DVD-Kritik: Al Mundy stiehlt keine Zeit

September 29, 2010

Ohne Alfred Hitchcocks eleganten Einbrecherfilm „Über den Dächern von Nizza“ (To catch a thief) und die nach den ersten James-Bond-Filmen einsetzende Begeisterung für jet-settende Geheimagenten (während die echten Geheimagenten eher wie Harry Palmer waren. Naja, vielleicht noch unglamouröser.) hätte es 1968 die amerikanische TV-Serie „It takes a thief“, die bei uns „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ heißt, wahrscheinlich nie gegeben. Denn der im Originaltitel angesprochene Dieb ist Alexander Mundy. Ein Dandy, der stolz darauf ist, das Metier seines Vaters und Großvaters fortzuführen, aus Prinzip keine Gewalt anwendet und der auch im Knast nur an seinen Ausbruch und seinen nächsten großen Coup plant.

Da bietet der Geheimdienstler Noah Bain (in der deutschen Fassung Noah Blain [keine Ahnung warum] heißt) Al Mundy einen Deal an. Er kommt frei, kann in einem großen Haus mit schönen Frauen leben und muss für ihn immer wieder Gegenstände stehlen. Denn, wie schon das im Titel angesprochene Sprichwort sagt: Man braucht einen Dieb, um einen Dieb zu fangen. Und wenn er sich nicht benimmt, kommt er wieder zurück ins Gefängnis.

In den ersten Folgen wird diese Erpressung öfters, wenn auch in einem humorvollem Tonfall, thematisiert. So gibt es auf der einen Seite einen Dieb, der Dieb bleiben will und nur ans Stehlen denkt, und auf der anderen Seite einen Geheimagenten, der einen Dieb erpresst für den Staat zu arbeiten. Als Belohnung winkt ihm nicht die Freiheit oder Geld, sondern nur das Leben in einem größeren Käfig.

In den späteren Folgen der ersten Staffel rücken dann die Agentengeschichten, die heute reichlich anachronistisch wirken, in den Vordergrund. Denn die Blockkonfrontation ist vorbei und damit auch das mühevolle Einschleusen von Agenten über verschiedene Grenzen in verschiedene mehr oder weniger fiktive Staaten im Osten, das Spiel mit falschen Identitäten, den in totalitären Staaten operierenden Untergrund-Bewegungen, die alle bemerkenswert gut englisch sprechen, und natürlich, verfolgt von einer Horde schießwütiger Kommunisten, die Flucht über die Grenze in die Freie Welt.

Doch meistens konzentrieren sich die Autoren (neben Serienerfinder Roland Kibbee auch Leslie Stevens, Dean Hargrove und Glen A. Larson) auf Al Mundys Diebstähle, lassen die Agentengeschichte eher nebenher mitlaufen und reichern die einzelnen Folgen teilweise mit zahlreichen Comedy-Elementen an. Dazu gehören Al Mundys Wortgefechte mit einem anderen Einbrecher (in „Wie klaut man ein Schlachtschiff?“), oder wenn Noah Bain widerwillig Al Mundys Part übernehmen muss, dabei auf eine in ihn verliebte Ost-Wissenschaftlerin trifft und er ihr als potentieller Überläufer die guten Seiten des Kapitalismus schildert (in „Es tritt auf: Noah Blain“), oder wenn Al Mundy, wieder einmal in Osteuropa, auf eine Untergrund-Gruppe trifft, deren Zentrale in einem noblen Modesalon ist (in „Die Radomir-Affäre“), oder wenn Al Mundy an der Riviera die heißen Enthüllungsmemoiren einer älteren, vergnügungssüchtigen Gräfin mit einem beeindruckenden Zahl früherer High-Society-Liebhaber stehlen soll (im zitatreichen Staffelfinale „Heiße Memoiren“). Sowieso werden Filmfans viele Zitate und Anspielungen auf andere Filme finden. Diese stehen allerdings nie den Capers im Weg.

Meistens muss Al Mundy aus hochgesicherten Gebäuden (damaliger Stand der Technik) etwas Wertvolles stehlen. Aber es gibt auch Variationen. So soll er „Ein Millionär hat’s schwer“ die Kronjuwelen nicht stehlen, trifft auf eine gutaussehende Einbrecherin (Ach, alle Frauen in der Serie sehen gut aus) und muss einen Scheindiebstahl durchführen, der Jahre später schamlos von Brian De Palma in „Mission: Impossible“ (wenn Tom Cruise sich in der CIA-Zentrale abseilt) kopiert wurde. In „Der falsche Engel“ soll Mundy einem südamerikanischem Diktator ein gefälschtes Gemälde unterschieben. In „Streit in der Königsfamilie“ muss er einen Thronfolger beschützen und wird, eher ungewollt, zu seinem Erzieher, Ratgeber und Vorbild (Zum Glück weiß der Junge nicht, dass Al Mundy ein Einbrecher ist). Und in „Die Radomir-Affäre“ soll Mundy die Tochter eines Biologen aus dem Ostblock schmuggeln.

Alle Folgen der ersten Staffel von „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ sind lockere Unterhaltung, die gelungen Humor mit Suspense und Action verbinden und öfters wie ein kleiner Spielfilm wirken. Dazu tragen auch die teils heute noch bekannten Gaststars, wie Senta Berger, John Saxon, Leslie Nilsen, Raymond Burr, Anthony Zerbe, Strother Martin, Bill Bixby, Stuart Margolin und Ida Lupino , bei. Zu den filmischen Erben von „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ gehört die ebenfalls sehr unterhaltsame, stylishe britische Serie „Hustle“.

Die DVD

Polyband hat die erste Staffel auf zwei Boxen aufgeteilt und jeweils mit einem informativem Booklet versehen. Auf der ersten Box ist auch die deutsche Synchron-Fassung des für uns umgeschnittenen Pilotfilms enthalten.

Die deutsche Synchronisation wurde von Rainer Brandt, der mit seiner Schnodder-Synchronisation auch für die deutschen Fassungen von „Die Zwei“, „Mini-Max“, „Tennisschläger und Kanonen“ verantwortlich war, erledigt. Sie ist – höflich formuliert – Geschmacksache, erfreut die Nostalgiker und geht mit den Originaldialogen ziemlich freizügig um. Heute hört sich der Mix aus verschiedenen Dialekten, Gossensprache und Jugendjargon ziemlich altmodisch an. Die Originalfassung ist dagegen zeitlos elegant. Dort gibt es auch den schönen, die Prämisse vorstellenden Dialog:

We’re not asking you to spy. We’re just asking you to steal.“ (Noah Bain)

Let me get this straight: you WANT me to steal?“ (Al Mundy)

Das Bild wurde digital remastered und ist entsprechend gut. Die einkopierten Archivaufnahmen, die oft eine lausige Bildqualität haben (selbstverständlich wurde nicht vor Ort, sondern in Hollywood gedreht), fallen allerdings negativ auf.

Ihr Auftritt , Al Mundy! (It takes a thief, USA 1968)

Erfinder: Roland Kibbee

mit Robert Wagner (Al Mundy), Malachi Throne (Noah Bain)

DVD

Ihr Auftritt, Al Mundy! – Staffel 1.1

Polyband

Bild: 1,33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: teilweise deutsch

Bonusmaterial: Booklet (20 Seiten), Pilotfilm in der deutschen Schnittfassung

Laufzeit: 470 Minuten (Pilotfilm und 7 Folgen)

FSK: ab 12 Jahre

Ihr Auftritt, Al Mundy! – Staffel 1.2

Polyband

Bild: 1,33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: teilweise deutsche

Bonusmaterial: Booklet (16 Seiten)

Laufzeit: 390 Minuten (8 Folgen)

FSK: ab 12 Jahre

Die ersten Aufträge für Al Mundy

Eine Chance für den Playboy (A thief is a thief/A magnificent thief)

Regie: Leslie Stevens

Drehbuch: Roland Kibee, Leslie Stevens

Ein Millionär hat’s schwer (It takes one to know one)

Regie: Leslie Stevens

Drehbuch: Leslie Stevens

Abenteuer am Schwarzen Meer (When boy meets girl)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Dean Hargrove

Empfang in der Botschaft (A very warm reception)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Leslie Stevens

Der falsche Engel (One illegal angel)

Regie: Leonard J. Horn

Drehbuch: Stephen Kandel

Alles nur Design (Totally by design)

Regie: Michael T. Caffey

Drehbuch: Dean Hargrove, Alvin Sapinsley (nach seiner Geschichte)

Der Dieb als Spion (When tieves fall in)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Leslie Stevens

Champagner für die Damen (A spot of trouble)

Regie: Herschel Daugherty

Drehbuch: Gene L. Coon (nach einer Geschichte von Mart Zarcoff und Gene L. Coon)

Streit in der Köngisfamilie (When good friends get together)

Regie: Lee H. Katzin

Drehbuch: Dean Hargrove

Jedes Täubchen ziert ein Ring (Birds of a feather)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Glen A. Larson

Wie klaut man ein Schlachtschiff? (To steal a battleship)

Regie: Michael T. Caffey

Drehbuch: Jerry Devine

Es tritt auf: Noah Blain (Turnaround)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Gene L. Coon (nach einer Geschichte von Mort Zarcoff und Gene L. Coon)

Die Radomir-Affäre (The Radomir miniature)

Regie: Michael T. Caffey

Drehbuch: Stephen Kandel

Ein unscheinbarer Schatz (Locked in the cradle of the keep)

Regie: Leonard J. Horn

Drehbuch: Dick Nelson

Bude, Dame, König, Reichsapfel (A matter of Royal larceny)

Regie: Michael T. Caffey

Drehbuch: Tony Barrett

Heiße Memoiren (The lay of the land)

Regie: Don Weis

Drehbuch: Richard Collins, Alvin R. Friedman (nach einer Geschichte von Richard Collins)

Hinweise

Wikipedia über „It takes a thief“

Cinema Retro über „It takes a thief“


DVD-Kritik: Über die Vampir-Dystopie „Daybreakers“

September 27, 2010

2019 beherrschen Vampire die Welt. Es gibt nur noch wenige Menschen, die als Blutreserven gejagt werden und in den Untergrund abgetaucht sind. Andere Menschen vegetieren in riesigen Hallen als Blutspender für die Vampire, die noch vor wenigen Jahren selbst Menschen waren.

Der Vampir Edward Dalton (Ethan Hawke) arbeitet als Wissenschaftler in einem großen Labor. Er sucht nach einem Ersatzstoff für menschliches Blut. Das würde nicht nur das Leben und das Überleben der Vampire (denn, wenn sie kein Blut mehr bekommen, verhungern sie und, wie gesagt, echtes Blut ist Mangelware) sichern, sondern auch Daltons Gewissensbisse beruhigen. Denn er will kein Menschenblut zu sich nehmen.

Diese Gewissensbisse führen auch dazu, dass er, als er auf dem Heimweg einen Unfall verursacht, die in dem anderen Auto sitzenden Menschen nicht an die Polizei verrät, sondern ihnen zur Flucht verhilft. Kurz darauf tauchen diese Menschen wieder bei ihm auf. Sie wollen, dass er ihnen hilft – und auch die weitere Geschichte folgt der vertrauten Formel, in der ein Mann zum Retter der Menschheit (naja, hier eher der Vampire) wird, den Kampf zwischen Vampiren und Menschen beendet, ein Heilmittel findet (die Schocktherapie mit der die Umwandlung vom Menschen zum Vampir rückgängig gemacht wird, hab ich nicht so richtig verstanden) und den Kampf beendet.

Die Spierig-Brüder lassen allerdings bei dieser Erlösergeschichte den christlichen Pathos weg, bauen Dalton nicht als den auserwählten, zunächst widerwilligen Erlöser auf (wie zum Beispiel die Wachowski-Brüder Neo in den „Matrix“-Filmen), sondern lassen ihn als normalen Menschen erscheinen, der eher zufällig die Möglichkeit erhält, sein Forschungsprojekt in einer für ihn unerwarteten Richtung zu beenden.

Innerhalb dieser vertrauten Geschichte, die von den Spierig-Brüdern stringent und sehr stilbewußt erzählt wird, gibt es viele Szenen, die den Charakteren Tiefe verleihen, einige knackige Action-Szenen und, das ist das große Plus des Films, viele Details, die die Dystopie real erscheinen lassen. Das zeigt sich an den vielen Kleinigkeiten, wie die Verdunkelung bei Autos, die es den Vampiren ermöglicht tagsüber zu fahren, die Imbisse, in denen bluthaltige Getränke verkauft werden, die Werbung auf den Straßen, die Fernsehnachrichten und die Normalität des Arbeitslebens, die ein realistisches Bild einer von Vampiren beherrschten Welt zeichnen. Denn außer dass das Leben sich jetzt nachts abspielt, hat sich nicht viel geändert. Auch die eleganten Bilder, die teilweise wie Gemälde anmuten, verstärken diesen Eindruck. Die Spierig-Brüder zeigen die Welt der Vampire in metallischen, blau-schwarzen Farbtönen; die Welt der Menschen in warmen gelben Farbtönen. Und die irreal anmutenden Bilder der leeren Straßen der Großstadt und der Vorstädte des in Australien gedrehten Films entfalten, wieder einmal, ihren eigenen Reiz.

Vor diesem Hintergrund agieren die Charaktere glaubwürdig in einer neuen Welt, die sich gar nicht so sehr von der Gegenwart und den heutigen gesellschaftlichen Regeln und Strukturen unterscheidet. Immerhin haben diese Vampire mit der Umwandlung nicht alle ihre ethischen Grundsätze über Bord geworfen.

Das unterscheidet „Daybreakers“ von der Masse der Vampirfilme, in denen die Vampire die Bösen sind und das Auftauchen der Vampire (vulgo Zombies oder Infizierte) nur der Freifahrschein für eine zünftige Ballerorgie ist. Hier sind die Vampire, soweit in dem Film von Gut und Böse gesprochen werden kann, die Guten.

Daybreakers“ ist ein feiner Film, der trotz der bekannten Schauspieler und guten Einspielergebnissen in anderen Ländern bei uns keinen Kinostart erhielt. Ethan Hawke, Willem Dafoe und Sam Neill scheinen aus Sicht des deutschen Verleihs nicht genug Zuschauer für eine Kinoauswertung anzusprechen. Das führt zu der traurigen Erkenntnis, dass Vampirfilme derzeit wohl nur als Biss-Filme genug kommerzielles Appeal für eine Kinoauswertung haben.

Daybreakers (Daybreakers, Australien/USA 2009)
Regie: Michael Spierig, Peter Spierig

Drehbuch: Michael Spierig, Peter Spierig

mit Ethan Hawke, Willem Dafoe, Sam Neill, Claudia Karvan, Michael Dorman, Isabel Lucas

DVD

Sunfilm Entertainment

Bild: 16:9 (1:,235)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1 DTS)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt für die Special-Edition): „Making Daybreakers“ (120 Minuten), „The Big Picture“ (Kurzfilm, 23 Minuten), Trailer, Audiokommentar der Regisseure

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Daybreakers“ (deutsch, englisch)

Fearnet telefoniert mit den Spierig-Brüdern (19. Oktober 2007)

Killerfilm trifft die Spierig-Brüder (8. Januar 2010)


DVD-Kritik: „Torturer“ – Keine neue Dimension des Terrors

September 16, 2010

Rick (Andrew W. Walker) foltert 2003 in einem Gefängnis die irakische Gefangene Ayesha (Mahsa Masoudi, Filmdebüt). Sie soll eine Terroristin sein. Bei dem Verhör scheint einiges aus dem Ruder gelaufen zu sein. Denn jetzt ist Rick in einem anonymen Büro und unterhält sich mit einem Doktor (Nichelle Nichols, Uhura aus Raumschiff Enterprise). Er erzählt ihr, wie er das Verhör führte. Sie versucht ihm zu helfen und beruhigt ihn immer wieder. Denn unter Präsident Bush ist Folter legal und er ist geschützt. Egal, was bei dem Verhör geschah. Aber irgendwann läuft auch diese Therapiesitzung aus dem Ruder. Denn, so die simple und immer wieder betonte Moral der Geschichte: auch der Folterer trägt beim Foltern seelische Schäden davon.

Autor und Regisseur Graham Green hatte in seinem Spielfilmdebüt sicher die besten Absichten. Aber auch die besten Absichten helfen nicht, wenn die Dialoge mau sind, alles erklärt wird und sich in einer Endlosschleife wiederholt. So erklären sich in der Therapiesitzung Rick und der Doktor gegenseitig das Stockholm-Syndrom, die verschiedenen Stufen von Folter, welche Gesetze es gibt und, als ob das nicht schon genug schlechter „C. S. I.“-Stil wäre, geht ein guter Teil der Filmzeit dafür drauf, dass sie wiederholt, was er gerade gesagt hat. Oder vice versa. Aber in jedem Fall in der Häufung einfach nur noch langweilig redundant.

So wird der „war against terror“ mit all seinen rechtstaatliche Standards verachtenden Auswirkungen schnell auf das Niveau einer schlechten Talkshow heruntersaniert.

Die Geschichte des langatmigen Thesentheaters selbst ist auf den ersten Blick mit zwei bis drei Zeitebenen (das Verhör, die Therapiesitzung und ein Attentäter, der mit seinem Transporter zu einem unbekannten Ziel fährt) und ebenso vielen verschiedenen Schauplätzen komplex, aber im Endeffekt und mit dem weit hergeholten Ende, einfach nur ein billiger Taschenspielertrick. Die Chemie zwischen den Schauspielern tendiert gegen null und gerade bei der Therapiesitzung spielen Andrew W. Walker und Nichelle Nichols ihre Charaktere von Szene zu Szene so verschieden, dass man sich fragt, ob sie absichtlich schlecht spielen oder die Therapiesitzung als Alptraum nur in Ricks Kopf statt findet.

Dies alles kann nicht mit dem niedrigen Budget („Torturer“ spielt bis auf wenige Szenen in zwei Räumen und wurde, jedenfalls sehen die Bilder so auf, auf Video aufgenommen) entschuldigt werden. Denn gerade wenn wenig Geld vorhanden ist und man nicht mit riesigen Explosionen von der Geschichte ablenken kann, ist ein gut geplottetes Drehbuch mit glaubhaften Charakteren und treffenden Dialogen umso wichtiger. Und das ist bei „Torturer“ ein auf der moralisch richtigen Seite stehender Totalausfall.

Torturer (The Torturer; Graham Green’s The Torturer, USA 2008)

Regie: Graham Green

Drehbuch: Graham Green

mit Andrew W. Walker, Mahsa Masoudi, Nichelle Nichols

DVD

Bronson

Bild: 2,35:1 (anamorph)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Deutsch (DTS 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Bildergalerie, Poster, Trailer, Wendecover

Länge: 83 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweis

Homepage zum Film


DVD-Kritik: The Texas Chainsaw Massacre – 35th Anniversary Edition

September 2, 2010

The Texas Chainsaw Massacre“ ist ein Low-Budget-Horror aus den Siebzigern, der den Machern den Weg nach Hollywood ebnen sollte. Da bot sich ein Genrefilm, bevorzugt Horror oder Krimi, an, weil sie billig zu drehen sind und es immer ein Publikum für sie gibt. Dass er dann so erfolgreich wurde, überraschte alle Beteiligten. Dass er Eingang in die Popkultur finden würde, dass es ein ausgewachsenes Fantum geben würde und dass er stilbildend für viele weitere Horrorfilme werden würde, hätten die Macher sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorgestellt.

Auch nicht, dass „The Texas Chainsaw Massacre“, im Gegensatz zu anderen Horrorfilm-Blockbustern, wie „Der Exorzist“ und „Das Omen“, die damals ebenfalls für Kontroversen sorgten, auch über 35 Jahre nach der Premiere nichts von seiner schockierenden Wirkung verloren hat.

Denn, wie George A. Romero in dem ebenfalls systemkritischen „Die Nacht der lebenden Toten“, inszenierte Tobe Hooper einen Alptraum, in den die jungen Protagonisten hineingeworfen werden und aus dem es kein Entkommen gibt. Sie sind plötzlich fremden Mächten ausgeliefert, die nicht mit ihnen reden wollen, sondern mit nackter Brutalität agieren. Damals war das auch ein sehr deutlicher Kommentar zum Vietnamkrieg, Watergate und dem brutalen Agieren des Staates gegen die Hippie-Bewegung und deren friedliche Antikriegsproteste.

In Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“ fahren fünf Jugendlichen, zwei Pärchen und der im Rollstuhl sitzenden Franklin, nach Texas um das Grab des Großvaters zu besuchen. Sie nehmen einen verrückten Anhalter mit, fahren an einem Schlachthof vorbei (was Franklin die Gelegenheit gibt, zu erzählen wie früher und heute Rinder getötet werden) und verirren sich in der texanischen Einöde. Sie erkunden ein leerstehendes Haus und entdecken ein weiteres Haus, in dem der geistig zurückgebliebene „Leatherface“ und seine Familie leben. Sie sind Kannibalen und das Haus ist ein bizarrer Schlachthof. „Leatherface“, der von dem plötzlichen Auftauchen der vielen Besucher überfordert ist, behandelt sie wie Schlachtvieh. Denn Tiere töten kann er. Am liebsten tötet er seine Opfer mit einem gezielten Hammerschlag auf den Kopf, aber auch die titelgebende Kettensäge erweist ihm gute Dienste. Pam hängt er an einem Fleischerhaken auf.

Der Höhepunkt des Schreckens ist für Sally, die einzige Überlebende der fünf Freunde, ein Abendessen mit der Kannibalenfamilie.

Diese Geschichte folgt den heute sehr ausgetretenen und oft auf Schocks reduzierten Pfaden der Urbanoia-Geschichten, in denen nette, harmlose, weiße Anfang Zwanzigjährige bei einem Ausflug ins platte Land auf eine Sippe degenerierter, gewaltlüsterner Hinterwäldler stoßen. Außerdem ließen die Drehbuchautor Kim Henkel und Tobe Hooper sich etwas von dem wahren Serienmörder Ed Gein inspirieren, der in den Fünfzigern in Wisconsin lebte. Aber im Gegensatz zu neueren Filmen, in denen die Leinwand in Blut getaucht wird und man alles sehen kann, werden in „The Texas Chainsaw Massacre“ die Morde nur angedeutet. So geschieht Leatherfaces erster Mord fast nebenbei, indem er Kirk mit einem gezielten Schlag auf den Kopf wie ein Tier tötet. Auch die anderen Morde spielen sich vor allem im Kopf des Zuschauers ab – und sind so viel wirkungsvoller.

Dafür nimmt Hooper sich viel Zeit, eine beängstigende Atmosphäre zu schaffen. Das beginnt schon in den ersten Minuten mit der Einleitung, in der betont wird, dass es sich um ein wahres Ereignis handelt (was natürlich Quatsch ist, denn die Ereignisse in dem Film finden nach dem Ende der Dreharbeiten statt) und den folgenden Schnappschüssen von teilweise mumifizierten und verwesten Menschenteilen, den Bildern von den beiden verwesten Leichen, die auf einem texanischen Friedhof in der Gluthitze zur Schau gestellt wurden, und den Sonneneruption. Ein Radiosprecher berichtet von unerklärlichen Gewalttaten. Die unüblichen Aufnahmewinkel, meistens aus der Untersicht, und die minimalistische Musik, die eher eine experimentelle Klangcollage ist, verstärken die bedrohliche Atmosphäre.

Es ist klar, dass im Staate Texas etwas nicht stimmt.

Der verrückte Anhalter, der sich in die Hand schneidet, und eine zurückgebliebene Putzkraft an einer Tankstelle, die kein Benzin mehr hat, verstärken dieses Gefühl einer diffusen Bedrohung, das erst im Haus der Familie greifbar wird. Da lebt „Leatherface“, der immer mit einer Ledermaske herumläuft und nur unartikulierte Töne ausstößt. Die Möbel sind aus Knochen gefertigt, auf dem Boden liegen Hühnerfedern und Knochen, an den Fenstern und den Decken baumeln Mobiles aus Knochen und ein Huhn ist in einen viel zu kleinem Vogelkäfig eingesperrt.

Und bis dahin haben wir den Rest der Familie und Großvater noch nicht kennen gelernt.

Aus dem kurzen Ausflug an einem sonnigen Sommertag wird ein von Tobe Hooper beeindruckend konsequent inszenierter Alptraum, aus dem es für die Jugendlichen kein entkommen gibt.

Und weil Hooper nicht die Schocks, sondern Suspense, gepaart mit einer ordentlichen Portion Paranoia, ins Zentrum stellte, ist „The Texas Chainsaw Massacre“ ein auch heute noch zutiefst beunruhigender Film, der einerseits als Fabel auf die damalige Zeit, aber auch sehr einfach auf die Gegenwart bezogen werden kann.

Außerdem, das wird heute, nach dem Genuss der abertausend Epigonen gern vergessen, begründete „The Texas Chainsaw Massacre“ ein Subgenre.

The Texas Chainsaw Massacre“ als Lehrstunde des deutschen Rechts

Fast überall hatte „The Texas Chainsaw Massacre“ Probleme mit der Zensur. Teilweise war er sogar verboten. Aber in den vergangenen Jahren erfuhr Hoopers Film fast überall eine Neubewertung und Erwachsene, oft auch Jugendliche, dürfen sich den Horrorfilm-Klassiker ansehen.

In Deutschland hatte der Film wegen dem Titel und der Handlung bereits vor der Kinoauswertung 1978 einige Probleme mit der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK). Am 25. August 1978 startete „Blutgericht in Texas“, erleichtert um einige Handlungsszenen, in den deutschen Kinos und war auch hier ein Hit.

In den Achtzigern eroberten Videorekorder die heimischen Wohnzimmer und zu den beliebtesten Filmen gehörten Myriaden billiger Sex-, Gewalt- und Horrorfilme. Gleichzeitig gab es zum Schutz der gefährdeten Jugendlichen eine Welle von Beschlagnahmungen und Indizierungen. Genrefans erinnern sich vor allem an den seit 1983 mehrfach beschlagnahmten „Tanz der Teufel“ (von „Spider-Man“-Regisseur Sam Raimi) oder an Lucio Fulcis „Ein Zombie hing am Glockenseil“ (allein der Titel versetzte die Sittenwächter in höchste Erregung).

Auch „The Texas Chainsaw Massacre“ wurde damals zuerst indiziert (also: nur noch unter der Ladentheke erhältlich) und dann verboten (also: gar nicht mehr erhältlich). Der Beschlagnahmebeschluss vom 23. Dezember 1985 vom Münchner Landgericht 1 wegen Gewaltverherrlichung ist wegen seiner Argumentation („keine Kunst“) und Beobachtungsgabe (es wird der Film beschrieben, der sich im Kopf des Zuschauers abspielt, aber nicht die zu sehenden Bilder) legendär:

Der Film ‚Ketten-Sägen-Massaker‘ ist sicher kein Werk der Kunst, so dass bereits aus diesem Grunde auf die Bedeutung des Kunstvorbehalts des Art. 5 Abs. 3 GG nicht eingegangen zu werden braucht. Nach alledem stellt der Film weder eine Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte dar (§ 131 Abs. 2 StGB) noch zielt er auf das kritische Bewusstsein des Betrachters ab. Er liefert auch keinen Denkanstoß hinsichtlich der Problematik der Ursachen von grausamer Gewalt, sondern er versteht sich als Horrorfilm, der von brutalen und geschmacklosen Szenenfolgen lebt.“

Seitdem gab es den Film in Deutschland nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr ungekürzt. Einige Bootlegs (die dann auch verboten wurden) und eine höchstens für Sammler von Absurditäten interessante Ab-16-Version, in der wirklich jede bekannte Szene aus dem Film gekürzt wurde, gab es zu kaufen.

Weil der Film inzwischen allgemein als Horrofilmklassiker und auch als Filmklassiker anerkannt ist und ein runder Geburtstag eine gute Gelegenheit ist, eine umfassende Geburtstagsedition auf den Markt zu werfen, erwarb Turbine Medien 2008 die Heimvideorechte. Sie ließen einige Gutachten erstellen, die dem Film die strafrechtliche Unbedenklichkeit bescheinigten und als sie der Bundesprüfstelle den Film zeigten, wurde ihr Anliegen wohlwollend aufgenommen. Turbine Medien befürchtete sogar eine Freigabe ab 16 Jahren.

Aber dann sagte ihnen der Vorsitzende der Bundesprüfstelle, dass sie den Film nicht prüfen könnten, weil er verboten sei. Eine Neuprüfung und damit eine mögliche Listenstreichung sei nur möglich, wenn eine Gesetzesänderung stattfände, eine nachfolgende rechtskräftige Gerichtsentscheidung die strafrechtliche Relevanz verneine, die Auslegung des Straftatbestandes sich zwischenzeitlich durch bundesgerichtliche oder obergerichtliche Rechtssprechung ändere oder die ursprüngliche gerichtliche Entscheidung aufgehoben werde.

In der Kurzfassung heißt das: Wenn in Deutschland ein Kunstwerk einmal verboten ist, ist es für immer verboten.

Denn es wird sich nur selten ein Filmanbieter finden, der ein teures Gerichtsverfahren mit einem sehr ungewissen Ausgang riskiert. Wobei es natürlich zuerst einen Staatsanwalt geben muss, der ein entsprechendes Verfahren initiiert.

Auch Turbine Medien vertreibt die „The Texas Chainsaw Massacre“-Geburtstags-Edition derzeit nur in Österreich. In Deutschland versuchen Turbine Medien und ihre Anwälte immer noch eine Freigabe des Films zu erreichen, damit wenigstens Erwachsene den Film in Deutschland kaufen dürfen. Denn derzeit ist „The Texas Chainsaw Massacre“ zu gefährlich für Erwachsene.

The Texas Chainsaw Massacre“ – die „35th Anniversary Edition“

Die von Turbine Medien erstellte Geburtstagsedition ist das Rundum-glücklich-Paket für den Fan. Es gibt den Film, digital remastered, mit einer vollständigen deutschen Synchronisation und der alten deutschen Synchronisation, auf Blu-Ray und DVD. Das Bild ist atemberaubend gut. Die beiden Audiokommentare sind informativ, aber wer vorher die Dokumentationen auf der Bonus-DVD gesehen hat, erfährt wenig neues.

Auf der dritten DVD gibt es gut drei Stunden sehr informatives Bonusmaterial. Besonders die siebzigminütige Dokumentation „The Shocking Truth“ ist sehr gelungen. Die ebenfalls siebzigminütige Doku „Flesh Wounds“ wirkt dagegen etwas wie eine Zusammenstellung von aus „The Shocking Truth“ geschnittenen Szenen. Denn in „Flesh Wounds“ kommen, neben einigen am Film „The Texas Chainsaw Massacre“ beteiligte Personen, mehrere Fans und Organisatoren von Horrorfilm-Veranstaltungen zu Wort. In dem achtminütigem „Das TCM-Haus“ führt „Leatherface“ Gunnar Hansen (dessen Darstellung von Leatherface gar nicht genug gelobt werden kann) durch das Haus, in dem sie 1973 den Film drehten und das heute ein Familienrestaurant ist.

Weil in dem gesamten Bonusmaterial durchgängig die Fan-Perspektive eingenommen wird, wären für eine zweite Auflage ein dritter Audiokommentar von einem Filmwissenschaftler und eine Dokumentation über die Zensurgeschichte von „The Texas Chainsaw Massacre“ (besonders natürlich der deutschen Zensurgeschichte) wünschenswert.

Bis dahin ist die „35th Anniversary Edition“ von Turbine Medien die definitive Veröffentlichung des Films.

The Texas Chainsaw Massacre (The Texas Chainsaw Massacre, USA 1974)

Regie: Tobe Hooper

Drehbuch: Kim Henkel, Tobe Hooper

mit Marilyn Burns, Allen Danziger, Paul A. Partain, William Vail, Teri Mcminn, Edwin Neal, Jim Siedow, Gunnar Hansen

auch bekannt als „Blutgericht in Texas“

DVD/Blu-Ray

35th Anniversary Edition (Film auf Blu Ray und DVD, Bonusmaterial auf Extra-DVD, digitally remastered, mit durchgängig deutscher Synchronisation)

Turbine Medien

Bild: 1080p24 Full HD (1,78:1) (Blu-Ray), 16:9 anamorph (1,78:1) (DVD)

Ton: Englisch (Dolby Digital 5.1, Surround, 2.0 Stereo), Deutsch (Dolby Digital 5.1 Surrond, 2.0 Mono)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Deutsch, Englisch

Bonusmaterial (circa 160 Minuten): Multi-Angle Introtext in Englisch und Deutsch, Audiokommentar mit Regisseur Tobe Hooper, Kameramann Daniel Pearl, und Gunnar Hansen (Leatherface), Audiokommentar mit den Darstellern Marilyn Burns, Paul A. Partain, Allen Danzinger und Art Director Robert A. Burns, „The Shocking Truth“ (Dokumentation), „Flesh Wounds“ (Dokumentation), „Off the Hook“ (Dokumentation), Eine Führung durch das TCM-Haus mit Gunnar Hansen, Entfernte Szenen, Outtakes, Bloopers, Kino-Trailer (USA, D), US-TV- und Radio-Spots, „The Shocking Truth“-Outtakes

Länge: 84 Minuten

FSK: – (in Deutschland verboten, Verkauf in Österreich legal)

Präsentation der DVD, mit anschließender Diskussion

Am Samstag, den 4. September 2010, präsentieren das Filmkunst 66, die Humanistische Union, One World Berlin/realeyz.tv und Turbine Medien um 22.30 Uhr im Berliner Kino Filmkunst 66 Tobe Hoopers Debütfilm „The Texas Chainsaw Massacre“ nach vielen Jahren wieder auf der großen Leinwand.

Nach der Filmvorführung diskutieren wir mit

Dr. Stefan Höltgen (Medienwissenschaftler, F.LM – Texte zum Film)

und

René Bahns (wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität, Promotion zum Thema „Indizierung von Filmen“)

über die filmhistorische und gesellschaftliche Bedeutung von „The Texas Chainsaw Massacre“ und die bundesdeutsche Verbotspolitik bei Kunstwerken.

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Texas Chainsaw Massacre“ (deutsch, englisch)

Schnittberichte: Vergleich FSK-16 – ungeprüft; Vergleich VPS Tape – L. P. (mit einigen historischen Texten und Covers); Vergleich SPIO/JK VHS – Österreichische DVD (ebenfalls mit vielen Covers und Plakaten)

Photobucket: umfangreiche Bildersammlung zu „The Texas Chainsaw Massacre“

Heise: Stefan Höltgen: Schwere Erwachsenengefährung (zum Verbot von TCM in Deutschland, 3. Juli 2010)

Berliner Zeitung: Thomas Klein über den verstaubten Umgang der deutschen Zensur mit Gewaltdarstellungen im Film (13. März 2004)

Kriminalakte über „The Texas Chainsaw Massacre“ (umfangreiche Veranstaltungsankündigung)


DVD-Kritik: Mäh, „Männer, die auf Ziegen starren“

August 6, 2010

Ganz dunkel erinnere ich mich an einen Artikel aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in einer schnell eingestellten Lizenzausgabe eines amerikanischen Science-Fiction-Magazins über parapsychologische Experimente von US-Soldaten. Damals wusste ich nicht, wie glaubwürdig die Reportage war. Vielleicht erinnere ich mich auch vollkommen falsch an den Text. In jedem Fall dachte ich, dass er wahrscheinlich Unfug war.

Vor sechs Jahren veröffentlichte Jon Ronson ein Buch über seine Recherchen über das erste Erdbataillon und wir erfuhren, dass die US-Army in den Siebzigern und Achtzigern in diese Richtung forschte. Sie wollten bessere Soldaten werden und friedlichere Formen des Krieges finden. Nach dem 11. September wurden einige Ideen in die Praxis umsetzt. Einmal dürfen Sie raten, welche.

Jetzt inszenierte Grant Heslov eine durchgeknallte, starbesetzte Schwarze Komödie, die sich, trotz der von Drehbuchautor Peter Straughan für den Film erfundenen Geschichte, erstaunlich genau an Ronsons Buch hält. Straughan (er schrieb auch das Drehbuch zur neuen John-le-Carré-Verfilmung „Tinker, Tailer, Soldier, Spy“) übernahm viele Szenen wortgenau und hielt sich an Jon Ronsons gewöhnungsbedürftige Struktur. Ronson erzählt die Geschichte der Psychosoldaten als eine Abfolge von Interviews, die in der Chronologie hin und herspringen. Dabei ist es schwer, auch weil Ronson vor allem den naiven, Fragen stellenden Journalisten spielt, den Wahrheitsgehalt der einzelnen Aussagen zu überprüfen. Beim Lesen ergibt sich jedenfalls nur langsam ein halbwegs vollständiges Bild von den Experimenten des Militärs. Am Ende seines Buches erzählt Ronson von der dunklen Seite der Psychoexperimente. Denn während die Psychosoldaten mit Musik für eine friedliche Stimmung sorgen wollten, wurde im Krieg gegen den Terror Musik als Folterinstrument eingesetzt.

Diese Struktur von aktueller Recherche, die mit Rückblenden illustriert wird, funktioniert im Film wesentlich besser als im Buch. Und die neu erfundene Geschichte (ein Journalist begleitet einen ehemaligen Psychosoldaten, der seine reaktivierte Einheit sucht) zeigt ebenfalls die Aktualität der Ideen von Oberstleutnant i. R. Jim Channon, dem Initiator des First Earth Battalion. Channon suchte nach dem Vietnam-Krieg nach neuen Wegen der Kriegsführung. Er fragte sich, inwiefern man die Ideen der verschiedenen in Kalifornien existierenden Esoterik-Zirkel und das Gedankengut der Hippies für die Armee nutzen könne. Er suchte nach Möglichkeiten, wie Soldaten ihr Potential besser nutzen können und wie man Kriege anders führen könnte. Diese von ihm im „Handbuch des Ersten Erdbataillons“ niedergelegten Gedanken zirkulierten dann im Militär, fanden Anhänger und wurden weitergedacht.

Außerdem folgt der Film den beiden im Buch angelegten emotionalen Reisen. Die eine ist die der Psychosoldaten von den überbordenden Hoffnungen am Anfang hin zur Enttäuschung über die sinnentstellende Verwendung ihrer Ideen – und ihrem Versuch im Irak eine positive Stimmung zu verbreiten. Die andere ist die des Journalisten vom Skeptiker, der die Psychosoldaten für Spinner hält hin zu einer positiveren Einstellung ihnen gegenüber. Im Film ergreift der Journalist am Ende sogar Partei für die Psychosoldaten und in der letzten Filmminute, nachdem er seine Reportage über die „Männer, die auf Ziegen starren“ geschrieben hat, läuft er durch die Wand. Es ist, immerhin ist es ein Film, vor allem ein Aufruf auch das Undenkbare zu denken und zu probieren. In seinem Audiokommentar betont Jon Ronson, dass er immer ein Skeptiker geblieben sei – und auch der Film gibt dieser Skepsis reichlich Nahrung.

Ein Film über die wahren Jedi-Krieger

Kleinstadtjournalist Bob Wilton (Ewan McGregor) wurde gerade von seiner Freundin verlassen. Jetzt sitzt er in Kuwait City und wartet auf die große Story vom Kampf der amerikanischen Soldaten gegen die bösen Iraker. Aber die Topjournalisten meiden ihn und er ist hier nicht näher an der großen Story als in Ann Arbor, Michigan. Eines Abends sieht er Lyn Cassady (George Clooney). Von ihm hat er, als er eine Reportage für die “Vermischtes“-Seiten schrieb, schon einmal gehört: Cassady soll ein begnadeter Psychokrieger sein, der mit der Kraft seiner Gedanken Ziegen töten kann. Wilton hielt die Geschichte damals für offensichtlichen Unfug. Aber jetzt könnte es eine Story sein.

Nachdem Cassady sich von der Vertrauenswürdigkeit des Journalisten überzeugte (eine Zeichnung spielt dabei eine wichtige Rolle), nimmt er ihn mit in den Irak. Denn Cassady ist reaktiviert und auf dem Weg zu seiner Einheit.

Diese Suche nach Cassadys wiederbelebter Einheit ist eine Folge absurder Abenteuer, die von Cassadys Erinnerungen unterbrochen wird. Er erzählt Wilton, wie Bill Django (Jeff Bridges) in jeder Hippie-Kommune und jedem Esoteriker-Treffen in Kalifornien in den Siebzigern Feldstudien betrieb, die New Earth Army gründete, sie ausbildete und Cassady eine Ziege totstarrte.

Das ist pointiert erzählt, zeigt einiges vom Wahnsinn militärischen Denkens und schon von der Grundidee, obwohl sie und alle Rückblenden auf Tatsachen basieren, komisch. Denn allein die Bilder von Djangos Reise durch die kalifornischen Selbstverwirklichungsgruppen, die zu Hippie-Musik tanzenden Soldaten in Uniform oder die todernsten Vorträge von Bill Django, dem Initiator der New Earth Army, über die neue, friedliche Form des Kampfes und die ausdruckslosen Gesichter der ihm zuhörenden Soldaten, sind grandios. Ein weiterer Pluspunkt sind die Schauspieler, die erkennbar ihren Spaß haben und den gesamten Unfug absolut glaubhaft präsentieren.

