskussion über die Todesstrafe links liegen.

In seinem Film diskutierte Fritz Lang das Für und Wider zur Todesstrafe und, damit verbunden, ob ein Mensch nur aufgrund von Indizien zum Tod verurteilt werden darf. Diese Botschaft steht dabei der Story immer etwas im Weg. Das liegt auch daran, dass „Jenseits allen Zweifels“ reichlich unplausibel ist. So lässt sich der Schwiegersohn in spe von dem Zeitungsherausgeber überreden, sich freiwillig als Verdächtiger ins Gespräch zu bringen. Doch warum sollte ein Unschuldiger das tun? Deren Plan und auch die Lösung hängen essentiell von der schlampigen Arbeit der Polizei ab. Denn der Staatsanwalt ist zwar an Verurteilungen interessiert, aber er bricht dafür – im Gegensatz zum Remake – keine Gesetze. Und die Enttarnung des Mörders erfolgt in Langs Film absolut überraschend, fast schon nach der „Der Gärtner ist der Mörder“-Methode.

Egal wie man es betrachtet, Fritz Langs letzter in den USA gedrehter Film gehört nicht zu seinen besten Werken. Als Spielfilm ist „Jenseits allen Zweifels“ sogar reichlich missraten. Als Folge von „Alfred Hitchcock zeigt“ wäre die Geschichte sicher okay gewesen.

Peter Hyams will dagegen in erster Linie in seinem angenehm altmodischem Film nur unterhalten. Denn abgesehen von den forensischen Teilen (DNA-Analyse und Manipulation von Bildern am Computer), hätte „Gegen jeden Zweifel“ so auch vor dreißig Jahren entstehen können. Hyams thematisiert immer wieder, in jeder Szene, die verschiedene Formen von Verführung, Vertrauen, Macht und Machtmissbrauch. Dabei glauben seine jungen Charaktere, dass sie die Regeln des Spiels bestimmen. Und, weil Nicholas und Hunter für ihre persönlichen Ziele skrupellos die Regeln manipulieren, ist Hyams Remake sogar erheblich düsterer als Langs doch sehr durchschnittliches Original.

 

Die DVD

 

Das Bonusmaterial gehört in die Abteilung „mehr Schein als Sein“. Denn die drei Interviews sind Rohmaterial für das Making-of. Hinter „Behind the Scenes“ verbirgt sich eine Mischung aus B-Roll und Dokumentation der Explosion eines Autos am Ende einer Verfolgungsjagd. Der Hintergrundbericht zur forensischen Arbeit der Polizei ist höchstens für Menschen, die in den vergangenen Jahren nicht eine „CSI“-Folge gesehen haben, von geringfügigem Interesse. Insgesamt ist das Bonusmaterial in weniger als dreißig Minuten angesehen und, weil es reines Werbematerial ist, auch sofort vergessen.

Der Audiokommentar von Peter Hyams und Jesse Metcalfe ist durchwachsen. Metcalfe sagt wenig und auch Peter Hyams gehört nicht zu den Dauerrednern. Aber wenn Hyams etwas sagt, ist es sehr interessant. So erklärt er, warum er bestimmte Szenen so und nicht anders filmte, an welchen Stellen es Hinweise auf die Lösung gibt, welche Funktion bestimmte Szenen haben und er liefert einige Hintergründe zum Stil und den Dreharbeiten. Insgesamt vermisst man aber, gerade weil Hyams als sehr nachdenklicher und uneitler Filmemacher rüberkommt, einen Interviewer, der Hyams die wichtigen Fragen gestellt und zum Reden animiert hätte.

 

Gegen jeden Zweifel (Beyond a reasonable doubt, USA 2009)

Regie: Peter Hyams

Drehbuch: Peter Hyams

Vorlage: Drehbuch „Beyond a reasonalbe doubt“ von Douglas Morrow (1956)

mit Jesse Metcalfe, Amber Tamblyn, Michael Douglas, Joel David Moore, Orlando Jones, Lawrence Beron

DVD

Koch-Media

Bild: 1,85:1 (anamorph/16:9)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1; DTS), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Peter Hyams und Jesse Metcalfe, Interviews mit Michael Douglas, Amber Tamblyn und Peter Hyams, Behind the Scenes, Criminal Forensics, Making of, Orginaltrailer, Wendecover

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gegen jeden Zweifel“

Noir of the Week über das Original „Jenseits allen Zweifels“ (es handelt sich um eine kritische Nacherzählung der Geschichte. Wer also die Lösung nicht wissen möchte…)

Bonusfilm

Fritz Langs „Jenseits allen Zweifels“ im englischen Original