Aber dennoch hat man immer den Eindruck, dass „Männer, die auf Ziegen starren“ unter seinen Möglichkeiten bleibt. Vielleicht liegt es an dem assoziativen Plot, vielleicht an der mangelnden satirischen Schärfe, vielleicht an der unentschiedenen Haltung zwischen Spaß mit und Spaß über die Soldaten, vielleicht an dem fantastischen und unbefriedigendem Ende im Irak oder dem etwas banalen Aufruf am Filmende, dass wir jetzt mehr Jedi-Krieger (wie sich die Psychosoldaten selbst nennen) brauchen.

Dabei, und in diesem Punkt haben die Macher absolut recht, braucht die Gesellschaft Menschen, die auch außerhalb der gewohnten Konventionen denken und neues probieren. Auch wenn sie, wie Generalmajor Albert Stubblebine III (in der Realität) oder Dean Hopgood (im Film) beim Durch-die-Wand-Gehen immer wieder scheitern und die Erlebnisse von Wilton und Cassady im Irak mehr als einmal Zweifel an Cassadys paranormalen Fähigkeiten wecken. Immerhin versuchen sie es.

Außerdem ist allein der konsternierte Blick von Ewan McGregor auf die todernste Eröffnung von George Clooney, er sei ein Jedi-Krieger, das Ansehen wert. McGregor sieht ihn an, als habe er als einziger Mensch im Universum noch nie etwas vom „Krieg der Sterne“ gehört. Im Trailer ist diese Szene gar nicht so witzig.

Das Bonusmaterial

Das Bonusmaterial für die DVD ist auf den ersten Blick mit geschnittenen Szenen, B-Roll, zwei Hintergrundberichten und zwei Audiokommentaren sehr umfangreich ausgefallen. Aber beim Ansehen bleibt dann, wie bei dem Film, das Gefühl zurück, dass mehr möglich gewesen wäre. Die geschnittenen Szenen sind erfreulich kurz ausgefallen. Hier haben die Macher wirklich das gefilmt, was dann auch in den Film kam. Die B-Roll ist, nun ja, die B-Roll. Die beiden Hintergrundberichte sind viel zu kurz. Das siebenminütige Making-of beschränkt sich hauptsächlich auf Lobhuddeleien. Das zwölfminütige Featurette über die wahren Hintergründe von „Männer, die auf Ziegen starren“ ist informativ, aber man hätte den wahren Psychosoldaten Lieutenant Colonel i. R. Jim Channon (dem Gründer des Ersten Erdbataillons), Colonel i. R. Dr. John Alexander (der Channons Ideen benutzte, um über den Einsatz nicht-tödlicher Waffen nachzudenken), Major i. R. Ed Dames und Sergeant First Class i. R. Glenn Wheaton gerne länger zugehört und genauer erfahren, wie deren Traum von einem friedlichen Militär (was ein Widerspruch in sich ist) in der Entwicklung von nicht-tödlichen Waffen, die teilweise nicht harmloser als tödliche Waffen sind, und neuen Foltermethoden endete.

In Teilen befriedigt der Audiokommentar von Jon Ronson dieses Bedürfnis. Er erzählt ausführlich aus welchen realen Vorbildern die Filmcharaktere zusammengefügt wurden, was von seinem Buch teilweise wortwörtlich übernommen wurde und von seinen Recherchen, wozu auch viele Informationen gehören, die er nicht in seinem Buch verarbeitete.

Der Audiokommentar von Regisseur Grant Heslov erschöpft sich dagegen weitgehend in einer letztendlich langweiligen Aufzählung der verschiedenen Drehorte, der dort herrschenden Temperaturen (Hinweis: Auch wenn Sie in die Wüste fahren, brauchen Sie unter Umständen Winterkleidung.) und der benutzten visuellen Effekte.

Männer, die auf Ziegen starren (The men who stare at goats, USA 2009)

Regie: Grant Heslov

Drehbuch: Peter Straughan

mit George Clooney, Ewan McGregor, Jeff Bridges, Kevin Spacey, Stephen Lang, Robert Patrick, Waleed Zuaiter, Stephen Root, Glenn Morshower

DVD

Kinowelt

Bild: 2,35:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (5.1 DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Grant Heslov, Audiokommentar von Jon Ronson, Geschnittene Szenen, Goats Declassified: Die wahren Männer des 1. Bataillons (Featurette), Projekt „Hollywood“: Ein Geheimbericht vom Set (Featurette), B-Roll, Trailer (deutsch, englisch), Bildergalerie, interactivevideo™ (exklusiver Zugang zur Online-Lounge), Wendecover

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Vorlage

Jon Ronson: Männer, die auf Ziegen starren

(übersetzt von Martin Jaeggi)

Heyne, 2010

272 Seiten

7,95 Euro

Deutschsprachige Erstausgabe

Durch die Wand

Salis Verlag, Zürich, 2008

Originalausgabe

The men who stare at goats

Picador, London, 2004

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Männer, die auf Ziegen starren“

Wikipedia über „Männer, die auf Ziegen starren“ (deutsch, englisch)

Homepage von Jon Ronson

Den of Geek: Interview mit Jon Ronson (5. November 2009)

UGO: Interview mit Jon Jonson (6. November 2009)

Homepage des 1st Earth Battalion


DVD-Kritik: Neil Jordan, Bob Hoskins und „Mona Lisa“

August 5, 2010

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war – dank Margaret Thatcher, Channel 4 und dem British Film Institute (BFI) – das britische Kino eines der aufregendsten Kinos. Fast im Wochentakt erschien ein sehenswerter Film nach dem nächsten. „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Prick up your ears“, „Sammy und Rosie tun es“, „Brief an Breshnev“, „Wasser – Der Film“, „Local Hero“, „The Fruit Machine – Rendezvous mit einem Killer“, „Rififi am Karfreitag“ (DVD-Neuausgabe im September), „Stormy Monday“, „Wish you where here“, „High Hopes“ und „Mona Lisa“, um nur einige zu nennen, die großen Mainstreamproduktionen und die Filme von Peter Greenaway ignorierend, gehören dazu. Sie erzählten oft kleine Geschichten, teils märchenhaft überhöht, aber immer mit einem genauen Blick auf die englische Realität, meisten mit Charakteren, die bislang in Filmen höchstens Nebenrollen übernehmen durften, immer mit Sympathie für die Außenseiter und normalerweise in strikter Opposition zur Thatcher-Politik.

Es war eine spannende Zeit.

Es gab viel zu entdecken.

Heute laufen die Filme viel zu selten im Fernsehen und auch auf DVD sind sie nur teilweise erhältlich. Umso erfreulicher ist die Wiederveröffentlichung von

Neil Jordans (Drehbuch und Regie) und David Lelands (Drehbuch) „Mona Lisa“.

In dem Noir erzählen sie in einem London, das oft wie eine sorgfältig inszenierte Bühne für eine griechische Tragödie wirkt, die Geschichte des kleinen Gauners George (glänzend gespielt von Bob Hoskins). Er hat gerade eine mehrjährige Haftstrafe abgesessen hat. Seine Frau will ihn nicht mehr sehen und versucht jeden Kontakt zu seiner fast erwachsenen Tochter zu verhindern. Auch der Gangsterboss Denny Mortwell (Michael Caine, gewohnt gut) will George nicht sehen. Aber weil George damals schwieg, verschafft Mortwell ihm ein Gnadenbrot. Er soll die dunkelhäutige Highclass-Prostituierte Simone (Cathy Tyson, ebenfalls überzeugend) zu ihren Kunden fahren. Für George ist das keine leichte Aufgabe. Denn zu seinem Working-Class-Ethos gehört es, dass Männer Frauen beschützen und dass Frauen sich nicht verkaufen. Sie hält ihn für eine Bauerntrampel.

Dennoch sind sie verwandte Seelen. Als Cathy ihm erzählt ihm, dass sie ihre verschwundene, minderjährige, drogensüchtige und sich deshalb prostituierende Freundin suche, will George ihr helfen. Er beginnt sie in den Pornoläden und Absteigen von Soho zu suchen und gerät in eine Geschichte, die er nie vollständig überblickt und die ständig mit seinen Werten kollidiert.

Mona Lisa“ reflektiert, wie die anderen Filme des New British Cinema, die Veränderungen in der englischen Gesellschaft. Während der naive George noch an den alten Werten hängt, hat Mortwell sich als erfolgreicher und pragmatischer Geschäftsmann angepasst. Er verdient jetzt mit dem Sexgeschäft in all seinen Facetten Geld. Dazu gehören neben der Highclass-Prostitution auch das Drehen von Sexvideos, Kinderprostitution und die Erpressung reicher Freier.

Und diese Geschäfte könnten weiterlaufen, wenn nicht George, der nie das ganze Bild sieht, Simone helfen möchte. Denn er wird auch von Simone benutzt. Er benimmt sich, ohne es zu bemerken, als Working-Class-Mitglied in den Gefilden der Upper-Class immer wieder falsch. Er forciert unwissentlich eine fatale Dynamik, die mit einigen Toten endet. Aber er verliert in diesem Alptraum niemals seine Integrität.

Der für seine Darstellung mehrfach nominierte und ausgezeichnete Bob Hoskins verleiht diesem Mann ein Gesicht und eine Tiefe, die uns mit ihm mitfühlen lässt. Denn, auch das ist eine Konstante des britischen Kinos: er lässt sich nicht unterkriegen. Außerdem sieht er, obwohl er das Geschäft mit dem käuflichen Sex ablehnt, hinter Simones cooler Fassade auch den Menschen. In einer Szene korrigiert er, bevor sie in einem Hotel zu einem Freier geht, ihre Kleidung und ihre Haare. Denn sie soll gut aussehen.

Als Bonusmaterial gibt es einen informativen Audiokommentar von Neil Jordan und dem schweigsamen Bob Hoskins. Jordan spricht über seine Herkunft, wie er zum Regisseur wurde, über das Drehbuch, welche Probleme es während der Produktion gab, über das Casting, die Dreharbeiten, seine Absichten bei bestimmten Szenen, über das Filmende und wie es dazu kam, dass er den Genesis-Song „In too deep“ vollständig einsetzte. Sein Kommentar ist eine kleine Filmschule.

Die „HandMade-Story“ ist ein knapp halbstündiger Zusammenschnitt aus Slideshow und Filmtrailern, bei dem Werbung und Selbstbeweihräucherung im Vordergrund stehen. Für einen ersten Einblick (oder eine Erinnerung) an eine wichtige Filmfirma ist der Film okay. Außerdem gibt es, als Texttafeln, Kurzbiographien von Bob Hoskins, Michael Caine, Robbie Coltrane und Neil Jordan, eine Bildergalerie und den Originaltrailer.

Anmerkung 1: Wer wegen der FSK-18-Bewertung auf eine satte Portion Blut, Gewalt und Sex hofft, sollte die Finger von „Mona Lisa“ lassen.

Anmerkung 2: Vergessen Sie das Cover. Anthony Hopkins spielt nicht mit.

Anmerkung 3: Die Bildqualität des Trailers ist bescheiden. Sorry, aber ich habe keinen besseren gefunden.

Mona Lisa (Mona Lisa, GB 1986)

Regie: Neil Jordan

Drehbuch: Neil Jordan, David Leland

mit Bob Hoskins, Cathy Tyson, Michael Caine, Robbie Coltrane, Clarke Peters

DVD

Spirit Media

Bild: 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Audiokommentar von Neil Jordan und Bob Hoskins, The Handmade-Story, Originaltrailer, Bildergalerie, Bio- und Filmographien

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage von Neil Jordan

Wikipedia über „Mona Lisa“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Mona Lisa“

Pompous Film Snob über „Mona Lisa“ (18. März 2010, sehr begeistert)

New York Times: Vincent Canby über „Mona Lisa“ (13. Juni 1986, nicht so begeistert)

Die Zeit: Norbert Grob über „Mona Lisa“ (19. Dezember 1986)


DVD-Kritik: „Matrioshki“ oder Lustig ist das Stripperinnenleben

Juli 30, 2010

Schon die erste Folge der zehnteiligen belgischen Serie „Matrioshki – Mädchenhändler“ kann einen misstrauisch machen. Es tauchen zwar auch ein Polizist, der den Mädchenhändler Ray van Mechelen jagt, ein Reporter, der mit einer großen Enthüllungsreportage van Mechelen bloßstellen will, und ein Kleingangster, der nach der Exekution von zwei Prostituierten sein Gewissen entdeckt, auf. Aber im Mittelpunkt der Episode steht das langwierige Auswahlverfahren der Mädchenhändler in Vilnius. Dort haben sie ein Vortanzen organisiert und die Mädchen wollen alle die Chance auf das große Geld bei einer Tanztournee durch Europa ergreifen.

In den folgenden Episoden steht dann ihr Schicksal im Mittelpunkt. Die anderen Plots werden nur noch pflichtschuldig fortgeführt. Es gibt sogar Episoden, in denen der Polizist und der Journalist nicht mitspielen.

Dafür entwickelt sich van Mechelens Striplokal immer mehr zu einer Version von „Unsere kleine Familie“, in der die Zuhälter, der Türsteher und die Mädchen sich eigentlich ganz gut verstehen. Doch auch hier kristallisiert sich kein die Handlung tragender Hauptcharakter aus. Fast gleichberechtigt werden die Erlebnisse der Mädchen in der Fremde erzählt. Weil man sich allerdings mit keinem Charakter identifizieren möchte, sieht man sich die Geschichte unbeteiligt an. Die einen werden, kaum identifiziert man sich etwas mit ihren Wünschen und Zielen, teilweise erschreckend schnell fallengelassen. Die anderen, die Verbrecher und die Kollaborateurin, taugen kaum zur Identifikation.

Auch ganze Handlungsstränge werden plötzlich abgebrochen und wichtige Ereignisse bleiben folgenlos. So wird ein Gangster in seinem Wohnwagen in die Luft gejagt. Aber die Polizei beginnt nicht zu ermitteln, sondern steckt die Sache achselzuckend weg. Ein Polizist, der zuerst groß eingeführt wird, wird suspendiert und verschwindet dann endgültig aus der Serie. Irgendwann erscheint die Enthüllungsreportage des Journalisten und bis auf etwas Aufregung in einem Polizeibüro passiert nichts. Eine Prostituierte wird in einem Krankenhaus ermordet. Aber der Polizei ist es egal. Irgendwann stolpern in einem Reihenhaus zwei Gangster über die Leiche eines Mannes, der eines ihrer Mädchen kaufte und von ihr umgebracht wurde, und bringen, im Affekt, auch die neugierige Nachbarin um. Was mit den beiden Leichen geschieht, wird nicht verraten. Aber die Polizei scheint die Leichen nicht gefunden zu haben. Es gibt in einem Puff eine blutige Schießerei mit anderen Gangstern. Aber auch dieses Ereignis – immerhin könnten die Gangster sich rächen wollen – bleibt eine folgenlose Episode.

Die beiden Macher Marc Punt und Guy Goossens konzentrieren sich nach der durchaus vielversprechenden ersten Folgen nur noch auf die Tänzerinnen und ihr gar nicht so unangenehmes Leben im Striplokal.

Die DVD-Ausgabe der Gangsterschmonzette „Matrioshki – Mädchenhändler“ ist – höflich formuliert – sehr minimalistisch. Es gibt kein Bonusmaterial und auch keinen Originalton. Wobei das kaum auffällt, weil – der belgischen Tradition Filme prinzipiell zu untertiteln sei gedankt – es ein buntes Sprachengemisch aus Englisch, Litauisch, Russisch und Flämisch (vielleicht auch noch Französisch) gibt. In der deutschen Fassung wurden nur die wenigen flämischen Dialoge synchronisiert. Die meisten Dialoge sind daher untertitelt.

Trotz der (unverständlichen) Ab-18-Freigabe sind die meisten Folgen „Frei ab 16 Jahre“.

Matrioshki – Mädchenhändler: Staffel 1 (Matrioshki, Belgien 2005)

Regie: Guy Goossens, Marc Punt

Drehbuch: Marc Punt

mit Peter Van den Begin, Axel Daeseleire, Lucas van den Eynde, Eugenia Hirivskaya, Stany Crets, Marc Van Eeghem

DVD

Edel: Motion

Bild: 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch (Zwangsuntertitelung bei den Nicht-synchronisierten Passagen)

Bonusmaterial: –

Länge: 450 Minuten (3 DVD)

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zur Serie

Wikipedia über „Matrioshki“


DVD-Kritik: Der gemeine Thriller „The Stepfather“

Juli 28, 2010

The Stepfather“ ist ein kleiner, hundsgemeiner Thriller, der in den Achtzigern, als Ronald Reagan Präsident war, der Patriotismus fröhliche Urstände feierte und konservative Familienwerte mal wieder hochgehalten wurde, die Vorstellung von der heilen Familie gründlich entzaubert.

Die pubertierende Stephanie (Jill Schoelen) hat Probleme mit ihrem neuen Stiefvater. Irgendetwas, glaubt sie, stimmt nicht bei ihm. Dabei wird Jerry Blake (Terry O’Quinn, „Millenium“, „Lost“) von allen anderen geliebt und geachtet. Er ist neu in dem kleinen Ort in der Nähe von Seattle, hat aber als Makler innerhalb eines Jahres bereits einen großen Freundeskreis aufgebaut. Ihre Mutter Susan (Shelley Hack, „Drei Engel für Charlie“) liebt den fürsorglich-verständnisvollen Mann. Sie glaubt, dass ihre Tochter nur einige Zeit braucht, um über den Verlust ihres vor einem Jahr gestorbenen Vaters hinwegzukommen und den neuen Mann als ihren neuen Vater zu akzeptieren. Stephanie hat halt die normale Teenage Paranoia, die sich mit der Zeit erledigt. Und, zum Glück, ist Jerry Blake sooo verständnisvoll.

Drehbuchautor Donald E. Westlake verarbeitete in „The Stepfather“ Probleme und Gespräche, die er damals mit seiner Stieftochter hatte. Denn auch sie lehnte ihn, egal was er tat, ab.

Aber wir Zuschauer wissen bereits von der ersten Minute, dass Stephanie sich nicht irrt. Denn Jerry Blake hat seine vorherige Familie umgebracht.

Diese fünfminütige Einführung, die ohne einen einzigen Satz alles verrät, ist, wenn man die Geschichte nicht kennt, genial – und wenn man sie kennt, ist sie immer noch ein tolles, gern zitiertes Beispiel für effektives Geschichtenerzählen: Die Kamera bewegt sich langsam durch eine normale Vorortstraße auf ein zweistöckiges Haus zu. Jerry Blake steht im Badezimmer vor einem Spiegel. Er hat einige rote Spritzer auf seinem Holzfällerhemd und in seinem Gesicht. Wahrscheinlich Farbe von einer Renovierung. Er zieht sich aus, duscht sich, rasiert sich den Bart ab und zieht sich anschließend einen Anzug an. Man könnte meinen, er ist ein Handelsvertreter oder ein Banker, der sich nach einer langen Hausrenovierung, in dem er zum ‚Mann aus den Bergen‘ wurde, wieder auf seine Arbeit vorbereitet.

Er geht durch den Flur, hebt ein Plastikschiff auf und legt, ganz der liebevoll-ordentliche Vater, das Schiff im Kinderzimmer in eine mit Spielzeug randvoll gefüllte Truhe.

Er geht die Treppe hinunter. An der Wand sind einige Blutspritzer. Alles ist, bis auf die Filmmusik, ruhig.

Er geht durch den Eingangsbereich. Im Hintergrund ist das Esszimmer des traditionell geschnittenen Hauses zu sehen und überall liegen verstümmelte Leichen.

Hier hat ein Massaker stattgefunden und er ist der Täter, der jetzt den Tatort verlässt.

Er schließt die Haustür ab und geht eine ganz gewöhnliche Straße einer ganz gewöhnlichen US-amerikanischen Vorstadt hinunter, auf dem Weg zu seiner nächsten Traumfamilie.

In den folgenden knapp neunzig Minuten wird dann der Traum von der heilen Familie gründlich demontiert. Denn die Wirklichkeit kollidiert immer wieder mit Blakes Fantasie. Die Kinder achten den Vater nicht genug. Sie wollen einen Freund und, was noch schlimmer ist, wahrscheinlich vorehelichen Sex haben. Sie sind renitent und widerspenstig. Sie schnüffeln sogar in seiner Vergangenheit herum.

Zusätzliche Spannung erhält der Film durch die kluge Konstruktion, die sicher auch ein Hommage an Alfred Hitchcock und seinen Kleinstadt-Krimi „Im Schatten des Zweifels“ (Shadow of a Doubt, 1943) ist. Beide Filme sind verdächtig ähnlich aufgebaut. In beiden Filmen kommt das Böse von außen und beide Male muss eine junge Frau sich gegen den von allen geachteten Fremden (bei Hitchcock Joseph Cotten, der einen Frauenmörder spielt, bei Ruben Terry O’Quinn, der einen Familienmörder spielt) wehren. Und beide Male, was keine große Überraschung ist, muss sie am Ende den Bösewicht besiegen.

Aber bei Hitchcock wird Charlotte ‚Charlie‘ Newton (Teresa Wright) von ihrem Lieblingsonkel Charlie Oakley enttäuscht. Sie muss erkennen, dass ihr Bild von ihrem Onkel nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Bei Westlake (denn Ruben hat als Regisseur doch ein eher unsortiertes Sortiment mit einem Hang zu Krimis) wird dagegen ein amerikanischer Mythos lustvoll zerstört. Gleichzeitig drehen die Macher in ihrem Drei-Personen-Stück „The Stepfather“ von der ersten Minute an unerbittlich an der Suspense-Schraube.

Zum Gelingen des Films trägt auch der Verzicht auf eine psychologische Erklärung für Jerry Blakes Taten, die auf dem wahren Fall von John List basieren, bei. Er ist, was er ist – und, wenn wir nicht von Anfang an wüssten, dass er ein Mörder ist, wäre er uns ganz sympathisch. Nur sein absolut nachvollziehbares Ziel, der unerfüllbare Traum von der perfekten Familie und seine ewige Suche danach (denn er hat in der Vergangenheit schon mehrere Familien ermordet), ist wichtig. Warum ihm das so wichtig ist, ist egal. Dadurch wirkt er noch dämonischer. Terry O’Quinn spielte ihn hübsch doppelbödig. Für sein Spiel war für den Saturn Award (der Academy of Science-Fiction, Fantasy and Horror Films) und den Independent Spirit Award als bester Darsteller nominiert.

Donald Westlakes Buch für den gut erhaltenen 80er-Jahre-Thriller, dessen Thema inzwischen wieder aktuell ist, war für einen Edgar nominiert.

2009 wurde ein Remake gedreht, das sich bis auf eine kleine, entscheidende Änderung an das Original hielt: aus Stephanie wurde ein Junge. Ein Soldat. Bei Rotten Tomatoes erhält das gleichnamige Remake von den Kritikern einen deprimierenden Frischegrad von elf Prozent. Mehr muss zu dem Remake wohl nicht gesagt werden. Vor allem wenn das wesentlich frischere Original erhältlich ist.

The Stepfather (The Stepfather, USA 1986)

Regie: Joseph Ruben

Drehbuch: Donald E. Westlake (nach einer Geschichte von Carolyn Lefcourt, Brian Garfield und Donald E. Westlake)

mit Terry O’Quinn, Shelly Hack, Jill Schoelen

auch bekannt als „Kill, Daddy, kill“ (Kinotitel) und „Spur in den Tod II“

DVD

Epix

Bild: 1,78:1 (anamorph/16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Deutscher und Originaltrailer, Wendecover

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 18 Jahre (Hm, eigentlich zu hoch. „Ab 16“ wäre angemessen)

Hinweise

Wikipedia über „The Stepfather“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über John List

Homepage von Brian Garfield

Homepage von Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“


DVD-Kritik: Die Charakterstudie „Der Uhrmacher von St. Paul“

Juli 26, 2010

Ein Vater steht vor der Frage, wie er damit umgeht, dass sein Sohn ein Mörder ist. Das ist die Geschichte von „Der Uhrmacher von St. Paul“, die der über Dreißigjährige Bertrand Tavernier in den frühen Siebzigern in seinem in seinem Geburtsort spielendem Debütfilm erzählte. Dafür nahm er einen bereits 1954 erschienenen Roman von Maigret-Erfinder Georges Simenon und passte ihn seinen Bedürfnissen an. So verlegte er die Geschichte in die Gegenwart und nach Lyon.

Dort ist Michel Descombes (Philippe Noiret) ein geachteter Uhrmacher, der sich regelmäßig mit seinen bourgeoisen Freunden in einer Gaststätte trifft, allein lebt und allein einen Sohn großgezogen hat. Er glaubt, dass sie sich gut verstehen und Bernard keine Geheimnisse vor ihm hat. Umso schockierter ist er, als die Polizei ihm sagt, Bernard habe einen Mord begangen und sei mit seiner Freundin auf der Flucht.

Descombes fragt sich, warum Bernard zum Mörder wurde und warum er nichts von seiner Freundin wusste. In den Medien wird der Mord schnell und entsprechend dem Zeitgeist zu einer politischen Tat gegen einen Ausbeuter umgedeutet.

Dieser politische Hintergrund ist in „Der Uhrmacher von St. Paul“ immer, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen, präsent. Auch die 68er kämpften gegen ihre Eltern, fragten sie nach ihrer Verantwortung für Hitler und die Kollaboration (das dunkle Kapitel in Frankreichs Geschichte), kämpften für eine antikapitalistische Gesellschaft, wollten alles anders machen als ihre Eltern und stellten sie als Mitläufer an den Pranger. Dieser Generationenkonflikt, der in den Sechzigern auf den Pariser Straßen ausgetragen wurde, ist auch in der Provinz angekommen. Eine Versöhnung schien 1973, als der Film gedreht wurde, immer noch unmöglich.

Dieser teils politisch, teils familiär ausgetragene Konflikt zwischen den Vätern und ihren Söhnen steht im Zentrum des Films. Dabei nimmt der 1941 geborene Tavernier die Perspektive der Eltern ein. Er fragt sich, wie Eltern mit den Taten ihrer Kinder umgehen sollen.

Und er wählte eine zutiefst ironische Struktur. Am Anfang wohnt Bernard noch bei seinem Vater, sie verstehen sich gut und haben keine Geheimnisse voreinander. Descombes legt sich auch, nachdem er von der Tat erfahren hat, in das Bett seines Sohnes. Sie sind, wie das Bild sagt, zwar körperlich voneinander getrennt, aber seelisch zusammen. Jedenfalls glaubt Descombes das und er beginnt das ihm unbekannte Leben seines Sohnes zu erforschen. Er erfährt, dass er und sein Sohn zwar zusammenlebten, aber er nichts von seinem Sohn wusste.

Nach über einer Stunde, vor dem ersten Auftritt von Bernard, wird von dem ermittelndem, immer betont freundlichem Inspektor Guilboud (Jean Rochefort) gegenüber Descombes die zentrale Frage für den Film und die damalige Zeit gestellt: „Da man seine eigenen Kinder nicht versteht, wofür Sie ein Beispiel sind, versucht man wenigstens die der anderen zu verstehen. Es ist mein Beruf Mördern und Gangstern nachzujagen, aber deren Motive sind mir egal. Die Geschichte ihres Sohnes ist viel wichtiger. Sie ist symptomatisch für unsere Zeit. Ich frage mich, was wir den jungen Leuten getan haben.“

Descombes weiß darauf keine Antwort und auch der Film verweigert die Antwort.

Das Ende wird mit der Gerichtsverhandlung vorbereitet, die nur aus einem Satz besteht. Descombes, leicht von unten aufgenommen erinnert an einen Priester ohne Talar, sagt: „Ich erkläre mich hiermit völlig solidarisch mit meinem Sohn.“

Damit gibt Tavernier eine damals sicher utopische, heute fast schon selbstverständliche Antwort auf den tobenden Generationenkonflikt: die Eltern müssen sich auf die Seite ihrer Kinder stellen. Auch wenn sie vielleicht nicht alle Beweggründe verstehen. Auch wenn die Kinder nicht mit ihnen reden wollen.

Im Gefängnis besucht Descombes seinen zu zwanzig Jahren Haft verurteilten Sohn. Jetzt sind sie zwar physisch voneinander getrennt. Sie können sich durch die Gitter und den sie trennenden Gang noch nicht einmal berühren, aber dafür sind sie psychisch wieder vereinigt.

Das ist das Ende einer ruhigen Charakterstudie über einen introvertierten Menschen und eines beeindruckenden Debütfilms, der auch aufgrund seines langsamen Erzähltempos keine leichte Kost ist. Außerdem ist „Der Uhrmacher von St. Paul“ eine Liebeserklärung an Taverniers Geburtsort.

In den folgenden Jahrzehnten drehte Tavernier wahrscheinlich in jedem Genre spannende Filme und er verfilmte immer wieder Krimis. 1981, wieder mit Noiret in der Hauptrolle, Jim Thompsons „Pop. 1280“ (1280 schwarze Seelen) als „Der Saustall“. 2009 James Lee Burkes „In the electric mist with confederate dead“ (Im Schatten der Mangroven) als „In the electric mist“.

Der Uhrmacher von St. Paul (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Bertrand Tavernier, Jean Aurenche, Pierre Bost

LV: Georges Simenon: L’horloger d’Everton, 1954 (Der Uhrmacher von Everton)
mit Philippe Noiret, Jean Rochefort, Jacques Denis, Sylvain Rougerie, Christine Pascal

DVD

Arthaus

Bild: 1,66:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Französisch (Mono Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Bildergalerie, Wendecover

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Uhrmacher von St. Paul“ (deutsch, englisch, französisch)

Deutsche Georges-Simenon-Fanseite

Senses of Cinema: Carloss James Chamberlin über Bertrand Tavernier (August 2003)

Meine Besprechung der von Bertrand Tavernier inszenierten James-Lee-Burke-Verfilmung „In the electric mist“


DVD-Kritik: Alain Corneaus wunderschöner Schwanengesang „Wahl der Waffen“

Juli 23, 2010

Der 1981 entstandene Noir „Wahl der Waffen“ von Alain Corneau mit Yves Montand, Catherine Deneuve und Gérard Depardieu ist ein Film aus einer anderen Zeit. Und das liegt nicht daran, dass Montand vor fast zwanzig Jahren gestorben ist.

Der Film war schon damals ein großer Abgesang auf den französischen Gangsterfilm und seine Regisseure, wie Jacques Becker, José Giovanni, Robert Enrico, Claude Sautet, Jean Herman und, selbstverständlich, den großen Stilisten Jean-Pierre Melville (der Montand in „Vier im roten Kreis“ eine Hauptrolle gab und Deneuve in „Der Chef“ ähnlich besetzte). Noch einmal trafen die alten Verbrecher, die in den fünfziger und sechziger Jahren von Jean Gabin, Lino Ventura, Alain Delon, Jean-Paul Belmondo, Jean Servais und Michel Constantin (um nur einige bekannte Namen zu nennen) verkörpert wurden, auf einen jungen Verbrecher.

Aber jetzt – auch wenn Yves Montand den Kampf gewinnt – zeigt Alain Corneau in jeder Szene, dass ihre Zeit vorbei ist.

Noel Durieux (Yves Montand) setzte nach dem Zweiten Weltkrieg seine im Krieg erworbenen Fähigkeiten als Gangster ein und ist inzwischen mit seiner Frau Nicole (Catherine Deneuve) auf einem riesigen Landgut Pferdezüchter. Das beschauliche Leben wird von dem aus dem Gefängnis geflüchteten Mickey (Gérard Depardieu) gefährdet. Mickey erschoss auf der Flucht einen Polizisten und in der Kategorie „Ärger verursachen“ ist er ein Meister.

Zwischen diesen beiden Männern – immerhin sind Gangsterfilme Männerfilme – hat Catherine Deneuve nur eine kleine Nebenrolle, die auf den ersten Blick einfach gestrichen oder von jemand anderem gespielt werden könnte. Denn außer ihrem Tod trägt sie wenig zur Handlung bei – und gerade dieser Tod, der nach einem Star und dem damit verbundenen kollektiven Rollengedächtnis verlangt (hier Bunuels „Belle de Jour“ und Melvilles „Der Chef“), macht sie für Film unverzichtbar.

Im Zentrum von „Wahl der Waffen“ stehen die beiden von Yves Montand und Gérard Depardieu gespielten antagonistischen Verbrecher. Sie gehören verschiedenen Generationen an. Sie haben ein anderes Verhältnis zum Leben, zu ihren Freunden und zu ihrem Beruf.

Noel ist ein Verbrecher der alten Schule, der sich unauffällig seiner Umgebung anpasst, sich immer beherrscht und auf ein festes Netz von Freunden, von denen viele nicht mehr Leben, vertraut. Corneau zeichnet mit wenigen Bildern und Sätzen dieses Bild. Yves Montands trauriger und oft versteinerter Blick (und das kollektive Bildergedächtnis) erledigt den Rest. Schon als er zum ersten Mal Mickey begegnet, weiß er, dass Mickey ein unbeherrschter Störenfried ist und nicht alt wird.

Denn während Noel zuerst denkt und dann handelt, ist es bei dem Gefühlsmenschen Mickey umgekehrt. Mickey sieht eine Bank und beschließt spontan, sie zu überfallen. Er freut sich wie ein kleines Kind über die frei herumlaufenden Pferde und die Wellen des Ozeans.

Noel erforscht, bevor er Mickey aus dem Weg schaffen will, geduldig Mickeys Leben als Kleingangster in den seelenlosen und schon damals ziemlich heruntergekommenen Banlieu-Wohnblöcken. In diesen Momenten wird „Wahl der Waffen“ zu einer fast dokumentarischen Studie des Lebens des unteren Drittels der Gesellschaft, die ihr Leben irgendwo zwischen Kleinkriminalität, Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlten Jobs fristen.

Bei Corneau wird die einfache Geschichte eines Kampfes zwischen zwei Generationen zu einem komplexem, präzise komponiertem Vixierspiel, das aus der Geschichte des französischen Gangsterfilms, der sozialen Realität und innerfilmischen Bezügen gewoben ist und dessen fein auskomponierten Breitwandbilder nach der großen Leinwand rufen. Auch der epische Gestus beim Erzählen verlangt nach einem dunklen Kinosaal, in dem die Zuschauer für über zwei Stunden in eine fremde Welt entführt werden. Corneaus Charaktere sind mythisch überhöhte Verbrecher in einer Fantasiewelt, die dennoch präzise in einer Zeit und an einem realen Ort verwurzelt sind. Das klingt widersprüchlich, aber beim Sehen, wird dies sofort, wie bei einem Melville-Film, deutlich. Auch die wortkargen Dialoge sind eine Hommage an Melville. So ausdrucksstark wird im Kino selten geschwiegen.

Umso beredter ist die Musik. Philippe Sarde, einem der damals angesagtesten französischen Komponisten, schrieb sie und die beiden Jazzbassisten Ron Carter und Buster Williams spielten mit.

Im Rückblick beendete Alain Corneau mit dem leicht melancholischem „Wahl der Waffen“ die Ära des klassischen französischen Gangsterfilms indem er noch einmal alle Themen bündelte, neu betrachtete und sie endgültig beantwortete. Nach „Wahl der Waffen“ war die Zeit des Nachkriegsgangsters endgültig vorbei.

Die Videoclip-Stilisten und die Straßenköter übernahmen die Macht. „Diva“, „Der Mond in der Gosse“, „La Balance – Der Verrat“, „Der Bulle von Paris“ (wieder mit Depardieu) und „Waffenbrüder“ hießen die Filme und es mischten sich immer mehr Einwanderergesichter in die Reihen der Polizisten und der Verbrecher.

Wahl der Waffen (Le choix des armes, Frankreich 1981)

Regie: Alain Corneau

Drehbuch: Alain Corneau, Michel Grisola

mit Yves Montand, Gérard Depardieu, Catherine Deneuve, Michel Galabru, Gerard Lanvin, Marc Chapiteau

DVD

Arthaus

Bild: 2,35:1 (anamorph)

Ton: Deutsch (Mono Dolby Digital), Französisch (Stereo Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Fotogalerie, Trailer, Wendecover

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Le choix des armes“

Citizen Poulpe über „Le choix des armes“

Films de France über „Le choix des armes“ (englisch)

Kriminalakte über „Wahl der Waffen“ (Sammlung einiger Kritiken)


DVD-Kritik: „Simon & Simon“, das zweite Jahr

Juli 20, 2010

Nach der ersten Staffel gab es bei der lockeren, in San Diego spielenden Privatdetektivserie „Simon & Simon“ einige einschneidende Änderungen. So sind die Brüder umgezogen. Sie residieren jetzt im ersten Stockwerk eines kleineren Bürohauses an der Strandpromenade. Aber meistens erledigen sie ihre Arbeit in A. J.s an einem Kanal liegendem Haus. Denn inzwischen ist er bei seiner Mutter ausgezogen. Neben dem Haus hat A. J.s älterer Bruder Rick sein Schiff „Hole in the Water“ abgestellt. Ihre Mutter hat nur noch wenige Auftritte. Ihr alter Konkurrent Myron Fowler hat seine Detektei aufgegeben. Er genießt das Leben als Rentier und erledigt immer wieder Aufträge für Rick und A. J.. Von der durchaus herzlichen Feindschaft aus der ersten Staffel ist nichts mehr zu spüren. Myrons Tochter Janet ist inzwischen Assistentin des Staatsanwalts und damit die unerschöpfliche Verbindung der Simon-Brüder zu allen staatlichen Datenbanken.

Einige dieser Änderungen, besonders das Verhältnis von Rick und A. J. zu Myron, stehen im direkten Widerspruch zum Konzept in der ersten Staffel. Auch dass der Chef von San Diegos ehemals größter Detektei jetzt für die Simon-Brüder kleine Überwachungsjobs übernimmt und anscheinend ständig klamm ist, wird nicht erklärt.

Kaum geändert wurde dagegen die Mischung aus Crime und Comedy, wobei sich in der zweiten Staffel das Augenmerk der Macher noch stärker auf leichtgewichtiges und weitgehend zeitloses Entertainment richtete. Sie fanden jetzt die Formel, die „Simon & Simon“ ein langes Leben im Fernsehen bescherte. Die wenigen ernsteren Folgen fallen dagegen umso deutlicher auf.

Gleichzeitig wurde sich noch deutlicher als in der ersten Staffel in die Tradition der PI-Krimis gestellt. So ist die Doppelfolge „Mord im Paradies“, in der viele Szenen aus dem niemals ausgestrahten Pilotfilm „Pirate’s Key“ verwandt wurden, deutlich von John D. MacDonalds Bergungsexperten Travis McGee inspiriert. Wenn Rick Simon für einen Auftrag eine Provision verlangt, ist das direkt von den McGee-Krimis übernommen und wahrscheinlich waren es letztendlich nur finanzielle Gründe, warum die Serie von Florida, wo sie ursprünglich spielen sollte, nach San Diego verlegt wurde.

Die Vorlage für „Wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ ist Howard Brownes „In Luft aufgelöst“ (Thin air, 1954).

Wenn in „Mord mit spitzer Feder“ ein Krimibestsellerautor lange vor „Basic Instinct“ glaubt, dass ein Mörder seine Morde kopiert, dann dürfen Krimifans zum ersten Mal bei dem Namen des Autoren, Rockwell Stark, kundig mit dem Kopf nicken. Von Rockwell Stark ist der Weg zu Richard Stark (einem Pseudonym von Donald E. Westlake) nicht weit. Der Plot scheint dagegen eher einem Bestseller von; – nun aus heutiger Sicht müsste man sagen Jeffery Deaver oder James Patterson entsprungen zu sein. In jedem Fall liefert „Mord mit spitzer Feder“ eine zünftige Serienmörderjagd. Und das lange vor dem „Schweigen der Lämmer“.

Einen Blick in das Filmgeschäft liefert „Reit weiter wilder Reiter“. Schon der Originaltitel „Rough Rider rides again“ erinnert an die alten Westernserials und, wenn der Rough Rider zum ersten Mal auftaucht, an den in den USA legendären Lone Ranger. In der Folge verdient Buck Yancy (gespielt von Stuart Whitman), der früher im Kino den Rough Rider, spielte, jetzt seine Brötchen mit Rough-Rider-Auftritten in Kaufhäusern. Als der damalige Produzent einen Kinofilm mit einem anderen Darsteller drehen will, gibt es Tode und Yancy sitzt als Mordverdächtiger im Knast. Die Simon-Brüder wollen ihrem Jugendidol helfen und erfahren einiges über den Umgang von Hollywood mit seinen Stars.

Inszeniert wurde der bittersüße Abgesang von Western-Regisseur Burt Kennedy, der, wenn Rick und A. J. über den Walk of Fame laufen, länger auf dem Stern von James Garner verweilt. Kennedy drehte mit Garner die erfolgreichen Westernkomödien „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ (Support your local sheriff!, 1969) und „Latigo“ (Support your local gunfighter, 1971) und James Garner ist – das sei der Vollständigkeit halber erwähnt – als Detektiv Jim Rockford einer der legendären Privatdetektive.

Für die damaligen Zuschauer in den USA war die Liste der Gaststar in dieser Folge sicher erstaunlich. Mit Stuart Whitman (The Cimmeron Strip), Alan Hale Jr. (Casey Jones), Pat Buttram (The Gene Autry Show), Jock Mahoney (The Range Rider), John Russell (The Lawman) und Hal Needham (Have Gun, Will Travel; der später als Stuntman und Regisseur [Smokey and the Bandit, The Cannonball Run] noch bekannter wurde) spielten etliche Stars von Westernserien aus den fünfziger und sechziger Jahren, den Jugendjahren von Rick und A. J. Simon, mit. Die meisten treffen sie in Hollywood in einem Western-Saloon, in dem sich die Altstars an früher erinnern und schnell eine zünftige Kneipenschlägerei inszenieren.

Und auf einem Türschild steht als Name eines Mieters „Siegel, D.“, was ein deutlicher Hinweis auf den Regisseur von „Dirty Harry“ ist. Weniger deutlich ist der Hinweis auf den bei Krimifans bekannten, von Ross Macdonald erfundene Privatdetektiv Lew Archer als „Archer, J.“.

In „Diamanten fallen nicht vom Himmel“ gibt es eine deutliche Hommage an „Der unsichtbare Dritte“. Bei Hitchcock wurde Gary Grant mitten im Nirgendwo von einem Flugzeug gejagt. In der Krimiserie versucht der Pilot die Brüder mit Handgranaten zu töten. Der Anfang der Szene, wenn kurz vor der Attacke des Flugzeugs ein Mann aus einem Bus aussteigt und von einigen Freunden abgeholt wird, ist direkt von Hitchcock geklaut.

In den anderen Folgen gibt es teilweise weniger deutliche Anspielungen, aber immer einen vergnüglichen Fall.

Es geht um Diebstähle von Gemälden, Diamanten, brandneuen Modekollektionen, die Entführung eines Delphins, um einen verfluchten Fetisch (in der neunzigminütigen Crossover-Folge zu „Magnum“), um eine Frau, die Morde vorhersieht, um eine verschwundene Zwillingsschwester, einen verschwundenen Ehemann und eine aus einem verfluchten Zimmer verschwundene Frau, einen totgeglaubten Mann, der behauptet in Schwierigkeiten zu stecken, Spielmanipulationen im American Football, Leistungsdenken an der Universität, Industriespionage, eine geheimnisvolle Frau, die verdächtigt wird, den vielgehassten Herausgeber einer Zeitschrift (der eine Liste mit den zehn aufregendsten Frauen von San Diego veröffentlichen wollte) ermordet zu haben, Sabotage in einem Vergnügungspark, die Überführung eines Oldtimers und in „The club murder vacation“ (ein weiterer liebevoller Titel, der lieblos in „Wenn einer eine Reise tut…“ übersetzt wurde) will A. J. den neuen Bestseller von James A. Michener lesen, nimmt, weil sein Bruder ihn ständig stört, das Angebot von seiner Mutter auf ein Wochenende in einem Hotel an und beobachtet natürlich sofort einen Mord. Allerdings glaubt ihm der Sheriff kein Wort.

Die Liste der Gaststars hält, neben den bereits Erwähnten, einige Überraschungen bereit. Morgan Fairchild, Joe Mantegna, Don Stroud, Broderick Crawford, Lisa Eilbacher, June Allyson, Ray Walston, Monte Markham, Henry Gibson (ich sage nur „Blues Brothers“ und „Boston Legal“), Eddie Albert, Robert Ginty (einige Episoden als Gerichtsmediziner Jerry Reiner), Ed Lauter, Robert Englund und Richard Kiel traten auf.

In Deutschland wurden die Folgen kunterbunt durcheinander gezeigt. Einige Folgen wurden nie gezeigt. Sie sind in den Halbstaffelboxen im Original mit optionalen Untertiteln enthalten. Bei „What’s in a gnome?“ mag das am Thema gelegen haben. Denn der Täter ist ein psychisch kranker Vietnam-Veteran. Bei „Psyched out“ kann es an der Darstellung von Experimenten und dem daraus entstehendem Übermenschen-Denken der Studenten gelegen haben. Bei „The Skeleton who came out of the closet“ waren es wahrscheinlich irgendwelche senderinternen Gründe. Denn mit dem zweimaligen James-Bond-Bösewicht Richard Kiel hat die Folge sogar einen weltweit bekannten Gaststar.

Auch die zweite Staffel von „Simon & Simon“ bietet kurzweilige Unterhaltung, die heute von Serien wie „Castle“, „The Mentalist“, „Monk“, „Psych“ (die alle als Berater für die Polizei arbeiten und damit keine richtigen Privatdetektive sind) und „Burn Notice“ (der die Arbeit ohne Lizenz erledigt), unter leicht geänderten Vorzeichen, fortgeführt wird.

Dennoch wird beim Wiedersehen von „Simon & Simon“, neben den Achtziger-Jahre-Serien „Magnum“, „Das Modell und der Schnüffler“ und „Remington Steele“ (Wann erscheint die Serie bei uns auf DVD?), der Wunsch nach einer neuen guten Privatdetektivserie wach. Denn immer nur Polizisten und freiberufliche Berater der Polizei sind auf lange Sicht einfach langweilig.

Simon & Simon – Staffel 2 (USA 1982/1983)

Erfinder: Philip DeGuere

mit Gerald McRaney (Rick Simon), Jameson Parker ( Andrew Jackson ‚A.J.‘ Simon), Jeannie Wilson (Janet Fowler), Eddie Barth (Myron Fowler), Mary Carver (Cecilia Simon)

DVD

Simon & Simon – Staffel 2.1

Koch-Media

Bild: 1.33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch (nur bei den nicht synchronisierten Folgen, optional)

Bonusmaterial: 16-seitiges Booklet, „Magnum“-Crossover-Episode „Die Rache des Sonnengottes“ (in verschiedenen Schnittfassungen und Synchronisationen)

Länge: 567 Minuten (12 Episoden auf 4 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Simon & Simon – Staffel 2.2

Koch-Media

Bild:1.33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Bonusmaterial: 12-seitiges Booklet

Länge: 518 Minuten (12 Episoden auf 3 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die Fälle der zweiten Staffel

Die Smaragdenmieze (Emeralds are not a girl’s best friend)

Regie: Lawrence Doheny

Drehbuch: Richard Chapman

Liebe unter Wasser (Mike & Pat)

Regie: Sigmund Neufeld Jr.

Drehbuch: Richard Chapman

Rot macht tot (Guessing game)

Regie: Vincent McEveety

Drehbuch: James Crocker

Eine Hirschkuh kommt selten allein (Art for Arthur’s sake)

Regie: Vincent McEveety

Drehbuch: Bob Shayne

Diamanten fallen nicht vom Himmel (The ten thousand dollar deductible)

Regie: Bernard McEveety

Drehbuch: Bill Dial

Reit weiter wilder Reiter (Rough rider rides again)

Regie: Burt Kennedy

Drehbuch: Michael Piller

Meine Schwester bin ich (Sometimes dreams come true)

Regie: Bernard McEveety

Drehbuch: James Crocker

Guten Tag, ich bin dein Mann (The last time I saw Michael)

Regie: Vincent McEveety

Drehbuch: James Crocker

Ein Huhn spielt falsch (Fowl play)

Regie: Burt Kennedy

Drehbuch: Donald R. Boyle

Wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt (Thin air)

Regie: Bernard McEveety

Drehbuch: Bob Shayne, Philip DeGuere

LV: Howard Browne: Thin air, 1954 (In Luft aufgelöst)

Mord mit spitzer Feder (Murder between the lines)

Regie: Sigmund Neufeld Jr.

Drehbuch: Mike Lloyd Ross

Psyched out

Regie: Sigmund Neufeld Jr.

Drehbuch: Paul A. Magistretti

Mord im Paradies (Pirate’s Key)

Regie: Corey Allen

Drehbuch: Philip deGuerre

Wenn einer eine Reise tut… (The club murder vacation)

Regie: Burt Kennedy

Drehbuch: Bill Dial

Ein Mensch stirbt nicht vom Chip allein (It’s only a game)

Regie: Vincent McEveety

Drehbuch: Richard Chapman

Modemachers Meuchelmord (Design for killing)

Regie: Bernard McEveety

Drehbuch: James Crocker

Die Schönen und die Toten (The list)

Regie: Burt Kennedy

Drehbuch: Michael Piller

What’s in a gnome?

Regie: Sigmund Neufeld Jr.

Drehbuch: Paul A. Magistretti

Zum Glück geht’s Stück für Stück (The secret of the chrome eagle)

Regie: Vincent McEveety

Drehbuch: Mike Lloyd Ross

Zimmer, Zoff und Zofe (Room 3502)

Regie: Sigmund Neufeld Jr.

Drehbuch: Alan Brennert

Roter Hund heißt seine Tante (Red dog blues)

Regie: Vincent McEveety

Drehbuch: Deborah R. Baron, Patricia Rae Moran

The skeleton who came out of the closet

Regie: Paul Krasny

Drehbuch: James Crocker

Hinweise

Wikipedia über „Simon & Simon“ (deutsch, englisch)

Fernsehserien über „Simon & Simon“

Thrilling Detective über „Simon & Simon“

Meine Besprechung von „Simon & Simon – Staffel 1“


DVD-Roundup: Desert Fury – Liebe gewinnt, Der schwarze Spiegel, Diamond 13, Killshot

Juli 13, 2010

Heute präsentieren wir Ihnen in diesem Theater einen kleinen Rundblick mit vier Kriminalfilmen, vier Noirs und vier Literaturverfilmungen (drei Romane, eine Kurzgeschichte). Beginnen wir in den Vierzigern.

Koch Media setzt die liebevoll gestaltete „Film Noir“-Collection nach einer langen Pause mit dem unbekannten in Farbe gedrehtem Noir „Desert Fury – Liebe gewinnt“ und dem Noir-Semiklassiker „Der schwarze Spiegel“ fort.

Desert Fury“ ist, trotz einiger interessanter Aspekte, kein vergessenes Meisterwerk, sondern ein typischer Vierziger-Jahre-Hollywood-Film, bei dem die damals noch seltene Verwendung von Farbe eine Bedeutung des Films verheißt, die er nicht hat. Denn „Desert Fury“ ist kein A-Film wie „Vom Winde verweht“ oder ein kassenträchtiges Musical.

Regisseur Lewis Allen ist ein Hollywood-Handwerker, der später sein Geld vor allem im Fernsehen verdiente. So inszenierte er einige „Perry Mason“- und „Kobra, übernehmen Sie“-Folgen und über vierzig „Bonanza“-Folgen.

Autor A. I. Bezzerides schrieb später das Drehbuch für „Rattennest“ (Kiss me deadly, USA 1955) und er erfand die Westernserie „Big Valley“.

Der zweite Drehbuchautor Robert Rossen verdiente, als „Desert Fury“ gedreht wurde, bereits seit einem guten Jahrzehnt in Hollywood sein Geld. Sein erstes Drehbuch war „Mord im Nachtclub“ (Marked Woman. USA 1937); ein Vehikel für Bette Davis und Humphrey Bogart. Kurz darauf schrieb er „Die wilden Zwanziger“ (The roaring Twenties, USA 1939). Anschließend führte er Regie (oft nach eigenen Drehbüchern) bei „Jagd nach Millionen“ (Body and Soul, USA 1947), „Der Mann, der herrschen wollte“ (All the King’s Men, USA 1949), „Sie kamen nach Corduba“ (They came to Corduba, USA 1959), „Haie der Großstadt“ (The Hustler, USA 1961) und „Lilith“ (USA 1964).

Die drei wissen also, wie eine Geschichte in neunzig Minuten erzählt wird. Über den legendären Produzenten Hal B. Wallis muss ja nichts gesagt werden. Seinen Namen hat jeder Filmfan mindestens ein halbes Dutzend Mal gelesen. Ich sage nur „Die wilden Zwanziger“, „High Sierra“, „Der Malteser-Falke“, „Casablanca“ und „Der Marshall“ (True Grit, USA 1969).

Und dann ist da noch Burt Lancaster in einer seiner ersten Rollen als honoriger Dorfpolizist Tom Hanson, der in die neunzehnjährige Paula verliebt ist. Diese hat gerade wieder ihre Schule geschmissen und trifft auf dem Weg in die Stadt den Spieler Eddie Bendix und seinen Kumpel Johnny Ryan. Sie findet den zwielichtigen Bendix attraktiv und dass ihre Mutter Fritzi Haller, die Chefin des Spielcasinos (und damit qua Beruf ebenfalls zwielichtig), Bendix von früher hasst, verstärkt natürlich Paulas Liebe zu Bendix.

Das größte Problem von „Desert Fury“ ist die widersprüchliche und unlogische Zeichnung der von der damals 25-jährigen Lizabeth Scott gespielten Hauptrolle Paula Haller. Ihr Verhalten entspricht viel zu oft nicht ihrem Alter, das irgendwo zwischen kurz nach der Pubertät und kurz vor Studienabschluss liegt. Jedenfalls fährt sie Auto, raucht und trinkt und ist immer noch finanziell von ihrer Mutter abhängig. Einerseits hat sie eine gute Beziehung zu ihr. Andererseits ist Bendix für sie gerade deshalb attraktiv, weil ihre Mutter ihn ablehnt. Und anscheinend hat sie in den vergangenen Jahren nichts von Bendix gehört. Das ist, weil die Geschichte in einer Kleinstadt spielt und die früheren Ereignisse sicher Stadtgespräch waren, unglaubwürdig.

Dieses Hin und Her zwischen ihrer Mutter, ihrem Freund und vielleicht zukünftigem Ehemann Tom Hanson und dem Spieler Eddie Bendix erinnert an das widersprüchliche Verhalten einer Pubertierenden und nicht einer knapp Zwanzigjährigen.

Auch die Schlusspointe zeichnet sich schon von der ersten Minute des aus heutiger Sicht ziemlich zähen Films, der unentschlossen zwischen „Western“ (einige Topoi wie die den Ort beherrschende Casinobesitzerin, die Landschaft und die vielen Pferde), Familiengeschichte, Drama, Coming-of-age (Paula muss erwachsen werden), garniert mit einer kleinen Krimibeigabe, pendelt, ab.

Desert Fury – Liebe gewinnt (Desert Fury, USA 1947)

Regie: Lewis Allen

Drehbuch: A. I. Bezzerides, Robert Rossen

LV: Ramona Stewart: Desert Town, 1946

mit John Hodiak, Lizabeth Scott, Burt Lancaster, Wendell Corey, Mary Astor

DVD

Koch Media

Bild: 1,37:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Länge: 92 Minuten

Bonus: Bildergalerie, Original-Trailer, 12-seitiges Booklet

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Desert Fury“

Turner Classic Movies über „Desert Fury“

Ein ganz anderes Kaliber ist dagegen „Der schwarze Spiegel“.

Bewundernswert effektiv führt Robert Siodmak in den ersten Minuten von „Der schwarze Spiegel“ zu der zentralen Frage, welche der beiden Zwillingsschwestern den Mord begangen hat.

Bereits nach den ersten Zeugenaussagen kennt der Kommissar die Mörderin. Aber sie hat ein wasserdichtes Alibi. Nach zwölf Minuten entdeckt er, dass die Tatverdächtige eine Zwillingsschwester hat. Weil er mit den normalen Polizeimethoden nicht herausfinden kann, welche den Mord begangen hat, bittet er einen Psychiater um ein Gutachten. Denn, so hoffen die beiden Männer, durch eine Analyse ihres Verhaltens können sie herausfinden, welche der Schwestern den Mord begangen hat.

Für uns Zuschauer ist ziemlich schnell offensichtlich, welche Schwester den Mord begangen hat. Denn neben ihrem unterschiedlichen Verhalten, hat Siodmak auch alles getan, um die beiden von Olivia de Havilland gespielten Schwestern unterscheidbar zu machen. Sie tragen verschiedene Kleider und immer eine Brosche mit dem ersten Buchstaben ihres Vornamens oder eine Kette mit dem Vornamen. So entsteht auch in den vielen Szenen, in denen beide Schwestern gleichzeitig auftreten, keine Verwirrung. Diese sind auch mit heute noch verblüffenden Tricks gedreht.

Der, wie Siodmak, aus Deutschland geflüchtete Eugen Schüfftan, der bereits in Fritz Langs Science-Fiction-Film „Metropolis“ für atemberaubende Effekte sorgte, plante die Aufnahmen der von Olivia de Havilland gespielten Zwillingsschwestern, die oft in einem Bild zu sehen sind und ganz natürlich miteinander agieren. Dafür mischte er bereits während des Drehs Doubles, Doppelbelichtungen und Rückprojektionen.

Der schwarze Spiegel“ ist ein spannender Noir, der sich der Whodunit-Formel bedient, das Doppelgänger-Motiv interessant anwendet und als einer der ersten Filme die Psychoanalyse benutzt, um den Täter zu überführen. Weil die böse Schwester als Mörderin überführt wird, hat „Der schwarze Spiegel“ auch ein Noir-untypisch beruhigendes Ende.

Denn „Was sonst im Film noir die beiden entgegengesetzten Charakterseiten ein und derselben Person darstellen, ist hier auf zwei Schwestern verteilt.“ (Paul Werner: Film noir und Neo-Noir) Und nachdem die eine verhaftet wird, kann die andere friedlich bis ans Ende ihrer Tage leben.

In Noir-Fankreisen hat „Der schwarze Spiegel“ einen guten Ruf. Weil „Der schwarze Spiegel“ schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen lief, dürfte ihn kaum noch jemand kenne. Dabei lohnt sich die Wiederentdeckung.

Der schwarze Spiegel (The dark mirror, USA 1946)

Regie: Robert Siodmak

Drehbuch: Nunnally Johnson

LV: Vladimir Pozner: The dark mirror (Kurzgeschichte, Good Hosekeeping, 1945)

mit Olivia de Havilland, Lew Ayres, Thomas Mitchell, Richard Long, Charles Evans

DVD

Koch Media

Bild (SW): 1,37:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Länge: 82 Minuten

Bonusmaterial: Bildergalerie, 12-seitiges Booklet

FSK: ab 16 Jahre (wahrscheinlich wurde auf eine Neuprüfung verzichtet)

Hinweise

Wikipedia über „The dark mirror“

Turner Classic Movies über „The dark mirror“

Senses of Cinema über Robert Siodmak

Springen wir in die Gegenwart. Jedenfalls optisch. Denn der französische Cop-Thriller „Diamond 13“ ist in jeder Beziehung vom Noir und dem französischen Kriminalfilm beeinflusst. Das Team von dem bei uns sträflich unterschätztem Noir „36 – Tödliche Rivalen“ (Fr 2004) fand sich wieder zusammen. Ex-Polizist Olivier Marchal (der auch „36 – Tödliche Rivalen“ inszenierte) schrieb das Drehbuch und übernahm die zweite Hauptrolle. Gérard Depardieu, der inzwischen Brandosche Ausmaße hat, übernahm die Hauptrolle. Valeria Golino, die in „36 – Tödliche Rivalen“ mitspielte, sprang in letzter Minute ab. Die schwangere Asia Argento übernahm die Rolle der Freundin von Depardieu, die ihn in der Polizeihierarchie überholte und ihm jetzt Befehle gibt. Gilles Béhat verdiente in den vergangenen Jahren seine Brötchen als TV-Krimiregisseur. Einer seiner ersten Spielfilme war 1983 die David-Goodis-Verfilmung „Rue Barbare“ (mit Bernard Giraudeau).

In „Diamond 13“ führt dieses Team die in „36 – Tödliche Rivalen“ angesprochenen Ideen und Themen fort. Wieder geht es um die internen Kämpfe der Polizei, die schmale Grenze zwischen Verbrecher und Polizist und Freundschaft und Vertrauen. Das sind im Polizeifilm und im französischen Kriminalfilm keine neuen Topoi, aber sie sorgen immer wieder für zwei spannende, moralische Grauzonen erkundende Stunden.

Denn die Polizisten sind mehr mit sich selbst, ihrer Unfähigkeit ihr Leben auf die Reihe zu bekommen und internen Streitigkeiten beschäftigt, als mit der Jagd nach Verbrechern. Und wenn sie Verbrecher jagen, dehnen sie die Gesetze mehr als einmal. Manchmal nehmen sie das Gesetz auch in die eigenen Hände – und manchmal hat das ungeahnte Folgen.

Depardieu spielt in „Diamond 13“ den desillusionierten Cop Mat, der schon alles gesehen hat, allein lebt und keine größeren Ziele mehr hat. Eines Tages bittet ihn sein todkranker Ex-Partner Franck um Hilfe. Er hat einen todsicheren Plan zum Ausrauben von einigen Gangstern. Mat lehnt zunächst ab, aber er wird – wie das bei todsicheren Plänen immer so ist und wenn dann noch hehre Vorstellungen von Freundschaft und Ehre mitspielen – dennoch in die Geschichte hineingezogen, die seine Fähigkeiten als harter Straßenbulle der Dirty-Harry-Schule übersteigt.

Diamond 13“ ist ein feines, traditionsbewusstes Old-School-Werk, das die FSK-18-Freigabe nicht verdient hat. So werden Erwartungen geweckt, die „Diamond 13“ nicht einlösen will. Denn in einem Noir spielt die Action eher die dritte als die zweite Geige. An erste Stelle stehen die Charaktere, ihre Nöte, Ängste und moralische Verstrickungen. „Diamond 13“ ist da keine Ausnahme.

Dass, mal wieder der deutsche Kinostart ausfiel, ist inzwischen bei französischen Filmen, die nicht von Claude Chabrol sind, mit amourösen Verstrickungen das Arthaus-Publikum becircen oder action-krachig das Multiplex-Publikum unterhalten, die Regel. Das ist schade, aber wahrscheinlich nicht mehr zu ändern.

Das halbstündige Making-of liefert einige interessante Hintergründe zum Film und inszeniert eine kleine Diskussion ob „Diamond 13“ ein Noir oder ein Polizeifilm ist. Er ist natürlich beides.

Diamond 13 (Diamond 13, Fr 2009)

Regie: Gilles Béat (Pseudonym von Gilles Béhat)

Drehbuch: Gilles Béhat, Olivier Marchal

LV: Hugues Pagan: L’Etage des Morts

mit Gérard Depardieu, Olivier Marchal, Asia Argento, Anne Coesens, Aïssa Maïga

DVD

Senator-Film

Bild: 2,35:1 (anamorph/16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel:

Länge: 98 Minuten

Bonusmaterial: Making-of

FSK: ab 18 Jahre (Keine Jugendfreigabe)

Hinweis

Homepage zum Film

Killshot“ ist eine wegen der Produktionsgeschichte durchwachsene Elmore-Leonard-Verfilmung in einer lieblosen DVD-Ausgabe. Sogar auf den Filmtrailer wurde verzichtet.

Das ist die traurige Schlusspointe eines Projektes, das hoffnungsvoll begann und nach den ersten Testvorführungen zum ungeliebten Kind wurde, das lange im Archiv verschwand.

Als 2005 die ersten Meldungen über die Verfilmung von Elmore Leonards Roman „Killshot“ die Runde machten, waren die Erwartungen hoch. Regisseur John Madden ist, obwohl er in England etliche TV-Krimis inszenierte, nicht als Genreregisseur bekannt. „Shakespeare in love“, „Corellis Mandoline“ und „Der Beweis“ sind seine bekanntesten Filme und wirklich schlecht (auch wenn man sie nicht mag) sind sie nicht. Außerdem waren Steven Soderbergh und Barry Sonnenfeld vor „Out of sight“ und „Schnappt Shorty“ ja auch nicht unbedingt als Krimiregisseure bekannt.

Die Besetzung las sich ebenfalls vielversprechend: Diane Lane, Thomas Jane, Mickey Rourke, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Hal Holbrook, Johnny Knoxville (seine Szenen sind geschnitten) – alles bekannte Namen, von denen mindestens die Hälfte für Qualität bürgt.

Dann gab’s, nachdem im Januar 2006 der Film fertig war, Meldungen von Nachdrehs (nicht unbedingt ungewöhnlich) und umfangreichen Umschnitten (schon ungewöhnlicher) und der Film verschwand im Weinstein-Archiv. Letztes Jahr kam der Film – mit neunzig Minuten ungewöhnlich kurz – dann ziemlich unbemerkt ins Kino. In den USA gab es letztes Jahr, vor der DVD-Veröffentlichung, nur einen Pro-Forma-Kinostart.

Jetzt erschien ausgesprochen ärmliche DVD-Ausgabe. Denn es gibt keine Extras.

Naja, einige Trailer.

Aber kein Making-of, keine Featurettes, keine Interviews mit den Machern, keine geschnittenen Szenen, kein Audiokommentar. Nichts. Nada. Und auf eine „Collector’s Edition“ innerhalb der nächsten Monate würde ich keinen einzigen Cent setzen. Dabei wäre gerade hier, wie bei Orson Welles‘ „Im Zeichen des Bösen“ (Touch of Evil, USA 1958), ein „Director’s Cut“ oder der Schnitt der ersten Testvorführungen eine tolle Sache.

So müssen wir uns – wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit – mit dem Torso begnügen. Und sogar dieser ist ziemlich ansehnlich.

Die Story ist typischer Leonard: Carmen Colson und ihr Mann Wayne beobachten den Mafia-Killer und Indianer Blackbird in Michigan bei einem Verbrechen. Sie gehen zur Polizei und werden in ein Zeugenschutzprogramm gesteckt. In Missouri sollen sie ein neues Leben beginnen (In dem Buch ist der komödiantische Höhepunkt erreicht, wenn der Polizist den Colsons die Papiere zum Zeugenschutzprogramm vorliest.). Blackbird – wie wir uns denken können – findet sie.

Diese Story ist aber nicht so wichtig. So gibt es immer wieder Szenen, die die Handlung kaum bis überhaupt nicht voranbringen, aber viel über die Charaktere, ihre Sehnsüchte und ihre Beziehung zueinander verraten. Es gibt Bilder von einem ländlichen Amerika, das von den meisten Hollywood-Produktionen ignoriert wird, aber aus den New-Hollywood-Produktionen der siebziger Jahre vertraut ist.

Allerdings schwankt „Killshot“ viel zu unentschlossen zwischen Krimi und Drama. Neben dem Krimiplot und der Mafiageschichte (Blackbird arbeitet als Killer für den Toronto-Mob) gibt es auch ein eher banales Ehedrama. Carmen Colson will sich scheiden lassen. Ihr Mann hofft dagegen immer noch, sie umstimmen zu können. Dieser, letztendlich sehr zahm ausgetragene Konflikt (immerhin sind die Colsons erwachsene Menschen, die mit Mitte Vierzig über ihr weiteres Leben nachdenken), zieht sich durch den ganzen Film und steht dem Krimiplot immer wieder im Weg.

Auch dieser Plot springt manchmal und einige Subplots enden im nirgendwo. In diesen Momenten wünscht man sich den „Director’s Cut“. Bis dahin muss man mit dieser durchaus faszinierenden Fassung, die zu den besseren Leonard-Verfilmungen gehört, vorliebnehmen.

Killshot (Killshot, USA 2008)

Regie: John Madden

Drehbuch: Hossein Amini

LV: Elmore Leonard: Killshot, 1989 (Beruf: Killer; Killshot)

mit Mickey Rourke, Diane Lane, Thomas Jane, Joseph Gordon-Levitt, Hal Holbrook, Rosario Dawson

DVD

Senator-Film

Bild: 1,78:1 (anamorph/16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Länge: 91 Minuten

Bonusmaterial: –

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Film-Zeit über „Killshot“

Wikipedia über „Killshot“

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Elmore Leonard in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Was ist „Der Preis des Verbrechens“?

Juli 2, 2010

Kurz gesagt ist „Trial & Retribution“ (so der Originaltitel von „Der Preis des Verbrechens“) die britische Ausgabe von „Law & Order“. Aber während die Amis in vierzig Minuten die ganze Geschichte eines Verbrechens von der Tat bis zur Verurteilung des Tatverdächtigen erzählen, brauchen die Briten dafür zweihundert Minuten.

Diese füllen sie allerdings sehr gut. In den ersten beiden Folgen „Tod eines Mädchens“ und „Herr der Fliegen“ stehen dabei, wie auch in den folgenden zwanzig Folgen der langlebigen Serie, die langwierigen Ermittlungen der Polizei und die alltäglichen Abläufe eines Strafprozesses im Mittelpunkt. Dank gut geschriebener Fälle und einem Blick für Details ist diese Beobachtung des Alltags von Polizei und Justiz in keiner Sekunde langweilig.

Es werden die Ermittlungen der Polizei, die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen, die Formalien bei Verhören (So legt D. S. Walker zwei Cassetten in den Rekorder ein, er sagt Datum, Uhrzeit, wer dabei ist und jeder Anwesende muss seinen Namen sagen. Der Verdächtige muss auch sein Geburtsdatum und seine Anschrift nennen.), die Überzeugungsarbeit bei Anklägern und später vor Gericht ausführlich gezeigt. Außerdem werden in der zweiten Hälfte jeder Folge, wenn das Gerichtsverfahren im Mittelpunkt der Handlung steht, auch die Besprechungen der Verteidiger dokumentiert.

Dieser quasi-dokumentarische Blick auf die Details der Arbeit von Polizisten, Anklägern und Verteidigern und die vom Verbrechen und den Ermittlungen Betroffenen, verknüpft mit einer, aus Sicht des an hunderttausend Plotwendungen gewohnten Thrillerkonsumenten, alltäglichen Geschichte, entfaltet einen ganz eigenen Sog.

In der ersten Folge „Tod eines Mädchens“ (wobei der deutsche Titel schon verrät, was die Kommissare und das britische Publikum erst nach einer halben Stunde erfahren) verschwindet ein fünfjähriges Mädchen. Nach einer langen Suche wird die Leiche entdeckt und, nachdem die Alibis des langhaarigen, arbeitslosen Stiefvaters Peter und des ebenfalls langhaarigen, psychisch schwer angeknacksten Michael Dunn überprüft wurden, sind die Ermittler Walker und North von Dunns Schuld überzeugt. Aber die Beweislage ist dünn und während des Prozesses stellt sich ihr Hauptbeweis als gefälscht heraus.

In der zweiten Folge „Herr der Fliegen“ steht dann ein vollkommen anderer Täter im Mittelpunkt. Denn die beiden Polizisten Walker und North glauben, dass der Geschäftsmann Damon Morton ein mehrfacher Frauenmörder ist. Aber seine jugendlichen Angestellten, die ihren Chef maßlos bewundern, gestehen die Tat.

Im Zentrum von „Der Preis des Verbrechens“ steht dabei weniger die Frage nach dem Täter, sondern nach den Auswirkungen des Verbrechens auf die Betroffenen und ihre Beziehungen zueinander. Fokussiert werden die unterschiedlichen Handlungsstränge immer wieder durch das Strafverfahren und die die Gerichtsverhandlung abschließende Verurteilung.

Erfinderin und Produzentin Lynda La Plante, von der auch die preisgekrönte Serie „Heißer Verdacht“ (Prime Suspect, mit Helen Mirren) ist, lässt sich in jeder „Der Preis des Verbrechens“-Folge jeweils zweihundert Minuten Zeit, um einen Fall aufzudröseln. In der gleichen Zeit könnte man zwei „Tatorte“ ansehen. Aber trotzdem vergeht in „Der Preis des Verbrechens“ die gefühlte Zeit schneller.

Der Preis des Verbrechens – Volume 1 (Trial & Retribution, GB 1997/1998)

Erfinder: Lynda La Plante

DVD

Edel Germany

Bild: 4:3

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 404 Minuten (4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die ersten beiden Fälle

Der Preis des Verbrechens: Tod eines Mädchens (Trial & Retribution, GB 1997)

Regie: Aisling Walsh

Drehbuch: Vaughan Kinghan (nach einer Idee von Lynda La Plante)

mit David Hayman (D. S. Michael Walker), Kate Buffery (D. I. Pat North), Rhys Ifans (Michael Dunn), Helen McCrory (Anita Harris), Lee Ross (Peter James)

Der Preis des Verbrechens: Herr der Fliegen (Trial & Retribution II, GB 1998)

Regie: Aisling Walsh

Drehbuch: Vaughan Kingham (nach einer Idee von Lynda La Plante)

mit David Hayman (D. S. Michael Walker), Kate Buffery (D. I. Pat North), Iain Glen (Damon Morton), Lindy Henry (Marilyn Spark), Andrew Buckley (Jimmy Garrett)

Hinweise

Homepage von Lynda La Plante

Wikipedia über „Trial & Retribution“

Fernsehserien über „Der Preis des Verbrechens“

ITV über „Trial & Retribution“



DVD-Kritik: Die „Tropa de Elite“ schlägt zu

Juni 30, 2010

In Brasilien war „Tropa de Elite“ wie „City of God“ ein Kassenhit. Wie „City of God“ erzählt „Tropa de Elite“ ungeschönt aus dem Leben der Slums. Aber während in „City of God“ die Geschichte aus der Perspektive eines Jugendlichen, der nach einigen Wirren zum Fotoreporter wird, erzählt, nimmt „Tropa de Elite“ die entgegengesetzte Perspektive ein. Denn die „Tropa de Elite“ ist eine quasi-militärische Spezialeinheit der Polizei, die bei ihrem Kampf gegen die Verbrecher keine Gefangenen macht. Dabei schrecken sie auch nicht, wie der Film in quälender Ausführlichkeit zeigt, vor Folter von Kindern zurück.

Tropa de Elite“ ist, im Gegensatz zu dem Ghetto-Drama „City of God“, ein rasant geschnittener Cop-Film, der keine Gefangenen macht. Er ist bitter, böse, kompromisslos und verdammt unterhaltsam. Denn Regisseur José Padilha bedient sich der Formensprache des Hollywood-Action-Kinos und von Musik-Clips.

Außerdem distanziert er sich niemals von seinen Polizisten. Er nimmt sogar ausdrücklich die Perspektive der Polizisten ein. Denn er erzählt die Geschichte, oft mit Voice-Over, aus der Perspektive von Captain Nascimento (gespielt von dem brasilianischen Star Wagner Moura), der als Chef einer Einheit der Batalhão de Operações Policiais Especiais (BOPE) seinen Nachfolger sucht. Seine Frau ist schwanger und der Dreißigjährige möchte für sein Kind ein guter Vater sein. Dafür ist allerdings der Einsatz an vorderster Front zu gefährlich. Als mögliche Nachfolger hat er zwei junge Polizisten im Blick: einer ist ein Hitzkopf, einer ist ein Denker, der nebenher Jura studiert und den Blick vor den Drogengeschäften der Studenten verschließt.

Außerdem muss Nascimentos Einheit – der Film spielt 1997 – vor dem Papstbesuch eine Favela verbrecherfrei machen. Denn wenn der Papst an einem bestimmten Ort übernachten will, wird vorher die Umgebung von Verbrechern gesäubert. Dass die eh schon gefährliche Arbeit der BOPE-Polizisten so noch schwieriger wird, interessiert die Regierung nicht.

Dieser Einsatz, bei dem die BOPE über dreißig Drogenhändler tötete, beruht, wie der gesamte Film, auf Tatsachen, die teilweise für den Film abgemildert wurden. So starben bei der BOPE-Ausbildung, die sich an der britischen SAS-Ausbildung orientiert, Bewerber und BOPE-Polizisten ermordeten BOPE-Kollegen, die im Verdacht standen, korrupt zu sein. Denn die BOPE ist, so wird den Bewerbern während der Ausbildung immer wieder eingetrichtert, im Gegensatz zur normalen Polizei, nicht korrupt.

Schonungslos zeigen Regisseur José Padilha (der mit der Dokumentation „Bus 174“ schon die andere Seite beschrieb) und die Autoren Bráulio Mantovani (auch „City of God“), Rodrigo Pimentel (der BOPE-Captain war) und John Kaylin den Kreislauf der Gewalt. Denn einerseits braucht man diese emotionslosen Spezialisten, die wie eine Spezialeinheit des Militärs aufräumen und so die ersten Pfähle von Rechsstaatlichkeit in einer von Gangstern und korrupten Polizisten beherrschten Gesellschaft einzurammen. Andererseits fachen sie mit ihren Handlungen den Kreislauf der Gewalt weiter an. Im Interview sagt Padilha, dass die BOPE zeige, wie krank die brasilianische Gesellschaft sei.

In Brasilien war der Film schon vor der Kinopremiere ein Hit. Zwischen elf und fünfzehn Millionen Brasilianer sahen die von einer während der Produktion geleakten Version gezogenen Raubkopien. Ins Kino gingen dann wieder über 2,5 Millionen Brasilianer und der Film wurde auch ein Kassenhit, der die Jugendkultur beeinflusste. Außerdem initiierte „Tropa de Elite“ eine Diskussion über das Agieren der BOPE.

Bei uns lief der Film auf der Berlinale und erhielt den Goldenen Bären.

Im Kino lief er dann, sicher auch weil er nur in einer untertitelten Version (mit einem Voice-Over des Erzählers Nascimento) und mit sehr wenigen Kopien lief, unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Auf DVD sollte der Film, der sich weit außerhalb der beruhigenden Konventionen des linksliberalen politischen Kinos bewegt, einige interessierte Zuschauer finden, die damit Leben können, dass das Ende nachhaltig verstört.

Denn die Macher bieten keine Lösung an, sondern werfen den Zuschauern einfach das mit BOPE geschaffene Problem vor die Füße. Insofern ist, weil nach „Tropa de Elite“ niemand mehr sagen kann, er habe nichts gewusst, das nihilistische Ende eine Aufforderung zum Handeln. Wobei für uns Europäer der Film nicht die Dringlichkeit hat, die er für sein Publikum in Brasilien hat.

Das Bonusmaterial besteht aus dem Trailer, einem fünfminütigen TV-Beitrag des Kulturmagazins „ttt – titel thesen temperamente“ und einem halbstündigem, sehr informativem Interview mit José Padilha. Er erzählt von den Vorbereitungen, den Dreharbeiten, den Reaktionen und dem Verhältnis von seinem Film zur Wirklichkeit. Padilha wollte ursprünglich einen Dokumentarfilm drehen, aber die Polizisten wollten nicht vor der Kamera sprechen und sich bei ihrer Arbeit filmen lassen. Einiges, wie die Ausbildung der BOPE, ist in der Wirklichkeit sogar noch schlimmer. Das Bonusmaterial ist daher die konzentrierte Ergänzung zu einem grandiosen, Diskussionen auslösendem Film.

In Brasilien startet Mitte August die Fortsetzung des Cop-Thrillers. José Padilha schrieb und inszenierte „Tropa de Elite 2“. Wagner Moura spielt wieder mit. Selbstverständlich gibt es noch keinen deutschen Starttermin.

P. S.: Der Trailer ist Scheiße.

Tropa de Elite (Tropa de Elite, Brasilien/USA 2007)

Regie: José Padilha

Drehbuch: Bráulio Mantovani, José Padilha, Rodrigo Pimentel, John Kaylin (Adaption)

LV: André Batista/Rodrigo Pimentel/Luiz Eduardo Soares: Elite da Tropa

mit Wagner Moura, André Ramiro, Caio Junqueira, Milhem Cortaz, Fernanda Machado, Maria Ribeiro, Paulo Vilela

DVD

Senator-Film

Bild: 1,85:1 (anamorph / 16:9)

Ton: Deutsch, Portugiesisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interview mit José Badilha, „ttt – titel, thesen, temperamente“-Beitrag, Trailer

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Brasilianische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Tropa de Elite“

Wikipedia über „Tropa de Elite“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Pressekonferenz zu „Tropa de Elite“


DVD-Kritik: Ein „Sturm“ wird kommen

Juni 26, 2010

Hans-Christian Schmid fand für seinen neuesten Film „Sturm“ einen ebenso einfachen wie genialen Dreh. Anstatt einfach nur eine weitere Geschichte tränenreiche Geschichte vom Unrecht im ehemaligen Jugoslawien und den Leiden der Opfer zu erzählen (freie Auswahl) oder das Ganze aus der Sicht eines Journalisten (wie zum Beispiel Richard Gere in Richard Shepards „The Hunting Party“) zu zeigen, stellte er eine Anklägerin und die Arbeit des Tribunals in Den Haag in den Mittelpunkt. Damit folgt er zwar oberflächlich den Konventionen eines Gerichtsthrillers, aber weil die Geschichte in einem internationalen Gerichtshof, der noch seine Rolle finden muss, der sich auf juristisches Neuland begibt und dessen Arbeit zwischen Über- und Unterforderung schwankt, liefert „Sturm“ auch den Einblick in eine fremde Welt. Denn dieser Gerichtshof soll Kriegsverbrecher verurteilen, den Opfern Recht geben, die Instanz für fehlende nationale Gerichte sein und gleichzeitig mögliche außenpolitische Verwicklungen beachten.

Gerade die Politik ist Hannah Maynard als Anklägerin egal. Sie übernimmt einen wasserdichten Fall. Sie haben einen Augenzeugen, der vor Gericht aussagen will, wie der serbische Offizier Goran Duric Bosnier umbrachte. Im Zeugenstand zerfetzt die Verteidigung seine Aussage – und, wenn Maynard nicht schnell einen glaubwürdigen Zeugen auftreibt, wird der Kriegsverbrecher freikommen. Damit könnte Maynard leben, wenn ihr Zeuge sich nicht noch in der Nacht nach der Ortsbesichtigung umbringen würde.

Sie besucht die beiden Schwestern des Zeugen, die nicht vor Gericht aussagen wollen. Eine Spur führt Maynard in ein Kurhotel in der Nähe von Kasmaj. Dort wurden im Krieg zahllose Frauen vergewaltigt. Auch die inzwischen in Deutschland lebende Schwester des Kronzeugen war dabei. Maynard kann Mira Arendt zu einer Aussage zu bewegen. Zur gleichen Zeit mahlen die Räder der Justiz und im Hintergrund wir an einem Deal gearbeitet.

Hans-Christian Schmid, der zusammen mit Bernd Lange (der auch das Drehbuch für Schmids vorherigen Film „Requiem“ schrieb), das Drehbuch schrieb, bedient natürlich die Genreerwartungen und wirft einen quasi-dokumentarischen Blick auf die Arbeit einer Institution und wie sie die Menschen formt.

Gleichzeitig wird „Sturm“ immer wichtiger, je länger die Ereignisse zurückliegen. Heute sind die Nachrichtenbilder aus dem ehemaligen Jugoslawien noch sehr gegenwärtig.

In einigen Jahren werden die Nachrichtenbilder vergessen sein. Dann wird „Sturm“ die Erinnerung wach halten. Denn die Jüngeren werden sich lieber einen Spielfilm über diesen Krieg in der Mitte von Europa als eine Dokumentation ansehen. Außerdem ist „Sturm“ eine kritische Liebeserklärung an den Internationalen Gerichtshof, der es gelingt, die Arbeit in einer internationalen Institution mit Leben zu erfüllen.

Das Making-of ist, angesichts des Themas und der Ernsthaftigkeit der Macher, erschreckend dünn. Es unterscheidet sich nämlich kaum von einem typischen Hollywood-Making-of für irgendeinen x-beliebigen Film. In dem Booklet sind lesenswerte Interviews mit den Machern und einige Informationen zum International Tribunal for the former Yugoslavia (ICTY, wie der Gerichtshof offiziell heißt). Trotzdem ist unverständlich, warum im Making-of Informationen zu Bosnien, zum Kriegsverbrecherprozess und zur Arbeit eines Internationalen Gerichtshofs fehlen. Denn während der Dreharbeiten war sicher die Gelegenheit, auch mit einigen Richtern, Anklägern, Verteidigern, Polizisten und Menschenrechtsaktivisten zu reden. Ebenso hätte man die Berlinale-Pressekonferenz in das Bonusmaterial aufnehmen können.

Sturm (Deutschland/Dänemark/Niederland 2009)

Regie: Hans-Christian Schmid

Buch: Bernd Lange, Hans-Christian Schmid

mit Kerrry Fox, Anamaria Marinca, Stephen Dillane, Rolf Lassgård, Alexander Fehling, Tarik Filipovic, Jesper Christensen

DVD

Piffl Medien/Good Movies

Bild: 1:2,35 (Cinemascope)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1/2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Trailer, Booklet, Audiodeskription (Hörfilm-Fassung für Blinde)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sturm“

Berlinale: Pressekonferenz zu „Sturm“ (beginnt erst nach über zwölf Minuten)

Für Freiluftfanatiker zeigt das Berliner Freiluftkino Rehberge am Sonntag, den 27. Juni, um 21.45 Uhr den Film.


DVD-Kritik: Sex sells „The Outlaw – Geächtet“

Juni 25, 2010

Bekannt ist der Film wegen der Oberweite von Jane Russell.

Produzent und Regisseur Howard Hughes brachte seine Entdeckung mit einem speziellen BH, den sie nach eigener Aussage nie trug, und einem tiefen Ausschnitt opulent ins Bild – und legte sich mit der Zensurbehörde an. Die brüllte „sittenwidrig“.

Hughes plakatierte „What are the two great reasons for Jane Russell’s rise to stardom?“

Der Streit dauerte von 1941 bis 1946. 1943 kam der Film erstmals, für wenige Tage, ins Kino. Danach verschwand er wieder wegen Problemen mit der Zensur und den damaligen puritanischen Moralvorstellungen, die mit dem Hays-Code durchgesetzt werden sollten. 1946 gab es die offizielle Wiederaufführung und „Geächtet“ wurde wegen der Hauptdarstellerin (Ja, wir Jungs sind so berechenbar.) überall ein Hit. In New York war „Geächtet“ bis zum 11. September 1947 verboten. Der deutsche Kinostart war am 16. März 1951.

Aus heutiger Sicht ist der Skandal nur noch schwer nachvollziehbar. Denn es gibt wirklich nichts zu sehen, was nicht heute auch im Nachmittagsprogramm läuft und auch im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Filmen zeigt Hughes wenig, was es nicht auch in anderen Filmen gab (abgesehen von der Szene, in der Jane Russell zu dem fiebernden Billy the Kid ins Bett steigt, um ihn zu wärmen), aber dafür inszenierte er, nachdem er auf Wunsch der Zensoren eine halbe Minute geschnitten hatte, eine beispiellose Werbekampagne, die aus Jane Russell ein wahres Pin-up-Girl machte.

Dabei spielt sie, obwohl die Werbung für den Film sich nur um sie drehte, nur eine Nebenrolle.

Denn, soweit in „Geächtet“ von einer Geschichte gesprochen werden kann, geht es darum, dass Billy the Kid (Jack Buetel) das Pferd von Doc Holliday (Walter Huston, grandios als lebensweis-amüsierter Revolverheld) gestohlen hat. Doc möchte sein Pferd wieder zurückhaben, aber ihm ist der junge Revolverheld auch irgendwie sympathisch. Jedenfalls balgen sie sich wie zwei kleine Kinder um das Pferd. Docs alter Freund Pat Garrett (Thomas Mitchell, schmierig) verdient inzwischen seine Brötchen als Sheriff und er möchte, nachdem Doc und Billy sich verbündet haben, die beiden aus seiner Stadt haben.

Da versucht Rio McDonald (Jane Russell) in einer Scheune Billy the Kid zu ermorden. Sie prügeln sich und Billy erfährt, dass er vor einiger Zeit ihren Bruder erschoss.

Später wird Billy angeschossen. Doc flüchtet mit ihm zu seiner Freundin Rio McDonald und bittet sie, den Verletzten zu pflegen.

Tja, und da verlieben sich Billy und Rio ineinander. Aber in erster Linie balgen sich Doc und Billy bis zum Filmende um das Pferd. Davor müssen sie wieder vor dem Gesetz flüchten. Pat schnappt sie. Indianer wollen sie umbringen – und dann ist da noch die Sache mit dem Pferd.

Denn unter echten Männern zählt ein Pferd einfach mehr als eine Frau.

Das ist ziemlich frauenverachtend und nur wegen des Spiels von Walter Huston, Jack Buetel und Thomas Mitchell erträglich. Sie versuchen das beste aus ihren Szenen herauszuholen, aber auch sie scheinen die meiste Zeit nicht zu wissen, wo das ganze hinführen soll. Jane Russell ist die damalige Version von Megan Fox: ein Augenschmaus, der bestimmt nicht wegen ihrer schauspielerischen Qualitäten die Rolle erhielt. Die Regie von Howard Hughes in seinem zweiten und letztem Spielfilm, der sich anscheinend öfters vertreten ließ, ist amateurhaft. Nie kommt eine echte Western-Atmosphäre auf. Es gibt keine bemerkenswerten Bilder sondern einfach nur eine funktionale Kamera, die man eher in einem der damals zahllosen Serials (Flash Gordon, „Western von Gestern“) und B-Movie-Serien (Sherlock Holmes, Mr. Moto, Charlie Chan, Tarzan) vermutet.

Es gab zahlreiche Nachdrehs, die sicher nicht die Geschichte runder machten.

Geächtet“ ist, dank der Hauptdarsteller, ein mäßig amüsanter, immer wieder in seine Einzelteile zerfallender Western, der zwar die Heldenimages von Doc Holliday, Pat Garrett und Billy the Kid etwas demontiert ohne sich der historischen Wirklichkeit allzu sehr anzunähern. Stattdessen gibt es eine abstruse und sogar latent homosexuelle Geschichte. Denn die Beziehung zwischen Doc Holliday, Billy the Kid und Pat Garrett kann auch als Liebesgeschichte gesehen werden: dann wären Doc und Pat das alte Liebespaar und Billy der junge Nebenbuhler. Diese Lesart drängt sich, angesichts des offensichtlichen Desinteresses von Doc Holliday und Billy the Kid an den Reizen von Rio McDonald, ihrer Unwilligkeit um sie zu kämpfen und ihrem, eher vorgeschobenen, Interesse an dem Pferd, sogar auf. Aber ob das von Howard Hughes beabsichtigt war?

Der ursprüngliche Regisseur Howard Hawks wollte einen kleinen Western drehen, der in jedem Fall auch ein besserer Film geworden wäre. Als er die höher budgetierte Kriegsheldengeschichte „Sergeant York“ mit Gary Cooper (der dafür seinen ersten Oscar erhielt) drehen konnte, übergab er den Regiestuhl an den Produzenten Howard Hughes. Der tobte sich schon während des Drehs in Richtung Jane Russell aus.

Ohne den Skandal, die gut inszenierte Werbekampagne (Wer kennt nicht die sich im Heu räkelnde Jane Russell?) und den damaligen Kassenerfolg wäre „Geächtet“ heute noch nicht einmal von historischem Interesse.

Auf der DVD ist der Film in Schwarzweiß und einer nachträglich, erst vor kurzem angefertigten kolorierten Version enthalten. Das restaurierte Bild ist durchwachsen. Weitere Extras, wie ein Audiokommentar (auf der US-Fassung enthalten) oder eine Doku, die sich gerade bei diesem Film anbieten würde, fehlen.

The Outlaw – Geächtet (The Outlaw, USA 1940/1943)

Regie: Howard Hughes, Howard Hawks (ungenannt)

Drehbuch: Jules Furthman, Howard Hawks (ungenannt), Ben Hecht (ungenannt) (nach einer Geschichte von Ben Hecht)

mit Jane Russell, Jack Buetel (im Vorspann „Jack Beutel“), Walter Huston, Thomas Mitchell

DVD

HMH Home Entertainment

Bild: 4:3

Ton: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: – (außer man zählt eine Fassung des Films dazu), Wendecover

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Geächtet“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „The Outlaw“

Internet Archive: „The Outlaw“ (kompletter Film)


DVD-Kritik: „In the electric mist“ with James Lee Burke, Bertrand Tavernier und Tommy Lee Jones (als Dave Robicheaux)

Juni 23, 2010

Vor vierzehn Jahren hatte Dave Robicheaux seine ersten Kinoauftritt in der zwiespältigen Verfilmung „Mississippi Delta“. Alex Baldwin spielte den trockenen Alkoholiker und Kleinstadtpolizisten. Die Musik war gut. Die Bilder auch. Aber dem Drehbuch fehlte der letzte Schliff.

Jetzt spielt, nein, verkörpert Tommy Lee Jones den von Krimiautor James Lee Burke erfundenen Charakter, der ihm nach langen Jahren als erfolgloser Autor (erfolgreich war er nur im Sammeln von Ablehnungen) in den späten achtziger Jahren den Durchbruch verschaffte. Inzwischen ist der 1936 geborene Texaner ein Bestsellerautor, er erhielt zahlreiche Preise und er wird von Autoren, Kritikern und Lesern als einer der einflussreichen und wichtigen zeitgenössischen Krimiautoren bezeichnet. In Deutschland wurden seine Bücher bei Ullstein und Goldmann veröffentlicht. „Wurden“ weil er schon seit sechs Jahren keinen deutschen Verleger mehr hat.

Der französische Regisseur Bertrand Tavernier, dem wir schon die Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“ und den Jazz-Film „Um Mitternacht“ verdanken, wählte den sechsten Dave-Robicheaux-Roman „Im Schatten der Mangroven“ (In the Electric Mist with Confederate Dead) als Vorlage für seinen ersten amerikanischen Film. Dabei wurde die Geschichte des 1993 erschienenen Noirs in die Gegenwart verlegt.

Tommy Lee Jones spielt den in New Iberia, Louisiana, arbeitenden Detective Dave Robicheaux. Er jagt den Mörder einer neunzehnjährigen Prostituierten. Gleichzeitig wird er mit der Südstaatenvergangenheit konfrontiert: eine Filmcrew dreht einen historischen Film und der Star des Films erzählt Robicheaux, dass er in den Sümpfen die verweste Leiche eines Mannes in Ketten gesehen habe. Das löst bei dem trockenen Alkoholiker Robicheaux Erinnerungen an die eigene Vergangenheit aus – und dann trifft er immer wieder den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Schnell legt Robicheaux sich bei seinen Ermittlungen mit dem lokalen Paten und alten Kumpel Julie ‚Baby Feet‘ Balboni, der auch Geld in den Film investiert hat, an. Dabei ist nicht immer erkennbar, wie sehr Robicheaux einen persönlichen Rachefeldzug veranstaltet oder wirklich eine Spur verfolgt.

Der bei wiederholtem Sehen immer besser werdende Film ist, wie Burkes Romane, kein konventioneller Krimi. Er ist vor allem das Porträt eines von den Dämonen der Vergangenheit, der eigenen Schuld, Selbsthass und der Suche nach Erlösung getriebenen Charakters, einer korrupten Gesellschaft, in der sich anscheinend alle Charaktere seit Ewigkeiten kennen und oft eine komplexe Mischung aus Freundschaft, Feindschaft, Achtung und Verachtung pflegen, und einer tropisch-schwülen Landschaft, in der die Vergangenheit noch sehr lebendig ist. So tauchen in Burkes Romanen immer wieder Geister auf. Im Film unterhält Robicheaux sich mit Hood, als wären sie alte Freunde – und auch der Hollywood-Schauspieler hat sich mit Hood unterhalten. Die Bilder des immer noch vom 2005er Hurrikan Katrina zerstörten New Orleans verstärken den Eindruck, dass in den Südstaaten die Vergangenheit noch sehr lebendig ist und dass die Zeit stehengeblieben ist. Denn obwohl der Tote in den Sümpfen erst 1965 erschossen wurde, sieht er wie ein Kettensträfling aus einer noch früheren Zeit aus.

Die Besetzung ist eine hochkarätige Versammlung bekannter Namen, Gesichter und Schauspieler, die man immer wieder gern sieht. Neben Tommy Lee Jones spielen John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm und Blues-Musiker Buddy Guy mit. Guy spielt mit „Nathan & the Zydeco Cha Chas“ auf einem großen Fest von Balboni einige Songs, die den größten Teil der geschnittenen Szenen ausmachen. Im Film sind sie nur einige Sekunden im Hintergrund zu hören.

In the electric mist“ lief bereits erfolgreich auf der Berlinale und dem Fantasy Filmfest. Aber für einen Kinostart hat es nicht gereicht. In den USA erschien der Film, mit Taverniers Einverständnis, in einer anderen Schnittfassung direkt auf DVD. Für den internationalen Markt wurde dann Taverniers auch auf der Berlinale gezeigte Fassung verwandt. Auch bei uns fand sich letztendlich kein Verleiher und so erlebt ein weiterer Film, der sich nicht an ein jugendliches Multiplex-Publikum und nicht an ein distinguiertes Arthaus-Publikum richtet, seine Premiere auf DVD. Weil inzwischen der Umsatz auf dem DVD-Markt höher als im Kino ist und immer mehr Menschen sich ein kleines Heimkino leisten, wird diese ursprüngliche Zweitverwertung auch für eingefleischte Kinogänger, wie ein Blick auf die DVD-Premieren zeigt, immer interessanter.

Als Bonusmaterial gibt es 16 Minuten „Entfallene Szenen“, elf davon Musik, und ein informatives halbstündiges Making-of. Es gibt sehr entspannte Impressionen vom Dreh, etwas Lobhuddelei, vor allem für Tommy Lee Jones, die dieses Mal sogar ehrlich klingt und sehr viele Statements von Regisseur Bertrand Tavernier. Er erzählt, was ihn an der Vorlage faszinierte, wie er arbeitet und wie er die verschiedenen Arbeitsmethoden der Franzosen und der Amerikaner wahrnimmt.

In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski (nach dem Roman von James Lee Burke)

mit Tommy Lee Jones, John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm, Buddy Guy, John Sayles

DVD

Koch Media

Bild: 1,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Geschnittene Szenen, Originaltrailer, Wendecover

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Vorlage

James Lee Burke: Im Schatten der Mangroven

(übersetzt von Oliver Huzly)

Goldmann, 1996

416 Seiten

(nur noch antiquarisch)

Originalausgabe

In the Electric Mist with Confederate Dead

Hyperion, New York 1993

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Berlinale: Pressekonferenz zu „In the Electric Mist“

Film-Zeit über „In the Electric Mist“

Homepage von James Lee Burke

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

In the Electric Mist“ in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Flashpoint“ oder Aus dem Alltag einer Spezialeinheit der Polizei

Juni 16, 2010

Das Team steht im Mittelpunkt. Bei einem echten Spezialeinsatzkommando und auch in der kanadischen TV-Serie „Flashpoint“. Deshalb wird in der ersten Staffel der Krimiserie über die alltägliche Arbeit der Strategic Response Unit (SRU) der Polizei von Toronto das Privatleben der Teammitglieder Ed Lane, Gregory Parker, Julianna ‚Jules‘ Callaghan, Sam Braddock, Mike Scarlatti, Kevin ‚Wordy‘ Wordsworth, Lewis Young und der ihnen ab und zu helfenden Psychologin Dr. Amanda Luria, falls überhaupt, nur in Nebensätzen thematisiert.

Ed Lane ist der einzige Polizist, dessen Familienleben auch etwas (dick unterstrichen!) gezeigt wird. Das liegt auch daran, dass die Folgen seines gerechtfertigten, gezielten Todesschusses während einer Geiselnahme in der Auftaktepisode „Skorpion“ in „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ und „Söhne des Krieges“ wieder angesprochen werden und er, neben Gregory Parker, das erfahrenste Teammitglied ist. Sie sind, soweit bei „Flashpoint“ davon gesprochen werden kann, die Hauptdarsteller.

Skorpion“ ist dabei der etwas verunglückte Auftakt der spannenden und realistischen Serie. Denn die Geiselnahme ist bereits in der Mitte der Episode mit einem gezielten Todesschuss von Lane erledigt. Danach zeigen die Macher, was anschließend mit Lane geschieht: Er darf kein Wort mit seinen Kollegen wechseln. Er muss seine Waffe und seine Kleider abgeben. Er wird verhört und kehrt am Abend zu seiner Frau zurück. In den Interviews erzählen die Macher Mark Ellis und Stephanie Morgenstern, dass gerade diese Folgen eines Einsatzes, bei dem der Schütze, obwohl er auf Befehl handelte und ein Polizist ist, wie ein Verdächtiger behandelt wird, sie fasziniert habe. Und sie hatten sich gefragt, was ein Polizist tue, wenn er bereits am Vormittag einen Menschen erschießen müsse.

Wie lief der Tag wohl für den Mann, der in aller Öffentlichkeit einen anderen Menschen exekutieren musste? Also starteten wir einige Nachforschungen in der Spezialeinheit von Toronto und fanden darin eine Quelle der Inspiration“, erzählt Erfinder Mark Ellis zur Inspiration für die Serie. In der ersten Episode zeigten sie dann, was sie bei ihren Nachforschungen erfahren haben.


Lane lässt, immerhin kennt er im Gegensatz zu einem deutschen TV-Polizisten die Prozedur und die Regeln, das Verfahren emotionslos über sich ergehen. Denn er hat nichts Falsches getan.

Der Sohn des toten Geiselnehmer sieht das anders. Petar Tomasic zeigt ihn an und in der Folge „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ muss Dillon ins Gericht. Diese Geschichte ist allerdings nur ein Subplot für die Geiselnahme von Michael Jameson. Der Sechsundzwanzigjährige möchte mit dem Staatsanwalt reden, der ihn vor elf Jahren mit manipulierten Beweisen ins Gefängnis schickte und ihm so eine lebenslange Biographie als Vergewaltiger und Mörder einer Gleichaltrigen verpasste.

In der letzten Episode der ersten Staffel erreicht dann der Konflikt zwischen Petar Tomasic und Ed Lane seinen Höhepunkt. Tomasic verteidigte in Kroatien sein Dorf gegen die Serben. Jetzt setzt er seine Fähigkeiten als Scharfschütze im Zentrum von Toronto ein.

In den anderen Folgen haben auch die anderen Teammitglieder große Auftritte. In „Warteliste“ versucht der Teamleiter und Hauptverhandler Gregory Parker einen Vater zur Aufgabe zu bewegen. Er kann nicht akzeptieren, dass aufgrund formaler Gründe seine todkranke Tochter kein Spenderherz bekommen soll.

In „Am Abgrund“ verfolgt eine Mädchen-Gang in einer Shopping-Mall eine Gleichaltrige. Als diese sich umbringen will, versucht Julianna ‚Jules‘ Callaghan sie davon abzuhalten. Auch in „Das verlorene Paradies“ muss Callaghan einen wichtigen Teil der Verhandlungen führen. Denn die beiden von einem Pädophilen entführten Kinder glauben, dass die Polizei sie umbringen will. Die Ältere versucht sie mit einer Pumpgun gegen die Eindringlinge zu beschützen. In „Zu viele Verlierer“ führt dagegen der Frischling im Team, Sam Braddock, die Verhandlungen. Eine Frau, die sich sehnlichst ein Kind wünscht, hat die Geliebte ihres Mannes als Geisel genommen. Als sie erfährt, dass die Geliebte schwanger ist, eskaliert die Situation weiter.

Doch auch wenn einzelne Polizisten in verschiedenen Episoden einen wichtigeren Part beim Lösen des Konflikts haben, stehen – und das macht „Flashpoint“ zu einem bewegendem Drama – immer Täter und Opfer im Mittelpunkt. Denn nur wenn die Polizisten verstehen, warum der Konflikt eskalierte, können sie hoffen, die Situation erfolgreich zu deeskalieren. Bei jedem Einsatz ist ihr oberstes Ziel, dass niemand stirbt. Dabei kann die Sprache, wie in „Skorpion“ gezeigt wird, ein unüberwindbares Hindernis sein. Denn Verhandler Parker kann nur mit der Hilfe eines Übersetzers mit dem verzweifeltem Geiselnehmer reden.


In anderen Episoden geht es um einen Polizisten, der seine Frau schlägt („Angst“) oder um einen jungen Soldaten, der mit seinem Bruder abhauen will und in einem Streit seinen einflussreichen Vater verletzt („Ausgestoßen“). Auch hier erfahren die SRU-Männer erst langsam die wahren Hintergründe und plötzlich erscheint der Täter als Opfer oder als jemand, der etwas Gutes tun wollte und dabei ein Dynamik anstieß, die er nicht mehr beherrschen kann.

Einige Einsätze erscheinen auf den ersten Blick alltäglich. So soll die Einheit in „In der Schusslinie“ einen Drogenhändler verhaften. Aber aus der Verhaftung wird eine Geiselnahme mit einem schwerverletztem Undercover-Polizisten in der Wohnung des Drogenhändlers. In „Ohne jede Hoffnung“ wird aus einem Banküberfall eine Geiselnahme, bei der Räuber eine sehr persönliche Beziehung zu der Filialleiterin hat. Auch „Stunde der Wahrheit“ beginnt für das Einsatzkommando harmlos: sie sollen in einem Nobelhotel die Bodyguards für einen prominenten Unternehmer spielen. Als seine Frau entführt wird und kurze Zeit mit einer am Hals befestigten Bombe gefunden wird, müssen sie versuchen die Bombe zu entschärfen und die Täter zu finden.

Eine Bombe müssen sie auch in „Geister der Vergangenheit“ entschärfen. Zur gleichen Zeit ist Danny Rangford in der Zentrale der Spezialeinheit. Der ehemalige, hochgeachtete Kollege will sich umbringen. Denn er wird immer noch von einem alten zwanzig Jahre zurückliegendem Einsatz verfolgt, bei dem er sich für den Tod eines Jungen verantwortlich fühlt.

In dieser Folge stehen die seelischen Folgen der Arbeit für die Mitglieder der SRU, die sonst nur in Nebensätzen angesprochen werden, im Mittelpunkt.

Das Bonusmaterial ist überschaubar und nur in punkto Länge überzeugend. Das „Making of“ ist ein knapp fünfminütiges, wahrscheinlich für die Senderhomepage zusammengeschnittenes Promogedöns. Die Interviews mit den Schauspielern, den beiden Erfindern und dem Berater von der Polizei sind mit gut fünfzig Minuten zwar üppig ausgefallen, aber wenig tiefschürend. Das meiste, besonders wenn die Schauspieler ihre Rolle und das Besondere von „Flashpoint“ erklären, ist erkennbar Rohmaterial für Werbezwecke. Nur die Interviews mit den beiden Serienerfindern Mark Ellis und Stephanie Morgenstern, dem Hauptdarsteller Enrico Colantoni (der Vater von „Veronica Mars“) und dem Berater Barney McNeilly, einem ehemaligem Mitglied der Emergency Task Force (ETF) der Polizei von Toronto, die das Vorbild für die SRU ist, sind interessant.

Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 1 (USA/Kanada 2008)

Erfinder: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

mit Hugh Dillon (Ed Lane), Enrico Colantoni (Sgt. Gregory Parker), Amy Jo Johnson (Julianna ‚Jules‘ Callaghan), David Paetkau (Sam Braddock), Sergio Di Zio (Mike Scarlatti), Michael Cram (Kevin ‚Wordy‘ Wordsworth), Mark Taylor (Lewis Young), Ruth Marshall (Dr. Amanda Luria)

DVD

Koch Media

Bild: 1.78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Interviews

Länge: 585 Minuten (13 Episoden auf 4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die ersten dreizehn Einsätze der SRU

Skorpion (Scorpio)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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Warteliste (First in Line)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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In der Schusslinie (The Element of Surprise)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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Angst (Asking for Flowers)

Regie: Clark Johnson

Drehbuch: Tassie Cameron

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Ohne jede Hoffnung (Who’s George?)

Regie: Holly Dale

Drehbuch: Adam Barken

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Am Abgrund (Attention Shoppers)

Regie: Holly Dale

Drehbuch: Tracey Forbes

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Ausgestoßen (He knows his Brother)

Regie: Stephen Surjik

Drehbuch: Adam Barken

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Im Zweifel gegen den Angeklagten (Never kissed a Girl)

Regie: Charles Binamé

Drehbuch: Esta Spalding

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Stunde der Wahrheit (Eagle Two)

Regie: Stephen Surjik

Drehbuch: Tassie Cameron

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Geister der Vergangenheit (Haunting the Barn)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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Zu viele Verlierer (Backwards Day)

Regie: Érik Canuel

Drehbuch: Esta Spalding

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Söhne des Krieges (Between heartbeats)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern, Tassie Cameron

Hinweise

CTV über die Serie

CBS über die Serie

RTL II über die Serie

Wikipedia über „Flashpoint“ (deutsch, englisch) und die ETF

Polizei von Toronto über die ETF

Running with my eyes closed: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (Oktober 2008, Teil 1, Teil 2)

Complications Ensue: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (21. Juli 2009)


DVD-Kritik: John Wayne ist „Der letzte Scharfschütze“

Juni 2, 2010

Wenn man heute den Roman „The Shootist“ von Glendon Swarthout liest, hat man immer John Wayne vor Augen. Denn wer außer dem ikonischen Westerndarsteller sollte einen alternden Revolverhelden spielen?

In der gleichnamigen, sich sehr genau an den Roman haltenden Verfilmung spielte John Wayne dann den gefürchteten Revolverhelden John Bernard Books. Am 22. Januar 1901 nimmt er in Carson City ein Zimmer bei der Witwe Bond Rogers (Lauren Bacall). Sein Arzt (James Stewart) hatte ihm gesagt, dass er Krebs habe (das war damals die Todesursache Nr. 1 für Revolverhelden) und in wenigen Wochen qualvoll sterben werde.

Glendon Swarthout entwarf in seinem Roman ein pessimistisches Bild der Gesellschaft und Don Siegel hatte, obwohl der Film etwas positiver endet, keine Probleme, dem zu folgen. In „Der Shootist – Der letzte Scharfschütze“ (doofer denglischer Titel) ist der Revolverheld Books von einer Horde Geschäftemacher, die alle seinen Tod als eine Möglichkeit zum Geldverdienen sehen und sich dafür nicht schämen, und einem Ortspolizisten, der seine Freude über Books baldiges Sterben auch vor Books nicht verbirgt, umgeben. Books wenigen „Freunde“ sind seine Vermieterin und sein Arzt, den er seit fünfzehn Jahren (also seit „Der Mann, der Liberty Valence erschoss“) nicht mehr gesehen hat. In einem solchen Umfeld wird der mehrfache Mörder Books zu einem ehrlichen Mann, der seinem Kodex folgt und Gewalt immer nur zur Selbstverteidigung benutzt.

Books, der sich über die menschliche Natur keine Illusionen macht, treibt in seinen letzten Tagen den Preis für sein Eigentum und seinen Leichnam in die Höhe. Nicht weil er das Geld für sich oder seine Nachkommen (die es nicht gibt) benötigt, sondern aus Prinzip. Aus Prinzip wirft er auch einen Journalisten, der Books Geschichte leicht ausgeschmückt verkaufen möchte, aus dem Gästehaus der Witwe Rogers.

Gleichzeitig freundet Books sich, soweit das ein Mann, der immer auf sich allein gestellt war, mit seiner Vermieterin Bond Rogers an und er versucht für ihren Sohn Gillom (der spätere Regisseur Ron Howard [zuletzt „Frost/Nixon“ und „Illuminati“]) ein Vater zu sein. Denn Gillom bewundert den Revolverhelden maßlos.

In diesen Tagen fragt Books sich, wie er sterben möchte und welches Bild von sich er der Welt überlassen will. Dafür bereitet er seinen Tod, in einem abschließendem Duell, präzise vor.

Am Ende macht er der Stadt sogar, wie im Buch ein Bewohner von Carson City sagt, noch ein Geschenk: „He killed every hard case around!“

Gleichzeitig hat er sich einen würdigen Abgang verschafft.

Jedenfalls im Film.

Dass „Der Shootist“ John Waynes letzter Film wurde, ahnte 1976 niemand. Damals war es nur ein weiterer John-Wayne-Film. Aber jeder wusste, dass der am 26. Mai 1907 geborene John Wayne langsam zu alt wurde, um den Cowboy zu spielen. Viele bekannte Schauspieler, die von dem Projekt hörten, wollten eine der letzten Gelegenheiten wahrnehmen, mit der Legende zu spielen – und verzichteten dafür auch auf ihre üblichen Gagen. So kostete der Film trotz seiner namhaften Besetzung nur 4,5 Millionen Dollar.

Als John Wayne am 11. Juni 1979, wie Books, an Krebs starb, erhielt der Film eine bittere Pointe. Denn während des Drehs glaubte John Wayne, den Krebs besiegt zu haben.

Inzwischen ist „Der Shootist“, wie Swarthouts Roman, ein Western-Klassiker. Die Western Writers of America verliehen Swarthouts Buch den Spur-Award als bester Western-Roman des Jahres 1975. Später nahmen sie „The Shootist“ in die Liste der 21 besten Western, Swarthout in die Liste der besten Western-Autoren und die Verfilmung in die Liste der zehn besten Western des zwanzigsten Jahrhunderts auf.

Außerdem ist der von Don Siegels inszenierte melancholische Spätwestern unbestritten einer von John Waynes besten Filme – und in jedem Fall, nach einigen schwachen und durchschnittlichen Filmen, ein würdiger Abschied aus dem Filmgeschäft.

Der Shootist – Der letzte Scharfschütze (The Shootist, USA 1976)

Regie: Don Siegel

Drehbuch: Miles Hood Swarthout, Scott Hale

LV: Glendon Swarthout: The Shootist, 1975 (Der Superschütze)

mit John Wayne, Lauren Bacall, Ron Howard, James Stewart, Richard Boone, Hugh O’Brian, Bill McKinney, Harry Morgan, John Carradine, Richard Lenz, Scatman Crothers

DVD

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Booklet, Trailer (deutsch, englisch), zwei Teaser mit Behind-the-Scenes-Aufnahmen, Bildergalerie, Wendecover

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Shootist – Der letzte Scharfschütze“ (deutsch, englisch)

New York Times: Richard Eder bespricht „The Shootist“ (12. August 1976 – eher negativ)

Homepage von Glendon Swarthout


DVD-Kritik: „Yukon“ – Charles Bronson und Lee Marvin im Schnee

Mai 27, 2010

Als „Yukon“ 1981 in den Kinos anlief, kam er bei der Kritik nicht gut an und die meisten Zuschauer sahen sich lieber „Jäger des verlorenen Schatzes“, „James Bond – In tödlicher Mission“, „Auf dem Highway ist die Hölle los“, „Cap und Capper“, „Die Klapperschlange“, „Superman II“ oder „Das Boot“ an (und Kommissar Schimanski löste seine ersten Fälle). Dagegen war „Yukon“ dann doch unübersehbar aus einem anderen Jahrzehnt.

Später verschwand der Film in der Versenkung.

Jetzt liegt die DVD vor – und „Yukon“ ist ein sehr unterhaltsamer, im positiven Sinne altmodischer Abenteuerfilm mit Angie Dickinson (in einer vollkommen überflüssigen Nebenrolle), Lee Marvin und Charles Bronson als Jäger und Gejagter in der wundervollen kanadischen Bergwelt.

Diese von Menschen unberührten Berge umkreist die Kamera während des Vorspanns. Es ist eine unwirtliche Landschaft, in der der Mensch nur geduldet ist.

Der betont auffällige Hinweis vor dem ersten Bild, dass der Film auf einer wahren Geschichte beruhe ist Hollywood-Voodoo. Denn die wahre Geschichte der Menschenjagd nach Albert Johnson, dem verrückten Trapper vom Rat River, war ganz anders.

Doch zurück zum Film und wie in den ersten Minuten alle wichtigen Charaktere und Themen eingeführt werden. Schon während des Vorspanns reitet ein in Fellen eingehüllter Mann langsam durch den Schnee. Er trifft auf eine Gruppe Männer, die einen Hundekampf veranstalten. Der Mann kauft den schwerverletzten Hund und verschwindet.

Bis jetzt sind sechs Minuten vergangen und wir kennen den Guten (Charles Bronson als Albert Johnson), der ohne sein Zutun in Gefahr gerät, und den Bösewicht Hazel (Ed Lauter), der es nicht verkraften kann, dass ein hergelaufener Fremder ihm seinen Hundekampf versaut, ihn vor seinen Männern demütigt und mit einer verächtlichen Geste den halbtoten Hund für stolze 200 Dollar abkauft. Als Hazel in der sechsten Filmminute sagt „Wir werden uns wiedersehen. Mir klaut niemand etwas.“ ist der die nächsten neunzig Minuten bestimmende Konflikt klar umrissen – und unsere Sympathien sind ebenso klar verteilt.

Die jetzt folgende Schrift „Yukon Territory, November 1931“ verrät Ort und Zeit der Geschichte. Im Bild ist ein kleiner Friedhof und die langsam zurückfahrende Kamera enthüllt die gesamte Poesie des Holzschildes: „Rat River Cemetary“.

Die nächsten drei Minuten gehören Lee Marvin, der den desillusionierten Sergeant Edgar Millen der Royal Canadian Mounted Police spielt, der es sich in diesem Nest mit Alkohol, Frauen und einem schwarzen Freund gemütlich eingerichtet hat . Er ist letztendlich der zweite Gute. Er wird zu einer Menschenjagd gezwungen, obwohl er in Johnson einen Geistesverwandten sieht. Auch dies wird schon in seiner ersten Szene deutlich: Hazel beschwert sich bei Millen, dass Johnson seinen Hund gestohlen habe. Millen lässt ihn abblitzen. Aber gegen die sich im folgenden entwickelnde Dynamik zwischen den beiden Kontrahenten, wobei Hazel die treibende Kraft ist, hat er keine Chance und so führt er plötzlich eine Menschenjagd an – und versucht dabei den Gejagten zu schützen.

Dieser Konflikt zwischen Johnson und Hazel ist natürlich auch ein Konflikt zwischen dem edlen Cowboy, der schweigsam tut, was getan werden muss, und dem niederträchtig-feigen Kapitalisten, der vor allem um sein Image besorgt ist und die Wahrheit schamlos verbiegt. Es ist auch ein Konflikt zwischen Wilder Westen und Moderne.

Aber bei Peter Hunt (dessen bekanntester Film immer noch sein Debüt, der James-Bond-Film „Im Geheimdienst ihrer Majestät“, ist) führt diesen Konflikt nicht, wie bei Sam Peckinpah, zu einem Riss innerhalb seiner Charaktere. Während bei Peckinpah immer auch die Frage verhandelt wurde, wie die Prinzipien des Westerners im zwanzigsten Jahrhundert überleben können, und daher seine Charaktere sich auch immer zwischen Anpassung und Treue zu ihren Prinzipien (und einem von der Zeit überholten way of life) entscheiden mussten, wird in „Yukon“ eben dieser Moralkodex des Westerners nicht hinterfragt. Er wird von Johnson und Millen verkörpert. Deren Gegner stehen dagegen für die schlechten Seiten der Moderne: Habgier, Hass und Egozentrik. Hazel und seine Gefolgsleute – eine ziemlich debile Ansammlung von, hm, Hinterwäldlern – sind so überzeichnet, dass sie vor allem als Bösewichte taugen. Das gilt auch für den Journalisten, der mit der von seiner Zeitung ausgelobten Belohnung, die niederen Instinkte der Jäger noch anstachelt. Da ist das Ende der Menschenjagd, trotz einer kleinen Überraschung am Ende, klar.

Yukon“ ist insofern ein naiver Western, der gerade deshalb heute noch gut angesehen werden kann. Weil er jetzt nicht mehr an sein Entstehungsjahr, das damalige Kinoprogramm und die damaligen gesellschaftlichen Diskurse gebunden ist, wirkt er sogar besser als damals. Immerhin erzählt er, ökonomisch den alten Hollywood-Erzähltugenden gehorchend, eine einfache Geschichte in der die Charaktere und die Geschichte im Mittelpunkt stehen.

Als Bonusmaterial gibt es den amerikanischen und deutschen Trailer (die sich nur in der Tonspur unterscheiden), eine Bildergalerie mit Plakaten und Standfotos und einen knapp dreißigminütigen Mitschnitt einer Pressekonferenz, der zwar nicht viel über den Film verrät, aber dafür Charles Bronson und Lee Marvin in bester Laune zeigt. Mit ihren selbstironischen und auch überlegten Statements zeigen sie, dass sie intelligenter als ihr öffentliches Macho-Image sind. Der anwesende Produzent Murray Shostak fällt nicht weiter auf.

Der Mitschnitt ist ein historisch interessantes Dokument für die Fans der beiden Schauspieler und eine sehr nette Beigabe der DVD-Macher, die wieder einmal zeigt, wie viel Mühe Koch-Media sich mit der deutschen Erstveröffentlichung gemacht hat. Denn sogar die US-amerikanische Ausgabe von Anchor Bay muss ohne Bonusmaterial auskommen.

Yukon (Death Hunt, USA 1981)

Regie: Peter R. Hunt

Drehbuch: Michael Grais, Mark Victor

mit Charles Bronson, Lee Marvin, Carl Weathers, Andrew Stevens, Ed Lauter, Angie Dickinson, Scott Hylands

auch bekannt als „Ein Mann wird zur Bestie“

DVD

Koch-Media

Bild: 1.85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Englisch, Italienisch

Bonusmaterial: Radio-Interview mit Charles Bronson und Lee Marvin (optionale Untertitel: deutsch, italienisch), Bildergalerie, Trailer (deutsch, englisch), Wendecover

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Yukon“ und über das historische Vorbild Albert Johnson